seiten der Sitzungsteilnehmer geäußerten =Wünschen= oder =bestimmten
Fragen=! »Die Gesichte müssen am besten spontan eintreten. Die spontan
kommenden Visionen und Weissagungen haben sich als die zuverlässigsten
erwiesen und tritt die Clairvoyance auch spontan bei mir ein. Wenn
jemand z. B. wünscht, ich soll ihm seine Zukunft sagen oder etwas über
seine Vergangenheit – ich könnte es nicht bzw. könnte es wenigstens
nicht so ohne weiteres. Wie bemerkt, sehe ich fast täglich geistig
genug und vielerlei, aber ohne irgend etwas Bestimmtes in dieser
Beziehung gewünscht zu haben. Wohl könnte die gewünschte Clairvoyance,
in welcher ich dem Betreffenden die questionierten Mitteilungen über
seine Person usw. machen kann, eintreten; zu garantieren vermag ich
indes nicht dafür. Noch weniger vermag ich aber auch dann, wenn solche
Visionsmitteilungen oder Weissagungen durch mich gegeben werden, nicht
die Gewähr dafür zu übernehmen, ob das Gesagte, soviel auch sonst
schon immer, wie konstatiert worden, nach dieser Richtung eingetroffen
ist, auch wirklich eintrifft; denn ich fürchte leicht, daß infolge
des geäußerten Wunsches und des dadurch, wenn auch unmerklich auf
mich ausgeübten geistigen Druckes die Vision, die Weissagung auch,
ohne daß ich es eben will, ein Bild meiner für mich selber unbemerkt
einsetzenden Phantasie werden könnte.« Am wichtigsten ist der Satz der
Frau de Ferriëm: »=Was mich betrifft, so kann ich auf Wunsch fast nie
prognostizieren oder hellsehen.=«
Diese von der Seherin abgegebene Erklärung ist ohne weiteres
einleuchtend. Sie dürfte auch für das Nichteintreffen vieler unter
den erwähnten Bedingungen zustande gekommener Weissagungen genügende
Begründung sein.
Damit beantwortet sich auch die Frage, was von Prophezeiungen der
gewerbsmäßigen Wahrsagerinnen zu halten ist, ganz von selbst. Es soll
weder bestritten werden, daß viele von ihnen die Gabe des Hellsehens
besitzen, noch auch daß manche Vorhersage verblüffend genau, ja bis
ins kleinste Detail, eintrifft, wie ja solche Personen auch oft aus
der Vergangenheit Dinge wissen, die sie auf normalem Wege unmöglich in
Erfahrung gebracht haben können.
Das hindert aber nicht, daß wir mit dem größten Mißtrauen diesen
Prophetinnen begegnen müssen. Wer für einige Mark sich täglich so
und so oft in einen Zustand versetzen soll, der nicht viel mehr vom
Willen abhängig ist, wie der Fall eines Meteors, muß notgedrungen
zum Schwindel greifen, um seine Kundschaft nicht zu verlieren. Er
wird allgemeine Redensarten gebrauchen, die mehr oder minder für
jeden passen. Er wird, selbst wenn er eine Vision haben sollte, sie
vermittelst der Phantasie nach Tunlichkeit ausmalen. Er wird sich auch
absichtlich möglichst dunkel und geheimnisvoll ausdrücken. Schließlich
verstehen diese Frauen wohl auch oft mehr von den Menschen und ihren
Wünschen, als von der Prophetie, so daß nicht dringend genug vor ihrer
Konsultation gewarnt werden kann.
Aber selbst angenommen, die Wahrsagerinnen könnten wirklich dem
einzelnen die Zukunft vorher verkünden – was wäre der Gewinn?
Entweder sie stellen goldene Berge – buchstäblich und metaphorisch
– in Aussicht, dann wird die Mehrzahl der mit solchem Prognostikon
Beglückten durch die Gegenwart hasten, nur den Blick auf das verheißene
Ziel gerichtet, um, selbst wenn sie es ja erlangen sollten, zu spät zu
bemerken, daß sie um ihr Lebensglück, um den Genuß des Augenblickes,
betrogen wurden.
Oder aber die Prophetie lautet traurig, dann wird das arme Opfer seiner
unangebrachten Neugier wie Damokles sich keiner frohen und sorglosen
Minute mehr erfreuen.
Das Leben eines jeden von uns ist nun mal ein großes Drama. Mögen die
retardierenden Momente auch mehr oder minder zahlreich sein, mag der
Abgang mit größerem oder geringerem Glanz, mit größerer oder geringerer
Pein verbunden sein:
omnes una manet nox et calcanda semel via leti[222].
Schlimmer aber noch als das eigene Ende, ist die Trennung von unseren
Lieben, ist der Verlust der Achtung vor sich selbst oder jahrelanges
Siechtum. Und wie vielen von uns steht das bevor?!
Wenn wir daher dem Schicksal für etwas danken müssen, so ist es für
seine Dunkelheit. Gibt es Prophezeiungen, gibt es Personen, die die
wunderbare Gabe besitzen, unsern Lebensweg zu schauen, bevor wir ihn
vollendeten; so bewahre uns ein gütiges Geschick davor, in ihren
Bannkreis zu geraten!
So sehr es das Problem der Prophetie verdient, daß die Besten sich
mühen, das Rätsel dieser Naturkraft zu lösen, – denn welche schönere
Aufgabe könnte der Wissenschaft winken als die durch Findung einer
neuen Wahrheit das Weltbild zu ergänzen? – so sehr wir bestrebt sein
müssen, nach Ausschaltung der Fehlerquellen die allgemeingültige Formel
in Händen zu halten, so sehr – das kann jetzt schon gesagt werden
– wäre es zu beklagen, wenn der Einzelne sich dieses Instrumentes
bedienen würde, um damit Dinge zu enthüllen, die eine gnädige Vorsehung
in Dunkel tauchte.
3. Eine weitere Fehlerquelle ist die =Gedankenübertragung=. Mir ist
sehr wohl bekannt, daß die gelehrte Zunft dieses Phänomen noch nicht
anerkennt, wiewohl die Beweise dafür längst erbracht sind. Es ist
hier nicht der Ort näher darauf einzugehen, wir wollen uns daher auf
folgende Erwägung beschränken:
Wenn Gedankenübertragung überhaupt vorkommt, dann liegt es auf der
Hand, daß wir sie am ehesten bei besonders sensiblen Individuen finden
werden. Nun scheint es doch unbestreitbar zu sein, daß die mit der
Gabe des Hellsehens ausgestatteten Personen besonders feinfühlig sind.
Wir werden also bei ihnen auch zuerst Reaktion auf Gedanken anderer
voraussetzen dürfen. Angenommen nun in einer prophetischen Sitzung
denke jemand intensiv in einer bestimmten Richtung mit, so liegt die
Vermutung einer dadurch herbeigeführten Beinflussung nahe. Sie wird zur
Gewißheit durch die Bekundungen der Somnambulen selbst.
Wenn wir die Möglichkeit einiger Visionen zugeben, so braucht man
durchaus nicht mit gewissen Spiritisten an ungezogene oder böswillige
Kobolde zu glauben, die aus reiner Freude am Unfug falsche Bilder
vorgaukeln. Man braucht auch mit Dr. Egbert Müller[223] nicht
einverstanden zu sein, wenn er schreibt: »Nicht in Erfüllung gehende
Visionen können dennoch wirkliche Visionen sein, weil es doch scheinen
will, daß für die Vorgeschichte des Sehers von dem wirklich in der
Zukunft geschehenden erst noch =Zwischengesichte= durchdrungen
werden müssen, gerade wie wir mit unserem Denken oft erst durch eine
Fülle =unzutreffender= Gedanken endlich zu dem brauchbar =richtigen=
hingelangen.« Denn wenn wir so argumentieren, dann machen wir uns die
Sache zu leicht. Eine richtige Vision kann doch nur da vorliegen, wo
sich wirklich die Ereignisse so abspielen, wie der Seher sie schaut.
Aufs Räumliche übertragen: das beste Fernrohr, das uns Dinge zeigt,
die für das unbewaffnete Auge unsichtbar sind, sieht doch Dinge,
die wirklich da sein müssen, wenn auch in großer Ferne. Machten wir
uns den Gedanken Dr. Müllers zu eigen, dann könnte ein Fernrohr uns
auch Objekte zeigen, die nicht existieren oder doch solche, die in
Wirklichkeit anders aussehen. Denn was den »Zwischengesichten« in der
Zeit entspricht, wären hier die räumlichen Strecken zwischen unserem
Auge und dem Objekt.
Der Vergleich dürfte zeigen, daß Dr. Müllers Deutung irrig ist.
Die Vision muß, wenn sie als Prophezeiung gelten soll, unbedingt
richtig sein. Allerdings braucht sie keineswegs den Schluß eines
Vorganges, noch nicht einmal den wichtigsten Moment herauszugreifen. Es
genügt völlig, wenn sie, wie etwa eine Platte des Kinematographen, nur
=einen= Moment einer Handlung festhält.
Mir scheinen irrige Visionen – nicht etwa Halluzinationen – nicht
wahrscheinlich. Wir sind auch nicht gehalten, sie anzunehmen. Denn wie
wir ja auch in die größte Verlegenheit kämen, aus einem oder wenigen
Momenten des kinographischen Vorganges die ganze Handlung, deren
Vorstadien und besonders deren Ende zu rekonstruieren, so muß es auch
auf die größten Schwierigkeiten stoßen, eine flüchtige Vision richtig
zu interpretieren.
Méry meint, die vom Propheten verkündeten Ereignisse könnten doch von
ihm nicht aus dem Schoß der Zukunft herausgenommen werden, wie etwa
Zigarren aus ihrer Kiste. Vielmehr handle es sich um die Wahrnehmung
entfernter Wirklichkeiten, deren Ursachen zur Zeit der Vorhersage
bereits gegeben sind.
Verdient der letzte Satz unsere Zustimmung, so der vorhergehende
unseren teilweisen Widerspruch.
»Genommen« wird vom Propheten gewiß nichts, denn die Visionen,
wenigstens die echten und zuverlässigen, kommen ebenso spontan – darin
müssen wir den Hellsehern glauben – wie die Träume. Die produzierende
Tätigkeit des Sehers, wenigstens die bewußte, ist also annähernd
gleich Null. Wohl aber sind die einzelnen Visionen so isoliert,
wie es einzelne kinematographische Platten wären, die uns, aus dem
Zusammenhang der Handlung gerissen, vor Augen gestellt würden. In
diesem Sinne entsprechen also die Visionen allerdings den Zigarren, nur
daß sie nicht von uns freiwillig aus der Kiste gewählt, sondern von
einem andern uns in die Hand gedrückt werden.
Der Vergleich hinkt allerdings: zunächst ist eine Zigarre ein von der
Umgebung losgelöster Einzelgegenstand, während die Vision gleich einem
Relief stets mit dem Hintergrund – unserem Bewußtsein, Unterbewußtsein
oder Phantasie, sagen wir kurz: unserer Seele – zusammenhängt. Sie kann
deshalb nicht isoliert betrachtet werden.
Dazu kommt ein zweites, noch wichtigeres Moment: Die Vision ist doch
kein Gegenstand, den wir nach Herzenslust und mit aller Gründlichkeit
beliebig lange betrachten können, sondern sie ist in Bewegung, ein
Vorüberhuschen, genau wie die Films des Kinematographen.
Nehmen wir an, jemand von uns solle einige Momente einer
kinematographisch reproduzierten Handlung erzählen. Er würde nicht
nur im Detail große Irrtümer begehen, er würde auch vor allem
wichtige Momente übersehen, Nebensächliches in den Vordergrund rücken
und so durch unrichtige Beleuchtung das Bild verzerren. Dazu aber
kommen Kausalitätsbedürfnis und Kombination. Er wird also Vorstadien
rekonstruieren, die seines Erachtens den veranschaulichten Momenten
vorangingen, ohne sich dieser seiner Tätigkeit bewußt zu sein.
Ferner wird er das Bild automatisch fortsetzen und auch dieses sein
Phantasieprodukt für etwas wirklich Gesehenes halten.
Nun ist noch zu bedenken, daß auch das schnell vorbeiziehende Gemälde
des Kinematographen aus Einzelbildern zusammengesetzt ist, von denen
jedes wenigstens ganz scharfe Konturen hat. Die Folge der Einzelbilder
ist nur zu schnell, um jedes scharf erfassen zu können, aber die Bilder
selbst sind vollkommen deutlich.
Anders bei der Vision, oder doch bei sehr vielen Visionen. Hier ziehen
die Bilder nicht nur oft mit großer Geschwindigkeit vorüber, sie sind
auch in sich häufig unklar, nebelhaft.
Berücksichtigen wir diese Faktoren alle, so liegt die Erklärung – unter
der Voraussetzung, die Vision sei echt und die Bilder wahr – für irrige
Voraussagen auf der Hand: Sie beruhen auf =Fehler des Sehens oder
Hörens=, auf =Fehler des Gedächtnisses= und endlich auf =Fehler der
Interpretation=.
Denn daß die Auslegung des Gesehenen von ausschlaggebender Bedeutung
ist, leuchtet ohne weiteres ein.
Folgende Fehler scheinen mir in der Natur der Sache zu liegen:
1. Die Seherin erblickt ein Landschaftsbild, das sie nicht kennt. Sie
wird in diesem Falle eine allgemeine Voraussage machen, die zwar die
Handlung bzw. die Geschehnisse – unter den obigen Einschränkungen –
richtig enthält, aber den Ort offen läßt. Diese Vision hat dann durch
ihre Unbestimmtheit weniger Wert und wird von den Skeptikern nicht als
Beweis für die Tatsache der Prophezeiung zugelassen. Denn, so heißt
es dann sogar mit einigem Recht: jedes Unglück wird sich mal irgendwo
ereignen. Das würde man z. B. auch gegen die Vorhersage des Scheiterns
der »Gneisenau« anführen können, wenn nicht andere Momente, etwa der
Bart des Kapitäns, dagegen sprächen. Rein als Geschehnis genommen, d.
h. Auflaufen eines deutschen Kriegsschiffes auf einen Felsen, hätte die
Vision aber wenig Wert, da das ja ein Unfall ist, dem leider unsere
Marine schon öfter Verluste zuzuschreiben hatte.
2. Die Seherin erblickt ein Landschafts- oder ein Stadtbild, das
sie mit einem bekannten identifizieren zu können glaubt. Sie wird
nun apodiktisch erklären: Xstadt wird von einem Erdbeben zerstört!
Tatsächlich hat sie sich aber insofern geirrt, als das Stadtbild zwar
richtig gesehen, aber falsch gedeutet war. Es war nämlich Astadt. Hier
liegt dann der Fehler nicht in der Vision, sondern in der falschen
Interpretation eines richtig gesehenen Vorganges.
Da auch die weitestgereiste Seherin unmöglich die ganze Erde kennen
und ihr Bild – das ja noch dazu im Laufe der Jahre sich ändert – im
Gedächtnis behalten kann, da auch Irrtümer in der Agnostizierung leicht
vorkommen können, so werden die beiden genannten Lücken bzw. Fehler der
Interpretation sehr häufig sein.
3. Die Seherin liest eine Inschrift oder ein Datum falsch, weil die
betreffende Tafel ihr nur verschwommen erscheint.
4. Die Seherin liest zwar die Tafel richtig, kombiniert dann aber
falsch.
Ein solcher Fall ist mir in der Praxis passiert: Eine bekannte Dame,
Hellseherin, aber weder ausgebildet noch gegen Entgeld ausübend,
erzählte mir, sie hätte den Tod des Prinzregenten von Bayern für den
Herbst 1907 vorhergesehen. Natürlich fragte ich, wie sie das gemacht
habe, da ich damals noch Visionen für unmöglich hielt und es mir die
größte Freude gemacht hätte, die Dame ad absurdum zu führen. Sie teilte
mir dann mit – und ich brachte es zu Papier – sie habe fürstlichen
Trauerfeierlichkeiten, die sie beschrieb, in der Theatinerkirche
beigewohnt, habe auch die Inschrift auf dem Katafalk gesehen, aber,
wegen zu großer Entfernung, nur verschwommen lesen können. Immerhin
konnte sie den Monat entziffern – es war der November – und vom Datum
mit Bestimmtheit die erste Ziffer 1, und dann glaubte sie noch eine 3
oder 5 gesehen zu haben. Das wisse sie aber nicht genau.
Tatsächlich starb ein königlicher Prinz am 12. November des genannten
Jahres und wurde, wie in der Vision gesehen, beigesetzt. Der Landesherr
war es aber nicht. Hier war nicht die Vision falsch, sondern die
Interpretation. Die Dame hatte sich =gedacht=, es sei der Regent.
Daß Irrtümer der sinnlichen Wahrnehmung auch beim Hören von Tönen
vorkommen können, und daß ferner die irrige Interpretation sich auf
alles erstrecken kann, leuchtet ein. Wir wollen daher auf diesem Punkt
nicht weiter verharren, um mit der Konstatierung zu schließen, daß
eine falsche Prophezeiung sehr wohl bei richtiger Vision möglich ist,
ja daß sogar in der Regel die Prophezeiung keine exakte Wiedergabe des
auf übersinnlichem Wege Wahrgenommenen sein wird. Deshalb beweist das
Nichteintreffen einer Vorhersage gar nichts gegen die Tatsache, daß es
richtige Prophezeiungen gibt.
Bisher nahmen wir an, daß es sich um richtige Visionen handelt, wenn
sie auch – etwa durch Gedankenübertragung – beeinflußt sein mögen. Aber
sehr häufig wird der Seher eine Vision zu haben glauben, und es ist gar
keine; die Phantasie spielte ihm einen Streich.
Da die Grenzen zwischen Vision und Halluzination bzw. Phantasiebild
sehr schwer zu ziehen sind, wohl oft noch schwerer als die zwischen
Traum und Wachen, so kommt es zweifellos sehr häufig vor, daß die
Somnambule in Trance gewesen zu sein glaubt, während sie wachte. Dann
wird sie etwas als eine auf übersinnlichem Wege gewonnene Wahrheit
verkünden, was nur ihr Phantasieprodukt ist.
Aus allen diesen Fehlerquellen, die wir hier aufzuzeigen versuchten,
ohne uns einzubilden, Vollständigkeit erreicht zu haben[224], geht
so viel mit Sicherheit hervor, daß es weder leicht ist eine richtige
Vision bzw. Prophezeiung als solche zu erkennen und zu interpretieren,
noch auch zulässig ist aus Irrtümern, die der Seher begeht, zu folgern,
daß es kein zeitliches Fernsehen gibt.
Ein von mir im übrigen hochverehrter Gelehrter suchte sich über die
Realität des Fernsehens zu informieren, indem er Hellseherinnen oder
Personen, die im Rufe standen, es zu sein, die Fragen vorlegte: was
er in der Tasche habe? was er heute Mittag gegessen habe? usw. Da die
betreffenden Personen darauf meistens die Antwort schuldig bleiben
mußten, so stand für den Professor die Tatsache fest, daß Prophetie
Schwindel sei.
Der gute Mann forderte Allwissenheit. Das war ein kleiner Irrtum. Er
war ferner naiv genug, zu glauben, man erforsche die Natur, indem man
ihr Bedingungen stelle, statt daß man sich den von ihr aufgestellten
unterordnet.
Ärzte finden sich mit dem Problem auch sehr leicht ab. Wo sie mit
dem Zufall nicht auskommen, nennen sie es Hysterie. Denn wo Begriffe
fehlen, da stellt zur rechten Zeit ein Wort sich ein. Übrigens ist
es ziemlich leicht, schon äußerlich den mit der Gabe des zeitlichen
Fernsehens ausgestatteten zu erkennen. Man sieht es an den Augen. Ich
habe mich fast nie geirrt.
Dagegen möchten wir darauf hinweisen, daß auch der beste Schütze
Fehlschüsse tut, daß sogar ein Idealgewehr in gewissen Fällen nicht
treffen =kann=, wenn nämlich der Streuungskegel größer ist als das Ziel
(vgl. S. 153 f.).
Wir haben festgestellt, daß es eine Kraft der Prophetie gibt, ein
zeitliches Fernsehen. Aufgabe der Wissenschaft muß es nun in Zukunft
sein, aufzudecken, unter welchen Voraussetzungen diese Kraft in
Wirksamkeit tritt, ihre Stärke zu ermitteln und ihren Streuungskegel
zu berechnen. Ist das alles geschehen, dann mag sie mit Kant und
Schopenhauer nach einer metaphysischen Erklärung suchen, aber sie nicht
schon in der Leugnung der Realität der Zeit gefunden zu haben glauben.
Wir, die wir als Historiker die Frage prüften, müssen uns mit folgender
Konstatierung begnügen:
=Der Glaube an Prophetie ist kein mittelalterlicher Aberglaube. Er ist
eine neue Wahrheit, die wir erstmalig zwingend bewiesen.= Wir =wissen=
nunmehr von der Existenz des zeitlichen Fernsehens.
Fußnoten:
[214] Gedruckt in der Ausgabe du Pin, Antwerpen 1706, I. Bd., Spalte 37
ff., der folgende Traktat eb. Sp. 43 ff.
[215] Übersetzung beider Traktate nach der Ausgabe von Hardt (Helmstädt
1692) von Johann Gabriel Süße, als Anhang der »Umständlichen Nachricht
von dem sogenannten Prossner Manne. Christian Heerings ...« Dresden und
Leipzig 1772.
[216] Spiritus Prophetarum non semper esse in potestate, vel distincta
cogitatione Prophetarum.
[217] Die Geschichte des ganzen Streites ist eingehend von Süße
behandelt unter dem Titel: »Historisch-Theologische Abhandlung über die
Casual-Frage: Obs noch heut zu Tage neue Offenbarungen von wichtigen
Revolutionen in dem Kirchen- und Weltlichen Staat, und von besondern
Schicksalen einzelner Personen, gebe, und was von selbigen zu halten
sey?« im Anhang der »Umständlichen Nachricht«, S. 49–124.
[218] Die wichtigste Literatur dieser Streitschriften dürfte nach Süße
sein: =Jacob Stolterfoht=, »Schriftmäßiges Bedenken von Gesichten«,
Lübeck 1632. =Jacob Fabricius=, »Probatio Visionum«, Nürnberg 1642
(von der theol. Fakultät zu Wittenberg in einem Gutachten zensuriert,
vgl. Süße, S. 76 ff., gedruckt in den Consilia Theologica Wittenberg,
p. 804–817). =Jacob Stolterfohts= Nothwendige Wahrheit- und
Ehren-Rettung wider Fabricii Probationem Visionum invictam, Lübeck
1647. =Johann Wilhelm Petersen=, »Sendschreiben an einige Theologos
und Gottesgelahrten, betreffend die Frage: Ob Gott nach der Auffahrt
Christi nicht mehr heutiges Tages durch göttliche Erscheinung denen
Menschen-Kindern sich offenbaren wolle, und sich dessen ganz begeben
habe ...«, Lübeck 1691. (Petersen behauptet göttliche Offenbarung auch
in Glaubensfragen) dagegen u. a.: =Valentin Ernst Löscher=, Repetitio
orthodoxae doctrinae de Visionibus et Revelationibus«, Wittenberg
1692. =Caspar Löscher=, »de Visionibus«, eb. 1693. =Ph. Jac. Spener=,
»Theologisches Bedenken usw.«, 1692 von einem Anonymus ohne Druckort
herausg. Ders., »Theologisches Bedenken Herrn D. Speners über Heinr.
Kratzenstein usw.«, 1693. Ohne Druckort. (Ohne Einwilligung Speners
erschienen.) Neudruck im gleichen Jahre mit dem Zusatz »Erklärung
über die Frage: Was von Gesichten und Erscheinungen zu halten sey?«
Frankfurt a. O. Ein Auszug aus diesen Schriften bei Süße, »Umständliche
Nachricht«, S. 165 bis 184. =Joh. Lysius=, »Schelwigische Synopsi
controversiarum«, 1712. =Johann Mich. Heineccius=, »Schriftmäßige
Prüfung der sogenannten neuen Propheten«, Halle 1715. =Joachim Lange=,
»Nöthiger Unterricht von unmittelbaren Offenbarungen«, eb. 1715.
=Joh. Porst=, »Verhalten derer Gläubigen bey denen außerordentlichen
Bewegungen und Aussprachen«, 1715. =Joh. Lysius=, »Wahrhaftige
Erzehlung dessen, was zu Berlin mit einigen sogenannten Inspirirten
vorgegangen«, 1715. =Martin Chladenius=, »De Inspiratis sine Spiritu«,
Wittenberg 1715. =Lysius=, »Schutzschrift wider die Beschuldigungen
Chladenii«, 1715. =Christoph Ludwig Stieglitz=, »Nothwendige Erinnerung
an Herrn Johann Lysium«, Naumburg 1716, dagegen Repliken von Lysius und
»Gegenvorstellung« von Stieglitz.
[219] Joh. =Olearius=, Synopses Controversiarum, Synops. V. concern.
Controversias cura Fanaticis, Thes. IX., Quartausg. p. 7, Oktavausg. p.
485.
[220] Zweite erweiterte Aufl. 1717. S. 4–25 der Schrift werden die
Weissagungen der Reformation durch Johannes Hus, Hieronimus von Prag,
Johann Wessel, Johann Keisersberg, Sebastian Brand, Johan Hilten,
Andreas Proles und Johann Spangenberg angeführt. Sie beruhten zwar zum
Teil auf Zufall oder Berechnung, doch leuchte auch aus vielen etwas
Göttliches heraus.
[221] »Mein geistiges Schauen in die Zukunft«, S. 102.
[222] Horaz, Carm. I, 28.
[223] Zitiert nach Ferriëm, S. 108 Anm.
[224] Der Interessent sei nachstehend auf die wichtigste einschlägige
Literatur, soweit wir sie nicht im Text nannten, verwiesen. Ihre
Bekanntschaft verdanke ich der Liebenswürdigkeit des Grafen Karl von
Klinkowström. Ich bemerke aber ausdrücklich, daß ich sie =nicht=
studierte, da ich bewußt als =Historiker= an das Thema herantrat und
mir meine Unbefangenheit bis zum Schluß bewahren wollte. E. Parish,
Zur Kritik des telepathischen Beweismaterials, 1897; M. Dessoir,
»Doppelich«; L. Loewenfeld, »Somnambulismus und Spiritismus«, 1907; N.
Kotik, »Die Emanation der psychophysischen Energie«, Wiesbaden 1908.
Alphabetisches Verzeichnis der wichtigeren Personen und Sachen
Achilleus 44.
Adelung 100 f., 192.
Agrippa, Cornelius, 350.
Aigospotamoi 40.
Alexander 66, 72.
Amos 26 f.
Apollo 33, 35 f., 41.
Arago 4.
Argens, Marquis d’, 108 f., 172.
Arnold 97 f.
Assyrer 26 f., 28.
Astrologie 70 f., 79 ff., 347 ff., 402.
Athen 34 f.
Atia 65 f.
Aufklärung 8 f.
Augustinus 2.
Augustus 65 ff., 71 f.
Automobil, vorhergesagt, 120.
Autoritäten 3 f., 7.
Babylonisches Exil 28.
Baid 10.
Bailly 10, 299.
Barry, du, 323.
Barton, Elisabeth, 92.
Bassompierre 91.
Baudus, de, 116 ff.
Bazarbrand in Paris, vorhergesagt, 122 ff., 333.
Beauharnais 313.
Beaumont, Frau von, 63 f.
Beckmann 340.
Bellini 143.
Berechnung 141 f.
Bernhard, hl., 407.
Bertholon 3.
Bessières, Marschall, 116 f.
Biron, Herzog, 93 f.
Bismarck 59 f., 372.
Blake, W., 136.
Blücher 273, 289.
Böhm 61 f.
Bormann, W., 307 ff., 313, 320 ff., 336 f., 339 f., 374 f., 378 f.
Bouland 307.
Bourbonen, Vorhersage des Unterganges, 96 f.
Boussénard 64.
Bouthors 53.
Bose, General, 216.
Brahe, Tycho de, 14, 84.
Brand, Sebastian, 412.
Brantôme 352.
Brugsch, H., 56.
Brühl, Graf, 213 f., 262, 264, 269 ff.
Brunswig, Alfred, Vorwort.
Brüx-Dux, Kohlenbergwerk, 334 ff.
Buddha 72.
Caesar 41 ff., 60, 64 f., 67.
Calpurnia 43.
Campan 377, 388.
Capelli, Bianca, 78.
Capistrano 88 f.
Capys 42.
Cardanus 87 f.
Cario, Joh., 100 f., 192.
Carmine, Giuliano del, 106.
Cassius, Dio, 70.
Cazotte, 293, 296 ff., 306 ff.
Chamfort 295, 298, 300 f.
Chavigni 354 f.
Chronogramme 396.
Chrysippos 41.
Cervoni 119.
Cicero 2, 33, 69, 140.
Clarence, Herzog von, 333.
Clément 350, 364 f., 370.
Clerepeyne 366 ff., 383 f.
Coligny 358.
Collinitius-Tannstetter 14.
Comenius 192.
Condorcet 297.
Cornelius Balbus 42.
Couédon 122 ff.
Créqui, Marquise, 324.
Dariex 105.
Davidson 49 ff.
Davis, A. J., 119 ff.
Davy 3.
Eduard VII., Vorhersage des Todes, 86.
Ehrlich 279 ff., 289 ff.
Eingeweideschau 44.
Engel 123.
England, Weltherrschaft, 390 f.
Ennius 69.
Erfurt, Vorhersage, 94 f.
Ervieux, d’, 105.
Eschenmayer 109 ff.
Eugen, Papst, 78.
Ezechiel 28 f.