Tischler, Schuster, Maler, Vergolder, Schlosser – und alles das hatte er
erst im Ostrogg gelernt. Er machte alles, ohne daß es ihm besonders
gezeigt wurde: er sah nur einmal hin und schon konnte er es selbst
machen. Er verfertigte verschiedene kleine Kästchen, Körbchen, Laternen,
Kinderspielzeug, und hatte seine Abnehmer in der Stadt. Die natürliche
Folge davon war, daß er beständig Geld hatte, für welches er sich
alsbald neue Wäsche, ein weicheres Kopfkissen, eine gute zusammenlegbare
Matratze erstand. Er schlief in derselben Kaserne mit mir und war mir
während der ersten Tage in vieler Beziehung sehr nützlich.
Bevor die Sträflinge den Ostrogg verließen, um zur Arbeit zu gehen,
stellten sie sich vor der Wache in zwei Reihen auf; vor und hinter ihnen
nahm die militärische Eskorte, unser beständiges Begleitkommando, mit
scharf geladenem Gewehr die übliche Stellung ein. Darauf erschienen ein
Offizier, der Aufsichtführende und einige subalterne Militärbeamte, die
die Arbeit zu beaufsichtigen hatten. Der Aufsichtführende zählte die
Sträflinge und schickte sie in Abteilungen an verschiedene Orte zur
Arbeit.
Zusammen mit anderen begab ich mich in unsere Werkstätte. Das war ein
niedriges Steingebäude mitten auf einem großen Hof, auf dem
verschiedenes Rohmaterial lag. Dort gab es eine Schmiede, eine
Schlosserei, eine Tischlerei, eine Malerwerkstatt und noch anderes. In
dieser Malerwerkstatt arbeitete Akim Akimytsch: er kochte Olivenöl,
mischte Farben und strich kunstvoll Tische und Stühle an, so daß sie wie
von Nußbaumholz aussahen.
Während ich auf meine Einschmiedung wartete, sprach ich mit Akim
Akimytsch über die ersten Eindrücke, die ich im Ostrogg empfangen hatte.
„Ja, das ist schon so, sie mögen die Edelleute nicht,“ bemerkte er,
„besonders die politischen nicht; die würden sie am liebsten auffressen.
Das ist aber dumm von ihnen. Ihr seid doch ein ganz anderes Volk, das
ihnen ganz unähnlich ist, sie aber sind früher alle nur Hörige gewesen
oder Soldaten. Urteilen Sie nun selbst, ob sie euch da wohl lieben
können. Hier ist es, sage ich Ihnen, schwer zu leben. Aber in den
russischen Arrestantenkompagnien ist es noch schwerer ... das ist schon
so. Wir haben ja auch welche von dort, die unseren Ostrogg nicht genug
loben können, ganz als wären sie aus der Hölle in den Himmel gekommen
... Nicht die Arbeit ist das Schlimme. Man sagt, dort, in der ersten
Abteilung, sei das Kommando sozusagen nicht ganz militärisch, wenigstens
gehe man dort anders vor, als bei uns. Dort, sagt man, kann der
Verbannte in seinem eigenen Häuschen leben. Ich bin nicht dort gewesen,
aber es wird so erzählt. Sie werden, wie man hört, auch nicht geschoren
und tragen keine Uniform, wenn es auch übrigens besser ist, daß sie bei
uns halb abrasiert werden und gleichmäßig gekleidet sind – es ist doch
immerhin etwas mehr Ordnung und fürs Auge ist es angenehmer. Den Leuten
selbst aber gefällt es nicht. Aber Sie sehen doch, was das hier für ein
Gesindel ist! Der eine ist Russe, der andere Tscherkesse, der dritte ist
Sektierer, der vierte ein rechtgläubiger Landbauer, hat seine Familie,
hat seine lieben Kinderchen in der Heimat zurückgelassen, der fünfte ist
Jude, der sechste Zigeuner, der siebente weiß Gott wer, – und sie alle
müssen jetzt hier an einem Ort zusammenleben, ob sie wollen oder nicht,
aber sie müssen miteinander auskommen, müssen aus derselben Schüssel
essen, auf derselben Pritsche schlafen. Und wo ist denn hier Freiheit:
selbst einen überflüssigen Bissen kann man nur heimlich essen und jede
Kopeke muß man im Stiefel verstecken, und was man sieht und hat, ist
immer nur Ostrogg und abermals Ostrogg ... Da kann man ja ganz
unwillkürlich dumm werden.“
Doch, was er da sagte, wußte ich bereits. Ich wollte ihn vielmehr über
unseren Major etwas ausfragen. Akim Akimytsch war nicht zurückhaltend
und ich weiß noch, daß der Eindruck, den ich von seinen Schilderungen
empfing, nicht ganz angenehm war.
Noch ganze zwei Jahre war es mir bestimmt, unter dem Kommando dieses
Majors zu leben.
Alles, was mir Akim Akimytsch von ihm erzählte, war, wie es sich später
zeigte, vollkommen richtig und gerecht, nur mit dem einen Unterschied,
daß der Eindruck der Wirklichkeit immer stärker ist, als der, den man
aus einer gewöhnlichen Erzählung erhält.
Er war ein furchtbarer Mensch, und furchtbar gerade dadurch, daß er, als
dieser Charakter, der er war, fast unumschränkte Macht über
zweihundertundfünfzig Seelen besaß. An sich war er nur ein
unordentlicher und böser Mensch, und weiter nichts. Auf die Sträflinge
sah er wie auf seine natürlichen Feinde, und das war sein erster und
größter Fehler. Er besaß in der Tat einige Fähigkeiten, nur war alles an
ihm, selbst das Gute, irgendwie entstellt. Zuweilen stürzte er mitten in
der Nacht in unseren Ostrogg und wenn er bemerkte, daß ein Sträfling auf
der linken Seite oder auf dem Rücken schlief, so bestrafte er ihn am
nächsten Morgen: „Du sollst auf der rechten Seite schlafen, wie ich es
befohlen habe.“
Im Ostrogg wurde er gehaßt und gefürchtet wie die Pest. Er hatte ein
rotes, böses, wildes Gesicht und beherrschen konnte er sich nie.
Trotzdem war er, wie alle wußten, ganz und gar in den Händen seines
Burschen Fedjka. Doch am meisten auf der ganzen Welt liebte er seinen
Pudel Tresorka, und als der einmal erkrankt war, soll er vor Kummer
beinahe den Verstand verloren haben. Man sagt, er habe über ihn geweint,
als wäre der Hund sein leiblicher Sohn gewesen. Den Tierarzt hatte er
alsbald zum Teufel gejagt und es hieß, viel habe nicht gefehlt, daß er
ihn seiner Gewohnheit gemäß noch verprügelt hätte. Darauf hätte er von
seinem Fedjka gehört, daß im Ostrogg ein Sträfling „selbstgelernter“
Tierarzt sei, ein Bauer, der aus praktischer Erfahrung Tiere mit gutem
Erfolg zu heilen wisse. Den mußte Fedjka unverzüglich zur Stelle
schaffen.
„Hilf mir! Ich werde dich vergolden, wenn du mir Tresorka rettest!“
schrie er dem Sträfling entgegen.
Das war ein sibirischer Bauer, schlau, klug und in der Tat sehr
geschickt als Tierarzt, aber immerhin ein echter Bauer.
„Da blickte ich denn Tresorka an,“ hatte er später den anderen
Sträflingen erzählt – übrigens erst nach langer Zeit, als der ganze
Vorfall schon vergessen war – „sehe: der Köter liegt auf dem Divan,
liegt auf einem weißen Kissen; ich sehe auch deutlich, daß er Fieber
hat; ein Aderlaß und er wäre gesund – das wußte ich. Da aber denke ich
so bei mir: aber wie, wenn ich ihn nicht kuriere, wenn ich ihn krepieren
lasse? Nein, Euer Gnaden, sagte ich, ich bin zu spät gerufen worden,
hätte man es gestern oder vorgestern getan, so würde ich den Hund
geheilt haben; jetzt aber kann ich es nicht, es ist zu spät ...“
Und so krepierte denn Tresorka.
Auch erzählte man mir ausführlich von einem Anschlag auf das Leben
unseres Majors.
Es hatte im Ostrogg mehrere Jahre lang ein Sträfling gelebt, der allen
durch seine große Sanftmut auffiel. Desgleichen hatte man bemerkt, daß
er fast nie sprach. Daher war er alsbald für etwas geistesschwach
gehalten worden. Er verstand zu lesen und zu schreiben, und im ganzen
letzten Jahre hatte er beständig die Bibel gelesen, Tag und Nacht. Wenn
die anderen alle schon schliefen, erhob er sich um Mitternacht, zündete
ein Kirchenwachslicht an, kroch auf den Ofen, schlug die Bibel auf und
las bis zum Morgen.
Eines schönen Tages war er zum ältesten Unteroffizier gegangen und hatte
ihm gemeldet, daß er nicht mehr zur Arbeit gehen wolle. Der Major wurde
sofort benachrichtigt: er schäumte vor Wut und kam unverzüglich
angefahren. Da stürzte sich der sanftmütige Sträfling mit einem schon in
Bereitschaft gehaltenen Ziegelstein auf ihn, schleuderte den Stein –
traf ihn jedoch nicht. Er wurde ergriffen, verurteilt und bestraft. Es
ging alles sehr schnell vor sich. Nach drei Tagen starb er im Lazarett.
Kurz vor dem Tode soll er noch gesagt haben, daß er keinem Menschen
Böses gewollt, er habe nur leiden wollen. Er war übrigens kein
Sektierer. Im Ostrogg gedachte man seiner stets mit Achtung.
Endlich wurde ich eingeschmiedet. Inzwischen waren in der Werkstätte
mehrere Semmelverkäuferinnen erschienen, eine nach der anderen. Einige
von ihnen waren noch ganz kleine Mädchen. Solange sie noch nicht
erwachsen sind, gehen sie umher und verkaufen Semmeln, die zu Hause von
den Müttern gebacken werden. Sind sie erwachsen, so gehen sie
gleichfalls umher, doch dann ohne Semmeln. Das war schon lange so Sitte.
Es waren aber auch andere, nicht gerade Mädchen, mit ihnen gekommen.
Eine Semmel kostete eine halbe Kopeke, ein Kalatsch zwei Kopeken und von
den Sträflingen kaufte sich fast jeder einen.
Bei der Gelegenheit fiel mir besonders ein Sträfling auf, ein Tischler
mit schon leicht ergrautem Haar, doch noch recht frischem Gesicht, der
lächelnd mit den Semmelverkäuferinnen schäkerte. Kurz bevor sie gekommen
waren, hatte er sich noch schnell ein rotes, baumwollenes Halstuch
umgeschlungen.
Das eine dicke, pockennarbige Weiblein setzte sich auf seine Hobelbank
und zwischen ihnen entspann sich folgendes Gespräch:
„Warum seid Ihr denn gestern nicht dorthin gekommen?“ fragte der
Sträfling mit selbstzufriedenem Lächeln.
„Noch was! Ich war doch da, Ihr aber heißt Mitjka,“ entgegnete das
schlagfertige Weiblein.
„Man hatte uns nötig, sonst wäre ich bestimmt dagewesen ... Vorgestern
waren alle Eure gekommen.“
„Wer denn das?“
„Marjaschka war gekommen, Chawroschka war gekommen, die Tschekunda war
gekommen, die Vierkopekige war gekommen ...“
„Was hat denn das zu bedeuten?“ fragte ich Akim Akimytsch, „ist’s
möglich? ...“
„Es kommt vor,“ sagte er still, die Augen niederschlagend, denn er war
ein äußerst keuscher Mensch.
Das kam tatsächlich auch vor, aber immerhin sehr selten, denn es galt
große Schwierigkeiten zu überwinden. Im allgemeinen gab es mehr
Liebhaber für Branntwein, als für so etwas, trotz der ganzen und nur zu
natürlichen Qual dieses Lebens. Es war schwer, mit einem Frauenzimmer
zusammenzukommen. Man mußte die Zeit abpassen, den Ort bestimmen, sich
verabreden, die Einsamkeit suchen, was schon schwierig, mußte die
betreffende Eskorte sich geneigt machen, was noch viel schwieriger war,
und überhaupt mußte man eine Unmenge Geld verschwenden – versteht sich,
im Verhältnis gesprochen. Aber nichtsdestoweniger bin ich späterhin
selbst Zeuge von Liebesszenen gewesen. Ich erinnere mich noch, wie wir
einmal im Sommer zu dreien am Ufer des Irtysch in einem Schuppen waren
und dort irgend einen Brennofen anheizten. Die Wachen waren gutmütige
Burschen. Endlich erschienen auch die erwarteten „Souffleusen“, wie die
Sträflinge sie nannten.
„Nanu, wo seid ihr denn solange kleben geblieben? Wohl wieder bei den
Swerkoffs?“ begrüßte sie der Sträfling, zu dem sie kamen und der sie
schon lange erwartet hatte.
„Ich sei kleben geblieben? Da sitzt ja selbst eine Elster länger auf dem
Zaunpfahl, als wie ich bei ihnen gesessen habe,“ antwortete munter das
Mädchen.
Sie war das schmutzigste Mädchen der Welt. Das war die sogenannte
Tschekunda. Mit ihr zusammen war auch die Vierkopekige gekommen. Die war
aber schon außerhalb jeder Beschreibungsmöglichkeit.
„Und auch Euch haben wir lange nicht gesehen,“ fuhr der Don Juan, sich
zur Vierkopekigen wendend, verbindlich fort. „Ihr seid ja, wie mir
scheinen will, bedeutend magerer geworden?“
„Kann schon sein. Früher war ich weiß Gott wie dick, jetzt aber, seht, –
ganz als hätte ich eine Nadel verschluckt.“
„Und geht’s immer noch mit den Soldaten – hn?“
„Nu nein, das haben Euch nur gemeine Menschen von uns vorgeklatscht.
Aber – warum auch nicht! Lieber ohne Rippen sein, als keinen Soldaten
frei’n!“
„Ach was, gebt ihnen den Laufpaß und liebt uns ... Wir haben Geld ...“
Zur Vollendung des Bildes denke man sich den Don Juan mit zur Hälfte
abrasiertem Kopf, in Ketten, in zweifarbig geteilten Sträflingskleidern
und unter der Aufsicht der Eskorte. –
Ich verabschiedete mich von Akim Akimytsch, und als ich hörte, daß ich
in den Ostrogg zurückkehren durfte, ging ich mit einem Soldaten wieder
heim.
Die Sträflinge kamen auch schon in verschiedenen Trupps von der Arbeit.
Früher als alle anderen kommen die auf „Zeit“ arbeitenden in den Ostrogg
zurück. Das einzige Mittel, den Sträfling zu strammer Arbeit anzuhalten,
ist, ihn „Aufgaben“ abarbeiten zu lassen. Mitunter sind diese „Aufgaben“
riesengroß, und doch wird die Arbeit zweimal so schnell verrichtet, als
wenn der Sträfling bis zum Trommelzeichen arbeiten müßte. Hatte er die
ihm aufgegebene Arbeit beendet, so kehrte der Sträfling ohne Verzug in
den Ostrogg zurück und niemand hielt ihn mehr auf.
Gegessen wird im Ostrogg nicht zu gleicher Zeit, sondern wie man gerade
kommt, die einen früher, die anderen später; auch würde die Küche nicht
alle auf einmal fassen. Ich versuchte die Kohlsuppe zu essen, vermochte
es aber doch nicht, da ich mich noch nicht an sie gewöhnt hatte, und so
kochte ich mir Tee. Wir setzten uns an das eine Tischende, ich und ein
Gefährte von mir, der gleichfalls dem Adelsstande angehört hatte.
Die Sträflinge kamen und gingen. Die Küche war noch ziemlich leer, da
die meisten noch nicht von der Arbeit zurückgekehrt waren. Eine Gruppe
von fünf Mann setzte sich etwas abgewendet von uns an den großen Tisch.
Der Koch gab ihnen zwei Schüsseln voll Kohlsuppe und stellte dann noch
eine ganze tönerne Bratpfanne mit gesottenem und später übergebratenem
Fisch vor sie hin. Sie aßen zur Feier irgend einer Begebenheit eigene
Kost. Zu uns blickten sie mißtrauisch hinüber. Da trat ein Pole herein
und setzte sich neben uns hin.
Ihm folgte bald ein hochgewachsener Sträfling, der mit einem einzigen
Blick alle Anwesenden überflog.
„Bin nicht zu Hause gewesen, weiß aber alles!“ rief er mit lauter
Stimme. Er schien ungefähr fünfzig Jahre alt zu sein, war muskulös und
hager. In seinem Gesicht lag etwas Listiges und gleichzeitig auch
Lustiges. Am auffallendsten war an ihm seine dicke, herabhängende
Unterlippe. Sie verlieh ihm etwas überaus Komisches.
„Na, so sagt doch, habt ihr gut geschlafen? Warum begrüßt ihr einen denn
gar nicht? Gesegnete Mahlzeit unseren Kurskern!“ fügte er hinzu und
setzte sich zu den fünf, die ihr Essen verzehrten. „Na, so empfangt doch
den Gast!“
„Wir, Bruder, sind ja gar nicht aus Kursk!“
„Ah so, dann also aus Tambowsk?“
„Sind auch nicht aus Tambowsk. Bei uns, Freund, ist nichts zu holen;
schieb mal ab zu reichen Leuten, dort kannst du anfragen.“
„In meiner Leibesmitte, Bruder, sitzen heute Iwan Taskun und Maria
Ikotischna, sie ist nämlich erbärmlich leer ... Aber wo lebt er denn,
der reiche Mann?“
„Geh mal zu Gasin, der ist reich, versuch bei ihm dein Glück.“
„Ach, Bruderherz, mit Gasin fängst du heute nichts mehr an, der lebt
heute blau: vertrinkt sein ganzes Kapital.“
„Er hat seine zwanzig Rubel,“ bemerkte ein anderer. „Wie man sieht, ist
es kein übles Geschäft, Schankwirt zu sein.“
„Na was, werdet ihr denn wirklich den Gast nicht einladen? Was machst
du, Mensch, – gebt mir dann die Staatskost her.“
„So geh doch und bitt’ Tee; da sitzen ja Herren, die welchen trinken.“
„Was für Herren, hier gibt’s keine Herren; sind ganz, was wir jetzt
sind,“ brummte mürrisch einer in der Ecke. Bis dahin hatte er noch kein
Wort gesprochen.
„Trinken würde ich schon, aber ich schäme mich, zu bitten: wir haben
auch so etwas wie ein Ehrgefühl!“ entgegnete der Sträfling mit der
dicken Unterlippe und blickte uns gutmütig an.
„Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen gern welchen geben,“ sagte ich
auffordernd zu ihm, – „ist es gefällig?“
„Gefällig? Wie soll’s denn nicht gefällig sein!“
Er trat an den Tisch.
„Sieh mal einer an, zu Hause kannte er nichts als Kohl, hier kennt er
schon den Tee gar wohl – hier will er schon Herrenessen haben,“ brummte
wieder der Mürrische in der Ecke.
„Trinkt denn hier sonst niemand Tee?“ fragte ich, mich speziell an ihn
wendend. Er würdigte mich jedoch keiner Antwort.
„Ah, da werden grad auch Kalatschen gebracht! Wenn Ihr schon so gnädig
seid, dann spendet mir auch gleich einen Kalatsch dazu!“
Ein junger Sträfling trat mit einem ganzen Bund[3] Kalatschen herein und
bot sie zum Verkauf an. Die Aufkäuferin überließ ihm dafür den zehnten;
auf diesen Kalatsch nun rechnete er.
„Kalatschi, Kalatschi–i–i!“ schrie er, in die Küche eintretend, „direkt
aus Moskau, glühend heiß! Würde sie selbst essen, brauch aber Geld. Nun,
Kinder, der letzte ist nachgeblieben: wer hat eine Mutter gehabt?“
Dieser Appell an die Mutterliebe erheiterte alle und man kaufte ihm
mehrere ab.
„Aber wißt ihr, Brüder,“ fuhr der Lange fort, „der Gasin, der treibt es
heute denn doch schon bis zur Sünde! Bei Gott! Wenn’s dem einmal
einfällt, durchzugehen! Wenn heute nur unser Achtäugiger nicht
hereinschneit.“
„Dann wird Gasin schon versteckt werden. Was – ist er steif besoffen?“
„Was von steif! Noch längst nicht! Wild ist er geworden, zudringlich,
gefährlich.“
„Nun, dann wird er noch an manche Fäuste anrennen ...“
„Von wem sprechen sie?“ fragte ich den Polen, der neben mir saß.
„Von Gasin, einem Arrestanten. Er handelt hier mit Branntwein. Hat er
genug verdient, so vertrinkt er sofort das ganze Geld an einem Tage. Er
ist grausam und böse, – übrigens in nüchternem Zustande ist er ganz
friedlich. Sobald er sich aber angetrunken hat, ist er total verrückt:
wirft sich mit dem Messer auf die Menschen ... Dann wird er aber sofort
gebändigt.“
„Wie wird denn das angestellt?“
„Etwa zehn Arrestanten stürzen sich zu gleicher Zeit auf ihn und
schlagen ihn entsetzlich – so lange, bis er besinnungslos wird, sie
schlagen ihn halbtot. Dann wird er auf seine Pritsche gehoben und mit
dem Halbpelz zugedeckt.“
„Aber sie könnten ihn doch auf diese Weise völlig totschlagen!“
„Einen anderen gewiß, ihn aber nicht. Er ist unglaublich stark, der
stärkste von allen in unserem Ostrogg, und ist herkulisch gebaut. Am
nächsten Morgen ist er wieder vollständig gesund.“
„Sagen Sie doch, bitte,“ fuhr ich fort, den Polen auszufragen, „jene
dort haben doch auch ihr eigenes Essen, und ich trinke nur Tee, – und
doch sehen sie mich alle an, als wenn sie mich deswegen beneideten. Was
hat das zu bedeuten?“
„Das ist nicht wegen des Tees,“ sagte der Pole. „Sie ärgern sich über
Sie vielmehr deswegen, weil Sie Edelmann sind und nicht ihnen gleichen.
Viele würden gern mit Ihnen anbinden: sie hätten gar zu große Lust, Sie
zu beleidigen und zu erniedrigen. Sie werden hier noch viel Unangenehmes
erleben. Es ist hier für uns alle entsetzlich schwer. Wir haben es in
jeder Beziehung am schwersten von allen. Man muß viel Gleichmut haben,
um sich daran zu gewöhnen. Sie werden noch oft Unannehmlichkeiten wegen
Tee oder eigenem Essen haben, wenn auch von den anderen sehr viele und
sogar sehr oft sich eigenes Essen leisten und einige sogar beständig
ihren Tee trinken. Sie dürfen es, wir aber dürfen es nicht.“
Darauf erhob er sich und ging hinaus. Schon nach wenigen Minuten
geschah, was er gesagt hatte.
III.
Die ersten Eindrücke, Fortsetzung
Kaum war M–tzkij, der Pole, mit dem ich gesprochen hatte,
hinausgegangen, als der betrunkene Gasin in die Küche hereinstürzte.
Mitten am hellen Tage ein berauschter Sträfling, noch dazu am
Wochentage, wenn alle zur Arbeit gehen mußten, ein betrunkener Sträfling
in einem Ostrogg, dessen Vorgesetzter ein so strenger Major war, der
überdies noch jeden Augenblick in eigener Person eintreffen konnte, von
dem Unteroffizier, dem nächsten Vorgesetzten, der beständig im Ostrogg
lebte, und den Invaliden ganz zu schweigen, – ein betrunkener Sträfling
trotz aller Wachen und Aufseher, kurz, trotz aller strengen Maßregeln –
der warf alle in mir sich bildenden Begriffe vom Sträflingsleben über
den Haufen. Und ich mußte noch lange Zeit im Ostrogg leben, bevor ich
die Erklärung fand für Tatsachen, die mir in den ersten Tagen meiner
Kátorga so unbegreiflich erschienen waren.
Ich sagte bereits, daß die Sträflinge stets noch eine eigene Arbeit
hatten, und daß diese Art von Beschäftigung ein natürliches Bedürfnis im
Sträflingsleben sei, daß der Sträfling, ganz abgesehen von diesem
Bedürfnis, leidenschaftlich Geld liebte und Geld höher als alles andere
schätzte, fast sogar so hoch wie die Freiheit, und daß er bereits
getröstet sei, wenn er es in seiner Tasche klingen hörte. Hat er es
dagegen nicht, so ist er wehmütig, traurig, unruhig und mutlos, und dann
ist er zu allem, zu jedem Diebstahl bereit, wenn er dafür nur Geld
erhält. Doch ungeachtet dessen, daß das Geld im Ostrogg so wertvoll war,
blieb es nie sehr lange im Besitze des Glücklichen, der es besaß.
Erstens war es sehr schwer, dasselbe so aufzubewahren, daß es nicht
gestohlen oder bei den Durchsuchungen gefunden werden konnte. Wenn der
Major welches aufstöberte, so wurde es ohne weiteres beschlagnahmt.
Vielleicht verwandte er es zur Verbesserung der Sträflingskost;
wenigstens wurde es jedesmal ihm ausgeliefert. Doch gewöhnlich wurde das
Geld gestohlen: es war da auf keinen Einzigen Verlaß. Erst in der Folge
fand man bei uns eine Möglichkeit, das Geld mit voller Sicherheit
aufzubewahren: man gab es einem alten Mann, einem Altgläubigen, der aus
den Dörfern von Starodubowo zu uns gekommen war, die einmal einer Sekte
der Abtrünnigen gehört hatten.
Ich kann nicht umhin, einige Worte über ihn zu sagen, wenn es mich auch
vom Thema abbringt.