Stolberg sie 1775 nachahmte (Anzeiger für deutsches Alterthum 2, 284).
Sonst lässt sich äusserlich nichts feststellen, nur dass im Jahre 1775
nicht mehr sehr viel entstanden sein wird, da Jacobi im Fragment so
wenig neues fand. Er rechnet am 12. April 1791 sechzehn Jahre zurück.
Also hat ihm Goethe im Januar oder Februar 1775, wo ihn Jacobi besuchte,
das meiste vorgelesen.
Heinrich Leopold Wagner kam zur Zeit der Herbstmesse 1774 nach Frankfurt
(Erich Schmidt, zweite Ausg. 16); und die Mittheilung des Faust an ihn
muss vor dem April 1775 (ibid. 39) stattgefunden haben. Das was er in
der Kindermörderin entlehnte, gibt ein vollgiltiges Zeugnis für die
Existenz der betreffenden Goetheschen Scenen, aber gar nicht für ihre
Existenz in Versen. Dennoch lohnt es darauf zu achten (vgl. ibid 79).
Nur innerhalb der Scenen, die von Gretchen handeln, haben wir ihn zu
suchen, also in V-XVII. Aber in V-XII finden wir ihn nicht; die
Anknüpfung des Verhältnisses ist ganz anders, nur dass der Intrigant
Hasenpoth als der Verführer und Helfershelfer erscheint und den
grosssinnigen Wallungen des Schuldigen ebenso spöttisch gegenüber steht
wie Mephisto. Die Kupplerin Marthe erinnert nur entfernt an das Bordell,
ihr Name findet sich allerdings als Frau Marthan bei der Katastrophe
wieder. Aber zu XIII vergleicht sich der Schlaftrunk, den auch bei
Wagner die Mutter bekommt, während die Unschuld fallt. Zu XIV: Lissel
heisst das Dienstmädchen bei Humbrechts; auch dort ist von einer anderen
Gefallenen die Rede, und das wirkt auf Eva zurück. Zu XVI: Eva voll
Jammer in ihrer Kammer; doch ist die Aehnlichkeit zu vag um den Schluss
zu gestatten, dass Wagner die Scene gekannt haben müsse. Zu XVII: Eva
wird in der Kirche ohnmächtig, als die Verordnungen über Kindesmord von
der Kanzel verlesen werden; ihre Mutter stirbt vor Gram. Ausserdem aber:
Eva erklärt ihrem Verführer was sie thun würde, wenn er sie im Stiche
liesse: 'Die grauenvollste Wildnis würde ich aufsuchen, von allem was
menschliches Ansehen hat entfernt, mich im dicksten Gesträuch vor mir
selbst vorbergen' usw. In der That läuft sie fort, da sie sich verrathen
glaubt. Bei der Wäscherin Frau Marthan weilt sie unerkannt; da bringt
sie ihr Kind zur Welt; da tödtet sie es im Wahnsinn. Ein Lied das sie
singt, steht in entschiedener Verwandtschaft mit dem grausigen Liede
Gretchens im Kerker. Wir erinnern uns dass Gretchen im prosaischen Faust
von der Heimat verirrt gedacht war, und der übrige Verlauf stimmt
gleichfalls. Ob im prosaischen Entwurf Frau Marthe auch so spät erst als
Vertraute eintreten sollte, können wir nicht wissen. Jedenfalls, wenn
sie anfangs die Vermittlerin spielte, so wäre sie dann wol Gretchens
erste Zuflucht gewesen. Andrerseits deuten wol die Liebesscenen im
Freien (oben S. 85 f.) auch schon für die Prosa auf den Garten der
Nachbarin.
Fausts Geliebte heisst im Text immer Gretchen, auch Gretelchen (Z 2517)
oder, des Auftactes wegen, Margretlein (Z. 2471). Aber bei Angabe der
sprechenden Personen gebraucht Goethe V-XI und XIII Margarethe, XII,
XIV, XVI Gretchen, letzteres ebenso in der prosaischen Scene XVII.
Dergleichen, weil es unwillkürlich zu sein pflegt, verräth zwei
verschiedene Ansätze. Und darauf möchte ich um so mehr Gewicht legen,
als ein durchgreifender innerer Unterschied zwischen jenen Scenengruppen
vorhanden ist. Die Gretchen-Scenen haben einen entschieden tragischen
Charakter, die Margarethen-Scenen sind eher heiter zu nennen. Und beide
Reihen lösen sich nicht etwa dem Verlaufe der Begebenheiten gemäss ab,
sondern sie greifen in einander. Was Wagner benutzt, liegt innerhalb der
Gretchen-Reihe, bei XIII konnte die Prosa noch eintreten. Die Folgerung,
dass die Gretchen-Scenen früher in Reimen niedergeschrieben seien, als
die übrigen, wagt man doch nicht mit Vertrauen daraus zu ziehen.
Man sollte denken dass die Metrik Anhaltspuncte für die
Altersbestimmung ergeben müsste. Wenn die Behandlung des Knittelverses
bei Goethe sich auf eine bestimmte und erkennbare Weise entwickelt, so
müssten sich die Verschiedenheiten auch am Faust aufweisen lassen. Ich
habe mir Tabellen entworfen, aus denen ich den metrischen Charakter
jeder Zeile leicht ersehen und daher den metrischen Charakter jeder
Scene ohne Mühe überblicken kann. Es ergeben sich in der That
Unterschiede; aber ich möchte ihre nähere Darlegung noch zurückhalten.
Sehr schlagend sind die Folgerungen auch hier nicht. Mit der
verhältnismässig späten Scene III vergleichen sich durch Seltenheit
zweisilbiger Senkung Ib, IX, X. Mit Ia vergleichen sich durch
ausgeprägtes Streben nach paarigem Reime IIb, XI, XIV. Aber bei so
kurzen Stücken wie XIV oder vollends XI will das wenig besagen.
Den Hiatus habe ich schon bei einer anderen Gelegenheit erwogen
(Comment. philol. in hon. Theod. Mommseni S. 225). Er findet sich in Ia,
IIa, IIb, (III), VI, (X), XIII. Die eingeklammerten Fälle sind leicht,
in XIII scheint die Prosa durch. Im übrigen dürfte man höchstens geltend
machen, dass sich Ia und IIb wieder gruppiren.
Ueberhaupt also, hier weiter vordringen zu wollen, scheint vergeblich.
Die geringen Anhaltspuncte, die wir erwogen, würden etwa auf folgende
Ordnung führen: Ia, IIb, XIV; IIa? XII, XVI; V, VI, VII, VIII, XIII; Ib,
III, IX, X, XI Das heisst: a) Monolog mit Erdgeist: Schülerscene;
Gretchen und Lieschen am Brunnen (Hiatus, Streben nach paarigem Reime) --
b) Faust und Mephisto (der späteren Vertragscene angehörig, vgl.
Prometheus DjG. 3, 449 'Vermögt ihr mich auszudehnen, zu erweitern zu
einer Welt?'); Gretchen am Spinnrad und vor der Mater dolorosa, letztere
beide Scenen rein lyrisch -- c) Fausts und Gretchens erste Begegnung,
bis zu Mephistos Besuch bei Frau Marthe; Katechisation (älteste
Margarethen-Scenen, der König von Thule schon im Sommer 1774 vor Jacobi
declamirt) -- d) Faust und Wagner; Auerbachs Keller; Faust vor und in
der Begegnung mit Gretchen in Marthens Garten (einsilbige Senkung).
So unsicher das Fundament ist, auf dem wir bauen, wir müssen unsere
Gedanken zu Ende denken. Die Gruppen a b gehören näher zusammen, und
ebenso c d. Zu c wird neu angesetzt und die Namensform Margarethe
gebraucht. Gruppe a b ist pessimistisch gefärbt, c d optimistisch. In a
b wird die Kleinheit des Menschen demonstrirt, der sich bläht, sich den
Geistern gleich dünkt und am Ende doch bleibt was er ist. In c d heisst
'schönstes Glück' und 'Fülle der Gesichte' (Z. 166,167) was noch eben
wie Vernichtung empfunden wurde. Dort sehen wir das schwermüthige,
sehnsüchtige, unglückliche Gretchen; hier ist sie naiv, liebend,
beglückt. Dort war Faust nur der vergeblich Strebende, der düstere
Gelehrte; hier wird er erst als Liebhaber gezeigt oder in belehrender
Conversation mit seinem Famulus. Dort ist Mephisto ganz Teufel, hier ein
vergnüglicher Hexenmeister und Humorist. Nur dort finden wir
seelenmalende Monologe, sonst bloss Dialoge; hier stellen sich dafür
Auftritte zu dreien, vieren und eine Ensemblescene ein. Dort fehlt alle
Localfarbe, hier tritt gelegentlich der Charakter des sechszehnten
Jahrhunderts bestimmter hervor.
Was liegt zwischen den beiden Gruppen? Ich denke, die Vollendung des
Werther und vielleicht Studium des Spinoza.
Die Paralipomena, in denen Mephisto theils zu Faust theils zu sich
selbst redet, zeigen den Mephisto der zweiten Gruppe: 'Wenn du von aussen
ausgestattet bist' ... 'Seht mir nur ab, wie man vor Leute tritt' ...
'Der junge Herr ist freilich schwer zu führen' ... Alle drei Fragmente
zeigen nicht blos den lustigen Teufel, sondern auch streng einsilbige
Senkung, und das dritte ist überdies aus Hanswursts Hochzeit (1775)
hervorgegangen.
Indem ich nun von den unsicheren Unterscheidungen absehe, versuche ich
die Geschichte des ersten Faust in grossen Zügen zu entwerfen.
1) =Der prosaische Faust= (1772).
Die Jahreszahl mit der obigen Einschränkung zu nehmen. Erhalten sind
daraus, wie gezeigt, Stücke in I (Z. 115-123, 161-164) X (Z. 2827-2838)
XIII (Z. 3078 ff.). Dann Scene XVII (Z. 3419-3477). Die Scenen 'Trüber
Tag, Feld' und 'Nacht, offen Feld' (Z. 4042-4047) in umgekehrter
Ordnung. Vom zweiten Theil die Fragmente in den Paralipomena.
Mephisto ist Diener des Erdgeistes, dem Faust von diesem beigegeben. Das
Ganze shakespearisirend zu denken in der Erfindung (Hexen, Geister,
Ophelia-Gretchen, Schauspiel im Schauspiel) und im Ton -- nach Art des
Gottfried von Berlichingen.
2) =Die ältesten gereimten Scenen= (1773-1775).