Geschlechtes erlosch, und der mit Recht »der Große« heißt[194]. Denn
mit 17 Jahren war er bereits Admiral, zeichnete sich bei der Eroberung
von La Rochelle aus und setzte 1630 den Grafen Doria gefangen.
5. Der Name des hinrichtenden Soldaten Clerepeyne.
Endlich die Nebenumstände als: Neubau des Rathauses, die Hinrichtung
außerhalb der Richtstätte und zwar nicht durch Henkershand, sondern
durch einen Soldaten.
=Der Beweis, daß Nostradamus die Namen, und zwar gleich eine ganze
Reihe, richtig zu bestimmen wußte, ist durch dieses Quatrain über jeden
Zweifel sicher erbracht.=
Nun wir diese Gewißheit erlangt haben, werden wir auch nicht mehr
zögern, den Namen »Doux« oben richtig in den Eigennamen des Mörders
Clement aufzulösen. Aus welchen Gründen Nostradamus damals das Synonym
wählte, vielleicht, weil das Ereignis zu nahe seiner Lebenszeit lag,
bleibe dahingestellt.
Schon jetzt wird niemand es Vermessenheit nennen können, wenn wir
Nostradamus die Gabe der Prophetie in hohem, ja, wie wir noch sehen
werden, in bisher nie wieder erreicht hohem Grade zuerkennen.
Es handelt sich bei ihm nicht um ein Tappen im Dunkeln, um ein
Herumraten und Aufstellen von Luftschlössern, deren Realisierung er
der Weltgeschichte überläßt. Es ist durchaus unzulässig anzunehmen –
wie wir das früher hypothetisch taten – daß die Prophezeiungen nur
deshalb zum Teil in Erfüllung gehen, weil eben alles, was Menschen sich
nur ausdenken können, irgend einmal und irgendwo in der Geschichte
greifbare Gestalt annimmt.
Das Gegenteil ist der Fall: Der Seher sieht hell in die Zukunft. Aber
er hat Gründe, seine Sprüche so zu redigieren, daß sie erst nach ihrer
Erfüllung verstanden werden können. Er weiß also viel mehr, als er
sagt. Noch ein paar Beispiele mögen den Beweis unterstützen. Dabei
möchten wir bemerken, daß von den annähernd zwei Jahrtausenden,
auf die sich die Prophezeiungen erstrecken, ja erst dreieinhalb
Jahrhunderte verflossen sind, so daß es ganz selbstverständlich ist,
daß auch erst ein Bruchteil der Quatrains hat identifiziert werden
können. Immerhin sind es schon gegen 200, die Le Pelletier sammelte und
die neuerdings noch vermehrt werden konnten. Für unsere Beweisführung
würde freilich ein einwandfrei feststehender Fall genügen – und wir
haben deren ja schon eine stattliche Reihe – aber wir setzen voraus,
daß der Leser, dem Zeit und Lust fehlen, bei Le Pelletier sich zu
informieren, einiges Interesse an weiteren Voraussagen hat.
Der 92. Quatrain der II. Centurie lautet:
»Feu couleur d’or du ciel en terre veu,
Frappé du haut nay, faict cas merveilleux,
Grand meurtre humain: prins du grand le nepveu,
Morts d’espactacles éschappé l’orgueilleux.«
Zu deutsch:
Goldfarbenen Feuerschein sieht man vom Himmel bis zum Erden,
Geschlagen vom Hochgeborenen, wunderbares Geschehnis,
Großes Menschengemetzel: Gefangen genommen wird der Neffe des Großen,
Der Stolze entgeht einem aufsehenerregenden (theatralischen) Tode.«
Da »Le nepveu« (neveu) der ständige Name =Napoleons= III. bei
Nostradamus ist, wird auch der Geschichtsunkundige ohne Schwierigkeit
feststellen können, daß die Katastrophe von =Sedan= gemeint ist.
Jedes Wort stimmt hier wieder. Das brennende =Sedan als Hintergrund=.
Der Hochgeborene, eigentlich der Höhergeborene, ist König Wilhelm
I., ein treffender Gegensatz zu der kurzen Familiengeschichte des
Franzosenkaisers. Der Fall der Gefangennahme einer so großen Armee
war tatsächlich ein wunderbares Vorkommnis. Die Weltgeschichte bietet
hierzu bis zum heutigen Tage kein weiteres Beispiel. Besonders
verblüffend, mehr noch als die Vorhersage der furchtbar blutigen
Schlachten und der Gefangennahme des Neffen des großen Napoleon ist
die letzte Zeile. Bekanntlich war es dem dritten Napoleon vollkommener
Ernst, als er in dem berühmten durch den Grafen Reille Wilhelm I.
überreichten Briefe schrieb: »N’ayant pas pu mourir au milieu de mes
troupes etc.« Er hatte den Heldentod gesucht, aber das Schicksal war
grausam genug, dem unglücklichen Manne diese letzte Gunst zu versagen.
»Morts d’espactacles« nennt es Nostradamus, gemeint ist dasselbe.
Die Worte »faict cas merveilleux« scheinen, wie Albert Kniepf, der
zuerst den Quatrain identifizierte[195] bemerkt, eine Reminiszenz an
1806 und Jena zu sein.
Le Pelletier hatte seine Erläuterungen zu den Quatrains am 1. Januar
1867 abgeschlossen und bemerkt, daß er sich in bezug auf die Zukunft
des Kaisers »eine gewisse Reserve auferlege, da einige Quatrains sich
noch auf dessen Fatum kurz über lang zu beziehen scheinen«[196]. Er
hatte also augenscheinlich diese Vorhersage, die nicht allzuschwer
zu identifizieren war, nachdem man wußte, daß »le neveu«, der Neffe
des großen Napoleons war, schon bemerkt, verschwieg sie aber aus
persönlichen Gründen. Eine Vorsicht, die also nicht nur Nostradamus
walten ließ, als er seine Vorhersagen möglichst verdunkelte, die
noch bis zum heutigen Tage jeder Seher beobachtet. Es ist ja sehr
naheliegend, aus welchen Gründen.
Der 34. Quatrain der IX. Centurie lautet in der im Todesjahre
des Nostradamus (1566) zu Lyon erschienenen Ausgabe von Rigaud
folgendermaßen:
Le part soluz mary sera mitré
Retour: conflict passera sur le thuille
Par cinq cens: un trahyr sera tiltré
Narbon: et Saulce par coutaux avous d’huille.
Le Pelletier, der seine Ausgabe aufs sorgfältigste nach dem alten Druck
von Pierre Rigaud (Lyon 1558–1566) mit den Varianten der folgenden
Ausgaben hergestellt hat, erklärt die altfranzösischen etc. Ausdrücke
wie folgt:
Part ist = époux, Gatte; soluz = solus, lateinisch: also seul, allein;
mary = affligé, betrübt, par in der letzten Zeile ist soviel wie parmi,
unter; coutaux = lateinisch custos, Wächter, Hüter. Avous = lateinisch
avus, aieux, Vorfahren. Tiltré = tituliert.
Demnach heißt der Vierzeiler: Der Gatte wird einsam betrübt mit
der Mitra geschmückt werden nach seiner Rückkehr. Ein Angriff wird
geschehen auf den Tuille durch fünfhundert: ein Verräter wird sein
Narbon mit hohem Titel und Saulce unter seinen Vorfahren Hüter des Öls
(habend).
Die Sprache ist zweifellos höchst dunkel. Das Wort hat eben, wie
Bormann, der diesem Quatrain eingehende Untersuchungen widmet,
denen wir uns nachstehend anschließen[197], richtig bemerkt, in der
gedrängten Orakelsprache oft weittragenden Sinn unter Bezug auf lange
Begebenheiten.
Wenn wir allerdings die historischen Begebenheiten als Auflösung in die
Rechnung einsetzen, dann sind wir gezwungen, die Prophezeiung zu den
verblüffendsten zu rechnen, die überhaupt möglich sind.
Am 20. Juni 1791 ereignete sich bekanntlich die Flucht des Königs
Ludwigs XVI. von Frankreich und seiner Gemahlin Marie Antoinette.
Genau ein Jahr später, am 20. Juni 1792 fand die Massendemonstration
der Jakobiner gegen den König statt und der Einfall eines Pöbelhaufens
in die Tuilerien. Dabei wurden der König sowie seine Gemahlin nicht
nur beschimpft, sondern ihnen auch die rote Jakobinermütze aufs Haupt
gesetzt, bzw. er setzte sie sich nach anderen Berichten selbst auf.
Jetzt hat der erste Satz einen erstaunlichen Sinn erhalten, wie kaum
jemand wird bestreiten können. Er heißt also: Der betrübte Gatte,
nämlich Ludwig XVI., wird allein – denn er war von der Königin
getrennt, die im Beratungssaal der Minister ähnlichen Kränkungen
wie der König im Saale Oeil de Boeuf ausgesetzt war – mit der Mütze
geschmückt nach seiner Rückkehr. =Jedes Wort stimmt!=
Übersetzt man mit Bormann mitré mit Infuliert, was durchaus zulässig
wäre, so würde die bittere Ironie desto drastischer wirken, da hier
statt des Priesters der »Gatte« infuliert wird. Übrigens sei bemerkt,
daß die bischöfliche Mitra gleich der Jakobinermütze rot ist.
Der eigentliche Angriff auf die =Tuilerien= (le thuille) erfolgte
in der Nacht vom 9. auf den 10. August 1792, als die sogenannten
=Fünfhundert= féderés marseillais, die den schlimmsten Auswurf
der großen Hafenstadt enthielten, sich in die Hauptstadt ergossen
hatten. Die Folge war bekanntlich die Niedermetzelung der tapferen
Schweizergarde sowie die Gefangennahme des Königs und das Ende des
Königtums. Also sogar die =Zahl=, die ja den Mordbrennern ihren Namen
gab, wird im Quatrain =richtig angegeben=!
Ebenso der Ort. Katharina von Medici hatte erst kurz vor dem Tode des
Nostradamus (1564) an der Stelle, wo früher Ziegeleien standen – daher
der Name – den Grundstein zu den Tuilerien gelegt. Das Schloß wurde
später von den Königen erweitert. Bekanntlich war die gewöhnliche
Residenz nicht dieses Schloß, sondern das von Versailles, das Ludwig
XIV. mit ungeheurer Pracht und Verschwendung gebaut hatte. Ludwig XVI.
war erst, dem Zwange folgend, am 5. Oktober 1789 in das Pariser Schloß
übergesiedelt. Berücksichtigt man noch, daß das älteste Königsschloß
der Louvre war, so ist diese Ortsbestimmung nur desto verblüffender.
Als Nostradamus seine Prophezeiungen schrieb, ja als sie – 1566 –
bereits im Druck erschienen, existierten die Tuilerien noch gar nicht.
Um das Rätselhafte der Prophezeiung voll zu machen, wollen wir noch auf
die Namen eingehen.
Narbon »mit hohem Titel« wird als »Verräter« bezeichnet. Dieser Narbon
ist natürlich identisch mit Louis Graf Narbonne-Lara (1755–1813), der
vom Dezember 1791 bis 10. März 1792 Kriegsminister Ludwigs XVI. war.
Seine Mutter, aus spanischem Geschlecht, war eine natürliche Tochter
Ludwigs XV. Er selbst wurde am königlichen Hofe in Frankreich erzogen
und auf alle Weise bevorzugt, wie ja schon daraus hervorgeht, daß er im
Alter von 36 Jahren ein Minister-Portefeuille inne hatte.
Da er über den Parteien stehen wollte und sowohl dem Königtum, wie
der neuen Verfassung gerecht zu werden trachtete, das Königtum im
Kriege gegen das Ausland, Österreich und Preußen, stärken wollte und
gleichzeitig vor der Nationalversammlung Reden voll Elan über die
militärischen Hilfsmittel Frankreichs hielt, wurde er von beiden
Parteien verdächtigt. Der König entließ ihn unter dem Einfluß der
Hofkreise kurzer Hand durch einen lakonischen ungnädigen Brief.
Ein Verräter war der Graf, der am 10. August von den Jakobinern fast
umgebracht worden wäre, dann nach England floh, später in die Dienste
Napoleons trat und dessen Gesandter in Wien wurde, sicherlich nicht.
Da nun aber, wie Kiesewetter in einer Untersuchung der Prophezeiungen
des Nostradamus feststellt, diese durchgehends vom royalistischen
Standpunkt aus geschrieben sind, ist es begreiflich, daß unter diesem
Gesichtswinkel der Enkel Ludwigs XV., der nicht =unbedingt= seinem
König durch dick und dünn beisteht, sondern über den Parteien schweben
will, als Verräter gilt.
Der andere Verräter ist Saulce »unter seinen Ahnen Hüter des Öls«.
=Auch dieser Name ist historisch.=
Sauce, ohne l, hieß nämlich der Krämer und Gastwirt in Varennes, der
Ludwig XVI. auf der Flucht erkannte und anhalten ließ. Wie Le Pelletier
feststellte, waren schon die Vorfahren von Sauce seit langem Inhaber
dieses Krämerladens. Wie Madame Campan[198] erzählt, saß in diesem
Laden Marie Antoinette zwischen zwei Paketen Talglichtern im Gespräch
mit der Frau des Inhabers Sauce. Was das »Hüter des Öls« betrifft,
so entspricht dieser Ausdruck, wie auf der Hand liegt, etwa unserem
»Heringsbändiger«. Er soll als despektierliche Bezeichnung des kleinen
Krämers im Gegensatz zum vornehmen Narbonne dienen.
Übrigens wurde der Verrat des Sauce, bestehend in der Verhinderung
der Flucht des Königs am 18. August 1791, durch Beschluß der
Nationalversammlung feierlich anerkannt und durch eine Dotation von
20000 Livres belohnt.
Hyperkritikern, die aus der Namensverschiedenheit bzw. der
verschiedenen Schreibweise Saulce und Sauce Einwände herleiten zu
können glauben, sei eröffnet, daß beide Worte dasselbe bedeuten,
nämlich Brühe, und daß der Ausfall eines Konsonanten im modernen
Französischen gegenüber dem hochmittelalterlichen eine außerordentlich
häufige Erscheinung ist.
Der überaus erstaunliche Inhalt des Quatrain legt den Verdacht nahe, es
handle sich hier um eine Fälschung, d. h. er sei erst nachträglich von
einem Verehrer des Nostradamus eingeschoben worden. Da mit der Echtheit
dieser Vorhersage eines unserer Hauptargumente für die Existenz eines
wirklichen Fernsehens in der Zeit steht und fällt, dürfen wir uns keine
Mühe verdrießen lassen, die Frage aufs gründlichste zu untersuchen.
Le Pelletier hat zu Beginn des I. Bandes seiner großen Nostradamusausgabe
eine lange Reihe alter Drucke angeführt. Er benützte davon die erste
unvollständige Ausgabe der »Centuries« von 1555 (Lyon Macé Bonhomme),
die äußerst selten ist, ebenso die erste vollständige Edition, die
Pierre Rigaud von 1558 bis 1566 in Lyon druckte. Von letzterer befindet
sich ein Exemplar in der Pariser Nationalbibliothek, in der die beiden
ersten Verse des Vierzeilers am Schluß der Seite 144, die beiden
folgenden am Anfang der Seite 145 in Wortlaut und Schreibweise, wie wir
sie oben gaben, stehen.
Da es nun von hohem Wert wäre, zu wissen, ob diese Ausgabe wirklich
in den angeblichen Erscheinungsjahren herauskam und es sich nicht um
eine Fälschung handelt, die später zurückdatiert wurde, wandte sich Dr.
Bormann an die Nationalbibliothek, von der er folgende Auskunft erhielt:
»Quant à la date de l’entrée à la Bibliothèque des ›Prophéties de
Nostradamus‹ de 1566, il ne m’est pas possible de la préciser. Tout ce
que je puis vous dire, c’est que le vol. est depuis longtemps sur nos
rayons.
Paris, 10. Octobre 1908
Paul Marchal
Conservateur des Imprimés.«
Da diese Auskunft insofern unbefriedigend war, als »lange« noch
nichts Genügendes sagt, also immerhin die Möglichkeit einer Fälschung
nicht völlig von der Hand zu weisen wäre, sahen Bormann, wie auch
der Schreiber dieses die Kölner Ausgabe von 1689 an. Ihr Titel – ein
Exemplar befindet sich auf der Münchner Hof- und Staatsbibliothek
– lautet: »Les Vrayes Centuries et Prophéties de Maistre Michael
Nostradamus, où se void réprésenté tout ce, que s’est passé tant en
France, Espagne, Italie, Allemagne, Angleterre qu’autres parties du
monde. Reveuës et corrigées suivant les Editions imprimées à Lyon l’an
1644 et à Amsterdam 1668. Avec la vie de L’Autheur à Cologne, chez Jean
Volcker, Marchand libraire l’an 1689.«
Da diese Kölner Ausgabe bereits ein volles Jahrhundert vor den in
Frage kommenden Ereignissen erschienen ist und sich auf ältere
Editionen beruft bzw. sie nachdruckt, so ist =jede Fälschung vollkommen
ausgeschlossen=.
Wir sehen, daß selbst die vorsichtigste Kritik dieses erstaunliche und
in der Geschichte der Prophezeiungen wohl ziemlich vereinzelte Faktum
anzuerkennen gezwungen ist.
Meinen Nachforschungen auf der Münchner Hof- und Staatsbibliothek,
die von Herrn Oberbibliothekar Dr. Leidinger in der liebenswürdigsten
Weise gefördert wurden, gelang es nun, noch die folgenden Ausgaben
aufzufinden und einzusehen[199]:
1. Mit dem Titel: »Les Propheties de M. Michel Nostradamus. Dont il y
en a trois cents qui n’ont iamais esté imprimés. Adioustées de nouveau
par ledit Autheur. A Lyon chez André Olier, en ruë Tupin.«
Auf dem Titelblatt befindet sich ein Holzschnitt, Nostradamus
darstellend, der, wie Dr. Leidinger, Bibliothekar Fr. Freys und ich
feststellen konnten, dem =ausgehenden 16. Jahrhundert= angehört.
Der 34. Quatrain der IX. Centurie ist durch Druckfehler zum 24.
geworden. Daß nur ein Druckfehler vorliegt, ist zweifellos, weil der
vorangehende Quatrain als 33., der folgende als 35. bezeichnet ist. Er
befindet sich auf der 135. Seite und lautet genau so, wie wir den Text
wiedergaben.
2. Eine Ausgabe vom Jahre 1665, zu Lyon erschienen, mit genau demselben
Titel wie die vorige. Unser 34. Quatrain befindet sich auf S. 135 und
lautet, wie bekannt, mit der einzigen Änderung, daß »thuile« mit einem
l geschrieben ist, daß bei »trahyr« das Schluß-r fehlt und daß es in
der vierten Zeile coûteaux heißt, also mit Akzent cirkumflex.
3. Eine Ausgabe mit folgendem Titel: »Les Vrayes Centuries et
Propheties de Maistre Michael Nostradamus, où se void representé
tout ce qui s’est passé, tant en France, Espagne, Italie, Alemagne,
Angleterre, qu’autres parties du monde. Reveuës & corrigées suyvant les
premieres Editions imprimées en Avignon en l’an 1556 et à Lyon en l’an
1558. Avec la vie de l’Autheur. Imprimé à Leyde, chez Pierre Leffen,
l’An 1650.«
Diese Leydener Ausgabe, in der unser 34. Quatrain der IX. Zenturie auf
S. 136 steht, hat einige kleine Abweichungen vom guten alten Text. Hier
lauten die Verse:
La part sous mary sera mitré,
Retour conflict passera sur la thuille:
Par cinq cens un trahyr sera tiltré,
Narbon et Saulce par coutaux avous d’huille.«
Die Kölner Ausgabe endlich von 1689, in der unser Quatrain sich auf S.
155 befindet, schreibt wie der alte Olier mit der Abweichung, daß das
erste Wort Lepart heißt und später »trahyt« geschrieben wird.
In Summa sind die Abweichungen also außerordentlich minimal.
Erwähnen wir nun noch, daß diese Bücher im Jahre 1803 aus den
säkularisierten Klöstern in die Staatsbibliothek kamen und daß
sie handschriftliche Eintragungen der Eigentümernamen in den
charakteristischen Zügen früherer Jahrhunderte aufweisen, dann muß
auch der größte Skeptiker zugeben, daß an der Authentizität der
Druckwerke ein Zweifel unmöglich ist.
Wir begnügen uns aber keineswegs mit der einwandfreien Feststellung,
daß die genannten Ausgaben vor 1791 erschienen, sondern legen das
größte Gewicht auf die Konstatierung, daß wir die =Originalausgabe=
benutzten und daß =alle= Quatrains, auf die wir in diesem Kapitel Bezug
nehmen, bereits in ihr enthalten sind.
Daß es sich bei der unter 1. oben genannten Ausgabe, ebenso bei der
früher zitierten der 8. bis 10. Centuries, die Baudraud veranstaltete,
um die =Originale= handelt, oder, vorsichtiger ausgedrückt, daß =diese
Ausgaben ganz zweifellos aus dem 16. Jahrhundert stammen=, was ja für
uns das Ausschlaggebende ist, geht nicht nur aus dem Titelblatt hervor
– das ja gefälscht sein könnte – es ist auch einwandfrei feststellbar
an den Drucktypen, Papier, Wasserzeichen usw. Das bestätigten mir
so hervorragende Kenner wie die Herren Oberbibliothekar Dr. Georg
Leidinger, Vorstand der Handschriftenabteilung, und Bibliothekar Dr.
Freys, Herausgeber der neuen großen Inkunabeledition. Ich legte den
Herren das dortige Exemplar vor, ohne zu sagen, worauf es für mich
ankäme, um ihr Urteil nicht zu beeinflussen, und erhielt die Auskunft,
daß es sich zweifellos um einen Druck =vor= 1600 handelt.
Damit ist jeder Einwand gegen unser Material widerlegt.
Um kurz den jetzigen Stand unserer Beweisführung zu rekapitulieren: Wir
bewiesen, daß Nostradamus in zahlreichen Fällen weltgeschichtliche
Ereignisse vorhergesehen hat. Den Einwand, daß sich schließlich alles
einmal ereignen wird, daß wir daher mit der Deutung eines Geschehnisses
auf ein bestimmtes Quatrain, eine Selbsttäuschung begingen, widerlegten
wir dadurch, daß wir nachwiesen, Nostradamus habe sogar die Namen der
handelnden Personen gekannt.
Das ist so ungeheuerlich und geradezu unheimlich, daß der
nächstliegende Einwand der sein wird, das Material sei gefälscht,
es handle sich gar nicht um Vorhersagen des Nostradamus, sondern um
Einschiebsel. Diesen sehr begreiflichen Zweifel brachten wir zum
Schweigen durch Hinweis auf die Originalausgabe und zahlreiche andere,
die sich auf den Druck des 16. Jahrhunderts stützen und dabei sämtlich
die einschlägigen Quatrains enthalten.
Wenn wir jetzt noch die Existenz der Prophetie bestreiten wollen – den
Einwurf, es handle sich hier um Berechnung, wird niemand machen – so
bleibt nur mehr der arme, berühmte, zu Tode gehetzte Zufall.
Gegen ihn holen wir nun zum vernichtenden Schlage aus.
Betrachten wir noch einmal den 18. Quatrain der IX. Centurie: Die
ersten beiden Zeilen lassen sich schwer oder gar nicht in eine
Wahrscheinlichkeitsrechnung einfangen; wohl aber die beiden folgenden,
wenigstens teilweise.
Dem großen Montmorency wird Gefängnis und Tod durch die Henkershand des
Clerepeyne vorhergesagt. Das trat 1632 ein, also rund 80 Jahre nach der
ersten Veröffentlichung der Prophezeiungen.
Für diese zweieinhalb Generationen kommen nun acht Montmorency
in Frage, da die Familie in diesem Zeitraum nicht mehr männliche
Mitglieder hatte[200]. Von diesen aber genau genommen auch nur Heinrich
II., da er damals der einzige war, der mit einigem Recht den Beinamen
»der Große« führt. Da das damalige Frankreich etwa 20 Millionen
Einwohner zählte, in zweieinhalb Generationen also 50 Millionen,
erhielten wir als Dividend diese Zahl. Um aber auch den Anschein,
wir rechneten zu günstig, zu vermeiden, wollen wir diese Zahl durch
10 dividieren. Denn es ist ja immerhin möglich, daß wir nicht alle
männliche Sprossen gefunden haben, sowie die Hälfte, weil weiblich,
abziehen.
Die so gewonnene Zahl 2½ Millionen müssen wir mit der, der im
Jahre 1632 existierenden Clerepeyne multiplizieren. Dieser Name ist
außerordentlich selten. Wenn wir daher annehmen, daß es damals in
Frankreich fünf gab[201], die so hießen und alles Männer waren, die als
Soldaten oder Henker in der Lage waren eine Exekution auszuführen –
was sicherlich niemand glauben wird – so müssen wir die Einwohnerzahl
von 20 Millionen durch 5 dividieren und erhalten dann, nach Abzug der
weiblichen, 2000000.
Jetzt können wir folgende Wahrscheinlichkeitsrechnung aufstellen:
Die Wahrscheinlichkeit, daß Nostradamus die Namen Montmorency und
Clerepeyne durch glücklichen Zufall richtig erriet, ist gleich
1 : 2½ Millionen mal 2000000 also = 1 : 5000 Milliarden, eine
=vierzehnzeilige Zahl=!
Dabei lassen wir alle Nebenumstände, das neue Gefängnis, die ungewohnte
Stätte usw. usw. völlig außer acht, ganz davon zu schweigen, daß
die erste Hälfte dieses Quatrain die wunderbarsten gleichzeitig
eingetroffenenen Voraussagen enthielt.
Anders ausgedrückt: wer immer noch glaubt, daß Nostradamus durch Zufall
die Namen richtig ermittelte, muß sich klar machen, daß er =eins gegen
5000 Milliarden Wahrscheinlichkeiten wettet=.
Um das an einem Beispiel klar zu machen:
Die Wahrscheinlichkeit, daß Nostradamus zufällig die beiden Namen
erriet, ist etwa um 20 Millionen mal kleiner als die, daß jemand auf
der Fahrt von Berlin nach München tödlich verunglückt!
Rechnen wir also hier mit dem Zufall, dann müssen wir selbstverständlich
alle unsere Fahrpläne abschaffen, die Post hat ihren Betrieb
einzustellen usw. usw., weil es hier stets die Zahl der günstigen Fälle
um das Vielmillionenfache unwahrscheinlicher ist, als im Falle
Montmorency-Clerepeyne.
Noch grandioser wird die Rechnung beim 34. Quatrain der IX. Centurie.
Zwischen dem Erscheinungsdatum der Prophezeiungen und dem Eintritt des
Ereignisses 1791 liegen 2¼ Jahrhunderte oder rund 7 Generationen.
Damals hatte Frankreich eine ungefähre Bevölkerung von 30 Millionen
oder, des leichteren Rechnens wegen, von 28 Millionen. Wenn wir diese
Zahl nun durch die 7 überhaupt in Frage kommenden Generationen der
Grafen Narbon dividieren, erhalten wir als Koeffizienten die Zahl 4
Millionen, von denen die Hälfte als weibliche Personen ausscheidet.
Dabei ist bemerkenswert, daß m. W. die Familie zur Zeit des Nostradamus
noch gar nicht existierte.
Das heißt mit anderen Worten: Daß Nostradamus gerade auf den Namen
Narbon verfiel, statt einen anderen zu wählen ist – als Zufall
betrachtet – eben so groß, wie der aus 2 Millionen Losen, den
Haupttreffer bei einmaligem Wählen zu finden.
Waren wir über die Zeit und demgemäß auch über die Generation, der
Narbon angehörte, im ungewissen, so ist so viel sicher, daß Sausse sein
Zeitgenosse ist. Wieviele Sausse es damals in Frankreich gab, entzieht
sich natürlich meiner Kenntnis. Aber so viel ist sicher, daß der Name
äußerst selten ist. Nehmen wir nun an, daß es 5 Sausse damals gegeben
habe, die alle – also exorbitant hoch gegriffen – Krämer waren, ja,
sogar schon seit Generationen! dann erhalten wir folgende Rechnung: