allgemeinen der des Ekels; aber nichtsdestoweniger schien es mir – so
seltsam es auch klingen mag –, daß das Leben im Ostrogg viel leichter
sei, als ich es mir unterwegs vorgestellt hatte. Die Sträflinge gingen –
allerdings in Ketten – frei im ganzen Ostrogg umher, schimpften sich
untereinander, sangen Lieder, arbeiteten für sich, rauchten Pfeifen,
tranken sogar Branntwein (wenn auch nur verhältnismäßig wenige) und in
der Nacht wurde Karten gespielt. Die Arbeit selbst erschien mir durchaus
nicht so schwer, durchaus nicht so „sibirisch“, und erst nach ziemlich
langer Zeit erriet ich, daß das „Sibirische“ dieser Arbeit nicht so sehr
in ihrer Schwere und ununterbrochenen Dauer bestand, als vielmehr darin,
daß sie „Zwangs“-Arbeit, befohlene Arbeit, eisernes Muß unter dem Stock
war. Ein Bauer arbeitet zu Hause auf dem Felde oder sonstwo
unvergleichlich mehr, im Sommer zuweilen sogar noch in der Nacht; aber
er arbeitet für sich, er arbeitet zu einem vernünftigen Zweck, und die
schwere Arbeit ist ihm unvergleichlich leichter, als dem Zwangsarbeiter
die viel geringere, doch erzwungene und für ihn völlig nutzlose Arbeit.
Es kam mir einmal folgender Gedanke: wollte man einen Menschen mittels
einer Strafe vollständig erdrücken, ihn völlig vernichten, ihm eine so
grauenvolle Strafe auferlegen, daß selbst der ruchloseste Mörder vor ihr
erbebte und sich im voraus abschrecken ließe, so würde es genügen,
seiner Zwangsarbeit den Charakter einer vollkommenen Nutzlosigkeit und
Sinnlosigkeit zu geben. Wenn die sonst übliche Zwangsarbeit für den
Sträfling auch uninteressant und langweilig ist, so hat sie doch
immerhin als Arbeit einen Sinn: der Sträfling muß Ziegel brennen, Erde
graben, Maurerarbeit machen, bauen; eine solche Arbeit hat, wie gesagt,
Sinn und Zweck. Der Zwangsarbeiter läßt sich zuweilen sogar von ihr
fortreißen, er will sie gewandter, fixer, besser verrichten. Würde man
ihn dagegen anstellen, zum Beispiel Wasser aus einem Kübel in einen
anderen zu gießen, und dann wieder zurück in den ersten, oder Sand zu
stoßen, einen Haufen Erde von einem Platz auf einen anderen, und von
dort wieder zurückzukarren, – ich glaube, der Sträfling würde sich schon
nach wenigen Tagen erwürgen oder tausend Verbrechen begehen, um, wenn
nicht anders, lieber zu sterben, als in dieser Erniedrigung, Schande und
Qual weiterzuleben. Versteht sich, eine solche Strafe würde zur Folter,
zur grauenvollsten Rache werden und wäre sinnlos, denn sie würde kein
einziges vernünftiges Ziel erreichen. Da aber ein Teil einer solchen
Folter, einer solchen Sinnlosigkeit, Erniedrigung und Schmach unbedingt
in jeder erzwungenen Arbeit enthalten ist, so ist auch die sibirische
Zwangsarbeit gerade dadurch, daß sie erzwungen ist, unvergleichlich
schwerer als jede freiwillige.
Ich kam übrigens im Winter in den Ostrogg, im Dezember, und sah und
wußte daher noch nichts von der Sommerarbeit, die fünfmal schwerer ist.
Im Winter jedoch gab es in unserer Festung nur wenig Arbeit. Die
Sträflinge gingen an das Ufer des Irtysch, um dort alte Barken, die
Staatseigentum waren, abzubrechen, arbeiteten in den Werkstätten,
schaufelten in der Stadt vor allen Staatsgebäuden den Schnee fort, der
von den Stürmen immer wieder aufgeweht wurde, brannten und stießen
Alabaster und taten ähnliches mehr.
Der Wintertag war sehr kurz, die Arbeit schnell zu Ende, und so kehrten
denn die Sträflinge schon früh in den Ostrogg zurück, wo sie so gut wie
nichts zu tun hatten, wenn sie nicht zufällig für sich selbst etwas
arbeiten wollten. Doch mit eigener Arbeit beschäftigte sich vielleicht
nur ein Drittel aller Gefangenen; die übrigen schlugen die freie Zeit
mit Müßiggang tot, schlenderten aus einer Kaserne in die andere,
schimpften, stritten, spannen Intrigen, verbreiteten Klatschgeschichten
und betranken sich, wenn sie nur irgendwie ein paar Kopeken ergattert
hatten; in der Nacht verspielten sie noch ihr letztes Hemd, – und das
alles nur aus Langeweile, aus Müßiggang und dem bevorzugten Nichtstun!
Mit der Zeit begriff ich, daß es außer dem Verlust der Freiheit, außer
der Zwangsarbeit im Leben des Sträflings noch eine Qual gibt, die fast
größer ist, als alle anderen: das ist das _erzwungene allgemeine
Zusammenleben_. Allgemeines Zusammenleben gibt es natürlich auch an
anderen Orten, in den Ostrogg aber kommen Menschen, mit denen sich nicht
ein jeder gern einleben will, und ich bin überzeugt, daß jeder Sträfling
diese Qual mehr oder weniger empfunden hat, wenn auch, versteht sich,
größtenteils nur unbewußt.
Auch das Essen erschien mir recht reichlich bemessen. Viele
versicherten, daß es in den Gefängnissen des europäischen Rußland
schlechter sei. Darüber kann ich nicht urteilen: ich bin nicht in ihnen
gewesen. Zudem konnten es sich viele leisten, besonderes Essen für sich
zu bestellen. Rindfleisch kostete bei uns zwei Kopeken das Pfund, im
Sommer drei Kopeken. Trotzdem aßen nur die wenigen, die beständig Geld
besaßen, eigenes Essen; die große Mehrzahl begnügte sich mit der
Staatskost. Übrigens meinten die Sträflinge, wenn sie ihre Kost lobten,
damit nur das Brot und vornehmlich segneten sie den einen Vorzug
desselben: daß es uns gemeinsam und nicht pfundweis jedem einzelnen
zugeteilt wurde, denn das wäre für sie wahrhaft grauenvoll gewesen. Bei
einer Verteilung nach dem Gewicht hätte sich mindestens ein Drittel
nicht satt essen können, während es so für alle ausreichte.
Unser Brot war in der Tat ganz besonders schmackhaft und als solches in
der ganzen Stadt berühmt. Man schrieb diesen Vorzug dem gelungenen Bau
unserer Backöfen zu. Die Kohlsuppe war dagegen sehr mangelhaft. Sie
wurde in einem großen Kessel gekocht, mit etwas Graupen versehen, und so
war sie, besonders an den Werktagen, wässerig und mager. Mich entsetzte
an ihr die große Menge Schaben, die alle ruhig mitgekocht wurden. Die
übrigen Sträflinge schenkten ihnen aber überhaupt keine Beachtung.
Die ersten drei Tage wurde ich noch nicht mit den anderen zur Arbeit
geschickt; so verfuhr man mit jedem Neuangekommenen: man ließ ihn nach
der Reise sich etwas ausruhen. Doch schon am nächsten Tage war ich
gezwungen, auf kurze Zeit den Ostrogg zu verlassen, da mir andere
Fesseln angeschmiedet werden mußten. Meine Fesseln waren noch nicht die
vorschriftsmäßigem sondern aus Ringen bestehende, „Hellklingende“, wie
die Gefangenen sie nannten. Die hatte ich über den Kleidern getragen.
Die vorschriftsmäßigen Ostroggfesseln, die auch bei der Arbeit nicht
hinderlich waren, bestanden nicht aus Ringen, sondern aus vier etwa
fingerdicken eisernen Stäben, die durch drei eiserne Ringe miteinander
verbunden waren. Diese trug man unter den Beinkleidern. An den mittleren
Ring war ein Riemen befestigt, der seinerseits an den Gürtelriemen, den
man direkt über dem Hemde tragen mußte, angebracht wurde.
Ich entsinne mich noch deutlich meines ersten Morgens in der Kaserne.
Die Wache vor dem Tore des Ostrogg hatte schon die Trommel geschlagen.
Nach ungefähr zehn Minuten kam der wachhabende Unteroffizier und schloß
die Türen auf. Wir waren inzwischen schon aufgewacht. Beim glanzlosen
Schein eines armseligen Talglichts erhoben sich, zitternd vor Kälte, die
Arrestanten von ihren Pritschen. Fast alle waren in der Verschlafenheit
schweigsam und mürrisch. Sie gähnten, streckten ihre Glieder und
runzelten die gebrandmarkten Stirnen. Einige bekreuzten sich, andere
fingen schon an, sich zu streiten. Die Luft war zum Ersticken. Sobald
nur die Tür aufgemacht wurde, drang die frische Winterluft wie
Dampfwolken herein und verbreitete sich in der Kaserne. An den
Wassereimern drängten sich die Sträflinge: sie nahmen der Reihe nach die
Schöpfkelle, schöpften Wasser aus den Eimern, nahmen das Wasser in den
Mund und wuschen sich Gesicht und Hände mit dem aus dem Munde fließenden
Wasser. Die Eimer werden schon am Abend von dem zum „Stubendienst“
bestimmten Sträfling bereitgestellt. In jeder Kaserne gab es einen, der
von den anderen zum Stubendienst gewählt war. Er wurde der Reiniger
genannt und ging nicht zur Arbeit. Seine Arbeit bestand darin, daß er
die Kaserne an jedem Morgen aufräumte und überhaupt für ihre
Reinlichkeit sorgte, daß er die Pritschen und den Fußboden scheuerte und
abschabte, daß er den Nachtkübel hinaustrug und das Wasser besorgte,
zwei Eimer voll – morgens zum Waschen und am Tage zum Trinken. Wegen der
Schöpfkelle, wovon wir nur ein Exemplar besaßen, kam es bald zum Streit.
„Wohin kraufst du mit deiner verzierten Fratze!“ brummte mürrisch ein
hochgewachsener, hagerer Sträfling von dunkler Gesichtsfarbe, dessen
abrasierter Schädel ganz eigentümliche Wölbungen aufwies, einen anderen
Sträfling an, der etwas untersetzt und wohlgenährt war und ein heiteres,
frisches Gesicht hatte. – „Wart!“
„Was schreist du! Für ‚Wart‘ zahlt man Geld bei uns ... Pack dich lieber
selber ... Seht doch, reckt sich hier aus wie ’n Monument! Das heißt,
Brüder, deswegen ist er noch lange keins, es ist ja an ihm noch nichts
Verstümmeltes zu sehen.“
Die letzte Bemerkung machte einen gewissen Eindruck: viele lachten. Das
aber war alles, was der lustige Dicke haben wollte, da er in der Kaserne
augenscheinlich so etwas wie ein freiwilliger Possenreißer war. Der
hochgewachsene Sträfling blickte ihn mit tiefer Verachtung von oben
herab an.
„Sau!“ sagte er gleichsam nur so vor sich hin, – „hat sich am
Ostroggbrot so vollgefressen, daß man von ihm zum ersten Fleischtag nach
den Fasten zwölf Ferkel erwarten kann.“
Der Dicke wurde wütend.
„Was bist du denn für ein Vogel?“ schrie er plötzlich, puterrot im
Gesicht.
„Das ist’s ja, daß ich ’n Vogel bin!“
„Was für einer denn?“
„Solch einer.“
„Was für solch einer?“
„Das ist schon so ’n Wort: solch einer.“
„Aber so sag doch, was für einer?“
Beide sahen sich an, als wollten sie sich mit ihren Blicken ineinander
einhaken. Der Dicke wartete gespannt auf die Antwort und ballte die
Fäuste, wie wenn er sich sofort auf den anderen zu stürzen
beabsichtigte. Ich war überzeugt, daß es zu einer Rauferei kommen würde.
Neugierig beobachtete ich sie, denn alles, was ich hier sah, war mir
noch so neu. Später erfuhr ich, daß alle derartigen Szenen ganz harmlos
waren und nur zur allgemeinen Unterhaltung und zum Ergötzen der anderen
vorgespielt und friedlich wieder beigelegt wurden – ganz wie in der
Komödie. Bis zum Handgemenge kam es fast nie. Das war ziemlich
charakteristisch und bezeichnend für die Sitten und Bräuche des Ostrogg.
Der hochgewachsene Sträfling stand ruhig und stolz da: er wußte, daß
alle auf ihn sahen und warteten, ob er sich mit seiner Antwort blamieren
würde oder nicht. Er mußte seine Stellung behaupten, mußte beweisen, daß
er tatsächlich ein Vogel war, und mußte sagen, was für ein Vogel. Mit
unbeschreiblicher Verachtung blickte er über die Schulter auf seinen
Gegner, bemüht, zur größeren Beleidigung möglichst schräg, möglichst von
oben herab zu sehen, indem er ihn wie einen Käfer unter der Lupe
fixierte, und dann erst sagte er ebenso langsam wie deutlich:
„Ein Reiher!“
Das hieß, er selbst sei ein Reiher. Eine laute Lachsalve war die Antwort
auf die Findigkeit des Sträflings.
„Ein Spitzbube bist du, aber kein Reiher!“ brüllte ihn der Dicke
wutschnaubend an, da er fühlte, daß er in allen Punkten geschlagen war.
Doch kaum nahm der Streit eine gefährlichere Wendung, da wurden die
Kampflustigen auch schon zur Ruhe gewiesen.
„Was schreit ihr da! Halt’s Maul!“ rief ihnen die ganze Kaserne zu.
„Haut euch doch lieber, als daß ihr da Zeter schreit!“ rief ihnen einer
aus der Ecke zu.
„Halt du sie lieber fest, damit sie sich nicht hauen!“ war die Antwort
der anderen. „Wir sind ein flinkes Volk, sind aber auch hitzig. Zu
sieben werden wir uns nicht vor einem fürchten und einzeln auch nicht
vor sieben ...“
„Sie sind beide gut! ... Der eine ist um ein Pfund Brot in den Ostrogg
gekommen, und der andere, der O-beinige Weiberfreund, hat bei einem
Weibe saure Milch gefressen und dafür sich die Knute erworben ...“
„Nu–nu–nun, jetzt könnt ihr aufhören!“ unterbrach sie unser Invalide,
der zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Kaserne lebte und in der
Ecke auf einer besonderen Pritsche schlief.
„Wasser, Kinder! Unser Nevalid Petrowitsch ist erwacht! Wasser für
Nevalid Petrowitsch, unseren leiblichen Bruder!“
„Bruder ... Was bin ich dir für ein Bruder? Haben noch keinen Rubel
zusammen vertrunken, und schon Bruder!“ brummte der Invalide, indem er
gemächlich die Arme in die Ärmel seines Uniformmantels schob und sich
ankleidete.
Man bereitete sich zur Kontrolle vor; die Morgendämmerung nahm zu, es
begann zu tagen. In der Küche drängte sich die ganze Schar, in
Halbpelzen, auf dem Kopf die zweiteiligen Mützen, um das Brot, das von
einem der Breiköche geschnitten wurde, in Empfang zu nehmen. Diese
Breiköche wurden gleichfalls von der ganzen Abteilung gewählt, für jede
Küche zwei. Von ihnen wurde auch das Küchenmesser aufbewahrt, das man
zum Fleisch- und Brotschneiden nötig hatte, – das einzige Messer in der
ganzen Küche.
In allen Ecken und an allen Tischen setzten sich die Sträflinge nieder,
alle in Mützen, Halbpelzen, gegürtet und bereit zum Ausbruch zur Arbeit.
Vor mehreren standen schon hölzerne Schüsseln mit Kwas[2], in die Brot
hineingebröckelt und die dann ausgeschlürft wurde. Der Lärm und das
Geschrei waren unerträglich; doch einige unterhielten sich ganz ruhig
und vernünftig in den Ecken.
„Wohl bekomm’s, alter Antonytsch! – laß dich grüßen!“ sagte ein junger
Sträfling zu einem mürrischen, zahnlosen Alten, und setzte sich neben
ihn hin.
„Nu, schon gut, wenn du nicht spaßt,“ sagte jener, ohne auch nur den
Blick zu erheben, und mühte sich, mit seinen zahnlosen Kiefern sein Brot
zu zerkauen.
„Denk doch, Antonytsch, ich glaubte, daß du gestorben seiest,
wahrhaftig!“
„Nein, stirb du zuerst, dann werd’ ich’s dir nachmachen ...“
Ich setzte mich neben sie hin. Rechts von mir unterhielten sich zwei
ernste Männer, die augenscheinlich bestrebt waren, ihre Würde vor
einander zu wahren.
„... Mir wird niemand etwas stehlen,“ sagte der eine, „ich, Bruder, ich
muß mich selbst in acht nehmen, daß ich nicht anderen etwas stehle.“
„Nun, auch mich versuch nicht mit bloßer Hand zu nehmen: sieh dich vor,
verbrennst dich.“
„Was kannst du denn hier verbrennen? Bist doch ebenso ein Zuchthäusler
... Sie nimmt dir alles ab und dankt dir nicht einmal dafür. So sind
auch meine Kopeken dahingegangen. Vor kurzem kam sie noch von selbst.
Aber wohin sollte ich mit ihr? Ich wollte schon den Henker Fedjka um
Unterkunft bitten: er hatte doch noch in der Vorstadt ein Haus stehen,
hatte es dem grindigen Salomon, dem Lausejuden, abgekauft, demselben,
der sich dann später aufknüpfte ...“
„Ich weiß. Er verkaufte bei uns schon das dritte Jahr Branntwein und
wurde Grischka, die dunkle Schenke, genannt. Ich weiß schon.“
„Da sieht man gleich, daß du nichts weißt! Das war doch eine andere
dunkle Schenke!“
„Was für eine andere! Du willst immer allein alles wissen! Ich werde dir
soviel Zeugen aufstellen ...“
„Wirst aufstellen! Wer bist du, und woher bin ich?“
„Wer! Dich habe ich schon geschlagen, prahle aber gar nicht damit. Du
aber fragst noch wer!“
„Du und mich geschlagen! Wer mich schlagen wollte, ist noch nicht
geboren und wer mich geschlagen hat, der liegt schon unter der Erde!“
„Daß dich die Pest! ...“
„Daß dich die sibirische Seuche fresse!“
„Daß dich ein Türkensäbel –!“
Und das Schimpfen hub an.
„Nununu! Was reißt ihr eure Mäuler!“ schrie man sie rundum an. „Habt ihr
nicht verstanden, in Freiheit zu leben, so dankt Gott, daß man euch hier
noch reines Brot gibt ...“
Bei jedem Wortwechsel sorgen die anderen dafür, daß es nicht zu
Tätlichkeiten kommt. Schimpfen, mit der Zunge „prügeln“ – das wird
erlaubt, das kann man nach Herzenslust, denn teilweise ist so etwas für
alle eine kleine Zerstreuung. Bis zum Handgemenge aber ließen sie es nur
selten kommen, und nur in einem Ausnahmefall konnten sich zwei Feinde
raufen. Von jeder Rauferei muß dem Major Meldung gemacht werden; dann
beginnen die Untersuchungen, der Major kommt selbst angefahren – mit
einem Wort, das hat für alle sein Unangenehmes, und darum beugt man vor.
Und auch die Feinde selbst schimpfen sich mehr der Zerstreuung halber,
zur Ausbildung ihrer Redekunst. Nicht selten täuschen sie sich
gegenseitig, geraten in furchtbare Hitze, ereifern sich entsetzlich ...
man glaubt: jetzt werden sie sofort aufeinander losstürzen – fällt ihnen
aber gar nicht ein: sie bringen es bis zu einem gewissen Höhepunkt und
gehen dann plötzlich ganz ruhig auseinander. Das setzte mich anfangs
nicht wenig in Erstaunen. Ich habe hier absichtlich die
alleralltäglichsten Gespräche als Beispiele angeführt. Früher hätte ich
es mir nie vorstellen können, daß man sich nur zum Vergnügen schimpfen,
darin eine besondere Unterhaltung, eine angenehme Übung, kurz – etwas
Angenehmes sehen könnte. Übrigens darf man hierbei auch nicht die
Ruhmsucht vergessen. Der schimpfende Dialektiker genoß große Achtung und
Bewunderung. Es fehlte nur noch, daß man ihm Beifall klatschte, wie
einem guten Schauspieler.
Schon am ersten Abend fiel es mir auf, daß man scheel auf mich blickte.
Ich hatte bereits mehrere finstere Blicke aufgefangen. Und andererseits
hielten sich einige beständig in meiner Nähe auf, in der Vermutung, ich
könne Geld mitgebracht haben. Nach kurzer Zeit suchten sie mir denn auch
schon gewisse Dienste zu erweisen: sie zeigten mir, wie man die
ungewohnten Fesseln am bequemsten trage, verschafften mir –
selbstverständlich für mein Geld – einen kleinen verschließbaren Kasten,
damit ich die mir ausgelieferten Kleidungsstücke und meine eigene
Wäsche, die ich mitgebracht hatte, sicher unterbringen konnte. Doch
schon am nächsten Tage hatten sie mir dieselbe gestohlen und vertrunken.
Einer von ihnen wurde später mein ergebener Anhänger, doch hinderte ihn
das durchaus nicht, mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu
bestehlen. Er tat es ohne das geringste Bedenken, fast sogar unbewußt
oder als wäre es geradezu seine Pflicht gewesen, und man konnte ihm
unmöglich böse sein.
Unter anderem belehrten sie mich, daß ich meinen eigenen Tee haben
müsse, daß es auch nicht schlecht wäre, wenn ich mir gleich eine ganze
Teekanne verschaffte, stellten mir aber sogleich eine andere bis dahin
als Ersatz zur Verfügung und empfahlen mir besonders den einen Koch,
indem sie noch besonders hervorhoben, daß er mir für etwa dreißig
Kopeken monatlich alles, was ich nur wollte, zubereiten würde, wenn ich
nicht die Festungskost zu genießen und mir eigenes Essen zu kaufen
wünschte ... Natürlich liehen sie sofort von mir Geld und ein jeder von
ihnen kam allein schon am ersten Tage mindestens dreimal zu mir, um mich
anzuborgen.
Auf die ehemaligen Edelleute sieht man in der Kátorga ganz allgemein nur
scheel und nichts weniger als wohlwollend. Die Sträflinge erkennen sie,
ungeachtet dessen, daß sie aller Rechte beraubt und den übrigen
Gefangenen vollständig gleichgestellt sind, niemals als ihre Kameraden
und Genossen an. Das geschieht aber von ihnen nicht aus bewußtem
Vorurteil, sondern vollkommen aufrichtig, unbewußt. Der Grund hierfür
mag wohl in einem bestimmten Gefühl liegen. Sie erkannten uns vollkommen
aufrichtig als Edelleute an, verspotteten uns aber ganz gern mit unserem
tiefen Fall.
„Nein, wart mal, jetzt hat sich die Sache verändert! Einstmals fuhr
Peter stolz durch Moskau, heute dreht Peter kleinlaut das Schiffstau,“
und noch eine Menge ähnlicher Liebenswürdigkeiten gingen an unsere
Adresse.
Mit Hochgenuß beobachteten sie unsere Qualen, wie sehr wir uns auch
bemühten, sie zu verbergen. Die liebreichsten Bemerkungen bekamen wir in
der ersten Zeit bei der Arbeit zu hören: sie wurden uns verabfolgt, weil
wir nicht so stark waren wie sie und ihnen infolgedessen nicht genügend
helfen konnten. Nichts ist schwerer, als das Zutrauen des Volkes –
besonders noch eines solchen Volkes – und seine Liebe zu erringen.
Im Ostrogg gab es mehrere Edelleute. Zunächst fünf Polen. Von diesen
werde ich späterhin noch ausführlicher sprechen. Polen wurden von den
Sträflingen äußerst wenig geliebt, sie waren ihnen noch viel verhaßter,
als die Sträflinge aus dem russischen Adelstande. Die Polen – ich
spreche hier nur von den politischen Verbrechern – waren zu ihnen ganz
besonders, geradezu raffiniert, beleidigend höflich, hielten sich
möglichst fern von ihnen und konnten es auf keine Weise verbergen, daß
die Sträflinge sie anekelten, was jene natürlich vorzüglich begriffen
und wofür sie mit derselben Münze heimzahlten.
Ich mußte fast ganze zwei Jahre im Ostrogg leben, um mir die Sympathie
einiger weniger Sträflinge zu erwerben. Doch zu guterletzt gewann mich
ein großer Teil derselben lieb und hielt mich für einen „guten“
Menschen.
Von russischen Edelleuten waren außer mir noch vier im Ostrogg. Einer
von ihnen, ein niedriges, gemeines Geschöpf, war entsetzlich
ausschweifend, ein geborener Spion und Hinterbringer. Ich hatte von ihm
schon vor meinem Eintritt in den Ostrogg gehört und gab ihm daher denn
auch bald zu verstehen, daß ich seine nähere Bekanntschaft nicht
wünschte. Der zweite war jener Vatermörder, von dem ich schon gesprochen
habe. Der dritte war Akim Akimytsch.
Ich weiß nicht, ob ich jemals einen so seltsamen Kauz gesehen habe, wie
es dieser Akim Akimytsch war. Er ist mir unvergeßlich in der Erinnerung
geblieben, deutlich sehe ich ihn noch vor mir. Er war groß von Wuchs,
hager, schwachgeistig, unglaublich ungebildet, ein großer Raisonneur,
und gewissenhaft wie ein Deutscher. Die Sträflinge lachten über ihn,
viele aber fürchteten sich sogar davor, mit ihm etwas zu tun zu haben,
wegen seines streitsüchtigen, anmaßenden und unleidlichen Charakters. Er
stellte sich von vornherein wie ein alter Duzbruder zu ihnen, schimpfte
und raufte sich womöglich mit allen und jedem. Dabei war er phänomenal
ehrlich. Sobald er nur irgendwo eine Ungerechtigkeit bemerkte, mischte
er sich ohne weiteres ein, gleichviel, ob ihn die Sache anging oder
nicht. Naiv war er bis zur Unglaublichkeit; so warf er den anderen im
Streite nicht selten vor, daß sie Diebe seien und suchte sie allen
Ernstes zu überreden, nicht mehr zu stehlen.
Er hatte im Kaukasus als Fähnrich gedient. Wir traten uns schon am
ersten Tage näher und er erzählte mir ungesäumt seine ganze
Lebensgeschichte.
Seinen Dienst hatte er im Kaukasus begonnen, wo er als Junker in ein
Linienregiment eingetreten war. Endlich war er befördert und als
Oberkommandeur in irgend eine kleine Verschanzung oder Festung versetzt
worden. Da hatte aber irgend ein kleiner, Rußland friedlich gesinnter
Fürst aus der Nachbarschaft seine Festung in Brand gesteckt und einen
nächtlichen Überfall versucht; der war ihm jedoch mißlungen. Akim
Akimytsch dachte sich nun folgende List aus: er tat, als habe er keine
Ahnung, wer der Feind gewesen war. Der Angriff wurde auf die
aufständischen Bergvölker geschoben und bald vergessen. Nach einem Monat
aber lud Akim Akimytsch den kleinen Fürsten recht freundschaftlich zu
sich zu Gaste. Jener kam natürlich, ohne etwas zu ahnen. Akim Akimytsch
ließ seine ganze Mannschaft feierlichst antreten, worauf er den Fürsten
öffentlich überführte und ihm die Leviten las, indem er ihm bewies, daß
es eine Schande sei, Festungen in Brand zu stecken. Darauf belehrte er
ihn ausführlich, wie ein friedlich gesinnter Fürst sich in Zukunft zu
verhalten habe und zum Schluß schoß er ihn nieder, wovon er dann selbst
seinen Vorgesetzten mit allen Einzelheiten Meldung machte. Zur Belohnung
für seine Heldentat wurde er dem Gericht überliefert, zum Tode
verurteilt, doch wegen mildernder Umstände auf zwölf Jahre in die zweite
Abteilung nach Sibirien zur Festungsarbeit verschickt.
Er sah vollkommen ein, daß er unrechtmäßig gehandelt hatte, er sagte
mir, daß er dies auch schon vor der Erschießung des kleinen Fürsten
gewußt habe; er habe es ganz genau gewußt, daß ein friedlicher Fürst nur
nach dem Gesetz verurteilt werden dürfe; aber wie genau er auch alles
wußte, seine Schuld konnte er doch nicht recht einsehen – er begriff sie
einfach nicht.
„Aber ich bitt’ Sie! Er hatte mir doch meine _Festung_ in Brand
gesteckt! Was, sollte ich ihm dafür noch Dank sagen?“ fragte er mich, –
und das war auch seine ganze Antwort auf alle meine Einwendungen.
Ich sagte bereits, daß die Sträflinge sich über Akim Akimytsch lustig
machten, doch nichtsdestoweniger achteten sie ihn wegen seiner
Gewissenhaftigkeit und seiner Geschicklichkeit.