Scene III ist wahrscheinlich im September 1775 entstanden nach dem Brief

Anmerkungen zur Transkription:

Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;

lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste der

vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. Folgende

Zeichen sind für die verschiedene Schriftformen benutzt:

+Kleinschrift+

=gesperrt=

_kursiv_

QUELLEN UND FORSCHUNGEN

ZUR

SPRACH- UND CULTURGESCHICHTE

DER

GERMANISCHEN VÖLKER.

HERAUSGEGEBEN

VON

BERNHARD TEN BRINK, ERNST MARTIN, WILHELM SCHERER.

XXXIV.

AUS GOETHES FRÜHZEIT.

STRASSBURG.

=KARL J. TRÜBNER.=

LONDON.

TRÜBNER & COMP.

1879.

AUS

GOETHES FRÜHZEIT.

BRUCHSTÜCKE

EINES COMMENTARES ZUM JUNGEN GOETHE

VON

WILHELM SCHERER.

MIT BEITRÄGEN VON JACOB MINOR, MAX POSNER, ERICH SCHMIDT.

STRASSBURG.

=KARL J. TRÜBNER.=

LONDON.

TRÜBNER & COMP.

1879.

Buchdruckerei von =G. Otto= in Darmstadt.

VORWORT.

Als Salomon Hirzels Sammlung 'Der junge Goethe' (drei Bände, Leipzig

1875) erschien, das litterarische Vermächtnis des verehrten Mannes an

die Goethe-Forschung und an das deutsche Volk, soweit es in Goethe

wirklich eindringen will: da habe ich ziemlich allgemein in weiteren

Kreisen das Verlangen nach einem Commentare, nach einem vierten Bande

mit Anmerkungen und Erläuterungen aussprechen hören. Und man kann nicht

läugnen, dass der Wunsch berechtigt war. Allzu vieles in diesen

Jugendwerken und Jugendbriefen ist nicht ohne weiteres verständlich; an

gar manchen Stellen thut es selbst dem unbefangenen Geniessen Eintrag,

dass ein Wort, eine Spitze, eine Anspielung für den heutigen Leser

wirkungslos bleiben muss, weil er die eigentliche Beziehung nicht kennt.

Nur Beiträge oder Vorarbeiten zu einem solchen Commentare wollen die

nachfolgenden Blätter liefern. Für die 'Deutsche Baukunst' gilt es

hauptsächlich, schärfere chronologische Bestimmungen zu gewinnen. Das

Concerto drammatico wird aus gleichzeitigen Briefen erläutert; das

Jahrmarktsfest besonders aus den Frankfurter Gelehrten Anzeigen. Den

Satyros versuche ich auf Herder zu deuten und stelle in dem

darauffolgenden Aufsatze die sonstige Verwerthung Herders in Goethescher

Dichtung zusammen. Die besonderen Anhänger Herders werden sich schwer

entschliessen, meine Deutung anzunehmen; aber sie sind dann

verpflichtet, eine bessere, ebenso durchgeführte, an ihre Stelle zu

setzen. Jedenfalls werden sie zugeben müssen, dass eine Reihe bestimmter

äusserer Anhaltspuncte vorliegt, deren Ausbeutung einmal gewagt werden

musste. Gegenargumente, welche blos die Verunglimpfung Herders als

solche abwehren und womöglich mich der verspäteten Mitschuld an dieser

Verunglimpfung zeihen wollen, werden mir natürlich keinen Eindruck

machen. Ich suche die Wahrheit ohne mich darum zu kümmern, ob sie mir

oder anderen angenehm oder unangenehm sein könne. Mir sind die beiden

grossen Menschen auch lieber, wenn ich sie innig und sich gegenseitig

anerkennend sehe, als in Streit und Entfremdung. Wie schön z.B. wenn

Herder schreibt: 'Goethe schwimmt auf den goldenen Wellen des

Jahrhunderts zur Ewigkeit! Welch ein paradiesisch Stück seine Stella!

Das Beste was er schrieb. Der Knote ist nicht auszuhalten, und wie

gnüglich endet er Alles, dass sich die Engel Gottes freuen. Nun hinten

möcht' ich Fernando sein, Cäcilie am einen, Stella am andern Arm, jene:

ausgelittene edle Mutter und Freundin, diese: Paradiesesblume, bei der

ich nicht immer sein darf und auch zur Cäcilie und Lucie kann -- es ist

unaussprechlich umfassend, tief und herrlich' (Bodemann Zimmermann S.

335). Ich finde die Stelle schön, weil sie ein Zeugnis für Herders

Verständnis Goethescher Poesie ablegt und weil sie Bewunderung für ein

Stück ausspricht, dessen Schwächen ich nicht entschuldigen will, das

aber in der Regel weit unterschätzt wird.

Auch zur litterarhistorischen Auffassung der Stella ist in dem

vorliegenden Heft ein Beitrag, von Dr. Minor aus Wien, gegeben; und die

Gestalt des Kilian Brustfleck in Hanswursts Hochzeit durch Dr. Posner

und Professor Erich Schmidt zwar noch nicht klargestellt, aber der

Klarheit näher geführt.

Andere Aufsätze greifen wol über die im jungen Goethe gesammelten Werke

hinaus, aber nur wenig über den Kreis, welcher darin dem Programm gemäss

berücksichtigt werden konnte, nur wenig über die =Frühzeit= des

Dichters, um einen von ihm selbst gebrauchten Ausdruck anzuwenden.

Den Faust hatte Hirzel lediglich darum ausgeschlossen, weil sich nicht

mit Sicherheit sagen lasse, was noch in die Zeit von Weimar gehöre.

Sicherheit nehme ich für meine hierauf bezüglichen Erörterungen nicht in

Anspruch, aber Wahrscheinlichkeit.

Die Strassburger Ephemerides und die juristischen Schriftstücke aus

Goethes Feder brauchten nicht aufgenommen zu werden. Aber die Fragmente

des Caesar vermisst man ungern; und ebenso die beiden Briefe, welche

Erich Schmidt in dem ersten hier folgenden Aufsatze untersucht.

Unbekannt ist mir, weshalb die ersten Briefe aus der Schweiz wegblieben,

welche das Inhaltsverzeichnis der zweibändigen Ausgabe gewiss mit Recht

ins J. 1775 setzt.

Dass von Goethes Beiträgen zu Lavaters Physiognomik und von seinem

Antheil an Lavaters Abraham abgesehen wurde, begreift sich. Für die

Recensionen der Frankfurter Gelehrten Anzeigen war Hirzel nach dem

Grundsatze verfahren, Goethe nichts zu nehmen, was er sich selbst

zuschrieb (vgl. jedoch Deutsche Rundschau 17, 62). Die Uebersetzung des

Hohenliedes sowie Künstlers Vergötterung sind erst jetzt durch Herrn von

Loeper (Briefe Goethes an Sophie von La Roche S. 55, 125) veröffentlicht

worden.

Man sieht, es wäre, selbst abgesehen von neu bekannt gewordenen Briefen,

für einen vierten Band des jungen Goethe nicht blos zu Erläuterungen,

sondern auch zu Nachträgen Gelegenheit.

=Berlin= 1. März 1879.

WILHELM SCHERER.

INHALT.

CONSTANTIE (VON ERICH SCHMIDT) 1

Textkritisches 7

DEUTSCHE BAUKUNST 13

CONCERTO DRAMMATICO 15

JAHRMARKTSFEST ZU PLUNDERSWEILERN 25

SATYROS 43

Erster Act 46. Zweiter 47. Dritter 47. Vierter 57. Fünfter 58

HERDER IM FAUST 69

DER FAUST IN PROSA 76

DER ERSTE THEIL DES FAUST 94

1) Der prosaische Faust (1772) 99

2) Die ältesten gereimten Scenen (1773-1775) 100

3) In und nach Italien (1788 und 1789) 103

4) Mit Schillers Antheil (1797-1801) 110

5) Abschluss (1806) 116

KILIAN BRUSTFLECK 122

I. (von MAX POSNER) 122

II. (von ERICH SCHMIDT) 124

ZUR STELLA (von JACOB MINOR) 126

CONSTANTIE.

Schöll hat in den Briefen und Aufsätzen S. 21 ff. zwei seltsame Entwürfe

mitgetheilt und beide der Leipziger Zeit, genauer dem Jahre 1767

zugewiesen, den ersten 'Arianne an Wetty' als einzigen Rest der in

Dichtung und Wahrheit 21, 40 erwähnten Uebungen für Gellerts Praktikum,

den zweiten ohne Ueberschrift als ein wirkliches Schreiben an eine

gefällige Schöne, in deren Armen Goethe sich für Annettens vermeintliche

Untreue -- 1767? -- tröstete. v. Biedermann und v. Loeper scheinen nicht

anders zu denken. 'Der junge Goethe' enthält die Fragmente nicht; es

steht also dahin, ob Bernays und Hirzel der Schöllschen Annahme

beipflichten.

In Uebereinstimmung mit Scherer glaube ich, dass weder von Gellerts

Seminar, noch überhaupt von Leipzig als Entstehungsort die Rede sein

darf, und will versuchen in aller Kürze eine neue Hypothese zu

begründen.

Was Goethe von jenen romanhaften Briefen, die vor Gellerts Auge keine

Gnade fanden, sagt: 'Die Gegenstände waren leidenschaftlich, der Stil

ging über die gewöhnliche Prosa hinaus' passt scheinbar, namentlich das

letztere, vortrefflich auf unser Glaubensbekenntnis Ariannens, doch

würden mich allein stilistische Gründe von einer späteren Abfassungszeit

überzeugen. Man halte doch diese Zeilen gegen alles, was wir aus den

Leipziger Jahren von Goethe besitzen, und man wird hier zweifellos eine

ausgebildetere Gedankenwelt von einer entsprechend reiferen, gehobeneren

Ausdrucksweise getragen finden. Ferner könnten es höchstens Concepte für

das Praktikum gewesen sein, da Gellert die Reinschriften mit rother

Tinte verbesserte usw., wie Goethe aaO. erzählt. Solche corrigirte

Blätter hatte er 'lange Zeit mit Vergnügen bewahrt'. An und für sich

unwahrscheinlich ist, dass zwei halbbeschriebene in einander gelegte

Bogen von Leipzig nach Frankfurt, von dort nach Strassburg wanderten,

um, in Frankfurt unbenutzt und unbeachtet, hier in den ersten Wochen zu

Briefconcepten zu dienen.

Die zwei in Frage stehenden Niederschriften gehören nur der allgemeinen

Veranlassung nach zusammen. Mit dem vorausgehenden winzigen Bruchstück

ist nichts anzufangen, denn wir können unmöglich ausklügeln, ob es der

kärgliche Rest eines besonderen Briefes, eines Briefes von Wetty an

Arianne, oder von Walter an Wetty usw., ja ob überhaupt eines Briefes

ist.

1. 'Arianne an Wetty' verlege ich nach Frankfurt in das Frühjahr (April

bis Anfang Mai) 1769. Stimmungen und Wendungen wie 'wenn du in der

Frühlingssonne sitzest und für Wonne dein Busen stärker athmet' und

'wenn uns die Entzückung manchmal aus voller Brust die Frülingslufft

einziehen macht' ergeben die Jahreszeit. Das naturwissenschaftliche,

speciell physiologische Interesse, welches aus dieser gefühlvollen

Polemik gegen Walters kühlere Anschauungen spricht, verbietet über 1769

hinaus rückwärts zu gehen. Aber schon in dem langen Erguss an Friederike

Oeser vom 13. Februar bedient er sich des physikalischen Vergleiches

(DjG 1, 47 f.): 'Freudigkeit der Seele und Heroismus ist so communicabel

wie die Elecktricität, und Sie haben so viel davon, als die Elecktrische

Maschine Feuerfuncken in sich enthält'. Goethes erster Pact mit den

Naturwissenschaften ist in Frankfurt geschlossen. Aus seinen

alchymistischen Liebhabereien gieng er mit Faustischem Gefolge hervor,

wie manche chemische Weisheit aus den Schmelztiegeln der Adepten. Auch

eine flüchtige Berührung mit der Encyclopädie wird vor Strassburg schon

damals stattgefunden haben, dachte doch Goethe in Frankfurt an einen

späteren Pariser Aufenthalt. Walter-Goethe, der in jenen Monaten

wirklich manche 'superficielle Erkänntniss' zum besten gab, wirklich in

den Briefen nach Leipzig 'so kavalierement' alle Empfindungen der Weiber

'durch Stolz und Eigennutz' zu erklären geneigt war, der aber eben

damals durch schönseelige Erbauung sein Fühlen (und damit seine Lyrik!)

verinnigte, zugleich durch die ersten Offenbarungen der Natur sein

Denken vertiefte, seine Welt- und Lebensanschauung erweiterte, strebte

nach einer Klärung all der neuen, Herz und Verstand durchwogenden

Elemente durch schriftliche Auseinandersetzung. Nicht in abstracten

Betrachtungen, sondern der Dichter legt, wie für jene Gellertschen

Uebungsstunden, 'einen kleinen Roman zum Grunde'. Hatte er als Knabe

durch die Abfassung eines polyglotten Briefromans Sprachen gelernt, so

schrieb er jetzt romantische Briefe über Probleme des Lebens, einzeln

oder in einer Kette. Gehören solche Briefe zu den 'Mährgen', von denen

er am 30. Dec. 1768 nach Leipzig meldet (1, 40)? Zu Leipzig wohnten

seine Vertrauten; nichts lag näher, als diese, selbst ohne dass sie zu

=allen= Interessen ein näheres Verhältnis hatten, auch hier

correspondiren zu lassen. Wetty ist Käthchen Schönkopf, die Freundin

=Arianne= ist Sophie =Constantie= Breitkopf, der jedoch die kluge F.

Oeser die Feder führen hilft (vgl. Goethes verwandte Auseinandersetzungen

an sie 1, 59), obgleich sie mit beiden Mädchen sonst nichts zu thun hat;

aber ich meine auch, dass nicht wenige Worte der Egle in der sonst ganz

im Schönkopf-Breitkopfschen Kreise spielenden 'Laune des Verliebten' aus

ihrem Munde kommen. Also Arianne: Constantie, wie denn Goethe am 1. Juni

1769 an Käthchen über Horn scherzend schreibt: 'Er ist so zärtlich, so

empfindsam für =seine abwesende Ariane=, dass es komisch wird'. Den

Namen -- ob Arianne oder Ariane, ist natürlich ganz gleichgiltig --

haben wir als leise Aenderung von Ariadne aufzufassen, zur neckischen

Bezeichnung der nach Horns Meinung in Naxos-Leipzig trostlos verlassenen

Geliebten des Hörnchen oder Don Sassafras oder Riepels des Pegauers und

wie die üblichen Spitznamen weiter lauten.

2. Ungleich schwieriger ist die Auffassung des zweiten Briefes, den

Schöll passend 'an eine Freundin' betitelt. Er kann nicht vor Ende Mai

1769 geschrieben sein, wo Goethe die unwillkommene Nachricht von

Käthchens Verlobung mit Kanne empfing. Einige Zeit ist bereits darüber

hingegangen. Er fühlt sich 'verlassen', wie er sich noch von den

empfindsamen Darmstädterinnen als armen Verlassenen bemitleiden lässt.

Hier lauten die entscheidenden Worte: 'Ich binn auch verlassen worden.

Manche Trähne, manches Lied hat mich mein Unglück gekostet.' Also

Käthchen ist wieder das 'süse Mädgen' Nelly und die untreue Nette, die

ihn 'in den Armen eines andern [Kanne] vergisst'. In der Eile des

Schreibens und im verhüllenden, doch durchsichtigen Spiel mit den Namen

hat er statt Nelly und Nelle, oder getreuer Netty und Nette (Anna,

Annette, Nette, Netty, Wetty; Anna, Annina, Amine?) zwei Namen Nelly und

Nette gesetzt. Dass er wie in Dichtung und Wahrheit (Annette) statt des

Rufnamens Katharina den ersten Anna wählt, darf nicht befremden, da er

Frl. Breitkopf in einem Briefe sowohl Constantie als Fickgen (Sophie)

nennt (1, 62). In dem Brouillon hier heisst sie Constantie, angedeutet

in dem _Co-_ und dem unmittelbar folgenden Wortspiel 'o Beständigkeit'

(_Constantia_).

Horn war im April, bis über die Ohren in Constanze verliebt, aus Leipzig

zurückgekehrt; unruhig, empfindsam, aufgebracht, närrisch,

leidenschaftlich, unglücklich (1, 66 vgl. besonders Horns eigene

possierliche Schilderung O. Jahn Goethes Briefe an Leipziger Freunde S.

114), wie der 'W' des Conceptes. Goethe verkehrte viel mit ihm und

beobachtete mit der Ueberlegenheit eines jungen _expertus Rupertus_ oder

eines gewitzigten 'armen Füchsleins' die Liebesstimmungen des Freundes.

Er zweifelte an aller Treue, an allem Bestande (vgl. überhaupt 1, 62

f.), fand Horns sentimentale Zärtlichkeit komisch, stellte ihm vor 'dass

Mädgen Herzen nicht Marmor seyn dürffen', Constanze werde 'sich an ihrer

Freundin [Käthchen] Exempel spiegeln, und nach und nach einsehen lernen

pp.', und wünschte der Ariadne einen neuen Tröster. Ganz abgesehen von

Breitkopfs Widerwillen scheint ihm (1, 63) Constanzens Gegenliebe noch

nicht so gewiss gewesen zu sein, wie später, wo er schreibt (1, 74):

'Stenzel liebt noch den Riepel den Pegauer zum Sterben, mir kömmt es

einfältig vor, und ärgerlich, Sie können sich dencken warum.' In seinen

Briefen lugt hinter dem bösen Katzenjammer (an Gottlob Breitkopf 1, 67)

und der skeptischen, herben, harmlos frivolen Laune immer die

empfindliche, krankhafte Weichheit und die 'grässliche Empfindung,

seine Liebe sterben zu sehen' hervor. 'Wie gern wär ich sie los die

Schmerzen! Allein es sitzt zu tief im Herzen, Und Spott vertreibt die

Liebe nicht' (1, 107). Alle diese Gefühle: der beleidigte Stolz, der

Schmerz, der Spott, die neugewonnene Ueberzeugung von der weiblichen

Flatterhaftigkeit usw. sprechen aus dem zweiten romanhaften Briefe so

laut, dass bereits O. Jahn S. 116, doch ohne chronologische Schlüsse zu

ziehen, ihn mit den aus so schillernden Stimmungsfarben gewobenen

Bekenntnissen an Käthchen verglichen hat.

Auch dieser Brief ist, weit mehr sogar als der vorige, eine Phantasie,

eine Beichte voll Dichtung und Wahrheit, worin eigenste Erfahrungen und

die etwas verzerrte Beurtheilung Horns und Constanzens ('Auf einer Stube

mit ihrem W. an einem Tische sogar' usw.) sich mischten mit den

Erinnerungen an den ausgekosteten 'gegenwärtigen Genuss' in dem

dämmernden Stübchen einer kleinpariser Grisette, deren 'liebe

romantische Höle' auch Horn nicht fremd war. In der eiligen Rhapsodie

fliesst alles zusammen und durcheinander: so kann für Augenblicke an die

Stelle der losen Schönen von Leipzig -- man denke nur an die Lyrik der

Schoch usw., der Günther, Stoppe, Henrici, auch an die Goethesche -- die

in seinen Augen gleich Käthchen einerseits, den leichteren Mädchen

andererseits unbeständige Constanze treten, so kann er von den freieren

sinnlichen Genüssen, wo das 'du wirst sie nicht verachten, weil sie mein

war' galt, denken an die reizende leichtbelebte Leipziger Geselligkeit,

vielleicht an eigene kleine Tändeleien mit Constanze, wie in der 'Laune

des Verliebten' Eridon einmal Lamons Egle küsst, so kann er zur

dichterischen Befreiung sich hier ausmalen, dass das 'kleine Stübgen,

das so offt der Zeuge unsrer seeligen Trunkenheit war' 'nun auch künftig

den Schauplatz der Freuden, eines neuen Liebhabers abgiebt' und in

Wirklichkeit an Käthchen schreiben: 'es muss Ihnen doch komisch

vorkommen wenn Sie an all die Liebhaber dencken, die Sie mit

Freundschaft eingesalzen haben, grose und kleine, krumme und grade, ich

muss selbst lachen wenn ich dran dencke', so kann er sich und den

kleinen, krummen Horn sowohl Käthchen und Constanzen, wie einer halb

wahren, halb fingirten Circe an der Pleisse gegenüber als 'abgedankte

Liebhaber' darstellen, welche die besten Freunde werden, 'wenn man sie

menaschieren kann'.

Mit dieser Auffassung masse ich mir keineswegs an, durchaus im einzelnen

das Richtige getroffen zu haben, aber ich glaube sie im ganzen wohl

vertreten zu können und der Phantasie nur so weit Spielraum vergönnt zu

haben, als für alle Dinge, an denen die Phantasie hat bilden helfen,

nöthig ist. Denn wer möchte läugnen, dass es in solchen Fällen zur

Erkenntnis und Entwicklung der Wahrheit auch eines bescheidenenen Masses

von Dichtung bedarf?

3. Schon wird mir aber von vielen Seiten die _pia fraus_ vorgehalten,

dass ich ein Goethesches _Ca_ eigenwillig in ein _Co_ verwandelt habe.

Wenn nun aber in dem Concepte wirklich _Co_ stünde? Man gestatte mir

hier eine unerlässliche persönliche Erörterung. Als ich 1876 die soeben

dargelegte Auffassung Scherer bei einem Besuch in ihren Hauptzügen

mittheilte, bekannte er sich seit längerer Zeit von einer nur in

nebensächlichen Punkten abweichenden überzeugt. Er hatte auch damals

schon aus inneren Gründen _Co_ für _Ca_ vermuthet. Solche Conjecturen

werden der Handschrift gegenüber oft zu Wasser; es ist mehr als eine

Befriedigung des Scharfsinnes im einzelnen Falle, sondern ganz allgemein

die Freude, dass wir etwas wissen können, wenn sie sich bewahrheiten.

Ich bin mir bewusst, ohne jede Absicht _Co_ finden zu wollen an das

Original herangetreten zu sein, aber ich habe gefunden, dass Goethe _Co_

schrieb und gleich neben der Schlinge des _o_ einen Haarstrich

herunterzog als Ansatz zu dem dicken Gedankenstrich, der abbrechend zu

dem ergänzenden 'o Beständigkeit' hinüberleitet. So konnte Schöll

allerdings sehr leicht _Ca_ lesen. Man bemerkt auch, wie beim Lesen

durch die vocalische Gleichheit das _Co_ unvermerkt mit dem folgenden in

eins fliesst.

Zu dem Text ist noch folgendes anzuführen. Was bei Schöll S. 21-25

gedruckt steht, füllt genau 3 SS zweier in einander gelegter Foliobogen

aus. Mit 'ist das Stillschweigen Erlaubniss' beginnt oben die erste, mit

'=lieben= könnte' die zweite, -- der Anfang des späteren Schreibens

folgt dann gleich auf den Schluss des früheren -- mit 'kennen einander'

die dritte (das ist S. 1 des eingelegten Bogens): S. 4 und 5 werden ganz

ausgefüllt durch den Brief 'Wunderlicher Mann', in dem ein Blatt

ausgefallen ist.

In der folgenden Collation bezeichnet =Cursivdruck= die von Goethe

=ausgestrichenen= Worte oder Buchstaben.

Ich zähle die Zeilen jedes Briefes durch. =Arianne an Wetty= Z. 10 _und_

die Wonne _ringsumher einziehest_, 'für' über _und_. 12 den 19 nach

'aus' kein Komma 29 nach 'gehabt' ein #, ebenso 30 vor 'Und'. 31 nach

'Vorbereitung' _me_ (meiner) nach 'denn' _das_ (Riechen). 33 'ich rede'

über _du sagst_. -- =An eine Freundin.= Z. 2 'Beschäftigung' müsste so

gut mit ff geschrieben werden, wie 3 'wahrhafftig'. 4 'zweifel', nach

'die' _man_, nach 'ohngefähr' _Vorwürfe_ (er wollte schreiben: 'die man

ohngefähr Vorwürfe nennt'). 10 dasienige. 12 Mit_t_leiden. 20

'zärtliche' über _liebe_ wegen des folgenden 'liebliche'. 23 'konnte',

diese Strichelchen fehlen häufig, so 40 'dammernden' 59 'konne'; es

folgte erst ein Semikolon. 30 _Co_ -- 32 Trähne. 36 Liebeswürdige ***.

44 _nur_ aber. 47 raszt. 45 f sitt- und tugendsamen. 49 menaschieren. 58

ô.

TEXTKRITISCHES.

Das folgende bezieht sich auf die Seiten und Zeilen (die Seite

heruntergezählt) in 'Der junge Goethe'. Zunächst die Briefe 1, 233 ff.

Z. 17 iüngern. 18 d. 14 Jul. 19 f 'werden' eingeschoben, und es hiess

erst 'und für was Sie mich halten _werden weisz ich nicht_'; 20 binn. 21

kein Komma nach 'schuldig', 'zugut'. 25 ihr. S. 234 Z. 3 nach 'zu' _W._

4 'ich' zweimal unterstrichen. 7 Und. 8 zu _sehen_ wo Schönheit seyn

möchte als. 10 Sie erscheint. 11 Mahler. 14 HE (der Schnörkel nach dem H

entsprechend der früher beliebten Schreibung HErr, die jetzt noch bei

unseren Frommen üblich ist). 16, und. 19 _und_ streift. 20 ia. 23 bey

ieder. 26 kein Komma nach 'sich'. 28 Aug dabey. 29 Freudenfeindliche

(das Compositum musste auf zwei Zeilen vertheilt werden). 30 nach

'Leuten' Intervall. 31 kein Komma vor 'dasz'. 32 binn. S. 235 Z. 5 kein

Komma nach 'andre'. 6 Sie am besten ists. 9 HE. 14 mit 'viele' beginnt

die 3. Seite; 'An HE Trapp a 28ten Jul' folgt unmittelbar.

Z. 20 ihnen. 23 f zubeantwortenden. 25 binn. S. 236 Z. 2 kein Komma vor

'wenn'. 3 binn. 6 'dazu da' und 'wie noch'. 7 Abzuhandlen. 8 sey. 10

Special Fall. 13 unsre Klugheit, Weiszheit, Grübeley, oder. 16

Schicksaal. 17 Welt, dem. 19 rahten seyn der. 20 rahten. 21 'ihnen',

'Freund wie'. 22 'iungen' und 'unsre'. 23 Komma nach 'lassen', keines

vor 'zu'. 24 'unsre', 'Unsre'. 25 f sie diese unreife Bewegungen unsers.

27 'ia was geschieht wenn', 'Compagnons'. 28 bey. 29 Blümgen. 30 bey. 31

Wehrt S. 237. Z. 2 Nahmen. 3 '=Herren=', 'Herrn'. Unter 'nennen' Strich

getilgt. 4 'betitteln', 'Wohltahten'. 6 ich. 11 iemand. 12 Zeit da. 13

ietzo. Der Himmels Artzt. 14 Und. 16 ihr. 20 binn. -- Es folgt der Brief

an die Klettenberg. Die Blätter sind in einander gelegt.

An H. den iüngern. 24. Aug. Z. 24 tuht. 25 finde_n_ S. 238 Z. 1

Erfahrung die. 2 Blat. 5 halten was. 6 würklich binn. 7 Meynung. 9

Freunde wie sein Mädgen. 10 zweimal 'ieden'. 18 'allerley', 'binn ich

verlohren', 'Einen den'. 21 dabey. 27 'zu' eingefügt, 'sein _wollte_

verlangte.' 32 wäschen. S. 239 Z. 1 'Mittelstrase', nach 'treffen' und

'verlangen' keine Kommata. 2 iung. 4 ansehen so. 6 vorbeygehen lassen.

Dann, ienen. 8 'iedes', 'Plaz'. 9 'iedes Wehrt', 'meyn'. 10 'ists',

'jetzo' eingeschoben. 12 =seyn=. 15 'wohl dasz', 'iederzeit'. 16 ist zu

tuhn. 19 balde. 20 Fus. Folgt DjG Nr. 8.

An die Klettenberg Z. 22 f Gnädge Fräulein. d. 26. Aug. 24 'binn',

'kristlichen'. 25 'Herren', 'Todt'. 26 'konnen' (vgl. o), so auch später

'gehort' 'fangt'; S. 240 Z. 2 nach 'will' kein Absatz. 4 pflegt; zu

ieder. 5 ausgeworfne. 7 'worinn', 'ietzo'. Z. 9-13 keine Kommata nach

'Menschen' 'sehe' 'Zufälle' 'kommen' 'Kenntnisse' 'gesund' 'erinnern',

dafür eines nach 'mäszige'. 8 f Die viele Menschen. 10 queer über. 12

iust. 13 bey. 14 binn. 17 f keine Kommata nach 'ist' und 'langweilig'.

17 seyn. 20 mäsigem. 22 meynen das. 23 dabey. 27 Meynungen, die

Eitelkeit eines ieden. 29 die drei Kommata zu streichen. 31 ich **. 32

hören wenn. S. 241 Z. 1 gern wir. 4 iungen. 5 Bekandtschaft. 7 gnädge

Fräulen. 8 Herr X X. 10 ieher. 11. dasz. 12 seyn. 13 dasz wozu. 14

Brauchbaarste. 16 schweerlich. 17 sey wie ihm wolle so. 20 ist s. 21 man

s. 22 mans.

S. 242. An HE Engelb. d. 10. September 70 (folgt unmittelbar auf das

Concept an die Grossmutter, als letzte halbe Seite eines losen

Folioblattes). 3 Schöner, (gebrochen). 4-6 'Ist der Kayser mit der Armee

vorüber gezogen. Schau sie, Guck sie, da kommt sich die Pabst mit seine

Klerisey'. Der erste Satz ist also durchaus selbständig, ein Ausruf im

burlesken Stile des Schattenspielmanns u.s.w. 6 Kapitelstube. 7

ausgespielt; hierbey. 10 seyn. 11 'copuli' wie üblich mit lateinischen

Lettern. 15 binn.

An HE H. den ältern, a 28. Sept. Z. 20 unsers. 21 phisikalische S. 243

Z. 3 Sich Sie. 4 'biss', 'kommt es sey'. 6 lang. Das vermuthete ich. 8

Und. 9 Sie sich gern eine Mühe spaaren. 12 genung. 13 ietzt. 14

'rechtswegen', 'beschaftigen'. 16 nach empfindet. 18 ietzo. 20 'ich'

corrigiert aus 'Ich'. 21 seyn. 23 macht etc.

An Mamsell F. Z. 25 am 14 Octb. S. 244 Z. 3 süsze. 4 ia. 6 f

Stillschweigens dessen. 8. sey. 9 'ietzo', 'Strasburg'. 11 iagt. 15

ietziges. 18 rahten wie mir ietzo. 21 bey. 23 Gegend, und. 24 Himmel,

weckten in meinem Herzen, iede. 25 iede. 28 'konnen', 'wie fern'. S. 245

Z. 2. Sympatie, iede. 3 iede. 7. glücklich etc.

An Friederike Brion. Abgeschnittenes Folioblatt, ein schmaler Rand des

zweiten Blattes ist geblieben. Schöne, freie, grosse Schriftzüge, wie

sie sonst nur der Saarbrücker Brief hat. Z. 9 Liebe neue Freundinn, 10

Str. am 15 Ocbr. 11 Ich zweifle nicht _einen Augenblick_ Sie so zu

nennen; 12 verstehe; so. 14 unsre. 16 Bissgen günstig seyn? 17 Liebe

liebe Freundinn, 19 'iust', 'ietzo'. 20 'mögte', 'anders', 'soviel'. 22

'bey', 'Stückgen'. 23 Pferd, für. 24 larmenden Strasb. S. 246 Z. 1

'Ihnen, in', 'seyn'. 4 beym. 5 wie leid er mir that (der Abschied;

nicht 'es'). 8 f natürlich dasz. 12 Weeg. 13 Morästen, die. 14

freygebig. 15 hätte; so. 17 seyn. 19 'verliehren', 'trug ein'. 20

'Talisman der', 'Beschweerlichkeiten'. 21 nach 'noch?' kein

Gedankenstrich. 22 glaubens. 23 Gedanke den. 24 Weeg. 25 'wieder

zusehen', ebenso, nur unterstrichen, in Z. 27. 28 'Herzgen', 'Bissgen'.

29 'Arzeney,' 'Herzgen', 'sey'. 31 Herzgen. S. 247 Z. 3 giebt. 4 Genung

wir. 6 Stadtlärm, auf. 7 Gewisz Mamsell. 8 'ietzo', 'ich es'. 9 f

Muthwilligen Lustbaarkeiten. 10 f wird, wenn. 12 Freundinn. 13 Wenig. 14

behalten, und. 16 'Empfelungen', 'teuern'. 16 f 'Schwester, viel',

'gerne'.

An die Grossmama. Diese Beileidsbezeigung ist dem Enkel nach den vielen

Aenderungen recht sauer geworden. Z. 19 Grosmama. 21 'der Todt unsers

lieben Vaters, _ob wir ihn gleich_ schon so lange täglich ge

fürchtet_en_' ('täglich ge' über der Zeile eingeschoben). 22 nach

'überrascht' Absatz. S. 248 Z. 2 die Sie ietzo des Haupt unserer Familie

sind _die Sie zartlich_ sind ('sind' aus Versehen nicht mit

ausgestrichen). 6 als _Ihnen auch die besten_ ich kenne. 9 _oft_ ist

ausgestrichen. 10 unsrer Glückseeligkeit. 12 andre und. 13 ff eins um

des andern willen. _Und dass wir (da alle Freude in dieser Welt_ [diese

drei Worte eingeschoben] _nur geborgt ist), in dem wir sie geniessen,

darinn einzuwilligen scheinen dass sie aufhören soll_ [Absatz] dass alle

Freude in der Welt nur geborgt ist, _und dass wir uns weder wundern noch

betrüben sollten_. [Absatz]. 17 'Sabbaths Ruhe', 'redlig'. 18 nun. Und.

19. 'Gott indem', 'Sie für Uns'. 20 f muntern freundlichen glücklichen

Greiss entrissen der. 25 'seidenfaden', 'dessen'. 26 'kranken'

eingefügt. 27 muszte sich frey. 28 Gefangner. 29 frey und unsre Tränen.

30 'unsre', 'Sie liebe'. 31 Hertzen. 32 verlohren, S. 249 Z. 1 seyn. 3

unserm. 4 ist es. 6 Zeit, zur. 7 f kein Absatz. 9 Glückseeligkeit. 11

J.W. Goet (das t nur halb).

Der Saarbrücker Brief (Goedekes Datierung 1770 ist wohl allgemein

gebilligt worden). S. 255 Z. 2 Saarbrück am 27. Jun. 3 Freundinn. 4

Weeg. 6 Sommertags, in der süsesten. 7 mancherley. 9 'reitzenders', 'an

=Sie=; das'. 11 'Käthgen', 'weisz dasz'. 16 'herbey', 'Lothringsche

Gebürg'. 17 vorbey. 19 Dammerung. 20 schweere. 21 'Berg, über',

'dunkeln'. 22 'durchs', 'Vögelgen'. 23 wurds. 24 'der über _meiner_'

(verschrieben nach dem 'meinem'), 'Beschweerlichkeit'. S. 256 Z. 1

Anstrengung um. 3 'ein' über _und_. 4. Beschweerlichkeit. 5 grose

Freuden werden nur mit groser _Beschweerlichkeit erkauft_ Mühe erworben.

7 mutig. Nimermehr. 10 'Trähnen', 'den' corrigiert durch einen Strich

aus 'dem'. 11 f dasitzt wenn sie flieszen. O da sind wir so schwach

dasz. 14 zittern sie. 15 'Mutig', 'Liebhaber der'. 16 kömmt, sein

Mädgen. 19 Einem. 20 Reitz. 22 Arbeit, und. 25 leben ohne. 27 Fränzgen.

28 'binn', 'oft dasz'. 29 seyn. 31 Ich kenne _Made_ [_e_ nicht deutlich;

_Mademoiselle_?] einen guten Freund dessen Mädgen. S. 257 Z. 1 'hatte

bey', 'Schemmel'. 2 Abend dasz. 3 'wollte eh', 'war, sie'. 4 f

Schmeicheley fest zu halten. 5 Weisse. 8 Fus. -- Ende des Blattes.

Schöll S. 34 ff Wunderlicher Mann. Z. 15 wandelbaaren. 24 alsdenn. S. 35

Z. 6 rahten. S. 36 Z. 10 Sie ich. 13 Grille habt. 19 gewisse _Dinge_

Kleinigkeiten. 23 nicht warum isst er nicht _Ode_ [es folgen kleine

Fragen mit 'Oder']. S. 37 Z. 4 wiederhohle. 6 nach 'Sie' keine Klammer.

DjG 1, 271 'Ein zärtlich jugendlicher Kummer' füllt nicht ganz die erste

Seite eines Strassburger Conceptfoliobogens; die drei übrigen sind

leer. -- Z. 2 Feld, es. 9 sieh bald. 11 blauem. 15 Mädgen. 16 'Veilgen',

'iungen'. 17 'sieht' über _und_ (aus Versehen auch 'mit'

durchgestrichen, dann Punkte darunter). 18 Entfalteter, und reizender

ihn heute _als er vor_. 19 Mayenfest geblüht. 21 seegne. 23 Saamen. 25

'hagern' über _starren_. 26 aufs. S. 272 Z. 1 'Fluss' corrigiert aus

'Flus'. 2 Grau _verst_. 3 'er' corrigiert aus 'es'. 4 Erndteträumen. 5

sät.

Zum Schlusse DjG 3, 697 ff 'Reisetagebuch'. Ein Quartblatt. Z. 2

Ebersstadt [corrigiert aus 'Ebersdorf'] d 30 Oktr. 1775. Z. 3 Bittet

dass. 4 Lies. 5 'auf die Zukunft' erst eingeschaltet. Nach 'sagen! --'

kein Absatz. 6 Diesmal rief ich aus ist. 7 'Morgends', 'übrige betrifft

so'. 8 unsichtbaare. 12 f Nachbaar Schuflicker seine Werkstäte und Laden

öffnet: fort. 14 Spenglersiunge. 15 Naohbaarsmagd. 16 dämmrigen. 18

Nein sagt ich es. 19 hat sollte. 20 Lili Adieu Lili. 21 hoffnungsvoll

unsere Schicksaale. 26 Frühlingsblume. S. 698 Z. 3 'später!', 'Lebe',

'Bin'. 4 Welt mich. 5 sechs Gedankenstriche nach 'wenden'. 6 'sizze',

'vorbeyfahre'. 9 Nein Bruder du. 10 theilnehmen. 12-14 bilden so den

Schluss der 1. Seite, nur dass das 'den' die 3. Zeile eröffnet. 15

Uberfüllung. 17 nichts unterstrichen. 19 f Sache meine. 21 Nahmen. 22

'biss', 'Brief und Zeitungsträger', 'Nahmen'. 23 vor dem NB Klammer,

'Brief und'. 25 Wetter ists Stern. 27 gebürg. 28 'hügel abgereiht',

'Nuszallee'. 29 Voll. 32 Blick! -- wollt'. 8. 699 Z. 1 Eckgen wo. 3

'hatte', 'sagen, möcht'. 5 'eintratt', 'mir' aus 'mich', 'Herbst

Butten'. 6 'Weeg stünden, wir haben sagt er eben', 'sey'. 8 sey. 10 Bin.

ERICH SCHMIDT.

DEUTSCHE BAUKUNST.

Die Schrift von deutscher Baukunst zerfällt in fünf Abschnitte, im

Drucke durch Sternchen gesondert.

Die drei ersten Abschnitte, wovon der zweite gegen den Abbé Laugier

(Observations sur l'architecture, Paris 1765; deutsch Leipzig 1768)

polemisirt, erinnern im Stil sehr stark an Hamann und Herder. Die beiden

letzten Abschnitte, wovon der eine gegen Sulzer polemisirt (vgl. Hempel

28, 345 und 29, 69) erinnern im Stil an Goethes Recensionen in den

Frankfurter Gelehrten Anzeigen, seine stilistische Vorschule zum

Werther.

Diese letzten Abschnitte möchte ich in den Herbst 1772, unmittelbar vor

den Druck des Werkchens, die drei ersten noch in die Strassburger Zeit

setzen.

Zwar erst am 28. November 1771 dankt er durch Salzmann für das

Münsterfundament, das ihm Silbermann auf seine Bitte geschickt (DjGoethe

1, 296. 302). Aber den Plan brauchte er nicht, um seinen Hymnus zu

schreiben, und eine Stelle vom 21. September 1771 an Röderer scheint

hier Aufschluss gebend: ins Jahr 1771 gehört der Brief, wie schon v.

Loeper (DW. 3, 285. 289) gesehen hat; Jung, durch welchen Goethe, laut

Angabe dieses Briefes, die Strassburger litterarische Gesellschaft 'um

einen Ehrentag des edlen Schakspears' bat, ist am 24. März 1772 von

Strassburg gegangen. Der Ehrentag war also derselbe, den Goethe in

Frankfurt feiern wollte: der 14. October 1771. Die Shakespearerede ist

doch geschrieben, nicht vom Verfasser vorgetragen, geschrieben wol für

die Strassburger, an deren Feier er aus der Ferne theilnehmen wollte,

wie es nach seinem Wunsche Herder in Frankfurt sollte. Die eigentliche

Festrede hielt Lerse zu Strassburg, s. Stöber Alsatia (1873) S. 33 ff.

Ebenso wie mit der sogen. Shakespearerede muss sich nun Goethe schon

früher einmal an den Sitzungen der Strassburger litterarischen

Gesellschaft aus der Ferne betheiligt haben, nach den Worten an Röderer

in dem angeführten Briefe: 'Es freut mich, dass mein reden unter Ihnen

mit [Griechisch: exousia] gesalbt war'. Und wenn er unmittelbar darnach

ohne Uebergang von der Baukunst redet, so muss zwischen dem 'reden unter

Ihnen' und der Baukunst ein innerer Zusammenhang obwalten. Mit einem

Wort, ich glaube, dass er die drei ersten Abschnitte jener Schrift der

Gesellschaft vorlegen liess, und da der erste Abschnitt offenbar in

Sessenheim geschrieben ist, da die Frage des fünfgetürmten

Hauptschmuckes, wovon der dritte Abschnitt redet, Goethen nach seiner

eigenen Versicherung in der letzten Strassburger Zeit beschäftigte, so

setze ich die ganze vordere Partie noch nach Strassburg -- dem

wesentlichen Bestande nach: denn wer wollte dafür einstehen, dass keine

Correcturen vorgenommen, dass keine nachbessernde ändernde Abschrift

gemacht worden. Zu meiner Meinung stimmt die Angabe von Lerse bei

Böttiger 1, 60: 'Oft gingen sie (Goethe und Lerse) auf den Münster und

sassen stundenlang auf seinen Zinnen. Dort entstand Goethes Erwin, die

erste Schrift, die Goethe drucken liess.' Auch zwei andere früheste

Goethische Schriften gehören ihrer Entstehung nach in die Strassburger

oder die unmittelbar folgende Zeit: der Brief des Pastors und die Zwo

biblischen Fragen: das scheint mir aus innern Gründen klar; äusserlich

kommt hinzu, worauf Hr. v. Loeper aufmerksam macht, dass nach Lerse aaO.

Goethes erste Strassburger Dissertation nichts anderes als die

Behauptungen der ersten jener Zwo biblischen Fragen enthielt.

CONCERTO DRAMMATICO.

'Jedoch ist immer der Versuch zu machen, die Vernunft der Unvernunft zu

finden' sagt Dr. G. von Loeper über das concerto drammatico (Loepers

Nachlese bei Hempel 5, 241; DjGoethe 2, 197). Und so seien denn ein paar

Bemerkungen gestattet, welche etwa weiter führen, ohne Alles erklären zu

können.

Hr. von Loeper setzte das Gedicht früher in den Januar 1772, später in

den Anfang des Winters 1772 auf 73 (DW. 3, 317): ich möchte es dem

Februar 1773 zutheilen, indem ich darauf beziehe die Worte [vom 11.

Febr. 1773] an Kestner DjGoethe 1, 349: 'Ehstertage schick ich euch

wieder ein ganz abenteuerlich _novum_'. In demselben Briefe wird

angespielt auf den Götz, den er zum Druck bereite, und er redet von dem

Mädchen, die er sein liebes Weibchen nenne: denn 'neulich als sie in

Gesellschaft um uns Junggesellen würfelten, fiel ich ihr zu'. Düntzer

versteht darunter Susanna Magdalena Münch, die mit Lotten am selben Tage

geborne (Erläut. zu Clavigo und Stella S. 4; vgl. v. Loeper Anm. 600).

Das Gedicht ist klärlich Antwort auf ein Schreiben aus Darmstadt, wol

eine Collectivepistel der Freunde, auf welche wir Beziehungen erwarten

dürfen.

Im ersten Stücke der Suite, _Tempo giusto_, wird der Darmstädter Brief

als eine Eingebung der Langenweile bezeichnet: offenbar war über

Langeweile darin geklagt worden. Das zweite Stück, _Allegretto_, leitet

ebenso das Frankfurter Mariagespiel, wovon der Brief an Kestner handelt,

aus der Langenweile ab. Das _Arioso_ interpungire ich:

Gekaut Papier! Sollts Junos Bildung seyn?

Gar grossen Dank! Mag nicht Ixion seyn.

Goethe hat statt des Frage- ein Ausrufungszeichen; wir dürfen aber ohne

weiteres, wie Heinse bei Erwin und Elmire, Ausrufungszeichen in

Fragezeichen verwandeln (QF. 2, 67).

Im übrigen nehme ich an, dass der Darmstädter Brief durch die Sendung

einer wohlbeleibten Frauenfigur von =papier mâché= begleitet war,

Anspielung auf die 'junonische Gestalt' von Lottens Freundin, welche ihm

Merck zu Wetzlar statt Lottens empfahl (DW. v. Loepers Ausg. 3, 101.

352). Zu Ixion vgl. DW. 3, 182.

Für _Allegro con furia_ und _Cantabile_ scheint wieder ein Brief an

Kestner Parallelstellen zu bieten, [vom 28. Januar 1773] DjGoethe 1,

344. 345. Ich bitte die Leser ihn aufzuschlagen, damit ich ihn nicht

ganz abschreiben muss. Dieselben Stimmungen sind dort contrastirt wie

hier. Ein grässlicher Sturm weckt ihn um Mitternacht, da denkt er an

Antoinettens idyllische Vorstellungen vom letzten Abend: wie sie Mond,

Wasser, Brücke, Schiffe so paradiesisch schön findet und die Leute

glücklich preist, die auf dem Land, auf Schiffen, unter Gottes Himmel

leben, dass sich ihm die Empfindung aufdrängt: 'Ich lass ihr die lieben

Träume gern, macht ihr noch mehr dazu, wenn ich könnte'. So redet das

Cantabile gleichsam Antoinetten an und sucht den Aufruhr der Natur für

sie abzuschwächen, um ihr die illusionsreiche Ruhe nicht zu stören.

Sturm und Brand selbst, die er in jener Nacht erlebte, schildert er

übertreibend, indem, wie schon v. Loeper anmerkt, ein Höllen-Breughel

vorschwebt: 'andere Bilder in der Imagination' hatte er am Morgen.

Gemälde wirken entschieden ein auf seine dichterische Phantasie; wir

sind berechtigt darnach zu suchen, erzählt er uns doch, wie er in

Dresden einzelne Scenen der Wirklichkeit mit den Augen eines Schalken

oder Ostade unwillkürlich betrachtete. So möchte ich im Leipziger

Liederbuch die Poesie des Mondes auf Aart van der Neer zurückführen

(Dresdener Gallerie Nr. 1215. 1216, Hübners Katalog von 1857 S. 247);

Faust in der Hexenküche könnte auf Anlass einer Versuchung des h.

Antonius concipirt sein.

Die uns vorliegenden Verse sind natürlich unmittelbar nach dem

Ereignisse niedergeschrieben und dann hier eingefügt. Wenn der Dichter

im Brausen des Sturmes die Noth verdammter Geister sausen hört, so ist

an die Vorstellung vom wilden Jäger im Götz zu erinnern (DjGoethe 2, 158

f. 364 f.)

Im darauffolgenden _Andantino_ interpungire ich: 'Der Frühling brächte

Rosen nicht gar? Ihr möchtet sie wol lieber im Januar?' Die

sentimentalen Darmstädter Freundinnen hatten in dem gemeinsamen Briefe

offenbar den Frühling herbeigesehnt und dabei von den Rosen gesprochen,

die er brächte. Goethe verspottet die chronologisch-botanische

Gedankenlosigkeit, die etwa Caroline Flachsland zuzutrauen ist. Der

Frühlingssehnsucht sind ihre Briefe damals voll, ich verweise nur auf

den vom Ende Januar 1773 an Herder (Aus Herders Nachlass 3, 442) welcher

beginnt: 'So komm, Frühling, o komm, o komm, und bring meinen Jüngling

in meinen Arm! So geh denn, Winter!' Hiermit wird dann gleich das

_Lamentabile_ klar: Caroline ist als sprechend zu denken.

Für das _Allegro con spirito_ weiss ich nichts als Möglichkeiten. War

Goethe, den Herder (Nachlass 3, 446) Anfangs Februar als 'kalten

Weiberhasser' bezeichnet, in dem Darmstädter Briefe auf ähnliche Weise

geneckt worden? Empfahl man dem, der nicht lieben könne, der in der

Liebe dem Nichts huldige, empfahl man ihm als Gegensatz des Nichts jene

Juno? Oder hatte man über das Nichts geklagt, das die Langeweile

schafft? das Nichts gespannter Erwartung? das Nichts liebeleerer

Existenz?

Jedenfalls singt im _Choral_ die Darmstädter Gemeinschaft der Heiligen,

indem sie auf die Paternosterbitte ums tägliche Brot anspielt.

Im _Capriccio_ darf man dem Gelüst, _dumm_ in _drum_ zu emendiren, nicht

nachgeben; aber der Zusammenhang ist wirklich so: aus Angst vor

Langerweile will nichts auf Erden stille stehen. Folgen dann Beispiele

der Bewegung. Dem sonderbaren alterthümlich gemeinten _i_ in _herumi

didumi_ vergleicht sich _mutilich, männilich_ in Liebetrauts Lied nach

der ungefähr gleichzeitigen Fassung des zweiten Götz (DjGoethe 2, 280),

welches Lied auch im Rhythmus übereinstimmt; ferner _geistilich_ im

Pater Brey (ibid. 3, 222). Ebenso nachher _is_ statt _ist_ wie im Pater

Brey und sonst.

Das erste Beispiel, die erste Variation, braucht keine momentanen

Elemente zu enthalten. Allenfalls wäre an die Tänzer vom 28. Januar

(DjGoethe 1, 345) oder an die Aeusserung vom 22. Februar, wenn sie nicht

zu spät fällt (1, 350) zu erinnern: 'Ihr werdet tanzen. Wohl seys euch.

Alles tanzt um mich herum. Die Darmstädter, hier, überall und ich sitze

auf meiner Warte.' Die Worte 'Bricht eines sein Hälsli, das ander --

Gott weiss' kann ich nicht mit v. Loeper verstehen 'Gott weiss, wann

auch das andre bricht', sondern nur so dass 'eines' und 'das ander'

correspondirend stehen: 'weiss Gott, was das andre bricht'. Die Wendung

'Gott weiss' tritt überraschend ein, man ist nach dem Reime gefasst auf:

'den Steiss'.

Das Schlittschuhlaufen der zweiten Variation ist natürlich Goethes

eigenes, gemäss Brief vom 5. Februar 1773 (DjGoethe 1, 348). Ich möchte

nach _da_ Kolon oder Semikolon setzen: es geht wie Blitze das

Flüsschen[1] hinan, und wir freuen uns am Ziele zu sein, =obgleich= wir

wieder nach Hause zu müssen und Hüfte wie Fuss uns schmerzen.

Der Reiter in der dritten Variation könnte Merck sein. Er war am 6.

Februar in Frankfurt, am elften wieder weg. Nach seiner Rückkehr, meine

ich, erfolgte aus Darmstadt Sendung und Brief, worauf das Concerto die

Antwort bildet. Genauer zu interpungiren wäre:

Geritten wie Teufel

Berg auf und Berg ab,

Galopp auf Galopp

(Gehn die Hund nur im Trab!)

Bis Gaul wund am Kreuz is,

Der Ritter am Steiss: --

Frau Wirtin, ein Bett! hol

Der Teufel die Reis!

Das Particip im Anfang steht wie in Liebetrauts Liede: 'Mit Pfeilen und

Bogen Cupido geflogen'.

Ueber die Quelle der französischen '_Air_' habe ich Adolf Tobler

befragt. Er erwiderte mir: an einen Kunstdichter des XVI. Jh. sei nicht

zu denken, aber auch schwerlich an ein Volkslied. 'Sollte es nicht --

fährt er fort -- von Goethe selbst herrühren? Die unzureichende

Congruenz der zwei Strophen, das Fehlen des Artikels bei _rhume_ in der

zweiten machen mich misstrauisch, mehr noch als die durch den Reim

gesicherte _mama_. Unter den Hauptschen Materialien ist das Liedchen

nicht; ebenso wenig in anderen Sammlungen die ich besitze'.

Was den Charakter des Gedichtchens anlangt, so erinnert Hr. v. Loeper

gewiss mit Recht an die Litteraturrichtung Rabelaisischen Geschmackes,

welche dem jungen Goethe eine Zeit lang so sympathisch war: 'Montaigne,

Amyot, Rabelais, Marot waren meine Freunde und erregten in mir Antheil

und Bewunderung' DW. 3,33 L.

In dem vorliegenden Concerto ist die Beziehung auf Rabelais klar genug,

wenn Goethe sich im Titel als den Panurg genannten einführt. Heisst er

daneben _Dottore Flamminio_, so wird das nur denjenigen bedeuten, der

leicht in Flammen steht; aber bei dem Namen Panurg muss man gewiss

zunächst an dessen Heiratsschwierigkeiten denken, an seine

Unentschlossenheit, ob er soll oder nicht; an die Art, wie alle Sorten

von Orakeln zur Entscheidung der Frage, aber immer vergeblich, in

Anspruch genommen werden. Das Würfelorakel hat bei Goethe eben gespielt

und ihm die Münch zugewiesen, wie wir sahen. Und eine Sibylle wie bei

Rabelais Buch 3 Cap. 16 werden wir gleich kennenlernen. Wenn im Allegro

con furia der jüngste Tag hereindroht, so kann man sich an Bruder Jean

des Entommeures erinnern, welcher dem Panurg entschieden zur Heirat

zuredet mit dem Argument _sçais tu pas bien que la fin du monde

approche_? Beschäftigung mit Rabelais in dem Frankfurt-Darmstädter

Freundeskreise belegt auch eine Recension der Frankfurter Gel. Anzeigen

1772, 24. Juli, 8. 470[2], für die es, wenn man sie Goethe zuschreiben

will, an Parallelstellen aus dieser und späterer Zeit nicht fehlt.

Das französische Liedchen schliesst sich an das vorangehende durch eine

gewisse allgemeine Ähnlichkeit des Motivs: wie der Reiter ermüdet nach

einem Bett schreit, so das Mädchen nach Medicin; der Reiter kommt durch

die Kälte, das Mädchen hat sich erkältet. Und in dem folgenden _Molto

andante_ kann etwa die Wendung 'das kalte wird warm' als eine

Anknüpfung, wenigstens als ein Anklang gelten. Dass diese Weisheit

'molto andante' einsetzt nach der voraufgegangenen heftigen Bewegung,

ist ganz hübsch gedacht; es wird so das gefühlvolle _Con espressione_

vorbereitet, welchem endlich das wieder contrastirende Finale die Hand

reicht.

Das Weiblein der Sibyllenschaar (vgl. die 'Sibyllengilde' in der

classischen Walpurgisnacht; auch Rabelais erinnert an das ganze

Geschlecht der Zauberinnen) nehme ich als eine wirkliche Wahrsagerin,

welche dem Dichter verkündigt, es drohe ihm Gefahr von schwarzen Augen:

natürlich keine historische Notiz, sondern eine andere Einkleidung für

eine Wendung wie 'es ist mir Gefahr prophezeit'. Der Dichter bezieht die

Prophezeiung auf schwarze Augen, die er kennt und ruft die Besitzerin

derselben unter dem Namen Marianne um Mitleid und um eine kurze Frist

an. Marianne (vgl. die Geschwister und Wilhelm Meister) braucht kein

wirklicher Name zu sein -- manche Damen in Goethes Umgebung werden

willkürlich benannt, ohne dass wir die Gründe erkennen -- aber wenn ich

das Concerto richtig datire, so muss Susanne Magdalena Münch gemeint

sein.

'Vergönne mir =die= arme, kurze Frist' sagt der Dichter, und wird also

wol einen bestimmten Termin seiner Freiheit im Auge haben. Diesen erst

noch durchlebt, benutzt: dann will er sich gefangen geben. Man kann eine

Anwendung des Spruches 'alles zu seiner Zeit' herausfühlen. Der Termin

wäre durch das schliessende _Presto fugato_ bezeichnet. Er will

Rosenlust wie Obst- und Weinernte noch geniessen. Die Rosen geben eine

Anknüpfung an das Andantino. Aber der Wein ist die Hauptsache: 'Hier ist

genug, hier schäumt der Most die Fässer heraus' (so interpungire ich:

aus den Fässern heraus). Alle, alle werden herbeigerufen, und das Tanzen

und Jauchzen geht los. Das bacchische Motiv als solches kehrt am

Schlusse der Helena und auch in der Pandora wieder.

Was hier vorliegt, ist in der That 'fugato', eine Art fugirter Satz.

Zwei Stimmen unterscheiden wir und dazu das instrumentale Accompagnement

('didli di dum, didli di dei, duru, dal dilleri du') welches zuletzt,

als ob sich der Schwarm immer weiter entfernte, allein noch gehört wird

('dum du, dum du' usw). Die eine Stimme ruft fortwährend alle herbei zum

Tanzen und Singen: herbei! mit! mit! Alte und Junge, Weiber und Kinder,

Zöllner und Sünder werden aufgefordert. Die zweite Stimme verspottet die

Laffen, welche nicht mit wollen.

Was meint Goethe damit? Vielleicht den Götz? den ersten ausgibigen Most,

den er aus seinen Trauben gekeltert hat, zu dem alles Volk geladen ist:

aber er sieht voraus: die grossen Geister, gestopelten Meister,

'verschnitten dazu' werden abseits stehen und gaffen.

Jedenfalls bietet ein früheres Werkchen schon eine Parallelstelle dazu,

der (nach S. 13 aus dem Herbst 1772 stammende) Schluss der deutschen

Baukunst (DjGoethe 2, 213 f.): 'Wenn denn nach und nach die Freude des

Lebens um dich erwacht und du jauchzenden Menschengenuss nach Arbeit,

Furcht und Hoffnung fühlst; das muthige Geschrei des Winzers, wenn die

Fülle des Herbsts seine Gefässe anschwellt, den belebten Tanz des

Schnitters, wenn er die müssige Sichel hoch in den Balken geheftet hat;

wenn' usw. Er redet den Künstler an, der die Seligkeit der Götter auf

die Erde leiten soll.

Und die Anklänge gehen noch weiter. Goethe braucht nicht blos 2, 208 das

Wort 'zusammengestoppelt' in einer Reihe mit 'unnatürlich, aufgeflickt,

überladen' um die falsche Vorstellung dessen zu bezeichnen, was er vom

Strassburger Münster erwartete; sondern er verwendet auch ein

intransitives Verbum 'stoppeln' synonym mit 'fremde Gewächse einsammeln'

(1, 212. 213; vgl. mhd. _stupfeln_) und daraufhin kann man die

'gestopelten Meister' des Concerto wohl nur mit von Loeper als solche

auffassen, deren Meisterschaft auf einer Aehrenlese über fremde Aecker

hin beruht.

In einer Recension der Frankfurter Gel. Anz. 1772 S. 741 über die

Allgem. D. Bibl. XVII. 1 heisst es: 'Stockhausens kritischer Entwurf

einer auserlesnen Bibliothek. Vierte Auflage. Damit wird übel verfahren,

und von der Seite des, was es ist, mit Recht; wenn man aber auf der

andern Seite denkt, was es sein kann, und nicht mehr, wie vielleicht

eine solche =kritische= Bibliothek unmöglich ist, denn gut, schlecht,

schön, lesenswerth, drücken freilich den Gehalt nicht aus, und

bestimmtere Urtheile, wer soll sie geben? Der Mann von =Genie=? Der wird

uns sagen, was =ihm= die Bücher waren; Und der Litterator? Das ist ja

Hrn. S. ein sehr mittelmässiger vielleicht; So lassts denn, dass zu

jeder neuen Ausgabe Freunde und Feinde, Professores und Recensenten ihre

Beiträge und Tadel dazugiessen, und zuletzt einer darein tritt, der

alles Urtheil heraus schmeisst und die von so mancherlei Köpfen gewählte

und gestoppelte Bücher nach dem Seinigen meistert und in litterarischen

Reihen die Titel ordnet'. Unzweifelhaft ein Goethischer Satz, aber

keiner von den durchgebildeten, sondern leicht hingeworfen.

In meiner Auffassung bestärkt mich das 'verschnitten dazu' des Concerto.

Der Giessener Schmid bemerkt in der Recension der Deutschen Baukunst

(Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 775; 4. December) welche Goethe an Kestner

(DjGoethe 1, 337 f.) im wesentlichen richtig, aber doch zu empfindlich

charakterisirt[3]: 'Gegen die Herrn Geschmäckler und verschnittne

Kunsttheoristen, die nichts als schöne Kunst kennen wollen, erinnert der

Verf. mit vielem Grunde, dass die Kunst lange bildend ist, ehe sie schön

wird' usw. Der Ausdruck 'Geschmäckler' findet sich bei Goethe (2, 205),

aber nichts von verschnittenen Kunsttheoristen: sollte Schmid den

Ausdruck nicht doch aus Goethens Munde haben? Wer ins blaue rathen will,

kann annehmen, dass Schmid die Baukunst, nach der er sich sehr begierig

zeigte, im Correcturabzug erhalten hatte und darin noch den derberen

Ausdruck vorfand (etwa 'dem =verschnittenen= Geschmäckler' statt 'dem

schwachen Geschmäckler', Gegensatz: '=ganze= Seelen'), den der Verfasser

nachher freundschaftlichem Rathe oder eigenem Besinnen folgend,

milderte.

Unter allen Umständen stellt der Schluss des Concerto gerade wie die

Schrift von deutscher Baukunst den neuen Geschmack energisch in den

Vordergrund und wirft unhöfliche Seitenblicke auf die Vertreter des

alten. Auf frühere Abfassungszeit des Presto fugato möchte ich daraus

nicht sofort schliessen.

Entstehung der einzelnen Theile zu verschiedenen Zeiten ist ganz

möglich. Dergleichen kann sich nach und nach ansammeln und wird dann in

einem günstigen Augenblicke redigirt.

Wo irgend sich einiger Zusammenhang zwischen den verschiedenen Stücken

zu zeigen schien, da habe ich darauf hingewiesen. Man könnte wol hier

und da noch einen Schritt weiter gehen; aber es kommt darauf überhaupt

nicht an: die Stücke sollen nur den musikalischen Gegensatz der Stimmung

haben, die schärfsten Contraste dicht neben einander gestellt, eine

gewisse Einheit nur durch wiederholtes Anschlagen der selben Themata

hervorgebracht.

14. 2. 78.

JAHRMARKTSFEST ZU PLUNDERSWEILERN.

Das Folgende ist mit Bezug auf eine Arbeit von W. Wilmanns über

denselben Gegenstand (Preuss. Jahrb. 42, 42) geschrieben, welche mir

durch die Gefälligkeit des Verfassers schon im Manuscripte vorgelegen

hatte. Dass die Personen des kleinen Spieles Porträte ganz oder

hauptsächlich aus Goethes Kreise seien, steht fest durch Goethes eigenes

und durch Mercks Zeugnis. Bisher hatte man aber wol nur Mardochai auf

Leuchsenring gedeutet; Wilmanns fügt eine Anzahl gewiss richtiger

Vermuthungen hinzu; in einigen Fällen möchte ich ihn bekämpfen und seine

Deutungen entweder durch andere ersetzen oder wenigstens die Möglichkeit

künftigen besseren Findens offen lassen, wo er schon bestimmte

Substitutionen vornimmt. Das Princip vor allem ist mir zweifelhaft,

wonach Wilmanns wiederholt zulässt, dass mehrere Figuren des Spieles auf

eine und dieselbe Persönlichkeit zurückgehen könnten. Das hat eine

grosse innere Unwahrscheinlichkeit, und nur ausnahmsweise möchte ich

davon Gebrauch machen.

Im April 1773 meldet Caroline Flachsland ihrem geliebten Herder, Goethe

habe neulich einen Jahrmarkt in Versen nach Darmstadt geschickt, um

Herrn Merck die Cour zu machen und Leuchsenrings Person darin

aufzuführen. Dieser 'Jahrmarkt in Versen' ist ohne Zweifel unser Stück

und wir gewinnen dadurch ein ziemlich sicheres, wenn auch nur

ungefähres Datum. An der Identität zu zweifeln oder eine noch ältere

Fassung vorauszusetzen, haben wir keinen Grund, da -- wie sich zeigen

wird -- die Notiz vollkommen richtig ist und genau passt.

Da wir zum Theil gewiss litterarische Satire vor uns haben, so sei aus

den Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 669 (20. October) angeführt: 'Wenn wir uns

nicht lange gewöhnt hätten, alle die Gaukeleien, Windbeuteleien und

Schelmereien, die in dem Reiche der Gelehrsamkeit seit einiger Zeit Mode

werden, mit eben der Laune anzusehen, womit man, wenn man sonst nichts

besseres zu thun weiss, an dem Theater eines jeden Markschreiers [so]

verweilt; so würden wir uns über die Unverschämtheit ärgern müssen,

womit der Uebersetzer und Verleger dieser Bogen aufzutreten wagt' ...

'Endlich hängt er noch die weise Bemerkung an, dass das Buch nicht für

Kinder wäre, und lässt dabei einen formalen Stammbaum abstechen, der

alle Tugenden in ihre Aeste vertheilt, der lehrbegierigen Jugend etwa an

der Wand im Schattenspiel oder im Raritätenkasten zur Ergötzung und

Nutzen vorgezeigt werden kann' ... Es handelt sich um eine aus dem

Französischen übersetzte Schrift über die Unumstösslichkeit der

natürlichen Religion. Man sieht: die Conception eines litterarischen

Jahrmarktes war bei Goethe oder in Goethes Kreise schon vor dem 20.

October 1772 vorhanden. (Vergleich der deutschen Litteratur mit einer

Trödelbude, wo falsche Waare gegen falsche Münze ausgetauscht wird,

schon S. 199 am 27. März 1772.)

Plundersweilern ist natürlich Frankfurt. Und an die Frankfurter Messe

wird gedacht. Wie die eben citirte Stelle um die Zeit der Herbstmesse,

so ist das Fastnachtspiel um die Zeit der Ostermesse geschrieben, welche

wirklich Comödie und Schattenspiel darbot, wie wir es hier finden (vgl.

DjGoethe 1, 363). Ich sondere die kleinen Scenen, die sich hinter

einander abspielen.

I. Doctor Medicus und Marktschreier. Wilmanns hat erkannt, dass jener

Goethe selbst ist, dieser aber Christian Heinrich Schmid Dr. jur.

Professor der Dichtkunst zu Giessen. Beide im Leben Doctores juris,

werden hier in die medicinische Region übertragen. Der Doctor,

tolerant, gönnt dem quacksalbernden quasi-Collegen den Profit und weiss,

dass die Kunst doch beiderseits nicht gross: ganz in Goethes lässiger

Art, die Merck so entschieden bekämpfte. Specielle Beziehung auf Schmids

Zulassung als Recensent in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen?

Der Marktschreier kündigt eine Tragödie an 'voll süsser Worten und

Silbensprüchen':

Hüten uns auch für Zoten und Flüchen

Seitdem die Gegend in Einer Nacht

Der Landcatechismus sittlich gemacht.

Gemeint ist der Katechismus der Sittenlehre für das Landvolk (Frankfurt

am Mayn, bey J.L. Eichenbergs seel. Erben, 1771) -- anonym erschienen,

bekanntlich von J.G. Schlosser. Das Motto lautet: 'Bist du weise, so

bist du dir weise' (Sprichw. Salomon. 9, 12). Auf eine kurze Vorrede

folgt eine längere Einleitung (S. 5-54), worin der Verfasser von dem

Landgut eines Freundes erzählt, wo er unter den Landbewohnern die

Tugenden des goldenen Zeitalters gefunden habe. Ein Zufall entdeckt ihm,

welche Hand so segensreich wirkte. Er trifft einen alten Verwalter des

Gutes eines Tages mitten unter den Kindern der Bauern, der Alte sitzt

unter ihnen wie Sokrates unter seinen Schülern, und die Kinder horchen

mit gespannter Aufmerksamkeit. Der Lehrer weiss ihnen die Tugend

interessant und liebenswürdig zu machen. 'Alle seine Lehren und seine

Ermahnungen gingen blos dahin zu zeigen, wie unzertrennlich der Vortheil

eines jeden mit der Ausübung der Pflichten verbunden ist, die wir auf

uns haben'. In einem Gespräche mit dem Verfasser hält dann der Alte eine

Lobrede auf die Tugend im allgemeinen und gibt nähere Auskunft über die

Art und Weise, wie er seine Umgebung moralisch gebessert habe. Aus den

Lehrstunden des Alten ist angeblich der eigentliche Katechismus

gesammelt (S. 55-136) der nicht in Fragen und Antworten, sondern in

zusammenhängendem Vortrage die Pflichten des Menschen durchnimmt und den

Nutzen, den sie bringen, einleuchtend zu machen sucht.

Goethe trifft den entscheidenden komischen Punkt, wenn er die

Vorstellung persifflirt, als ob auf diesem Wege im Handumdrehen eine

Verbesserung der öffentlichen Moral erzielt werden könnte. Am 8. Januar

1773 (Frankf. Gel. Anz. 1773 S. 24) kündigt übrigens der Verleger die

zweite Auflage des Büchleins und einen Separatdruck des eigentlichen

Katechismus an. Hieran erst schliesst sich chronologisch Goethes Spott.

Der Doctor meint zum Marktschreier: ohne Zoten und Flüche werde man sich

wol ennuyiren. Ganz wie Goethe (6. März 1773) an Salzmann das deutsche

Theater seit der Verbannung des Hanswurst charakterisirt: 'Wir haben

Sittlichkeit und Langeweile'. Der Marktschreier bedauert denn auch, dass

sein Hanswurst krank sei. Auf die Parallelstelle macht Wilmanns S. 64

aufmerksam.

Der Doctor wird durch einen Bedienten zum 'Gnädgen Fräulein' abgerufen:

er soll mit ihr zur 'Frau Amtmann' gehen.

II. Marktscene. Der Tyroler bietet allerhand, lang und kurze Waar, für 6

Kreuzer das Stück aus. Wilmanns S. 70 nimmt an, Goethe selbst sei

gemeint, weil seine Schrift von deutscher Baukunst 6 Kreuzer kostete. In

der That, am Ende der Recension dieser Schrift in den Frankf. Gel. Anz.

1772 S. 776 (4. December) heisst es: 'Ist bey Ausgebern dieser Zeitung

zu haben für 6 Kr.' Und die Notiz fällt auf, weil sie gegen den

sonstigen Stil der Frankf. Gel. Anz. verstösst. Ich schliesse aber

daraus, dass vielmehr Deinet, der Verleger dieser Zeitschrift gemeint

sei. Das Allerhand, die lang und kurze Waar, mag sich auf den bunten

Inhalt und die sehr verschiedene Länge der Recensionen in den Frankf.

Gel. Anzeigen beziehen. Wie viel diese selbst kosteten, weiss ich nicht.

Ein Bauer bietet Besen aus, natürlich kritische Besen. Aber dass Herder

der Kritiker sein müsse (Wilmanns S. 69), leuchtet nicht ein. Ich weiss

keine bestimmte Deutung. Die allgemeine deutsche Bibliothek? Schirachs

Magazin der deutschen Kritik? die Lemgoer Auserlesene Bibliothek? die

Briefe von Unzer und Mauvillon? Ueber die letzteren wird in den Frankf.

Gel. Anz. 1772 S. 781 f. gesagt: 'Wenn doch einmal die Herren (die

Recensenten dieser Briefe) sich nicht so ganz an die Manier stossen, und

den Geist nicht verkennen wollten, der diese oft ungeschickte Hand

belebt. Ungezogenheit, Impertinenz, weitschweifige verwaschene

Schreibart fällt allerdings dem Verfasser zur Last; allein, er bleibt

allezeit ein Kopf, der wahre Stärke hat.' Ueber die Lemgoer Bibl. heisst

es ebenda S. 430: 'Der Plan dieser Schrift war gross und vor den

einfältigen und geehrten Leser anziehend genug angegeben, und der Ton

Posaunenschall, der oben von den Trümmern der Vorgänger heruntergeblasen,

weit genug ins Land schallen sollte. Man rügte und entdeckte einige von

allen Kennern entdeckte Mängel und Gebrechen unsrer bisherigen

periodischen Schriften' usw. Die Recension über Schirachs Magazin ebenda

S. 561 beginnt: 'Der Rest der Klotzischen Schauspielergesellschaft packt

das übrige Geräth auf ein neues Fuhrwerk, wozu J.J. Gebauer (der

Verleger zu Halle) abermal die Vorspann hergibt, und fährt nun unter dem

Namen der Schirachischen Bande in der Welt herum'. Nirgends eine

entschiedene Anknüpfung. Aber Kritiker =ersten= Ranges wie Lessing oder

Herder darf man doch nicht unter dem Bauer vermuthen, der seine

kritischen Künste so prahlerisch ausschreit.

Ein Nürnberger bietet Spielsachen für Kinder an. Mit Goethes Kinderliebe

(Wilmanns S. 71) weiss ich wieder nichts anzufangen. Etwa Christian

Felix Weisse, der Verfasser der 'Lieder für Kinder' (1766) und

Herausgeber der Neuen Bibliothek der schönen Wissenschaften und der

freien Künste. Specielle Beziehung auf Weisses Fibel, die im J. 1772

erschien und grossen Beifall fand: Weisse berichtet darüber in seiner

Selbstbiographie S. 170 ff. Um den Kindern das Merken der Buchstaben zu

erleichtern, 'wurden kleine Kupferstiche verfertigt, auf welchen der

Name der Hauptfigur sich mit dem dabeistehenden Buchstaben anfing;

darunter kam ein kleiner Denkspruch, der sich darauf bezog'. Die Sache

war etwas neues. Die erste Auflage mit schwarzen und gemalten Kupfern

war rasch verkauft; eine kleinere mit Holzschnitten wurde besorgt; der

Verfasser nahm kein Honorar 'um den Verleger in den Stand zu setzen, das

Büchelgen so wohlfeil als möglich zu verkaufen'. Wie sagt der

Nürnberger? 'Hier ein Hündlein, hier ein Schwein ... Nur ein paar

Kreuzer, Ist alles dein! Kindlein, kauft ein!'

Wenn durch den Tyroler die Frankfurter Gel. Anzeigen, durch den

Nürnberger die Neue Bibl. vertreten ist, so wird es um so

wahrscheinlicher, dass der Bauer mit seinen Besen auch irgend einer

deutschen Recensir- und Reclame-Anstalt entspricht. --

Der Doctor hat dem Wunsche des gnädgen Fräuleins willfahrt und geht nun

mit ihr durch das Marktgewühl. All das Anpreisen, all die Reclame führt

er mit Recht auf das Geld- und Erwerbsinteresse, anders gesagt: auf den

Hunger zurück: 'Es gilt ums Abendessen'.

Dem Fräulein bietet eine Tyrolerin Modewaaren zum Kaufe. Nehmen wir die

Uebersetzung ins Litterarische vor, so könnte an Frau v. Laroche gedacht

werden. Von ihrer Sternheim erschien im J. 1772 eine Ausgabe unter dem

Reclame-Titel: 'Bibliothek für den guten Geschmack'.

Der Wagenschmiermann ruft seine Waare aus: 'dass die Achsen nicht

knirren, dass die Räder nicht girren'. Was folgt: 'Ya! Ya! Ich und mein

Esel sind auch da' gebraucht Goethe vom Giessner Schmid bei Gelegenheit

von dessen Recension seiner deutschen Baukunst (Wilmanns S. 66; vgl.

oben S. 23). Aber dass der Giessner Schmid hier gemeint sei, folgt

daraus nicht. Es muss nur überhaupt ein Recensent gemeint sein, der

eigentlich nichts zu sagen weiss, aber durch sein kritisches Geschwätz

andeuten will, er sei auch da. Ein Recensent ferner, der alles weichlich

verschmieren will, dem jeder kräftige Laut zuwider ist. Das passt wohl

auf Christian Heinrich Schmid; aber es passt auch auf Andre, z.B. auf

Schirachs Magazin, wo dem Frankfurter Recensenten (Frankf. Gel. Anz.

1772 S. 562) 'die Schreiber ohne Kraft und Saft' leibhaftig vors Gesicht

getreten sind. In diesem ehemals Klotzischen Kreise, wo man für Gleim,

Wieland, Jacobi ungeheure, aber nichts bedeutende Complimente, für die

Wiener eitel Bewunderung[4], für Klopstock nur weise Belehrung, für

Herder nur hämischen Tadel hatte, gewinnt die Wagenschmiere noch eine

besondere Bedeutung. Man hasste die Kraft des Ausdruckes, verspottete

die knorrige Originalität und begünstigte das Geleckte, Glatte,

Butterweiche. Man eröffnete ferner eine sogenannte Freistätte gegen alle

Journale: jeder beleidigte Autor sollte seine Vertheidigung bei Schirach

einrücken können. Ein Buchhändlerkniff um anzuziehen und die

Schriftsteller vierten und fünften Ranges in wohlwollende Stimmung zu

versetzen. Aber ich will hiermit nicht diese bestimmte Deutung

empfehlen.

III. Wir kennen das eine Paar, Doctor und Fräulein, die durchs Gewühl

gehen und bei der Tyrolerin stehen geblieben sind. Ein zweites Paar

lernen wir jetzt kennen auf demselben Wege: Gouvernante und Pfarrer. Die

Gouvernante scheint den Doctor für einen gefährlichen Menschen zu halten

und möchte das ihr anvertraute Fräulein vor ihm hüten. Der Pfarrer aber

wird durch ein Pfefferkuchenmädchen angezogen und festgehalten. Wilmanns

hat über alle diese Personen nichts Zuverlässiges ermittelt. Die

Gouvernante soll Frl. Ravanell, die Hofmeisterin der Darmstädtischen

Prinzessinnen sein (S. 73): aber von dieser wissen wir gar nichts, und

sollten wir Goethe den geringen Spass zutrauen, eine Hofmeisterin als

Hofmeisterin einzuführen? Das Fräulein soll Maxe Laroche sein, das

Pfefferkuchenmädchen wieder Maxe Laroche, der Pfarrer bleibt unbestimmt.

Allenfalls könnten wir Dumeix darunter verstehen (vgl. über ihn Loeper

zu DW. 3, 381), und dann würde die Anziehungskraft der Maxe Laroche als

Pfefferkuchenmädchen (Wilmanns S. 73) zu den Verhältnissen stimmen. Die

Gouvernante, welche das Fräulein vor dem Doctor hütet, könnte Johanna

Fahlner sein, welche Lottchen Jacobi oder Luischen Gerock vor Goethe

warnt (vgl. DRundschau 6, 73 f.). Als zarte Hofmeisterin hatte sich

Johanna wohl gezeigt (DW 3, 164 L.). Oder ist es Frau Servière, welche

dem Dechanten Dumeix sehr nahe stand (Loeper zu DW. 3, 381 f.)? Ist das

Fräulein die Münch, Goethes 'liebes Weibgen' (DjGoethe 1, 350 vom 11.

Februar 1773)? Die Anhaltspunkte sind für jede Deutung gering.

Verhältnismässig sicher mag nur sein, dass Goethe als ein gefährlicher

Mensch galt und sich darüber in dieser discreten Weise lustig macht.

IV. In dem Zigeunerhauptmann, der den ganzen Markt für Quark erklärt und

drüber her fallen möchte, hat Wilmanns (S. 67) Herder erkannt; und da

der Zigeunerhauptmann aus rein künstlerischen Gründen einen

gleichgesinnten aber etwas contrastirenden Unterredner brauchte, so mag

man gerne zugeben dass Goethe bei dem Zigeunerburschen an sich selbst

gedacht habe. Zu der Stelle vom gaffenden Publicum vgl. DjGoethe 2, 475.

V. Man muss annehmen dass der Doctor und der Pfarrer mit ihren Damen

sich zusammengefunden haben und vom Amtmann und seiner Frau empfangen

werden: das Fräulein wollte ja mit dem Doctor zum Amtmann gehen. Wer

Amtmann und Amtmännin sind, ergibt sich sogleich.

Der Bänkelsänger fordert zur Sittenbesserung auf:

Das Laster weh dem Menschen thut

Die Tugend ist das höchste Gut

Und liegt Euch vor den Füssen.

Wilmanns vermuthet einen unbekannten Pfarrer (S. 59. 60). Ich vermuthe

Johann Georg Jacobi. Vgl. Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 808: 'Wir wünschten,

Herr Jacobi unter seinen Zweigen accompagnirte seine Vögel; wäre

Der edle, warme Menschenfreund

Der echte, weise Tugendfreund

Auch des Lasters strenger Feind

und liesse uns nur mit seinen Tugenden unbehelligt'. Dazu ferner S. 215:

'Man ist endlich das Geleier von der Tugend und Religion überdrüssig, wo

der Leiermann mehr nicht sagt als: wie schön ist die Tugend! wie schön

ist die Religion! und wie ist die Tugend und Religion doch so schön! und

was ist der für ein böser Mensch, der nicht laut schreit: sie ist schön

usw. Was thun die Leute, die so ohne Gefühl mit den heiligsten Dingen

tändlen, was thun sie anders, als dass sie einem blauen Schmetterling

nachlaufen? Und mit aller ihrer Schwärmerei werden sie doch keinen

Pedrillo bekehren.'

Einer solchen Beurtheilung des Bänkelsängers, etwa von Seiten des

Doctors, scheint der Amtmann zu erwidern, wenn er sagt: 'Der Mensch

meints doch gut'. Wer nimmt sich hier des Bänkelsängers an, wenn er nur

gute Gesinnungen verbreitet? Wer scandalisirt sich in VII über das

Schauspiel und verlangt geziemlichere Fassung, gibt sich aber damit

zufrieden, dass der Bösewicht eclatant bestraft werde? Ohne Zweifel J.G.

Schlosser, der Verfasser des Landcatechismus, vor dem der Marktschreier

so viel Respect beweist[5]. Wir begreifen nun diesen Respect: der

Marktschreier und Entrepreneur muss auf die Tendenzen des Amtmanns

Rücksicht nehmen, da er innerhalb seiner Jurisdiction Geschäfte zu

machen wünscht.

Ist der Amtmann Schlosser, so ist die Amtmännin Goethes Schwester. Dass

beide im April 1773 noch nicht verheiratet waren, hindert die

Combination gar nicht. Schlosser hatte stets eine Vorliebe für Jacobi,

dessen Lieder er später gesammelt herausgab.

Wilmanns denkt an Herrn und Frau von Laroche (S. 56). --

=Zitterspielbub.=

Ai! Ai! meinen Kreutzer

Er hat mir mein Kreutzer genommen

=Marmotte.=

Ist nicht wahr, ist mein.

Sie 'balgen sich. Marmotte siegt. Zitter weint'. Wilmanns S. 71 lässt

dahin gestellt, ob Goethe mit dem Zitterspielbuben sich selbst gemeint;

unter dem räuberischen Marmotte aber versteht er Heinrich Leopold

Wagner, der später Goethes Gretchentragoedie wegschnappte. Aber der

Lyriker streitet mit dem Murmelthierführer nicht um eine Waare, welche

sie ausbieten, sondern um den geringen Lohn, den sie damit erzielen, um

ihre Erfolge beim Publicum. Der weinende Lyriker ist vielleicht Gleim.

Sein Gedicht an die Musen (1772) wird in den Frankf. Gel. Anz. 1772 S.

327 mit den Worten eingeführt: 'Aus diesem Gedichte ersieht man, dass

das Herz dieses edlen Mannes, das im vorigen Jahre von der Hand eines

Freundes verwundet ward, noch immer blutet. Bald würden wir auf alles

zartere Gefühl der Freundschaft schmählen, wenn wir glauben dürften,

dass alle Klagen dieses beleidigten würdigen Mannes gerecht wären'. Der

Recensent theilt einige Strophen mit und versichert 'beide grosse

Männer, die sich jetzo misverstehen' seiner aufrichtigsten Verehrung.

Der Angreifer, also Marmotte, ist Spalding: s. Briefe von Herrn Spalding

an Herrn Gleim, Frankfurt und Leipzig 1771; ein Titel den ich aus dem

Leipziger Musenalmanach für 1772 S. 48 abschreibe (vgl. Bürger-Briefe 1,

33). Gleim erzählt in dem Gedichte, der Pfarrer wolle seinen Gesang

nicht leiden: 'Geht schleichend meiner Leier nach, geführt von seinem

Glauben ... und will, ihr lieben Musen, ach! mir meine Leier rauben!'

Und weiter: '=dann aber wein ich=, wann mein Freund, von seinem Gott

verlassen, mir stolz ist, mir ein Heuchler scheint' usw. Da haben wir

wenigstens den in seinem Eigenthume bedrohten, weinenden Lyriker.

VI. Die Tragoedie soll angehen. Der Lichtputzer tritt auf in

Hanswursttracht (natürlich also sind Lichtputzer und Hanswurst eine

Person, gegen Wilmanns S. 66), hat zwar nicht Hanswursts Kopf, aber so

viel Durst wie Hanswurst. Wer ist dieser durstige College des

Marktschreiers, des Giessner Schmid? Lichtputzer kann wol nur einen Mann

bedeuten, der in untergeordneter Weise das vorhandene Licht zu besserem

Brennen bringt[6], d.h. einen theologischen Aufklärer von geringem

Range. Etwa Karl Friedrich Bahrdt, seit 1771 Professor in Giessen?

Wilmanns S. 65 versteht auch unter dem Hanswurst nur wieder den

Christian Heinrich Schmid.

Schweinemetzger und Ochsenhändler geben sich dem angenehmen Bewusstsein

hin, dass ihre Herden versorgt seien und wollen eins trinken. Etwa

Schulmänner oder Professoren die sich an dem litterarischen Treiben

betheiligten? Wie despectirlich Merck von den Studenten, speciell den

Giessenern, redete, ist aus Dichtung und Wahrheit bekannt; auch in der

ersten Rede des Würzkrämers im Pater Brey, d.h. Mercks, stehen Schweine

und Studenten als unordentlich einander gleich, wenn auch der Würzkrämer

nur aus dem Sinne des Paters heraus spricht. Ebenso despectirlich würde

sich, falls meine Vermuthung richtig ist, hier Goethe ausdrücken. Soll

ich Namen nennen, so wären es Professor Höpfner zu Giessen und Rector

Wenck zu Darmstadt (Loeper zu DW. 3, 297), beide Mitarbeiter der

Frankfurter Gel. Anzeigen. Wilmanns will Leuchsenring und den

unbekannten orthodoxen Pfarrer (S. 60).

Der erste Act der Tragoedie wird abgespielt. Es ist der Geburtstag des

Kaisers Ahasverus. Haman nähert sich ihm, möchte Empfindsamkeit und

Religion ausrotten und die Welt mit Gewalt zum Unglauben bekehren,

Vernunft soll alleinige Führerin sein. Aber Ahasverus geht sehr

majestätisch darüber hinweg: die Vernunft habe keine Waden; was die

Leute glauben scheint ihm einerlei, aber er will kein Geschrei darüber:

'Lasst sie am Sonnenlicht sich vergnügen, fleissig bei ihren Weibern

liegen, damit wir tapfre (Mommsen vermuthet: 'tapfer') Kinder kriegen'.

Der tolerante Kaiser soll nach Wilmanns Hr. von Laroche, der intolerante

Minister Merck sein (S. 51. 53). Aber er selbst berichtet uns von dem

'unversöhnlichen Hass gegen das Pfaffenthum', der sich bei Herrn von

Laroche festgesetzt habe. Und woraus schliesst er auf bekehrungssüchtigen

Rationalismus auf Seiten Mercks? Der ganze von Merck redigirte Jahrgang

1772 der Frankfurter Gel. Anz. legt Protest dagegen ein, und Mercks

eigenen Beiträgen macht Herder das Compliment: er sei darin immer

Sokrates-Addison. Die Frankf. Gel. Anz. kämpfen gerade so gegen die

Hamans wie es hier Goethe thut: Ein Beispiel mag genügen. Die Schrift

von C.J. Damm Vom historischen Glauben (Berlin 1772) wird angezeigt (S.

529 ff.). Damm stellt die Göttlichkeit der heiligen Schrift unter die

Beurtheilung der aufmerksamen Vernunft, man könne sich nirgends der

gesunden Vernunft zum Trotz auf die Bibel berufen, die gesunde Vernunft

vielmehr sei der Richter über jene menschlichen Schriften. Der Recensent

bemerkt, als Glaubensbekenntnis des Herrn Damm möge das gelten; aber

muss denn dies Glaubensbekenntnis vor den Augen des Publicums abgelegt

und mit Reformatorgeist in die Welt geschickt werden? Es wird dem

Verfasser willkürliche Deutung, die den Geist des Schriftstellers

hinwegspüle; es wird ihm die Zuversichtlichkeit seiner Behauptungen, die

unverantwortliche Dreistigkeit und der Leichtsinn seiner Hypothesen

vorgeworfen; und vor dem Richterstuhle der Vernunft des hocherleuchteten

achtzehnten Jahrhunderts hat der Recensent offenbar nicht so viel

Ehrfurcht wie der Verfasser. Diese Herrn 'sollten Gott auf den Knien

danken, dass er das Gras hat wachsen lassen, ehe sie es wachsen gehört

haben. Sie geben uns doch zu dass es wenigstens in jedem Lande

nothwendige Policeianstalt sei, eine Art von öffentlichem

Glaubensvortrag zu haben ... Welchen Namen soll man diesem

menschenfeindlichen Eifer geben? Sie sehen bey Brahmanen, Schumanen,

Gebern und Sinesen überall die Fäden der Wahrheit durch die sonderbare

Textur ihrer Religion durchziehen, und nur bei uns erkennen sie sie

nicht in dem Vorhang des Allerheiligsten. Sie sagen und beweisen uns,

dass dieser Baum des Erkenntnisses durch so mancherlei Jahrhunderte und

Sekten und Dogmen und Concilien habe müsse verschnitten, angebunden,

ausgeputzt, gezogen, genährt und gepflegt werden, bis er in dieser

Gestalt erschienen sei. Und ist er nun auf einmal zu alt, oder hat er

nicht vielmehr jetzo das Alter, das er nach so vielen Veränderungen

haben müsste -- und sollte?... Wer seine Brüder liebt und den Lauf der

Welt ein wenig kennt, der wird fühlen, dass man mehr zum Wohl des Ganzen

beiträgt, wenn man sein eigen Feld im Frieden baut, ohne Projecte fürs

allgemeine Wohl zu machen, und in allem Jahreszeit und Witterung

abwartet.'

Es ist ungefähr der Ton wie Goethe in späteren Jahren das politische

Treiben der Deutschen beurtheilt, und auch dafür ist die Stelle nicht

ohne Interesse. Aber ich glaube mich nun berechtigt, Wilmanns'

Auffassung hier gerade umzudrehen. Haman ist Herr von Laroche; Ahasverus

ist Merck. Und wir wissen nun, inwiefern Goethe durch das Jahrmarktsfest

'Herrn Merck die Cour machte', wie Caroline Flachsland sich ausdrückt.

Ihr Brief ist, wie gesagt, aus dem April 1773, genauer: aus dem Anfang

April. Mercks Geburtstag fällt auf den elften April. So mochte Goethe

sein Geburtstagsgeschenk etwas früher an den 'Kaiser Ahasverus'

geschickt haben.

VII. Der Marktschreier beruft sich in längerer Rede auf die Kaiserin

aller Reussen und Friedrich König von Preussen und alle Potentaten

Europas, von denen er Brief und Siegel weisen könnte, und bietet dann

ein Päckel Arznei aus, worin Magenpulver und Purganz, auch ein

Zahnpülverlein honigsüsse und ein Ring gegen alle Flüsse. Schmids

Leipziger Musenalmanach für 1772 enthält S. 104 'Knittelverse auf

hundert und noch hundert Doctoren gleicher Art' die im Ton anklingen,

z.B.

Du weisst wie man Klistire setzt,

Mit Schröpfen ganze Haut zerfetzt,

Wie man den vollen Wanst purgirt

Und feine seidne Pflaster schmiert,

Du weisst wie man das gute Blut

Dem Patienten nehmen thut,

Da weisst was man für Warzen braucht,

Und was für Hüneraugen taugt ...

Was gilt, und wo bekommt man doch

Die beste Seife für den Bart?

Die Recension der Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 43 macht sich lustig über

ein S. 69 mitgetheiltes Gedicht von Willamov 'auf das Emblem der goldnen

Dose, womit Ihro Kayserliche Majestät den Dichter noch beschenken

=wollen=' (die Hervorhebung rührt vom Recensenten her) und findet es

ganz und gar platt. Zur Probe wird angeführt:

Wo findt man denn in unsern Tagen

Die Pallas?... Ich, ich will es sagen,

Die wahre Pallas ist der Reussen Kaiserin. --

An einer andern Stelle verherrlicht Ramler Friedrich den Grossen (S.

87). Ein Epigramm (S. 102) lautet:

Auf eine hohe Frisur.

Der Alpen Spitze gleicht dein aufgethürmtes Haar;

Dein Haupt ist weiss, wie sie, und auch so unfruchtbar.

Der Recensent meint, das Epigramm sei sehr gut, und 'überall sehr

applicabel'. Ueberall, das heisst: auch auf den Herausgeber des

Musenalmanachs.

Nach der Rede des Marktschreiers spielt sich die kleine Scene zwischen

dem Zigeunerhauptmann und dem Milchmädchen ab. Wilmanns hat in ihr

Caroline Flachsland erkannt (S. 68). Aber die Scene selbst scheint er

unrichtig aufzufassen. Milchmädchen ist Caroline wegen ihres Geschmackes

an kraftloser Sentimentalität. Der zinnerne Ring, den ihr der

Zigeunerhauptmann Herder zu kaufen bereit ist, deutet auf die Verlobung,

welche so lange nicht zur Vermälung gedieh. Die Worte des Milchmädchens,

das an einer Bude zu denken ist, sind ein Ausruf kritikloser

Bewunderung: 'Man sieht sich an den sieben Sachen blind'. Und damit ist

sie ausgezeichnet charakterisirt. Sie fällt -- wenn ich mich so

ausdrücken darf -- auf alles herein; sogar auf einen Menschen wie

Leuchsenring.

Im zweiten Acte der Tragoedie lernen wir Mardochai und Esther kennen,

d.h. Leuchsenring und -- Frau Merck: so müssen wir annehmen in

Consequenz unserer Deutung des Ahasverus.

Franz Leuchsenring war gegen Ende Februar schon mit Merck sehr gespannt,

doch ging er noch immer in sein Haus, aber nur der Frau und Kinder

wegen: so meldet Caroline Flachsland (Herders Nachl. 3, 457). Und

dieselbe später: Leuchsenring könne den Merck fast nicht mehr ausstehen

und würde längst mit ihm gebrochen haben, wenn ers nicht seiner Frau

wegen unterliesse; Mercks Betragen im Hause gegen seine Frau habe ihm

Leuchsenring unter andern auch übel genommen (ibid. 488). Die

Entfremdung begann mit einem Briefe, den Leuchsenring 1772 an Merck

richtete, den ihm Merck zurückschickte und den Caroline in Abschrift

ihrem Herder mittheilen kann (ibid. 487). Herder aber bemerkt darüber

(ibid. 490): Der Brief 'ist doch, die Sache mag zwischen beiden stehen,

wie sie will, so höckerigt und nicht recht nach meinem Sinn geschrieben.

Mich dünkt immer, die recht reine Wahrheit, Lauterkeit und Eifersucht

für die alleinige Tugend, mit Aufopferung alles dessen, was wir sind,

spreche doch nicht so .... Leuchsenring ist doch nur ein Buttervogel mit

schönen Goldflügeln ... Wer mich am meisten dauert, ist Madame Merck. Es

muss ein Tod im Herzen und ein Brand in den Eingeweiden sein, sich

ungeliebt zu fühlen -- zeitlebens ungeliebt! -- und die Schritte gethan

zu haben, die sie gethan hat.' Nach Allem scheint es dass sich

Leuchsenring in Mercks häusliche Verhältnisse eingemischt hatte. Mit der

äussersten Indiscretion vermuthlich. Aus dem Stücke gehören hierher

vielleicht noch Hamans Worte im ersten Act: 'Das leidt sein Lebtag kein

Prophet'.

IX. Der Schattenspielmann producirt sich. Er führt die Schöpfung vor,

das Paradies und dessen Verlust, die menschliche Verderbnis bis zur

Sündflut: da kommt Mercurius als Retter, 'macht ein End all dieser

Noth'. Wilmanns hat gesehen dass Wielands Merkur gemeint sein muss (S.

59), zieht aber daraus nicht den einfachen Schluss dass der

Schattenspielmann -- Wieland sei. Er vermuthet vielmehr in ihm den

mehrfach erwähnten orthodoxen Pfarrer. Aber es scheint mir ganz klar

dass wir eine Parodie von Wielands Vorrede zum Merkur vor uns haben:

Lichter weg! mein Lämpgen nur!

Nimmt sich sonst nicht aus.

Ganz so hatte Wieland in der Vorrede nur sein Licht leuchten lassen und

insbesondere das deutsche Recensirwesen als so verkommen dargestellt,

dass es schien, als ob der Merkur einem ganz chaotischen Zustande zu

Hilfe kommen müsse, lieber die Grosssprecherei im Merkur vgl. noch

DjGoethe 1, 380; zur Datirung ibid. 368. 369.

Wilmanns meint (S. 58), der Schattenspielmann weise durch die stark

dialektisch gefärbte Sprache, namentlich durch den häufigen Gebrauch des

pleonastischen '_sie_' auf eine bestimmte Individualität. Aber Goethe

hat augenscheinlich nur nachzubilden versucht, wie ein wirklicher

Schattenspielmann romanischer Nationalität die deutsche Sprache

radebrechte.

Das Schönbartspiel schliesst, indem Doctor, Fräulein, Gouvernante von

Amtmanns Abschied nehmen. --

Ich finde die Posse ganz genial. Bei Aufführungen, die vor einigen

Jahren versucht wurden, hat sie zündend gewirkt. Die jüngere Gestalt,

welche man dafür wählte, hat allerdings sehr gewonnen, namentlich in der

eingelegten Tragödie. Alle übrigen Motive aber waren schon im ersten

Wurfe gefunden. Die Situationen waren ohne ein erläuterndes Wort

vollkommen klar. Alles bewegt und doch behaglich; durch und durch -- man

möchte sagen: bis in die Fingerspitzen hin -- voll sprühenden Lebens:

ein echtes Bild des Jahrmarkttreibens, von Anfang bis zu Ende

interessant und komisch, auch wenn man von litterarisch-satirischen

Beziehungen gar nichts weiss. In diesen Beziehungen aber freilich sitzt

die höchste bewunderungswürdige Kraft: schlagende Charakteristik oft

durch eine einzige Zeile.

Ueberblicken wir meine Deutungen, so ergibt sich ein gewisser Plan in

der Aufeinanderfolge der Personen: I ist gleichsam Vorspiel um durch die

Rolle des Doctors einen Mittelpunct für das Ganze zu schaffen. An ihn

schliessen sich dann die einheimischen vornehmen Beschauer des Marktes,

die Frankfurter Gesellschaft: Pfarrer, Gouvernante, Fräulein, Amtmann

und Amtmännin. Unter den Besuchern des Marktes aber, welche da Geschäfte

machen wollen, gruppiren sich am Anfang die Recensenten und

Reclamemacher: Marktschreier (Christian Heinrich Schmid), Tyroler

(Deinet), Bauer, Nürnberger (Weisse) und etwas später Wagenschmeermann

(Schirach?), symmetrisch macht Wieland mit dem Merkur den Abschluss des

Ganzen. Auf die Frankfurter Gesellschaft wirken anziehend Tyrolerin und

Pfefferkuchenmädchen, Frau und Fräulein von Laroche, deren Auftreten

durch den Wagenschmeermann wol nur darum unterbrochen wird, damit nicht

die Frauenzimmer gleich hinter einander kommen. Dann erscheint als

Kontrastfigur der Zigeunerhauptmann Herder. Hierauf Jacobi und Gleim,

der Spalding mitzieht. Dann die Giessener Bahrdt und Höpfner, der Wenck

mitzieht, indem zugleich der Giessener Schmid wieder das allgemeine

Interesse in Anspruch nimmt. Wenck hat schon zu den Darmstädtern

übergeleitet: wir erblicken in der Tragoedie Herrn und Frau Merck mit

Leuchsenring, der seinen Gegner Laroche mitzieht, und zwischen den

beiden Acten auch Caroline Flachsland, das Milchmädchen.

Demgemäss sind durch die grossen Journale lauter kleine geographisch

oder sachlich einheitliche Gruppen umrahmt: Frankfurt, Darmstadt,

Giessen finden sich vertreten; Coblenz ist allerdings vertheilt, man hat

aber doch wol keinen Grund, für Haman nach einem Darmstädter

Rationalisten zu suchen. Nach dem Eindruck, den auf Goethe sein einziges

Zusammentreffen mit Leuchsenring im Herbst 1772 bei Laroches und der

ganze Aufenthalt im Larocheschen Hause machte, wäre es sonderbar, wenn

Laroche, der als Feind der Empfindsamkeit und fanatischer Freund der

Aufklärung sich so gut zum Gegenspieler des Leuchsenring eignete, hier

nicht vorkäme. Die Reihe Herder, Jacobi, Gleim, Spalding ist noch durch

den geistlichen oder halbgeistlichen Charakter zusammengehalten.

Ich bemerke dass diese Beobachtungen hinterher gemacht sind, wie sie

hier stehen, dass sie auf die Deutung des Einzelnen nicht den geringsten

Einfluss genommen haben. Auch möchte ich ihre bestätigende Kraft nicht

allzu hoch anschlagen.

Durchgängig habe ich auf die Frankf. Gel. Anz. von 1772 Rücksicht

genommen. Sie sind das zuverlässigste Document für die in Goethes Kreis

damals vorhandenen polemischen Tendenzen; und da mit Anfang 1773 die

Betheiligung dieses Kreises an der genannten Zeitschrift aufhörte, so

erscheinen die Epigramme des Jahrmarktes gewissermassen als Fortsetzung

von Goethes Recensententhätigkeit.

Wir haben uns mit unseren Deutungen nicht ganz in Goethes persönlichem

Kreise halten können, aber doch hauptsächlich. Immerhin konnte Merck an

Nicolai schreiben: 'Die Pasquinaden die er (Goethe) gemacht hat, sind

aus unserem Cirkel in Darmstadt, und alle Personen sind gottlob so

unberühmt und unbedeutend, dass sie niemand erkennen würde' (Merck Br.

3, 107). Man muss allerdings annehmen dass Merck damit nicht =strenge=

die Wahrheit sagt. Aber ist ihm solche Diplomatie nicht zuzutrauen,

besonders Nicolai gegenüber, der vielleicht in dem Stücke als Bauer

kritische Besen verkauft?

4. 8. 78.

SATYROS.

Für Goethes Satyros ist eine befriedigende Deutung bis jetzt nicht

gewonnen. Weder Kaufmann noch Basedow noch Heinse noch Klinger lassen

sich als Vorbilder festhalten. Aber die Meinung, eine bestimmte Person

habe überhaupt nicht vorgeschwebt oder die deutschen Nachahmer Rousseaus

im allgemeinen sollten getroffen werden, setzt sich in Widerspruch mit

Goethes ausdrücklicher Angabe, Dichtung und Wahrheit Buch XIII (Loeper

3, 109).

Dass wir den Betheiligten und Zeitgenossen die Bescheid wissen können

zunächst einmal glauben und daraufhin weiter forschen, ist doch, wie mir

scheint, die erste Regel eines methodischen Verfahrens. Düntzer in

seinem Aufsatz über den Satyros (Neue Goethestudien 1861, S. 33-62)

hatte eigentlich alle Momente für die richtige Deutung in der Hand; die

wichtigsten Thatsachen auf die ich mich stützen werde gibt er an; zu

anderen weist er den Weg: so dass wir, falls ich Haltbares wirklich

gewinne, in erster Linie ihm dafür verpflichtet bleiben.

Goethe redet aaO. von Leuten 'die auf ihre eigene Hand hin und wider

zogen, sich in jeder Stadt vor Anker legten und wenigstens in einigen

Familien Einfluss zu gewinnen suchten'. Einen zarten und weichen dieser

Zunftgenossen habe er im Pater Brey, einen andern, tüchtigern und

derbern, im Satyros 'wo nicht mit Billigkeit, doch wenigstens mit gutem

Humor' dargestellt. Dass der zarte und weiche Franz Leuchsenring war,

ist bekannt. Dass der tüchtigere und derbere eine bestimmte Person sein

müsse, steht nach dem Zusammenhang ausser Zweifel; und dass sich Goethe

hier nicht bestimmt erinnert haben sollte, ist unmöglich.

Wenn Merck von Goethes Pasquinaden an Nicolai schreibt 'sie sind aus

unserm Cirkel in Darmstadt' (vorhin S. 42), so kann er nur meinen was

Nicolai kennen konnte, d.h. das Jahrmarktsfest und Pater Brey. Aber dass

Merck in das Geheimnis des Satyros eingeweiht war, müssen wir unbedingt

annehmen. Und wenn die Herzogin Anna Amalia nach Mercks Anwesenheit bei

ihr im Sommer 1779, brieflich an Merck (2, 166 vom 2. August) Herdern

'_Satiros_' nennt, wenn die Göchhausen ebenfalls an Merck dieselbe

Persönlichkeit als '_General -- -- s_' bezeichnet (1, 186 vom 22 October

1779): so sollte ich denken, wir wüssten genug[7]. Vgl. Düntzer S. 56 f.

Satyros empfängt Psyches gläubige Verehrung und zieht am Schlusse mit

ihr ab ('Es geht doch wohl eine Jungfrau mit' sagt der Einsiedler). Aber

Psyche hiess Caroline Flachsland im Freundeskreise, als Psyche hat sie

Goethe besungen: Herder selbst scheint ihr den Namen beigelegt zu haben

mit Rücksicht auf die Psyche in Wielands Agathon (Lebensb. 6, 131; ich

zähle die sechs Bände des Lebensb. durch). Die Psyche des Satyros zeigt

sich ebenso kritiklos wie die Leonore im Pater Brey, wie das

Milchmädchen im Jahrmarktsfest -- diese anderen Abbilder Carolinens, von

der selbst Herder im J. 1772 noch zugibt dass sie vorläufig nur gutes

Mädchen sei (Merck 1, 40).

Dass die Philosophie welche Satyros vorträgt, Berührungspuncte mit

Herders Ältester Urkunde des Menschengeschlechtes habe, sah auch bereits

Düntzer S. 56. Und gleich fällt uns Mercks Aufsatz über dasselbe Buch

(Briefe 3, 110 ff. vgl. ibid. 105) ein, worin der Leser klagt, der böse

Autor wolle ihm aus der Fülle seines unrecht erworbenen Mammons nicht

einmal das Nothdürftige reichen, ja das geschehe auf eine ungebärdige

Art und der böse Wille werde nicht einmal mit dem Mantel und Kreuz des

Wohlanstandes bedeckt; der Leser habe daher keine Ursache, seine Schmach

in sich zu fressen, insbesondere da ihn das laute Neigen der Freunde,

Schmarotzer und bunten Diener des reichen Mannes kränken müsse, 'die,

weil sie nicht die Kiste und das Manual selbst inspicirt, das Vermögen

ihres Patrons immer grösser machen, als es ist'.

'Zwar -- heisst es weiter, und eine Satyrosähnliche Gestalt erhebt sich

immer bestimmter vor unserem inneren Auge -- dürfte der Beklagte manches

zu seiner Nothdurft vorzubringen haben. Ist er ein stolzer Mann, so

spricht seine Seele zu sich selber: hier steht Herkules, das Werk meiner

Hände, den Blöden und Schwachen ein Aergernis, aber seines gleichen

Augenweide und Wonne. Seufze Höfling, dass er nicht recht gekämmt ist,

und du Siechling miss seine Lenden und Schultern nach deiner Ohnmacht.

Seine Nacktheit ist euch ein ewiger Vorwurf. Gebt seinen Schenkeln, Eure

Blösse zu bedecken, Beinkleider und statt einer Keule eine _Excuse_

untern Arm, damit Ihr Euch trösten und sagen könnt: er ist worden wie

unser einer'.

Den Ausdruck 'Siechlinge' gebraucht auch Satyros gegen Schluss des

dritten Actes. Und Goethe schreibt an Herder im Sommer 1771: 'Apollo von

Belvedere, warum zeigst du dich uns in Deiner Nacktheit, dass wir uns

der unsrigen schämen müssen. Spanische Tracht und Schminke!' Herder

selbst sagt, er brauche keinen Beinkleidmacher für seine Blösse (Merck

1, 38).

Die Art wie Goethe sich an Schönborn über Herders Werk ausspricht, stimmt

ganz und gar zu dem Charakter der Poesien und Doctrinen, die er seinem

Satyros in den Mund legt: 'Es ist ein so mystisch weitstralsinniges

Ganze, eine in der Fülle verschlungener Geäste lebende und rollende

Welt' usw. Eine Riesengestalt sei das Buch. Herder habe in den Tiefen

seiner Empfindung alle die hohe heilige Kraft der simplen Natur

aufgewühlt und führe sie nun in dämmerndem, wetterleuchtendem hier und

da morgenfreundlich lächelnden, orphischen Gesang vom Aufgang herauf

über die weite Welt.

Man vergleiche wie zu Anfang des dritten Actes Satyros sich selbst als

Orpheus besingt:

Hast Melodie vom Himmel geführt

Und Fels und Wald und Fluss gerührt.

Aber gehen wir nun mehr ins einzelne: wobei allerdings die genaueren

Kenner Herders vielleicht manches werden nachtragen können.

Zur Bezeichnung Satyros kommt Herder als Dechant, als deutscher Swift,

als Satiriker, der seiner satirischen Laune jeden Augenblick die Zügel

schiessen liess. Man darf auch daran erinnern dass Herders Freund und

Lehrer Hamann in dem Goetheschen Kreise der sokratische Faun genannt

wird (Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 684). Die mythologische Auffassung hat

dann natürlich ihre Consequenzen, die nicht alle mehr auf Herder passen

werden. So die langen Ohren; denn im übrigen hat Satyros nichts

Thierisches: die Bezeichnung 'Thier!' erhält er wie Mephisto (Düntzer S.

60).

Der Einsiedler, der den =ersten Act= mit einem Monolog eröffnet und

etwas an den Pater Lorenzo in Romeo und Julie erinnert, darf mit Goethe

verglichen werden: vom Wanderer, vom Pilgrim ist zum Einsiedler nicht

weit, wie schon Erwin und Elmire zeigt. Er ist, wie Werther, glücklich

in einfach ländlichem Dasein, freut sich über die Erzeugungskraft der

Natur und weist den Philistergedanken ab, der alles Werdende nur vom

Standpuncte des Nutzens für den Menschen betrachtet. Seine

Eigenthümlichkeit besteht in dieser Beschränkung. Im fünften Act

erfahren wir dann mehr: er durchschaut den Satyros, er hat 'tiefe

Kenntnis der Natur' und ist 'der Künste voll'; wie Herder Goethen am 17.

November 1772 (Merck 1, 39 vgl. 44) den 'elenden Wahrsager, Naturkenner

und Zeichendeuter' nennt. Und auch wenn der Einsiedler nicht ungern

stirbt --

Ich habe schon seit manchen langen Tagen

Nicht genossen, nur das Leben so ausgetragen --

so wissen wir dass solche Stimmungen dem Goethe der Werther-Zeit nicht

fremd waren, aus dessen Herzen auch der Einsiedler spricht 'das

Schicksal spielt mit unserm armen Kopf und Sinnen'. --

Satyros kommt schreiend mit verwundetem Bein; die Pflege des Einsiedlers

lohnt er durch Prätention und Grobheit, Tadel von Wohnung und Kost: --

Herder in seiner Krankenstube zu Strassburg. Vgl. noch Goethes Werke

(Hempel) 27, 317.

=Zweiter Act=. Satyros erwachend, schimpfend -- etwa wie Herder

brieflich und gewiss auch mündlich über Strassburg den 'elendesten,

wüstesten, unangenehmsten Ort den er in seinem Leben gefunden' (Lebensb.

6, 116), und über sein Krankenzimmer, die 'Tod- und Moderhöle' (ibid.

356). Speciell 'die Unzahl verfluchte Mücken' stimmt, wenn sie ihn auch,

im Herbst, nur kurze Zeit gequält haben können.

Es thut dem Satyros in den Augen weh, seines Pflegers Herrgott zu sehen,

er reisst ihn herunter und wirft ihn in den Giessbach -- wie Herder dem

jungen Goethe seine Liebhabereien, z.B. seine Freude am Ovid, an seiner

Siegelsammlung, an Domenico Feti zerstörte. Starkes Selbstgefühl macht

sich drastisch Luft:

Mir geht in der Welt nichts über mich:

Denn Gott ist Gott, und ich bin ich.

Er geht ohne Abschied fort und nimmt eine Leinwand mit, die er vorbinden

will, damit die Maidels nicht so vor ihm laufen. Vgl. darüber Act IV und

V.

=Dritter Act=. Satyros allein: 'Ich bin doch müd; 's ist höllisch

schwül'. Auch nach der ersten Rede des Einsiedlers und sonst muss man

voraussetzen, dass das Stück im Sommer spielt; dabei fällt es auf dass

der Einsiedler sich die Fingerspitzen warm haucht (Act I gegen Ende),

was dem Satyros seltsam vorkommt und ihn zu der Bemerkung veranlasst:

'Ihr seid doch auch verteufelt arm'. Wilmanns verweist mit Recht auf die

alte Erzählung, die sich z.B. bei Hans Sachs Keller 9, 180 als 'Fabel

von dem Waldbruder mit dem Satyrus' findet. Der Pilger haucht in seine

Hände um sie zu erwärmen, worüber sich der Satyrus heimlich wundert.

Dann aber bläst der Waldbruder in den heissen Wein um ihn zu kühlen, und

dass der Athem seines Mundes Entgegengesetztes vermag, gibt dem Satyrus

eine so ungünstige Vorstellung von ihm, dass er ihn aus seiner Hütte

verweist: dort ist nemlich der Waldbruder Gast des Satyrs, bei Goethe

umgekehrt. Goethe hat das eine Motiv aus der Fabel herausgenommen und

anders gewendet, an die sonst festgehaltene Jahreszeit, flüchtig

arbeitend, nicht gedacht.

Zu der Stimmung im Eingang des dritten Actes liessen sich

Parallelstellen aus Herders Briefen an Caroline anführen, die sie

natürlich ihren Freunden nicht vorenthielt; vgl. z.B. in den

Erinnerungen 1, 212, wo auch die Situation ähnlich ist: 'und warf mich

unweit einiger Kuppeln romantischer schwarzer Bäume auf einen wilden

Hügel, an einen Wasserfall ... um ihn viel wildes Weidengebüsche, um

mich alle wilden Blumen, die in Shakespeare Feen- und Liebeliedern

vorkommen -- Berge, Sonne, Abend um mich!' Diesem Briefe (aus dem

September 1771) liegt auch ein Lied Herders bei (Nachlass 3, 109), wie

Satyros einen Sang beginnt; doch hat es keine specielle Aehnlichkeit.

Der melancholische Grundton aber in dem Liede des Satyrs -- bist du

allein, so bist du elend trotz deiner geistigen Macht -- geht durch alle

Briefe Herders an seine Braut; z.B. 'Bedauern Sie mich in meiner

Einsamkeit! Ich habe keinen, zu dem ich reden, dem ich mein Herz

ausschütten, bei dem ich nur sein kann, wie ich will' (Erinn. 1, 213);

'es ist eine elende Welt für Menschen von Gefühl und Brust' (ibid. 1,

225). Caroline selbst betheuert (Erinn. 1, 236): 'In jedem Briefe sagte

er mir dass ich das Glück seines Lebens sei -- ich dürfe ihn nicht, ich

solle ihn nicht verlassen: er wäre sonst allein in der Welt'. Dieselbe

Stimmung ist in dem Liede Nachl. 1, 96: 'Und ich mit armem, wüstem Blick

Such ich mich ringsum wieder ... Nicht einen, keinen find ich hier' usw.

Aus der siebenten Strophe will ich nicht versäumen den 'Liebethränenblick'

anzumerken, der an die Decomposita im Satyros erinnert. Vgl. auch z.B.

Lebensb. 6, 372 uö.

Dem flötenspielenden singenden Satyros sei aus der Ältesten Urkunde

(Werke zur Religion und Theologie 6, 110) der Pan verglichen, der grosse

Weltgott, der auf seiner Flöte die Harmonie der Welt spielt; heiliger

Schauer, Schrecken und Ehrfurcht sind die ewigen Gefährten seines

Gesangs; 'einst sang er also das Chaos in Ruhe'.

So letzt Satyros mit seinen Melodien die Natur, die ihm ringsum huldigt:

''s ist alles dein' kann er sich sagen.

Satyros ist der ursprüngliche reine Mensch, wie ihn die Älteste Urkunde

schildert, die ganze Schöpfung steht still und wartet und trauert, dass

kein Blick da ist, der sie sammle, kein Herz, das sie fühle; sie möchte

genossen werden, sie sehnt das Nachbild der Gottheit, den Untergott,

ihren Herscher herbei: den Menschen (5, 89). Ganz wie Satyros sagt:

'Natur ist rings so liebebang'.

Satyros legt sich selbst Adleraugen bei: 'Dein Adlerauge was ersieht's?'

Caroline ruft Herdern zu (Nachl. 3, 389): 'Es kennt dich ja jedermann an

Deinen Adlersfittigen, Herr Adler!' Ja sie berichtet ihm (3, 450):

'Meine Schwester hat dich zu lieb' usw. 'Nur geht es ihr wie Lavater und

andern mehr: dass sie sich ein wenig vor Dir fürchtet und Deinen

=Adleraugen='. Vgl. schon Lebensb. 5, 28 'Adlerblick'. Dieser Schwester

entspricht Arsinoe, welche mit Psyches kritikloser Bewunderung gut

contrastirt.

=Psyche.= Welch göttlich hohes Angesicht!

=Arsin.= Siehst denn seine langen Ohren nicht?

=Psyche.= Wie glühend stark umher er schaut!

=Arsin.= Möcht drum nicht sein des Wunders Braut.

Während dann Psyche sich nach dem Woher, Namen und Geschlecht erkundigt

und gleich bereit ist, ihm himmlische Abkunft zuzutrauen, fragt Arsinoe

sehr verständig: wovon er lebe.

Satyros gibt sich als Fremdling mit unbekanntem Hintergrund, er ist weit

gereist, er herscht über Wild, Vögel, Fische, Früchte; kein Mensch ist

so weise und klug wie er; er kennt Kräuter und Sterne; sein Gesang

dringt ins Blut, wie Weines Geist und Sonnen Glut.

Wieder gehen hier Züge Herders und des Herderschen Urmenschen

durcheinander.

Als Fremdling und weit gereist kam Herder nach Darmstadt, stolz auf sein

Wissen und geistiges Vermögen; übrigens 'Lebensflüchtling', seines

Lebens verworrene Schattenfabel wie ein ungelöstes Rätsel betrachtend

(Lebensb. 6, 16 ff.) Er lebte 'vom Leben' und 'wohnte wos ihm wohl

gefiel'; mit andern Worten, er hatte wenig Geld und viel

Veränderungslust: 'da ich auch weiterhin durch die Welt blos durch mich

und fast ohne Geld gekommen bin ... so habe ich immer nur mit dem Metall

gespielt -- so bin ich zum Theil gereist -- auf anderer Leute, wie es

jetzt mir vorkommt, Beutel, wie es damals hiess, Kopf und Herz' (Erinn.

1, 222 f.); 'wenn Lebhaftigkeit Veränderlichkeit heisst, so bin ichs'

(ibid. 165). Auch der Gesang geht auf Herder und die Wirkung, die

Satyros gleich zu Anfang des Actes damit hervorbringt, ist historisch:

nur dass es in der wahren Geschichte nicht Gesang, sondern Declamation

war. 'Unvergesslich -- erzählt Caroline (ibid. 155) -- ist mir die

Darmstädter Fasanerie, wo er in der Stille des Waldes, in der

feierlichen Einsamkeit des Ortes Klopstocks[8] Ode _Als ich unter den

Menschen noch war_ -- mit seiner seelenvollen Stimme aus dem Gedächtnis

recitirte.' Vgl. Nachl. 3, 81; Lebensb. 6, 89.

Anderseits wenn Satyros Vater und Mutter nicht kennt ('was Vater!

Mutter! weisst du woher du kommst?' sagt Prometheus), so ist er der

Urmensch, der Sohn Jupiters, der Sohn der Götter (Act v), wie er sich

selbst, wie das Volk ihn nennt; der mächtige Redner der nachher

verkündigt: 'Selig wer fühlen kann was sei Gott sein! Mann!' Das

Bewusstsein der Göttlichkeit des Menschen macht sich bei Herder stark

geltend, z.B. Aelteste Urk. 5, 59 'Der hier in meinem Haupte aufgeht,

der mich erleuchtet; den ich hier in meinem Herzen wärmend und schlagend

fühle, ist Gott!' 5, 93 'sein (des zum Muster aufgestellten

Morgenländers) einiger Trieb Gott auf der Erde zu sein;' 5, 96 der

Mensch ist ein 'erdeingehüllter Gott'. Eben hieraus erklärt sich die

Herschaft des Satyros über so viele Wesen: Herder wendet die Worte des

achten Psalmes bedeutsam an (5, 93 f. Lebensb. 3, 452): 'Alles hast du

unter seine Füsse gethan, Schaf und Ochsen und wilde Thiere, Vögel in

der Luft, Fische im Meer'. --

Arsinoe meint, Satyros müsse ihren Vater Hermes kennen lernen; sie holt

ihn; Satyros und Psyche sind allein.

Das Gespräch welches folgt erinnert einerseits an die Art wie Prometheus

Pandoren das Wesen des Todes deutlich zu machen sucht, anderseits an

Faust und Gretchen.

Satyros weiss den ersten Moment des Alleinseins gut auszunutzen. Er

imponirt dem Mädchen durch geistig-sinnliche Kraft und reisst sie ganz

an sich.

Die Reden welche sie wechseln erscheinen mir wie eine poetische

Verdichtung und Steigerung der Correspondenz zwischen Herder und seiner

Braut. In diesen Briefen herscht manchmal eine etwas heisse Temperatur.

Ich kann nicht wörtliche Parallelstellen anführen; die Bezeichnungen

'Engel, himmlisch', u.dgl. lassen sich wol belegen, haben jedoch wenig

Werth; aber die innere Beschaffenheit, Gesinnung und Geist, ist genau

verwandt. Herders nahes Verhältnis zu Carolinen, auch ihr Briefwechsel

blieb lange heimlich; Carolinens Schwager, bei dem sie wohnte, erfuhr es

erst im August 1772, und zwar durch einen plötzlichen Zornesausbruch der

Braut (Nachl. 3, 330), so dass Herder meinte: 'Das Ding wird doch immer

so ein halbes Bubenstück von Liebesintrige' (ibid. 336) .... Das erste

Alleinsein im Augenblicke des Abschieds wird von Caroline in den

Erinnerungen stark accentuirt (1, 157) und zittert auch in den Briefen

nach. Einige Auszüge sind wol nicht zu entbehren. Erster Brief

Carolinens an Herder: 'süsser, feuriger Freund' ... 'die ganze Nacht war

das feurige Bild meines süssen Freundes bei mir' (Lebensb. 6, 57. 58).

Herder an sie: 'mein Abschiedskuss ... war nur im Vorübergehen' (ibid.

59); 'ich ging wie in einem Meere von Trunkenheit von Ihnen' (67); 'noch

unmittelbar im Augenblick des Abschiedes eine himmlische selige

Viertelstunde, in der alle Ihre Tugenden ... und die ganze Wonne der

Wehmuth sprachen' (vgl. Psyche beim Kuss: 'Wonn und Weh'); 'Ihren Kuss

und Umarmung wie das freudige Ungestüm eines Engels der Zärtlichkeit zu

fühlen, und Sie so ganz, so innig, so ganz meine liebe zarte, schlanke,

muntre Griechin mit Ihrem unschuldig pochenden Herzen, mit Ihren

umschlingenden weissen Liebesarmen, Mund an Mund und Seele in Seele, an

meine redliche Brust zu drücken' (71 f. vgl. auch das Citat S. 78); 'Sie

sind noch, wie bei meinem Abschiede, oft auf meinem Schoss, in meinen

Umarmungen, an meinem Herzen; ich sehe noch oft Ihr weggewandtes

himmlisches Gesicht, voll der schönsten Thränen, wie es sich alsdann mit

der ganzen Wonne der Wehmuth auf einmal heiter zu mir wandte und mich,

wie ein Engel Gottes, anlächelte -- Ihr Zellchen, Ihr Bette habe ich

nicht gesehen: Sie wissen nicht, wie gern ichs sehen wollte; wie sehr

ichs mir vorgenommen, den Sonntag meines Abschiedes, als wäre es im

Spasse, zu sehen' (96); 'ich war zu Ihren Füssen; ich küsste Sie ganz'

(98); 'ich drücke Sie in meine Umarmung, auf meinem Schosse, und stecke

Ihnen mit dem längsten feurigsten Kusse diesen Brief in Ihren

unschuldigen Busen' (103); 'bei der feierlichen, seelenvolle Stunde, da

Du auf meinem Schosse sassest, empfindsames Mädchen, mich mit Thränen,

mit allen Thränen Deines guten Herzens umarmtest' (165); 'ach! es war

eine Zeit, da meine unschuldige tugendhafte Flachsland wie ein Engel

Gottes auf meinem Schosse sass, da aus ihrer Umarmung, aus ihren

Thränen, aus ihrer seufzenden Wehmuth nur die Worte sich herausbrachen:

ach! Sie werden mir doch schreiben! Sie werden mich doch nicht vergessen!

ach! um aller meiner Ruhe willen, die nur von Ihnen abhängt' ... (168);

'bist Du dieselbe, die ihr Gesicht an meine Brust lehnte, die ihre

Thränen und Seufzer und Ströme der himmlischen Liebe in meinen Busen

goss' (174); 'o Du wirst wieder auf meinem Schosse sitzen! Ich werde

noch einmal Ihr thränend Auge und Ihre sanfte Augenbraune küssen und --

o himmlische Liebe! wenn ich Dich jetzt bei mir hätte!' (210).

'Er küsst sie mächtig' sagt Goethes Bühnenbemerkung im Satyros. 'Mit

allen Kräften umfasse ich Sie, liebes, gütiges Mädchen!' schreibt Herder

(Nachl. 3, 128). Psyche fühlt erbebend aller Seligkeit Wahntraumbild

voll erfüllt: Caroline findet ihr Ideal und Traum von einer schönen

männlichen Seele weit übertroffen (Nachl. 3, 143). Von Psyche glänzt,

nach Satyros, Tugend, Wahrheitslicht wie aus eines Engels Angesicht: in

Caroline vereinigt sich, nach Herder, Unschuld, Naivetät, Natur,

Zärtlichkeit und Tugend (Lebensb. 6, 53. 59. 67). Psyche sagt 'Ich bin

ein armes Mägdelein'; Caroline schreibt 'Gott dass ich ein so armes

kleines Mädchen bin!' (Nachl. 3, 220; vgl. 296.) Dass bei Caroline, wie

bei Psyche, ein erster starker plötzlicher Eindruck entschied,

versichert sie ausdrücklich (Nachl. 3, 406). --

Satyros und Psyche werden im Kusse gestört durch Hermes und Arsinoe,

welche eintreten.

Satyros zeigt sich gleich kritisch, an Hermes ist ihm nichts recht, sein

weites Gewand, sein krauser Bart: diese tadelnde Laune ist vollkommen

Herderisch.

Für Hermes, den Priester und Ältesten im Land habe ich keine sichere

Deutung; auch ist er wenig charakterisirt. Allenfalls könnte man

versuchen ihm den Grafen Wilhelm von Lippe-Schaumburg unterzulegen. Wenn

er mit Satyros die Kenntnis der Kräuter und Sterne theilt, so soll das

doch nur auf gemeinsame wissenschaftliche Interessen hindeuten (vgl.

über den Grafen nach dieser Richtung Erinn. 2, 23); will man die Sterne

wörtlich festhalten, so wäre darauf zu verweisen dass Herder einmal von

seinem astrologischen Wahne spricht (Merck 1, 39; vgl. Haym Herder 1,

36) und dass der Graf später ein Observatorium bauen liess (Erinn. 2,

111). Mit dem Hermes der Aeltesten Urkunde -- er ist 'Weiser, König,

Religionsstifter, Schrifterfinder, Kosmopoet usw.' (6, 140 und oft) --

hat dieser wol insofern zu thun, als Herder, wenn er seine Speculationen

über die Uroffenbarung darlegte, den Namen viel im Munde führen und so

Anlass zu der Wahl desselben durch Goethe geben mochte.

Hermes erwidert dem spottsüchtigen Ankömmling bescheiden: 'Ihr scheint

mir auch so wunderbar'. Und der fährt gleich los: es ekelt dir wol vor

meinem ungekämmten Haar, meinen nackten Schultern, Brust und Lenden und

meinen langen Nägeln an den Händen? Worauf Hermes 'Mir nicht'.

Die Nackheit des Urmenschen wird nachher gleich zur Sprache kommen.

Halten wir uns einstweilen an das Wunderbare der Erscheinung und Tracht

im allgemeinen.

Durch Sonderbarkeit des Anzugs fiel Herder schon in Strassburg Goethen

auf. Auch in Bückeburg erschien seine Tracht als französischer Abbé

auffallend und komisch. Er zog sich rasch an und hatte eine

eigenthümliche Abneigung sich in den Spiegel zu sehen, was auf seine

Toilette ungünstig einwirken mochte (Erinn. 1, 180). Ueber die geistige

Sonderbarkeit seines ersten Eindrucks spricht sich Herder selbst an

Merck aus: 'Ihr steht alle meiner Natur noch zu nahe, gute Kinder! Ihr

tastet noch ... und sehet nicht. Da wird der weichen, warmen, fühlenden,

freundschaftlichen Hand alles grösser, runder, colossalischer -- aber

auch dunkler, und ihr habt noch kein Ganzes von Anblick!' (Lebensb. 6,

116).

Es folgt die grosse Rede des Satyros durch die er immer mehr Volk

anzieht und begeistert; worin er den Urzustand der Menscheit als Ideal

aufstellt.

Satyros zeigt sich als mächtiger Prediger, wie sich Herder in Darmstadt

gezeigt hatte. 'Am 19. August -- erzählt Caroline Erinn. 1, 155 --

predigte Herder in der Schlosskirche. Ich hörte die Stimme eines Engels

und Seelenworte, wie ich sie nie gehört!... zu diesem grossen einzigen,

nie empfundenen Eindruck habe ich keine Worte -- ein Himmlischer, in

Menschengestalt, stand er vor mir.' ('So singen Himmelsgötter nur', sagt

Psyche, und 'er ist von einem Göttergeschlecht'.)

Satyros verlangt in seinem Lebensprogramm Natur und Wahrheit, woraus

sich verschiedene Forderungen ergeben, die wir im einzelnen durchnehmen

müssen.

Er ist für Nackheit: 'Eure Kleider die euch beschimpfen'. Vgl. Herders

Aelteste Urkunde Werke zur Relig. und Theol. 7, 89: 'Und siehe da

Kleider! die Hülle der Ueppigkeit, Lüsternheit, Schwäche und falschen

Zier. Du Unschuld, die von keiner Sünde weiss, selige Unwissenheit, du

darfst keiner Hüllen und Schminke: die Nacktheit dein Kleid, die Einfalt

deine Sicherheit und Schöne' usw. (auch 7, 74. 86. 117. 141 f. und die

obigen Stellen von Merck und Goethe).

Satyros rühmt die ursprüngliche Freiheit die jetzt der Sklaverei

gewichen sei. Vgl. Herder aaO 7, 166 f. wo die echte Paradiesesfreiheit

aus dem Munde Adams selbst ihren Preis empfängt.

Satyros will das Wohnen in Häusern wieder aufheben: 'Der Baum wird zum

Zelte, zum Teppich das Gras'. Vgl. Herder 5, 92 'städtische, zum Staube

gebückte Menschen'; 7, 30 f. der Urmensch wurde in einen Garten gesetzt;

'der Jüngling webte in freiem schönem Raum; unter dem weiten Himmel

wölbte sich seine Stirn; auf grüner Flur sein lachendes Auge; mitten

unter den Neugebornen der grossen vielbrüstigen Mutter erwuchs er in

Fülle und trank an ihren Brüsten Milch und Honig ... welche andere

Lebensart war noch für ihn? Der sklavische Ackerbau? Das

Städtegefängnis? Alle Nationen in Jugend und im schönen Klima der Welt

hassen es noch und leben in Kindesunschuld: der Garten Gottes ist ihnen

gegeben'. Herder schildert Adam wie er seine Eva einführt ins Paradies

und zu ihr spricht: 'Siehe, Freundin, alles wie schön und lieblich!

Unser Bette grünet: unseres Hauses Balken sind lebende Cedern, unsere

Decke grünende Cypressen; die Lilien geben Geruch, und vor unserer Thür

sind allerlei edle Früchte' (7, 46). 'Feld und Hütte' stehen auf einer

Linie als Folgen des Sündenfalles (7, 91 f.)

Satyros wirft seinen Hörern vor: habt 'euch in Sitten vertrauert'. Für

Herder genügt es auf ein Gedicht an Merck im Lebensb. 6, 371. 374 zu

verweisen: Sympathie und Freundschaftswonne 'schieden längst aus unsern

seidnen Hütten, aus dem Taumel unsrer =Affensitten='.

Satyros verweist sein Publikum auf die goldnen Zeiten, 'da eure Väter

neugeboren vom Boden aufsprangen, in Wonnetaumel verloren Willkommelied

sangen, an mitgeborner Gattin Brust, der rings aufkeimenden Natur, ohne

Neid gen Himmel blickten' ... Verwandte Herderische Elemente finden sich

zusammen, wenn man etwa S. 471. 493. 509. 516 in dem Aufsatze Die

Mosaische Schöpfungsgeschichte ein Lied zur Feier der Schöpfung und

Sabbathstiftung (Lebensb. 3; auch hinter der Aeltesten Urkunde 7, 229

ff.) liest. Wenn Herder 'dies Poem als das urälteste Stück aus der

Morgenröthe der Zeiten' verehrt, so war es geringe Uebertreibung sich

den jugendlichen Menschen, Adam mit Eva, der werdenden Schöpfung

gegenüber zu denken, die er dichterisch feiert. Vgl. Aelteste Urk. 5,

172; 7, 202.

Satyros wünscht ferner dass der Mensch sich als Gott fühle und der Erde

geniesse, wovon z.Th. schon die Rede war. Ich führe noch an: 'Herschen,

walten, leben, wirken, geniessen, Gott der Erde sein -- das ist

Menschen-thun und -wesen' 5, 133.

Satyros polemisirt endlich gegen das Bereiten der Speisen und empfiehlt

rohe Kastanien. Es stimmt dazu wenn er früher dem Einsiedler gegenüber

die Milch rühmt die er unmittelbar von den Zitzen der wilden Ziegen

saugt. Natürlich komische Verzerrung und Steigerung, aber einer Ansicht

Herders: bis nach der Sündflut ist nichts Lebendiges geopfert, erst Noah

verbrannte ein Thier, da er noch nichts hatte, 'nicht Gras, nicht Kraut,

nicht frische Milch' (Lebensb. 3, 608). Im Garten Gottes war der Mensch

angewiesen, 'sich vom Frucht- und Krautreiche zu nähren' (Aelteste Urk.

5, 133). 'Von Adams Thierspeise wissen wir nichts; das erste getödtete

Leben war ohne Zweifel Opfer' (7, 142; vgl. 147. 179). Der Ackerbau, der

die Feldfrucht gewinnt, ist Sklaverei nach dem Sündenfall; so scheint

die Baumfrucht bevorzugt. Aber soll die reine Natur erhalten bleiben,

muss sie unbereitet genossen werden. In den Ideen 2, 160 erzählt er von

den Marianen: 'Die Einwohner der Inseln, die die Natur mit Früchten,

insonderheit mit der wolthätigen Brodfrucht nährte und unter einem

schönen Himmel mit Rinden und Zweigen kleidete, lebten ein sanftes,

glückliches Leben .... das Feuer war ihnen fremde: ihr mildes Klima

liess sie ohne dasselbe behaglich leben.' Hatte Herder in früherer Zeit

nach diesem Vorbilde die Zustände des Paradieses erläutert? Die

besondere Gunst der Kastanien muss auf einer Beziehung, die wir nicht

kennen, beruhen, oder einfach auf zufälliger Wahl des Dichters, der hier

ein lächerliches Symbol für die Doctrinen des Satyros brauchte. Die

Nachrichten von Herders eignem Geschmack in Essen und Trinken, welche

Caroline Erinn. 3, 181 mittheilt, helfen nicht weiter; aber dass er auch

hierin seine Sonderbarkeiten hatte, bezeugt er selbst: 'Ganz kann ich

niemals die Diät anderer Menschen annehmen' (Nachl. 3, 207)[9].

Zu Anfang des =vierten Actes= entwickelt Satyros dem Volke seine

Ansicht vom Weltbeginn. Zuerst war das Unding d.h. das Chaos, woraus das

Urding erquoll usw. Hier sind weniger Herderische Elemente als man

erwarten möchte. Die metaphysische Wirtschaft mit dem Ding und Unding

bekämpft Herder gerade, Aelteste Urk. 5. 42. 43. 49. Nur das

Hervorbrechen des Lichtes hat seine Parallelen in der Aeltesten Urkunde:

'Lichtstral! ein tönender Goldklang auf der grossen Laute der Natur' 5,

103; 'welcher unsrer Alleswisser, ders begreife, wie Lichtstral Bild,

Bild in der Seele, und dies Bild Idee, Gedanke, mit dem er doch so

nichts gemein hat! und dieser Gedanke Licht, Heiterkeit Wärme,

Thätigkeit, Entschluss, Wonnegefühl im Herzen, Strom der Göttlichkeit

und Schöpferkraft durch die ganze Natur werde?' 5, 61. Vgl. Lebensb. 3,

422 ff. Dass sonst Empedokleische und Pythagoräische Anschauungen

verwoben sind, hat man längst bemerkt; es ist aber auch Orpheus, wie ihn

Herder Aelteste Urk. 6, 105 schildert, hinzuzunehmen, der Sohn Jupiters

kann nicht wol die Mosaische Schöpfungsgeschichte, sei es auch in

Herderischer Verflüchtigung, vortragen.

Dass etwa Herder als Prediger sein Publikum gelegentlich durch

Unverständlichkeit hinriss, haben wir keinen Grund anzunehmen; seine

erhaltenen Predigten sind einfach und leichtverständlich. Jedenfalls

tritt beim Satyros diese Wirkung ein: das Volk erklärt ihn zum Gott.

Aber in dem Momente der höchsten Begeisterung kommt der Einsiedler und

beschuldigt den Satyros des Diebstahls und der Undankbarkeit; das Volk

ist ausser sich über die Lästerung; der Frevler soll geopfert werden.

Im =fünften Act= tauschen der Einsiedler und Eudora, die Gattin des

Hermes, ihre Erfahrungen und Ansichten über Satyros aus. Der Plan den

sie fassen führt in der That zur Entlarvung des falschen Propheten, der

mit hochmüthigen Worten in Begleitung Psyches abzieht. Die Aehnlichkeit

der Katastrophe mit der im Tartufe bemerkt man leicht.

Der Einsiedler, in sein Schicksal schon ergeben, betheuert, er werde

Märtyrer 'um eines armen Lappens willen, eines Lappens, bei Gott! den

ich brauchte'. Für die Unbefangenheit, mit welcher Satyros über diesen

Lappen verfügte, verweise ich auf Herders obige Aeusserung über sein

Spielen mit dem Gelde und auf die Erfahrung, welche Goethe in Strassburg

mit ihm machte: er erborgt für den abreisenden eine Summe Geldes, Herder

lässt den festgesetzten Termin verstreichen, bringt den dienstwilligen

Freund in Verlegenheit und schickt dann endlich das Geld mit Spöttereien

statt des Dankes oder einer Entschuldigung zurück. Nach dieser Analogie

(es mochten noch andere ähnliche Fälle vorschweben) war die Erfindung

berechtigt: Mahnung an eine Schuld wird durch Todesdrohung beantwortet.

Die Erfahrungen Eudoras mit Satyros sind erklärbar, wenn man annimmt

dass die Satire sich erkühnt geistige Beziehungen in sinnliche

umzuwandeln. Ich kenne nicht seit gestern das Frauenzimmer: -- schreibt

Herder an Caroline (Lebensb. 6, 147) -- ich kenne es sogar in einigen

der verwickeltsten Auftritte, in der Liebe und in allen

Mannigfaltigkeiten der Ehe; ich habe mehr als eine verheiratete Freundin

gehabt, die mir keine Seite ihres Herzens verborgen! Er beschwört durch

diese Mittheilung bei seiner 'Halbverlobten', um mit Goethe zu reden,

einen Sturm der Eifersucht hervor, der nur mühsam wieder zu

beschwichtigen ist. Vgl. über die Rigaer Freundin, Frau Busch, Haym

Herder 1, 77. Wenn sich Herder Freunden gegenüber so unvorsichtig

ausdrückte, wie im Reisejournal (Lebensb. 5, 162), so konnten böse

Misverständnisse daraus entstehen: 'Nichts als menschliches Leben und

Glückseligkeit ist Tugend ... Zu viel Keuschheit, die da schwächt, ist

eben sowohl Laster als zu viel Unkeuschheit ... Gespielin meiner Liebe

... du bist tugendhaft gewesen: zeige mir deine Tugend auf. Sie ist

Null, sie ist Nichts! Sie ist ein Gewebe von Entsagungen, ein Facit von

Zeros. Wer sieht sie an dir? Der, dem du zu Ehren sie dichtest? Oder du?

Du würdest sie wie Alles vergessen und dich so wie zu Manchem gewöhnen.

O es ist zweiseitige Schwäche von einer und der andern Seite, und wir

nennen sie mit dem grossen Namen Tugend.'

In Bückeburg zog ihn die Gräfin Maria an, und es scheint dass Caroline

diesmal jede Regung von Eifersucht überwand. Die Gräfin stand mit Herder

in einem Briefwechsel von dem niemand, auch ihr Mann nicht, wissen

sollte; Herder schickte aber solche Briefe an Caroline und rechnete,

obgleich selbst indiscret, auf die Discretion seiner Braut, welche

ihrerseits behauptet nur ihrer Schwester davon Mittheilung gemacht zu

haben, und diese sei ganz discret; blos an Merck will sie einmal gesagt

haben, dass Herder sehr viel Gutes von der Gräfin geschrieben. Wurde die

Sache in Darmstadt mysteriös behandelt, so mochten die Freunde, welche

Herder tadelten, dass er seine Braut so lange nicht abholte (Erinn. 1,

236 f. Nachl. 3, 300. 308 f. 381. 405. 407. 411. 432 f. 453. 463),

gerade daran böse Bemerkungen knüpfen und sein Zögern mit dem Verhältnis

zur Gräfin combiniren. Wenn die Frau, welche den Satyros von Psyche

abzieht, Eudora heisst, so erinnert man sich unwillkürlich an die

Geschenke, welche Herder von der Gräfin empfing (Erinn. 2, 65. 94;

Nachl. 3, 416. 445. 451. 476; vgl. sonst Zur Relig. und Theol. 9, 179;

Erinn. 1, 188 ff. Nachl. 3, 181. 200. 435 f. 474 f.). Wenn Satyros im

Heiligthum die Frau umarmen will, so vgl. man Herder über die Gräfin

(Erinn. 1, 190): 'Oft mit ihr zu sprechen geht nicht an; es bleibt mir

also nur übrig von der Kanzel mit ihr zu reden'. Dass die Freunde

Herders 'Charakter', seine 'Moralität' angriffen, erzählt Frau Herder

ausdrücklich. Sie wird vollkommen recht haben, ihn gegen solche

Anschuldigungen in Schutz zu nehmen (Erinn. 1, 237): aber es handelt

sich hier nicht um ein objectives Urtheil über Herder, sondern um die

damalige Meinung Goethes und um die Art, wie die göttliche Frechheit

seiner Jugendjahre (er selbst gebraucht den Ausdruck vom Satyros,

Goethe-Jacobi S. 241) diese Meinung auszusprechen wagte. Er wird mit

directem Tadel nach Herders Ankunft in Darmstadt nicht zurückgehalten

haben: und die schlechte Behandlung welche der Einsiedler erfährt mag

ihm selbst zu Theil geworden sein. Wenn Caroline an der citirten Stelle

Herders Selbstbewusstsein und Empfindlichkeit gegen fremden Tadel

zugesteht, so bezeugt sie Eigenschaften die wir an Satyros wiederfinden.

Auch den 'Grossmuth-Sanftmuth-Schein' den Satyros sich gibt, glaubt man

zuweilen in Herders Briefen zu entdecken: wenigstens wer angefangen

hatte ihm zu misstrauen, mochte es nur für Schein nehmen, wenn er z.B.

behauptete, er suche jeden Zug, der Eitelkeit und Selbstsucht heisse, in

sich auszubrennen (Merck 1, 40).

Ich habe auch, um dies noch zu erwähnen, wegen Eudora auf Herders

Beziehungen zu Frau Merck geachtet (z.B. Nachl. 3, 232. 248. 353; Merck

3, 18. 23), ebenso wie ich für Hermes Merck und Geh. Rath von Hesse

erwog; aber die uns aufbehaltenen Nachrichten gestatten keine

Anknüpfung.

Dagegen darf noch eine Stelle nicht übersehen werden, welche auf die

Erhöhung des Satyros zum Gott und Herscher ein besonderes Licht werfen

könnte.

Herder schreibt im Juli 1772 aus Pyrmont an Caroline (Nachl. 3, 305)

über Wielands Goldnen Spiegel: 'Denken Sie, liebe Flachsland,

insonderheit bei dem kleinen glücklichen Völkchen und ihrem Gesetzbuch

und ihrem armen Emirsgast -- und im letzten Theil bei der Erkennung des

jungen Menschen, der Gott seines Volkes wird -- dass ich auch das

gelesen, und und -- -- --' Ich enthalte mich grosser Vermuthungen

darüber, was Herder mit den Gedankenstrichen sagen wollte; die Ergänzung

wäre etwa nach dem Lebensb. 5, 75. 85 ff. 182 ff. zu geben. Er hatte

nichts geringeres vor, als der Lykurg von Liefland zu werden; ein

politisches Werk soll ihm den Weg zur Kaiserin von Russland bahnen. Er

fragt schon seine Freunde, welches wol der beste persönliche Weg wäre um

Katharina II. zu gewinnen ... Genug, auch in Darmstadt interessirte man

sich für den eben erschienenen politischen Lehrroman Wielands; die

Frankfurter Gel. Anzeigen brachten am 27. October 1772 eine Recension

(eher von Merck als von Goethe); wenn nun Caroline vorzeigte, was der

Bräutigam geschrieben, so konnte ein Spötter daraus folgern: Herder

wolle Gott werden. Mit dem jungen Menschen ist Prinz Tifan gemeint, der

'gleich einer zu den Menschen herabgestiegenen Gottheit' sein Volk

beglückt; er ist im verborgenen aufgewachsen, mit seiner Abkunft

unbekannt, und deren Eröffnung überrascht ihn schmerzlich (Wielands

Werke in 36 Bänden von 1853, Bd. 8 S. 101. 119 ff.). Das kleine

glückliche Völkchen stammt von den Griechen, lebt unter den Gesetzen des

Psammis, betet die Grazien an, und heisst die Kinder der Natur; aber

dass Herder seine Braut speciell auf den 'armen Emirsgast' aufmerksam

macht, finde ich, aufrichtig gesagt, sehr unpassend: er ist ein

frühgealteter Lüstling und erweist sich in der Geschichte als impotent

(7, 61).

In welchem Grade Caroline geneigt war ihren Herder zu vergöttern, mag

noch die Aeusserung zeigen (Nachl. 3, 407): 'Du bist Luther, das habe

ich mir immer gesagt, und es freut mich, dass Dus fühlst, wenn Dus

gleich nicht gestehen willst'. Herder hatte erwähnt, dass auch Luther in

den misslichsten Umständen seines Lebens heiratete und fügte hinzu:

'Verzeihen Sie die Vergleichung; ich habe noch in der Welt nichts

gethan, diesem grossen Mann seine Schuhriemen aufzulösen, -- =aber ich

hoffe es zu werden=' (Erinn. 1, 233). Für seine Rigaer Zeit hatte er

schon früher die Bezeichnung: 'Angebetet von meinen Freunden und einer

Anzahl von Jünglingen, die mich für ihren Christus hielten' (Erinn. 1,

164). Einer derselben leistet wirklich die Anrede: 'Mein göttlicher

Herder' (Lebensb. 5, 32).

Ueber die heisse Temperatur in dem Briefwechsel zwischen Herder und

Caroline habe ich bereits geredet. Herder hasst Sprödigkeit und Ziererei

bei Frauenzimmern (Lebensb. 6, 194). Er begünstigt in der That bei

seiner Braut gewisse die Ehe anticipirende Phantasien. Von ihren

künftigen Mutterfreuden ist wiederholt die Rede. Sie hat sogar ein

festes Programm dafür: lauter Buben. Einmal schreibt sie: 'Ich verstehe

das Ende Ihres Briefes nicht: "Glauben Sie, meine lehrreiche Erinnerin,

dass meine Liebe nie Begierde gewesen und meine Sehnsucht nichts minder

als Ungestüm werden soll." Bin ich denn eine so lehrreiche Predigerin,

die gegen Ungestüm und dergl. predigt? Vielleicht liebte oder liebe ich

Sie zu ungestüm?' Wie derb sich Herder gelegentlich auslassen konnte mag

Nachl. 3, 293 zeigen, wo er folgende Sätze unterstreicht: 'Wenn ich

nichts in der Welt besitze, so ist mir die Ehrlichkeit alles, ein Weib,

die ich schätze und liebe, nicht unglücklich zu machen; erste

Unehrlichkeit sie in ein Bett einzuführen, das noch nicht gebettet, das

von allen Seiten noch dürres Stroh ist'.

Auch solche Züge sinnlicher Natur muss man im Auge behalten um die

Auffassung Herders als Satyros zu begreifen.

Zu wie viel Uebertreibung und Ungerechtigkeit sich Goethe dabei

hinreissen liess, bedarf keiner Ausführung.

Aber der Scherz war zunächst wol nur für den allerengsten Kreis

bestimmt: für Merck und den Verfasser. Kein Gedanke an Druckenlassen;

entfernt nicht die Absicht, den Freund, dem er so viel dankte, in der

Oeffentlichkeit herunterzureissen; keine Spur in allen litterarischen

Klatschbriefen der Zeit, die doch vom Unglück der Jacobis wussten; durch

alle älteren Correspondenzen Goethes selbst hin nur eine Erwähnung: er

hatte das Stück dem Professor Böckmann in Carlsruhe geliehen, der gewiss

die Beziehung nicht kannte, und fordert es am 14. November 1774 zurück

(DjGoethe 3, 43). Das Geheimnis ist strenge gewahrt geblieben;

vielleicht hat nicht einmal Jacobi das Modell des Satyros gekannt;

Riemer ist vermuthlich von Goethe selbst auf eine falsche Spur geleitet;

wenn dieser am 30. October 1777 dem Herzog, 'Cronen und Minen' das

Stück vorlas (Tageb. Keil S. 130; Düntzer im Archiv 5, 416;

Vertheidigung S. 121), so konnte er die Beziehung verschweigen oder eine

falsche vorgeben: nur Merck muss in Ettersburg geschwatzt haben.

Wir verstehen nun vollkommen, dass sich Goethe in Dichtung und Wahrheit

nicht deutlicher ausdrücken durfte; er gibt keine eigene Charakteristik

des Vorbildes, er nennt ihn nur im Gegensatze zu Leuchsenring tüchtiger

und derber, was unbedingt auf Herder passt, aber ihn gar nicht

eigentümlich bezeichnet. Er rechnet ihn ferner zu den umherziehenden,

die in Familien Einfluss zu gewinnen suchen: das konnte ganz im

allgemeinen wol von dem jungen Herder gesagt werden, besonders wenn

jemand Zweifel hegte, ob er Carolinen nicht im Stich lassen würde; aber

es passt schon nicht ganz auf den Satyros selbst, dessen Ehrgeiz höher

strebt, und es passt auf Herder nur =insoweit= er beim Satyros

vorschwebte. Dass bei der Schilderung wol Unbilligkeit mit unterlaufen,

gibt der Autor zu verstehen: und dies scheint wieder besser zu Herder

als zu Leuchsenring zu passen.

Wer nur an das traditionelle Bild eines Satyrs denkt, wird sich schwer

entschliessen, meine Vermuthung anzunehmen; aber Satyros ist bei Goethe

ein Eigenname, dessen Träger uns nur aus dem Stücke selbst bekannt

werden soll. Wäre nicht die schlimme Katastrophe, so würde man finden:

er sei mit Liebe gezeichnet. Wirklich hat Julian Schmidt bemerkt, dass

im Satyros, namentlich in seinem Liede, ein gutes Stück von Goethe

selbst stecke (Preuss. Jahrb. 39, 373; vgl. schon Gesch. des geist.

Lebens 2, 629; ebenso Schöll Deutsche Rundschau 12, 519). Das wird, wenn

man Faust als Repräsentanten Goethes gelten lässt, am deutlichsten aus

der Art wie Mephisto sein Treiben in 'Wald und Höle' verspottet:

Und Erd' und Himmel wonniglich umfassen,

Zu einer Gottheit sich aufschwellen lassen,

Der Erde Mark mit Ahndungsdrang durchwühlen,

Alle sechs Tagewerk im Busen fühlen,

In stolzer Kraft ich weiss nicht was geniessen,

Bald liebewonniglich in alles überfliessen

Verschwunden ganz der Erdensohn,

Und dann die hohe Intuition --

Ich darf nicht sagen wie -- zu schliessen.

'Alle sechs Tagewerke' d.h. die ganze Schöpfung, ohne dass man mit

wohlfeilem Scharfsinn Beziehung auf Herders Aelteste Urkunde behaupten

dürfte. Indem Goethe Herdern als Satyros karikirt, ist er selbst

Mephisto; und bezeichnend genug wird die ganze Wendung gegen Herder von

Goethe und Mephisto-Merck gemeinschaftlich vollzogen: immer hat er mit

ihnen beiden zu thun, gegen beide sich zu wehren, beiden mit Spott zu

vergelten.

Die Verstimmung zwischen Goethe und Herder dauerte vom Frühling 1773[10]

bis in den Januar 1775, wo ein Brief Herders bei Goethe eintraf und wol

sofort beantwortet wurde (18. Januar, DjGoethe 3, 59 f.). 'Ich hatte

mich eben mit viel Lebhaftigkeit des Wesens und Unwesens unter uns

erinnert, und siehe Du trittst herein und reichst mir die Hand. Da hast

Du meine und lass uns ein neu Leben beginnen mit einander.' In diese

Zeit des 'Unwesens' muss der Satyros fallen; nach dem Brief an Böckmann

vor den Herbst 1774; nach einer eigenen späteren Angabe Goethes

bestimmter ins Jahr 1773. Er schreibt, worauf schon Riemer Mittheil. 2,

598 hinwies, an Zelter (3, 87): ob er den Satyros gelesen habe? 'Er

fällt mir ein, da er eben ganz gleichzeitig mit diesem Prometheus in der

Erinnerung vor mir aufersteht, wie Du gleich fühlen wirst, sobald Du ihn

mit Intention betrachtest. Ich enthalte mich aller Vergleichung; nur

bemerke, dass auch ein wichtiger Theil des Faust in diese Zeit fällt.'

Nun hatte er den Prometheus, von dem er spricht, das Fragment in zwei

Acten, bereits am 12. October 1773 an Schönborn vorgelesen (Redlich Zum

29. Januar 1878 S. VI); den Faust datirt er auch in einem Brief an

Herder aus Rom 1. März 1788 auf 15 Jahre, d.h. auf 1773 zurück; also

muss, wenn Goethes Erinnerung genau war, der Satyros gleichfalls in das

J. 1773 gehören.

Wenn unter Goethes eigenen Augen und ohne Zweifel auf seine Anordnung

das Stück ins Jahr 1770 gesetzt wurde (Ausg. letzter Hand 13, 75), so

erklärt sich das jetzt ganz gut: es ist das Jahr in dem er Herder kennen

lernte. Aber vor Herders Hochzeit (2. Mai 1773) wird es kaum begonnen

sein.

Es ist gewissermassen eine Fortsetzung der verlorenen Knittelverse

Goethes auf Herder, welche dieser etwa Anfang März 1778 beantwortete

(Nachl. 3, 469; vgl. 1, 46 ff. 446. 462. 483. 485). Schon Anfang Februar

hatte Herder an Merck dergleichen geschickt. Wir entnehmen aus Herders

Erwiderung ungefähr Goethes Angriff:

Und schnell mit Spechtstriumph und List

Trat er zum Falk hinan:

'Das ist, wenn man ein Falke ist,

Ein Raubthier, guter Mann.

Was man da speculiren thut,

Ist alles wahr, ist alles gut.

=Chor=: Dünkt Adeler sich, Jupiter,

Wenn man kaum Falke ist.'

Der Specht ist Goethe, Herder der Falke. Goethe hatte mithin Herders

Selbstgefühl und seine Speculationen verspottet. Er hatte vielleicht die

Rücksichtslosigkeit gegen andere, das 'Raubthier' in Herder, gegeisselt.

Alle diese Motive, sogar die Stichworte 'Adler' und 'Jupiter' finden

sich im Satyros wieder.

Und gehen wir diesen Verstimmungen noch weiter nach, so stossen wir im

Herbst 1772 auf einen Brief Herders an Merck, worin folgende Stellen zu

theilweise wichtiger Bestätigung dienen (Merck 1, 35. 36): 'Auch können

Sie denken, dass der theologische Libertin weg sei; aber dass er sich

fast in einen =mystischen Begeisterer= darüber verwandelt, würden sie

kaum ahnen. Die Seele aber bauet oder träumt sich natürlich um so lieber

und glücklicher fremde Welten, je weniger sie in der gegenwärtigen

findet. Himmel und Einsiedlerzelle sind immer zusammen' ... 'Ich bin

voraus nichts als Schaum, Eitelkeit, Sprung und Laune gewesen; es ist

schwer, =den Capriccio mit Bockfüssen= in den harmonischen Apoll zu

verwandeln, oder vielleicht gar unmöglich, und mein werther Genius mag

tausendfältig über mich lachen, wenn ich mit aller brausenden Hitze kalt

zu werden suche und eben dadurch immer dummer handle. Nehmen Sie nicht

übel, dass ich so viel von mir spreche: das Copernicanische System ist

nun schon auf eine Zeit ins Ptolemäische verwandelt: =der Erdkloss sieht

sich selbst in der Mitte=. Es ist Ihnen aber ein Wink, dass Sie mir

nichts von dem allen glauben müssen, eben weil ich so davon sprechen

kann.'

Wenn es nach der sonderbaren Schlusswendung den Freunden einfiel, Herder

zum Satyr zu karikiren, der sich als mystischer Begeisterer aufspielt,

sich zum Mittelpunct der Welt machen möchte und als neuer Tartufe eine

ähnliche Entlarvung verdient: so kommt mir das sehr begreiflich vor. Wie

sehr die Theorie des vorigen Jahrhunderts gewohnt war, Satire und

Satyren zusammenzubringen, mag man aus Sulzer und Flögel entnehmen.

Was Merck, zugleich im Sinne Goethes, Herdern erwiderte, erschliessen

wir ungefähr aus dessen Antwort (Merck 1, 39): er möchte schaudern über

die Natur die in ihm supponirt und -- offenbar in ungünstigster Weise --

mit Swift verglichen wurde.

Herder hatte die besondere unglückliche Gabe zu verletzen im höchsten

Grade. Und sind wir im Stande, eine Reihe von Kränkungen ruhig

hinzunehmen, so werden sie doch selten ganz vergessen: sie sammeln sich

auf, verdichten sich, je mehr neues hinzukommt, zu einem immer dunkleren

Bilde der Quelle, aus der sie fliessen, die zuletzt als das

Eingefleischtböse erscheint, und brechen dann wol bei geringem Anlass in

plötzlicher zorniger Regung gegen den Schuldigen aus. In einer solchen

Aufwallung, bekennt Goethe selbst, Herdern einen intoleranten Pfaffen

gescholten zu haben (Nachl. 1, 41). In einer ähnlichen Aufwallung, die

zu andauernder Verstimmung wurde, hat er den Satyros geschrieben. --

Ich bin nicht sparsam gewesen mit der Anführung von Parallelstellen; ich

bin weit entfernt alle für beweisend zu halten. Bei solchen

Untersuchungen dürfen wir nie vergessen, dass uns aller

Wahrscheinlichkeit nach die Ueberlieferung mehr vorenthält als sie

gewährt. Aber sämmtliche Handlungen eines Menschen pflegen in einer

gewissen Analogie zu einander zu stehen; sie haben denselben Stil. Ist

einer verspottet worden, den wir ausfindig machen sollen, so gilt es für

die Richtigkeit der Deutung gleich, ob wir gerade die bestimmte von dem

Satiriker gekannte und verwerthete Handlungsweise zu bezeichnen wissen

oder eine ganz nahe-verwandte, dem Wesen nach gleiche. Auch müssen wir

von vornherein darauf gefasst sein, nur einzelne Züge entschiedener

Uebereinstimmung zwischen Urbild und Nachbild aufweisen zu können; bei

den anderen genügt die =Möglichkeit= der Beziehung, so dass nichts

widerspreche.

Wenn ich die Aelteste Urkunde vielfach benutzte, so möchte ich doch

nicht behaupten, dass der Satyros später entstanden sein müsse, also im

J. 1774; ich habe auch den vierten Theil herbeiziehen müssen, der erst

1776 erschien. Die Grundgedanken des Werkes sind ziemlich alt bei

Herder; der Aufsatz über die Mosaische Schöpfungsgeschichte wird im

Lebensb. 3, 416 ff. wol mit Recht nach Riga gesetzt; jedenfalls meint

Herder in einem Brief aus Strassburg October 1770 (Lebensb. 6, 200) die

'Hieroglyphe' 3, 477 an Merck schon früher mitgetheilt zu haben; in

Strassburg ergab sich ihm die Ausdehnung auf die ägyptische Theologie.

Die specifische Ansicht der Aeltesten Urkunde, die er in jenem Aufsatze

noch nicht hatte, dass die Mosaische Schöpfungsgeschichte eigentlich den

Sonnenaufgang schildere, wird im Satyros nirgends vorausgesetzt. Dagegen

tritt ein Gedicht aus dem J. 1769, dem älteren Aufsatze conform,

manchmal recht nahe an die Lehren des Satyros heran:

Singt Klageton: verloren die schöne Braut

Des Paradieses, selige Unschuld! Weint

verloren ihre holde Tochter,

süsse, gesellige, nackte Liebe!

Und stürmt in Saiten: 'Wehe der blendenden

Abgöttin! Weh ihr, Feigenverhüllte Scham!

Scheintugenden! ihr Unglücksbilder,

grausend entsetzliche Missgestalten!'

Gesichte Gottes geben ihm Aufschluss über die Urzeit: Sieben Chöre

sangen ein ewiges Lied der Schöpfung:

Wie Gott, als lange schaudernde kalte Nacht

auf Erd' und Meeren flutete, Er sein Licht

urplötzlich aufrief und sich Himmel

droben und unten Gebirge wölbten --

Zuletzt: 'Siehe, da stand der Mensch, ein Götterbild! und alle Wesen

stimmten in hohem Accord zusammen'.

Die reine Urmenschheit, Natur und Wahrheit, hat der Schüler Rousseaus

gewiss auch in Strassburg gepredigt. Und indem wir so auf das Verhältnis

Herders zu Rousseau hinwiesen (Hettner 3, 3, 1, 27-30) kommt auch die

Ansicht zu ihrem Recht, welche im Satyros die deutschen Nachahmer

Rousseaus verspottet sehen will.

18. 3. 78.

HERDER IM FAUST.

Grimm Goethe 2, 283 vermuthet, Herder liege dem Mephisto zu Grunde. Wenn

ich corrigiren darf, er habe neben Anderen Elemente zum Mephisto

hergegeben, so scheint mir die Ansicht sehr überzeugend, und sie wird

gestützt durch das über den Satyros Vorgetragene (vgl. besonders S. 44

Anm.): der hinkende Waldteufel erinnert schon äusserlich an Fausts

teuflischen Diener. Der Ausruf 'ein Thier!' (Fragment von 1790, S. 130)

findet sich ebenso auf Satyros angewandt (Schluss des fünften Actes),

nur in anderer Situation. Für einen Spruch Mephistos lässt sich eine

schöne Parallele Herders anführen (Fragm. S. 23):

Ich sag es Dir: ein Kerl, der speculirt,

Ist wie ein Thier, auf einer Heide

Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt,

Und rings umher liegt schöne grüne Weide.

In den Frankfurter Gel. Anzeigen 1772 Nr. 84. 85 (20. und 23. October)

recensirt Herder ein Buch von James Beattie und bemerkt unter anderem:

'Speculation als Hauptgeschäfte des Lebens -- welch elendes Geschäfte!

Sie gewöhnt endlich alles als Speculation anzusehen! ein Opium, was alle

wahre Lebenskraft tödtet und mit süssen Träumen sättigt, aber auch wie

selten mit süssen Träumen? -- wie oft ist das Reich der Abstraktionen

die wahre Gegend unterirdischer arsenikalischer Dünste, wo die

Goldgräber (Goldgräber nach dem Wahn der Menschen) als Verdammte der

Hölle umhergehen, mit blassen Wangen und früh verpestetem Odem' ... Er

nennt die Speculation ferner einen Sumpf voll witziger Irrlichter, lobt

seinen Autor, dass er uns auf den rechten Weg eifere und fährt fort:

'Lass sich einige aufmachen und wandern: vielleicht finden sie das

Goldland, und er sagt gar, =dass wirs Alle=, wenn wir nur die Augen

aufthun wollen, =rings um uns haben='. Die Hervorhebung dieser Worte

rührt von Herder her. Man sieht deutlich, wie weit er Goethe

vorgearbeitet hat, der das Bild nur ins zoologische Gebiet überträgt:

wer speculirt geht wie ein Verdammter der Hölle umher, Irrlichter

verlocken ihn in einen Sumpf, er thut die Augen nicht auf um zu sehen,

dass das Goldland, das er sucht, rings um ihn liegt.

Andererseits habe ich schon oben darauf hingewiesen, dass die Scene

zwischen Satyros und Psyche an Faust und Gretchen erinnert. Goethe hatte

unmöglich an sich selbst bis 1775 erfahren können, dass er einem Mädchen

im eigentlichen Sinn =imponirte=; aber bei Caroline Flachsland und

Herder lag ihm ein solches Verhältnis vor Augen. Es mag daher auch in

der Gestalt des Faust ein Element Herder stecken.

Eine dritte Auffassung Herders aus dieser Zeit liegt im Zigeunerhauptmann

des Jahrmarkts vor, wie Wilmanns zeigte, woran sich der Balandrino des

Pater Brey anschliesst: in demselben Sinne wurde Herdern zu Ehren Götz

in der ersten Fassung Gottfried genannt (vgl. Grimm Goethe 1, 137).

Wieder anders stellt sich der Abbé des Wilhelm Meister und der Humanus

der Geheimnisse dar. Aber sie alle haben mit dem ersten Faust nichts zu

thun.

Julian Schmidt nimmt an, dass Herder dem Erdgeiste zu Grunde liege; so

ablehnend wie der Erdgeist gegen Faust habe sich Herder gegen Goethe

verhalten (Preuss. Jahrb. 39, 375 f.). Für die Abweisung als solche

könnte ich das Motiv persönlicher Erfahrung mit Herder wol zugeben; man

dürfte nur auch die Verschiedenheit nicht übersehen: des Geistes

Abwendung hat Faust verschuldet durch das Grauen das ihn beim Anblicke

der 'Flammenbildung' ergriff; hierfür lässt sich in dem Verhältnis von

Goethe zu Herder keine Analogie aufweisen. Vollends aber wenn Julian

Schmidt den Erdgeist als den Geist der Geschichte ansieht, der eben

durch Herder dem jungen Goethe machtvoll entgegentrat, so stimme ich

darüber Vischer S. 264 (vgl. Düntzer Würdigung S. 26) bei: ich finde

nichts in ihm als das physische Erdenleben, an das sich Goethe auch im

Werther klammert und das ihm auch im Werther Grauen einflösst (DjGoethe

3, 292); vgl. noch in der Recension über Sulzer (DjGoethe 2, 472): 'Sind

die wüthenden Stürme, Wasserfluten, Feuerregen, unterirdische Glut, und

Tod in allen Elementen nicht ebenso wahre Zeugen ihres [der Natur]

ewigen Lebens, als die herrlich aufgehende Sonne über volle Weinberge

und duftende Orangenhaine?'

Wenn wir uns hier somit von Herder entfernen, so können wir ihn um so

bestimmter an einer anderen Stelle entdecken, in dem vorhergehenden

Abschnitte des Monologs, wo Faust das Zeichen des Makrokosmos

aufschlägt. Nach dem Buche des Astrologen Nostradamus erkennt er der

Sterne Lauf; astronomische Vorstellungen sind es zunächst, welche das

Zeichen in ihm erweckt; man muss vor allem an die Harmonie der Sphären

denken, die aber erst zuletzt bestimmter anklingt. Beruhigung strömt

über ihn her. 'War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb, die ... die

Kräfte der Natur rings um mich her enthüllen? Bin ich ein Gott? Mir wird

so licht!'

Jetzt erst erkenn ich was der Weise spricht:

'Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;

Dein Sinn ist zu, dein Herz ist todt!

Auf bade, Schüler, unverdrossen

Die irdsche Brust im Morgenroth!'

Diesen Weisen hat bis jetzt noch niemand nachgewiesen (s. Düntzer 1857

S. 180; Erläut. S. 65; v. Loeper S. 20); Nostradamus kann nicht gemeint

sein sollen: vielmehr macht das bei Nostradamus gefundene Zeichen den

dunklen Ausspruch eines anderen Weisen klar. Dass Goethe die citirten

Sätze erfunden hätte, wäre recht sonderbar; sehr verständlich klingen

sie auch nicht. Düntzer meint: es könne 'das Baden der Brust im

Morgenroth nur auf das in den frühesten, zur geistigen Auffassung

geeignetsten Morgenstunden beginnende Betrachten sich beziehen.' Suchen

wir einmal den Wortsinn zu fassen und ihn in dem Zusammenhange zu

verstehen, in dem er auftritt.

Die Kräfte der Natur enthüllen sich in dem Zeichen, es muss von einem

Gotte herrühren und macht den Beschauer zum Gott, weil das Geheimnis der

Schöpfung vor ihm aufgedeckt liegt: das Zeichen ist Offenbarung. Jetzt

erst verstehe ich den Weisen, welcher sagt: 'Es ist nicht wahr, dass die

Geisterwelt verschlossen sei, es gibt eine Offenbarung; man muss ihr nur

Sinn und Herz eröffnen; geh hin zur Morgenröthe, da wirst du die

Offenbarung finden.'

Der Ausruf 'bade' usw. kann nur eine Hinweisung auf den Ort sein, wo

sich die Geisterwelt erschliesst.

Hierdurch wird die Stelle zunächst nicht deutlicher: Was hat die

Morgenröthe mit der Offenbarung zu thun? Wir müssten das Citat

aufschlagen können, um hier klar zu sehen. Aber wo?

Ich glaube, in Herders Aeltester Urkunde des Menschengeschlechts. Er ist

der 'Weise'.

Die Mosaische Schöpfungsgeschichte ist nach Herder ein Gemälde der

Morgenröthe, Bild des werdenden Tages. 'Komm hinaus, Jüngling, aufs

freie Feld und merke. Die urälteste herrlichste Offenbarung Gottes

erscheint dir jeden Morgen als Thatsache, grosses Werk Gottes in der

Natur' (Werke zur Relig. und Theol. 5, 101). Ein besonderes Capitel des

ersten Bandes heisst 'Unterricht unter der Morgenröthe'. Die erste

Offenbarung Gottes war Offenbarung in der Natur, und zwar im einfachsten

schönsten Bilde, in der aufgehenden Morgenröthe; zur Fassung und

Erreichung dieses Bildes aber kam eine Lehrmeisterstimme hinzu, für

welche im Anfange der Zeit niemand als Gott da war. Schöpfung ist Gewühl

einzelner Geschöpfe: sie gewann für den Urmenschen Einheit und

Zusammenhang nur durch die aufgehende Morgenröthe, diese Lehrmethode

Gottes.

Wie bezeichnend ist nun die Aufforderung zum 'baden' in der

Morgenröthe[11]. So will Faust im Thau des Mondes sich gesund baden. An

Abwaschung, Reinigung ist gedacht: Bücher und Papier sind Krankheit,

Schmutz; die lebendige Natur bringt Heilung, Trost und neues

Lebensglück. Ganz wie uns Herder in dem angeführten Kapitel weg weist

von Demonstration, Raisonnement, Abstraction und anderem

Vernunftgeschäfte, wo wir tappen und leben, mit hunderttausend Schlüssen

umringt, fühllos, ohne Anschaun, ohne Gott in der Welt -- und uns dafür

jene erste Offenbarung bewundernd begeistert anpreist. Wir sollen uns in

die Urzeit der Schöpfungsreligion hinfühlen, als Adam ward: 'Es ist als

ob der Allanblick und die ganze Stimme der Sphären, nach dem Sinne des

Menschen gemildert, ihm Seele öffnete und Herz und Gebein erquickte' ...

'Heil ihnen, den Kindern Gottes, den einfältigen Schülern der grossen

allweiten Natur, die ihn fühlten!' ... Jene Offenbarung ist 'erhabenste

Weisheit für Unschuld, Zufriedenheit und Glückseligkeit des Menschen'.

Was der 'Weise' an die Morgenröthe anknüpft, das geht dem einsamen

wahrheitsdurstigen Forscher an dem magischen Zeichen auf: es gibt eine

Offenbarung, wodurch die Einheit und Ordnung der Welt kund wird, wo Gott

zum Menschen, Geist zum Geiste spricht.

Die eigentliche Schilderung des Makrokosmus, welche folgt, nimmt doch

recht wenig aus den kabbalistischen Anschauungen, welche Düntzer in

seinem Faustcommentar (1857, S. 178 ff.) bespricht; jede bestimmtere,

modernes Naturwissen absolut befremdende Anlehnung ist vermieden.

Dagegen findet zum Theil wörtliche Uebereinstimmung mit der Kosmogonie

des Satyros statt.

Satyros erzählt, wie nach Geburt von Hass und Liebe 'das All nun ein

Ganzes war'; Faust bewundert, 'wie alles sich zum Ganzen webt'. Satyros:

'Und das Ganze klang in lebend wirkendem Ebengesang, sich thäte Kraft in

Kraft verzehren, sich thäte Kraft in Kraft vermehren'; Faust: 'Eins in

dem andern wirkt und lebt, wie Himmelskräfte ... harmonisch all das All

durchklingen'. Satyros: 'Und auf und ab sich rollend ging das all und

ein und ewig Ding'; Faust: 'wie Himmelskräfte auf und nieder steigen ...

vom Himmel durch die Erde dringen', wie beim Satyros die Elemente sich

erschliessen 'alldurchdringend, alldurchdrungen'.

Gleich sehen wir was im Faust hinzukommt. Die absichtliche Dunkelheit

der Satyros-Offenbarung verschwindet, und fassbare Bilder fürs Auge

stellen sich ein: alle Einzelheiten der Welt =weben= sich zum Ganzen;

die Himmelskräfte sind wie Engel gedacht, geflügelt, sie steigen vom

Himmel zur Erde nieder, von der Erde zum Himmel auf und reichen sich

goldne Eimer, ihre Flügel duften Segen, damit kommen sie vom Himmel und

-- durchdringen die Erde; das Bild verliert an malerischer

Anschaulichkeit, man kann sich nicht Engelsgestalten denken, welche

durch die Erde hindurchdringen, aber die Vorstellung des segensvollen

Duftes hilft uns, die Kräfte wieder gestaltloser und flüchtiger zu

denken, und bereitet so den Uebergang in das Gebiet eines andern Sinnes

vor: dass eben jene Kräfte 'harmonisch all das All durchklingen'.

Weitere Deutung ist hier nicht nöthig: ich wollte nur zeigen, dass jenes

Citat auf Herder zurückgehe, und das Verhältnis zum Satyros brauche ich

für eine chronologische Erwägung. Ich möchte vermuthen, dass die hier

behandelten Stellen im allgemeinen zu der Partie des Faust gehören,

welche Goethe selbst mit dem Satyros und Prometheus in die gleiche Zeit

setzt. Die Wendung Fausts vom Makrokosmus zum Erdgeist muss man wol als

eine innere Entwicklung Goethes auffassen, über die ich ein andermal

sprechen werde. Die Unterbrechung durch den Famulus -- 'O Tod! ich

kenn's ... Dass diese Fülle der Gesichte der trockne Schleicher stören

muss!' -- ist aus dem beabsichtigten Mahomet übertragen (Schöll Briefe

und Aufsätze S. 151. 152), der auch mit einem Monologe des Helden

beginnen sollte, worin er unter Ablehnung des Gestirndienstes den

einigen Gott den erschaffenden findet: da kommt seine Pflegemutter

Halima, ruft seinen Namen; Mahomet spricht: 'Halima! O dass sie mich in

diesen glückseligen Empfindungen stören muss.' Nachher bemerkt er: 'Ich

war nicht allein. Der Herr, mein Gott, hat sich freundlichst zu mir

genaht.'

An die Scene mit Wagner schliesst sich im Fragment von 1790 die

Unterredung mit Mephisto, worin Faust, und zwar hier gleich zu Anfang

(S. 19) sein Selbst zu dem der ganzen Menschheit erweitern will; wie

Prometheus zu Merkur, dem Boten der Götter, sagt: 'Vermögt ihr mich

auszudehnen, zu erweitern zu einer Welt?'

Gehören diese Scenen mit dem Satyros und Prometheus noch in das J. 1773,

so ergibt sich wieder die Schwierigkeit mit Herders Aeltester Urkunde.

Aber dass Goethe 1774 und 1775 intensiv am Faust gearbeitet hat, wissen

wir: geht doch vermuthlich das ganze Fragment mit Ausnahme der

Hexenküche (S. 63-82) und der Scene 'Wald und Höle' (S. 151-161) auf die

Jahre 1773 bis 1775 zurück. Es wäre also doch sonderbar, wenn man die

Annahme abweisen wollte, dass der Dichter in vorläufig fertig gestellte

Scenen nachträglich hineingearbeitet habe. Hier ist es sogar möglich,

dass geradezu, ohne sonstige Veränderung, die acht Zeilen 'Bin ich ein

Gott?' bis 'Morgenroth' in die fertige Scene eingeschaltet wurden. Man

mag, um dieser Möglichkeit einen leisen Schimmer der Wahrscheinlichkeit

zu geben, noch bemerken, dass die betreffenden Verse ausser dem Citat

keinen neuen Gedanken enthalten und dass der Autor, um das Citat

anbringen zu können, sich wiederholen musste.

Wenn sonst der Sinn der Scene -- von der trockenen Gelehrsamkeit weg zur

Natur! -- uns an Aeusserungen in der Aeltesten Urkunde erinnerte, so

beruht das nicht auf Entlehnung, es ist vielmehr ein schönes Zeugnis für

die innere Uebereinstimmung zwischen Herder und Goethe.

21. 3. 78.

DER FAUST IN PROSA.

Es sei mir gestattet zu vorderst eine Bemerkung aus der Deutschen

Rundschau (Augustheft 1878 Bd. 16 S. 329) zu wiederholen:

"Die Entstehungsgeschichte des Goethischen Faust ist ein Problem,

welches nach so vielen gründlichen und geistreichen Erörterungen der

letzten Zeit noch immer der völligen Erledigung harrt und in gewissem

Sinne nie völlig erledigt werden wird. Referent hofft nachweisen zu

können, dass ein mehr oder weniger ausgeführter Entwurf in Prosa schon

zur Zeit des ersten Götz im Winter 1771 auf 1772 zu Papier gebracht

wurde und dann als Grundlage der Umarbeitung in Verse, etwa seit 1773

diente. Spuren davon scheinen mehrfach durch, einmal sogar noch im

zweiten Theil; ein Stück daraus ist die Scene 'Trüber Tag, Feld'; und

was folgt 'Nacht, offen Feld' ging ursprünglich voraus und gehörte zur

selben Scene, Reden der 'Hexenzunft' sollten zur Entdeckung von

Gretchens Unglück führen. Auch die Domscene ist nur in Versen

=geschrieben=, und das Gebet zur Mater dolorosa sollte eigentlich an

ihre Stelle treten."

Ich will diese Vermuthungen jetzt zu begründen versuchen, nicht ohne von

neuem zu prüfen, ob sie in allen Einzelheiten bestehen können. Jede

Untersuchung über Faust ist erleichtert seit Herrn von Loepers neuer

Ausgabe, einstweilen nur des ersten Theiles (Berlin, Hempel 1879), worin

die Reimzeilen durchgezählt sind und dadurch zum ersten Male bequemes

Citiren ermöglicht wird.

In der prosaischen Scene, von der meine Betrachtung ausgeht (S. 195),

sind mit Recht die Zeilen für sich gezählt. Sie fehlt im Fragment von

1790; aber sie war nicht ungeschrieben (Loeper S. 197). Wieland

bemerkte, am 12. November 1796, die interessantesten Scenen, wie z.B.

die im Gefängnisse, wo Faust so wüthend werde, dass er selbst den

Mephistopheles erschrecke, habe der Dichter unterdrückt (Böttiger Litt.

Zustände 1, 21). Nur unsere Scene kann gemeint sein; das Gefängnis ist

freilich ein Irrthum, aber ein leicht erklärlicher, da Gretchens

Gefangenschaft das erste Motiv bildet. Dieselbe Scene muss Einsiedel im

Auge gehabt haben bei den Worten: 'Parodirt sich drauf als Doctor Faust,

dass 'm Teufel selber vor ihm graust'. Durch Einsiedels 'Schreiben eines

Politikers an die Gesellschaft, am 6. Januar 1776' wird die Scene hinauf

gerückt unter diejenigen, welche Goethe nach Weimar mitbrachte.

Wenn Schiller am 8. Mai 1798 eine Bemerkung Goethes erwähnt, 'dass die

Ausführung einiger tragischen Scenen in Prosa so gewaltsam angreifend

ausgefallen' (Düntzer S. 88): so war unter diesen Scenen die

gegenwärtige ohne Zweifel mit begriffen; zugleich wird der Blick auf

weitere eröffnet.

Dem steht nur scheinbar Riemers Versicherung entgegen (Mitth. 1, 349):

Goethe habe ihm das Stück dictirt. Wonach es jünger als 1803 sein

müsste, wo Riemer Goethes Hausgenosse wurde. Aber offenbar hat er ein

älteres Concept umdictirt. Wie weit er dabei Veränderungen eintreten

liess, können wir nicht wissen; nur dass die Anspielung auf Valentin (Z.

46 ff.) bei dieser Gelegenheit interpolirt sei, lässt sich vermuthen.

=Faust.= Rette sie oder weh Dir! Den grässlichsten Fluch über Dich

auf Jahrtausende!

=Mephistopheles.= Ich kann die Bande des Rächers nicht lösen, seine

Riegel nicht öffnen. -- Rette sie! -- Wer wars der sie ins

Verderben stürzte? Ich oder Du?

(=Faust= blickt wild umher)

Greifst Du nach dem Donner? Wohl, dass er euch elenden Sterblichen

nicht gegeben ward! Den unschuldig entgegnenden zu zerschmettern,

das ist so Tyrannenart, sich in Verlegenheiten Luft zu machen.

=Faust.= [Bringe mich hin! Sie soll frei sein!

=Mephistopheles.= Und die Gefahr, der Du Dich aussetzest? Wisse,

noch liegt auf der Stadt Blutschuld von Deiner Hand. Ueber des

Erschlagenen Stätte schweben rächende Geister und lauern auf den

wiederkehrenden Mörder.

=Faust.= Noch das von Dir? Mord und Tod einer Welt über dich

Ungeheuer!] Führe mich hin, [sag ich,] und befrei sie!

=Mephistopheles.= Ich führe Dich, und was ich thun kann, höre!...

Das Eingeklammerte etwa halte ich für Interpolation; die Begrenzung

ergibt sich von selbst. Der Zusatz ist nicht sehr glücklich; es fehlt

ihm einheitliche Haltung. Erst wird auf das weltliche Gericht

hingewiesen, das seine Hand nach dem Mörder ausstreckt. Dazu treten

dann, als ob es dasselbe wäre, rächende Geister. Die Bemerkung Mephistos

klingt wie eine gutmüthige Warnung; Faust nimmt sie als neuen Hohn. Die

'rächenden Geister' und 'Mord und Tod einer Welt' sind ein Versuch des

fast sechzigjährigen Goethe, den Jargon seiner Jugend zu sprechen. Wenn

er die Absicht hatte, hier durch neuen Hohn Mephistos eine letzte

Retardation und Steigerung anzubringen, so würde das bei einheitlicher

Conception ganz anders geklungen haben. Etwa so, schematisch: F. Führe

mich hin. M. Du hast wol Lust den Häschern einen guten Fang zu bereiten,

welche auf Valentins Mörder lauern? F. Führe mich hin, sag ich.

Dass im übrigen Goethe sein altes Concept kaum vermehrt oder gemildert,

höchstens durch für uns nicht nachweisbares Weglassen gekürzt hat,

ergibt der ganz einheitliche Ton der Scene, ergeben auch die Andeutungen

über einen sonst verlassenen Plan des Faust, welche uns darin

aufbehalten, mithin aus dem ursprünglichen Manuscripte treu

herübergenommen sind.

Wenn nun die Scene der Zeit vor Weimar angehört, so werden wir von

vornherein geneigt sein, die Prosa für älter zu halten, als die Stücke

in Knittelversen. Aber die Epoche der Entstehung lässt sich noch genauer

bestimmen.

Zwischen der ersten und zweiten Fassung des Götz liegt eine

Stilveränderung Goethes; und jene Scene -- steht auf Seite der ersten

Fassung.

Eine durchgehende Vergleichung des Gottfried von 1771 und des Götz von

1773 habe ich angestellt, und sie ist von den Herren Dr. Sauer und Dr.

Minor weiter geführt worden auf Grund einer genauen Collation beider

Fassungen. Wenn diese Arbeit erst vorliegt, wird man die prosaische

Faustscene auf das genaueste darnach beurtheilen können. Fast überall

sind Shakespearesche Manieren ausgemerzt, welche Goethe sich allzu

bequem angeeignet hatte. Herder schrieb: Shakespeare habe ihn ganz

verdorben. Goethe antwortet darauf aus Wetzlar Anfang Juli 1772

(DjGoethe 1, 310). Er hat unterdessen seinen Berlichingen noch weiter

herunter gesetzt, als Herder: er müsse eingeschmolzen, von Schlacken

gereinigt, mit neuem edleren Stoff versetzt und umgegossen werden. Was

war geschehen? Goethe las die Alten, Homer, Xenophon, Plato, Theokrit,

Anakreon, Pindar; die Emilia Galotti war erschienen. Doch will ich nicht

so nebenbei diese wichtige Wandlung erledigen. Genug, dass sie etwa mit

dem Frühling eingetreten sein muss oder schon früher. Er knüpft seine

griechischen Studien an die Absicht, den Sokrates zu dramatisiren; diese

Absicht selbst scheint unmittelbar auf die Vollendung des Gottfried von

Berlichingen zu folgen (DjGoethe 1, 303). Und gleich, als er abschloss,

hatte er das Gefühl, das Stück solle nur eine Meilensäule werden, von

der wegschreitend er eine weite Reise anzutreten hätte. Er will keine

Veränderung unternehmen, bis er Herders Stimme gehört; und er weiss,

'dass alsdann radicale Wiedergeburt geschehen muss'.

Der Gottfried vom December 1771, wenn wir ihn so ungefähr datiren

dürfen, strotzt von Uebertreibungen, wie sie nachher die Sprache der

Räuber in eine Art classischer Vollendung brachte, nachdem der ganze

Sturm und Drang dieses Blut nach Herzenslust getrunken. Charakteristisch

ist z.B. wie gerne die Personen mit grossen Zahlen um sich werfen,

insbesondere um ungeheuere Zeiträume anzudeuten. 'Wenn ich sie ein

Jahrhundert bluten sähe, meine Rache würde nicht gesättigt,' sagt

Metzler von den unglücklichen Edelleuten (42, 185). Der Wind wird

aufgefordert, die Seelen der Ermordeten tausend Jahre um den Erdkreis

herumzujagen (ibid. 190). Franz ist von Adelheid auf den schönsten Lohn

vertröstet worden: 'Wenn sie Wort hält! -- ruft er aus -- das wird ein

Jahrtausend vergangener Höllenqualen in einem Augenblick aus meiner

Seele verdrängen' (193). Alle solche Stellen sind im Götz von 1773

weggeschafft.

Die Faustscene bietet: 'Du grinsest gelassen über das Schicksal von

Tausenden hin!' (Z. 24) 'Den grässlichsten Fluch über dich auf

Jahrtausende!' (Z. 36) Das entscheidet. Es ist unmöglich, dass ein

Dichter der an einem Werke mit sich einig ist solche Uebertreibungen

wegzuschaffen, sie an einem anderen sollte neu gemacht haben. Nur können

wir bis jetzt nicht wissen, wann Goethe die Grundsätze seiner

Umarbeitung feststellte. Sein allgemeines Misfallen an der früheren

Manier bürgt noch nicht für die Einzelheiten der neuen.

Aber Parallelstellen treten hinzu.

Faust Z. 31: 'Grosser, herrlicher Geist ... warum an den Schandgesellen

mich schmieden'. Adelheid in einer 1773 weggefallenen Scene des fünften

Aufzuges: 'Schicksal, Schicksal, warum hast du mich an einen Elenden

geschmiedet?'

Faust Z. 1: 'Im Elend! Verzweifelnd! Erbärmlich auf der Erde lange

verirrt und nun gefangen!' Z. 3: 'Bis dahin! dahin!' Z. 7: 'Gefangen! Im

unwiederbringlichen Elend! Bösen Geistern übergeben und der richtenden

gefühllosen Menschheit!' Weislingen in später weggeschafften Stellen:

'Elend! Elend! Ganz allein zu sterben -- von niemanden gepflegt, von

niemanden beweint!' ... 'Verlassen von aller Welt, im Elend der

jämmerlichsten Krankheit, beraubt von denen, auf die ich traute --

siehst du, ich bin gesunken, tief, tief.' In derselben Scene spricht

Weislingen von bösen Geistern, welche ihren höllischen Muthwillen an

unserem Verderben üben (die Stelle ist 1773 beibehalten), wie Faust dem

Mephisto vorwirft, dass er 'sich am Schaden weidet und am Verderben sich

letzt' Z. 33.

Das Substantiv und Adjectiv 'Elend' kommt in beiden verglichenen Scenen

häufig vor.

Alles aber reicht nicht aus, um uns entschieden in die Zeit vor der

Arbeit am Gottfried von Berlichingen zu verweisen. Und es wäre voreilig

zu läugnen, dass die Scene nicht in Wetzlar entstanden sein könnte, wo

Gotter unseren Dichter am Faust arbeitend wusste.

Bleiben wir daher, wenn eine Jahreszahl nöthig ist, mit allem Vorbehalte

beim Jahre 1772 stehen. Hauptsache und sicher scheint mir, dass die

Scene jener kurzen shakespearisirenden Gährungsepoche angehört, in

welche Goethe zu Strassburg erst verfiel und aus der er sich zu Anfang

1772 schon wieder herauszuarbeiten begann.

Die Scene ist ein unschätzbares Document für die älteste Schicht der

Goetheschen Aufzeichnungen zum Faust. Wir müssen es so vollständig als

möglich ausnutzen um uns eine Vorstellung von dem ursprünglichen Plane

zu bilden. Dass dieser von dem ausgeführten erheblich abwich, erkennen

wir bald.

Gretchen ist im Kerker als Missethäterin eingesperrt. Vorher war sie

'erbärmlich auf der Erde lange verirrt': ein Motiv, welches jetzt ganz

fallen gelassen ist.

Dieses Schicksal Gretchens hat sich vollzogen, während Faust von

Mephisto 'in abgeschmackten Zerstreuungen' gewiegt wird. Ob die

Walpurgisnacht damit gemeint sein könne, bleibe einstweilen dahin

gestellt.

Mephisto gefiel sich früher oft, des Nachts in Hundegestalt vor Faust

herzutrotten, dem harmlosen Wanderer vor die Füsse zu kollern und sich

dem niederstürzenden auf die Schultern zu hängen. Folglich hatte Goethe

nicht die Absicht, ihn als Hund vor Mephisto =zuerst= erscheinen zu

lassen; der Pudel war nur eine gelegentliche Metamorphose, die er zum

Scherz annahm. =War= er ihm so zuerst erschienen, so musste das Faust

hier ebenso, ja noch eher als den gelegentlichen Scherz erwähnen.

Faust ruft einen Geist an: 'du unendlicher Geist' (Z. 12) 'grosser

herrlicher Geist' (Z. 31). Dieser Geist ist ihm erschienen, er kennt

sein Herz und seine Seele, er hat ihm den Mephisto beigegeben, ihn an

den Schandgesellen geschmiedet (Z. 33).

Mephisto wird genannt: 'Verrätherischer, nichtswürdiger Geist' (Z. 4)

'Hund! Abscheuliches Unthier!' (Z. 12) 'Wurm' (Z. 13) 'der Verworfne'

(18) 'der Schandgeselle' (33: 'Gesell' im eigentlichen Sinn, Genoss). Er

wälzt die teuflischen Augen ingrimmend im Kopfe herum (6); er fletscht

Faust die gefrässigen Zähne entgegen (30). Er vermag nicht Alles: 'Habe

ich alle Macht im Himmel und auf Erden?' (52). Er ist kein Teufel

demnach, aber ein Geist, der sich am Schaden weidet und am Verderben

sich letzt (33).

Faust hat sich der Geisterwelt aufgedrängt, nicht sie sich ihm (28). Er

muss also den Geist beschworen haben.

Gott ist der ewig Verzeihende (22) gegenüber der richtenden gefühllosen

Menschheit (8).

Gretchen ist bösen Geistern übergeben (8). Mephisto will des Thürmers

Sinne umnebeln, Faust soll sich der Schlüssel bemächtigen und die

Unglückliche herausführen. Mephisto wird sie auf Zauberpferden entführen

(53). Dazu stimmt die letzte Scene: sie ist wahnsinnig, und der

Befreiungsversuch wird gemacht nach Mephistos Programm. Herr von Loeper

hat gesehen, dass der Auftritt im Mai 1789 auf Grund einer älteren

prosaischen Niederschrift in die jetzige Gestalt gebracht wurde (S.

XVIII). Die wesentlichen Motive dürfen für alt gehalten werden.

Wie aber verhält es sich mit dem Anfange?

Zunächst die Erscheinung des Erdgeistes muss zu dem ältesten Bestande

des Faust gehören. Und dazu stimmt dass ein nothwendiger Bestandtheil

der Erscheinungsscene noch jetzt reimlos prosaisch geblieben ist, wenn

auch Goethe im Druck die Zeilen absetzen liess. Er fürchtete durch eine

Umarbeitung in Reimverse das glänzend Naturwahre, das hier nicht

entbehrt werden kann, zu verwischen.

Es wölkt sich über mir -- der Mond verbirgt sein Licht -- die Lampe

schwindet! Es dampft! -- Es zucken rothe Strahlen mir um das Haupt

-- es weht ein Schauer vom Gewölb herab und fasst mich an! Ich

fühl's, du schwebst um mich, erflehter Geist! Enthülle dich!

Auf 'Geist' erfolgt dann ein Reim und damit wird in die Reimpaare wieder

eingelenkt. Bis zu den ebenfalls prosaischen Worten: 'Nicht dir! Wem

denn? Ich Ebenbild der Gottheit! Und nicht einmal dir!'

Aus der Stelle ergibt sich zugleich dass die erste Erscheinung des

Erdgeistes nach dem Prosamanuscript wie nach der späteren Bearbeitung in

Fausts Studirzimmer stattfinden sollte. Der Erdgeist kam auch in der

Prosa gerufen; denn Faust hat sich der Geisterwelt aufgedrängt, wie wir

sahen. Die Erscheinung aber stand nicht folgenlos da, wie jetzt, sondern

entschied über Fausts Schicksal: der Geist hat ihm den Mephisto

beigegeben. Geschah dies schon bei der ersten Erscheinung oder erst

später? Für das letztere lässt sich geltend machen dass der Geist Fausts

Herz und seine Seele kennt: das kann sich nicht auf die erste

Beschwörung beziehen, für die man ein leidenschaftliches Ringen und

Anpochen an die Pforten der Geisterwelt immer wird voraussetzen müssen.

Vielmehr möchte man aus der Aeusserung schliessen dass Faust nach der

ersten Erscheinung, welche ebenso verlief wie in unserem jetzigen Texte,

den Fehler gut zu machen suchte und darnach strebte, eine zweite

Erscheinung herbeizuführen, indem er dem Erdgeiste d.h. der irdischen

Natur sich ganz hingab, vielleicht die Wildnis, die Einsamkeit

aufsuchte. Nicht blos dass die Erscheinung des Erdgeistes in der Prosa

wichtige Folgen hatte: es wäre noch ein anderes Motiv der ersten Scene,

welches jetzt beinah fallen gelassen wird, weiter geführt: die Sehnsucht

'Ach könnt' ich doch auf Berges Höh'n in deinem lieben Lichte gehn, um

Bergeshöhle mit Geistern schweben, auf Wiesen in deinem Dämmer weben,

von allem Wissensqualm entladen, in deinem Thau gesund mich baden!' Der

Entschluss: 'Flieh! auf! hinaus ins weite Land!' Das Zauberbuch soll ihm

einziges Geleite sein, die Natur ihn unterweisen wie Geist zu Geiste

spricht.

Ich weiss nicht, ob ich auf diese Vermuthung gekommen wäre, wenn sie

nicht einer aus anderen Gründen entstandenen Combination begegnete,

welche von Goethes Arbeit am Faust im Jahre 1800 ausging. 'Ich hoffe

dass bald in der grossen Lücke nur der Disputationsactus fehlen soll',

schreibt er am 6. März an Schiller. Das Schema dieser Disputation findet

man in den Paralipomena. Düntzer bemerkt richtig (S. 88), dass diese

Disputation sich an Mephistos Erscheinung als fahrender Scholast

anschliessen musste: auch ein Motiv das jetzt ohne Folge bleibt und nach

früherem Plan eine Folge haben sollte. Wir dürfen vermuthen dass der

Disputationsactus die Scene bilden sollte, welche sich an Mephistos

Entweichen über das benagte Pentagramma hin anzuschliessen hatte. Die

Verkleidung als Scholast war eben für die Disputation bestimmt, in

welcher Mephisto die Vortheile des vagirenden Lebens auseinander setzen

und Fausts Lüsternheit nach Geistererscheinungen benutzen, ihr für die

Zukunft Befriedigung in Aussicht stellen sollte. Darauf konnte dann

sofort folgen dass Mephisto sich in Fausts Studirstube noch einmal

präsentirte und dass irgendwie eingeleitet wurde, was im Fragment nach

der grossen Lücke stand: 'Und was der ganzen Menschheit zugetheilt ist,

will ich in meinem innern Selbst geniessen'. Beiläufig, zwei im

Fragmente reimlose Verse.

Schwerlich aber ist diese Erfindung ursprünglich. Und wir können, glaub

ich, noch erkennen woraus sie zunächst entstand. Der zweite Theil

enthält im ersten Act eine merkwürdige Andeutung: 'Musst ich nicht' --

sagt Faust --

Musst ich nicht mit der Welt verkehren?

Das Leere lernen, Leeres lehren?

Sprach ich vernünftig wie ichs angeschaut,

Erklang der Widerspruch gedoppelt laut;

Musst ich sogar vor widerwärtgen Streichen

Zur Einsamkeit, zur Wildernis entweichen;

Und um nicht ganz versäumt, allein zu leben,

Mich doch zuletzt dem Teufel übergeben.

Die Stelle enthält wie die erörterte Prosascene Voraussetzungen, welche

sonst verlassen sind. Die gebrauchten Worte gehören einer Zeit an, in

welcher Mephisto schon entschieden als Teufel gedacht war. Das Motiv

dass Faust sich in der Wildnis befinde, lebt in der Scene 'Wald und

Höhle' fort. Aber in dieser Wildnis sollte der Teufel erst als Versucher

zu ihm treten. Und was ihn dahin getrieben hatte, waren widerwärtige

Universitätsstreiche: er hat seine höheren Einsichten kühn vorgetragen

und darüber Verfolgung erdulden müssen. Ich meine dass hierfür eine

Disputationsscene entscheidend war, in welcher Faust, durch die

Erscheinung des Erdgeistes kühn gemacht, zu weit heraus ging und

vielleicht selbst dem todten Facultätswissen die unmittelbare

Unterweisung der Natur und der Geister entgegenhielt. Hartnäckiger

Widerstand konnte ihn dazu fortreissen, seine eigene Erfahrung zu

enthüllen: dann war er als Zauberer erkannt, Lebensgefahr drohte, und

Flucht wurde nothwendig.

Eine solche Entwickelung kann man nun sehr wol in den prosaischen Faust

zurückversetzen. In der Einsamkeit drängt er den Erdgeist zu neuer

Erscheinung. Diese vollzog sich wol nicht, sondern Mephisto kam als

Abgesandter des Geistes, aber als Retter, vielleicht vom Selbstmord:

'Und wär' ich nicht, so wärst Du schon von diesem Erdball abspaziert'

(Erster Theil Z. 2914 'Wald und Höhle').

Um für den Anfang abzuschliessen: Goethes prosaischer Faust ist die

Mittelstufe zwischen dem Puppenspiel und dem Fragment. Folglich kam auch

im prosaischen Faust vor, worin Puppenspiel und Fragment übereinstimmen.

Folglich wurde auch der prosaische Faust mit einem Monologe eröffnet,

ungefähr desselben Inhaltes wie der jetzt vorliegende[12].

Daraus ergibt sich weiter, dass die ganze erste Scene des Fragmentes vor

dem Auftreten Wagners ohne =wesentliche= neue Motive aus einer älteren

Prosafassung in Verse gebracht ist.

Für den weiteren Gang der Prosa vermuthen wir: Disputation; Flucht;

Einsamkeit; Mephisto erscheint als Diener des Erdgeistes.

Man darf daran erinnern, dass auch im Strassburger und in Geisselbrechts

Puppenspiel die Beschwörung, welche den Mephisto herbeiruft, im Walde

stattfindet, und ebenso beim Maler Müller.

Mephisto bewog natürlich in der Prosa den Faust, die Einsamkeit zu

verlassen; und der Hauptinhalt dessen, was folgte, war: Gretchen.

Daraus sind uns wichtige prosaische Stücke, gegenwärtig in abgesetzten

Zeilen gedruckt, erhalten. Das erste in der ersten Gartenscene.

=Margarethe= fährt fort.

Liebt mich -- Nicht -- Liebt mich -- Nicht -- +(Das letzte Blatt

ausrupfend mit holder Freude).+ Er liebt mich!

=Faust.=

Ja, mein Kind! Lass dieses Blumenwort Dir Götterausspruch sein. Er

liebt Dich! Verstehst Du, was das heisst? Er liebt Dich! +(Er fasst

ihre beiden Hände.)+

=Margarethe.=

Mich überläuft's!

=Faust.=

O schaudre nicht! Lass diesen Blick, lass diesen Händedruck Dir

sagen, was unaussprechlich ist: sich hinzugeben ganz und eine Wonne

zu fühlen, die ewig sein muss! Ewig! -- Ihr Ende würde Verzweiflung

sein. Nein, kein Ende! Kein Ende!

Das zweite Stück steht in der Katechisationsscene, Fausts berühmte Rede

'Der Allumfasser, der Allerhalter, fasst und erhält er nicht dich, mich,

sich selbst? Wölbt sich der Himmel nicht da droben? Liegt die Erde nicht

hier unten fest? Und steigen freundlich blickend ewige Sterne nicht

herauf?' Goethe hat aber hier wol kleine Veränderungen angebracht; 'dir'

dreimal in gleichen Abständen vor starker Interpunction (Z. 3090. 3092.

3094), mehr geregelter Rhythmus und einmal mitten darin ein Reimpaar

('ist: bist' 3095 f.) werden nicht zufällig sein. Der Schluss der Rede

ist dann wieder durch Reime mit dem folgenden verknüpft. So wie vor den

angeführten Worten 'Der Allumfasser' Reime hineingearbeitet sind. Aber

die Zeile 'Ich glaub' ihn' ist doch ohne Reim geblieben.

Das dritte Stück ist die Domscene. Abgesehen von dem lateinischen Liede,

lauter Prosa. Die Worte 'Gesang mein Herz im tiefsten löste' scheinen

sich über das andere zu erheben und könnten ein Zusatz sein oder eine

Veränderung enthalten. Aber wer will das wissen. Genug dass weder Reim

noch entschiedener Rhythmus hier eintritt. Der böse Geist wie Gretchen

reden Prosa.

Unter Gretchens Herzen regt sichs quillend. Es ergibt sich ferner, dass

ihre Mutter durch sie 'zur langen, langen Pein hinüber schlief'. Wie die

Annäherung Fausts sich vollzog, wissen wir nicht. Das Blumenorakel weist

auf Scenerie im Freien, wie das Fragment sie bietet. Aehnlich wie im

Fragment muss Faust ihr einen Schlaftrunk für die Mutter gegeben haben,

welcher deren Tod wird. Wodurch? 'Drei Tropfen nur in ihren Trank'

verordnet Faust: hat sie es überhört und zu viel hinein gegossen? Hat

sonst böser Zufall oder der Teufel sein Spiel gehabt? Die Kerkerscene

bestätigt, was hier allerdings wenig in Betracht kommt: 'Meine Mutter

hab ich umgebracht' (Z. 4149).

Nach der Ohnmacht im Dom verlässt Gretchen die Stadt, um der Schande zu

entgehen: so dürfen wir nach dem, was die Scene 'Trüber Tag, Feld' uns

lehrte, weiter vermuthen. Sie irrt umher, tödtet im Wahnsinn ihr Kind,

wird gefangen und in den Kerker gebracht. Unterdessen wurde Faust von

Mephisto in Zerstreuungen umhergeschleppt, die er 'abgeschmackt' nennt.

Er erfährt Gretchens Schicksal, eilt hin, will sie befreien: aber ihr

eigener Wahn hält sie fest, die Zeit verrinnt, Faust muss fort und sie

im Elend verlassen.

=Wie= erfährt er Gretchens Schicksal?

Die Frage ist sehr schwer zu beantworten, eine Vermuthung aber will ich

nicht zurückhalten, oder vielmehr die Vermuthung begründen, welche ich

doch einmal in der oben ausgezogenen Notiz der Rundschau nicht

zurückgehalten habe. Ich stelle folgende Erwägungen an.

=Erstens.= Es konnte nicht Goethes Absicht gewesen sein, die Frage

überhaupt im Unklaren zu lassen. Im Anfange der prosaischen Scene, von

der wir ausgingen, hat Faust das Schreckliche soeben erfahren, er redet

unter dem ersten Eindrucke: folglich muss die Entdeckung vor den Augen

des Zuschauers stattgefunden haben, folglich fehlt der Beginn dieses

Auftrittes, wir besitzen nur ein Fragment, nur die zweite Hälfte der

Scene.

=Zweitens.= Zu der Zeit, wo Goethe die Walpurgisnacht ausarbeitete, war

es seine Absicht wie die Paralipomena erweisen, das Unglück Gretchens

auf dem Brocken zu Tage zu bringen. Die entscheidenden Worte sind:

'Nackt das Idol. Die Hände auf dem Rücken ... Der Kopf fällt ab ...

Geschwätz von Kielkröpfen. Dadurch Faust erfährt.' Kielkröpfe sind

Wechselbälge, Teufelskinder.

=Drittens.= Die Scene 'Nacht, offen Feld', in welcher Faust und Mephisto

auf schwarzen Pferden daherbrausen und eine Hexenzunft um den Rabenstein

beschäftigt erblicken, hat, wo sie jetzt steht, etwas sonderbares. Sie

gibt freilich ein grandioses Bild; aber man sieht ihren Zweck nicht ein.

Faust und der Zuschauer erfahren daraus nichts was sie nicht schon

wüssten; die Beziehung auf Gretchen ist leicht zu errathen. Das Motiv

des Dialoges scheint zu sein: Faust wünscht zu erfahren, was die Hexen

treiben; Mephisto aber drängt ihn vorüber. Es ist ebenso auffallend,

dass Mephisto hier mehr Eile haben sollte als Faust, wie es auffallend

wäre, dass Faust nicht von selbst sofort an Gretchen denken sollte.

Müssen wir aber die kleine Scene hier ausscheiden, so könnte sie sehr

wol den eigentlichen Anfang der vorgehenden gebildet haben, und die

Scenerie 'Nacht, offen Feld' wäre auf diese mitzubeziehen. Mephisto will

den Faust vorbeidrängen; aber -- so hätte die Fortsetzung lauten müssen

-- Faust lässt sich nicht vorbeidrängen, er tritt näher und erfährt aus

Reden oder Gesängen der Hexen, in welcher Lage sich Gretchen befindet

und was ihr droht. Die Hexen entfliehen, Faust stellt den Mephisto zur

Rede: hier setzt die prosaische Scene ein.

Die Combination wäre unmöglich, wenn der Dialog am Rabenstein wirklich

Verse zeigte. Aber die Reime fehlen; Rhythmus und innere Form sind auch

mit Prosa verträglich. Also vielleicht ein neues wörtlich erhaltenes

Stück des prosaischen Faust. Solches Eingreifen der Hexen wäre zugleich

ein shakespearisirender Zug.

Ueber die abgeschmackten Zerstreuungen, von denen Faust in seinen

heftigen Vorwürfen gegen Mephisto spricht, lässt sich nur sagen, dass

sie wol schon ursprünglich mit dem Hexen- und Zauberwesen

zusammenhingen. In einer Prosascene des zweiten Theiles, zu deren

Erörterung wir gleich übergehen, wird von Meerkatzen geredet, wodurch

wir uns an die Hexenküche erinnert finden. Denkbar aber wären auch

Abenteuer im Stil von Auerbachs Keller.

Nachdem Gretchens Befreiung mislungen, muss für Faust nach dem

ursprünglichen Plane eine Zeit bitterer Reue gefolgt sein. Der Zustand,

in welchem sich Goethe nach seiner Untreue an Friederike befand, hätte

sich darin gespiegelt. Dafür gibt es freilich keinen äusseren

Anhaltspunct.

Natürlich kämpft Mephisto gegen die reuige Einsamkeit (hier Hexenküche?

Vergessenheitstrank?); es gelingt ihm, Faust an den Hof des Kaisers

mitzunehmen. Und hier greifen Fragmente der Paralipomena ein.

=Am Hofe des Kaisers.=

=Theater.=

+(Der Acteur, der den König spielt[13], scheint matt geworden zu

sein.)+

=Mephistopheles.= Brav, alter Fortinbras, alter Kauz! Dir ist übel

zu Muthe, ich bedaure Dich von Herzen. Nimm Dich zusammen. Noch ein

paar Worte. Wir hören so bald keinen König wieder reden.

=Kanzler.= Dafür haben wir das Glück, die weisen Sprüche Ihro

Majestät des Kaisers desto öfter zu vernehmen.

=Mephistopheles.= Das ist was ganz anders. Ew. Excellenz brauchen

nicht zu protestiren. Was wir anderen Hexenmeister sagen ist ganz

unpräjudicirlich.

=Faust.= Still! still! er regt sich wieder.

=Acteur.= Fahr hin, Du alter Schwan! fahr hin! Gesegnet seist Du

für Deinen letzten Gesang und alles, was Du gutes gesagt hast. Das

Uebel, was Du thun musstest, ist klein -- -- -- -- --

=Marschall.= Redet nicht so laut. Der Kaiser schläft, Ihro Majestät

scheinen nicht wol.

=Mephistopheles.= Ihro Majestät haben zu befehlen, ob wir aufhören

sollen. Die Geister haben ohnedies nichts weiter zu sagen.

=Faust.= Was siehst Du Dich um?

=Mephistopheles.= Wo nur die Meerkatzen stecken mögen? Ich höre sie

immer reden.

Das Fragment bietet mir bis jetzt unüberwindliche Schwierigkeiten.

Düntzer (S. 417) meint, Fortinbras bedeute in Mephistos Mund ironisch

einen guten, edlen und tapferen König; und mit den Worten 'fahr hin, Du

alter Schwan' soll der hinsterbende König sich selbst anreden, usw.

Mir liegt daran, wenigstens eins festzuhalten, was kaum zweifelhaft sein

kann. Auf diese Scene hat eingewirkt einerseits die Geistererscheinung

des Puppenspiels, andererseits das Theater im Theater des Hamlet; ihr

entspricht im jetzt vorliegenden zweiten Theile die Erscheinung

Helenas. Der 'alte Fortinbras' ist gewissermassen an die Stelle des im

Puppenspiel erscheinenden Alexander des Grossen getreten (Creizenach 84.

154). Die Acteurs sind Geister, welche Faust und Mephisto citirten. Ihr

Spiel scheint wie im Hamlet eine kritische Beziehung auf den

zuschauenden Regenten, hier auf den Kaiser, zu haben. Und zwar richtet

sich die Kritik gegen üble That bei weisen Worten.

Weiter muss Shakespeares Sturm verglichen werden, worin wirklich

Geister, welche mythologische Figuren vorstellen, ein Schauspiel vor dem

jungen Paare aufführen (IV. 1). Wie in dem Goetheschen Fragmente tritt

einmal eine Pause ein und die Zuschauer unterreden sich während

derselben. Prospero aber ruft ihnen zu, wie hier Faust: 'Still,

Lieber!... Es gibt noch was zu thun. St! und seid stumm, sonst ist der

Zauber hin.' Hier wie dort scheint das Schauspiel dann unterbrochen zu

werden.

Prospero hat auch sonst Aehnlichkeit mit Faust. Wie Prospero die

Zauberei abschwört (V. 1), so möchte Faust gegen Ende des zweiten

Theiles Magie von seinem Pfad entfernen, die Zaubersprüche ganz und gar

verlernen. Und der Mephisto des prosaischen Faust, der Diener des

Erdgeistes, wäre, ohne seine Schadenfreude, ganz wol dem Ariel an die

Seite zu stellen; die Schadenfreude allerdings hat er mit dem späteren

Teufel Mephisto gemein.

Das zweite und dritte Fragment dürfte sich an das erste nahe

anschliessen. Die Annahme ist kaum zu umgehen, dass die Gefangenen des

zweiten Fragmentes mit den Geistern, die im ersten spielen und die im

dritten verschwinden, identisch seien.

Es ist, wie ich schon sagte, ein -- -- -- -- --

=Bischof.= Es sind heidnische Gesinnungen, ich habe dergleichen im

Marc-Aurel gefunden Es sind die heidnischen Tugenden.

=Mephistopheles.= Und das sind glänzende Laster, und billig, dass

die Gefangenen deshalb sämmtlich verdammt werden.

=Kaiser.= Ich finde es hart; was sagt ihr, Bischof?

=Bischof.= Ohne den Ausspruch unserer allweisen Kirche zu umgehen,

sollte ich glauben, dass gleich -- -- --

=Mephistopheles.= Vergeben! Heidnische Tugenden? Ich hätte sie

gern gestraft gehabt; wenn's aber nicht anders ist, so wollen wir

sie vergeben. -- Du bist fürs erste absolvirt und wieder im Recht

-- --

+(Sie verschwinden ohne Gestank.)+

=Marschall.= Riecht ihr was?

=Bischof.= Ich nicht.

=Mephistopheles.= Diese Art Geister stinken nicht, meine Herren.

Gibt man die vorgeschlagene Identificirung zu, so repräsentiren die

Geister Gestalten aus der alten Welt. Und die Bezeichnung Fortinbras mag

von Goethe appellativisch als der Armstarke, der Starkarmige genommen

sein[14]. Diese Geister haben wol im Verfolge des Theaters Gesinnungen

geäussert, an denen der christliche Hof Anstoss nahm; sie sind gefangen

gesetzt worden, und man beräth, was ihnen geschehen soll. Mephisto, der

über sie Macht hat und diese Macht scheinbar im Sinne des Kaisers und

der Kirche übt, weiss die Debatte schlau zur Freisprechung zu wenden. Er

entlässt die Geister, indem er jedem eine kleine Rede hält, wovon nur

der Anfang erhalten. Sie verschwinden.

Faust ist bei der Berathung nicht gegenwärtig oder betheiligt sich nicht

daran.

Wir sehen, dass Goethes Faust, wie er ihm zuerst vorschwebte, nach dem

Tode Gretchens eine Wendung zur Kritik des öffentlichen Zustandes in

Staat und Kirche nehmen sollte. Herr von Loeper erinnert mit Recht an

die Gespräche der bischöflichen Tafel zu Bamberg im Götz. Diese

polemischen Elemente haben übrigens nachgewirkt und sind im ersten und

vierten Acte des jetzigen zweiten Theiles noch vorhanden....

Weiter gelangt unsere Reconstruction für jetzt nicht. Gott ist der ewig

Verzeihende, Mephisto ist kein Teufel: von einer Verdammung Fausts am

Schlusse kann also nicht die Rede sein. Aber wie sein Ende gedacht war

in diesem ersten Stadium des Faustentwurfes, das wissen wir nicht.

Goethe selbst war darüber wol nicht im unklaren, wenn ihm auch nach dem

Brief an Wilhelm v. Humboldt vom 17. März 1842 (S. 302) vor mehr als

sechzig Jahren (d.h. vor dem J. 1772) die vorderen Partien des Faust

mehr im einzelnen bestimmt vorschwebten als die hinteren.

Aber dass ich es nur gestehe: einem Kunstwerke gegenüber lässt sich der

Drang, es als ein Ganzes zu begreifen, nicht unterdrücken. Und so ziehe

ich in meiner Phantasie die begonnenen Linien doch bis ans Ende, ohne

dass ich meine Leser auffordern will, mir darin zu folgen. Wenn Götz als

ein Märtyrer des Rechtes und der Freiheit stirbt, konnte nicht Faust

endigen als ein Märtyrer der Wissenschaft, der höheren Einsicht, welche

mit der Kirche in Conflict geräth? Konnte nicht die Selbstaufopferung im

Dienste der Wahrheit als eine Sühne der Schuld an Gretchen gelten? In

den Strassburger Ephemerides beschäftigt sich Goethe mit Giordano Bruno,

der wirklich als ein Märtyrer seiner Philosophie gefallen (Schöll 101);

er vergleicht den Mendelssohnischen und Platonischen Phädon (ibid. 89);

und nach dem Götz will er den Sokrates behandeln. Die hier versuchte

Reconstruction aber hat in der Disputation, in der Katechisation und

zuletzt in den Fragmenten vom Kaiserhofe Elemente aufgezeigt, welche zu

dem Gedanken einer Opposition gegen die offizielle Religion in Beziehung

gesetzt werden können.

Der ersten reinen Wirkung des Erdgeistes auf Faust ist dieser nicht

gewachsen. Er muss geläutert werden. Mephisto regt das niedrig Irdische,

das gemein Natürliche bei ihm an, verwickelt ihn in Schuld. Aber er wagt

es für die Ueberzeugung, die er Gretchen gegenüber aussprach, für die

Ueberzeugung von einem unerforschlichen Allgott zu kämpfen, gegen die

kirchliche Lehre zu kämpfen, um kämpfend zu unterliegen, im Unterliegen

aber sich einer besseren Zukunft zu getrösten, die er mit heraufführen

helfen. Und dieser Kampf ist seine Erlösung.

Jedermann sieht, wie nahe nun erst Götz, Faust und Egmont (vgl. Anz. f.

deutsches Alterth. 1, 207) an einander rücken würden. Aber ich finde

keinen Anhalt, um diese Fortsetzung, welche ich dem ältesten Goetheschen

Faust zu geben mich gedrungen fühle, fester zu begründen und den

Nachweis zu führen, dass ursprünglich auf Faust selber angewendet werden

sollte, was er in späteren Reimen zu Wagner sagt:

Die wenigen, die was davon erkannt,

Die thöricht gnug ihr volles Herz nicht wahrten,

Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,

Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.

2. 2. 79.

DER ERSTE THEIL DES FAUST.

Das Fragment von 1790 umfasst bekanntlich folgende Scenen, wenn ich

Scene nenne, was ohne Ortswechsel hinter einander gespielt wird.

Ia (S. 3) Fausts Monolog, Erscheinung des Erdgeistes, I b (S. 13) Faust

und Wagner.

IIa (S. 19) Faust, Mephistopheles. Von den Worten an: 'Was der ganzen

Menschheit zugetheilt ist'(S. 25). II b (Z. 1416) Mephistopheles und der

Schüler.

III (S. 39) Auerbachs Keller.

IV (S. 63) Hexenküche.

V (S. 83) Strasse. Faust, Margarethe vorübergehend.

VI (S. 88) Margarethens Zimmer. Faust und Mephisto kommen; erstrer will

allein gelassen werden; Mephisto bringt das Kästchen. Margarethe singt

den 'König in Tule' und findet das Kästchen.

VII (S. 97) 'Spatziergang'. Faust, Mephisto: 'DenSchmuck für Gretchen

angeschafft, den hat ein Pfaff' hinweggerafft'.

VIII (S. 101) 'Der Nachbarin Haus'. Margarethe bringt das zweite

Kästchen. Mephisto führt sich ein.

IX (S. 114) Strasse. Faust, Mephisto: 'In kurzer Zeit ist Gretchen

euer'.

X (S. 118) Garten. Faust und Margarethe, Mephisto und Marthe.

XI (S. 130) 'Ein Gartenhäuschen'. Margarethe und Faust, durch Mephisto

gestört.

XII (S. 133) 'Gretchens Stube'. Gretchen am Spinnrade.

XIII (S. 136) 'Marthens Garten'. Faust wird von Margarethe katechisirt.

Verabredung für die Nacht. Mephisto hat spionirt.

XIV (S. 146) 'Am Brunnen'. Gretchen und Lieschen. Gretchen nach Hause

gehend.

XV (S. 151) 'Wald und Höhle'. Faust allein. Faust und Mephisto.

XVI (S. 161) 'Zwinger'. Gretchen vor der Mater dolorosa.

XVII (S. 164) 'Dom'. Gretchen, der böse Geist. Gesang.

Aus dieser Reihe von siebzehn Scenen sind zunächst als die jüngsten nach

Italien gehörigen Bestandtheile auszuscheiden IV und XV. Den Rest von

fünfzehn Scenen muss Goethe schon nach Weimar mitgebracht haben. Scene

XVII erkannten wir als einen stehen gebliebenen Theil des ältesten

prosaischen Faust. Wie viele von den übrigen Scenen erst in Prosa

existirten und dann versificirt wurden, wie viele dagegen von vornherein

in Knittelversen abgefasst waren, können wir nicht wissen; nur dass für

Ia, X, XIII eine ältere prosaische Form wahrscheinlich ist.

Ich habe schon oben S. 76 angedeutet, dass ich XVI nur für eine Variante

von XVII halte. Ich meine: als Goethe XVI verfasste hatte er nicht die

Absicht, das Stück neben XVII stehen zu lassen, sondern er wollte XVII

dadurch ersetzen. Beidemal dasselbe Motiv: Gretchen betend, von ihren

Gedanken gefoltert. In der älteren Fassung mehr dramatisch-furchtbar, in

der jüngeren mehr lyrisch-tröstlich ausgeführt. Dort mit starken äussern

Mitteln, hier mit discreten innern. Wir sehen zugleich, wie stark die

Umgestaltungen des prosaischen Faust zuweilen sein konnten, welche bei

der Versification eintraten. Alle aber werden im Sinne der Idealisirung

stattfinden.

Was nun die übrigen vierzehn Scenen betrifft, so müssen sie in ihrer

gereimten Gestalt vor Goethes Weggang von Frankfurt und nach Anfang 1773

fallen. Denn um die Jahreswende 1772 auf 1773 begegnen bei Goethe die

ersten Knittelverse (DjG. 1, 341). Auf 1773 führt auch die

Gleichzeitigkeit mit dem Prometheus (an Zelter 3, 87) und wenn Goethe am

1. März 1788 für den Faust fünfzehn Jahre zurückrechnet (Ital. Reise,

Hempel 24, 480). Vgl. S. 64 f.

Scene III ist wahrscheinlich im September 1775 entstanden nach dem Brief

aus Offenbach 17. September 1775 (DjG. 3, 107): 'Ich machte eine Scene

an meinem Faust' ... 'Mir wars in all dem wie einer Ratte die Gift

gefressen hat' usw.

Aus Goethes Frühzeit Bruchstücke eines Commentares zum jungen Goethe · 第 1 / 3 章