Die Einwohnerschaft von 30 Millionen dividiert durch 5 ergibt als

Koeffizienten 6 Millionen, wovon die Hälfte als weiblich ausscheidet.

Diesen müssen wir mit den vorher gewonnenen multiplizieren, um die

Wahrscheinlichkeit von 6000 Milliarden zu erreichen.

Aber das ist keineswegs alles, selbst wenn wir von den geschichtlichen

Vorgängen, die zahlenmäßig nicht faßbar sind, absehen. »Thuille«

Tuillerien, gab es nur einmal. Demnach müssen wir die Zahl von 6000

Milliarden mit der aller damals in Frankreich befindlichen Gebäude,

oder doch zum mindesten aller Schlösser – denn jedes hätte Schauplatz

des Kampfes sein können – multiplizieren. Nehmen wir nur an, das

damalige Frankreich habe 10000 Schlösser besessen, was annähernd

richtig sein dürfte, dann gelangen wir zu folgender Rechnung:

Die Wahrscheinlichkeit die Namen und den Schauplatz der Tuilerien zu

erraten = 1/(10000 · 6000,000,000,000). Berücksichtigen wir den übrigen

Inhalt des Quatrain, das mitré, ein Fall, der in der Geschichte ohne

Analogen ist usw. usw., so werden wir sagen können

w = 1/∞ = 0.

_Wenn also das früher angeführte Beispiel der Münzen richtig ist,

dann haben wir hier streng mathematisch den Beweis erbracht, daß

Zufall praktisch unmöglich ist und Nostradamus ein echter Prophet war,

ausgerüstet mit der Gabe des zeitlichen Fernsehens._

Nicht um weiteres Beweismaterial anzuführen, was nach Vorstehendem ganz

überflüssig wäre, sondern lediglich des historischen Interesses wegen,

wollen wir noch einige Quatrains mitteilen.

Geradezu unheimlich in seiner Fülle grausiger Gesichte ist der 20.

Quatrain der IX. Centurie:

»De nuict viendra par la forest de Reines

Deux pars, vaultorte, Herne la pierre blanche,

Le moyne noir en gris dedans Varennes:

Esleu Cap. cause tempeste, feu, sang, tranche.

Des Nachts werden kommen durch die Pforte der Königin (forest =

lateinisch fores, Pforte)

Zwei Ehegatten (pars = époux), Irrweg (vaultorte romanisch,

zusammengesetzt aus vaulx = vallée und de torte = tortueuse), die

Königin (Herne ist Anagramm von reine mit Ersetzung des i durch h),

der weiße (Edel)stein,

Der verlassene (moyne, griechisch aus monos, allein) König (noir ist

Anagramm von roi mit Zufügung des n) in grau (gekleidet). Sie

(werden) in Varennes (ankommen)

Die Wahl des Kapetingers (Cap. = Capet) ist Ursache des Sturmes,

Feuer, Blut, Hackmesser (tranche ist romanisch).«

Der Kommentar, den ja der Leser im Geiste selbst geben wird, läßt

=jedes= Wort als zutreffend gewählt erkennen.

König Ludwig XVI. und die königliche Familie verließen in der Nacht

vom 20. zum 21. Juni 1791 die Tuilerien durch eine Geheimtüre des

Appartement der Königin. Die Gazette nationale (Moniteur Universel)

vom 14. Juli 1791 erzählt dieses Detail. Diese Flucht, die in Varennes

endete, war bekanntlich ein »Irrweg«, denn die königliche Familie wurde

gefangen genommen und nach Paris zurück geführt. Hätte der König, wie

er vor hatte, die Straße nach Verdun eingeschlagen, statt nach links

(Varennes) abzubiegen, wäre der Ausgang vielleicht glücklicher gewesen.

Marie Antoinette trug ein weißes Kleid (pierre blanche), während der

König grau (gris) angezogen war. Übrigens könnte das »blanche« auch

eine Anspielung darauf sein, daß die Königin, wie Mme. Campan erzählt

(II, p. 150), in der einen Nacht der Unglücksflucht weiße Haare

bekommen hatte und plötzlich wie eine Siebzigjährige aussah. Sie hatte

einen Ring für die Prinzessin Lamballe machen lassen, in den einige

weiße Haare eingeschlossen waren. Er trug die Aufschrift: blanchis par

le malheur.

Der letzte Vers ist noch besonders inhaltreich. Die =Wahl= des

Kapetingers, d. h. die Verwandlung der absoluten französischen

Monarchie in eine Konstitutionelle, wie sie die Nationalversammlung

am 21. Juni 1791 und besonders am 1. September des gleichen Jahres

vorgenommen hatte, war in gewisser Beziehung sicherlich die Ursache

der folgenden Greuel. Ein eiserner, absoluter Monarch, der von seiner

Gewalt umfassenden Gebrauch gemacht hätte – was die Beseitigung vieler

Mißstände ja keineswegs ausgeschlossen hätte – würde jedenfalls der

Revolution in ihren Anfängen noch Herr geworden sein. Das letzte Wort

des Quatrain, Hackmesser oder Fallbeil war bekanntlich auch das Ende

des großen Dramas[202].

Recht merkwürdig ist auch folgender Quatrain (II. Centurie, Nr. 93),

den Le Pelletier noch nicht ganz richtig deuten konnte, weil er 1867

noch nicht in Erfüllung gegangen war:

»Bien près du Tymbre presse la Lybitine,

Un peu devant grand inondation:

Le chef du nef prins, mis à la sentine,

Chasteau, palais en conflagration.«

Sehr nach dem Tiber (Tymbre = Tiber) herrscht der Tod (Lybitine =

Libitina, Todesgöttin),

Etwas vorher große Überschwemmung:

Das Haupt des Schiffes (nef = naire, das Schifflein Petri) gefangen,

gesetzt auf den Grund des Schiffes (wo man die Gefangenen

unterbrachte!)

In ein Schloß, der Palast in Umwälzung[203].«

Bekanntlich eroberten die Italiener, nachdem sie in die Porta Pia

Bresche geschossen hatten, am 20. September 1870 Rom und beseitigten

die weltliche Herrschaft des Papstes. Was die Tiberüberschwemmung

betrifft, die im gleichen Jahre große Verwüstungen anrichtete, so fiel

sie allerdings auf den 10. und 28. Dezember, also kurz =nach= und

nicht, wie Nostradamus angibt, kurz =vor= dem politischen Ereignis

von welthistorischer Bedeutung. Er hat sich hier also in einem

unwesentlichen Punkte geirrt[204].

Bekannt ist die Fabel von der Gefangenschaft des Papstes im Vatikan.

Daß aber diese Fiktion bis zur Stunde von päpstlicher Seite aufrecht

erhalten wird, gibt dem Seher recht.

Der 100. Quatrain der X. Centurie lautet:

»Le grand empire sera par Angleterre

Le pempotam des ans plus de trois cens:

Grandes copies passer par mer et terre,

Les Lusitains n’en seront pas contens.«

Zu deutsch: Das große Reich England wird allmächtig (pempotam,

zusammengesetzt aus dem Griechischen und Lateinischen = πᾶς und potens)

sein mehr als drei Jahrhunderte.

Große Heere (copies-copia, Truppen lateinisch) werden zu Wasser und zu

Lande kommen.

Die Spanier (Lateinisch Lusitani) werden darüber nicht erfreut

sein[205].«

Berücksichtigt man, daß England, als Nostradamus dies schrieb,

noch klein und unbedeutend war, – hat ja Elisabeth erst die Flotte

geschaffen – während Spanien die Weltherrschaft besaß, um mit dem

Untergang der großen Armada 1588 eine Wunde zu empfangen, die nie mehr

ganz verheilen sollte, dann wird man nicht umhin können neuerdings zu

staunen. Wann die 3 Jahrhunderte abgelaufen sind, läßt sich nicht gut

voraussagen. Da von Englands Weltherrschaft erst nach dem Niederringen

der Niederlande, also seit der Mitte des 17. Jahrhunderts gesprochen

werden kann, würde ihm noch fast ein halbes Jahrhundert gegeben sein.

Napoleon I. und seinen Hof zum Gegenstand hat der 60. Quatrain der I.

Centurie:

Un Empereur naistra près d’Italie,

Qui à l’Empire sera vendu bien cher:

Diront avec quels gens il se ralie,

Qu’on trouvera moins prince que boucher[206].

Ein Kaiser wird in Italiens Nähe (Korsika!) geboren werden, der seinem

Reiche teuer zu stehen kommen wird.

Von den Leuten, mit denen er sich verbinden wird (die seinen Hof bilden

werden), wird man sagen, daß man dort weniger Prinzen, als Metzger

finden wird.

Ein Kommentar erübrigt sich!

Nun wird man noch sagen können, daß zwar Namen und Ereignisse bei

Nostradamus wunderbar stimmen, daß aber etwas sehr Wichtiges,

nämlich die Angabe der =Jahreszahl=, fehle. Dieser Einwurf ist um so

berechtigter, als es sich ja um astrologische =Berechnung= handeln

soll. Hier aber doch die Zahl leichter zu finden sein sollte, als etwa

der Name. Ja, aus dem Fehlen der Zahlenangabe könnte man zur Folgerung

verleitet werden, daß es sich gar nicht um Berechnung, sondern um

Hellsehen handelt, was ja =teilweise=, nach des Sehers eigener Angabe,

richtig ist.

Nostradamus hat selbst die Jahre der Ereignisse berechnet, und zwar bis

zum Schluß des angeblich ersten Geschichtsweltzeitalters im Jahre 3797

n. Chr. Was es mit diesem Schluß für eine Bewandtnis hat, können wir

ruhig dahingestellt sein lassen bzw. der Zukunft überantworten.

Die Daten teilt Nostradamus nicht mit bis auf zwei. Bevor wir sie

untersuchen, seien erst noch einige weniger klar ausgesprochene

Zahlenangaben mitgeteilt.

So bestimmt er die Regierungszeit des großen Napoleon ganz richtig auf

14 Jahre (vom 19. November 1799 bis zum 13. April 1814). Der Quatrain

ist der 13. der VII. Centurie und lautet:

De la cité marine et tributaire

La teste raze prendra la satrapie:

Chasser sordide qui puis sera contraire,

Par quatorze ans tiendra la tyrannie.

Zu deutsch: Der Mann mit den kurzen Haaren (so wird Napoleon

wiederholt bei Nostradamus genannt im Gegensatz zu den französischen

Königen, die lange Haare trugen, und weil er sich auch bekanntlich

sein langes Haar schneiden ließ zum Zeichen der Beendigung der

Revolutionszeit) wird die Gewalt (la satrapie) in der Seestadt (Toulon,

das cité marine auch in Cent. VIII, Quatrain 17 genannt wird), die

tributpflichtig ist bzw. war (nämlich den Engländern), an sich reißen.

Er wird die Gemeinheit vertreiben (wohl das Direktoire), die ihm von da

ab (puis = depuis) feindlich sein wird; =vierzehn Jahre lang= wird er

die Tyrannis ausüben[207].

Daß die Tatsachen richtig sind, wird niemand leugnen. Aber wie erklärt

es sich, daß auch die Jahre stimmen? Zufall?!

Für irgendeinen Zweifler an der Identität der Tête rasée mit Napoleon

wollen wir aus den diversen Quatrains, die aus dem Leben des großen

Korsen berichten, noch einen herausgreifen. Es ist der 88. der I.

Centurie und lautet[208]:

Le divin mal surprendra le grand Prince,

Un peu devant aura femme espousée:

Son appuy et credit à un coup viendra mince,

Conseil mourra pour la teste rasée.

Es handelt sich natürlich um die am 15. Dezember 1809 vollzogene

Scheidung von Josephine Beauharnais bzw. die Wiederverheiratung mit

Marie Luise. Wir übersetzen:

»Der göttliche Zorn wird den großen Fürsten schlagen,

Etwas vorher hat er eine Gemahlin genommen (zu lesen ist: le grand

prince aura espousé femme un peu devant que le mal divin le

surprenne),

Seine Macht und Ansehen werden plötzlich schwinden

Und die Klugheit (das Genie) wird ersterben beim kurzhaarigen Kopf.«

Wer sich an die bald nach der Verheiratung mit Marie Luise von

Österreich eintretenden Katastrophen, den russischen Feldzug usw.

erinnert, wird die Richtigkeit auch dieses Quatrain nicht bestreiten.

Der hartnäckige Zweifler möge im Index der großen Ausgabe von Le

Pelletier die auf die tête rasée bezüglichen Quatrains nachschlagen.

Doch gehen wir zu weiteren Zeitangaben über, nicht ohne

vorauszuschicken, daß Nostradamus die Jahre, in welchen seine

Vorhersagen in Erfüllung gehen sollten, zu kennen behauptet und

=absichtlich verschweigt=. Das bemerkt er einmal ausdrücklich.

Nun kann es niemand verwehrt werden, daran zu zweifeln, wenn es nicht

gelingen sollte, wenigstens durch Stichproben zu beweisen, daß der

Seher seine Fähigkeit nicht höher veranschlug, als sie es verdiente.

Außer Perioden, wie oben bei Napoleon, die sich häufiger finden, sind

mir aus Nostradamus drei positive Zeitangaben bekannt. Die erste finden

wir in einem der X. Centurie angehängten Quatrain der Ausgabe von 1605.

Quand le fourchu sera soustenu de deux paux,

Avec six demi-corps, et six sizeaux ouvers,

Le très puissant Seigneur, heritier des crapaux,

Alors subjuguera sous soy tout l’univers.

Zu deutsch:

Wenn die Gabel unterstützt sein wird von zwei Pfählen (paux ist Plural

von pal = pieu)

Mit sechs Halb-Hörnern (corps ist Schreibfehler statt cors) und sechs

offenen Scheren,

Dann wird der sehr mächtige Herr, Erbe der Kröten,

Sich unterwerfen das ganze Reich.«

Das ist heller Blödsinn. Daran ist auf den ersten Blick nicht zu

zweifeln. Bei einigem Nachdenken werden wir aber finden, daß die ersten

beiden Zeilen notwendig eine Zeitangabe enthalten müssen. Und das ist

auch tatsächlich der Fall.

Le Pelletier[209] löst in folgender absolut überzeugender Weise auf:

Der Buchstabe V kann sehr wohl als Gabel bezeichnet werden. Dann

entsteht, wenn wir in der Bildersprache fortfahren, durch Unterstützung

des V mit je einem Pfahl an der Seite der Buchstabe M. Der Zahlenwert

dieses lateinischen M ist aber 1000.

Ein Halb-Horn, d. h. die Hälfte eines Jagdhornes, bildet ein C, dessen

Zahlenwert 100 entspricht.

Ein Paar geöffnete Scheren bildet ein X mit dem Zahlenwert zehn. Dann

erhalten wir ein M, sechs C und sechs X zusammen schreibend, also

MCCCCCCXXXXXX die Jahreszahl 1660.

Die Kröte war das Wappentier der ersten Merowinger, das erst unter den

späteren durch die Lilie ersetzt wurde. Es handelt sich also um einen

König von Frankreich, und zwar um einen sehr mächtigen, nämlich Ludwig

XIV.

Dann aber heißt die Prophezeiung: Im Jahre 1660 wird der sehr mächtige

Herrscher, Erbe des merowingischen Wappens, unter sein persönliches

Regiment sein ganzes Reich bringen[210].

Und diese Prophezeiung stimmt. Denn nach dem Tode des allmächtigen

Kardinals Mazarin, am 9. März 1661, ergriff tatsächlich der Sonnenkönig

die Zügel der Regierung mit jener Energie, die ihn in der Geschichte

als Prototyp des absoluten Monarchen fortleben läßt.

Aber – wird man einwerfen können – das ist ja alles sehr geistreich,

doch müssen wir es so lange für Konstruktion halten, bis nicht aus ganz

klar und eindeutig ausgesprochenen Zahlenangaben mit zwingender Gewalt

hervorgeht, daß Nostradamus tatsächlich über die Zeit der Realisierung

seiner Prophezeiungen informiert war. Erst wenn wir das wissen, geben

wir auch zu, daß dieser Quatrain nur absichtlich dunkel gehalten

ist. Und zwar von einer Dunkelheit, die sein Verständnis vor seiner

Erfüllung geradezu zur Unmöglichkeit macht.

Glücklicherweise sind wir in der Lage, auch diesen Beweis mit

unbedingter Logik führen zu können.

Wie schon gesagt, wollte Nostradamus möglichst dunkel sein und warf

deshalb seine Quatrains, um ja keine chronologische Handhabe zu bieten,

kunterbunt durcheinander. Nur ein einziges Mal machte er eine Ausnahme:

Im Briefe an König Heinrich II., den er als Widmung der zweiten

Sammlung seiner Centuries vorausschickt und vom 27. Juni 1558 datiert.

Hier finden wir neben einer Zusammenstellung der wichtigsten und

sensationellsten Ereignisse auch die beiden Zahlenangaben. Der 89. der

kurzen Abschnitte – im ganzen sind es 118 – lautet:

»... et sera le commencement comprenant ce de ce que durera et

començant =icelle année sera faicte plus grande persecution à l’Eglise

Chrestienne=, que n’a esté faicte en Afrique, et durera ceste-icy

iusques, à l’an mil sept cens nonante deux que l’ô cuydera estre une

renouation de siecle[211].«

»Und dann wird der Anfang sein, versteht sich von dem, was dauern

wird, und in diesem Jahre wird beginnend eine größere Verfolgung der

christlichen Kirche stattfinden, wie die in Afrika war, und ebenso

lange dauern; im gleichen =Jahre 1792 wird man glauben, eine neue

Zeitrechnung einzuführen=.«

Hier haben wir also zwei datierte Ereignisse von welthistorischer

Bedeutung, und =beide Datierungen sind richtig=!

Der neue Kalender der Republik, durch Dekret des Nationalkonventes

vom 5. Oktober 1793 eingeführt, begann seine Zeitrechnung mit der

Herbstnachtgleiche 22. September 1792 um Mitternacht[212].

Bekanntlich ist in den christlichen Staaten seit den anderthalb

Jahrtausenden unserer Zeitrechnung niemals der Versuch gemacht worden,

den Kalender bzw. die Zeitrechnung zu ändern. Die Kalenderkorrektur

Gregors gehört nicht hierher, da sie ja an der christlichen Rechnung

festhält und nur aus praktischen Gründen, um den Kalender wieder mit

seiner astronomischen Grundlage in Harmonie zu bringen, die julianische

Rechnung verbessert.

Was nun den »Glauben« betrifft, eine neue Zeitrechnung einzuführen,

so war der Ausdruck nur zu berechtigt. Denn die Herrlichkeit des

revolutionären Kalenders war von erschreckend kurzer Dauer. Schon im

Jahre 1804 beseitigte ihn Napoleon, um der christlichen Rechnung wieder

die offizielle Geltung zu verschaffen.

Auch die große Kirchenverfolgung, deren Ausdruck ja die Abschaffung

der christlichen Zeitrechnung war, ist historisch. Bekanntlich war die

Revolution gegen den Klerus nicht weniger gerichtet, wie gegen den

Adel. Man konfiszierte im Jahre 1789 den Kirchenbesitz – man schätzte

3 Milliarden! – und zwang, allerdings mit sehr geringem Erfolge, den

Klerus, den Bürgereid zu leisten. Wer ihn nicht leisten wollte – so

wurde am 26. Januar 1791 bestimmt – hatte auf sein Amt zu verzichten.

Nicht genug damit, wurde das Christentum ganz abgeschafft und dafür

der alberne Kultus der Göttin der Vernunft eingeführt, als ob die

Religion ein Verstandes- und nicht ein Gemütsbedürfnis sei. Damals – es

war im Jahre 1793 – hatte man in der Kirche Notre Dame in Paris einen

Tempel der Philosophie errichtet und irgendeine griechisch kostümierte

Operndiva agierte dort in der Rolle der Göttin der Vernunft. Manche

trugen sich mit dem Gedanken, die Kirchtürme niederzulegen. Daß der

Kalender aus Haß gegen das Christentum geändert wurde und nicht etwa

aus praktischen Gründen, ist wohl auch erwähnenswert.

Das alles geschah 1793. Am 7. November dieses Jahres erschien der

konstitutionelle Bischof Gobel mit einer Anzahl Geistlicher vor dem

Konvent, und entsagte feierlich seinem Amt, weil es keinen anderen

Kultus als den der Freiheit und Gleichheit geben könne. Übrigens war

der Kultus der Vernunft niemals Staatsreligion.

Wenn also auch der Höhepunkt des Kampfes erst ins Jahr 1793 fällt, so

ist die Prophezeiung des Nostradamus doch vollkommen richtig, denn die

Feindseligkeiten gegen die Kirche dauerten ja mehrere Jahre.

Daß die Verfolgung länger dauern werde wie in Afrika, womit nur die

Unterdrückung der orthodoxen Kirche durch die arianischen Vandalen

gemeint sein kann, ging auch in Erfüllung.

Denn seit der französischen Revolution herrscht eine Animosität gegen

die Kirche, überhaupt gegen das Christentum, wie kaum zur Zeit der

Reformation gegen erstere allein. Jedenfalls dachte Nostradamus an die

Saecularisation, die Beseitigung der weltlichen Herrschaft des Papstes,

an die Trennung von Staat und Kirche in Italien und Frankreich, die

Vorgänge in Portugal, die antikirchliche Bewegung in Spanien usw. Nach

den Proben seiner Kunst ist das keineswegs ausgeschlossen. Es erfordert

nicht viel Urteilsfähigkeit, um auch für Deutschland über kurz oder

lang eine antikirchliche Bewegung, die hoffentlich mit der Trennung

vom Staate enden wird, vorherzusagen und an einen – diesmal geistigen

– Aderlaß, der stärker sein wird als die Konfiskationen zu Beginn des

vorigen Jahrhunderts.

Wenn wir endlich noch hören, daß Nostradamus den Untergang des

Papsttumes prophezeit – deshalb stehen seine Werke auf dem römischen

Index – dann wird man auch an dem Ausdruck »Verfolgung« und dem

Vergleich mit afrikanischen Verhältnissen nur mit größter Reserve zu

kritisieren wagen.

Sehr merkwürdig ist auch die Prophezeiung im Absatz 109 ff. des

Widmungsbriefes an Heinrich II.

»Encores par la derniere foy trembleront tous les Royaumes de la

Chrestienté, et aussi des infideles, par l’espace de vingt cinq ans;

et seront plus grieves guerres et batailles; et seront villes, cités,

chateaux et tous autres edifices bruslés ...«[213]

»In dieser letzten Epoche werden alle Königreiche der Christenheit

zittern, und ebenso die Ungläubigen, den Zeitraum von 25 Jahren

hindurch; die blutigsten Kriege und Schlachten werden stattfinden,

Städte, Ortschaften, Schlösser und allerlei andere Bauwerke werden in

Flammen aufgehen und zerstört werden usw.«

Wir stehen – wie die vorhergehenden Abschnitte des Widmungsbriefes

ergeben – in einer Periode, deren Beginn Nostradamus durch die

Jahreszahl 1792 festlegt. Rechnen wir dazu 25 Jahre, so kommen wir zum

Jahre 1817. In diesen Zeitraum – tatsächlich schloß die Kriegsperiode

ja schon 1816 – fallen so viele Kriege, wie sie nur selten die

Geschichte verzeichnen kann. Um nur die wichtigsten zu nennen: die

republikanischen Feldzüge gegen Deutschland und Österreich, Napoleons

Expedition nach Italien und Ägypten, die Kriege in Spanien und gegen

England, seine Siege über Preußen und Österreich, die Expedition

nach Rußland, die Feldzüge der Verbündeten und die Niederwerfung

Frankreichs, endlich der letzte durch Napoleons Flucht von Elba

entfachte Feldzug, der mit dem endgültigen Siege der Verbündeten

endete. Also auch diese Prophezeiung, die durch zeitliche Fixierung

und Angabe der Dauer beweist, daß Nostradamus über den Verlauf der

europäischen Geschichte aufs beste unterrichtet war, sehen wir im

vollen Umfange erfüllt.

Das Wesentliche ist, daß die wenigen Stichproben, die wir machen

konnten, unbedingt zugunsten des Sehers ausfielen. =Nostradamus konnte

also nicht nur zukünftige Ereignisse, die Namen der in späteren

Jahrhunderten handelnden Personen vorhersehen, er wußte auch das Jahr

anzugeben, wann seine Vorhersagen in Erfüllung gehen würden.=

Das sagt er selbst im 73. Abschnitt seines Widmungsbriefes an Heinrich

II.: »Wenn ich gewollt hätte, hätte ich jedes Quatrain nach der Zeit

seiner Erfüllung beziffern können.«

Wir haben allen Anlaß, dem Seher das zu glauben. Wenn er aber da und

dort irrte, so beweist das nichts gegen seine Kunst, denn Unfehlbarkeit

wird man billigerweise bei niemand fordern.

In Nummer 86–88 desselben Briefes gibt Nostradamus in Form von

Planetenperioden sogar an, wie er zur Angabe des Jahres 1792 kam.

Kniepf, der sich in astrologischen Berechnungen wohl auskennt,

bemerkt jedoch, daß uns der Schlüssel dazu fehlt. Nostradamus hat die

einschlägigen Schriften, die er von seinen Vorfahren geerbt hatte, vor

seinem Tode verbrannt.

Sollte es also wirklich möglich sein, durch astrologische Berechnung

die Zukunft zu ergründen?

Wir wissen es nicht, können es uns nicht vorstellen, sind auch nicht

in der Lage zu ermitteln, welcher Anteil an den Weissagungen auf Konto

der Astrologie, welcher auf hellseherische Veranlagung gesetzt werden

kann: das alles liegt auch außerhalb des Rahmens einer historischen

Untersuchung.

Was wir aber mit allem Nachdruck betonen müssen ist, daß =Nostradamus

die Zukunft enthüllen konnte, wie niemand vor ihm oder nach ihm, von

dem wir wissen. Er ist eines der größten Genies der Weltgeschichte.=

Fußnoten:

[177] Vgl. Karl Kiesewetter, Nostradamus und seine Prophezeiungen in

»Sphinx«, 3. Bd., 1887, S. 41 ff.

[178] Wie er in der Widmung der achten Centurie an König Heinrich

II. von Frankreich sagt, hat er seine Weissagungen »nach dem Laufe

des Himmels berechnet, in Verbindung mit einer zu gewissen Stunden

eintretenden Anregung, dem Erbtum seiner Urväter«. Er brachte seinen

»natürlichen Instinkt in Zusammenhang und Einklang mit einer langen

fortlaufenden Berechnung, indem er Seele, Geist und Gemüt von aller

Sorge, Kümmernis und Aufregung frei machte durch Ruhe und Stille des

Inneren«.

[179] oder »lymphatiquant«, was mit extatisch zu übersetzen wäre. Denn

»Lympatiques« nannte man diejenigen, die vom Anblick eines schönen

Mädchens liebestoll wurden. Da der erste dieser sinnlos Verliebten

sich ins Wasser (lympha) stürzte, erhielt der Zustand diesen Namen.

Vgl. »Eclaircissement des veritables Quatrains de Maistre Michel

Nostradamus«, 1656 (ohne Erscheinungsort und Verfasser), S. 59. Die

Stelle findet sich in der Nostradamus-Ausgabe von Le Pelletier II, p.

15.

[180] Anatole Le Pelletier, Les Oracles de Michel de Nostradame. Paris

1867, I, p. 72 f.

[181] Vgl. A. Schultz, Das höfische Leben zur Zeit der Minnesänger, 2.

Bd., S. 111 ff.

[182] Vgl. – auch zum Folgenden – Kiesewetter, Sphinx, 3. Bd. 1887, S.

44 ff.

[183] Chavigneus, Jani Gallici Facies prior. Lion 1594, p. 4.

[184] Présage 141, Le Pelletier I., p. 91.

Prophezeiungen · 第 24 / 27 段