Ich entsinne mich noch, wie einmal einer von ihnen, ein furchtloser,

entschlossener Charakter, der unserer Obrigkeit schon von früher wegen

seiner tierischen Neigungen bekannt war, wegen irgend eines Vergehens

zur Bestrafung gerufen wurde. Es war ein Sommertag und wir hatten gerade

keine Arbeit. Der Major, der nächste und unmittelbare Vorgesetzte des

Ostrogg, erschien selbst, um persönlich der Bestrafung beizuwohnen.

Dieser Major war für die Sträflinge ein geradezu fatales Wesen, er

brachte es soweit, daß sie vor ihm zitterten. Er war bis zur

Sinnlosigkeit streng, ein „Menschenfresser“, wie die Gefangenen sagten.

Am meisten fürchteten sie seinen alles durchdringenden Luchsblick, vor

dem sich nichts verbergen ließ. Er sah gleichsam, ohne irgend wohin zu

sehen. Betrat er den Ostrogg an dem einen Ende, so wußte er schon, was

am anderen Ende desselben geschah. Die Sträflinge nannten ihn den

„Achtäugigen“. Sein System war aber unrichtig. Durch seine rasenden,

wilden Handlungen erbitterte er nur sowieso schon erbitterte Menschen,

und wäre nicht der Kommandant, ein edler und vernünftig denkender

Mensch, über ihm gewesen, der seine wilden Ausfälle mitunter mäßigte, so

hätte der Major noch großes Unheil angerichtet. Offen gestanden, ich

begreife es nicht, wie er noch so glücklich seine Zeit abgedient hat:

und dennoch trat er lebend und gesund aus dem Dienst.

Der Sträfling erbleichte, als er gerufen wurde. Sonst pflegte er sich

immer schweigend und entschlossen unter die Ruten zu legen, schweigend

die Strafe hinzunehmen, nach Vollzug derselben aufzustehen, als wäre

nichts geschehen, und kaltblütig und philosophisch das zugestoßene

Mißgeschick hinzunehmen. Trotzdem ging man immer sehr vorsichtig mit ihm

um. Diesmal aber fühlte er sich vollkommen unschuldig. Er erbleichte,

und es gelang ihm, unbemerkt von der Wache, ein scharfes, englisches

Messer in den Ärmel zu stecken. Messer und alle scharfen Instrumente

waren im Ostrogg aufs strengste verboten; die Durchsuchungen wurden sehr

oft, ganz plötzlich und gründlich vorgenommen, die Strafen waren grausam

hart, da aber eine von Dieben versteckte Sache schwer zu finden ist,

besonders wenn sie mit solchen Untersuchungen rechnen müssen und sicher

verstecken wollen, und da andererseits Messer und ähnliche Werkzeuge

immer gebraucht wurden, so waren sie trotz aller Maßregeln nicht

auszurotten. Und wenn sie auch fortgenommen wurden, so schaffte man sich

doch unverzüglich neue an.

Die ganze Kaserne stürzte zum Zaun, um dort mit klopfendem Herzen durch

die Spalten zu lauern. Alle wußten, daß Petroff sich diesmal nicht

freiwillig unter die Ruten hinlegen würde und daß die letzte Stunde des

Majors gekommen war. Aber kurz vor dem entscheidenden Augenblick stieg

unser Major in seinen Wagen und fuhr davon, nachdem er die Ausführung

der Exekution einem anderen Offizier übertragen hatte.

„Den hat Gott selbst gerettet,“ sagten die Sträflinge. Petroff aber nahm

mit der größten Ruhe seine Strafe hin. Sein Zorn war mit der Abfahrt des

Majors vollständig vergangen. Der Arrestant ist gewöhnlich bis zu einem

gewissen Grade gern gehorsam und geduldig, doch gibt es eine Grenze für

seinen guten Willen, die man nicht überschreiten darf. Da ich soeben

einen solchen Fall angeführt habe, will ich hier noch bemerken, daß es

kaum etwas Interessanteres gibt, als diese sonderbaren Ausbrüche der

Ungeduld und Widersetzlichkeit in den Arrestanten. Oft erträgt ein

Mensch mehrere Jahre lang die grausamsten Strafen, er ergibt sich allem

widerspruchslos, plötzlich aber reißt seine Geduld bei der nichtigsten

Geringfügigkeit, ja man könnte sagen, um nichts und wieder nichts. Von

einem gewissen Standpunkte aus müßte man ihn dann sogar wahnsinnig

nennen, – und man tut es ja auch ...

Ich sagte schon, daß ich während all dieser Jahre kein einziges Mal auch

nur das geringste Anzeichen einer Reue bei diesen Menschen bemerkt habe,

auch nicht die geringsten Gewissensbisse wegen des verübten Verbrechens,

oder auch nur ein unbehagliches Denken an dasselbe, und daß die Mehrzahl

der Sträflinge sich innerlich für vollkommen schuldlos hält. Das ist

Tatsache. Natürlich sind auch Ruhmsucht, schlechtes Beispiel, die

übliche flotte Burschengroßtuerei und falsche Scham vielfach mit die

Ursache davon. Und andererseits – wer könnte sagen, daß er die Tiefe

dieser verkommenen Seelen erforscht und das vor aller Welt Verborgene in

ihnen gesehen habe? Aber immerhin hätte man doch im Laufe so vieler

Jahre wenigstens irgend einen Zug wahrnehmen müssen, nach dem man auf

Schwermut oder Leiden hätte schließen können, – wenn davon auch nur eine

Spur vorhanden gewesen wäre. Doch es war nichts davon zu sehen,

entschieden nichts. Ja ich glaube, das Verbrechen läßt sich nicht nach

gegebenen, bereits fertigen Gesichtspunkten erfassen und seine

Philosophie dürfte etwas schwieriger sein, als allgemein angenommen

wird. Daß das System der Gefängnisstrafe und die Zwangsarbeit keinen

einzigen Verbrecher bessert, ist wohl selbstverständlich, sie

„bestrafen“ ihn nur und sichern die Gesellschaft vor weiteren Anschlägen

des Bösewichts auf ihre Freiheit und ruhige Sicherheit. Im Verbrecher

jedoch erweckt der Ostrogg und selbst die angestrengte Arbeit nur Haß,

Leidenschaft für verbotene Genüsse und unglaublichen Leichtsinn. Ich bin

überzeugt, daß auch das berühmte Zellensystem nur ein falsches,

trügerisches, äußeres Ziel erreicht. Es saugt aus dem Menschen alle

Lebenskraft, entnervt seinen Geist, schwächt und ängstigt ihn und

präsentiert dann endlich die sittlich vertrocknete Mumie, den

Halbwahnsinnigen, als Musterbild der Besserung und Reue. Natürlich haßt

der Verbrecher die Gesellschaft, gegen die er sich ja auch empört hat,

und hält fast ausnahmslos sich für den Unschuldigen und jene für die

Schuldigen. Hinzu kommt, daß ihm von dieser Gesellschaft für sein

Vergehen Strafe auferlegt worden ist, diese aber befreit sein Gewissen

von jedem Schuldbewußtsein, selbst wenn eines vorhanden gewesen wäre,

und so fühlt er sich denn wie einer, der alle seine Schulden bezahlt und

sich folglich nichts mehr vorzuwerfen hat. So kann man denn, wenn man

von solchen Gesichtspunkten ausgeht, schließlich noch den Verbrecher

selbst sehr wohl rechtfertigen. Doch ganz abgesehen von allen

Gesichtspunkten wird doch ein jeder zugeben, daß es Verbrechen gibt, die

immer und überall, nach jedem Gesetz und schon seit dem Anfang der Welt

als fraglose Verbrechen angesehen worden sind, und die man noch weiter

als solche betrachten wird, solange der Mensch ein Mensch bleibt. Nur

habe ich im Ostrogg von den schrecklichsten, grauenvollsten, wahrhaft

ungeheuerlichsten Morden mit dem unbezwingbarsten, mit kindlich heiterem

Lachen erzählen gehört.

So kann ich bisweilen die Erinnerung an einen Vatermörder nicht los

werden. Er war Edelmann und hatte als halbwegs verlorener Sohn bei

seinem alten sechzigjährigen Vater gelebt, ein ausschweifendes Leben

geführt und viel Schulden gemacht. Der alte Vater redete ihm ins

Gewissen, und als das Reden nicht half, entzog er ihm das Geld zur

Ausschweifung. Der Alte besaß aber ein Haus und ein kleines Gut, und

außerdem vermutete man, daß er Geld hatte, – und der Sohn ermordete den

Vater um dieses Geldes willen. Das Verbrechen war erst nach einem Monat

entdeckt worden. Der Mörder hatte selbst der Polizei angezeigt, daß sein

Vater spurlos verschwunden sei, und den ganzen Monat verbrachte er in

Saus und Braus. Der Polizei war aber sein Treiben bald verdächtig

erschienen, und eines Tages, während seiner Abwesenheit, hatte man den

Leichnam des Ermordeten auf dem Hof in dem mit Brettern zugedeckten

Abzugsgraben gefunden. Der Leichnam war vollständig angekleidet und

augenscheinlich sehr sorgsam dort hingebettet worden: das graue Haupt

war vollständig abgetrennt, doch hatte der Mörder es wieder an den Rumpf

gedrückt und außerdem noch ein Kissen unter dasselbe geschoben. Er hatte

seine Schuld nicht eingestanden, war aber trotzdem seines Adels und

Ranges beraubt und auf zwanzig Jahre zur Zwangsarbeit verurteilt worden.

Während der ganzen Zeit, die ich mit ihm zusammen im Ostrogg verbrachte,

befand er sich in der besten, heitersten Gemütsstimmung. Es war ein

überaus leichtsinniger, unvernünftiger, verdrehter Mensch, wenn auch

längst kein Dummer. Ich habe niemals irgend welche besondere Brutalität

an ihm bemerken können. Die übrigen Sträflinge verachteten ihn, doch

taten sie es nicht etwa seines Verbrechens wegen – davon war überhaupt

nicht die Rede –, sondern wegen seiner Einfalt, weil er sich nicht zu

„benehmen“ verstand. Unterhielt man sich mit ihm über dies und das, so

kam er nicht selten auch auf seinen Vater zu sprechen. Einmal, als wir

von der Gesundheit sprachen, die in seiner Familie erblich sei, fügte er

noch beiläufig hinzu:

„Mein Vater zum Beispiel hat bis zu seinem Tode kein einziges Mal über

Krankheit geklagt.“

Eine dermaßen tierische Gefühllosigkeit scheint natürlich kaum

glaublich: das war geradezu ein Phänomen. Wer weiß, ob ihr nicht irgend

eine unglückliche Veranlagung, eine körperliche oder sittliche

Mißgestaltung, die von der Wissenschaft noch nicht erforscht ist,

zugrunde liegt, und wir folglich kein gewöhnliches Verbrechen vor uns

haben. Zuerst glaubte ich es gar nicht, daß er ihn ermordet habe. Es

waren da aber auch Leute aus derselben Stadt, die alle Einzelheiten des

Falles kannten und mir den ganzen Prozeß erzählten. Die Tatsachen waren

dermaßen klar, daß sie jeden Zweifel an seiner Schuld ausschlossen. Und

einmal hatten die anderen Sträflinge gehört, wie er nachts im Traum

geschrieen hatte:

„Halt ihn, halt ihn! Hau’ ihm den Kopf ab, den Kopf, den Kopf!“

Fast alle Sträflinge sprachen im Traum und phantasierten viel. Von

Messern und Äxten träumte ihnen offenbar nicht selten und Schimpfworte

und Banditenjargon hörte man in jeder Nacht.

„Wir sind unter der Knute,“ sagten sie zuweilen, „die liegt auch auf

unserem Inneren, darum schreien wir auch in der Nacht.“

Die staatliche Zwangsarbeit war für sie keine Beschäftigung, sondern

eine Pflicht: der Sträfling arbeitete seine Zeit ab oder drückte sich um

die Arbeit in den festgesetzten Stunden, so gut es ging, herum und

kehrte dann in den Ostrogg zurück. Die Zwangsarbeit rief in ihnen nur

Haß hervor. Doch ohne eine besondere, eigene Beschäftigung, der er sich

mit seiner ganzen Seele und seiner ganzen Vernunft hingeben kann, würde

es kein Mensch im Ostrogg aushalten. Und das ist ja auch nur zu

begreiflich, denn wie hätte sich sonst dieses ganze, immerhin

entwickelte Volk, das stürmisch gelebt hatte, das Leben liebte und leben

wollte, das hier gewaltsam in einen Haufen zusammengetrieben, das

gewaltsam von der Gesellschaft und dem normalen Leben abgetrennt worden

war, – wie hätte sich dieses Volk hier normal und regelrecht nach

eigenem Willen und Verlangen anders einleben können? Schon allein durch

den Müßiggang würden sich in ihm bald verbrecherische Eigenschaften

entwickelt haben, von denen früher vielleicht mancher nichts geahnt

hatte. Ohne Beschäftigung und ohne gesetzmäßiges, normales Eigentum kann

der Mensch nicht leben: er verdirbt und wird zum Tiere. Und darum hatte

ein jeder im Ostrogg – wohl aus dem Gefühl der Selbsterhaltung und dem

natürlichen Bedürfnis heraus – seine eigene, besondere Beschäftigung,

sein eigenes Handwerk.

Der lange Sommertag war von der Zwangsarbeit ganz und gar ausgefüllt; in

der kurzen Nacht konnte man sich kaum ausschlafen. Im Winter aber mußten

die Arrestanten vorschriftsmäßig schon früh, sobald es nur zu dunkeln

begann, im Ostrogg eingeschlossen werden. Was sollte man nun an diesen

langen, langweiligen Winterabenden beginnen? Und so verwandelte sich

denn jede Kaserne, trotz des Verbots, in eine große Werkstube. Das

heißt, Arbeit an sich war ja nicht verboten; verboten war aber aufs

strengste, irgendwelche Instrumente bei sich zu haben oder überhaupt in

der Kaserne zu besitzen; ohne diese war jedoch auch jede Arbeit

unmöglich. Daher wurde nur heimlich gearbeitet, doch die Wache schien es

in der Beziehung nicht immer sehr genau mit der Vorschrift zu nehmen.

Viele Sträflinge hatten früher nichts gelernt und waren in den Ostrogg

gekommen, ohne auch nur irgend etwas Rechtes zu verstehen. Da gab es nun

Schuhmacher und Schneider, Tischler und Schlosser, Bildschnitzer und

Vergolder. Auch gab es einen Juden unter ihnen, Issai Bummstein, der

Juwelier und Wucherer zugleich war. Alle mühten sie sich und verdienten

sich ihre paar Kopeken. Die Aufträge kamen aus der Stadt. Geld ist

gemünzte Freiheit und daher für einen Menschen, der jeder Freiheit

beraubt ist, zehnmal wertvoller, als einem Freien. Wenn es nur in seiner

Tasche klingt, so ist er schon halbwegs getröstet, selbst wenn er es

nicht einmal ausgeben kann. Nur ist es Tatsache, daß man Geld immer und

überall ausgeben kann, umsomehr, als die verbotene Frucht doppelt so süß

ist. Im Ostrogg aber konnte man sogar Branntwein dafür erstehen. Pfeifen

waren strengstens verboten und doch wurden sie von allen geraucht. Geld

und Tabak bewahrten vor Skorbut und anderen Krankheiten, und die Arbeit

bewahrte vor Verbrechen. Ohne Arbeit hätten die Sträflinge sich

gegenseitig aufgefressen, wie die Spinnen im Glase.

Nichtsdestoweniger war Geld und eigene Arbeit verboten und nicht selten

wurden mitten in der Nacht ganz plötzlich Durchsuchungen vorgenommen;

alles Verbotene wurde konfisziert, und selbst das Geld, wie sorgfältig

es auch versteckt werden mochte, fiel den Durchsuchenden bisweilen doch

in die Finger. Das war auch teilweise der Grund, warum es nicht gespart,

sondern baldmöglichst vertrunken wurde, und aus demselben Grunde kam

denn auch der Branntwein in den Ostrogg. Nach jeder Durchsuchung wurde

der Schuldige, abgesehen davon, daß er sein ganzes Kapital verlor, auch

noch schmerzhaft bestraft. Aber nach jeder Durchsuchung wurde das

Notwendigste sofort ersetzt und alsbald gab es neue Sachen und alles war

wieder beim Alten. Das wußten auch die Vorgesetzten, doch nahmen sie es

ebenso gleichmütig hin, wie die Sträflinge ihre Strafe, über die sie

nicht einmal murrten, obgleich doch ein solches Leben demjenigen der

Ansiedler auf dem Vesuv nicht unähnlich war.

Wer kein Handwerk verstand, wählte sich einen anderen Erwerbszweig,

häufig einen sehr originellen. Einige beschäftigten sich zum Beispiel

nur mit Auf- und Verkauf, also mit Zwischenhandel, doch womit sie

handelten waren meistens Sachen, bei deren Anblick einer, der außerhalb

des Ostrogg lebt, nie und nimmer auf die Idee käme, – nicht etwa, daß

man so etwas kaufen oder gar verkaufen konnte, sondern daß so etwas

überhaupt ein Gegenstand war. Aber man war eben sehr arm und dabei sehr

gewerbtätig. Selbst die letzten Lumpen hatten noch ihren Wert und

konnten, wie man sieht, doch noch zu etwas verwandt werden. Infolge der

Armut hatte auch das Geld einen ganz anderen Wert im Ostrogg, als

draußen in der freien Welt. Eine große und komplizierte Arbeit wurde mit

Kopeken bezahlt. Einige etablierten sich als Kreditbanken und trieben

ihren Wucher mit gutem Erfolg. Hatte ein Sträfling alles durchgebracht,

oder hatte er nach einer Durchsuchung „bankrott gemacht“, so trug er

seine letzten Sachen zum Wucherer, und erhielt von diesem zu ungeheuren

Prozenten nur wenige Kupferstücke. Konnte er seine Sachen nicht vor dem

Termin einlösen, so wurden sie unverzüglich und unbarmherzig verkauft.

Ja, der Wucher blühte dermaßen, daß selbst dem Staate gehörende

Gegenstände, wie z. B. Wäsche, Stiefel usw., verpfändet wurden, Sachen,

die ein jeder Sträfling in jedem Augenblick brauchte. Doch geschah es

bisweilen, daß diese Versatzgeschäfte eine andere Wendung nahmen, die

indes nicht ganz unerwartet kam. Der Sträfling, der seine letzten Sachen

verpfändet und dafür Geld empfangen hatte, ging darauf unverweilt, und

ohne ein Wort zu reden, zum ältesten Unteroffizier, dem nächsten

Vorgesetzten des Ostrogg, und meldete ihm, daß er seine staatlichen

Kleidungsstücke versetzt habe, die dann von diesem unverzüglich dem

Wucherer wieder abgenommen wurden, sogar ohne daß vorher die höheren

Vorgesetzten von dem Vorfall benachrichtigt worden wären. Interessant

war, daß es dabei nicht einmal zu einem Streit kam: der Wucherer gab

schweigend und verdrossen das Betreffende zurück, und es hatte sogar den

Anschein, als habe er selbst einen solchen Ausgang erwartet. Vielleicht

gestand er sich unwillkürlich, daß er an Stelle des Verpfänders wohl

ebenso gehandelt haben würde. Und wenn er dann später auch einmal

darüber schimpfte, so tat er es eigentlich ohne jeden Groll, er

schimpfte sich einfach aus, um sich das Herz zu erleichtern.

Gestohlen wurde entsetzlich viel. Fast jeder besaß seinen eigenen

verschließbaren Kasten, in dem er die ihm zugeteilten Kleidungsstücke

aufbewahrte; das war erlaubt. Diese Kasten retteten nichts. Ich glaube,

man wird sich leicht denken können, wie geschickt diese Diebe waren. Mir

selbst stahl ein Sträfling, der mir aufrichtig zugetan war (ich sage es,

ohne mir dabei etwas einzubilden), meine Bibel, das einzige Buch, das

man im Ostrogg besitzen durfte. Er gestand es mir noch am selben Tage

ganz naiv, doch tat er es nicht etwa aus Reue, sondern nur aus Mitleid

mit mir, da ich sie lange vergeblich suchte.

Unter anderem gab es auch Weinhändler, die Branntwein verkauften und

damit gute Geschäfte machten. Auf diesen Erwerbszweig werde ich noch

besonders zu sprechen kommen, zumal er in seiner Art nicht uninteressant

ist. Auch gab es viele wegen Schmuggels Verurteilte, und so braucht es

einen denn auch nicht zu wundern, daß trotz aller Durchsuchungen,

Schildwachen und Aufseher dennoch Branntwein in den Ostrogg gelangte.

Der Schmuggel ist seinem Charakter nach eine ganz besondere

Gesetzübertretung. Zum Beispiel, kann man sich vorstellen, daß das Geld,

das Verdienst bei den meisten Schmugglern eine ganz nebensächliche Rolle

spielt, oder für sie wenigstens erst in zweiter Linie in Betracht kommt?

Und doch verhält es sich in den meisten Fällen tatsächlich so. Der

Schmuggler schmuggelt aus Leidenschaft, weil der Hang dazu ihm angeboren

ist. In gewisser Beziehung ist er förmlich ein Dichter. Er riskiert

alles, er begibt sich in die größte Gefahr, er erfindet, er versucht

sich aus der Schlinge zu ziehen, er stellt noch anderen Fallen –

mitunter tut er es sogar wie auf höhere Eingebung. Die Leidenschaft des

Schmugglers ist nicht geringer als die des Kartenspielers.

Ich kannte im Ostrogg einen Sträfling von ungeheurem Körperbau, der aber

so sanft, so still und bescheiden war, daß man sich erstaunt fragte, für

welches Vergehen ein solcher Mensch wohl zur Zwangsarbeit verurteilt

sein mochte. Er war dermaßen friedlich und gutmütig, daß er sich während

seiner ganzen Strafzeit im Ostrogg mit keinem einzigen gezankt hat. Er

stammte von der westlichen Grenze, war wegen Schmuggels verurteilt

worden und konnte, versteht sich, auch im Ostrogg nicht von seiner

Leidenschaft lassen, und so schmuggelte er Branntwein. Wie oft war er

dafür schon bestraft worden und wie fürchtete er die Ruten! Und dabei

brachte ihm dieser Schmuggel nur sehr wenig ein, sogar lächerlich wenig.

Der Branntwein machte nur den „Entrepreneur“ reich. Aber der Sonderling

liebte die Kunst um der Kunst willen. Er war weinerlich wie ein Weib und

wie oft schwor er sich nach einer neuen Strafe, nie wieder etwas

durchzuschmuggeln und männlich bezwang er sich zuweilen einen ganzen

Monat, bis – bis er es doch nicht aushielt ... Dank solcher Käuze war

der Ostrogg stets mit Branntwein versorgt.

Endlich gab es auch noch eine Einnahme, die die Sträflinge zwar nicht

reich machte, dafür aber beständig und wohltuend war: die Almosen. Die

höheren Klassen unserer Gesellschaft können sich keine Vorstellung davon

machen, wie die Kaufleute, Bürger und unser ganzes Volk für die

„Unglücklichen“ sorgt! Es werden fast ununterbrochen milde Gaben

gegeben, die meistens in Brot, Semmeln, Kalatschen bestehen, selten in

Geld. Ohne diese Gaben hätten es die Gefangenen, besonders diejenigen,

welche in Untersuchungshaft sind, und daher viel strenger gehalten

werden, als die Verurteilten, an vielen Orten gar zu schwer. Das

Geschenkte wird von den Sträflingen gewissenhaft zu gleichen Teilen

verteilt. Reicht es nicht für alle, so werden die einzelnen Kalatschen

in gleichgroße Stücke geschnitten, zuweilen sogar in ganze sechs, aber

jeder Gefangene erhält unbedingt seinen peinlich genau abgemessenen

Anteil.

Ich entsinne mich noch, wie ich zum erstenmal ein Almosen erhielt. Es

war bald nach meiner Ankunft im Ostrogg. Ich kehrte von der Morgenarbeit

ganz allein mit einem Soldaten unserer Wache zurück und da begegneten

mir unterwegs eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter, einem etwa

zehnjährigen Mädchen, das wie ein Engel reizend war. Ich hatte beide

schon einmal gesehen. Die Mutter war eine Soldatenwitwe. Ihr Mann, ein

junger Soldat, war während seiner Untersuchungshaft im Lazarett

gestorben, als auch ich dort in der Gefangenenabteilung lag. Die Frau

und sein Töchterchen waren zum Abschied hingekommen, und beide hatten

sie herzbrechend geweint. Als nun die Kleine mich erblickte, errötete

sie und flüsterte der Mutter schnell etwas zu; die blieb sogleich

stehen, suchte ihr Schnupftuch hervor, löste den Knoten und gab der

Kleinen eine Viertelkopeke, die mir sogleich damit nachgelaufen kam:

„Da, Unglücklicher, nimm um Christi willen dies Kopekchen!“ sagte sie,

indem sie mir gerade vor die Füße lief und sich bemühte, mir die kleine

Münze in die Hand zu drücken. Ich nahm ihr „Kopekchen“ und die Kleine

kehrte vollauf befriedigt zu ihrer Mutter zurück. Ich habe lange die

kleine Münze aufbewahrt.

II.

Die ersten Eindrücke

Der erste Monat und überhaupt die erste Zeit meines Aufenthaltes im

Ostrogg stehen selbst jetzt noch wie lebendig vor mir. Alle meine

späteren Gefängnisjahre sind mir viel verschwommener, ungenauer in der

Erinnerung geblieben. Einiger von ihnen kann ich mich fast gar nicht

mehr erinnern, sie haben sich gleichsam mit den anderen vermischt, als

wären sie ineinander geflossen, und alles, was mir von ihnen in der

Erinnerung geblieben, ist nur eine einzige große Empfindung: die der

Schwere, Einförmigkeit, Bedrücktheit.

Aber alles, was ich in den ersten Tagen meiner Kátorga durchlebt habe,

ist mir, als wäre es gestern gewesen. Und das ist ja auch ganz

verständlich.

Ich erinnere mich deutlich, daß mich schon beim ersten Schritt in dieses

Leben vor allem Eines stutzig machte: daß ich, wie es mir schien, nichts

besonders Auffallendes, Ungewöhnliches, oder richtiger, Unerwartetes in

ihm fand. Ich glaubte alles auch schon früher in der Phantasie so

gesehen zu haben, als ich noch auf dem Wege nach Sibirien mein Schicksal

im voraus zu erraten suchte. Doch das änderte sich bald: eine Unmenge

der allerunerwartetsten Seltsamkeiten, der ungeheuerlichsten Tatsachen

machte mich bald bei jedem Schritt von neuem stutzig. Die ganze Eigenart

aber, dies ganze Ungeahnte eines solchen Lebens, ging mir erst viel,

viel später in seiner vollständigen Neuheit auf, nachdem ich schon lange

im Ostrogg gelebt hatte, und dann wunderte ich mich immer mehr darüber.

Ich muß gestehen, diese Verwunderung hat mich während der ganzen langen

Zeit meiner Verbannung nicht verlassen, ich konnte mich niemals von ihr

befreien.

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