Als ich eintrat, saß Alexander Petrowitsch mit der Kleinen a

F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke

Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski,

Dmitri Philossophoff und anderen

herausgegeben von Moeller van den Bruck

Übertragen von E. K. Rahsin

Zweite Abteilung: Achtzehnter Band

F. M. Dostojewski

Aus einem Totenhause

München und Leipzig R. Piper & Co. Verlag

R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1917

Copyright 1917 by R. Piper & Co., G. m. b. H.,

Verlag in München und Leipzig

Druck von Mänicke u. Jahn, Rudolstadt.

Inhalt

Zur Einführung. Bemerkungen über sibirische Möglichkeiten von VII

Moeller van den Bruck

Vorwort XV

Alexander Petrowitsch Goräntschikoff 1

Erster Teil 11

1. Kap. Das Totenhaus 13

2. „ Die ersten Eindrücke 40

3. „ Die ersten Eindrücke, Fortsetzung 71

4. „ Die ersten Eindrücke, Fortsetzung 99

5. „ Der erste Monat 129

6. „ Der erste Monat, Fortsetzung 156

7. „ Neue Bekanntschaften. Petroff 181

8. „ Entschlossene Menschen. Lutschka 205

9. „ Issai Fomitsch. Das Bad. Die Erzählung Bakluschins 218

10. „ Das Weihnachtsfest 248

11. „ Die Theateraufführung 276

Zweiter Teil 313

1. Kap. Das Lazarett 315

2. „ Das Lazarett, Fortsetzung 342

3. „ Das Lazarett, Fortsetzung 368

4. „ Der Mann der Akulka. Eine Erzählung 399

5. „ Die Sommerzeit 418

6. „ Die Tiere unseres Ostrogg 448

7. „ Der Streik 471

8. „ Die Kameraden 502

9. „ Die Flucht 528

10. „ Die Entlassung aus dem Ostrogg 553

Zur Einführung. Bemerkungen über sibirische Möglichkeiten

Die Geschichte ist im Grunde eine einzige Aufeinanderfolge neuer

Völkermöglichkeiten. Die Erde ist den Menschen gegeben, aber die

Menschen, die Völkerbildungen, sind der Erde aufgegeben. Rassen schieben

sich auf ihr durcheinander und erzeugen neue Rassen, Nationen prallen

aneinander, tauchen hoch und verschwinden. Und erst dadurch, daß diese

Rassen und Nationen sich äußern in Kulturen, ändert sich der Anblick der

Erde. Mit dem Entstehen von Kulturen brechen Landschaften auf zu ihrer

höchsten Blüte, und mit ihrem Untergange zerfallen sie in Sand und Öde.

So kann man die Geschichte der Erde an ihren Völkern erkennen. Und wenn

man von einem Lande, das noch nicht in die Geschichte eingetreten, doch

gleichwohl vorhanden ist, voraussagen soll, ob es eine Zukunft haben

wird, und welche Zukunft, so kann man die Antwort bereits herauslesen

aus der Art seiner Bevölkerung. Klima, Fauna, Flora, oder was ein Volk

sonst an Eigentümlichkeiten in einem Lande vorfindet, sind ihm immer nur

Mittel zu seiner Kultur. Das Volk selbst dagegen ist die seelische

Macht, die diesen Zweck nicht nur erreicht, sondern auch ursprünglich

schafft. Und seine Zukunft kann stets nur die Vergrößerung seiner

angeborenen Volksart sein, und ihre Übertragung und Anwendung auf die

allgemein geschichtlichen Vorgänge und Zufälle, die es im Wandel der

Entwicklung kreuzen wird. Natürlich kann es sich dabei nicht um die

genaue Vorausbestimmung einzelner Daten handeln, sondern nur um die

einer bestimmten Haltung, die das Volk in allen Wechselfällen einnehmen

wird. Seine Art zu fühlen, zu denken, zu handeln kündigt sich früh schon

an und ist dann bis zu einem gewissen Grade nicht nur unverlierbar,

sondern auch bestimmend für alle Zukunft. Und ebenso scheint die Art

seiner großen Männer, seiner Helden und Genies, bereits vorgebildet zu

sein, nicht dem Namen und dem Geburtstag, wohl aber der Seele nach. In

dem Sinne dieser Zusammenhänge sind dann die ersten aufgezeichneten

Äußerungen, die wir aus einem jungen Volke heraus haben, oder mehr noch,

von einem bereits höher stehenden Standpunkte aus über das Volk, so

ungemein bezeichnend. Man kann ohne weiteres sagen, daß Tacitus in der

„Germania“ bereits den Charakter nicht nur der Germanen überhaupt,

sondern gerade auch der Deutschgermanen, im Gegensatze zu den

Europagermanen der Völkerwanderung, ein- für allemal festgelegt hat.

Doch ist das immerhin eine Feststellung, die wir heute, auf dem Wege des

Rückschlusses, von einer Gegenwart und Wirklichkeit gewordenen Zukunft

aus auf die Vergangenheit vornehmen. Einen Einblick in einen werdenden

Rassecharakter dagegen können wir haben, wenn wir sehen, wie die Art der

jüngsten Rasse, der Yankees, schon in den ersten Aufzeichnungen über

sie, etwa im „Leben“ Franklins, mit einer unbedingten Formung, und man

könnte hier wirklich sagen Vorformung, sich typisch aufbaut. Und gar in

die Zukunft können wir schauen, in das Wachstum eines Volkes hinein, von

dem heute kaum mehr schon vorhanden ist, als die anthropologischen

Bestandteile, wenn wir Dostojewskis „Aufzeichnungen“ aus seiner

sibirischen Zeit unter dem Gesichtswinkel lesen, daß auch Sibirien

einmal eine Kultur haben wird, und daß das Volk, das sie zu schaffen

berufen ist, nicht nur die Russen sein werden, und erst recht

nicht die verschiedenen Turan-, Altan- und Mongoloidvölker,

Sibiriens Urbevölkerung, sondern auch hier wieder die sich

entwicklungsgeschichtlich ergebende Rassenmischung, das dereinstige Volk

der Sibirier.

* * * * *

Die Russen werden innerhalb dieser Rassenmischung nur die Bringer der

Kultur Sibiriens sein, so, wie sie die politischen Eroberer des Landes

waren. Freilich ist das ungeheuer viel, da die Russen der Kultur

Sibiriens damit von vornherein den allgemeinen Rassencharakter, einen

slavischen und allgemein arischen, zu geben vermögen – ganz wie einst

die einbrechenden Aryas dem Industale den indischen, die Griechen

Griechenland den hellenischen, die Römer Italien den lateinischen, die

Germanen Mitteleuropa den germanischen Rassecharakter gegeben haben. Und

geradeso, wie die geschichtlichen Arier in allen Ländern andere waren,

als die frühgeschichtlichen, wie die Deutschen heute nicht mehr Germanen

sind, sondern eben Deutsche, wird dann auch das Volk der Sibirier ein

anderes sein, als das Volk der Russen, von dem es urväterlicherseits

abstammt. Es wird ihm zunächst noch ähneln, wie heute etwa der Yankee

noch dem Engländer in Äußerlichkeiten – zu denen vorläufig auch die

Sprache gehört – ähnelt oder sogar gleich ist. Aber immer weiter werden

sich dann die beiden Völkerbildungen voneinander entfernen. Die Gewalt

der Jahrhunderte und die Not der Zeiten wird ganz verschiedene

Kraftherde mit ganz verschiedener Kraftrichtung aus ihnen machen. Die

politische Loslösung und Verselbständigung wird früher oder später

hinzutreten. Und schließlich wird Russen und Sibirier nur noch dasjenige

verbinden, was überhaupt unzerstörbar im Völkerleben ist: das

Rassenhafte, das gemeinsam Slavische, und namentlich auch, im Gegensätze

zu der umgebenden chinesischen und japanischen Welt, das gemeinsam

Arische. Die Gründe aber einer so andersartigen Entwicklung werden teils

die allgemein geschichtlichen, teils seelische gewesen sein. Die

geschichtlichen Gründe kennen wir. Sie liegen in der andersartigen

Vergangenheit Sibiriens. Kosakenscharen haben das Land einst erobert.

Iwan dem Grausamen wurde es geschenkt. Und früh schon war fast wichtiger

als seine Erschließung durch Handel und Hände Arbeit seine Verwendung

als Verbannungsort. Nach Sibirien entledigte man sich der

Hunderttausende von Opfern, die Rußlands dunkle und verzweiflungsvoll

suchende Geschichte forderte. Russen, Polen, Finnen, Esthen, Letten,

Deutsche, Schweden, ferner Angehörige der Donau-, Wolga- und

Kaukasusvölker sammelten sich in den sibirischen Kolonistenstädten. Und

es ist wohl ohne weiteres klar – hier gehen die geschichtlichen Gründe

in die seelischen über –, daß die Bestandteile, die auf diese Weise

abgestoßen wurden, auch den Persönlichkeiten nach andere sein mußten,

als die, welche abstießen. Hinzukamen Bauern, welche in der Heimat

darbten und nun sich aufrafften und freiwillig gingen, ferner

Abenteurer, Kaufleute, Händler. Alles in allem kamen nach Sibirien die

roheren, aber auch tätigeren und entschlosseneren Elemente, während die

gefügigeren und feineren, aber auch untätigeren und minder

entschlußkräftigen in Rußland zurückblieben. Und gesiebt und gewägt

wurden die ersteren dann noch nach den Gesetzen der Auslese und der

größeren Erhaltung der stärkeren Rasse. Die Schwächeren gingen unter

oder paßten sich an. Die Stärkeren erhielten sich und schlugen

artbestimmend in der Bevölkerung durch. „Es ist ja doch das

allerbegabteste, allerstärkste Volk in unserem ganzen russischen Volke!“

rief Dostojewski aus, als er seine „Aufzeichnungen“ schloß – begeistert,

und zugleich fast verzweifelnd bei dem Gedanken, daß eine so gewaltige

Kraft vertan werden mußte in Gefängnissen und Strafanstalten. Er

bedachte in dem Augenblick nicht, daß die Kraft, wenn sie auch oft für

Jahre und Jahrzehnte gebunden bleibt in Unfreiheit und angewiesen ist

auf eine scheinbar unnütze Beschäftigung, gleichwohl ihre Fortsetzung

findet in der Freiheit und in dem ungeheuren Spielraum, den gerade

Sibirien dem Menschen läßt. Für Dostojewski war ein Haus des Todes und

des Abschlusses, was in Wirklichkeit eines des Lebens und der Zukunft

ist. Solange die Verschickten in Fesseln sind, geht ihre Arbeit freilich

Sibirien so gut wie verloren. Aber das Geschlecht der Verschickten, der

Befreiten und ihrer Kinder und Kindeskinder, das bildet und zeugt dann

die sibirische Bevölkerung, und gibt ihr eine Muskulatur und vor allem

eine Sinnesart, die nur der asiatische, nicht der europäische Russe

besitzt. Aus dieser Bevölkerung heraus, aus der Durcheinanderwürfelung

ihrer Nationalitätenbestandteile, die dann die besten Rassebestandteile

naturgemäß an die Oberschicht und hier wiederum an die vordersten

Stellen wirft, ist heute schon gar manches an Menschenkraft und

Menschenwillen, gar manches, was in Rußland noch immer still und

gebunden liegt, in Sibirien schöpferisch und frei geworden. Die Bebauung

und Durchsittung des Landes gehört selbstverständlich vor allem hierhin.

Aber auch die Durchquerung des ungeheuren Gebietes durch die

transsibirische Eisenbahn, die zwar von Rußland unternommen, aber von

sibirischer Volkskraft und -arbeit getragen wurde, war eine wesentlich

sibirische Tat, die in die Geschichte Sibiriens gehört und denn auch

gerechterweise vor allem ihm zugute kommen wird. Nicht minder war der

russisch-japanische Krieg ein Ereignis, das, wenn überhaupt einen

Slaven, dann doch nur den Sibirier, und gerade den sibirischen Soldaten,

volklich und heimatlich ergriff, und das jedenfalls nicht Rußlands,

sondern immer nur Sibiriens Zukunft und Schicksal anging. Rußland wird

schließlich doch immer europäische Macht bleiben und seine politischen

Reibflächen und theokratischen Ziele im Balkan und in der Beherrschung

Konstantinopels und höchstens noch seine mystischen Berührungen in

Indien haben. Sibirien dagegen ist – man kann nicht sagen eine

europäische, und man kann nicht sagen eine asiatische Macht, – sondern,

jenseits des Ural und diesseits des Himalaja gelegen, von Natur durchaus

bestimmt, eine Macht für sich zu sein. Rußland, das ist der tiefe

Konservativismus des Slaventums. Sibirien dagegen, das ist der Umschlag

dieses Konservativismus in sein Gegenteil, und die Aufsammlung und

Auflösung all der revolutionären Elemente, die Rußland abstößt. Das

Tiefste, was Rußland geben wird, das wird es, aus dem latenten

Quietismus des Russen heraus, immer im Psychologischen und Religiösen

geben. Das Beste dagegen, was Sibirien zu geben haben wird, das wird,

aus der Pionierhaftigkeit seiner Bevölkerung heraus, immer Leben sein,

Werk, Arbeit und eine vielleicht sogar sehr bedeutende Kultur.

* * * * *

Dostojewski hatte noch nicht den sibirischen Standpunkt. Sein eigener

nationaler Standpunkt war der panslavistische, und die Möglichkeit,

daß der Ural einmal zwei slavische und gleichwohl völlig

verschiedene Kulturwelten scheiden würde, lag außerhalb seines

geschichtsphilosophischen Denkens. Er hat seine „Aufzeichnungen“ vom

russischen Standpunkt aus geschrieben, und mit den russischen ohne

weiteres den slavischen gleichgesetzt. Russen sind für sein Bewußtsein

die Menschen, die er schildert, nicht künftige Sibirier. Und geschildert

hat er sie in seiner Güte als begabt mit jener tiefen und völlig

amoralischen Menschlichkeit, die wohl noch lange Sibiriern und Russen

gemeinsam verbleiben und sie am längsten von anderen Nationalitäten und

Rassen unterscheiden wird. Aber trotzdem geht bereits ein Unterschied

durch die „Aufzeichnungen“ hindurch: schon stößt man in allem

Sibirischen überall auf frische seelische Neuwerte und ahnt den

Augenblick, in dem sie einmal sich selbst überlassen werden können. Von

den besonderen sibirischen Aufgaben freilich erfährt man in den

„Aufzeichnungen“ noch nichts, sondern nur von der besonderen Volksart.

Kein sibirisches Programmbuch hat Dostojewski mit ihnen gegeben, sondern

nur ein erstes anthropologisches und psychologisches Dokument für

Sibirien. Trotzdem war es von innerer Schicksalsmäßigkeit, daß

Dostojewski überhaupt nach Sibirien kam. Dadurch lernte der größte Russe

das Land einer großen slavischen Zukunft kennen und drückte es aus – und

zusammen mit dem Lande die Zukunft.

_Moeller van den Bruck._

Vorwort

Dostojewskis sibirische Verbannungsjahre waren 1849 bis 1859. In

Sibirien selbst schrieb und vollendete er kaum eine Dichtung. Nach der

Rückkehr wurden zunächst die beiden größeren satirisch-humoristischen

Novellen „Aufzeichnungen eines Unbekannten“ und „Aus den Mordassoffschen

Chroniken“ fertiggestellt, sowie der kürzere Roman „Die Erniedrigten und

Beleidigten“. Sie sind aus den Jahren 1859 und 1861. In den Jahren 1860

bis 1862 folgten alsdann die „Aufzeichnungen“: „Aus einem Totenhause“,

zu denen die Vorbereitungsarbeiten und ersten Skizzen freilich schon in

die Zeit von Dostojewskis sibirischem Aufenthalte zurückgehen.

E. K. R.

Alexander Petrowitsch Goräntschikoff

In den entlegenen Gebieten Sibiriens stößt man zuweilen inmitten der

Steppen, Berge oder undurchdringlichen Wälder auf kleine Städte von

tausend, zweitausend Einwohnern, mit unansehnlichen Holzhäusern, zwei

Kirchen, von denen die eine in der Stadt ist, die andere auf dem

Kirchhof, – Städte, die eher einem größeren Dorf aus der Umgegend

Moskaus als einer Stadt gleichen. Gewöhnlich sind sie mit Kreis-, Amts-

und anderen Richtern, Assessoren und allen dazugehörigen

Subalternbeamten hinlänglich versehen. Überhaupt ist der Dienst in

Sibirien trotz der großen Kälte recht wohlig und angenehm. Die Menschen

sind dort einfach, unliberal, die Institutionen alt, fest und durch

Jahrhunderte geheiligt. Die Beamten – die mit vollem Recht die Rolle

eines sibirischen Adels spielen – sind entweder einheimische,

eingefleischte Sibirier oder sie sind aus Rußland übergesiedelt,

größtenteils aus den Hauptstädten, aus Moskau oder Petersburg, verlockt

durch den nicht auf Abschlag des etatmäßigen Gehalts ausgezahlten

Vorschuß, das doppelte Reisegeld und verführerische Hoffnungen für die

Zukunft. Von ihnen bleiben diejenigen, die das Rätsel des Lebens zu

lösen verstehen, fast ausnahmslos in Sibirien und schlagen daselbst

vollauf befriedigt Wurzel, was ihnen denn auch in der Folge reiche und

süße Früchte einträgt. Die anderen dagegen, die Leichtsinnigen, die das

Rätsel des Lebens nicht zu lösen verstehen, denen wird Sibirien bald

langweilig, und dann pflegen sie sich vorwurfsvoll zu fragen, warum sie

überhaupt dorthin gefahren sind. Ärgerlich und ungeduldig dienen sie die

drei Jahre, ihre gesetzliche Dienstzeit, ab, bemühen sich nach deren

Ablauf unverzüglich um ihre Versetzung und kehren, Sibirien verfluchend

und verspottend, wieder in die Heimat zurück. Nur ist das durchaus

unrecht von ihnen, denn nicht nur als Beamter, sondern noch in mancher

anderen Beziehung kann man in Sibirien Glückseligkeit genießen. Das

Klima ist vorzüglich, es gibt dort viele außerordentlich reiche und

gastfreundliche Kaufleute, viele sehr wohlhabende Leute auch unter den

sibirischen Fremdvölkern. Die Damen blühen wie die Rosen und sind

sittlich bis zum Äußersten. Das Wild fliegt in den Straßen umher und

stößt von selbst auf die Jäger. Champagner wird unheimlich viel

getrunken. Der Kaviar ist wunderbar. Die Ernte bringt in manchen

Gegenden das Fünfzehnfache ein. Kurz, – es ist ein gesegnetes Land. Man

muß nur verstehen, dasselbe sich nutzbar zu machen. Und in Sibirien

versteht man’s.

In einem dieser lebenslustigen und zufriedenen Städtchen mit der

liebenswürdigsten Einwohnerschaft, die ich nie werde vergessen können,

war’s, daß ich Alexander Petrowitsch Goräntschikoff kennen lernte, einen

daselbst angesiedelten, aus Rußland gebürtigen Edelmann und

Gutsbesitzer, der nach der Ermordung seiner Frau Zwangsarbeiter zweiter

Klasse gewesen, und nun, nach Ablauf seiner Strafzeit von zehn Jahren,

still und verborgen sein Leben als Ansiedler in der Stadt K. zu Ende

lebte. Er war zwar einem nahegelegenen Amtsbezirk zugeteilt worden, doch

lebte er trotzdem in der Stadt, da er hier die Möglichkeit hatte, durch

Privatstunden wenigstens etwas für seinen Unterhalt zu verdienen. Solche

Lehrer, die einmal Zwangsarbeiter gewesen sind und sich später als

Ansiedler niedergelassen haben, sind keine Seltenheit in den sibirischen

Städten. Gewöhnlich unterrichten sie in der französischen Sprache, die

ja zum irdischen Leben so unumgänglich nötig ist, von der man aber ohne

diese zufälligen Lehrer in jenen fernen Gebieten kaum eine Vorstellung

hätte.

Das erstemal sah ich Alexander Petrowitsch im Hause des alten, sehr

verdienten Iwan Iwanytsch Grosdikoff, eines äußerst gastfreundlichen

hohen Beamten, der außerdem Vater von fünf Töchtern verschiedenen Alters

war, von Töchtern, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigten. Diesen

jungen Damen erteilte Alexander Petrowitsch französischen Unterricht,

und zwar viermal wöchentlich, die Stunde für dreißig Kopeken in Silber.

Mich interessierte sofort sein Äußeres. Er war ein auffallend bleicher

und hagerer Mensch, noch nicht alt – ich schätzte ihn auf ungefähr

fünfunddreißig Jahre – klein und schwächlich. Gekleidet war er stets

sehr sauber und nach europäischer Mode. Versuchte man mit ihm ein

Gespräch anzuknüpfen, so blickte er einen unablässig und sehr aufmerksam

an, vernahm mit strenger Höflichkeit, was man zu ihm sprach, als dächte

er über jedes Wort nach und als hätte man ihm mit der harmlosen Frage

eine schwere mathematische Aufgabe aufgegeben oder als wolle man ihm

irgend ein Geheimnis entlocken, bis er dann endlich antwortete, klar und

bestimmt, aber jedes Wort so abwägend, daß es einem plötzlich aus irgend

einem Grunde ungemütlich wurde und man schließlich froh war, wenn man

das Gespräch nicht weiterzuführen brauchte. Ich erkundigte mich gleich

darauf bei Iwan Iwanytsch nach ihm und erfuhr, daß Goräntschikoff

tadellos und sittlich lebe und daß anderenfalls Iwan Iwanytsch ihn, wie

es sich von selbst verstehe, niemals aufgefordert haben würde, seine

Töchter zu unterrichten. Er sei aber ungewöhnlich menschenscheu, ziehe

sich von allen zurück, sei sehr gelehrt, lese sehr viel, spreche jedoch

um so weniger und es sei überhaupt sehr schwierig, mit ihm ein Gespräch

zu führen. Manche wiederum versicherten, er sei positiv übergeschnappt,

gaben aber zu, daß diese Eigenschaft noch kein so großes Gebrechen wäre.

Auch hörte ich, daß viele der angesehensten Familien der Stadt Alexander

Petrowitsch gern liebevoll aufnehmen würden, daß er sogar nützlich sein

könne, Bittschriften verfassen u. a. m. Man war der Meinung, daß er in

Rußland keine geringe Verwandtschaft habe, vielleicht sogar längst nicht

mit den letzten Leuten verschwägert sei, doch wußte man gleichzeitig,

daß er seit seiner Verbannung alle Beziehungen zu seinen Angehörigen

abgebrochen hatte, – kurz, daß er sich selbst schade. Zudem war seine

Lebensgeschichte allgemein bekannt, und so erfuhr ich, daß er seine Frau

im ersten Jahr der Ehe aus Eifersucht erschlagen und sich selbst dem

Gericht angezeigt habe – weswegen er denn auch nur zu zehn Jahren

verurteilt worden war. Solche Verbrechen werden immer nur als

Unglücksfälle betrachtet und man bedauert die „Unglücklichen“. Doch

ungeachtet dessen mied der Sonderling alle und jeden und erschien unter

Menschen nur dann, wenn er Stunden zu geben hatte.

Ich kann nicht sagen, daß ich ihm von Anfang an besondere Aufmerksamkeit

geschenkt hätte. Mit der Zeit aber fing er an, mich zu interessieren, –

warum, weiß ich eigentlich selbst nicht. Es war etwas Rätselhaftes an

ihm. Ihn in ein Gespräch zu ziehen, war vollkommen unmöglich. Natürlich!

auf meine Fragen antwortete er jedesmal, und er tat es sogar in einer

Weise, als hätte er das Antworten für seine heiligste Pflicht gehalten;

nichtsdestoweniger fühlte ich mich nach einer solchen Antwort

gewissermaßen befangen, so daß ich es vorzog, weitere Fragen zu

unterlassen; und zudem erschien nach solchen paar Worten immer ein

Ausdruck von Leid und Abspannung in seinem Gesicht. Ich erinnere mich

noch, wie ich einmal an einem wundervollen Sommerabend zusammen mit ihm

von Iwan Iwanytsch nach Hause ging. Plötzlich fiel es mir ein, ihn auf

einen Augenblick zu einer Zigarette zu mir einzuladen. Es ist schwer zu

beschreiben, welch ein Entsetzen sich in seinem Gesicht ausdrückte. Er

war völlig fassungslos, murmelte ein paar unzusammenhängende Worte und

plötzlich stürzte er, nach einem wütenden Blick auf mich, in der

entgegengesetzten Richtung davon.

Ich wunderte mich. Seit der Zeit bemerkte ich, daß er jedesmal, wenn er

mich erblickte, zu erschrecken schien. Aber ich ließ nicht nach; es zog

mich etwas zu ihm, und eines Tages, ungefähr nach einem Monat, machte

ich mich auf und ging zu ihm hin. Das war natürlich recht dumm und

taktlos von mir. Goräntschikoff wohnte am äußersten Ende der Stadt bei

einer alten Kleinbürgerin, bei der außer ihm noch ihre schwindsüchtige

Tochter lebte. Diese Tochter hatte ein illegitimes Kind, ein nettes,

lustiges kleines Mädchen von zehn Jahren.

Als ich eintrat, saß Alexander Petrowitsch mit der Kleinen am Tisch und

unterrichtete sie im Lesen. Wie er mich erblickte, erschrak er dermaßen,

als hätte ich ihn auf einem Verbrechen ertappt. Er schien vollständig

den Kopf zu verlieren, sprang vom Stuhl auf und starrte mich an. Endlich

nahmen wir Platz. Er verfolgte unablässig jeden meiner Blicke, ganz als

argwöhnte er in jedem von ihnen irgend einen ganz besonderen

geheimnisvollen Sinn. Da erriet ich, daß er bis zur Krankhaftigkeit

mißtrauisch war. Er blickte mich haßerfüllt an, fast als wollte er

sagen: „Wirst du mich denn nicht endlich einmal in Ruh lassen?“ Ich

sprach über unser Städtchen und die laufenden Neuigkeiten: er schwieg

und lächelte gehässig. Es zeigte sich, daß ihm keine einzige der von

allen schon vielfach besprochenen Neuigkeiten bekannt war, ja daß er

sich nicht einmal für sie interessierte und wahrscheinlich überhaupt

nichts von ihnen wissen wollte. Ich sprach darauf vom Land und seinen

Bedürfnissen: er hörte mir schweigend zu, doch blickte er mich dabei

dermaßen sonderbar an, daß ich mich schließlich meines Gespräches

schämte. Bei der Gelegenheit habe ich ihm vielleicht auch noch mit

meinen Büchern und Zeitschriften tief weh getan: ich hatte sie gerade

von der Post abgeholt und bot sie ihm, so wie sie waren, noch

unaufgeschnitten, als Lektüre an. Er warf einen gierigen Blick auf das

Paket, änderte aber sofort seine Absicht und lehnte das Angebot mit der

Ausrede ab, er habe keine Zeit zum Lesen. Endlich verabschiedete ich

mich. Als ich ihn verließ, fühlte ich, wie eine unerträgliche Last von

meinem Herzen fiel. Ich schämte mich und es erschien mir sehr taktlos,

sich einem Menschen aufzudrängen, dessen einziger Wunsch es war, soweit

als möglich von aller Welt abgeschieden zu sein. Aber es war schon

geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen. Ich erinnere mich noch,

daß ich bei ihm so gut wie überhaupt keine Bücher bemerkt hatte. So

konnte es wohl kaum wahr sein, daß er viel las, wie man in der Stadt

allgemein glaubte. Indessen hatte ich zweimal spät in der Nacht beim

Vorüberfahren an seiner Wohnung noch Licht bei ihm gesehen. Was mochte

er denn eigentlich tun, wenn er bis zum Sonnenaufgang nicht schlief?

Schrieb er etwa? Und wenn er schrieb, – was mochte dann das wohl sein?

Die Umstände entfernten mich auf ganze drei Monate aus der Stadt. Als

ich zurückkehrte, war es bereits Winter geworden, und da erfuhr ich, daß

Alexander Petrowitsch im Herbst gestorben sei, gestorben wie er gelebt

hatte: einsam, ohne auch nur einmal den Arzt zu sich rufen zu lassen. In

der Stadt hatte man ihn schon so gut wie ganz vergessen, seine Wohnung

stand leer. Da begab ich mich unverzüglich zu der Hauswirtin des

Verstorbenen, in der Absicht, sie etwas auszuforschen. Ich wollte

wissen, womit sich ihr Mieter vorwiegend beschäftigt und ob er nicht

etwas geschrieben. Für ein Zwanzigkopekenstück brachte sie mir einen

ganzen Korb voll Papiere, die der Verstorbene hinterlassen. Die Alte

gestand, daß sie zwei Hefte schon verbrannt habe. Sie war ein

mürrisches, schweigsames Weib, aus dem schwer etwas Gescheites

herauszubekommen war. Über ihren Mieter konnte sie mir nichts Neues

sagen. Nach ihren Worten hatte er fast nie etwas gearbeitet und

monatelang weder ein Buch aufgeschlagen, noch die Feder in die Hand

genommen; dafür sei er ganze Nächte hindurch in seinem Zimmer auf- und

abgegangen, stets als dächte er über irgend etwas nach, zuweilen aber

habe er sogar mit sich selbst gesprochen. Sie fügte noch hinzu, daß er

ihre Großtochter, die kleine Katjä, lieb gewonnen habe und sehr gut zu

ihr gewesen sei, besonders seitdem er einmal erfahren hatte, daß sie

Katjä hieß, und am Katarinentag sei er regelmäßig zur Totenmesse

gegangen. Besuch habe er nicht ausstehen können und sein Zimmer habe er

nur verlassen, wenn er seine Privatstunden zu geben hatte. Ja er habe

sogar sie, seine Hauswirtin, scheel angesehen, wenn sie einmal in der

Woche gekommen sei, um sein Zimmer doch ein wenig gründlicher

aufzuräumen, und gesprochen habe er mit ihr in den ganzen drei Jahren

kaum ein Wort. Ich fragte auch die kleine Katjä, ob sie noch an ihren

Lehrer dachte. Sie sah mich schweigend an, wandte sich dann von mir ab,

zur Wand hin, und brach in Tränen aus. So hatte denn dieser Mensch doch

wenigstens in _einem_ Wesen Liebe zu sich zu erwecken vermocht.

Ich nahm seine Papiere an mich und durchsuchte und ordnete sie einen

ganzen Tag lang. Ungefähr drei Vierteile des Packens waren nichtssagende

Papierfetzen, meistens Schreibübungen seiner Schüler. Unter ihnen aber

fand ich ein Heft, ein ziemlich umfangreiches, das in kleiner Schrift

sehr eng vollgeschrieben war, doch fehlte leider der Schluß – vielleicht

war er aber auch schon zu Lebzeiten des Verfassers von diesem selber

fortgeworfen oder vergessen worden.

Es war das die Schilderung des zehnjährigen Sträflingslebens, zu dem

Alexander Petrowitsch verurteilt gewesen war. Das Ganze ziemlich

zusammenhanglos. Stellenweise war die Schilderung von anderen

Geschichten und Gesprächen unterbrochen, von irgend welchen seltsam

grausigen Erinnerungen, alles recht unausgeglichen niedergeschrieben,

fast als hätte ihn irgend etwas dazu gezwungen. Ich habe diese

Bruchstücke mehrmals durchgelesen und mich überzeugt, daß sie jedenfalls

in unnormalem Zustande geschrieben worden sind. Doch trotzdem schienen

mir seine Aufzeichnungen – die „Aufzeichnungen aus dem Totenhause“, wie

er sie selbst an einer Stelle nennt – nicht ganz uninteressant. Die für

uns völlig neue, bis jetzt noch nie beschriebene Welt, die er schildert,

die Seltsamkeit mancher Vorkommnisse, einige besondere Bemerkungen über

das dort eingeschlossene untergegangene Volk, – alles das fesselte mich

und ich las manches mit Interesse. Natürlich kann ich mich ja auch

täuschen. So wähle ich denn vorläufig einige Kapitel zur Probe aus; mag

dann der Leser selbst urteilen.

Erster Teil

I.

Das Totenhaus

Unser Gefängnis lag ganz am Rande der Festung, dicht am Festungswall.

Zuweilen sah man so durch die Zaunspalten in Gottes weite Welt hinein:

wirst du dort nicht irgend etwas sehen? – Doch was du sahst, war nur ein

Stückchen Himmel und der mit Steppengras bewachsene hohe Erdwall, auf

dem nur die Schildwachen tagaus, tagein und jede Nacht auf- und abgehen;

und gleich darauf denkst du, daß Jahre vergehen werden, du aber immer so

an den Zaun treten wirst, um wieder durch die Spalten zu lauern und

immer denselben Wall, dieselben Schildwachen und dasselbe kleine

Stückchen Himmel sehen wirst, nicht diesen Himmel, der über dem

Gefängnis ist, sondern jenen, den anderen, fernen, freien Himmel.

Man denke sich einen großen Hof von zweihundert Schritt Länge und

hundertundfünfzig Breite, der rings von einem hohen Pfahl- oder

Palissadenzaun in einem unregelmäßigen Sechseck umgeben ist. Diese hohen

Pfähle sind tief in die Erde eingerammt, fest aneinander gefügt,

außerdem durch verbindende Querplanken noch doppelt in ihrer senkrechten

Stellung gefestigt, und das obere Ende jedes Pfahles ist zugespitzt, –

das ist die äußere Einfriedung eines „Ostrogg“. An einer der sechs

Seiten befindet sich ein großes Tor, das stets verschlossen ist und Tag

und Nacht von Schildwachen bewacht wird. Dieses Tor wurde nur früh

morgens aufgemacht, wenn die Gefangenen zur Arbeit abmarschierten.

Hinter diesem Tor lag die helle freie Welt, dort lebten Menschen wie

alle. Aber diesseits der Umzäunung lag eine andere Welt, von der sich

die übrigen Menschen nur Vorstellungen wie von einem unmöglichen Märchen

machten. Hier war eine besondere Welt, die keiner einzigen anderen

glich, hier gab es besondere Gesetze, besondere Tracht, besondere Sitten

und Bräuche, es war ein lebendes Totenhaus, ein Leben, wie es in der

Welt nirgends eines gibt, und auch die Menschen waren hier besondere.

Diesen besonderen Winkel will ich nun zu beschreiben versuchen.

Wer den Ostrogg betritt, sieht innerhalb des Palissadenzauns mehrere

Gebäude. Zu beiden Seiten des breiten inneren Hofes liegen zwei

langgestreckte einstöckige Blockhäuser. Das sind die Kasernen. In ihnen

leben die Zwangsarbeiter, die in Abteilungen untergebracht sind.

Weiterhin liegt ein drittes ebensolches Blockhaus: das ist die Küche,

die gleichfalls in zwei Abteilungen geteilt ist. Und ganz im Hintergrund

befindet sich noch ein viertes Gebäude, in dem sich die Keller,

Vorratsräume und Schuppen befinden. Die Mitte des Hofes ist frei und

bildet einen gleichmäßigen, ziemlich großen Platz. Hier treten die

Sträflinge zweimal täglich an, hier findet die Zählung und der

Namensappell morgens, mittags und abends statt, zuweilen aber auch sonst

noch ein paar Mal am Tage – je nach dem Argwohn der Wachhabenden und

ihrer Übung im Zählen. Zwischen diesen Gebäuden und dem Palissadenzaun

bleibt noch ein ziemlich freier Raum. Hier hinter den Blockhäusern

pflegten einige von den Sträflingen, die verschlosseneren, düstereren

und menschenscheueren von ihnen, sich in den arbeitsfreien Stunden

aufzuhalten und ihren eigenen Gedanken nachzuhängen. Wenn ich ihnen dann

begegnete, versuchte ich immer, ihre düsteren, gebrandmarkten Gesichter

zu durchschauen und zu erraten, woran sie dachten. Unter ihnen gab es

einen, dessen Lieblingsbeschäftigung in diesen Mußestunden das Zählen

der Zaunpfähle war. Es waren im ganzen tausendfünfhundert Pfähle, er

aber kannte jeden einzelnen von ihnen auswendig. Jeder Pfahl bedeutete

für ihn einen Tag; an jedem Tage zählte er um einen Pfahl weiter, so daß

er an den übrigen noch nicht gezählten Pfählen anschaulich sehen konnte,

wieviel Tage ihm noch bis zur Freilassung blieben. Und er freute sich

wie ein Kind, wenn er mit einer der Seiten des Sechseckes fertig war. Er

hatte noch lange Jahre zu warten, aber im Ostrogg hatte man Zeit genug,

sich an das Warten zu gewöhnen. Einmal erlebte ich, wie ein Sträfling,

der zwanzig Jahre lang in der Kátorga[1] verbracht hatte, nun endlich

wieder in die Freiheit zurücksollte. Einige erinnerten sich noch seiner,

wie er zum erstenmal in den Ostrogg gekommen war, ein junger, sorgloser

Bursche, der weder an sein Verbrechen, noch an seine Strafe dachte. Er

verließ den Ostrogg als silberhaariger Greis mit einem düsteren,

traurigen Gesicht. Schweigend ging er in alle unsere sechs Kasernen, um

von den anderen Abschied zu nehmen. In jeder der sechs Kasernen betete

er zuerst vor den Heiligenbildern, dann verneigte er sich tief vor den

anderen und nahm Abschied von ihnen, mit der Bitte, seiner nicht im

Bösen gedenken zu wollen. Auch entsinne ich mich noch, wie einmal ein

Sträfling, der früher ein reicher sibirischer Landbauer gewesen war, in

der Abendstunde noch zum Tor gerufen wurde. Ein halbes Jahr vorher hatte

er die Nachricht erhalten, daß sein Weib sich wieder verheiratet habe,

und da war er darüber tief traurig geworden. An diesem Abend aber war

sie selbst zum Ostrogg gekommen, sie ließ ihn herausrufen und gab ihm

ein Almosen. Sie sprachen vielleicht nur zwei Minuten lang, beide

weinten sie, und dann nahmen sie auf ewig Abschied von einander. Ich sah

sein Gesicht, als er in die Kaserne zurückkehrte. Ja, an diesem Ort

konnte man es lernen, Geduld zu haben.

Sobald es dunkelte, wurden wir alle in die Kasernen geführt, wo man uns

für die ganze Nacht einschloß. Es fiel mir zuerst sehr schwer, vom Hof

in unsere Kaserne zurückkehren zu müssen. Das war ein langer, niedriger,

drückend heißer Raum, der nur matt von Talglichten erhellt wurde,

erfüllt von schwerem, erstickendem Geruch. Heute begreife ich nicht

mehr, wie ich zehn Jahre lang dort habe aushalten können.

Auf der langen Pritsche, auf der wir alle in zwei Reihen schliefen,

durfte ich nur drei Bretter einnehmen; das war alles, was an Platz mir

gehörte. Auf dieser Pritsche schliefen in unserer Stube an dreißig

Menschen. Im Winter wurden wir früh eingeschlossen, und dann dauerte es

mehr als vier Stunden, bis alle eingeschlafen waren. Bis dahin aber –

Geschrei, Spektakel, Gelächter, Geschimpf, das Gerassel der Ketten,

Qualm und Lampenruß, geschorene Köpfe, gebrandmarkte Gesichter,

zerlumpte Kleider, alles Entehrte, Verfemte ... Ja, zäh ist der Mensch!

Er ist ein Wesen, das sich an alles gewöhnt – und dies ist, glaube ich,

die treffendste Bezeichnung für ihn.

Im ganzen waren in unserem Ostrogg an zweihundertundfünfzig Sträflinge

untergebracht, das war die fast stehende Zahl der Arrestanten. Die einen

kamen, die anderen gingen, die dritten starben. Und was für

Menschenarten gab es dort nicht! Ich glaube, jedes Gouvernement, jeder

Landstrich Rußlands hatte seine Vertreter im Ostrogg. Auch Söhne fremder

Rassen waren dort, einige sogar aus den kaukasischen Bergvölkern. Alle

waren nach der Art ihres Verbrechens „sortiert“, und folglich auch nach

der Zahl der Jahre, zu denen man sie verurteilt hatte. Es ist

anzunehmen, daß es wohl kein Verbrechen gab, das hier nicht seinen

Repräsentanten besaß. Den Hauptbestandteil der ganzen Ostroggbevölkerung

machten die zur schweren Zwangsarbeit Verschickten aus (die

„Schwerverschickten“, wie sie sich selbst naiv benannten). Das waren

Verbrecher, die man aller Rechte beraubt hatte, verworfene Glieder der

Gesellschaft mit gebrandmarkten Gesichtern, die sie ewig als

Ausgestoßene kennzeichnen sollten. Sie waren auf acht bis zwölf Jahre

zur Zwangsarbeit verurteilt und nach Ablauf dieser Frist wurden sie als

Ansiedler in öde Gegenden verschickt. Auch gab es Verbrecher aus dem

Soldatenstande, die aber nicht aller Rechte beraubt waren, wie die in

den übrigen russischen Militärstrafkolonien. Sie wurden nur auf kurze

Zeit verschickt und kehrten nach Ablauf ihrer Strafzeit wieder dorthin

zurück, woher sie gekommen waren, in die sibirischen Linienbataillone.

Viele von ihnen kamen aber bald von neuem in den Ostrogg, infolge neuer

schwerer Vergehen, dann jedoch nicht mehr auf kurze Zeit, sondern auf

zwanzig Jahre. Die Sträflinge dieser Abteilung nannte man die

„Lebenslänglichen“. Doch selbst diese „Lebenslänglichen“ waren noch

nicht aller Rechte beraubt. Und dann gab es noch eine Abteilung der

gefährlichen Verbrecher, die größtenteils aus ehemaligen Soldaten

bestand und recht zahlreich war. Die hieß die „besondere Abteilung“. In

diese Abteilung wurden aus ganz Rußland Verbrecher geschickt. Sie

hielten sich selbst für „Ewige“ und kannten nicht einmal die Dauer ihrer

Zwangsarbeit. Nach der Vorschrift mußte die Zahl ihrer Arbeitsstunden

verdoppelt und verdreifacht werden. Sie wurden solange im Ostrogg

gehalten, bis die schwersten Zwangsarbeiten aufgenommen wurden. „Ihr

habt nur Stundenarbeit, wir aber sind ewig in der Kátorga“ – sagten sie

zuweilen zu den anderen Mitgefangenen. Später habe ich gehört, daß diese

Abteilung aufgehoben sei. Außerdem wurde in unserer Festung zu meiner

Zeit auch der Standesunterschied aufgehoben und eine allgemeine

militärische Arrestantenkompagnie eingeführt. Selbstverständlich erfuhr

bei der Gelegenheit auch die Oberleitung Veränderungen. So beschreibe

ich denn hier noch die alten Zeiten, die schon längst vergangen und

vergessen sind ...

Ja, alles, was ich hier erzähle, ist schon lange her, oft scheint es mir

jetzt, daß ich es nur im Traum gesehen. Ich erinnere mich noch, wie ich

zum erstenmal den Ostrogg betrat. Es dunkelte bereits, die Sträflinge

kehrten schon von der Arbeit zurück und ordneten sich in Reih und Glied

zur letzten Nachzählung.

Ein Unteroffizier mit einem starken Schnurrbart machte mir endlich das

Tor auf, und ich betrat den Ostrogg, in dem ich soviel Jahre verbringen,

soviele Empfindungen ertragen sollte, von denen ich, wenn ich sie nicht

selbst durchlebt hätte, mir niemals eine auch nur annähernd richtige

Vorstellung machen könnte. Zum Beispiel hätte ich mir nie denken können,

wie furchtbar und qualvoll es sein würde, in den ganzen zehn Jahren

meiner Sträflingszeit keinen einzigen Augenblick allein sein zu können.

Bei der Arbeit stets unter Aufsicht und Bewachung, im Ostrogg stets mit

zweihundertundfünfzig Schicksalsgenossen, und niemals, niemals allein!

Übrigens war das nicht das einzige, woran ich mich zu gewöhnen hatte!

Hier gab es verschiedene Verbrecher, zufällige Mörder und solche, die

sich das Morden zum Handwerk gemacht hatten, gewöhnliche Räuber und die

Führer ganzer Räuberbanden. Darunter gab es auch einfache Spitzbuben,

Taschendiebe und Landstreicher – Gewerbetreibende aller Art,

Geldwechsler und Falschmünzer, wie überhaupt viele Liebhaber

unverdienten Gutes. Auch gab es noch andere, bei denen es schwer war,

sich vorzustellen, für welche Vergehen sie wohl verurteilt sein könnten.

Und doch hatte ein jeder seine Geschichte, die dunkel und schwer war wie

der Dunst am nächsten Morgen, nach einem abendlichen Saufgelage.

Überhaupt wurde wenig von der Vergangenheit gesprochen, sie liebten es

nicht, davon zu erzählen und waren sichtlich bemüht, auch nicht daran zu

denken. Ich kannte unter ihnen Mörder, die immer heiter und überhaupt

nie nachdenklich waren, und man hätte wetten können, daß ihr Gewissen

ihnen noch keinen einzigen Vorwurf gemacht hatte. Es gab aber auch

finstere Gesichter, Verbrecher, die fast nur schwiegen. Im allgemeinen

kann man sagen, daß nur äußerst selten jemand seine Lebensgeschichte

erzählte, und es war auch nicht Mode, Interesse dafür zu bekunden, – das

war eben nicht Sitte, das war nicht „angenommen“. Es sei denn, daß

jemand einmal so aus Langeweile zu erzählen anfing und der andere ihm

kaltblütig und finster zuhörte. Niemand vermochte hier den anderen in

Erstaunen zu setzen. „Wir sind geschultes Volk,“ hörte man sie nicht

selten mit einer ganz eigentümlichen Selbstzufriedenheit sagen.

Ich weiß noch, wie einmal ein Räuber, der sich angetrunken – das konnte

man mitunter im Ostrogg –, zu erzählen begann, wie er einen fünfjährigen

Knaben ermordet hatte: zuerst habe er ihn mit einem Spielzeug angelockt,

dann in einen leerstehenden Schuppen geführt und dort ermordet. Da

schrie die ganze Kaserne, die bis dahin gelacht und heitere Unterhaltung

geführt hatte, wie aus einem Munde auf; aber nicht etwa aus Unwillen

schrieen sie, sondern so, – weil es „überflüssig“ war, „davon zu

sprechen,“ weil „davon“ zu reden „nicht angenommen“ war. Ich muß hier

bemerken, daß dieses Volk tatsächlich geschult war, und zwar nicht nur

im übertragenen, sondern auch im buchstäblichen Sinne des Wortes, denn

mindestens die Hälfte von ihnen konnte lesen und schreiben. An welch

einem anderen Orte, wo russisches Volk in großen Massen versammelt ist,

würde man einen Haufen von zweihundertundfünfzig Menschen abteilen

können, von denen über die Hälfte zu lesen und zu schreiben verstünde?

Später habe ich gehört, daß irgend ein Gelehrter auf Grund ähnlicher

Tatsachen zu beweisen versucht habe, daß die Schulbildung das Volk

verderbe. Das ist aber ein Irrtum: diese Tatsache beruht auf ganz

anderen Ursachen, obgleich – das muß ich allerdings zugeben – die

Schulbildung das Selbstvertrauen im Volke entwickelt. Aber das ist ja

durchaus kein Fehler.

Die verschiedenen Klassen der Verbrecher unterschieden sich auch in der

Kleidung: die einen hatten die rechte Hälfte der Jacke aus

dunkelbraunem, die linke aus grauem Stoff, und ebenso war das eine

Hosenbein braun, das andere grau. Einmal, als wir gerade außerhalb des

Ostrogg bei der Arbeit waren, schaute mich ein kleines Mädchen, eine

Semmelverkäuferin, von der wir etliche Weißbrote und Kalatschen

erstanden hatten, lange Zeit aufmerksam an und brach dann plötzlich in

Lachen aus:

„Pfui, wie das aussieht!“ sagte sie lachend, „der graue Stoff hat nicht

ausgereicht und der braune hat auch nicht ausgereicht!“

Andere Sträflinge trugen wiederum eine graue Jacke, deren Ärmel allein

aus dunkelbraunem Tuch waren. Auch der Kopf wurde verschieden geschoren:

es wurde immer nur die eine Hälfte abrasiert, bei einem die ganze linke

Seite, bei anderen nur der Vorderkopf.

Schon auf den ersten Blick konnte man eine gewisse Gemeinsamkeit in

dieser eigenartigen Familie bemerken. Sogar die Persönlichsten,

Unterschiedlichsten von ihnen, die ganz unwillkürlich über den anderen

standen, – selbst diese bemühten sich, in den allgemeinen Ton des ganzen

Ostrogg einzustimmen. Ich kann wohl sagen, daß dieses ganze Volk, nur

mit Ausnahme weniger unerschöpflich heiterer Gemüter, die sich dafür

auch der allgemeinen Verachtung erfreuten, auffallend düster, mürrisch,

neidisch, unglaublich ruhmsüchtig, großsprecherisch, empfindlich und im

höchsten Grade formell war. Die Fähigkeit, sich über nichts zu wundern,

war bei ihnen die größte Tugend. In dieser Beziehung waren sie geradezu

krankhaft. Die Hauptsache für sie war: wie man sich äußerlich benahm.

Doch oftmals verwandelte sich die aufgeblasenste Haltung mit wahrer

Blitzesschnelle in die allerkleinmütigste. Es gab auch einige wahrhaft

Starke unter ihnen; die aber waren einfach und verstellten sich nicht.

Doch eines war sonderbar! Unter diesen wahrhaft Starken gab es wiederum

einige, die bis zum Äußersten ruhmsüchtig waren, bis zur

Krankhaftigkeit. Überhaupt waren Ruhmsucht und das Äußere das Wichtigste

im Ostrogg.

Die Mehrzahl der Sträflinge war entsetzlich verderbt. Verleumdungen und

Klatschereien hörten nie auf: darin war der Ostrogg eine Hölle, eine

wahre Ausgeburt der Unterwelt. Aber gegen die einmal angenommenen Sitten

und Gesetze wagte niemand sich zu erheben; alle ergaben sich. Es gab

wohl schroff hervortretende Charaktere, die sich schwer, die sich nur

mit Mühe unterordneten, aber sie taten es doch.

Es kamen auch solche in den Ostrogg, die ihre Vergehen gewissermaßen gar

nicht selbst verübt zu haben schienen, als wüßten sie selbst nicht,

warum und wozu sie es getan, gleichsam im Fieber oder in der

Betrunkenheit; häufig hatten sie die Tat nur aus krankhaft gesteigerter

Ruhmsucht begangen. Denen wurde aber bei uns sofort ein anderer

Standpunkt klar gemacht, obgleich einzelne von ihnen vor ihrer Ankunft

im Ostrogg der Schrecken ganzer Dörfer und Ortschaften gewesen waren.

Jeder Neuling erkannte schon bald nach der ersten Umschau, daß er nicht

dorthin geraten war, wohin er zu kommen gemeint hatte, daß er hier

keinen mehr in Erstaunen setzen konnte, und so fügte er sich unmerklich

und stimmte in den allgemeinen Ton ein.

Dieser allgemeine Ton bestand äußerlich in einer ganz besonderen

persönlichen Würde, von der fast jeder Bewohner des Ostrogg völlig

durchdrungen zu sein schien, ganz als ob die Benennung „Sträfling“ oder

„Verurteilter“ tatsächlich irgend ein Titel gewesen wäre, womöglich noch

ein Ehrentitel. Kein einziges Anzeichen von Scham oder Reue! Übrigens

gab es doch eine gewisse äußere Unterwerfung, ein sozusagen offizielles,

ruhiges Renommieren.

„Wir sind verlorenes Volk,“ sagten sie, „wer nicht konnt’ in Freiheit

leben, mag jetzt harte Straßen gehen.“ – „Wer Vater und Mutter nicht hat

gehorcht, der gehorche jetzt dem Trommelfell.“ – „Hast du nicht

freiwillig arbeiten gewollt, so klopfe jetzt Steine entzwei.“ Solche und

ähnliche Sätze wurden sehr oft gesagt, sowohl als Sittenlehre wie auch

als gewöhnliche Redensart, niemals aber wirklich ernst gemeint. Es waren

eigentlich nur leere Worte, denn es ist kaum anzunehmen, daß auch nur

einer von ihnen sich seine Gesetzwidrigkeit bewußt eingestand. Es hätte

nur jemand von den Nichtsträflingen gewagt haben sollen, einem von ihnen

sein Verbrechen vorzuhalten, ihn einmal deswegen zu schelten (wenn es

auch nicht russisch ist, einem Verbrecher Vorwürfe zu machen) – das

Schimpfen würde dann kein Ende genommen haben! Und welche Künstler waren

sie alle im Schimpfen! Sie schimpften sich geradezu raffiniert,

meisterhaft! Das Schimpfen war bei ihnen zu einer ganzen Wissenschaft

geworden; sie bemühten sich, nicht so sehr mit dem kränkenden Wort zu

treffen, als mit dem kränkenden Sinn, der Zusammenstellung des Ganzen,

der „Idee“! – Das aber ist noch verfeinerter und folglich um so

verletzender. Und die ununterbrochenen Streitigkeiten dienten natürlich

nur dazu, um diese Kunst unter ihnen noch mehr zu entwickeln. Alle

diese Sträflinge arbeiteten unter dem Stock, so ist es denn

selbstverständlich, daß sie faul waren, liederlich und verderbt; selbst

wenn sie es früher nicht gewesen waren, so wurden sie es hier im

Ostrogg. Alle waren sie hier nicht durch eigenen Willen versammelt, alle

waren sie einander Fremde.

„Der Teufel hat wenigstens drei Paar Bastschuhe durchgelaufen, bevor er

uns in einen Haufen zusammengebracht!“ sagten sie von sich selbst, und

so waren denn Klatsch, Intrigen, Verleumdungen, Neid, Hader und jede

Niedertracht in diesem Höllenleben an der Tagesordnung. Kein altes Weib

hätte so weibisch sein können, wie es einige von diesen Seelenmördern

waren. Ich wiederhole, es gab unter ihnen auch starke Charaktere, die

abgehärtet und furchtlos waren, die ihr ganzes Leben lang gewohnt

gewesen, zu herrschen und zu fordern. Diese wurden auch von den anderen

Mitgefangenen unwillkürlich geachtet, sie aber gaben sich doch Mühe,

obwohl sie auf ihren Ruhm bisweilen sogar sehr eifersüchtig waren, im

großen ganzen den anderen nicht zur Last zu werden. Auf nichtigen Streit

ließen sie sich überhaupt nicht ein, wahrten stets eine auffallende

Würde in ihrem ganzen Gehaben, waren vernünftig und fast immer der

Obrigkeit gehorsam, – doch nicht etwa aus dem Prinzip zu gehorchen,

sondern wie nach einem stillschweigenden Übereinkommen, weil es für

beide Teile so das Beste war. Übrigens ging man mit ihnen auch

vorsichtig um.

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