2. Sehen wir mit Frau de Ferriëm[221] eine Fehlerquelle in den von

seiten der Sitzungsteilnehmer geäußerten =Wünschen= oder =bestimmten

Fragen=! »Die Gesichte müssen am besten spontan eintreten. Die spontan

kommenden Visionen und Weissagungen haben sich als die zuverlässigsten

erwiesen und tritt die Clairvoyance auch spontan bei mir ein. Wenn

jemand z. B. wünscht, ich soll ihm seine Zukunft sagen oder etwas über

seine Vergangenheit – ich könnte es nicht bzw. könnte es wenigstens

nicht so ohne weiteres. Wie bemerkt, sehe ich fast täglich geistig

genug und vielerlei, aber ohne irgend etwas Bestimmtes in dieser

Beziehung gewünscht zu haben. Wohl könnte die gewünschte Clairvoyance,

in welcher ich dem Betreffenden die questionierten Mitteilungen über

seine Person usw. machen kann, eintreten; zu garantieren vermag ich

indes nicht dafür. Noch weniger vermag ich aber auch dann, wenn solche

Visionsmitteilungen oder Weissagungen durch mich gegeben werden, nicht

die Gewähr dafür zu übernehmen, ob das Gesagte, soviel auch sonst

schon immer, wie konstatiert worden, nach dieser Richtung eingetroffen

ist, auch wirklich eintrifft; denn ich fürchte leicht, daß infolge

des geäußerten Wunsches und des dadurch, wenn auch unmerklich auf

mich ausgeübten geistigen Druckes die Vision, die Weissagung auch,

ohne daß ich es eben will, ein Bild meiner für mich selber unbemerkt

einsetzenden Phantasie werden könnte.« Am wichtigsten ist der Satz der

Frau de Ferriëm: »=Was mich betrifft, so kann ich auf Wunsch fast nie

prognostizieren oder hellsehen.=«

Diese von der Seherin abgegebene Erklärung ist ohne weiteres

einleuchtend. Sie dürfte auch für das Nichteintreffen vieler unter

den erwähnten Bedingungen zustande gekommener Weissagungen genügende

Begründung sein.

Damit beantwortet sich auch die Frage, was von Prophezeiungen der

gewerbsmäßigen Wahrsagerinnen zu halten ist, ganz von selbst. Es soll

weder bestritten werden, daß viele von ihnen die Gabe des Hellsehens

besitzen, noch auch daß manche Vorhersage verblüffend genau, ja bis

ins kleinste Detail, eintrifft, wie ja solche Personen auch oft aus

der Vergangenheit Dinge wissen, die sie auf normalem Wege unmöglich in

Erfahrung gebracht haben können.

Das hindert aber nicht, daß wir mit dem größten Mißtrauen diesen

Prophetinnen begegnen müssen. Wer für einige Mark sich täglich so

und so oft in einen Zustand versetzen soll, der nicht viel mehr vom

Willen abhängig ist, wie der Fall eines Meteors, muß notgedrungen

zum Schwindel greifen, um seine Kundschaft nicht zu verlieren. Er

wird allgemeine Redensarten gebrauchen, die mehr oder minder für

jeden passen. Er wird, selbst wenn er eine Vision haben sollte, sie

vermittelst der Phantasie nach Tunlichkeit ausmalen. Er wird sich auch

absichtlich möglichst dunkel und geheimnisvoll ausdrücken. Schließlich

verstehen diese Frauen wohl auch oft mehr von den Menschen und ihren

Wünschen, als von der Prophetie, so daß nicht dringend genug vor ihrer

Konsultation gewarnt werden kann.

Aber selbst angenommen, die Wahrsagerinnen könnten wirklich dem

einzelnen die Zukunft vorher verkünden – was wäre der Gewinn?

Entweder sie stellen goldene Berge – buchstäblich und metaphorisch

– in Aussicht, dann wird die Mehrzahl der mit solchem Prognostikon

Beglückten durch die Gegenwart hasten, nur den Blick auf das verheißene

Ziel gerichtet, um, selbst wenn sie es ja erlangen sollten, zu spät zu

bemerken, daß sie um ihr Lebensglück, um den Genuß des Augenblickes,

betrogen wurden.

Oder aber die Prophetie lautet traurig, dann wird das arme Opfer seiner

unangebrachten Neugier wie Damokles sich keiner frohen und sorglosen

Minute mehr erfreuen.

Das Leben eines jeden von uns ist nun mal ein großes Drama. Mögen die

retardierenden Momente auch mehr oder minder zahlreich sein, mag der

Abgang mit größerem oder geringerem Glanz, mit größerer oder geringerer

Pein verbunden sein:

omnes una manet nox et calcanda semel via leti[222].

Schlimmer aber noch als das eigene Ende, ist die Trennung von unseren

Lieben, ist der Verlust der Achtung vor sich selbst oder jahrelanges

Siechtum. Und wie vielen von uns steht das bevor?!

Wenn wir daher dem Schicksal für etwas danken müssen, so ist es für

seine Dunkelheit. Gibt es Prophezeiungen, gibt es Personen, die die

wunderbare Gabe besitzen, unsern Lebensweg zu schauen, bevor wir ihn

vollendeten; so bewahre uns ein gütiges Geschick davor, in ihren

Bannkreis zu geraten!

So sehr es das Problem der Prophetie verdient, daß die Besten sich

mühen, das Rätsel dieser Naturkraft zu lösen, – denn welche schönere

Aufgabe könnte der Wissenschaft winken als die durch Findung einer

neuen Wahrheit das Weltbild zu ergänzen? – so sehr wir bestrebt sein

müssen, nach Ausschaltung der Fehlerquellen die allgemeingültige Formel

in Händen zu halten, so sehr – das kann jetzt schon gesagt werden

– wäre es zu beklagen, wenn der Einzelne sich dieses Instrumentes

bedienen würde, um damit Dinge zu enthüllen, die eine gnädige Vorsehung

in Dunkel tauchte.

3. Eine weitere Fehlerquelle ist die =Gedankenübertragung=. Mir ist

sehr wohl bekannt, daß die gelehrte Zunft dieses Phänomen noch nicht

anerkennt, wiewohl die Beweise dafür längst erbracht sind. Es ist

hier nicht der Ort näher darauf einzugehen, wir wollen uns daher auf

folgende Erwägung beschränken:

Wenn Gedankenübertragung überhaupt vorkommt, dann liegt es auf der

Hand, daß wir sie am ehesten bei besonders sensiblen Individuen finden

werden. Nun scheint es doch unbestreitbar zu sein, daß die mit der

Gabe des Hellsehens ausgestatteten Personen besonders feinfühlig sind.

Wir werden also bei ihnen auch zuerst Reaktion auf Gedanken anderer

voraussetzen dürfen. Angenommen nun in einer prophetischen Sitzung

denke jemand intensiv in einer bestimmten Richtung mit, so liegt die

Vermutung einer dadurch herbeigeführten Beinflussung nahe. Sie wird zur

Gewißheit durch die Bekundungen der Somnambulen selbst.

Wenn wir die Möglichkeit einiger Visionen zugeben, so braucht man

durchaus nicht mit gewissen Spiritisten an ungezogene oder böswillige

Kobolde zu glauben, die aus reiner Freude am Unfug falsche Bilder

vorgaukeln. Man braucht auch mit Dr. Egbert Müller[223] nicht

einverstanden zu sein, wenn er schreibt: »Nicht in Erfüllung gehende

Visionen können dennoch wirkliche Visionen sein, weil es doch scheinen

will, daß für die Vorgeschichte des Sehers von dem wirklich in der

Zukunft geschehenden erst noch =Zwischengesichte= durchdrungen

werden müssen, gerade wie wir mit unserem Denken oft erst durch eine

Fülle =unzutreffender= Gedanken endlich zu dem brauchbar =richtigen=

hingelangen.« Denn wenn wir so argumentieren, dann machen wir uns die

Sache zu leicht. Eine richtige Vision kann doch nur da vorliegen, wo

sich wirklich die Ereignisse so abspielen, wie der Seher sie schaut.

Aufs Räumliche übertragen: das beste Fernrohr, das uns Dinge zeigt,

die für das unbewaffnete Auge unsichtbar sind, sieht doch Dinge,

die wirklich da sein müssen, wenn auch in großer Ferne. Machten wir

uns den Gedanken Dr. Müllers zu eigen, dann könnte ein Fernrohr uns

auch Objekte zeigen, die nicht existieren oder doch solche, die in

Wirklichkeit anders aussehen. Denn was den »Zwischengesichten« in der

Zeit entspricht, wären hier die räumlichen Strecken zwischen unserem

Auge und dem Objekt.

Der Vergleich dürfte zeigen, daß Dr. Müllers Deutung irrig ist.

Die Vision muß, wenn sie als Prophezeiung gelten soll, unbedingt

richtig sein. Allerdings braucht sie keineswegs den Schluß eines

Vorganges, noch nicht einmal den wichtigsten Moment herauszugreifen. Es

genügt völlig, wenn sie, wie etwa eine Platte des Kinematographen, nur

=einen= Moment einer Handlung festhält.

Mir scheinen irrige Visionen – nicht etwa Halluzinationen – nicht

wahrscheinlich. Wir sind auch nicht gehalten, sie anzunehmen. Denn wie

wir ja auch in die größte Verlegenheit kämen, aus einem oder wenigen

Momenten des kinographischen Vorganges die ganze Handlung, deren

Vorstadien und besonders deren Ende zu rekonstruieren, so muß es auch

auf die größten Schwierigkeiten stoßen, eine flüchtige Vision richtig

zu interpretieren.

Méry meint, die vom Propheten verkündeten Ereignisse könnten doch von

ihm nicht aus dem Schoß der Zukunft herausgenommen werden, wie etwa

Zigarren aus ihrer Kiste. Vielmehr handle es sich um die Wahrnehmung

entfernter Wirklichkeiten, deren Ursachen zur Zeit der Vorhersage

bereits gegeben sind.

Verdient der letzte Satz unsere Zustimmung, so der vorhergehende

unseren teilweisen Widerspruch.

»Genommen« wird vom Propheten gewiß nichts, denn die Visionen,

wenigstens die echten und zuverlässigen, kommen ebenso spontan – darin

müssen wir den Hellsehern glauben – wie die Träume. Die produzierende

Tätigkeit des Sehers, wenigstens die bewußte, ist also annähernd

gleich Null. Wohl aber sind die einzelnen Visionen so isoliert,

wie es einzelne kinematographische Platten wären, die uns, aus dem

Zusammenhang der Handlung gerissen, vor Augen gestellt würden. In

diesem Sinne entsprechen also die Visionen allerdings den Zigarren, nur

daß sie nicht von uns freiwillig aus der Kiste gewählt, sondern von

einem andern uns in die Hand gedrückt werden.

Der Vergleich hinkt allerdings: zunächst ist eine Zigarre ein von der

Umgebung losgelöster Einzelgegenstand, während die Vision gleich einem

Relief stets mit dem Hintergrund – unserem Bewußtsein, Unterbewußtsein

oder Phantasie, sagen wir kurz: unserer Seele – zusammenhängt. Sie kann

deshalb nicht isoliert betrachtet werden.

Dazu kommt ein zweites, noch wichtigeres Moment: Die Vision ist doch

kein Gegenstand, den wir nach Herzenslust und mit aller Gründlichkeit

beliebig lange betrachten können, sondern sie ist in Bewegung, ein

Vorüberhuschen, genau wie die Films des Kinematographen.

Nehmen wir an, jemand von uns solle einige Momente einer

kinematographisch reproduzierten Handlung erzählen. Er würde nicht

nur im Detail große Irrtümer begehen, er würde auch vor allem

wichtige Momente übersehen, Nebensächliches in den Vordergrund rücken

und so durch unrichtige Beleuchtung das Bild verzerren. Dazu aber

kommen Kausalitätsbedürfnis und Kombination. Er wird also Vorstadien

rekonstruieren, die seines Erachtens den veranschaulichten Momenten

vorangingen, ohne sich dieser seiner Tätigkeit bewußt zu sein.

Ferner wird er das Bild automatisch fortsetzen und auch dieses sein

Phantasieprodukt für etwas wirklich Gesehenes halten.

Nun ist noch zu bedenken, daß auch das schnell vorbeiziehende Gemälde

des Kinematographen aus Einzelbildern zusammengesetzt ist, von denen

jedes wenigstens ganz scharfe Konturen hat. Die Folge der Einzelbilder

ist nur zu schnell, um jedes scharf erfassen zu können, aber die Bilder

selbst sind vollkommen deutlich.

Anders bei der Vision, oder doch bei sehr vielen Visionen. Hier ziehen

die Bilder nicht nur oft mit großer Geschwindigkeit vorüber, sie sind

auch in sich häufig unklar, nebelhaft.

Berücksichtigen wir diese Faktoren alle, so liegt die Erklärung – unter

der Voraussetzung, die Vision sei echt und die Bilder wahr – für irrige

Voraussagen auf der Hand: Sie beruhen auf =Fehler des Sehens oder

Hörens=, auf =Fehler des Gedächtnisses= und endlich auf =Fehler der

Interpretation=.

Denn daß die Auslegung des Gesehenen von ausschlaggebender Bedeutung

ist, leuchtet ohne weiteres ein.

Folgende Fehler scheinen mir in der Natur der Sache zu liegen:

1. Die Seherin erblickt ein Landschaftsbild, das sie nicht kennt. Sie

wird in diesem Falle eine allgemeine Voraussage machen, die zwar die

Handlung bzw. die Geschehnisse – unter den obigen Einschränkungen –

richtig enthält, aber den Ort offen läßt. Diese Vision hat dann durch

ihre Unbestimmtheit weniger Wert und wird von den Skeptikern nicht als

Beweis für die Tatsache der Prophezeiung zugelassen. Denn, so heißt

es dann sogar mit einigem Recht: jedes Unglück wird sich mal irgendwo

ereignen. Das würde man z. B. auch gegen die Vorhersage des Scheiterns

der »Gneisenau« anführen können, wenn nicht andere Momente, etwa der

Bart des Kapitäns, dagegen sprächen. Rein als Geschehnis genommen, d.

h. Auflaufen eines deutschen Kriegsschiffes auf einen Felsen, hätte die

Vision aber wenig Wert, da das ja ein Unfall ist, dem leider unsere

Marine schon öfter Verluste zuzuschreiben hatte.

2. Die Seherin erblickt ein Landschafts- oder ein Stadtbild, das

sie mit einem bekannten identifizieren zu können glaubt. Sie wird

nun apodiktisch erklären: Xstadt wird von einem Erdbeben zerstört!

Tatsächlich hat sie sich aber insofern geirrt, als das Stadtbild zwar

richtig gesehen, aber falsch gedeutet war. Es war nämlich Astadt. Hier

liegt dann der Fehler nicht in der Vision, sondern in der falschen

Interpretation eines richtig gesehenen Vorganges.

Da auch die weitestgereiste Seherin unmöglich die ganze Erde kennen

und ihr Bild – das ja noch dazu im Laufe der Jahre sich ändert – im

Gedächtnis behalten kann, da auch Irrtümer in der Agnostizierung leicht

vorkommen können, so werden die beiden genannten Lücken bzw. Fehler der

Interpretation sehr häufig sein.

3. Die Seherin liest eine Inschrift oder ein Datum falsch, weil die

betreffende Tafel ihr nur verschwommen erscheint.

4. Die Seherin liest zwar die Tafel richtig, kombiniert dann aber

falsch.

Ein solcher Fall ist mir in der Praxis passiert: Eine bekannte Dame,

Hellseherin, aber weder ausgebildet noch gegen Entgeld ausübend,

erzählte mir, sie hätte den Tod des Prinzregenten von Bayern für den

Herbst 1907 vorhergesehen. Natürlich fragte ich, wie sie das gemacht

habe, da ich damals noch Visionen für unmöglich hielt und es mir die

größte Freude gemacht hätte, die Dame ad absurdum zu führen. Sie teilte

mir dann mit – und ich brachte es zu Papier – sie habe fürstlichen

Trauerfeierlichkeiten, die sie beschrieb, in der Theatinerkirche

beigewohnt, habe auch die Inschrift auf dem Katafalk gesehen, aber,

wegen zu großer Entfernung, nur verschwommen lesen können. Immerhin

konnte sie den Monat entziffern – es war der November – und vom Datum

mit Bestimmtheit die erste Ziffer 1, und dann glaubte sie noch eine 3

oder 5 gesehen zu haben. Das wisse sie aber nicht genau.

Tatsächlich starb ein königlicher Prinz am 12. November des genannten

Jahres und wurde, wie in der Vision gesehen, beigesetzt. Der Landesherr

war es aber nicht. Hier war nicht die Vision falsch, sondern die

Interpretation. Die Dame hatte sich =gedacht=, es sei der Regent.

Daß Irrtümer der sinnlichen Wahrnehmung auch beim Hören von Tönen

vorkommen können, und daß ferner die irrige Interpretation sich auf

alles erstrecken kann, leuchtet ein. Wir wollen daher auf diesem Punkt

nicht weiter verharren, um mit der Konstatierung zu schließen, daß

eine falsche Prophezeiung sehr wohl bei richtiger Vision möglich ist,

ja daß sogar in der Regel die Prophezeiung keine exakte Wiedergabe des

auf übersinnlichem Wege Wahrgenommenen sein wird. Deshalb beweist das

Nichteintreffen einer Vorhersage gar nichts gegen die Tatsache, daß es

richtige Prophezeiungen gibt.

Bisher nahmen wir an, daß es sich um richtige Visionen handelt, wenn

sie auch – etwa durch Gedankenübertragung – beeinflußt sein mögen. Aber

sehr häufig wird der Seher eine Vision zu haben glauben, und es ist gar

keine; die Phantasie spielte ihm einen Streich.

Da die Grenzen zwischen Vision und Halluzination bzw. Phantasiebild

sehr schwer zu ziehen sind, wohl oft noch schwerer als die zwischen

Traum und Wachen, so kommt es zweifellos sehr häufig vor, daß die

Somnambule in Trance gewesen zu sein glaubt, während sie wachte. Dann

wird sie etwas als eine auf übersinnlichem Wege gewonnene Wahrheit

verkünden, was nur ihr Phantasieprodukt ist.

Aus allen diesen Fehlerquellen, die wir hier aufzuzeigen versuchten,

ohne uns einzubilden, Vollständigkeit erreicht zu haben[224], geht

so viel mit Sicherheit hervor, daß es weder leicht ist eine richtige

Vision bzw. Prophezeiung als solche zu erkennen und zu interpretieren,

noch auch zulässig ist aus Irrtümern, die der Seher begeht, zu folgern,

daß es kein zeitliches Fernsehen gibt.

Ein von mir im übrigen hochverehrter Gelehrter suchte sich über die

Realität des Fernsehens zu informieren, indem er Hellseherinnen oder

Personen, die im Rufe standen, es zu sein, die Fragen vorlegte: was

er in der Tasche habe? was er heute Mittag gegessen habe? usw. Da die

betreffenden Personen darauf meistens die Antwort schuldig bleiben

mußten, so stand für den Professor die Tatsache fest, daß Prophetie

Schwindel sei.

Der gute Mann forderte Allwissenheit. Das war ein kleiner Irrtum. Er

war ferner naiv genug, zu glauben, man erforsche die Natur, indem man

ihr Bedingungen stelle, statt daß man sich den von ihr aufgestellten

unterordnet.

Ärzte finden sich mit dem Problem auch sehr leicht ab. Wo sie mit

dem Zufall nicht auskommen, nennen sie es Hysterie. Denn wo Begriffe

fehlen, da stellt zur rechten Zeit ein Wort sich ein. Übrigens ist

es ziemlich leicht, schon äußerlich den mit der Gabe des zeitlichen

Fernsehens ausgestatteten zu erkennen. Man sieht es an den Augen. Ich

habe mich fast nie geirrt.

Dagegen möchten wir darauf hinweisen, daß auch der beste Schütze

Fehlschüsse tut, daß sogar ein Idealgewehr in gewissen Fällen nicht

treffen =kann=, wenn nämlich der Streuungskegel größer ist als das Ziel

(vgl. S. 153 f.).

Wir haben festgestellt, daß es eine Kraft der Prophetie gibt, ein

zeitliches Fernsehen. Aufgabe der Wissenschaft muß es nun in Zukunft

sein, aufzudecken, unter welchen Voraussetzungen diese Kraft in

Wirksamkeit tritt, ihre Stärke zu ermitteln und ihren Streuungskegel

zu berechnen. Ist das alles geschehen, dann mag sie mit Kant und

Schopenhauer nach einer metaphysischen Erklärung suchen, aber sie nicht

schon in der Leugnung der Realität der Zeit gefunden zu haben glauben.

Wir, die wir als Historiker die Frage prüften, müssen uns mit folgender

Konstatierung begnügen:

=Der Glaube an Prophetie ist kein mittelalterlicher Aberglaube. Er ist

eine neue Wahrheit, die wir erstmalig zwingend bewiesen.= Wir =wissen=

nunmehr von der Existenz des zeitlichen Fernsehens.

Fußnoten:

[214] Gedruckt in der Ausgabe du Pin, Antwerpen 1706, I. Bd., Spalte 37

ff., der folgende Traktat eb. Sp. 43 ff.

[215] Übersetzung beider Traktate nach der Ausgabe von Hardt (Helmstädt

1692) von Johann Gabriel Süße, als Anhang der »Umständlichen Nachricht

von dem sogenannten Prossner Manne. Christian Heerings ...« Dresden und

Leipzig 1772.

[216] Spiritus Prophetarum non semper esse in potestate, vel distincta

cogitatione Prophetarum.

[217] Die Geschichte des ganzen Streites ist eingehend von Süße

behandelt unter dem Titel: »Historisch-Theologische Abhandlung über die

Casual-Frage: Obs noch heut zu Tage neue Offenbarungen von wichtigen

Revolutionen in dem Kirchen- und Weltlichen Staat, und von besondern

Schicksalen einzelner Personen, gebe, und was von selbigen zu halten

sey?« im Anhang der »Umständlichen Nachricht«, S. 49–124.

[218] Die wichtigste Literatur dieser Streitschriften dürfte nach Süße

sein: =Jacob Stolterfoht=, »Schriftmäßiges Bedenken von Gesichten«,

Lübeck 1632. =Jacob Fabricius=, »Probatio Visionum«, Nürnberg 1642

(von der theol. Fakultät zu Wittenberg in einem Gutachten zensuriert,

vgl. Süße, S. 76 ff., gedruckt in den Consilia Theologica Wittenberg,

p. 804–817). =Jacob Stolterfohts= Nothwendige Wahrheit- und

Ehren-Rettung wider Fabricii Probationem Visionum invictam, Lübeck

1647. =Johann Wilhelm Petersen=, »Sendschreiben an einige Theologos

und Gottesgelahrten, betreffend die Frage: Ob Gott nach der Auffahrt

Christi nicht mehr heutiges Tages durch göttliche Erscheinung denen

Menschen-Kindern sich offenbaren wolle, und sich dessen ganz begeben

habe ...«, Lübeck 1691. (Petersen behauptet göttliche Offenbarung auch

in Glaubensfragen) dagegen u. a.: =Valentin Ernst Löscher=, Repetitio

orthodoxae doctrinae de Visionibus et Revelationibus«, Wittenberg

1692. =Caspar Löscher=, »de Visionibus«, eb. 1693. =Ph. Jac. Spener=,

»Theologisches Bedenken usw.«, 1692 von einem Anonymus ohne Druckort

herausg. Ders., »Theologisches Bedenken Herrn D. Speners über Heinr.

Kratzenstein usw.«, 1693. Ohne Druckort. (Ohne Einwilligung Speners

erschienen.) Neudruck im gleichen Jahre mit dem Zusatz »Erklärung

über die Frage: Was von Gesichten und Erscheinungen zu halten sey?«

Frankfurt a. O. Ein Auszug aus diesen Schriften bei Süße, »Umständliche

Nachricht«, S. 165 bis 184. =Joh. Lysius=, »Schelwigische Synopsi

controversiarum«, 1712. =Johann Mich. Heineccius=, »Schriftmäßige

Prüfung der sogenannten neuen Propheten«, Halle 1715. =Joachim Lange=,

»Nöthiger Unterricht von unmittelbaren Offenbarungen«, eb. 1715.

=Joh. Porst=, »Verhalten derer Gläubigen bey denen außerordentlichen

Bewegungen und Aussprachen«, 1715. =Joh. Lysius=, »Wahrhaftige

Erzehlung dessen, was zu Berlin mit einigen sogenannten Inspirirten

vorgegangen«, 1715. =Martin Chladenius=, »De Inspiratis sine Spiritu«,

Wittenberg 1715. =Lysius=, »Schutzschrift wider die Beschuldigungen

Chladenii«, 1715. =Christoph Ludwig Stieglitz=, »Nothwendige Erinnerung

an Herrn Johann Lysium«, Naumburg 1716, dagegen Repliken von Lysius und

»Gegenvorstellung« von Stieglitz.

[219] Joh. =Olearius=, Synopses Controversiarum, Synops. V. concern.

Controversias cura Fanaticis, Thes. IX., Quartausg. p. 7, Oktavausg. p.

485.

[220] Zweite erweiterte Aufl. 1717. S. 4–25 der Schrift werden die

Weissagungen der Reformation durch Johannes Hus, Hieronimus von Prag,

Johann Wessel, Johann Keisersberg, Sebastian Brand, Johan Hilten,

Andreas Proles und Johann Spangenberg angeführt. Sie beruhten zwar zum

Teil auf Zufall oder Berechnung, doch leuchte auch aus vielen etwas

Göttliches heraus.

[221] »Mein geistiges Schauen in die Zukunft«, S. 102.

[222] Horaz, Carm. I, 28.

[223] Zitiert nach Ferriëm, S. 108 Anm.

[224] Der Interessent sei nachstehend auf die wichtigste einschlägige

Literatur, soweit wir sie nicht im Text nannten, verwiesen. Ihre

Bekanntschaft verdanke ich der Liebenswürdigkeit des Grafen Karl von

Klinkowström. Ich bemerke aber ausdrücklich, daß ich sie =nicht=

studierte, da ich bewußt als =Historiker= an das Thema herantrat und

mir meine Unbefangenheit bis zum Schluß bewahren wollte. E. Parish,

Zur Kritik des telepathischen Beweismaterials, 1897; M. Dessoir,

»Doppelich«; L. Loewenfeld, »Somnambulismus und Spiritismus«, 1907; N.

Kotik, »Die Emanation der psychophysischen Energie«, Wiesbaden 1908.

Alphabetisches Verzeichnis der wichtigeren Personen und Sachen

Achilleus 44.

Adelung 100 f., 192.

Agrippa, Cornelius, 350.

Aigospotamoi 40.

Alexander 66, 72.

Amos 26 f.

Apollo 33, 35 f., 41.

Arago 4.

Argens, Marquis d’, 108 f., 172.

Arnold 97 f.

Assyrer 26 f., 28.

Astrologie 70 f., 79 ff., 347 ff., 402.

Athen 34 f.

Atia 65 f.

Aufklärung 8 f.

Augustinus 2.

Augustus 65 ff., 71 f.

Automobil, vorhergesagt, 120.

Autoritäten 3 f., 7.

Babylonisches Exil 28.

Baid 10.

Bailly 10, 299.

Barry, du, 323.

Barton, Elisabeth, 92.

Bassompierre 91.

Baudus, de, 116 ff.

Bazarbrand in Paris, vorhergesagt, 122 ff., 333.

Beauharnais 313.

Beaumont, Frau von, 63 f.

Beckmann 340.

Bellini 143.

Berechnung 141 f.

Bernhard, hl., 407.

Bertholon 3.

Bessières, Marschall, 116 f.

Biron, Herzog, 93 f.

Bismarck 59 f., 372.

Blake, W., 136.

Blücher 273, 289.

Böhm 61 f.

Bormann, W., 307 ff., 313, 320 ff., 336 f., 339 f., 374 f., 378 f.

Bouland 307.

Bourbonen, Vorhersage des Unterganges, 96 f.

Boussénard 64.

Bouthors 53.

Bose, General, 216.

Brahe, Tycho de, 14, 84.

Brand, Sebastian, 412.

Brantôme 352.

Brugsch, H., 56.

Brühl, Graf, 213 f., 262, 264, 269 ff.

Brunswig, Alfred, Vorwort.

Brüx-Dux, Kohlenbergwerk, 334 ff.

Buddha 72.

Caesar 41 ff., 60, 64 f., 67.

Calpurnia 43.

Campan 377, 388.

Capelli, Bianca, 78.

Capistrano 88 f.

Capys 42.

Cardanus 87 f.

Cario, Joh., 100 f., 192.

Carmine, Giuliano del, 106.

Cassius, Dio, 70.

Cazotte, 293, 296 ff., 306 ff.

Chamfort 295, 298, 300 f.

Chavigni 354 f.

Chronogramme 396.

Chrysippos 41.

Cervoni 119.

Cicero 2, 33, 69, 140.

Clarence, Herzog von, 333.

Clément 350, 364 f., 370.

Clerepeyne 366 ff., 383 f.

Coligny 358.

Collinitius-Tannstetter 14.

Comenius 192.

Condorcet 297.

Cornelius Balbus 42.

Couédon 122 ff.

Créqui, Marquise, 324.

Dariex 105.

Davidson 49 ff.

Davis, A. J., 119 ff.

Davy 3.

Eduard VII., Vorhersage des Todes, 86.

Ehrlich 279 ff., 289 ff.

Eingeweideschau 44.

Engel 123.

England, Weltherrschaft, 390 f.

Ennius 69.

Erfurt, Vorhersage, 94 f.

Ervieux, d’, 105.

Eschenmayer 109 ff.

Eugen, Papst, 78.

Ezechiel 28 f.

Prophezeiungen · 第 26 / 27 段