Haar. Schon beim ersten Anblick fiel er mir auf. Er glich so wenig den
anderen Sträflingen: in seinem Blick war etwas dermaßen Ruhiges und
Stilles, daß ich – ich erinnere mich dessen noch deutlich – mit einem
ganz besonderen Wohlgefallen in seine klaren hellen Augen blickte, die
von vielen, vielen strahlenförmigen kleinen Runzeln umgeben waren. Ich
habe oft mit ihm gesprochen und selten nur ist mir in meinem Leben ein
so guter, so großmütiger Mensch begegnet. Er war wegen eines sehr
schweren Verbrechens verschickt worden. Von den Altgläubigen von
Starodubowo hatten sich einige bekehren lassen. Die Regierung hatte
dieselben eifrig unterstützt und alles versucht, um noch mehr der
Andersgläubigen zu bekehren. Dieser Greis nun hatte, zusammen mit
anderen Fanatikern, beschlossen, „für den Glauben einzustehen“, wie er
sich ausdrückte. Es war der Bau einer neuen Kirche begonnen worden, sie
aber hatten sie niedergebrannt. Und als einer der Anstifter war der Alte
zur Zwangsarbeit verschickt worden. Er war ein wohlhabender Bürger
gewesen und hatte Handel getrieben; Frau und Kinder hatte er
zurückgelassen, war aber trotzdem unbeugsam in die Verbannung gegangen,
denn er glaubte, daß sie ein „Kreuztragen für den Glauben“ sei. Jeder,
der eine Zeitlang mit ihm zusammengelebt, hätte sich unwillkürlich
gefragt, wie dieser stille, kindlich fromme Greis ein Aufrührer sein
konnte? Ich habe mehrere Male mit ihm „über den Glauben“ gesprochen. Er
gab nicht das Geringste von seinen Überzeugungen auf, doch niemals habe
ich irgend eine Mißstimmung oder einen Haß in seinen Entgegnungen
wahrnehmen können. Und dennoch hatte er die Kirche in Brand gesteckt,
was er ganz ruhig eingestand. Nach seinen Überzeugungen zu urteilen,
konnte man glauben, daß er sein Verbrechen und das dafür auf sich
genommene „Kreuz“ für eine rühmliche Tat hielt. Doch wie sehr ich ihn
auch zu erforschen und zu erkennen suchte, niemals habe ich auch nur das
geringste Anzeichen von Stolz oder Ruhmsucht entdecken können. Es waren
daselbst auch noch andere Altgläubige, meistenteils Sibirier: sie waren
ein ungemein entwickeltes Volk, scharfsinnige Bauern, ungeheuer
bibelkundig, furchtbare Buchstabenfresser und, in ihrer Art, große
Dialektiker, – kurz, ein von sich eingenommenes, anmaßendes,
verschlagenes und im höchsten Grade unduldsames Volk. Der Alte dagegen
war ganz anders. Er war vielleicht noch bibelkundiger als sie, vermied
aber jeden Disput. Dem Charakter nach war er ein sehr mitteilsamer
Mensch. Er hatte ein heiteres Gemüt, lachte häufig – nicht das rohe,
zynische Lachen der übrigen Sträflinge, sondern ein helles und ruhiges,
in dem viel kindliche Gutmütigkeit lag und das sich so gut zu seinem
grauen Haar ausnahm. Vielleicht täuschte ich mich, aber es will mir
scheinen, daß man am Lachen den Menschen erkennen kann, und wenn einem
bei der ersten Begegnung das Lachen irgend eines fremden Menschen
angenehm ist, so kann man ruhig sagen, daß er ein guter Mensch ist. Im
Ostrogg hatte der Alte sich bald allgemeine Achtung erworben, warf sich
deswegen aber durchaus nicht in die Brust. Die Gefangenen nannten ihn
„Großvater“ und taten ihm nie etwas zu Leide. Ich begriff zum Teil,
welch einen Einfluß er auf seine Glaubensgenossen gehabt haben mußte.
Doch bei all der scheinbaren Festigkeit, mit der er seine Verbannung als
Zwangsarbeiter ertrug, verbarg sich in ihm ein tiefer, unheilbarer
Schmerz, den er aber vor allen verbarg. Ich lebte mit ihm in derselben
Kaserne. Einmal, es war in der Nacht, um etwa drei Uhr, erwachte ich
plötzlich und da vernahm ich ein stilles, halb unterdrücktes Schluchzen.
Der Alte saß auf dem Ofen (an demselben, wo vor ihm der andere
gottesfürchtige Sträfling nachts gesessen und in der Bibel gelesen
hatte, jener, von dem das Attentat auf den Major ausgeübt worden war),
saß auf dem Ofen und betete nach seinem handgeschriebenen alten
Gebetbuch. Er schluchzte verhalten und ich hörte nur, wie er von Zeit zu
Zeit betete: „Mein Gott, verlaß mich nicht! Gott, stärke du mich, gib
mir Kraft! Meine kleinen Kinderchen, meine lieben Kinderchen, niemals
mehr werden wir uns wiedersehn!“ Ich kann nicht sagen, wie traurig mich
das stimmte. Diesem Greise nun gaben die Arrestanten mit der Zeit ihr
Geld zum Aufbewahren. Im Ostrogg war fast ein jeder ein Dieb, plötzlich
aber waren alle aus irgend einem Grunde überzeugt, daß der Greis
unmöglich stehlen könne. Man wußte, daß er das ihm eingehändigte Geld
irgendwo verbarg, doch geschah das an einem so verborgenen Ort, daß
niemand das Versteckte zu finden vermochte. Zuguterletzt deckte er mir
und einem Polen sein Geheimnis auf. In einem der Pfähle unseres
Gefängniszaunes war ein Astauge, das fest im Baumstamm eingewachsen zu
sein schien, in Wirklichkeit sich aber leicht herausnehmen und wieder
hineinschieben ließ. Und hinter diesem Aststück war eine große
Aushöhlung, in die der Großvater das Geld hineinlegte, während er das
Aststück wieder vorschob, so daß es keinem auffallen konnte.
Doch ich bin von meinem Gegenstande abgekommen.
Ich sprach zuletzt von den Gründen, warum der Sträfling das Geld nicht
lange in der Tasche behielt. Abgesehen von der Schwierigkeit, dasselbe
vor Dieben sicher zu bewahren, gab es im Ostrogg so viel Sehnsucht und
Harm, der Gefangene aber ist naturgemäß ein Wesen, das dermaßen nach
Freiheit lechzt und seiner gesellschaftlichen Stellung gemäß dermaßen
leichtsinnig und unordentlich ist, daß es uns nur zu begreiflich
erscheint, wenn ihn plötzlich die Lust packt, einmal zu „spendieren“,
glänzend aufzutreten, das ganze Kapital draufgehen zu lassen, mit
Spektakel und Musik ein Fest zu feiern, um, wenn auch nur auf einen
Augenblick, seine Sehnsucht zu vergessen. Es war seltsam anzusehen, wie
manch einer von ihnen mit tief gesenktem Kopf, ohne auch nur einmal den
Nacken gerade zu biegen, ganze Monate lang arbeitete, und zwar einzig
und allein zu dem Zwecke, um dann eines schönen Tages dies ganze
Ersparnis durchzubringen, alles bis aufs letzte und dann von neuem
monatelang zu arbeiten – bis zu einem neuen Festtage. Viele liebten es,
sich etwas neues zu kaufen und zwar unbedingt etwas ganz Apartes, wie
zum Beispiel irgendwelche total unförmige schwarze Beinkleider, oder ein
besonderes Wamms, oder einen kurzen sibirischen Pelz. Sehr beliebt waren
farbige Kattunhemde und Gürtel mit schönen Kupferplattenbeschlägen. An
den Feiertagen zogen sie sich zum erstenmal die erstandenen schönen
Sachen an, und der festlich Gekleidete ging dann stolz in alle Kasernen,
um sich den anderen zu zeigen. Die Zufriedenheit des gut Gekleideten
ging bis ins Kindische, und überhaupt waren die Sträflinge in vielen
Dingen die reinen Kinder. Aber alle diese schönen Sachen verschwanden
dann ganz plötzlich von ihrem Besitzer, nicht selten wurden sie schon am
nämlichen Abend versetzt oder zu einem Spottpreis losgeschlagen.
Übrigens nahm bei solchen Gelegenheiten alles seinen bekannten Verlauf.
Gewöhnlich wurde das Vergnügen auf die Festtage hinausgeschoben oder auf
den Namenstag des Betreffenden. Wenn sich dann der Arrestant an seinem
Namenstage erhob, war das erste was er tat, daß er ein Wachslicht vor
das Heiligenbild stellte und betete; darauf kleidete er sich festlich an
und bestellte sich ein Essen. Er ließ Rindfleisch und Fisch kaufen und
sibirische Pasteten backen; darauf aß er sich so voll wie ein Ochse,
gewöhnlich aber ganz allein, selten nur forderte er seine Kameraden auf,
an seinem Mahle teilzunehmen. Darauf kam der Branntwein an die Reihe:
der Feiernde soff sich toll und voll und ging dann wieder in alle
Kasernen, diesmal wankend und stolpernd, um allen zu zeigen, daß er
betrunken war, daß er „durchging“ und um dafür allgemeine Achtung zu
erwerben. Überall sieht man im russischen Volke eine gewisse Sympathie
für die Betrunkenen; im Ostrogg aber benahm man sich sogar respektvoll
gegen sie.
In der Schlemmerei der Ostroggbewohner lag etwas durchaus
Aristokratisches. War der Arrestant schon ein wenig angeheitert, so
bestellte er sofort Musik. Es war im Ostrogg ein kleiner Pole, ein
entlaufener Soldat, ein elendes Kerlchen, der auf der Geige zu spielen
verstand und sein Instrument, das sein ganzes Kapital war, auch dort bei
sich hatte. Ein Handwerk verstand er nicht und so war es sein einziger
Verdienst, daß er den „Feiernden“ für Geld muntere Tanzstücke
aufspielte. Seine Aufgabe bestand in solchem Falle darin, daß er seinem
betrunkenen Gönner aus einer Kaserne in die andere folgte und mit aller
Ellbogenkraft auf seiner Fiedel feilte. Oft sah ich auf seinem Gesicht
Langeweile und Sehnsucht, doch der barsche Befehl: „Spiel, bist
bezahlt!“ trieb ihn an, immer weiter zu fiedeln und zu feilen.
Jeder Arrestant, der „durchzugehen“ begann, konnte fest überzeugt sein,
daß man ihn, wenn er sich stark angetrunken hatte, gut beaufsichtigen,
zur rechten Zeit auf seine Pritsche bringen und sicher irgendwo
verstecken würde, falls einer von der „Obrigkeit“ kommen sollte. Alle
diese Liebesdienste wurden unentgeltlich verrichtet. Andererseits
konnten auch der Unteroffizier und die Invaliden, die der Ordnung halber
beständig in der Kaserne lebten, gleichfalls vollkommen beruhigt sein:
der Betrunkene vermochte auf keine Weise Unordnung zu verursachen. Die
ganze Kaserne bewachte ihn und sobald er laut wurde oder sonstwie die
Absicht bekundete, Unfrieden zu stiften, wurde er sogleich gebändigt; ja
nötigenfalls hätte man ihn sogar geknebelt. Und so sahen die Wachen und
das subalterne Aufsichtspersonal den Betrunkenen gegenüber etwas durch
die Finger, oder wollten sie auch gar nicht bemerken. Sie wußten recht
wohl, daß ein noch strengeres Verbot des Branntweins die Sache nur
schlimmer gemacht hätte. Aber wo bekam man denn den Branntwein her?
Er wurde im Ostrogg selbst verkauft, von den sogenannten Schenkwirten,
deren es mehrere bei uns gab. Sie betrieben ihren Handel ununterbrochen
und mit gutem Gewinn, obgleich es im allgemeinen nicht viel Trinkende
und „Durchgehende“ gab, da dieses Vergnügen Geld erforderte, der
Sträfling solches aber nur schwer erwarb.
Der Branntweinhandel wurde in einer recht originellen Weise betrieben,
nämlich folgendermaßen:
Nehmen wir an, ein Sträfling hat keine Beschäftigung und will auch kein
Handwerk erlernen – solche gab es, – will aber Geld haben, und da er ein
ungeduldiger Mensch ist, will er es möglichst schnell verdienen. Um
anzufangen, hat er nur wenige Kopeken, aber das genügt, und er
beschließt, mit Branntwein zu handeln, – ein gewagtes Unternehmen, bei
dem man sich großer Gefahr aussetzt: man kann die Ware und das ganze
Kapital verlieren und außerdem muß dann noch der Rücken herhalten. Aber
der Sträfling ist auf alles gefaßt. Da er nur ein kleines
Betriebskapital hat, so bringt er das erste Mal selbst den Branntwein in
den Ostrogg, wo er ihn natürlich vorteilhaft verkauft. Darauf wiederholt
er dasselbe noch ein zweites und drittes Mal, und wenn er von der Wache
nicht abgefaßt wird, nimmt sein Geschäft in kürzester Zeit einen großen
Aufschwung. Dann beginnt er seinen Branntweinhandel auf großem Fuß: er
wird Entrepreneur, Kapitalist, hält Agenten und Gehilfen, setzt viel
weniger aufs Spiel und verdient immer mehr. Dann riskieren für ihn seine
Gehilfen.
In einem Ostrogg gibt es jederzeit eine Menge Leute, die alles bis auf
die letzte Kopeke verzettelt, verspielt, durchgebracht haben, Leute ohne
Handwerk, armseliges heruntergekommenes Volk, das aber in gewissem Maße
doch mit Mut und Entschlossenheit begabt ist. Diesen Leuten ist als
einziges Kapital nur noch ihr Rücken verblieben, der aber kann doch noch
zu irgend etwas dienen. Und so entschließt sich denn der ruinierte
Arrestant, dieses letzte Kapital in Umsatz zu bringen und mit ihm so gut
es eben geht zu spekulieren.
Er geht zum „Entrepreneur“ und verdingt sich bei ihm zum Durchschmuggel
des Branntweins in den Ostrogg. Ein reicher Branntweinhändler hat
mehrere solcher Durchschmuggler. Irgendwo außerhalb des Ostrogg befindet
sich ein Mensch – ein Soldat vielleicht, mitunter sogar ein Mädchen oder
ein Bauer – der für das Geld des Unternehmers und für eine bestimmte
Vergütung, die verhältnismäßig nicht gering ist, in der Schenke
Branntwein aufkauft, den er dann an einem geheimen Ort, in der nächsten
Nähe der betreffenden Arbeitsstellen eines Arrestantentrupps, sorgfältig
versteckt. Gewöhnlich probt der Lieferant zunächst die Güte des
Branntweins und ersetzt dann das Ausgetrunkene in unmenschlicher Weise
durch Wasser. Der Arrestant darf nicht allzu wählerisch sein, da heißt
es: nimm ihn oder nimm ihn nicht, anderer ist nicht zu haben; und auch
das ist schon gut, daß er sein Geld nicht ganz verloren hat und immerhin
Branntwein zur Stelle geschafft ist, gleichviel was für einer, aber
immerhin doch Branntwein. Zu diesem Lieferanten kommen dann die ihm
schon früher von dem Branntweinverkäufer bezeichneten Leute, die
Ochsendärme mitbringen. Diese Därme werden zuerst gut ausgewaschen und
dann mit Wasser gefüllt, damit sie nicht eintrocknen und sich in ihrer
ursprünglichen Weichheit und Dehnbarkeit erhalten, um zur Aufnahme des
Branntweins geeignet zu sein. Hat der Arrestant den Branntwein in die
Därme gefüllt, so wickelt er sie um seinen Körper, nach Möglichkeit an
den diskretesten Stellen desselben. Versteht sich, bei diesem Verfahren
beweist er die ganze Geschicklichkeit, die ganze diebische Schlauheit
des Schmugglers. Es handelt sich um seine Ehre: er muß sowohl die
Soldaten der Eskorte wie die Wache betrügen. Und er betrügt sie. Von
einem geschickten Diebe wird die Eskorte – bisweilen nur ein einziger
Soldat, irgend ein junger Rekrut – immer betrogen. Der betreffende
Arrestant ist z. B. Ofensetzer und kriecht auf den Ofen. Wer kann sehen,
was er dort macht? Die Wache kann ihm doch nicht nachkriechen. Bei der
Rückkehr in den Ostrogg nimmt der Arrestant kurz vor dem Tor ein
Silberstück, fünfzehn oder zwanzig Kopeken, auf alle Fälle in die Hand
und wartet auf den Gefreiten, der jeden in den Ostrogg zurückkehrenden
Arrestanten rundum mustert und befühlt, bevor er ihm das Tor
aufschließt. Der Branntweinträger hofft in der Regel, daß der
wachhabende Gefreite sich schließlich schämen wird, ihn an gewissen
Stellen gar zu gewissenhaft zu befühlen. Mitunter aber dringt der
naseweise Gefreite im Befühlen auch bis zu diesen Körperteilen vor und
entdeckt den Wein. Dann bleibt dem Arrestanten nur noch ein
Rettungsmittel übrig: er drückt dem Gefreiten, unbemerkt von der
Eskorte, die bereitgehaltene Münze in die Hand. Nun kommt es zuweilen
vor, daß er infolge dieses Manövers glücklich in den Ostrogg
hineingelangt und sein Branntwein gerettet ist. Aber es kommt auch vor,
daß das Manöver ihm mißlingt, und dann muß sein letztes Kapital
herhalten: sein Rücken. Der Vorfall wird sofort dem Major gemeldet, das
Kapital wird gedroschen, und zwar schmerzhaft gedroschen, der Branntwein
wird konfisziert, und der Schmuggler nimmt alles auf sich, ohne den
Branntweinhändler im Ostrogg anzugeben, tut das aber, wohlgemerkt, nicht
aus dem Grunde, weil er das Angeben verabscheute, sondern einzig und
allein deswegen, weil die Angabe für ihn selbst unvorteilhaft wäre: ihn
würde man sowieso durchpeitschen, und der ganze Trost bestände darin,
daß sie dann beide durchgepeitscht werden würden. Er aber ist vom
anderen abhängig, er braucht ihn, obgleich er, der Schmuggler, nach
alter Sitte und vorhergegangener Abmachung für den durchgepeitschten
Rücken von dem Händler keine Kopeke erhält.
Sonst aber, so im allgemeinen, kann man sagen, daß die Angeberei
geradezu blühte. Im Ostrogg wurde der Angeber nicht im geringsten
verachtet. Unwille gegen ihn war sogar undenkbar. Man meidet ihn
durchaus nicht, man schließt sogar Freundschaft mit ihm, sodaß man,
wollte man im Ostrogg anfangen, die ganze Niedrigkeit der Angeberei zu
erklären, überhaupt nicht verstanden werden würde. So pflog z. B. jener
ausschweifende, in jeder Beziehung niedrige Arrestant, der früher
Edelmann gewesen war, und mit dem ich jeden Umgang abgebrochen hatte,
mit Fedjka, dem Burschen des Majors, innige Freundschaft und diente ihm
als Spion, während jener alles Gehörte wiederum seinem Herrn
hinterbrachte. Das wußten bei uns alle, doch niemand ließ es sich auch
nur einfallen, das verächtliche Subjekt zu bestrafen oder ihm seine
Handlungsweise auch nur vorzuhalten.
Doch da bin ich schon wieder von meiner Erzählung abgewichen.
So kam es denn nicht selten vor, daß der Branntwein glücklich in den
Ostrogg gelangte. Hat der Branntweinhändler die durchgeschmuggelten
Därme empfangen und bezahlt, so überschlägt er seine Kosten. Es stellt
sich heraus, daß die Ware ihm teuer zu stehen kommt, und darum mischt er
den Branntwein noch einmal mit Wasser, fast zur Hälfte, und ist das
geschehen, hat er alles vorbereitet, dann erwartet er den Käufer. Am
nächsten Feiertage, zuweilen aber auch an einem Wochentage – erscheint
der Käufer: ein Arrestant, der mehrere Monate lang wie ein Büffel
gearbeitet und jede Kopeke gespart hat, um dann an dem schon früher
festgesetzten Tage alles zu vertrinken. Von diesem Tage hat dem Armen
schon lange vorher im Schlaf geträumt, und auch in den Stunden der
Arbeit hat er von ihm geträumt, um glücklich zu sein, und dieser ferne
Tag mit seinem Zauber hat seinen Geist in dem öden Sträflingsleben
aufrechterhalten. Endlich, endlich ersteht im Osten die Morgenröte des
hellen Tages! Das Geld ist zusammengescharrt, ist nicht gestohlen und
nicht konfisziert worden, und er kann es zum Branntweinhändler bringen.
Jener gibt ihm anfangs möglichst reinen Branntwein, d. h., der nur
zweimal mit Wasser vermischt worden ist, doch je mehr der Inhalt der
Flasche abnimmt, um so mehr wird er durch Nachgießen von Wasser ersetzt.
Für einen Becher Branntwein wird fünfmal, sechsmal mehr gezahlt, als in
der Schenke. Man kann sich nun vorstellen, wie viel solcher Becher man
austrinken und wieviel man für sie bezahlen muß, bevor man berauscht
ist. Aber infolge der Entwöhnung vom Trunk und der langen Enthaltsamkeit
wird der Sträfling verhältnismäßig schnell betrunken, fährt aber im
Trinken so lange fort, bis sein letztes Geld alle ist. Dann kommen die
neuen Sachen an die Reihe, – der Branntweinverkäufer ist gleichzeitig
auch Wucherer. Zuerst werden die neuangeschafften praktischen Sachen
versetzt, allmählich geht man vom älteren zum allerältesten über und
schließlich zu dem Staatseigentum. Ist alles, auch der letzte Lumpen
vertrunken, so legt sich der Berauschte auf die Pritsche und schläft,
und am nächsten Morgen, wenn er mit dem unfehlbaren Brummschädel
erwacht, bittet er vergeblich seinen „Schenkwirt“, ihm nur einen
einzigen Schluck für den Kater zu geben. Traurig trägt er sein
Mißgeschick und schon am selben Tage macht er sich von neuem an die
Arbeit und arbeitet wieder mehrere Monate, ohne den Nacken grade zu
biegen, träumt von dem glücklichen freien Tag, der unwiderruflich in die
Vergangenheit versunken ist, bis er mit der Zeit wieder munterer wird
und einen neuen ähnlichen Tag zu erwarten anfängt, einen Tag, der noch
fern, fern in der Zukunft liegt, aber trotzdem irgend einmal doch
anbrechen wird.
Was nun den „Schenkwirt“ anbetrifft, so kauft er, wenn er nach gutem
Geschäfte eine große Summe erspart hat, ungefähr einige
Zehnrubelscheine, zum letztenmal Branntwein an, gießt dann aber kein
Wasser hinzu, da er ihn für sich bestimmt. Er hat genug verdient: es ist
Zeit, auch selber einmal zu feiern! Und er beginnt ein Schlemmerleben,
es wird getrunken, gegessen, und Musik ist die Hauptbedingung. Die
Mittel sind bedeutend und selbst die untere Ostroggbeamtenschaft wird
bewirtet. Das zieht sich dann oft durch mehrere Tage hin. Natürlich ist
der vorrätige Branntwein bald ausgetrunken: dann geht der Schwelger zu
den anderen „Schenkwirten“, die darauf nur warten, und trinkt so lange
weiter, bis er nichts mehr hat. Wie sorgfältig nun die übrigen
Arrestanten den Durchgänger auch bewachen mögen, er fällt zuweilen doch
den höheren Vorgesetzten auf, dem Major oder dem wachhabenden Offizier.
Er wird auf die Wache gebracht, sein Geld wird ihm abgenommen, falls man
welches bei ihm findet, und dann wird er zum Schluß noch geknutet. Ist
das vorüber, schüttelt er sich, kehrt in den Ostrogg zurück und nach ein
paar Tagen macht er sich von neuem an seine Tätigkeit als
Branntweinverkäufer.
Einige der Prasser – selbstverständlich nur die reicheren – denken auch
an das schöne Geschlecht. Für viel Geld gelangen sie bisweilen heimlich,
statt zur Arbeit zu gehen, aus der Festung an irgend einen Ort in der
Vorstadt, natürlich in Begleitung eines bestochenen Eskortesoldaten.
Dort wird dann in irgend so einem kleinen unscheinbaren Häuschen,
gewöhnlich ganz am äußersten Rande der Stadt, ein rauschendes Fest
gefeiert und werden in der Tat große Summen verjubelt. Für Geld
verachtet man selbst einen Arrestanten nicht; der Soldat aber ist
wohlweislich ausgesucht und in alles eingeweiht. In der Regel sind
solche Soldaten selbst – zukünftige Kandidaten für den Ostrogg. Übrigens
kann man für Geld alles tun und ähnliche Vergehen werden fast nie
aufgedeckt. Nur muß ich hinzufügen, daß sie sehr selten sind; dazu ist
viel Geld erforderlich und die Liebhaber des schönen Geschlechts
bedienen sich meistens anderer Mittel, die ganz ungefährlich sind.
Schon in den ersten Tagen meines Ostrogglebens erweckte ein junger
Arrestant, ein, ich möchte sagen, ganz reizender kleiner Knabe,
besonderes Interesse in mir. Er hieß Ssirotkin und war in vieler
Beziehung ein recht rätselhaftes Wesen. Zuerst frappierte mich nur sein
außerordentlich schönes Gesicht; er war höchstens dreiundzwanzig Jahre
alt. Er war Zwangsarbeiter der „besonderen“ Abteilung, d. h., ein
„ewiger“, dessen Strafzeit nicht festgesetzt war, folglich mußte er ein
schwerer militärischer Verbrecher sein. Ein stiller, sanfter Junge war
es, der wenig sprach und nur sehr selten lachte. Er hatte blaue Augen,
regelmäßige Züge, ein zartes ganz sauberes Gesicht und ganz hellbraunes
Haar. Selbst der nur zur Hälfte abrasierte Kopf verunstaltete ihn nicht:
ein so reizender Junge war er. Ein Handwerk verstand er nicht und er
suchte sich auch keine Beschäftigung, Geld aber verschaffte er sich,
wenn auch nicht viel, so doch oft. Er war auffallend faul und ging
nachlässig und unsauber gekleidet, es sei denn, daß ein anderer ihn
einmal hübsch kleidete, womöglich in ein rotes Hemd – dann war Ssirotkin
sichtlich froh darüber: ging in die Kasernen und zeigte sich. Er trank
weder, noch spielte er Karten, noch fing er mit einem Menschen Streit
an. Zuweilen sah man, wie er hinter den Kasernen einherging, die Hände
in den Hosentaschen, friedlich, nachdenklich ... Worüber er nachdenken
mochte, war schwer sich vorzustellen. Rief jemand, so antwortete er
sofort und sogar gewissermaßen ehrerbietig, jedenfalls nicht nach
Arrestantenart, aber immer kurz, ungesprächig, nicht mitteilsam wie die
anderen; und ansehen tat er einen, als wäre er ein zehnjähriges Kind.
Hatte sich etwas Geld bei ihm eingefunden, so kaufte er sich niemals
etwas Notwendiges – er würde nie seine Joppe ausbessern lassen oder neue
Stiefel sich anschaffen, sondern sich stets ein Semmelchen kaufen, einen
Kalatsch oder einen Pfefferkuchen und ihn aufessen, – ganz als wäre er
sieben Jahre alt.
„Ach du, Ssirotkin!“ sagten zu ihm nicht selten die Sträflinge, „du
Kasaner Waisenknabe!“ In der arbeitsfreien Zeit hielt er sich gewöhnlich
in fremden Kasernen auf. Alle waren mit einer eigenen Arbeit
beschäftigt, nur er allein hatte nichts zu tun. Sagte man etwas zu ihm,
gewöhnlich um sich über ihn lustig zu machen (über ihn lachten selbst
seine Freunde), – so kehrte er um und ging, ohne ein Wort zu sagen, in
eine andere Kaserne, zuweilen aber, wenn man ihn schon gar zu sehr
verspottete, errötete er. Oftmals fragte ich mich: für welches Vergehen
mag wohl dieses friedsame, gutmütige Wesen in den Ostrogg gekommen sein?
Einmal lag ich im Hospital, im Arrestantensaal. Ssirotkin war
gleichfalls krank und lag neben mir. Gegen Abend kamen wir in ein
Gespräch; ich glaube, es kam ganz zufällig: er wurde plötzlich
gesprächig und so erzählte er mir auch, wie man ihn unter die Soldaten
gesteckt hatte, wie seine Mutter, von der er noch begleitet worden war,
geweint habe und wie schwer es unter den Rekruten gewesen sei. Er sagte,
er habe das Rekrutenleben auf keine Weise ertragen können, weil alle
dort so böse und streng ausgesehen hätten, und die Kommandeure seien mit
ihm immer unzufrieden gewesen.
„Wie endete es denn?“ fragte ich. „Weswegen bist du denn hierher
geschickt worden? Und noch in die besondere Abteilung ... Ach du
Ssirotkin, Ssirotkin!“
„Ja, ich war im ganzen nur ein Jahr im Bataillon, Alexander Petrowitsch;
hierher aber kam ich dafür, daß ich Grigorij Petrowitsch, meinen
Kompagniechef, getötet habe.“
„Das habe ich schon gehört, Ssirotkin, aber ich glaube es nicht. Nun sag
doch, wen hast du wohl zu töten vermocht?“
„Es kam so – Alexander Petrowitsch. Es wurde mir gar zu schwer.“
„Aber wie leben denn die anderen Rekruten? Natürlich – anfangs fällt es
schwer, dann aber gewöhnt man sich und ehe du dich dessen versiehst,
hast du einen prächtigen Soldaten vor dir. Dich hat wahrscheinlich deine
Mutter zu sehr verhätschelt, mit Pfefferkuchen und Milch bis zum
achtzehnten Jahre gefüttert.“