S. 247 und 276. Übrigens ist es auf alle Fälle merkwürdig, daß die
Vossische Zeitung schon am =28. August= 1870, also =vor= Sedan, die
Prophezeiung abdruckte mit dem Zusatz, daß Napoleon seinen Untergang
für den =2. September= befürchte. Damals hatte noch gar niemand in
Deutschland eine Ahnung davon, daß sich Napoleon bei Mac Mahons Armee
befand. – Herr Dr. R. Hennig hat die Freundlichkeit, mir seinen
Aufsatz »Zur Psychologie der Deutelsucht« in der »Zeitschrift für
Psychotherapie und Medizinische Psychologie« zu übersenden. Hier finde
ich auf S. 186 des 2. Bandes die Angabe, der gefälschte, aber doch in
so wunderbarer Weise in Erfüllung gegangene Quatrain sei gedruckt in
den »Ronces et Chardons« des Chevalier Jean Baptiste François Ernest de
Chatelain, angeblich S. 181. Das Buch soll 1869 in London erschienen
sein. Vielleicht stammt er von einem wirklichen Propheten, der sich des
Namens seines großen Vorgängers bediente.
[186] Les Oracles de Nostradame, I., p. 87 f.
[187] Le Pelletier, I, S. 93 f.
[188] Übrigens heißt Heinrich III., als Person ein jämmerliches
Individuum, insofern mit Recht an dieser Stelle »le Grand«, weil er
zuerst König der Polen gewesen war und erst nach Karls XI. frühem Tode
die Krone Frankreichs sich aufs Haupt setzte.
[189] Vgl. auch Theodor Lindner, Weltgeschichte seit der
Völkerwanderung, 5. Bd., S. 184–202.
[190] Vgl. Th. Lindner, Weltgeschichte, 5. Bd., S. 198–201, und – zum
Ganzen – Le Pelletier I., p. 103 f.
[191] In der mir vorliegenden =ersten= Ausgabe mit dem Titel »Les
Prophéties de M. Michel Nostradamus. Centuries VIII. IX. X. Qui n’ont
encore iamais esté imprimés. A. Lyon, Chez Antoine Boudraud, en rue
confort à la Fortune« finden sich folgende unbedeutende Varianten:
Nansy statt Nanci, und deliure statt delivré. Letzteres – so auch
prouez statt prouvés – noch daher kommend, daß bekanntlich das
Mittelalter zwischen u und v in der Schreibweise keinen Unterschied
macht.
[192] Vgl. sein anonym und ohne Druckort im Jahre 1656 erschienenes
»Eclaircissement des véritables quatrains de maistre Michel
Nostradamus«, p. 18. Hier ist der Name angeführt unter einer
beträchtlichen Anzahl anderer, die der Astrologe vorher gewußt hatte,
und in einem Ton, als sei es eine bekannte Tatsache, die es damals ja
wohl auch gewesen sein mag.
[193] Essai d’éxplication de deux Quatrains de Nostradamus, Nevers
1806, p. 30–39, (nach Le Pelletier).
[194] Was die Persönlichkeit Heinrichs II. Montmorency betrifft, so war
er »der Abgott des Hofes und der Provinzen, des Volkes und der Armee«.
Als der Kapitän Guitaut, =gegen= den er im Feuer gestanden hatte, vom
Richter gefragt wurde, ob er den Herzog im Kampfe erkannt hätte, sagte
er mit Tränen im Auge:
»Feuer, Blut und Rauch, die ihn bedeckten, hinderten mich erst ihn zu
kennen. Aber als ich einen Mann sah, der, nachdem er sechs unserer
Reihen durchbrochen hatte, noch in der siebenten Soldaten tötete, da
war ich mir darüber klar, daß das nur M. de Montmorency sein könne.«
Der ganze Hochadel, Freund und Feind, verwandten sich umsonst für das
Leben dieses Helden, dessen Leben und Tod überreich an echter Tragik
ist.
Vgl. (Michaud) Biographie universelle, 2. Aufl., 29. Bd., S. 176 ff.
[195] Vgl. A. Kniepf, Echte und gefälschte Prophetien des Nostradamus,
Psychische Studien, 36. Bd., 1909, S. 276 f. und 520 ff. Er meint im
ersten Vers des Quatrains könnte »en terre veu« auch eine Anspielung
auf die »Entrevue« Bismarcks und Napoleon III. sein. Nostradamus liebt
zweifellos den Doppelsinn und sagt oft mit =einem= Worte zweierlei
Dinge, die beide richtig sind. Vgl. z. B. Centurie IX., Quatrain
18, »claire peyne« = clara poena und = dem =richtigen= Eigennamen
Clerepeyne. Der Spott Hennings über diese auf alle Fälle scharfsinnige
Interpretation Kniepfs ist mir daher unverständlich. Vgl. Zeitschrift
für Psychotherapie, 2. Bd., S. 177 ff.
[196] Le Pelletier, I., p. 279.
[197] Walter Bormann, »Die Nornen«, S. 245–264.
[198] Campan, Mémoires sur la vie privée de Marie Antoinette, Paris
1826, p. 158.
[199] Herr Karl Graf Klinkowstroem in München besitzt eine Sammlung
von 10 Nostradamus-Ausgaben, darunter die ersten. Demnächst wird in
der Zeitschrift für Bücherfreunde aus der Feder dieses Gelehrten eine
Nostradamus-Bibliographie erscheinen. Für die mannigfachen Förderungen
sei ihm an dieser Stelle mein wärmster Dank ausgesprochen. Nach
diesem Kenner ist die Ausgabe von Pierre Rigaud erst zwischen 1605
und 1610 erschienen. Die unvollständige von A. du Rosne in Lyon schon
1557. Bereits 1605 tauchen falsche Quatrains auf, z. B. die der 11.
und 12. Centurie. Die Ausgabe von Benoist Rigaud erschien als erste
vollständige 1568.
[200] Soviel stellte ich bei M. Desormeaux, Histoire de la maison
de Montmorency, Paris 1764, 3. Bd., fest. Eines dieser männlichen
Mitglieder starb bereits in der Wiege.
[201] Im Adreßbuch von Paris, von dem mein Freund Herr Konsul A.
Schillinger mehrere Jahrgänge einsah, kommt der Name Clerepeyne,
Clairepeyne, Clairpeyn usw. usw. überhaupt =nicht= vor. Ebenso der
Name Saulce, Sauce, Sause, Salce, Sosse oder Soce mit allen möglichen
Varianten =nur einmal= im Adreßbuch 1889 in der Form Sausse, in der
Person eines Gewürzkrämers und einer Versicherungsgesellschaft. 1911
gibt es einen Schreiner Saucet.
[202] Vgl. Le Pelletier, I., p. 174 ff.
[203] Le Pelletier, I., p. 305.
[204] Vgl. Ferdinand Gregorovius, Wanderjahre in Italien, 2. Bd. 7.
Aufl., S. 185.
[205] Le Pelletier, I. p. 143 f.
[206] Le Pelletier, I. p. 168.
[207] Le Pelletier, I, p. 213.
[208] Le Pelletier, I, p. 216.
[209] I, p. 118 f.
[210] Wer uns etwa vorwirft, die Deutung dieses Verses sei gekünstelt,
möge sich der in der Vergangenheit so beliebten Chronogramme erinnern.
Beispiele hierfür sind etwa: LVtetIa Mater natos sVos DeVoraVIt, d. h.
die Mutter Paris verschlang ihre eigenen Kinder. Es handelt sich um
die Pariser Bluthochzeit im Jahre 1572. Diese Jahreszahl ist im Text
enthalten: M = 1000, D = 500, L = 50, vier V = 20 und zwei I = 2. Als
weiteres Beispiel mag das Distichon auf den Hubertusburger Frieden
angeführt sein:
Aspera beLLa sILent: reDIIt bona gratIa paCIs. O sI parta foret seMper
In orbe qVIes!
Zählen wir nach dem oben angegebenen Vorgang die Zahlzeichen zusammen,
so erhalten wir das Jahr 1763.
[211] Le Pelletier, II. Bd., p. 157.
[212] Vgl. W. Bormann, »Nornen«, S. 257 f., und A. Kniepf, Psychische
Studien, 36. Bd., 1909, S. 278 f.
[213] Le Pelletier, II. p. 160 f.
Zwölftes Kapitel
Stellung der Wissenschaft zur Prophezeiung
Es ist sattsam bekannt, daß die Theologie zu allen Zeiten und auch
heute noch die biblischen Prophezeiungen für »Offenbarungen«,
unmittelbare Äußerungen Gottes, hielt und hält. Wir haben zu dieser
Frage nicht Stellung zu nehmen. Der Historiker hat die Aufgabe,
das Tatsächliche festzustellen. Er verläßt den sicheren Boden mit
dem Augenblick, wo er die Ursachen einer Erscheinung klarzulegen
versucht, um völlig in der Luft zu schweben, wenn er sich hierbei gar
zu mystischen Hypothesen versteigt. Die Erklärung von Erscheinungen,
die wir in den Rahmen unserer derzeitigen Kenntnis der Natur noch
nicht einzupassen vermögen durch transzendentale Ursachen, ist eine
Bankrotterklärung.
Es bedarf deshalb keiner besonderen Betonung, daß wir der Theologie
auf diesem Wege zu folgen uns weigern. Nicht nur, daß wir die dem
Historiker gezogenen Grenzen dann überschreiten würden, wir kämen auch
dem Problem nicht um Haaresbreite näher. Denn – selbst das Dasein
Gottes vorausgesetzt – da wir Umfang und Inhalt dieses Begriffes nicht
kennen, würden wir ein uns wenigstens teilweise, d. h. als Erscheinung
Bekanntes – nämlich die einzelnen Tatsachen der Prophezeiung – durch
ein völlig Unbekanntes, ja in seiner Existenz vielfach angezweifeltes X
(Gott) uns verstandesmäßig näher zu bringen suchen.
Das ist aber keine Erklärung. Denn klarer wird uns etwas nur dann, wenn
wir es auf bekannte oder doch bekanntere Ursachen zurückführen. Daß das
hier nicht der Fall wäre, ist klar.
Immerhin mag es nicht ohne einiges Interesse sein, sich einmal zu
vergegenwärtigen, welche Stellung die Theologie dem Problem der
nachbiblischen Prophezeiung gegenüber einnahm.
Wir werden finden, daß die Hauptsorge der Theologen die war, die
=Quelle= der Prophezeiungen festzustellen und zu erörtern, =ob es
überhaupt noch nach dem Alten und Neuen Testament Propheten gegeben
habe=. Denn darin, daß es sich in diesen Werken um wirkliche, und zwar
von Gott unmittelbar inspirierte Propheten handelt, war man sich bis
zur Stunde immer und in allen theologischen Lagern einig.
Zur Zeit des Konstanzer Konzils schon suchte der große französische
Gelehrte Jean Le Charlier de =Gerson= (geb. 14. Dez. 1363 in
Gerson, gest. 12. Juli 1429 in Lyon), Doctor christianissimus wegen
seiner hervorragenden Verdienste auf dem Konzil genannt, die Frage
zu ergründen. Und zwar geschah dies in der Schrift De probatione
spirituum[214] und dem zweiten Traktat De distinctione verarum
visionum a falsis.
Der Inhalt beider Schriften[215] ist kurz folgender:
Der Apostel Johannes (1. Joh. 4, 1) befiehlt mit den Worten:
»Ihr Lieben, glaubet nicht einem jeglichen Geist, sondern prüfet
die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche
Propheten ausgegangen in die Welt« Vorsicht gegenüber Propheten und
Prophezeiungen. Das geschieht, weil der Satan seine Hand im Spiele
haben kann (2. Korinth. 11, 14).
Die Prüfung der Geister (d. h. Propheten, Visionen usw.) ist aber ein
schwieriges Ding, denn der Heilige Geist hat nur wenigen die Befähigung
dazu verliehen. Genaue Kenntnis der Hl. Schrift mag ja in manchen
Fällen genügen (Modus doctrinalis), in anderen reicht ein größeres
inneres Gefühl, eine innere Erfahrung dazu aus (Modus experimentalis).
Da der normale menschliche Verstand aber zumeist versagt, ist innere
Erleuchtung fast unerläßlich (Modus officialis) (1. Korinth. 12, 10).
Die mit dieser Prüfungsgabe von Gott Ausgerüsteten sind sich ihres
Besitzes bewußt und auch in der Lage, bei andern anzugeben, ob sie die
gleiche Fähigkeit besitzen. Das sind aber nur wenige. Nur sie sind
imstande, mit untrüglicher Gewißheit zu entscheiden.
So wenig man eine allgemeingültige Regel aufstellen kann, wodurch
ein Traumgesicht sich von dem, was wir wachend sehen, unterscheidet,
wiewohl doch der Wachende es weiß, was er wirklich sah, und sich
erinnert, daß er ähnliches im Traum sah, so weiß auch der göttlich
Erleuchtete, daß und wann er es ist. Und doch kann auch er auf den
Gedanken kommen, teuflischem Blendwerk zum Opfer gefallen zu sein;
denn wenn er auch wach ist, so kann er darum doch im höheren Sinne dem
Göttlichen gegenüber schlafen. Das erkannte schon der selige Gregorius,
als er schrieb: »Der Geist der Prophetie ist nicht immer in der Gewalt
der Propheten, noch in ihrem eigenen klaren Bewußtsein[216].«
Die Prüfung modo doctrinandi, also auf Grund einer Lehrmethode, hat auf
folgende Punkte ihr Augenmerk zu richten: 1. Auf die Person dessen, der
eine Erscheinung hat. 2. Auf den Inhalt der Offenbarung. 3. Auf die
Ursache der Mitteilung dieser Offenbarung. 4. Insbesondere zu wessen
Beratung die Offenbarung geschieht und mitgeteilt werden soll. 5.
Welchen Lebenswandel derjenige hat, dem etwas offenbart wurde, und 6.
Woher diese Person stammt.
Auf diese einzelnen Fragen geht Gerson näher ein, wobei er eine Kritik
beweist, die man dem Mittelalter im allgemeinen nicht zutrauen möchte.
So sagt er z. B. zum 3. Punkt, der die Gründe prüft, aus denen sich
jemand zur Mitteilung seiner Vision bewogen fühlt, u. a.:
Der Anhörende müsse sich hüten, dem Offenbarenden Beifall zu spenden,
oder ihn zu bewundern. Vielmehr solle er widersprechen und tadeln,
ihn als hochmütig verächtlich behandeln, weil er sich einbilde, mit
Gott und den Engeln in Verkehr zu stehen. Man solle aus der Geschichte
Beispiele dafür anführen, wie schädlich und trügerisch solche
Einbildungen seien und wie verabscheuungswürdig die Sucht sei, Visionen
zu erleben. Auch vor Täuschungen durch den Teufel müsse man warnen.
Denn oft habe das Verlangen, zukünftige und verborgene Dinge zu wissen,
Wunder zu sehen und zu tun, die Menschen betrogen und vom wahren
Gottesdienst abgeführt.
Beim vierten Punkt macht Gerson den sehr verständigen Einwand, man
solle doch bedenken, wenn etwas durch menschliche Mittel erreichbar
sei, warum man dann noch nötig habe, eine unmittelbare Unterweisung des
Himmels zu erwarten. Auch sei genau zu prüfen, welche Gründe jemand
habe, seine Visionen mitzuteilen. Er rate, mit dem Apostel Petrus
ehrerbietig zu sprechen: »Herr, gehe hinaus von mir, ich bin ein
sündiger Mensch, ich bin zu gering und deiner Erscheinung unwürdig, die
ich in diesem Leben weder verlange noch annehme, sondern vielmehr von
mir abwende usw.«
Zum sechsten Punkt bemerkt Gerson, daß der hl. Bernhard niemals hätte
bestimmen können, woher ein Geist (Vision) käme, wiewohl er öfter
dessen Gegenwart gespürt habe. Deshalb müsse man mißtrauisch werden,
wenn eine geringe Person genau zu wissen sich einbilde, woher der
»Geist« komme. Wisse man doch noch nicht einmal im einzelnen Falle,
woher eine Anfechtung komme. Dabei gäbe es viererlei Arten »Geist«: den
Gottes, eines guten Engels, eines bösen Engels und den menschlichen,
der sich wieder differenzieren lasse.
Soweit Gersons Ansichten in Nuce.
Besonders das 17. Jahrhundert beschäftige sich wieder viel mit
unserer Materie, wobei die lutherischen Theologen begreiflicherweise
sich an Luthers Ansichten anschlossen. Dieser hatte im 8.
Schmalkaldischen Artikel von der Beichte sich dahin geäußert, daß alle
nachtestamentliche religiöse Offenbarung ein Werk des Teufels sei, aber
auch Prophezeiungen in weltlichen Dingen sei wenig Glauben beizumessen,
wenn er deren Existenz auch nicht leugnet[217].
Es hat für uns wenig Interesse, im einzelnen den Streit der Theologen
zu verfolgen. Wertvoll aber ist die Feststellung, daß man sich zu
Beginn des 18. Jahrhunderts so ziemlich darauf einigte, daß »noch
heut zu Tage sich solche Offenbarungen ereignen könnten, welche den
Zustand der Kirche, oder der Policey, oder das gemeine menschliche
Leben insonderheit angiengen[218].« Offenbarungen religiöser Natur aber
wurden verworfen.
Diese Konkordienformel am klarsten gefaßt hat Johann Olearius[219]. Aus
dem Lateinischen übersetzt heißt sie:
»Man kann zwar nicht alle Erscheinungen oder besondere Offenbarungen
leugnen, soweit sie die Zukunft der Kirche (soweit deren äußerer
Zustand in Frage steht), oder des Staates, oder einer einzelnen Person
(als da sind die Visionen Sterbender, Warnungen vor drohenden Gefahren
usw.) betreffen. Nicht erlaubt jedoch ist, um in einzelnen Fragen
des Glaubens oder der Sittlichkeit zu einer bestimmten Meinung zu
gelangen, entweder auf eine unmittelbare innerliche oder äußerliche
Offenbarung zu bauen oder eine solche von Gott zu erbitten oder gar
mit Bestimmtheit zu erwarten. Noch viel weniger darf man glauben, ein
Mensch könne durch sie (die Offenbarung) mit Gott inniger vereint und
gleichsam vergöttlicht werden.«
War man sich so in der =Anerkennung der Prophetie=, wenigstens
soweit das =profane Leben= in Frage kam, einig, so drängte sich doch
naturgemäß die schon, wie wir sahen, Gerson beschäftigende Frage auf:
wie erkennt man eine echte Offenbarung?
Löscher suchte in seiner Disputation die Beantwortung im wesentlichen
in Gersons Kriterien, die er auf 8 vermehrt, durch Hinzunahme der
Forderung, der Offenbarende müsse über seinen gesunden Menschenverstand
verfügen und weder körperliche noch geistige Defekte haben, und
ferner: eine Prophezeiung könne erst dann für wahr gelten, wenn sie
=eingetroffen= ist und sie weder der wahren Glaubenslehre, noch den
guten Sitten zuwiderläuft.
Man wird zugeben müssen, daß man mit dem besten Willen keinen
strengeren Maßstab anlegen kann. Es kann gewiß nicht ohne Interesse
sein, daß derselbe Kampf, der heute noch nicht ausgefochten ist,
bereits vor 2 Jahrhunderten zugunsten der Prophetie entschieden
wurde. Allerdings nicht auf dem Wege zwingender Beweise, sondern durch
den Glauben. Während aber die heutige offizielle Wissenschaft treu
ihrem guten alten Brauch die ausgetretensten Wege immer noch weiter
auszutreten, dafür aber dem Neuen kein Verständnis entgegenzubringen,
die Frage völlig ignoriert, so daß es auch hier wieder Aufgabe der
Outsider ist, eine neue Wahrheit zu finden, hatte man vor zwei
Jahrhunderten wenigstens Verständnis für ihre Bedeutung. Damals schon
hat die neue und im Grunde Jahrtausende alte und durch tausendjährige
Erfahrung bestätigte Lehre ihre Feuerprobe bestanden. Denn daß es
nicht leicht war, Luthers Autorität und die Bedenken großer Theologen
zu beseitigen, liegt auf der Hand. Allein es gelang doch, wie es in
wenigen Jahrzehnten wieder gelungen sein wird.
Daß die Theologen mit der Ablehnung der Prophetie in religiösen Fragen
das Richtige trafen, wenn auch aus ganz anderem Grunde, als sie
meinten, scheint mir festzustehen. Auch wir machten bei der Kontrolle
der Voraussagen die Beobachtung, daß sie sehr häufig eintreffen, wenn
sie profaner Natur sind, dagegen aber phantastisch und unrealisierbar
werden mit dem Moment, wo religiöse Vorstellungen sich einmischen.
Der Grund hierfür dürfte mit Mystik nicht das allergeringste zu
tun haben. Er liegt, scheint mir, daran, daß die Hellseher und
Hellseherinnen häufig – wiewohl das mit ihrer Gabe an sich nicht
notwendig verbunden ist – zu religiösen Wahnideen neigen. Deshalb wogen
in ihrem Unterbewußtsein alt- und neutestamentliche, oft unverstandene
Vorstellungen und, oft wörtliche, Erinnerungen, extravagante
Hoffnungen, Wünsche und Befürchtungen durcheinander. Dazu kommt wohl
auch die – im wachen Zustande nicht eingeräumte – Einbildung, etwas
Besonderes, womöglich ein neuer Messias zu sein, eine Einbildung, der
die Somnambule willenlos die Zügel schießen läßt.
Bei der Vorhersage profaner Dinge sind diese Faktoren weit besser
ausgeschaltet. Wenn auch die Kraft, durch deren Hilfe die Prophetie
zustande kommt, wie ungezählte andere, uns noch nicht näher bekannt
ist, so befinden wir uns doch hier, befreit von jeglicher Mystik, auf
dem festen Boden des Experimentes.
Doch kehren wir zu den alten Theologen zurück!
Auf die Frage, was man von einer bestimmten Prophezeiung zu halten
habe, gibt Gottlieb Wernßdorff in seiner Disputation »De Primordiis
emendatae per Lutherum Religionis« (Wittenberg 1708)[220] folgende
Antwort:
Man muß drei Fälle beim Eintreffen einer Prophezeiung unterscheiden:
erstens daß sie Casu, durch Zufall, zweitens Iudicio, durch Berechnung,
und drittens daß sie Afflatu Numinis, durch göttliche Eingebung
sich erfüllten. Wir sehen hier also eine Weiterbildung Löschers!
Der Gedankengang ist genau der gleiche, den wir, aus selbständigen
Erwägungen dazu geführt, in dieser Untersuchung einhielten.
Für die Kritik, die Wernßdorff walten läßt, diene folgende Geschichte
als Beispiel:
Als Johann =Jessenius=, ein böhmischer Arzt und Kanzler der Akademie
zu Prag, als Gesandter aus Ungarn zurückkam, wurde er in Wien gefangen
gesetzt. Bevor er sein Gefängnis wieder verließ, schrieb er die
folgenden 5 Buchstaben an die Wand: I. M. M. M. M. Niemand konnte den
Sinn enträtseln bis auf den Erzherzog Ferdinand, nachmaligen Kaiser
Ferdinand II. Er las: Imperator Matthias Mense Martio Morietur, was
später eintraf, denn Kaiser Mathias starb im März. Außerdem schrieb er
aber darunter: Jesseni Mentiris, Mala Morte Morieris, d. h. Jessenius
du lügst, du wirst eines bösen Todes sterben. Als das Jessenius hörte,
sagte er – und das beweist, daß er die Mächtigen seiner Zeit kannte:
»Wie ich nicht gelogen habe, so wird sich Ferdinand bemühen, nicht zum
falschen Propheten zu werden.« Darin behielt er recht, denn er wurde
1620 hingerichtet.
Wiewohl also beide Vorhersagen eintrafen, führt Wernßdorff das doch
lediglich auf Zufall zurück. So leichtgläubig, wie wir es gerne ihnen
zuschreiben, waren unsere Vorfahren gar nicht!
Das Eintreffen durch Vorherberechnung ist zu einleuchtend, als daß
wir uns hier weiter mit den Beispielen Wernßdorffs aufhalten wollten.
Was der Verfasser Afflatu Numinis nennt, ist natürlich die einzige
Art der Prophezeiung, die für uns in Frage kommt und der wir diese
Untersuchung widmeten. Es ist eben die Prophezeiung auf einem Wege,
der die fünf Sinne und das Denkvermögen ausschaltet, dafür aber Kräfte
spielen läßt, die wir nicht weiter kennen und die auch nur eine
verschwindende Minderheit besitzt oder wenigstens anwendet. Es handelt
sich für uns zwar nicht um ein übernatürliches Phänomen – so wenig wie
Hypnotismus und räumliches Fernsehen übernatürlich sind – wohl aber um
ein übersinnliches.
Demnach genügt es keineswegs, wie Wernßdorff unter Hinweis auf
Berechnung und Zufall richtig hervorhebt, daß eine Vorhersage
eintrifft, um sie unter die Prophezeiungen aufzunehmen. Vielmehr ist
es lediglich die =Art und Weise=, auf welche eine Vorhersage zuwege
kam, die ihr ihren Platz unter den Prophezeiungen anweist. Am Charakter
der Vision ändert auch die Tatsache nichts, daß diese oder jene –
bei solchen religiöser Art fast alle – nicht in Erfüllung gehen. So
wenig wie der verstümmelte Text etwas gegen die drahtlose Übermittlung
einer Depesche beweist, oder so wenig jemand die menschliche Denkkraft
leugnen wird, wiewohl es bekanntlich sehr wenig Menschen gibt, die
immer fehlerlos und logisch richtig denken.
Ändert demnach das Nichteintreffen einer Prophezeiung auch nichts an
ihrem visionären Charakter, so ist es doch in anderer Weise keineswegs
bedeutungslos. Denn wir werden in Visionen, denen in der Wirklichkeit
kein Äquivalent gegenübersteht, geneigt sein, Halluzinationen, nicht
aber Äußerungen einer besonderen Prophetengabe zu erblicken.
Wenn wir auch weit davon entfernt sind zu versuchen, die Prophetie zu
erklären – die Naturwissenschaft hat diese meist nur auf Prägung neuer
Worte hinauslaufende Illusion längst aufgegeben – so reizt es doch
möglichst die Fehlerquellen zu ermitteln. Denn daß solche existieren
müssen, ist einleuchtend, da es sonst nicht verständlich wäre, weshalb
Personen, die durch zahlreiche zutreffende, Zufall und Berechnung
ausschließende, Prophezeiungen, den Beweis für ihre Gabe erbrachten,
doch da und dort irren.
Es muß also unsere Aufgabe sein zu versuchen die Kriterien
festzustellen, die erfahrungsgemäß sich bei den unerfüllten
Prophezeiungen finden. Daß wir hier nicht aprioristisch oder deduktiv
vorgehen können, ist einleuchtend. Denn wo es sich um eine zurzeit
noch so rätselhafte Erscheinung handelt, wie die vorliegende, wäre die
Aufstellung eines Dogmas oder auch nur einer Theorie Verblendung. Es
kann sich also nur um schüchterne Hypothesen handeln.
Mit vollem Bewußtsein verlasse ich hier die historische Basis, um mich
auf ein Gebiet zu begeben, das mir fremd ist. Sollte es mir trotzdem
gelingen durch aus den Tatsachen selbst gewonnene Schlüsse das Richtige
zu treffen, so wäre mir das eine nicht geringe Genugtuung.
Schon weiter oben konstatierten wir, daß 1. religiöse Visionen so gut
wie nie eintreffen. Es handelt sich hier eben entweder überhaupt nicht
um richtige Visionen, sondern um Ausflüsse einer überhitzten Phantasie,
oder aber es wird der Wunsch Vater des Gedankens.