Scene I-III, V-XIV, XVI. Mephisto ist Teufel. Z. 2764 sagt Gretchen:

'Mein Bruder ist Soldat'. Die Einführung Valentins war also

beabsichtigt. Gretchen ist dagegen keine Muttermörderin; diese Schuld

drückt sie nicht in XIV und XVI.

Für den zweiten Theil war die Einführung Helenas beabsichtigt. Aus

Goethes Brief an Knebel vom 14. November 1827 ergibt sich, dass die

Conception der Helena älter als 1776 ist (Düntzer S. 78). Wilhelm von

Humboldt gegenüber bezeichnet er sie als eine seiner ältesten

Conceptionen[15]. Dass dazu Stellen aufgeschrieben waren und das

Auftreten ähnlich herbeigeführt werden sollte, wie jetzt, zeigt die oben

S. 84 angeführte Stelle, die für den ersten Theil noch die Voraussetzung

macht, Faust sei vor widerwärtigen Streichen in die Wildnis, die

Einsamkeit entwichen. Die Erscheinung Helenas trat, wie schon bemerkt,

an die Stelle jener anderen Geister, welche dem Kaiser ein Schauspiel

aufführen.

Ueber das Nähere lässt sich nur aus den sonstigen Tendenzen Goethes zu

jener Zeit eine zweifelnde Vermuthung wagen. Im jetzigen dritten Acte

des zweiten Theiles wird Helena entrückt, das Körperliche verschwindet,

Kleid und Schleier bleiben Faust in den Armen. Phorkyas mahnt ihn, das

Kleid nicht loszulassen, woran schon Dämonen zupfen:

'Halte fest!

Die Göttin ist's nicht mehr, die du verlorst,

Doch göttlich ist's. Bediene dich der hohen,

Unschätzbarn Gunst und hebe dich empor!

=Es trägt dich über alles Gemeine rasch

Am Aether hin, so lange du dauern kannst.='

Die Gewande Helenas lösen sich in der That in Wolken auf, umgeben Faust

und heben ihn in die Höhe. Aus einer Wolke tritt dann zu Anfang des

vierten Actes Faust im Hochgebirge hervor. Aber war das Alles, wozu

Helenas Kleider dienen sollten? Für solche Zwecke hatte Phorkyas-Mephisto

sonst einen Zaubermantel bereit. Das Hinwegtragen über das Gemeine muss

ursprünglich so verstanden sein, wie wir es zunächst auffassen würden

bei unbefangenem Lesen: nicht körperlich, sondern sittlich. Und darauf

gründe ich meine Vermuthung.

Der Faust dieser poetischen Bearbeitung ist des Prometheus

Zwillingsbruder. Prometheus aber ist Künstler. Sollte es auch Faust

werden? Sollte künstlerisches Schaffen für ihn Sühne und Erlösung sein?

Das Verhältnis des Faust zur Helena wäre dann ganz nahe zu vergleichen

mit dem Verhältnis des Künstlers im Erdenwallen zur Venus Urania. Wir

wissen jetzt durch Herrn v. Loeper (Briefe Goethes an Sophie von Laroche

und Bettina Brentano, Berlin 1879, S. 57) dass Goethe schon am 18. Juli

1774 dem Erdenwallen 'des Künstlers Vergötterung' beigesellen wollte.

Auf das Erdenwallen hat Rousseaus Pygmalion eingewirkt, dessen Motiv

bekanntlich die Belebung einer Statue ist. Die entrückte und

wiederkehrende, den sehnsüchtigen Verlassenen verjüngende und mit sich

ins Jenseits erhebende Frau kehrt auch in der Pandora wieder. Helenas

Gewand erinnert mich an der Dichtung Schleier. Wir dürfen nicht annehmen

dass Goethe zwei Theile des Faust schon damals beabsichtigte. Alles aber

musste innerhalb eines einzigen Dramas sich rascher abspielen. Daher

mochte etwa Faust die zur Lust des Kaisers beschworene Helena anrufen,

festzuhalten suchen: aber sie entschwand, liess blos ihr Kleid zurück?

Faust sucht die Verlorene im Bilde herzustellen? Die Kunst bewährt sich

wie die Poesie in der Pandora nach dem Schema: 'Vergangnes in ein Bild

verwandeln. Poetische Reue. Gerechtigkeit' Jedenfalls wäre Faust dann

zuletzt ein Schaffender, wie jetzt im fünften Acte des zweiten Theiles;

und schon zu jener Zeit kann eine Art Apotheose beabsichtigt gewesen

sein.

Zweifelnd werfe ich noch die Frage auf, ob das Motiv der

Bibelübersetzung vielleicht alt ist. Es steht auch ohne Folge da.

Polemik gegen die Kirche fehlt in der zweiten Phase nicht. Die Erfindung

=zweier= Kästchen hat nur den Zweck, Mephistos Rede über den Pfaffen

anzubringen.

Ausserdem sei erwähnt, dass Düntzer (S. 207) Kuno Fischer (Goethes

Faust, Stuttgart 1878, S. 216) und Herr von Loeper (S. XVII) die Scene

vor dem Thore auf die Frankfurter Zeit zurück datiren wollen. Von

Gewicht ist allerdings eine Briefstelle vom 3. August 1775 (DjG. 3, 95):

'Ich sass eine Viertelstunde in Gedanken und mein Geist flog auf dem

ganzen bewohnten Erdboden herum. Unseliges Schicksal das mir keinen

Mittelzustand erlauben will. Entweder auf einem Punct, fassend,

=festklammernd=, oder Schweifen gegen alle vier Winde. -- Selig seid ihr

verklärte Spaziergänger, die mit zufriedener anständiger Vollendung

jeden Abend den Staub von ihren Schuhen schlagen und ihres Tagwerks

göttergleich sich freuen.' Und er beschreibt weiter die Aussicht auf den

Main, auf Bergen, auf 'das graue Frankfurt mit dem ungeschickten Turn.'

Er schreibt aus Offenbach. Da haben wir Goethe-Faust ausserhalb

Frankfurts, sich selbst vergleichend mit Spaziergängern, welche ihn als

eine ideale Gesellschaft umgeben, Goethe-Faust mit den zwei Seelen, von

denen die eine mit =klammernden= Organen (762) an die Welt sich hält,

die andere wegstrebt zu neuem buntem Leben und auf einem Zaubermantel in

fremde Länder fliegen will. Vgl. weiter die von Düntzer S. 215 f. Anm.

angeführten Parallelstellen.

Stellen, welche die übereinstimmenden Motive enthielten, müssen wol

damals aufgezeichnet sein. Aber vollendet wurde die Scene nicht; und

dass bereits Mephistos Erscheinen als Pudel beschlossen war, kann

niemand behaupten. Die Scene konnte sehr wol als eine charakterisirende

gedacht sein, welche in Fausts Vergangenheit einführen und als Contrast

zwischen anderen von mehr düsterer Färbung wohlthätig wirken sollte.

Auf ein weiteres nach Frankfurt gehöriges gereimtes Stück des Faust

werden wir in der nächsten Phase stossen.

3) =In und nach Italien= (1788 und 1789).

Die 'Hexenscene' des Faust d.h. die Scene in der Hexenküche, IV,

verfasste Goethe im Garten Borghese zu Rom (Eckermann 10. April 1829).

An Herder aber schreibt er am Sonnabend 1. März 1788: 'Es war eine

reichhaltige Woche, die mir in der Erinnerung wie ein Monat vorkommt.

Zuerst ward der Plan zu Faust gemacht, und ich hoffe, diese Operation

soll mir geglückt sein. Natürlich ist es ein ander Ding, das Stück jetzt

oder vor fünfzehn Jahren ausschreiben; ich denke, es soll nichts dabei

verlieren, besonders da ich jetzt glaube, den Faden wiedergefunden zu

haben. Auch was den Ton des Ganzen betrifft, bin ich getröstet; ich habe

schon eine neue Scene ausgeführt, und wenn ich das Papier räuchere, so

dächt' ich, sollte sie mir niemand aus den alten herausfinden.'

Sind wir nicht zu kühn, wenn wir hoffen, diese Scene dennoch

herauszufinden? Denn die Hexenküche ist es schwerlich: sollte sie Goethe

im Februar im Garten Borghese geschrieben haben? Auch ist eine Scene im

Faust vorhanden, welche hier entschieden den nächsten Anspruch machen

darf, weil man darin ganz deutlich sieht, wie der Dichter aus dem Stil

der Iphigenie in den des Faust zurückstrebt, ohne dass es ihm gleich

völlig gelingt. Diese muss die erste sein, die er in Italien dichtete:

die Hexenküche dagegen ist ganz einheitlich gerathen. Ich meine 'Wald

und Höhle' Sc. XV. Dass mindestens der Monolog Fausts, mit welchem sie

eröffnet wird, nicht vor Italien entstanden sein kann, sah schon Düntzer

(S. 311, vgl. Julian Schmidt Preuss. Jahrb. 39, 376): die fünffüssigen

reimlosen Iamben sind ein unwidersprechliches Argument. Aber man muss

die ganze Scene mit einer kleinen Ausnahme demselben Urtheil

unterwerfen; sie würde daher, wenn meine Vermuthung richtig ist, der

letzten Februarwoche des J. 1788 angehören, während die Hexenküche in

den März oder April (in der Nacht auf den 23. April reiste Goethe ab)

des genannten Jahres fiele.

Goethe teuschte sich, wenn er den Faden wiedergefunden zu haben glaubte;

unsere Scene gerade beweist das Gegentheil. Sie kann nirgends eine recht

passende Stelle finden. Im Fragmente steht sie nach der Brunnenscene vor

der Anbetung der Mater dolorosa. Aber da passt sie nicht hin. Faust hat

sich in die Einsamkeit zurückgezogen und ist glücklich da; Mephisto

erregt in ihm die Begierde nach Gretchens Leib. Das kann doch nur in der

Absicht geschehen, dass Faust das Mädchen verführen soll. Sie ist aber

schon verführt, und die Sache hat nicht die geringsten Folgen.

Goethe hat die Scene daher später umgestellt: zwischen XI und XII. Nun

stimmt wenigstens dass sie noch nicht verführt ist. Aber Faust sollte

sie nach der ersten innigen Begegnung gleich verlassen haben? Doch das

könnte eben Kampf sein gegen seine Begierde. Aber Mephisto schildert die

Sehnsüchtige, und so finden wir sie denn in der nächsten Scene. Das ist

schon an sich verwunderlich: die Dinge sollen im Drama entweder erzählt

oder dargestellt werden, aber nicht beides. Ueberdies setzt Gretchens

Sehnsucht in XII nicht Fausts Abwesenheit voraus; und bei der Begegnung

in XIII ist keine Rede vom Wiedersehen. Also wenn auch im ganzen durch

die Umstellung eine richtigere Folge bewirkt wurde, so bleiben doch

Incongruenzen zurück.

Bei der Ausarbeitung hat als Quelle gedient eine Scene, welche Goethe zu

verwerfen und an ihrer Stelle durch eine andere zu ersetzen entschlossen

gewesen sein muss, die prosaische Scene 'Trüber Tag, Feld'. Diese

verhält sich dazu gerade, wie XVII zu XVI.

Die Hauptmotive kehren wieder: Faust und Mephisto entzweit über

Gretchen; Faust wüthend über Mephisto; Contrast ihrer Empfindung,

Mephistos kalte Ironie über das Schicksal des Mädchens; dieses selbst

friedlos und in Qual gedacht.

Im Einzelnen vergleiche man Prosa 31-34: 'Grosser, herrlicher Geist, der

Du mir zu erscheinen würdigtest, der Du mein Herz kennest und meine

Seele, warum an den Schandgesellen mich schmieden, der sich am Schaden

weidet und am Verderben sich letzt?' Und XV Z. 2861 ff, 2884 ff:

Erhabner Geist, Du gabst mir, gabst mir Alles,

Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst

Dein Angesicht im Feuer zugewendet,

Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,

Kraft sie zu fühlen, zu geniessen....

O, dass dem Menschen nichts Vollkommnes wird,

Empfind ich nun. Du gabst zu dieser Wonne,

Die mich den Göttern nah und näher bringt,

Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr

Entbehren kann, wenn er gleich kalt und frech

Mich vor mir selbst erniedrigt und zu nichts

Mit einem Worthauch Deine Gaben wandelt.

Der ganze herrliche Monolog, der ein so tiefes Naturgefühl athmet, ist

aus jener Stelle entstanden, ist nur eine Ausführung derselben. Wobei

allerdings das Motiv einsamer Ruhe in der Natur schon in der ersten

Phase des Faust gegeben sein mochte; Faust ist auch hier noch der

Flüchtling, der Unbehauste (2992 vgl. oben S. 85).

Es vergleicht sich ferner Prosa 25: 'Nun sind wir schon wieder an der

Grenze unseres Witzes, da wo euch Menschen der Sinn überschnappt.'

Poesie 3010. 3012 f.:

Wies wieder siedet, wieder glüht!...

Wo so ein Köpfchen keinen Ausgang sieht,

Stellt er sich gleich das Ende vor. --

Nun aber ein Weiteres. Auf den Monolog Fausts in fünffüssigen reimlosen

Iamben folgt der Dialog mit Mephisto in Knittelversen. Diese sind streng

iambisch, niemals zweisilbige Senkung (einmal im Auftact versetzte

Betonung 2931) -- mit Ausnahme von 2951-2969, wo man Trochäen und

zweisilbige Senkungen gehäuft und einen Hiatus (2957 'Das arme

affenjunge Blut') findet. Es kommt dazu dass Z. 2970 f. 'Verruchter!

Hebe Dich von hinnen Und nenne nicht das schöne Weib!' jetzt etwas

sonderbares haben: das soll doch offenbar eine Unterbrechung auf erste

Erwähnung hin sein; dazwischen aber gab Mephisto eine lange Schilderung

von Gretchens Sehnsucht -- man staunt dass ihn Faust erst jetzt

schweigen heisst. Scheidet man die genannten Verse aus, so ist Alles in

Ordnung. Man bemerkt auch leicht dass sie dem Tone nach herausfallen; es

sind viel mehr realistische Elemente darin, als sonst in der

vorliegenden Scene aufgewendet werden.

Offenbar sind diese Verse älter, viel älter. Ich meine, sie lagen Goethe

schon vor als er Gretchens Monolog am Spinnrad dichtete, sie lagen ihm

wieder vor als er Z. 2947 bis 2949 dichtete und er wollte sie

schliesslich bei der Zusammenstellung des Fragmentes nicht verwerfen,

schob sie hier ein, wo sie wie eine nähere effectvolle Ausführung

dastehen.

Schon als er Gretchen am Spinnrad dichtete, muss er entschlossen gewesen

sein, die Verse zu verwerfen und überhaupt das Motiv fallen zu lassen,

dass Faust während seines Liebewerbens noch einmal in die Wälder

entflieht. Das heisst: die Verse müssen bald nach ihrer Entstehung dem

Untergange geweiht worden sein. Denn ich weiss sie blos der obigen

Gruppe 2) b) zuzutheilen: das Streben nach paarigen Reimen ist ganz

aufgegeben. Der Mephisto von Sc. IIa ist der nächste Verwandte des

Redners, welchem die besprochenen Verse in den Mund gelegt werden. Ich

wiederhole übrigens noch einmal dass ich auf jene Gruppirung vorläufig

kein Gewicht lege, dass ich nur den Versuch derselben möglichst

consequent zu Ende führe.

Mephisto erschien in den erst verworfenen Versen als Intrigant,

Verführer, eine Figur, wie sie im bürgerlichen Trauerspiel ihr Wesen zu

treiben pflegte (Sauer QF. 30, 42 f. 98 ff.). Goethe wollte sich von

dieser Maschinerie befreien, in Italien war sie ihm vielleicht wieder

willkommen als ein Mittel zur Entlastung des Helden, zur Abschwächung

der Schuld -- oder vielleicht nahm er ohne weitere Reflexion das in

seinen Papieren vorgefundene Motiv, er hatte vergessen dass es nicht

mehr gelten sollte.

Wenn Mephisto dem Genossen vorhält (2914):

Und wär' ich nicht, so wärst Du schon

Von diesem Erdball abspaziert --

so wurde die Stelle schon oben S. 85 vermuthungsweise benutzt. Man kann

sie kaum anders auffassen, denn als Anspielung auf einen von Mephisto

gehinderten Selbstmordversuch. Auch das Motiv, welches Goethe in der

vierten Phase des Faust, freilich anders, ausführte, müsste er demnach

schon in seinen Papieren angedeutet gefunden haben. Und in der That, zu

welcher Epoche seines Lebens könnten wir es natürlicher in Beziehung

setzen, als zur Wertherzeit? 'Der Faust entstand mit meinem Werther,'

sagt Goethe zu Eckermann am 10. Februar 1829. Aber Spuren des Werther

findet er schon in Briefen an Horn aus dem J. 1770 (Eckermann 11. April

1829).

Was nun die zweite italienische Scene, die Hexenküche, betrifft, so

congruirt auch sie nicht völlig mit dem was ihr vorhergeht. 'Wir sehn

die kleine, dann die grosse Welt,' erklärt Mephisto. 'Allein mit meinem

langen Bart fehlt mir die leichte Lebensart,' erwidert Faust. Darauf

versetzt Mephisto: 'So bald Du Dir vertraust, so bald weist Du zu

leben.' Da ist nicht die Rede davon, dass er verjüngt werden müsse. Dies

aber erscheint als Programm der Sc. IV: die Hexe soll ihm dreissig Jahre

vom Leibe schaffen. So wäre Faust mindestens fünfzigjährig, wo nicht

älter zu denken, was kaum die ursprüngliche Absicht gewesen sein kann.

Auch will Mephisto dem Faust ein Schätzchen ausspüren (2090 vgl. 2246

f.), man muss an Gretchen denken, diese aber sieht Faust und liebt sie

ganz ohne Mephistos Zuthun.

Dass Goethe das Material zu der Scene vielleicht aus den 'abgeschmackten

Zerstreuungen' des prosaischen Faust entnahm, woraus andrerseits die

Walpurgisnacht entstand, wurde bereits bemerkt. Auch hier kehrt das Wort

'abgeschmackt' im selben Sinne zweimal in Fausts Munde wieder (2032.

2179).

Der Zweck der Scene ist neu. Auch sie dient zu schärferer Motivirung,

gründlicherer Vorbereitung und zur Entlastung des Helden; sie liefert

eine symbolische Vorbereitung für Fausts gesammtes Liebesleben. Das

Frauenbild im Spiegel ist wieder ein Motiv, jetzt ohne Folge, das bei

seiner Erfindung nicht folgenlos gedacht gewesen sein kann; und da auf

Gretchen entschieden nicht gedeutet sein soll, so hätte Faust wol Helena

als jenes Bild erkennen müssen, das ihn im Spiegel so sehr entzückte.

Die Beziehung ist jetzt wol noch vorhanden, aber anders gewendet:

Die Wohlgestalt, die mich voreinst entzückte,

In Zauberspiegelung beglückte,

War nur ein Schaumbild solcher Schöne!

Fausts Verjüngung, der bald mit innigem Ergetzen empfinden soll, wie

sich Cupido regt und hin und wieder springt, hat wol noch einen weiteren

Grund in Goethes eigenen italienischen Erlebnissen, für welche die

römischen Elegien immer als Beweismaterial dienen dürfen, wenn sie auch

nicht in Italien entstanden. Auch die Ablehnung der nordischen Phantome

von Seiten Fausts kommt aus Goethes eigner Seele.

Goethe spricht nun aber ferner davon dass er in jener inhaltsreichen

Februarwoche den 'Plan zu Faust' gemacht habe. Was er in diesen Plan

jetzt neu aufnahm, lässt sich nur zum geringsten Theil erkennen. Manches

was in dem vierten Entwicklungsstadium des Faust hervortritt und

ausgeführt wird, mag jetzt entworfen oder geahnt sein. Manches was sich

während der Weimarer Zeit dem Faust entgegenbildete, mag er jetzt als

brauchbares günstiges Element erkannt, erfasst und eingereiht haben. So

die Walpurgisnacht, deren Idee man schwerlich für älter halten darf als

Goethes Bekanntschaft mit dem Harz (1777). Die Worte in der Hexenscene

2235 'So darfst Du mirs nur auf Walpurgis sagen' sind gewiss in der

Absicht geschrieben, die Walpurgisnacht im Stücke folgen zu lassen;

vielleicht sollte dann auch die Hexe sich mit einem Anliegen bei

Mephisto wirklich präsentiren.

Ein Stück der Paralipomena dürfen wir vielleicht hierher rechnen,

welches Moritz kannte; woraus allerdings nur folgt, dass es nicht jünger

ist als Januar 1789 (Düntzer S. 386).

Mephisto schlägt vor einem Kreuze die Augen nieder: 'Ich weiss es wol,

es ist ein Vorurtheil; allein genug, mir ist's einmal zuwider.' Die

Worte sind nicht so merkwürdig als die Scenerie: 'Landstrasse. Ein Kreuz

am Wege, rechts auf dem Hügel ein altes Schloss, in der Ferne ein

Bauerhüttchen'. Ich finde die decorativen Elemente des fünften Actes

vom zweiten Theile wieder: die Kapelle, in welcher Philemon und Baucis

zu Fausts Aerger 'läuten, knieen, beten'; Fausts Palast; die Hütte der

beiden Alten. Natürlich wagt man nichts weiter darauf zu bauen; die

Aehnlichkeit nicht zu bemerken aber wäre stumpfsinnig.

Dass sich in einem weiteren Stücke derselben Scene Mephisto seines

Geschlechtes schämt, stimmt zu der Hexenscene, wo er sich den Namen

Satan verbittet Z. 2150.

Für fünf andere Fragmente der Paralipomena habe ich eine unsichere

Combination vorzulegen, der ich gleichwol nicht zu entgehen weiss. Drei

sind überschrieben 'Walpurgisnacht. Harzgebirg' und zwei 'Faust,

Mephistopheles'. Jene beginnen mit den Worten Fausts:

Wie man nach Norden weiter kommt,

Da nehmen Russ und Hexen zu.

In diesen spricht Mephistopheles:

Dem Russ und Hexen zu entgehen,

Muss unser Wimpel südwärts wehen;

Doch dort bequeme dich zu wohnen

Bei Pfaffen und bei Scorpionen.

Und Faust, wie es scheint, sagt:

Warmes Lüftchen, weh heran,

Wehe uns entgegen,

Denn du hast uns wohlgethan

Auf den Jugendwegen.

Im dritten Fragment scheint gegen Basedow polemisirt zu werden, er ist

als Rattenfänger von Hameln eingeführt und Patron von zwölf

Philanthropinen. Basedow starb 1790, seine Stelle als Curator des

Dessauer Philanthropins legte er schon 1778 nieder, arbeitete aber noch

1781 als Schriftsteller für das Institut: allzu lange nach dieser Zeit

hätte die Polemik keinen Sinn. Doch ist das gewiss kein entscheidendes

Argument. Eher mag die Feindseligkeit gegen den Norden als solches

gelten; doch wäre diese nach Italien ebenso am Platze, wie in Italien.

Nur scheinen Absichten durchzublicken, welche von der vierten Phase

verhältnismässig weit abliegen und einem vorübergehenden

Durchgangsstadium angehören müssen, wenn ich die Stellen richtig

verstehe.

Die Gesellen kommen auf ihrer Reise nach dem Harz aus Süddeutschland,

das ist wol klar. Pfaffen und Scorpionen aber sind nicht in

Süddeutschland, sondern in Italien. Von der Walpurgisnacht weg begeben

sich Faust und Mephisto nach Italien. Das warme Lüftchen hat Faust

wolgethan auf seinen Jugendwegen: hat er auf einer italienischen

Universität studirt wie Olearius? Das hätte dann in dem Rückblick auf

seine Jugendgeschichte (jetzt Z. 648 ff. 671 ff.) erwähnt werden müssen.

Wenn er aber vom Blocksberg sich nach Italien begibt, geht er zum Herzog

von Parma, wie im Puppenspiel? Sollte ein italienischer Hof an die

Stelle des kaiserlichen treten? Und war die Walpurgisnacht in die Zeit

nach Gretchens Tode versetzt (vgl. oben S. 89 Vergessenheitstrank)?

Der Rückblick auf die Jugendzeit findet jetzt während des Spazierganges

statt, dessen Anlage vielleicht noch in die Frankfurter Zeit gehört

(oben S. 102). Das darin vorkommende Lied 'Der Schäfer putzte sich zum

Tanz' wird schon im Wilhelm Meister (1795) erwähnt. --

'Faust will ich als Fragment geben', schreibt Goethe an den Herzog 5.

Juli 1789 und am 5. November desselben Jahres meldet er: 'Faust ist

fragmentirt, das heisst in seiner Art für diesmal abgethan.' Das

Fragment erschien zu Ostern 1790.

4) =Mit Schillers Antheil= (1797-1801).

Die Chronologie der Entstehung Goethescher Schriften weiss schon zum J.

1796 zu melden: 'Auch am Faust einiges gethan'. Vielleicht die Scene mit

dem Baccalaureus aus dem zweiten Theil. Darüber vgl. Düntzer S. 83 f.

An Schiller schreibt Goethe 22. Juni 1797, er habe sich entschlossen an

seinen Faust zu gehen. Das was gedruckt ist, löst er wieder auf und

disponirt es mit dem was sonst schon fertig oder erfunden ist in grosse

Massen. Am 5. Juli 1797 ist der Faust zwar wieder zurückgelegt, aber

=das Ganze als Schema und Uebersicht sehr umständlich durchgeführt=

(vgl. Brief vom 1. Juli 1797).

Dass ihn in der Zeit des Zusammenwirkens mit Schiller insbesondere auch

die Helena stark beschäftigte, ist bekannt. Ich verweise für alles

Nähere auf Düntzer und v. Loeper, und will nur zu errathen suchen, wie

sich etwa der Faust als Ganzes damals vor Goethe darstellte.

=Zueignung=. Die schwankenden Gestalten steigen aus Dunst und Nebel um

ihn auf. Vgl. wie er an Schiller schreibt: 'Unser Balladenstudium hat

mich wieder auf diesen Dunst-und Nebelweg gebracht'. Gleich einer

halbverklungenen Sage kommt erste Lieb und Freundschaft mit herauf (vgl.

3527 ff.): das Frankfurter Gretchen und Friederike, Behrisch und Merck.

=Vorspiel auf dem Theater=. Als 'Dichter' redet Goethe ganz persönlich.

Die Forderung des Directors sucht er schliesslich zu erfüllen und

commandirt die Poesie.

=Prolog im Himmel=. Der Herr geht die Wette mit Mephistopheles ein.

Natürlich muss sie Gott gewinnen. Aber es handelt sich nur um das

irdische Leben Fausts, nicht um eine Seele, welche für die Hölle zu

gewinnen wäre. Mephisto sagt, mit den Todten habe er sich niemals gern

befangen. Mephisto ist der Schalk unter den Geistern die verneinen. Er

wird dem Menschen als Geselle beigegeben, der reizt und wirkt und muss

als Teufel schaffen (101).

=In der Lücke=. Zwischen Fragm. I und II. An die Unterredung mit Wagner

schliesst sich der Selbstmordversuch; dann Spaziergang; Faust als

Bibelübersetzer mit dem Pudel, dessen Verwandlung in einen fahrenden

Scholasten. Er ist ein Theil von jener Kraft, die stets das Böse will

und stets das Gute schafft (982); er ist der Geist der stets verneint

(984). Ganz wie im Prolog, dieselbe erhaben optimistische Auffassung des

Bösen. Nun will aber Mephisto fort, man begreift nicht recht, warum.

Behaglich denkt Faust an einen Pact (1060); Mephisto aber entflieht.

=Disputation= (s. Paralipomena). Der Scholast taucht wieder auf in einer

Disputation, an welcher Faust und Wagner betheiligt sind, rühmt das

Vagiren und die daraus entstehende Erfahrung, die Kenntnisse die dem

Schulweisen fehlen. Faust fragt nach dem schaffenden Spiegel. Mephisto

macht ihm ein Compliment dafür, dass er überhaupt davon wisse, die

Antwort aber verspricht er auf ein ander Mal, ganz wie er beim ersten

Auftreten sich nicht festhalten lässt.

=Vertrag.= Damals noch unausgeführt: vermuthlich war Goethe mit sich

selbst nicht einig, wie er ihn herbeiführen, und worauf er gestellt

werden sollte. =Dieser= Mephisto macht auf das Drüben (1304) keine

Ansprüche (Prol. 76 ff. vgl. 73 ff.); er würde auch den Pact nicht

vorschlagen, wonach Faust selber sich begierig zeigte. Hier also blieb

noch eine Lücke; der Anfang von Sc. II des Fragmentes war nicht

festgestellt. Wenn Goethe am 6. März 1800 hoffte, in der grossen Lücke

solle bald nur der Disputationsactus fehlen, so hat ihn diese Hoffnung

eben geteuscht und er unterschätzte die Schwierigkeit.

Es folgte Sc. III-XI des Fragments, Auerbachs Keller, Hexenküche,

Gretchen bis zum Kuss im Gartenhäuschen; XV 'Wald und Höhle'; XII-XIV,

XVI Gretchen bis zum Gebete vor der Mater dolorosa. Hierauf =Valentins

Tod=, wodurch, was sehr nöthig war, XVI und XVII von einander getrennt

werden. Freilich hängen wieder Incongruenzen daran: wenn Gretchen so

öffentlich beschämt war, so würde sie dann nicht im Dome friedlich unter

den anderen knien. Vom Tode der Mutter, von Gretchens Schuld daran ist

nicht die Rede.

Aber Scene XVII wird interpolirt Z. 3432 'Auf deiner Schwelle wessen

Blut?'

=Walpurgisnacht. Harzgebirg. Gegend von Schierke und Elend.= Faust will

auf den Brocken, wohin die Menge zum Satan strömt; er meint, dort müsse

sich manches Räthsel lösen. Mephisto aber isolirt sich mit ihm und sucht

eine kleinere Welt auf, sie tanzen mit den Hexen. Da erblickt Faust das

Idol, welches dem 'guten Gretchen gleicht' (3831), schon ahnt er in

grausenhafter Vorstellung ihr Schicksal. Aber Mephisto weiss ihn noch

einmal abzuziehen, führt ihn ein Hügelchen hinan, von wo sie dem

Intermezzo zusehen. (Dass die Scene bei 3851 abbreche, nehme ich nicht

an.)

=Harzgebirg, höhere Region= (Gipfel des Brockens) s. Paralipomena. Nach

dem Intermezzo willfahrt Mephisto Faustens früherem Wunsche und führt

ihn nach oben. Sie gelangen zunächst in einsam öde Gegenden.

Trompetenstösse, Blitz und Donner von oben kündigen ein

Ausserordentliches an -- dem Ohre zuerst. Dann, indem sie höher klimmen,

gewahrt das Auge Feuersäulen, Rauchqualm und daraus hervorragend einen

mächtigen Felsen, wie es scheint. Es ergibt sich beim Näherkommen, dass

es Satan ist, umgeben von einer grossen Versammlung. Nun rächt sich die

Versäumnis, ihr langes Verweilen in der Tiefe, sie haben Mühe

durchzudringen ('Versäumnis. Mittel durchzudringen. Schaden. Geschrei.

Lied'), erlangen es aber doch und stehen nun im nächsten Kreise mit

anderen, welche charakterisirt werden; man kann es vor Hitze kaum

aushalten. Satan hält eine groteske Rede voll Unfläterei, Mephisto

tröstet ein junges Mädchen, welches weint, weil sie nichts davon

verstehe. Nach der Rede stellt der Ceremonienmeister Satans ihm einzelne

Theilnehmer der Versammlung vor und colossale Schmeicheleien lohnt der

Teufel durch Belehnung mit Millionen Seelen. Da tritt Mitternacht ein:

'Versinken der Erscheinung. Vulcan. Unordentliches Auseinanderströmen,

-brechen und -stürmen.' Die Erscheinung des Teufels versinkt, ein Vulkan

entsteht an der Stelle wo er thronte, und die ganze Versammlung

zerstiebt.

=Ein anderer Theil des Brockens. Tiefere Region. Hochgerichtserscheinung.=

(S. Paralipomena.) Auch Faust und Mephisto haben den Gipfel des Brockens

verlassen und den Rückweg angetreten. Da kommen sie in ein gewaltiges

Gedränge, um sich zu retten, ersteigen sie einen Baum. Da erscheint

wieder jenes nackte Idol, worin Faust Gretchens Gestalt zu erkennen

glaubte. Es hat die Hände auf dem Rücken, wie zur Hinrichtung bereitet.

Nach einem schauerlichen Gesang von Blut fällt der Kopf ab (Mephisto hat

so etwas schon früher vorausgesehen, 3850). Aus dem Geschwätz von

Kielkröpfen erfährt Faust endlich die volle Wahrheit über Gretchens

Lage.

Gleich musste nun Faust verlangen, zu Gretchen gebracht zu werden, um

sie zu befreien (wie in der Prosascene).

=Kerkerscene.=

Das folgende bezeichne ich nur in Bausch und Bogen, ohne überall

feststellen zu wollen, wie viel ausgeführt, wie viel nur schematisirt

war.

=Faust, Ariel, Geisterkreis.= Sonnenaufgang im Gebirge, wobei Eindrücke

vom Vierwaldstätter See verwerthet (Eckermann, dritte Aufl. 3, 117).

=Faust und Mephisto am Kaiserhofe.= Faust hat dem Kaiser versprochen,

ihm Paris und Helena zu zeigen. Die Erscheinung wird für ihn selbst

verhängnisvoll.

=Mephisto, Wagner, Baccalaureus.= Letzterer mit Bezug auf Fichte in Jena

(trotz Eckerm. 2, 103). Die fünfzig Jahre, welche Goethe am 6. December

1829 zurückrechnet (Eckerm. ibid.), sind eine ungenaue runde Zahl. Sie

beziehen sich auf den ganzen zweiten Theil und werden ebenso am 1.

December 1831 in einem Brief an Wilhelm von Humboldt gebraucht (S. 295).

Goethe mag sich diese Datirung im J. 1824 bei der Wiederaufnahme der

Arbeit am Faust angewöhnt haben.

=Classische Walpurgisnacht= mit einer Scene: Faust bei Proserpina

('ausführliches Schema' Eckerm. 1, 201). Das Wesen Mephistos, wie es die

Sphinx definirt, stimmt zum Prolog:

Dem frommen Manne nöthig wie dem bösen,

Dem ein Plastron, ascetisch zu rapiren,

Kumpan dem andern, Tolles zu vollführen,

Und beides nur, um Zeus zu amüsiren.

=Helena= (mit anderem Schluss, Eckerm. 1, 250 f.).

=Faust in politischem Treiben= (s. Paralipomena). Mephisto zu Faust:

'Pfui! Schäme Dich, dass Du nach Ruhm verlangst'. Die Nichtigkeit des

Ruhmes zu beweisen, beruft er sich auf Semiramis, die gleich nach ihrem

Tode mit Scharteken tausendfach beworfen werde, d.h. auf Katharina die

Zweite, gestorben 17. November 1796. Aber auch die Revolution spielt

herein. Gegen Mephistos Rath will Faust sich in ihre Bewegung mischen.

Er meint:

Die Menschheit hat ein fein Gehör,

Ein reines Wort erreget schöne Thaten;

Der Mensch fühlt sein Bedürfnis nur zu sehr

Und lässt sich gern im Ernste rathen.

Mit dieser Aussicht trenn ich mich von Dir,

Bin bald und triumphirend wieder hier.

Natürlich sollte Mephisto Recht behalten. Faust kam 'matt und lahm'

zurück und sah ein, was Goethe stets behauptet, dass nichts fromme, als

unverdrossene Thätigkeit im eigenen engen Kreise. Die Form der

Einkleidung denk ich mir mit der jetzigen verwandt. Gegen den Kaiser,

denselben welcher Paris und Helena sehen wollte, ist eine Empörung

ausgebrochen, das Volk schreit nach Freiheit und Gleichheit. Faust denkt

sie mit friedlichen Mitteln, durch Gewalt der Rede, der Wahrheit zu

beschwichtigen. Vergeblich. Der Zauber muss helfen. Faust wird zum Lohne

belehnt. (Mit dem alten Schema -- aus dieser Zeit, nehme ich an -- war

Goethe nicht zufrieden und schrieb ein neues nieder: Eckerm. 2, 178 vom

13. Februar 1831).

=Faust thätig schaffend.= Als Herrscher. Philemon, Baucis, der Wanderer

(vgl. Eckermann 2. Mai 1831: 'Die Intention auch dieser Scene ist über

dreissig Jahre alt').

=Vor dem Palast= (s. Paralipomena). Faust ist todt.

Mephisto:

So ruhe denn an deiner Stätte!

Sie weihen das Paradebette,

Und, eh das Seelchen sich entrafft,

Sich einen neuen Körper schafft,

Verkünd ich oben die gewonn'ne Wette.

Nun freu ich mich aufs grosse Fest,

Wie sich der Herr vernehmen lässt.

Mephisto also meint, die Wette gewonnen zu haben. Aber irgendwie muss

ihm klar gemacht werden, dass er sich teuscht, dass Faust zwar irrte

(Prol. 75), aber sich nicht verirrte, dass ihn Mephisto nicht auf

=seinen= Weg gebracht (Prol. 72. 84), dass er des rechten Weges sich

bewusst geblieben ist (Prol. 87). Und als Mephisto vollends die

Annäherung des Reichsverwesers, Christi, spürt, da gibt er jeden Versuch

zu remonstriren auf und ergreift die Flucht:

Nein! Diesmal gilt kein Weilen und kein Bleiben:

Der Reichsverweser herrscht vom Thron,

Ihn und die Seinen kenn ich schon,

Sie wissen mich, wie ich die Ratten zu vertreiben.

5) =Abschluss= (1806).

'Den ersten Theil des Faust abgeschlossen' meldet die Chronologie zum J.

1806. Und die Tag- und Jahreshefte zum selben Jahre: 'Faust in seiner

jetzigen Gestalt fragmentarisch behandelt'. Er erschien nach Ostern

1808.

Fragmentarisch behandelt, was heisst das? Das Werk war kein Ganzes, aber

es sollte als solches gelten; der Plan war nicht ausgeführt, aber er

sollte als ausgeführt angesehen werden. Goethe entschloss sich auf die

Ausführung des Disputationsactus zu verzichten und die Walpurgisnacht

mit dem Intermezzo abzubrechen. Er entschloss sich die prosaische Scene

'Trüber Tag, Feld' mit einer auf Valentins Tod bezüglichen Interpolation

unverändert beizubehalten und das Treiben der Hexenzunft am Rabenstein

wild phantastisch abgerissen als ein Erlebnis auf dem Wege zu Gretchens

Kerker hinzustellen.

Er musste aber ausserdem die Lücke ausfüllen, in welcher Faust und

Mephisto sich verbinden, und er that es aus der trüben Stimmung jener

bitteren Zeit nach Schillers Tod und nach der Schlacht bei Jena. Er nahm

zugleich eine radicale Aenderung seiner lange festgehaltenen

Grundauffassung vor, gab dem Bösen eine Macht, die er ihm früher nicht

zugestand, und führte den Stoff auf den Standpunct des sechzehnten

Jahrhunderts und des Puppenspieles zurück: Mephisto nähert sich als

Versucher dem verzweifelnden Faust, es handelt sich um dessen Seele und

um künftige Höllenqualen; hier dient der Teufel ihm, im Jenseits muss er

sich zum Dienst bequemen. Die Tradition ist stärker als der moderne

Dichter, sogar das Ceremoniell der blutigen Unterschrift wird uns nicht

erlassen. Infolge dessen musste nachher der Schluss des zweiten Theiles

geändert werden; die Wette des Prologs verliert alle Bedeutung; ein

anderes traditionelles Sagenelement, der Kampf der Engel und Teufel um

die entweichende Seele, muss die Entscheidung herbeiführen. Auch finden

genaue Beziehungen auf die Vertragsscene statt. Faust erinnert sich dass

er mit Frevelwort sich und die Welt verflucht. Er =sagt= zu einem

Augenblicke, dessen Vorgefühl ihn ergreift: 'Verweile doch! Du bist so

schön!' Und Mephisto will den blutbeschriebenen Titel zeigen.

Jetzt erst passt, was Goethe zu Sulpiz Boisserée am 3. August 1815 sagt

(1, 255): Faust mache dem Teufel im Anfang eine Bedingung, woraus Alles

folge; das Ende sei fertig und sehr gut und grandios gerathen, aus der

besten Zeit. In der That wird Eckermann gegenüber stets nur von dem

Anfange des fünften Actes (Offene Gegend; Im Gärtchen, Palast, Tiefe

Nacht) geredet; der Schluss gilt als vollendet. Aber gleich erhebt sich

eine Einwendung: wird Goethe die Jahre um 1806 die beste Zeit nennen? Es

ist freilich die Zeit der Wahlverwandtschaften und der Pandora; aber für

Goethe selbst nicht zu vergleichen mit der Epoche Schillers. Und doch

wieder, da =dieser= Epoche der Prolog unzweifelhaft angehört und wir

Fragmente eines entsprechenden Schlusses finden, so kann der veränderte

Schluss nicht wol derselben Epoche angehören. Es kommt noch ein anderes

hinzu: die Helena ist in der vierten Phase ausgebildet. Und wenn Kuno

Fischer mit Recht auf die Widersprüche zwischen der eigentlichen

Vertragsscene und dem was sich unmittelbar anschliesst, Sc. II a des

Fragmentes, aufmerksam macht (Goethes Faust, Stuttgart 1878, S. 172),

wenn er ferner darauf hinweist dass Faust in der Hexenküche wie Gretchen

gegenüber keineswegs der rastlose ist, den kein schöner Augenblick

befriedigt: so gilt dasselbe von der Helena-Episode, nicht Faust stürmt

weiter, =er= möchte verweilen, das Schicksal versagt. Es bleibt daher

wol nichts übrig als einen ungenauen Ausdruck Goethes oder eine

Ungenauigkeit des Berichterstatters anzunehmen: '=wie= aus der besten

Zeit'; dagegen wäre nichts einzuwenden.

Demgemäss nehme ich an, dass der Schluss des zweiten Theiles nach Z.

1176-1415 des ersten Theiles entstanden sei. Es liegt eine tröstliche

Wendung der Stimmung in jenem Schlusse, wie in der Conception der

Wiederkunft Pandorens[16]. Und neben die Büsserinnen und ihre Gesänge

stellt man leicht im Geiste die Ottilie der Wahlverwandtschaften. Die

sämmtlichen Figuren der letzten Scene sind überhaupt einer Zeit

besonders gemäss, in welcher der Calderon-Cultus blühte, in welcher

Goethe selbst ein christliches Martyrium auf dem Hintergrunde

germanischer Vorzeit behandeln wollte ('Trauerspiel in der

Christenheit'), in welcher Goethe mit Zacharias Werner verkehrte und

seine Stücke aufführen liess. 'An dem Stil der Pandora -- sagt Julian

Schmidt Preuss. Jahrb. 39, 389 -- kann man fast mit Zuversicht ermessen

was vom zweiten Theil des Faust in diese Periode gehört.'

Dass nun aber die genannten Verse des ersten Theiles nicht aus der

vierten Phase des Faust stammen, dafür sprechen neben den äussern, die

ich geltend machte, noch die stärksten inneren Gründe. Was Goethe

während des Zusammenwirkens mit Schiller in die 'grosse Lücke' zwischen

Sc. I und II hinein dichtete, Selbstmordgelüste, Spaziergang,

Bibelübersetzung, Mephistos erstes Auftreten, ist ganz aus einem Gusse.

Ergreifend schön und wahr, voll milder Poesie der rettende Gesang, das

Wiederaufleben, der neue Lebensentschluss und Lebensmuth, das Geniessen

des Ostertages trotz dem herben Rückblick auf die Zeit der Pest. Breit

und voll umrauscht ihn der Strom des Lebens, weltweite Sehnsucht erfasst

ihn und Trieb zur Thätigkeit, angewandt auf das würdigste Object.

Selbst in dem Entschluss zu sterben waltet eine hohe mitreissende

Freudigkeit. Ueber die Enge des Momentes hinaus erheben wir uns zu

breiten Umblicken und hohen Betrachtungen. In das Schwüle, Dumpfe,

Schreckliche sind befreiend-erhellende Elemente gemischt; und so bleibt

es; glückverkümmernder Trübsinn entweicht; die Sehnsucht ist nicht

schmerzlich, sondern herzerweiternd; und welche Erquickung bringt Faust

mit nach Hause! Wie behaglich selbst ist seine Unterredung mit dem

Teufel!

Welcher andere Ton aber setzt mit Z. 1176 ein. Verdriesslich gleich die

ersten Worte, kein Schatten von Streben, von Thätigkeit, vergessen die

Bibelübersetzung, wie es scheint; Alles pessimistische Negation. Faust

ist jetzt ganz mit seinem Weh beschäftigt, ganz eingesponnen in sich

selbst, und er findet furchtbare Accente, um das Uebel in der Welt als

das Unausweichliche hinzustellen: 'Entbehren sollst du! Sollst

entbehren! Das ist der ewige Gesang, der jedem an die Ohren klingt, den

unser ganzes Leben lang uns heiser jede Stunde singt' usw. Entsetzliche

Flüche stösst er aus, Schönheit, Ruhm, Reichthum, Liebe, Hoffnung,

Glaube, Geduld, sie alle sind ihm Illusionen. Was er wünscht, ist das

Stachelnde, Spornende, das wie eine Geisel treibt zur Rastlosigkeit:

Speise die nicht sättigt, ein Spiel bei dem man nie gewinnt, eine Frucht

die fault, eh man sie bricht usw.

Und was liegt zwischen dieser und der vorigen Scene? Im Faust nichts; in

Goethes Leben viel. Seltsam steht mitten zwischen den pessimistischen

Ergüssen ein Wort wie aus den Wahlverwandtschaften:

Beglückt wer Treue rein im Busen trägt,

Kein Opfer wird ihn je gereuen! --

Wenn ich einen scharfen Gegensatz zwischen der vierten und fünften Phase

des Faust empfinde, so ist doch zu sagen dass beide gemeinsam die

vielfältige Verwendung der Musik auszeichnet, welche Goethe offenbar als

Milderung und Idealisirung verwendet. 'Es sind Dinge darin -- schreibt

der Dichter an Zelter, 7. Mai 1807 -- die Ihnen auch von musikalischer

Seite interessant sein werden.'

So weit wollte ich die Entstehungsgeschichte des Faust verfolgen. Dass

eine sechste beinah siebenjährige Phase (1824-1831) die Vollendung des

zweiten Theiles herbeiführte, ist bekannt genug.

Wenn Goethe in dieser späten Zeit einmal behauptet, er habe den Faust im

zwanzigsten Jahre concipirt, so ist wenigstens richtig, dass ihm in

seinem zwanzigsten Jahre schon die Gestalt des gespenstischen Doctors

nahe getreten war. Söller in den Mitschuldigen von 1769 (DjG. 1, 208)

sagt:

Es wird mir siedend heis. So war's dem Docktor Faust

Nicht halb zu Muth, nicht halb war's so Richard dem Dritten.

Und die Erlebnisse, welche Goethe für den Faust verwerthete, mögen wol

noch früher begonnen haben. Ich denke an das Frankfurter 'Gretchen'

welches doch wol mit der 'W.' (DjG. 1, 19) identisch ist. Der Brief den

Erich Schmidt oben S. 3 ff. behandelt, klingt dem Motive nach in

Auerbachs Keller herein 1755: 'Sie hat mich angeführt, Dir wird sie's

auch so machen'. Dass in dieser Scene Merck-Goethesche Erlebnisse

verwerthet seien, wollte Wieland wissen (Böttiger Litt. Zust. 1, 21).

Dass der Gegensatz gegen todte Gelehrsamkeit, gegen das Facultätswissen,

aus Goethes eigener Studienzeit stammt, bezweifelt niemand. Wir dürfen

weiter bei dem Disputationsactus an Goethes eigene Promotionserfahrungen

in Strassburg denken. Neben dem Frankfurter 'Gretchen' lässt sich

Friederike aus den Anhaltspuncten, welche uns Goethes Gedichte und

Selbstbiographie gewähren, als ein Modell, ja als das Hauptmodell zu

Fausts Gretchen wahrscheinlich machen. Auf ein anderes beiläufiges Motiv

sei hier noch aufmerksam gemacht: Goethe erzählt im zwölften Buch von

Dichtung und Wahrheit von einem 'liebevollen Genius' der ihn heimlich

umschwebte, von einer zarten liebenswürdigen Frau die ihn liebte ohne

dass er es wusste. 'Erst mehrere Jahre nachher, ja erst nach ihrem Tode

erfuhr ich das geheime himmlische Lieben auf eine Weise, die mich

erschüttern musste; aber ich war schuldlos und konnte ein schuldloses

Wesen rein und redlich betrauern, und um so schöner, als die Entdeckung

gerade in eine Epoche fiel, wo ich ganz ohne Leidenschaft mir und

meinen geistigen Neigungen zu leben das Glück hatte'. Ich meine, diese

Epoche muss Goethes Aufenthalt in Italien sein. Er fühlte sich

schuldlos, sagt er hier, aber er war erschüttert. Gab er sich nicht

wenigstens Schuld, dass er die Neigung, die ihm entgegengebracht wurde,

nicht merkte und durch unbefangene Liebenswürdigkeit fortwährend nährte?

Empfand er sich nicht 'halb schuldig, halb unschuldig'? Mich dünkt, hier

war Stoff zur Mignon. Hier war ferner Stoff zu Nausikaa und Ulysses.

Hier war endlich -- immer in derselben Zeit -- ein neuer Anlass zu dem

Bild in Sc. XV Z. 2992, dem Wassersturze, der das Hüttchen auf dem

kleinen Alpenfelde zerstört. Goethe ist der Unbehauste, der fremden

Frieden untergräbt. Indem wir solchen Spuren nachgehen, wandeln wir nur

die Wege, auf die uns Goethe selber weist, wenn ihm erste Lieb und

Freundschaft mit den Gestalten des grossen Gedichtes heraufsteigen.

Konnte ihn die Figur der heilgen Ottilie, welche Unglück über

nahverwandte Menschen bringt, aus seinem Elsässer Aufenthalt bis in die

Zeit der Wahlverwandtschaften verfolgen; so darf auch 'die arme

Friederike' (DjG. 1, 385) noch so lange nachwirkend gedacht werden, als

in Goethes Dichtungen ähnliche Gebilde auftauchen.

9. 2. 79.

KILIAN BRUSTFLECK.

I.

Köhler hat im zwanzigsten Bande der Zeitschrift für Deutsches Alterthum

(S. 119 ff.) Goethes 'mikrokosmisches Drama' Hanswursts Hochzeit -- wozu

eine Stelle in Dichtung und Wahrheit Aufforderung und Anhalt bot -- auf

ein älteres Puppenspiel Harlekins Hochzeit zurückgeführt. Die Person des

Kilian Brustfleck, des Vormundes, konnte indessen aus jenem Büchlein

nicht abgeleitet werden. Aber es scheint klar, dass wir es auch in

dieser Rolle mit einer bereits feststehenden, typisch gewordenen Gestalt

zu thun haben, deren Besonderheiten als allgemein bekannt vorausgesetzt

werden, wenn Goethe ihn sagen lässt (DjGoethe 3, 495):

Doch eins liegt mir in allen Gliedern

Dass ich -- es ist =ein altes Weh= --

Nicht gar fest auf meinen Füssen steh',

Immer besorgt, der möge mich prellen

Der habe Lust mir ein Bein zu stellen

Und so mit all dem politischen Sinn

=Doch immer Kilian Brustfleck bin=.

Köhler hat nun auf ein kleines, zeitlich, wie es scheint, nicht genauer

zu fixirendes, Volksbuch aufmerksam gemacht, in welchem unter der

Ueberschrift 'Kilian Brustflecks lustige Scherzspiele' eine Anzahl von

Gesellschaftsspielen zusammengestellt sind. Er hat die Vermuthung

geäussert, Goethe habe diesem Volksbüchlein den =Namen= Kilians

entlehnt, wenn derselbe nicht etwa sonst noch vorkommen sollte. --

Schon das Typische in der Figur des Brustfleck zeigt, dass Goethe doch

wol einer andern Vorlage folgte, mehr einer Quelle entnahm, als allein

den Namen. Und allerdings kommt derselbe denn auch sonst noch vor und

zwar an keiner seltsameren Stelle, als in einer Marginal-Resolution

König Friedrich des Zweiten.

In den kurzen Antworten und Bescheiden, wie sie der König jahraus

jahrein auf tausend Wünsche der Eitelkeit, Begehrlichkeit und jeder Art

von menschlicher Schwäche zu ertheilen hatte, entfaltet sich der ganze

Sarkasmus seiner eigenartigen Natur. Wie er das ganze Verfahren von

seinem Vater her beibehalten hatte, so gemahnen -- mehr als man bei dem

so ganz französisch gebildeten König von vornherein vorauszusetzen

geneigt ist -- diese kurzen, schlagenden und oft genug recht derb

hineinschlagenden Bemerkungen Friedrich des Zweiten an die derbe,

volksmässig-ursprüngliche Denk- und Ausdrucksweise Friedrich Wilhelm des

Ersten. Sprichwörtliche Redewendung, derber Witz, volksmässige Gestalten

treten hier in hohem Maasse zu Tage.

Auf das Gesuch eines früheren dänischen Officiers =Kiliani= um Aufnahme

in den Preussischen Militärdienst, rescribirt der König, eigenhändig,

folgendes (Preuss. Urkundenbuch zu der Lebensgeschichte Friedrichs des

Grossen 2, 233):

ich Kene Kein Kilian als

Kilian Brustfleck und der Schikt

Sich nicht in der Armée.

Wir sehen somit, dass unser Schluss auf eine allgemeinere Verbreitung

jener Figur völlig berechtigt ist, wir sehen ferner, dass auch der König

einen Zug dieser typischen Figur mittheilt, und zwar einen solchen, der

mit der oben angeführten Charakteristik Goethes völlig vereinbar ist.

Wenn Kilian Brustfleck 'nicht gar fest auf seinen Füssen steht', wenn

Hanswurst an ihm 'sein fahles Wesen, schwankende Positur, sein Tripplen

und Krabblen und =Schneidernatur=' verspottet (DjGoethe 3, 499), ja dann

schickt er sich wahrlich nicht 'in der Armée'.

Friedrichs Bemerkung ist im Jahre 1775 geschrieben, also ziemlich

gleichzeitig mit dem Goetheschen Werkchen; gerade damals also scheint

sich die Figur einer grösseren Beliebtheit und einer über Nord- und

Süddeutschland sich erstreckenden Popularität erfreut zu haben. Wegen

der festen Ausprägung so charakteristischer Züge wird man wol an eine

litterarische Fixirung der Gestalt denken müssen, vielleicht gelingt es

noch, derselben weiter auf die Spur zu kommen. -- Auf jeden Fall ist die

kleine Stelle auch für Friedrich wichtig, sie zeigt, dass er dem Leben

seines Volkes nicht so fern stand, als gemeinhin angenommen wird. In der

vielfach behandelten Frage über des Königs Stellung zur deutschen

Litteratur sind durchaus nicht alle für dies Verhältnis in Betracht

kommende Momente berücksichtigt worden. Und so muss es eigenthümlich

berühren, Friedrich hier zur Erklärung einer Hanswurstiade Goethes

beitragen zu sehen, über dessen Götz er fünf Jahre später die bekannten

Worte schrieb: 'Voilà un Götz de Berlichingen qui paraît sur la scène,

imitation détestable de ces mauvaises pièces anglaises et le parterre

applaudit et demande avec enthousiasme la répétition de ces dégoûtantes

platitudes' (Oeuvres 7, 109).

=Berlin= 4. 3. 78. MAX POSNER.

II.

Kilian Brustfleck kommt schon im siebzehnten Jahrhundert vor, und zwar

als Bezeichnung für einen Schauspieler, einen 'Hofcomödianten oder

agirenden Bauren' J.V. Petzold, der die typische Rolle eines dummen,

'verwirrten' Dorftölpels inne hatte. Näheres beweist der Titel eines auf

Bettelei hinauslaufenden Lobgedichtes vom J. 1694: 'Frühlings-Streuszlein

oder Mayenblumen, welche bei der Grossen Pyramis und unvergleichlichen

Ehrn-Seule Denen Hoch-Edelgebornen Fürsichtig und Hochweisen HERREN

Herren Burgermeistern und gesambten Rath Des H. Röm. Reichs-Stadt

Nürnberg etc. zu gnädigstem Angedencken Auf dero Hohen Gnad-Altar zu

heiligen verehrt und in tiefster Demuth als schuldigster Unterthänigkeit

übergeben von dem so gewandten und bekandten Fürstl. Eggenbergischen

Hof-Comödianten oder agirenden Bauren, sonsten Johann Valentin Petzold,

auch Kilian Brustfleck genandt. Nachdem ers bey theurer Zeit in Armuth,

aus dem Thætalischen Irr-Garten seines verwirrten Bauren-Verstands

gesamblet, und HeraVs gegeb'n In DIeseM Iahr, VVIe's nageLneVV

gedrVCkket VVar -- 2 Bl. 4º o. O. (jedenfalls Nürnberg)'.

Inhaltlich durchaus elend und uninteressant. Liefert auch nichts weiter

zur Charakteristik des armseligen Reimers. Ein gröstentheils in

Alexandrinern abgefasster Lobspruch auf Nürnberg (die 'reiche

Adlerbraut'), sogar auf seine Apotheken (Guldne Kugel, Kandl,

Paradeisz). Schluss:

Gib Himmel! dasz geschieht, und eine Gnad mich mach Neu.

Denen Lilien-Hahnen, und Mondes-Hunden, zu Hohn und Trutz,

Find letzlich dieses Cabbala bei Eurer Gnaden-Rath sichren Schutz.

Die darauf folgende 'Cabbalistische Litter-Rechnung' bedeutet:

Gib Gott denen Adlers-Federn all hie Gnaden.

Das Sie Mogen All Ihren Feinden Schaden.

Wirklich sehr 'Thätalisch'.

=Strassburg= 16. 5. 78.

ERICH SCHMIDT.

ZUR STELLA.

Goethes Stella enthält die meisten traditionellen Motive des

bürgerlichen Trauerspiels. Die verlassene Geliebte, welche ihrem

treulosen Geliebten nachreist, scheint seit Lessings Miss Sara Sampson

zum bürgerlichen Trauerspiel unentbehrlich. Weisses Amalia folgt ihrem

Geliebten in Männerkleidern, um ihn aus den Armen ihrer Nebenbuhlerin zu

retten, falls diese seiner unwürdig sei. Sie findet sie würdig und

entsagt. Die Lösung des Confliktes hat sich Weisse leicht gemacht. Ein

älterer Freund und Begleiter, der Vertraute Amaliens, ein Nothnagel des

Dichters, an dem alles aufgehängt wird, was der Zuschauer zu wissen

braucht, tritt am Schlusse als Erlöser auf, indem er Amalien heimführt.

Dies die erste Lösung des Stella-Confliktes.

Das Motiv der nachreisenden Geliebten war leicht zu einer tragischen

Situation zu verwenden. Nur ein Schritt war zu thun: die nachreisende

Geliebte weiss wol ihren Geliebten an einem bestimmten Orte, aber nichts

von seiner Treulosigkeit. Sie erfährt diese erst nach ihrer Ankunft,

also im Rahmen des Stückes, auf der Scene. Diesen Schritt, den Goethes

'Stella' voraussetzt, hat nicht Goethe, sondern Weisse gethan. Zwei

Jahre nach der Amalia, im Jahre 1768, versuchte sich Weisse an einer

neuen Lösung des Stella-Confliktes. 'Grossmuth für Grossmuth' erschien

in der zweiten Auflage des dritten Bandes 'Beytrag zum deutschen

Theater' 1768. Goethe kannte das Stück. Nach seiner Rückkehr aus Leipzig,

am 24. November 1768, schreibt er an Oeser (DjGoethe 1, 37): 'Meine

Gedanken über Weissens Grossmuth für Grossmuth sind zwar zum Erzählen

ganz erträglich, zum Schreiben noch lange nicht ordentlich, nicht

richtig genug.' Die Lösung des Confliktes kommt in diesem 'Lustspiele'

der Stella schon näher. Die neue Geliebte entsagt und Freundschaft

verbindet alle drei Personen unter einander. Die Worte Treuwerths mögen

Goethe auf seine Lösung gebracht haben: 'Grossmüthige Seele! Wie

glücklich! Wie unglücklich zugleich! Zwei Herzen besitzen zu können,

wovon jedes eine Welt werth ist und nur eines geben zu können! -- --

Aber Constantia und Sie sollen es getheilt besitzen. Sie ist viel zu

grossmüthig, als dass sie mir zumuthen sollte, eine Person zu vergessen,

die meine erste Liebe besass.'

Goethe vertieft die Situation noch einmal. Nicht nur dass Cäcilie von

der Untreue ihres Geliebten nichts weiss, sie weiss auch von seinem

Aufenthalte an dem Orte ihrer Ankunft nichts. Goethe verbindet eine der

wirksamsten Erkennungsscenen die ihre Kraft seitdem hundertmal erprobt

hat, mit diesem Motive des bürgerlichen Trauerspiels. So entwickelt sich

aus dem Motive der Sara durch Weisses Stücke hindurch das Motiv der

Stella.

In Weisses 'Grossmuth für Grossmuth' ist Karoline von ihrem Geliebten

Treuwerth durch ihren Vater getrennt worden. Der tyrannische Vater, der

seine Tochter zu verhasster Heirat zwingen will, ist ein Typus des

bürgerlichen Stücks. Weisse hat in diesem Sinne aus Shakespeares Capulet

in Romeo und Julie Kapital geschlagen. Goethe versöhnt auch hier; im

Hintergrunde des Verhältnisses zwischen Fernando und Stella steht ein

gütiger Onkel; und was Fernando von Cäcilien treibt, ist ein

ritterliches Motiv, dem bürgerlichen Trauerspiel gerade entgegengesetzt.

Treuwerth hält Amalia für todt. Er findet in Danzig eine reiche

Kaufmannswittwe, deren Geschäft er zu führen auf sich nimmt. Er gewinnt

ihre Liebe und macht eben Anstalten zur Vermälung, als Karoline

erscheint, und die alte Liebe aufs neue bei ihm entzündet. Constantia,

die Wittwe, entsagt.

Die Situation während der Handlung des Stücks ist unverkennbar dieselbe,

wie in Goethes Stella. Die Voraussetzungen freilich sind sehr

verschieden. Treuwerth ist ein junger Kaufmann, Frau Solms (Constantia)

eine Kaufmannswittwe, Karoline Tochter eines Kaufmanns; -- alles

hausbackene bürgerliche Motive, welche der englische Zuname Karolinens

(Seyton) nicht aus der deutschen Kleinstädtersphäre herausrückt.

Englischen Namen muss nun einmal wenigstens eine Person des bürgerlichen

Lustspiels haben. Goethe bringt uns in eine freiere Sphäre chevaleresker

und seraphischer Empfindungen. Auch Cäcilie, welche noch am meisten

Maass zu halten weiss, setzt die Erscheinung des Werther voraus.

Die Charaktere der beiden Frauen in Weisses und Goethes Stücke kreuzen

sich gegenseitig. Der Situation nach entspricht Karoline Seyton der Frau

Sommer in der Stella; sie ist die ältere, verlassene Geliebte. Frau

Solms in Weisses Stück ist in Stellas Lage, als die spätere, noch

besitzende Geliebte.

Aber die Charaktere sind bei Goethe richtiger in die entgegengesetzte

Situation gesetzt. Frau Solms ist Wittwe, zwar eine jugendliche Wittwe,

aber Karoline gegenüber hat sie die Mühseligkeiten des Lebens in ihrer

ersten Ehe kennen gelernt. Als der Conflikt an sie herantritt, fasst sie

sich schnell. Sogleich in ihrem ersten Selbstgespräche räsonnirt ihr

Verstand über Zulässigkeit und Unzulässigkeit ihrer Ehe mit Treuwerth.

Sobald sie sich aber überzeugt hat, dass Treuwerth Karoline noch liebt,

ist sie zur Entsagung bereit. Cäcilie in der Stella ist nicht blos

Wittwe, sie ist auch Mutter. Wo der Himmel Elend und Verwirrung über

seine Kinder geschickt hat, ist sie es zuerst, welche zum Himmel um

Stärkung fleht; durch sie wird der Knoten löslich, der erst nur

zerreissbar scheint. Ihr Verstand bringt im entscheidenden Momente den

ähnlichen Fall des Grafen von Gleichen mit kluger Berechnung zur

Erzählung. Sie erkennt, wie sehr Fernando Stella noch immer liebt, wie

ihn nur die Pflicht von ihr abrufe, und sie wirft Fernando mit der Frage

zu Boden: 'Nicht wahr, Du liebst sie, Fernando?'

Constantia ist ganz das Vorbild der Cäcilie in der Stella. Hier hat

Goethe aus seiner Quelle am meisten entlehnen können. Cäcilie steht den

bürgerlichen Empfindungen noch immer am nächsten. Karoline hat wie

Stella Jugend, Reichthum und Schönheit. Sie kann nur ohne Ueberlegung

ihrem Naturell folgen; sie ist heftig. Alles aber, was über die

Schablone des bürgerlichen Stückes hinausgeht, musste Goethe aus eigenem

hinzuthun. Bei Fernando war es ihm noch leichter, aus dem eigenen

hinzuzugeben; und hier steht es auch mit der Quelle am trostlosesten.

Etwa ein Werner, wie in Wilhelm Meister, ein Philister, der als 'gute

Partie' von zwei Frauen in die Mitte genommen ist, hätte ohne weitere

Hinzuthat in Goethes Händen daraus werden können. Den einen

bürgerlich-sittlichen Zug hat Goethe freilich beibehalten: dass Fernando

wie Treuwerth, als sie ihre ersten Geliebten wiederfinden, gegen den

Willen ihres Herzens, an der Pflicht, der geschlossenen Verbindung oder

Verbindlichkeit festhalten; und erst durch die Grossmuth ihrer Liebe

wiedergeschenkt werden.

Grossmuth für Grossmuth ist ja auch in der Stella das Sujet. Wenn auch

das Prahlen mit sittlichen Vorzügen und Doctrinen mehr zurücktritt; wenn

auch, was in Weisses Stück bürgerliche Moral heisst, in der Stella als

höherer, edlerer Zug des Herzens erscheint. Stella klagt sich an, sobald

sie von der Heirat ihres Geliebten erfährt, Cäciliens Leben vergiftet,

ihr alles geraubt zu haben; und Cäcilie übt Grossmuth, indem sie auf den

alleinigen Besitz Fernandos, der sich ihr selbst wieder zugesprochen

hat, verzichtet.

Uebereinstimmungen im äusseren Gang der Handlung finden sich wenige. In

beiden Stücken wird die frühere Geliebte, die während der Abwesenheit

des Geliebten auftritt, von der neuen Geliebten in deren Hause

festgehalten. Karoline bei Weisse ist nach der Sitte des bürgerlichen

Stückes im Gasthofe abgestiegen; Goethes Stella spielt im ersten Akt im

Posthause. Karoline wie Cäcilie wollen fliehen, sobald sie von der neuen

Verbindung des Geliebten erfahren; sie fürchten, das Glück des Geliebten

zu stören, die alte Flamme in seinem Herzen wieder zu entzünden.

Karoline erfährt von ihrer Nebenbuhlerin die neue Verbindlichkeit ihres

Geliebten; ähnlich wie Cäcilie von Stella das Bildnis ihres Mannes in

die Hand bekommt. Frau Solms erzählt dem Treuwerth die Geschichte seiner

ersten Liebe unter dem Vorwand, dass sie ihr geträumt habe; so auch

muss Fernando in der Stella von Cäcilien die Geschichte der seinigen

hören. Wie Fernando muss es Treuwerth beklagen, seine erste Geliebte nur

wieder gefunden zu haben, um sie auf immer zu verlieren.

28. 8. 78.

JACOB MINOR.

FUSSNOTEN:

[1] Die Nidda, wie mich Hr. v. Loeper belehrt, indem er zugleich zur

Ergänzung seiner Anm. 618 (Dicht. und Wahrh. 4, 145) auf Rosaliens

Briefe (von der Laroche) Bd. 2, Brief 77, verweist.

[2] Cölln.

=Blauer Dunst in Gedichten.= 1772. 8. 260 S.

Der Witz dieser Dinger besteht darinn, dass sie auf blau Papier gedruckt

sind, und da das Papier auch ziemlich sanft ist, so würde selbst

=Gargantua= der competenteste Richter in diesen Fällen, gestehen müssen,

dass sie sehr brauchbar sind,

_Purgatus bilem verni sub temporis hora_.

[3] Nachdem der Recensent blos Auszüge, mit einigen lobenden Beiwörtern

verbrämt, gegeben hat, lautet sein Schlusswort: 'Wir empfehlen diese

kleine Schrift, sowol in Ansehung ihrer Grundsätze, als des wahren

Genius, der durch die kleinsten Theile durchzieht, allen Verehrern der

Kunst! Und allen Theoristen mag sie dann ein kurzer Metallcylinder sein,

um langen Drat akademischer Weisheit darauszuziehen, mit dem man das

Gebiet der deutschen Kunst, wie mit den Riemen der Königin Dido von

Osten, Westen, Süden und Norden nach Belieben umspanne.' Es ist in der

That um zu zeigen: ich bin auch da, ich kann mich auch bildlich

ausdrücken. Das ganze vollkommen wolmeinend, aber herzlich unbedeutend.

[4] 'Was von Wien kommt, ist gross. Herr von Gebler ist gross, weil es

noch mehr Leute gibt, die auch gerne gross werden, nach Wien gehen und

auf öffentliche Kosten nach Italien reisen möchten' Frankf. Gel. Anz.

1772 S. 561.

[5] 'Obgleich das Werk nicht von der höheren Art von Composition ist, so

ist doch die gute Absicht zu loben'. So heisst es in der Recension eines

englischen Romanes Frankf. Gel. Anz. (21. Jänner) 1772 S. 48. Und

zwanzig Zeilen vorher auf derselben Seite von einem andern englischen

Roman: 'Ein Roman, der eben nicht die reichste Einbildungskraft verräth,

aber doch seinen moralischen Nutzen haben mag'. Ich kann kaum zweifeln,

dass der Recensent Schlosser ist und dass er im Freundeskreise dafür

geneckt wurde. Englische Dutzendwaare erfährt sonst nicht so glimpfliche

Behandlung in den Frankf. Gel. Anzeigen.

[6] Vgl. (worauf mich Moriz Heyne verweist) Jean Paul 9, 174: 'Wenn

zweitens die Feder eines ausserordentlich guten Autors eine Lichtputze

der Wahrheit ist' ... Bahrdt wurde übrigens schon am 18. Januar 1772 zur

Mitarbeit an den Frankf. Gel. Anz. aufgefordert (Briefe an Bahrdt 1,

168).

[7] Merck an Wieland 1. August 1778 (Im neuen Reich 1877. I. S. 856):

'Ich habe noch einen schönen Brief von =Mr. Satanas Herder= vom Jahr

1770, worin er' usw.

[8] Sie ist nicht von Klopstock, wird ihm aber, wie mir Erich Schmidt

mittheilt, auch z.B. in der Darmstädter Ausgabe S. 79 zugeschrieben.

[9] Noch etwas anderes kann zu Grunde liegen oder mitwirken. Herder

verfolgte sympathisch die Idealisirung des deutschen Alterthums und das

Bardenwesen, wie der Aufsatz über Ossian zeigt. Auch in der Aeltesten

Urkunde tritt der Germane, wie ihn Tacitus schildert, direct neben Adam

(7, 74). Vgl. Lebensb. 5, 293 Gerstenberg. Goethe, der mit dem

Bardenwesen von vornherein nichts zu thun haben wollte, mochte in

ähnlicher Weise spotten wie es später in (Schinks) Marionettentheater

(Wien, Berlin und Weimar 1778) S. 175 f. geschah. Apollo hält Gericht

über die verwilderten Musen; die erste setzt sich vor ihm nieder und

frisst Eicheln; sie nennt sich die Bardenmuse: 'Die französischen

Leckereien veracht' ich. Brod, Bier, Wein und Fleisch sind für die

Weichlinge. Die alten Deutschen assen Eicheln' ... Das weitere ist

Unfläterei. -- Wilmanns verweist auf Wieland 29, 214, einen Aufsatz

'über die von J.J. Rousseau vorgeschlagenen Versuche den wahren Stand

der Natur des Menschen zu entdecken' (1770). Da heisst es: 'Rousseau

lässt seinen natürlichen Menschen seine Speise unter einer Eiche suchen.

Vermuthlich muss dieser Philosoph, bei aller seiner Neigung zum

Cynismus, in seinem Leben keine Eicheln gegessen haben. Er würde sonst

wenigstens eine kleine Anmerkung dazu gemacht haben, welche ihm Strabo

und Plinius an die Hand geben konnten. Die ältesten Griechen und einige

Völker, die uns der erste nennt, nährten sich auch von Eicheln. Aber es

waren, wie uns eben dieser weise Schriftsteller versichert, eine sehr

gute wohlschmeckende Art von Eicheln; mit einem Worte, eben diejenige,

welche noch auf diesen Tag unter dem Namen Kastanien in ganz Europa --

von den _arbitris lautitiarum_ selbst -- gegessen werden.' Hiermit wird

das Richtige gefunden sein: die verbesserte Rousseausche Ansicht

schreibt Goethe dem Satyros, dem Repräsentanten Herders als Anhänger

Rousseaus, zu.

[10] Goethe an die Laroche 12. Mai 1773 (Goethe-Schlosser S. 141):

'Leysering [Leuchsenring] wird Ihnen wunderbare Geschichten erzählen ...

Und doch wollt ichs tragen, dass Seelen die für einander geschaffen

sind, sich so selten finden und meist getrennt werden; aber dass sie in

den Augenblicken der glücklichsten Vereinigung sich eben am meisten

verkennen, das ist ein trauriges Räthsel.' Gehört natürlich hierher und

hat mit der Klatscherei Leuchsenrings, von welcher Merck an seine Frau

im Herbst 1771 schreibt (Merck 3, 22), nichts zu thun.

[11] Vgl. im Ausdruck den Schluss der Erörterung über den Sündenfall in

Herders viertem Theil (7, 175): 'Auch meinen elenden Erdcommentar tritt

zu Füssen, und schwimme selbst in den Wolkenschleier voll Morgenröthe,

wo Feld beginnet und Eden schwindet.'

[12] Doch dürfte diese Art zu schliessen nicht überall angewendet

werden. Goethe konnte Motive des Puppenspieles, die er zuerst fallen

liess, dann wieder aufnehmen. So müssen wir uns lediglich bescheiden,

nicht zu wissen, ob auch in der Prosa Wagner auftrat, nachdem der

Erdgeist verschwunden. Für die erste Scene aber müsste man annehmen,

wenn jener Schluss nicht gelten sollte, dass Goethe das Puppenspiel erst

verändert hätte und dann wieder dazu zurückgekehrt wäre.

[13] 'Der (Schauspieler, der) den König spielt, soll mir willkommen

sein; seine Majestät soll Tribut von mir erhalten' Hamlet II, 2 nach

Eschenburg.

[14] Ich will doch eine Vermuthung nicht verschweigen, welche mir ein

Freund mittheilt. Er fragt, ob nicht vielleicht 'Portebras' zu lesen

sei, mit Rücksicht auf Lessings Dramaturgie 4. Stück: 'Weg also mit

diesen unbedeutenden Portebras.' Vgl. Lichtenberg 3, 222 (Göttingen

1844). Das Wort müsste dann auch persönlich gebraucht worden sein (wofür

uns leider keine Belege zu Gebote stehen), etwa für Coulissenreisser,

wie denn das bei Goethe folgende 'Kauz' und desgleichen das Fem.

'Kauzin' speciell im Sinne von Possenreisser und herumziehende

Schauspielerin nachgewiesen ist. DWb. 5, 368. 372.

[15] Goethe-Humboldt 8. 279. Die angebliche Vorlesung der Helena vom 23.

und 24. März 1780 dagegen sollte man nicht mehr citiren. Es war eine

Aufführung der Elena von Hasse (Keil 1, 216).

[16] Man darf selbst geltend machen 'mit abegewendetem Blick' in der

Pandora (Hempel 10, 371) neben 'Wasserstrom, der abestürzt' in der

letzten Scene des Faust (Hempel 13, 236). Dieses 'abe' ist nicht das

mhd. _abe_, sondern das schweizerische _abe_ (s. z.B. Hunziker

Aargauisches Wb. Sailer Basler Mundart s.v.) für _abhin_. Ebenso

gebraucht es Schiller 2, 144, 22 in den Räubern. Aber Goethe gestattet

sich die Form vermuthlich auf die Autorität des mhd. _abe_ hin, das er

im Nibelungenliede fand. Und so wäre denn auch hierdurch auf die

bestimmte Zeit nach dem Abschlusse des ersten Theiles gedeutet. Dem

Nibelungenlied wandte sich Goethe im letzten Viertel des J. 1807 zu.

--Einen wenig bekannten Beleg für Goethes frühere Beschäftigung mit dem

Minnesange gewährt eine Erzählung Böttigers (Raumers hist. Taschenb. 10,

392): Goethe citirt am 8. October 1791 an Wielands Tische 'das Lied des

Königs Wenzel von Böhmen' aus der Bodmerischen Sammlung. Bei Grosse

Goethe und das deutsche Alterthum (Dramburg 1875) finde ich das Zeugnis

nicht erwähnt, dagegen wird S. 27 ganz richtig mit Herrn v. Loeper

(Hempel 11, 315) das Wort 'Kemenate' in dem Maskenzuge russischer

Nationen zum 16. Febr. 1810 auf Goethes altdeutsche Studien

zurückgeführt.

Anmerkungen zur Transkription:

Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt. Die erste

Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die Korrektur.

S. 31:

aber wird durch ein Pfefferkuchemädchen angezogen

aber wird durch ein Pfefferkuchenmädchen angezogen

S. 57:

Der Sohn Jupiters kann nicht wol die Mosaische Schöpfungsgeschichte,

der Sohn Jupiters kann nicht wol die Mosaische Schöpfungsgeschichte,

S. 64:

und Unwesens unter uns ererinnert

und Unwesens unter uns erinnert

S. 74:

Die Wendung Fausts vom Makroskosmus

Die Wendung Fausts vom Makrokosmus

S. 77:

Sie fehlt im Fragment von 1790; aber sie war nicht ungegeschrieben

Sie fehlt im Fragment von 1790; aber sie war nicht ungeschrieben

S. 79:

er eine weite weite Reise anzutreten hätte

er eine weite Reise anzutreten hätte

S. 104:

eine richtigere Folge bebewirkt

eine richtigere Folge bewirkt

S. 112:

Wenn Goethe am 6. Mürz 1800

Wenn Goethe am 6. März 1800

S. 128:

welche der engliche Zuname

welche der englische Zuname

S. 129:

die neue Verbindlichkeit ihre Geliebten;

die neue Verbindlichkeit ihres Geliebten;

Aus Goethes Frühzeit Bruchstücke eines Commentares zum jungen Goethe · 第 3 / 3 章