II. – Elisabeth heiratete Philipp II. von Spanien, Margarete den
Herzog Emanuel Philibert von Savoyen – streckte der »junge Löwe« Graf
Montgomery den »alten« König Heinrich II. von Frankreich in den Sand,
und zwar im Tjost, bei dem einer gegen den anderen, also einzeln (par
singulier duel) die Kräfte maß. Das steht im Gegensatz zu den zur
Ritterzeit gebräuchlichen Buhurt, einem ungefährlichen Reiterspiel
mit stumpfen Waffen, oder dem Turnier, wo größere Scharen von Rittern
gleichzeitig gegeneinander die – stumpfen – Lanzen verstechen[181].
Dabei drang seine Lanze durch das goldene Visier des Helmes (cage d’or)
ins rechte Auge. Der König starb am 10. Juli erst vierzigjährig an der
erhaltenen Wunde. Das war der erste gewaltsame Bruch am Aste der Valois.
Der zweite ereignete sich am 1. August 1589, als der junge fanatische
Dominikanermönch Jaques Clément König Heinrich III. im Lager zu St.
Cloud mit einem Dolche den Unterleib durchbohrte. Der König starb noch
am gleichen Abend unter furchtbaren Schmerzen und mit ihm erlosch das
berühmte Geschlecht im Mannesstamme.
Daß diese Prophezeiung richtig gedeutet wurde, wissen wir nicht nur
von Hörensagen und aus der Tatsache, daß von nun an Nostradamus ein
berühmter Mann war, sondern auch aus der gleichzeitigen Literatur.
Brantôme in seinen Vies des Hommes illustres erzählt in dem Heinrich
II. gewidmeten Abschnitt ebenso wie Guynaud in seiner Concordance des
Prophétie de Nostradamus die Umstände bei diesem Turnier genau. Ja,
wir wissen auch, daß dem König, der sich in Kraftproben gefiel, das
bevorstehende Unglück vorhergesagt worden war, jedoch ohne ihn von
seinem Vorhaben abzubringen.
Einst besuchte Herzog Philibert Emanuel von Savoyen mit seiner Gemahlin
Margarete den Seher. Als letztere in gesegneten Umständen war, ließ
sie Nostradamus zu sich nach Nizza kommen und befragte ihn über das
Geschlecht des zu erhoffenden Kindes. Er antwortete, daß es ein Sohn
sein werde, der Karl getauft und ein großer Feldherr werde. Am 12.
Januar 1562 kam der Knabe zur Welt und Nostradamus stellte ihm die
Nativität[182].
In dieser Nativität hieß es, daß er in einem bestimmten Jahre
verwundet, aber nicht sterben werde, als bis eine 9 vor einer 7
komme. Der Prinz, der sein Horoskop sorgfältig verwahrte, sprach
eines Tages mit dem Grafen Carignan über das geheimnisvolle und
unsichere Helldunkel der astrologischen Prognostika und erzählte,
daß ihm Nostradamus für das laufende Jahr eine bedeutende Verwundung
vorhergesagt habe. Der Graf konnte nicht begreifen, wie er im tiefsten
Frieden schwer verwundet werden könne, worauf der Prinz rasch aufstand,
um die Nativität herbeizuholen. In der Eile stieß er den Tisch um, der
ihm auf ein Bein fiel und es bedeutend verletzte.
Da sich die erste Prophezeiung so schlagend bewahrheitet hatte,
glaubte Prinz Karl, daß nun auch die zweite bezüglich seines Alters
eintreffen würde und rechnete auf 97 Jahre. Als er aber schon im 69.
Jahre starb, erkannte man, daß auch hier eine 9 vor einer 7 komme,
weil auf 69 unmittelbar 70 folgt. So war der Prophet gerechtfertigt.
Allerdings beweist dieser Fall – wie zahllose andere – auch die große
Schwierigkeit der Interpretation selbst einer richtigen Vorhersage.
Im Jahre 1564, als der junge König Karl IX. mit seiner Mutter den
berühmten Propheten aufsuchte, weissagte er letzterer im geheimen, daß
ihr Lieblingssohn, der damalige Herzog Heinrich von Anjou, den Thron
besteigen würde. Auch Heinrich von Navarra, dem nachmaligen König
Heinrich IV., weissagte Nostradamus die Krone.
Übrigens ernannte Karl IX. den Seher zu seinem Leibarzt und überreichte
ihm ein Geschenk von zweihundert Goldtalern, Katharina aber fügte
noch hundert aus eigener Tasche hinzu. So fehlte es ihm weder an Geld
noch an Ehren. Da er ein Wohltäter der Armen und Kranken war, ein
aufopfernder, pflichtgetreuer Arzt, so wußten auch seine Mitbürger ihn
zu schätzen.
Sein Freund Jean Aimè Chavigni – latinisiert Janus Gallicus –
erzählt[183], daß er des Nostradamus’ Krankenbett spät in der Nacht des
1. Juli 1566 verließ und mit Sonnenaufgang wiederzukehren versprach.
Der Kranke, der die letzten sechzehn Lebensmonate an der Gicht gelitten
hatte und bereits acht Tage vor seinem Tode das Abendmahl empfing, zwei
Tage vorher aber sein Testament machte, antwortete dem Freund: »Der
Sonnenaufgang wird mich nicht mehr unter den Lebenden finden.«
Da er jedoch leicht atmete und man überhaupt keine Anzeichen des
herannahenden Todes an ihm wahrnahm, zogen sich alle zurück, um einige
Stunden der Ruhe zu pflegen. Als man dann in der Morgendämmerung ins
Krankenzimmer trat, fand man Nostradamus tot auf einer Bank in einer
Stellung, die deutlich bewies, daß er ein sanftes Ende gefunden hatte.
Man entdeckte unter den Papieren des Verstorbenen folgendes nach seiner
Rückkehr von Arles, wohin Karl IX. im Jahre 1564 ihn hatte kommen
lassen, geschriebene Quatrain, in dem er die Umstände seines Todes
schildert[184]:
Zurückgekehrt legt’ ich des Königs De retour d’Ambassade, don de
Gabe nieder; Roi mis au lieu;
Die Arbeit ist vollbracht, ich geh Plus n’en fera: sera allé à
zu Gott; Dieu:
Mir nahn Verwandte, Freunde, Parans plus proches, amis,
Blutesbrüder – freres du sang –
Bei einer Bank an meinem Bett Trouvé tout mort près du lict
werd’ ich gefunden tot. et du banc.
Am 2. Juli wurde Nostradamus links vom Haupteingang der Minoritenkirche
in Salon in einer Nische beigesetzt, was auch einer Prophezeiung
entsprach. Hier möge es offen bleiben, ob sein Grab nicht danach
gewählt wurde.
Nostradamus hinterließ außer den Centuries noch in Prosa geschriebene
Prophezeiungen, die Chavigni in zwölf Büchern zusammenstellte. Sie
sollen klarer gewesen sein, als die Centuries, gingen aber verloren.
Die Prophetien beginnen im Jahre 1555 und enden am Schlusse des ersten
angeblichen Geschichtsweltalters im Jahre 3797 n. Chr. Räumlich
behandeln sie, wie Nostradamus im Anschreiben an Heinrich II. mitteilt,
ganz Europa und einen Teil Afrikas und Asiens, während sie den Osten
Asiens oder Indien nicht umfassen. Besonders zahlreich sind die auf
Frankreich bezüglichen Sprüche, und auch hier ist es besonders sein
Heimatland Provence und das angrenzende Piemont.
Bevor wir weiter auf die Prophezeiungen eingehen, die besser
überliefert sind, als man bei der Schwierigkeit der Sprache und den
zahlreichen eingestreuten Provinzialismen, Fremdworten und Neubildungen
– die dem Abschreiber bzw. Drucker natürlich große Schwierigkeit
bereiteten – erwarten sollte, wollen wir einen Blick auf die
Fälschungen werfen.
Sie sind zahlreich und in der Regel nur auf Grund alter Ausgaben bzw.
der kritischen von Le Pelletier festzustellen. Dann allerdings ohne
Schwierigkeit. Bis in die allerneueste Zeit haben sich Fälscher oder
Spaßvögel des Namens des großen Astrologen bedient.
So zirkulierte etwa im Jahre 1903 folgendes =nicht= in einer
Originalausgabe enthaltene Quatrain:
Albion royne de la mer
Alors qu’ira montagne de l’air
Cloche en canon, navir en cloche
Dis que la dernière heure approche.
Hieraus las man den Untergang der Seeherrschaft Englands zur Zeit der
Luftschiffe, Hohlgeschosse und Unterseebote. Natürlich war es eine
Fälschung.
Im Jahre 1870 tauchte ein anderer angeblicher Quatrain des Nostradamus
auf, in dem dem zweiten Kaiserreich eine Lebensdauer von genau 17¾
Jahren »et pas un jour de plus« vorausgesagt war. Da es vom 2. Dezember
1852 bis zum 2. Dezember 1870 dauerte, so war die Prophezeiung richtig,
nur findet sich leider bei Nostradamus nichts davon[185].
Mit welchem geradezu unglaublichen Mangel an Logik zu Werke gegangen
wird, wenn es gilt, eine unangenehme Tatsache aus der Welt zu schaffen,
zeigt sich hier wieder einmal deutlich. Man folgert daraus, daß es
auch gefälschte Prophezeiungen gibt, etwas gegen die echten! Und
doch könnte jeder des Lesens Kundige sich durch einen Blick in alten
Ausgaben überzeugen, daß es auch echte gibt und zwar sehr viele. Es
ist ein Vorrecht der Ignoranz apodiktisch aufzutreten, und die gerade
modernen wissenschaftlichen Theorien scheinen zu ihrer Unterstützung
die gröbsten logischen Schnitzer nicht entbehren zu können.
Wir wollen nun aus der großen Zahl von eingetroffenen Prophezeiungen
einige herausgreifen. Wir betonen dabei wiederum, daß =eine einzige=
wahre Vorhersage, d. h. eine, die Zufall und Berechnung ausschließt,
die Tatsächlichkeit des Phänomens bereits beweist.
Der 75. Quatrain der VI. Centurie lautet:
Le grand pillot par Roy sera mandé,
Laisser la classe pour plus haut lieu atteindre:
Sept ans après sera-contrebandé,
Barbare armée viendra Venise craindre.
Diese Vorhersage ging schon sehr bald in Erfüllung. Wollen wir sie
zunächst übersetzen und mit Le Pelletier kommentieren[186].
»Der große Pilot wird vom König mit einem Amt betraut werden (mandé =
mandatus, das Mandat erhalten). Er wird die Flotte verlassen, um zu
einem noch höheren Range emporzusteigen: Sieben Jahre nachher wird
er Schleichhändler sein (d. h. sich gegen die legitimen Gewalten
auflehnen), eine barbarische Armee wird Venedig Furcht einjagen.«
Gaspard de Coligny wurde vom König Heinrich II. zum Admiral befördert
im Jahre 1552. Er dankte im Jahre 1559, beim Tode des Königs, ab, um
als Parteihaupt der Kalvinisten tatsächlich eine mächtigere Stellung
einzunehmen. Hier wurde er im Jahre 1562 zum ersten General-Leutnant
ernannt. Im Jahre 1567, also sieben Jahre nach seinem Ausscheiden
aus dem königlichen Dienst, stand er auf der Höhe als Organisator
des Bürgerkrieges (Contrebandé). In die Jahre 1567 bis 1569 fallen
die drei großen von den Protestanten gelieferten Schlachten bei
Saint-Denis, Jarnac und Moncontour. In der letzten war Coligny
Höchstkommandierender. Diese Ereignisse fielen zeitlich zusammen mit
dem bedrohlichen Vordringen der Waffen des Sultans Selim II., der
Venedig im Jahre 1570 die Insel Zypern abnahm. Im gleichen Jahre 1570
schlossen die Protestanten und Katholiken zu St.-Germain Frieden.
Daß diese Ereignisse sich gut mit dem Quatrain identifizieren lassen,
wird wohl niemand bestreiten. Ja, sie =müssen= sogar identifiziert
werden, da gar nicht so viele Jahre in Frage kommen, in denen Venedig
vor den Türken zittern mußte. Ferner dürfte Coligny der einzige Admiral
gewesen sein, der es zum Führer der Revolution gebracht hat. Auch die
Zeitangabe von sieben Jahren wird stutzig machen. Immerhin können wir
den Einwand nicht widerlegen, daß diese Ereignisse, weil teils noch
zu Lebzeiten des Nostradamus, teils kurz nach seinem Tode eintretend,
durch Kombination von ihm hätten erraten werden können, oder daß man
Ereignisse später dem Quatrain unterlegte.
Obiger Quatrain diene übrigens als gutes Beispiel für die schwer
verständliche Sprache des Astrologen. pillot ist ein italienisches Wort
(piloto, pillotare); la classe, von classis abgeleitet ist lateinisch,
contrebandé ebenso wie mandé ist romanisch. Dazu kommt die Inversion
des letzten Verses, der natürlich gelesen werden muß: Venise craindra
une armée barbare qui viendra. Diese Dunkelheit bewirkt, daß es nahezu
unmöglich ist, eine Prophezeiung zu verstehen, bevor sie eingetreten
ist. Ist dies aber der Fall gewesen, dann wird alles, fast jedes Wort,
erstaunlich klar.
Um nicht den Vorwurf zu riskieren, wir verschwiegen etwas, was zu
Ungunsten des Nostradamus angeführt werden kann, sei mitgeteilt, daß
man den Nachweis erbrachte, daß er zahlreiche Prophezeiungen älterer
und auch zeitgenössischer Seher in seine Sammlung aufgenommen habe.
Das gilt in den Augen von manchen als Beweis seiner betrügerischen
Scharlatanerie.
Abgesehen davon, daß viele Seher ebenso handelten, kommt es doch ganz
allein darauf an, daß eine Prophezeiung auch wirklich eintrifft.
Damit, daß Nostradamus da und dort Sprüche anderer aufnimmt, um sie
seinem eigenen Werke einzuverleiben, übernimmt er für sie auch die
Verantwortung. Er wird sie zweifellos, schon mit Rücksicht auf seinen
Namen, vorher nachgeprüft haben. Es wäre von ihm sehr töricht gewesen,
wenn er wertvolle Vorhersagen nur deshalb aus seinem Werke fortgelassen
hätte, weil sie nicht von ihm selbst stammen. Das wäre ja etwa so,
als wenn jemand über irgend eine Wissenschaft, sagen wir über Chemie
schriebe, und dabei ausschließlich das im Buche aufführte, was er
selbst entdeckt hat.
Auch der Vorwurf des Plagiates wäre vorschnell. Denn abgesehen davon,
daß das Mittelalter den Begriff kaum kannte, wäre es ja eine ganz
unmögliche Forderung im Quatrain den Namen des Autors anzugeben.
Gehen wir jetzt zu weiteren Prophezeiungen des großen Sehers über in
der Hoffnung, allmählich selbst dem hartnäckigsten Zweifler die Augen
zu öffnen.
Wir nehmen einen Quatrain, der uns beweiskräftig scheint, weil die
Identifizierung sehr leicht ist. Es ist der 55. der III. Centurie und
lautet:
En l’an qu’un oeil en France regnera
La Cour sera en un bien fascheux trouble:
Le Grand de Blois son amy tuera;
Le regne mis en mal et doute double.
Mit Le Pelletier[187], dem gründlichsten Kenner und liebevollsten
Interpreten unseres Astrologen, übersetzen und kommentieren wir wie
folgt:
Im Jahre, in welchem ein Einäugiger in Frankreich herrschen wird, wird
der Hof in einer höchst unangenehmen Verlegenheit sein: Der Große von
Blois (d. h. der König von Frankreich, der sein lit de Justice in Blois
abhielt)[188] wird seinen Freund töten; das Königreich, in üble und
unsichere Situation versetzt, wird (sera ist zu ergänzen) doppelt sein,
d. h. in zwei Teile gespalten werden.
Diese Vorhersage =muß= auf das Jahr 1559 datiert werden, weil es das
einzige in der ganzen französischen Geschichte ist, in dem es einen
einäugigen König gab. Wie wir schon früher gesehen haben, war ja
Heinrich II. vom Grafen von Montgomery das Auge ausgestochen worden,
eine Verwundung, die der König kurze Zeit überlebte. Gerade vom Jahre
1559 ab ereigneten sich aber die ungünstigen Dinge, die Nostradamus
andeutet, wenn sie sich auch allerdings nicht im gleichen Jahre schon
erfüllten, so daß man ev. sagen könnte, der Seher habe sich in der Zeit
geirrt.
Der französische Hof wurde damals in die allerunangenehmste Lage
versetzt. Heinrichs II. Nachfolger, der sechzehnjährige, schwache Franz
II., unter dem die Hugenotten sich empörten – auch der Name tritt jetzt
zuerst auf – war in keiner Weise fähig, den beginnenden Religionskrieg
im Keime zu ersticken. Als er schon 1560 starb und der zehnjährige Karl
IX. unter der Regentschaft der Katharina von Medici folgte, wurde es
nicht besser. Er beteiligte sich bekanntlich persönlich am Blutbad der
Bartholomäusnacht, in der Tausende der Hugenotten ermordet wurden. Die
Guise spielten im Reich die erste Rolle. Gegen Heinrich III., Karls
Nachfolger, konspirierten sie. Da holte er zu einem Gewaltstreich aus,
bei dem er seine Generalstände nach Blois berief und dort den Herzog
von Guise in seinem Kabinett ermorden ließ. Vorher hatte er mit ihm
als Beweis für seine Freundschaft die Hostie geteilt (daher son amy).
Die Folge der Bluttat war, daß sich die zwei feindlichen Parteien, die
Royalisten und die Ligisten, mit höchster Wut bekämpften. Paris ging
zu offener Revolution über, die Sorbonne entband vom Treueid, und als
Heinrich die Stadt belagern wollte, wurde er ermordet[189].
Man kann =nicht= sagen, daß die Voraussage des Nostradamus weniger
wunderbar ist, weil sie sich bereits nach vier Jahren erfüllte; denn
daß dieser Quatrain bereits in der im Jahre 1555 abgeschlossenen
und edierten unvollständigen Ausgabe steht, ist sicher. Wenn wir
das Phänomen der Prophetie beweisen wollen, dann ist es aber ganz
gleichgültig, ob eine Vorhersage sich nach einigen Tagen oder einigen
Jahrhunderten realisiert. Ausschlaggebend muß nur sein, daß es sich
weder um Zufall, noch um Berechnung handelt.
Was das letztere betrifft, so wird wohl kein Mensch auf der Welt so
einfältig sein, zu behaupten, daß irgend jemand auf gewöhnlichem Wege
ausrechnen könnte, daß Frankreich einmal von einem einäugigen König
beherrscht werden würde. So etwas zu kombinieren – das kann ohne
jegliches Zögern ausgesprochen werden – ist schlechthin unmöglich.
Tatsächlich ereignete sich in Blois – der Name ist ja angegeben – das
scheußliche Verbrechen mit seinen Folgen! =Jedes Wort= beruht auf
Wahrheit!
Bleibt noch der Zufall. Da sich diese Ereignisse: die Einäugigkeit
des Königs, das Zusammentreffen der Einäugigkeit mit dem späteren
Vorgang, insofern Frankreich, von einem erfahrenen und energischen
Monarchen geleitet, wohl kaum die Wirren hätte erdulden müssen, die
es unter Kindern und Unreifen erlitt, die Tat des Königs, der Ort
Blois, der »Freund«, die Zerspaltung Frankreichs und die üble Lage
des Hofes, weil z. T. überhaupt Unica bildend, nicht gut in eine
Wahrscheinlichkeitsrechnung einfangen lassen, wollen wir vorläufig
darauf verzichten, den Koeffizienten zu berechnen.
Übrigens nimmt auch der 51. Quatrain der III. Centurie auf den Mord in
Blois Bezug:
»Paris conjure un grand meurtre commetre,
Blois le fera sortir en plain effect.«
Nachdenklich mag auch die Présage 58 stimmen:
Le Roy-Roy n’estre, du Doux la pernicie,
L’an pestilent, les esmeus nubileux.
Tien’qui tiendra, des grands non letitie:
Et passera terme de cavilleux.«
Le Roy-Roy, der doppelte König, ist Heinrich III. der, wie bereits
erwähnt, die Krone Polens vor der Frankreichs getragen hatte. Die
Übersetzung lautet:
Der zweifache König stirbt (n’estre = n’est plus) als Mordtat des
Süßen. (pernicie = lateinisch pernicies Verderben, Untergang).
Im unglückseligen Jahr, wenn die Anstifter der Unruhen sorgenvoll sind.
Daß der, der halten wird, nicht los läßt! den Großen nicht zur Freude.
(letitie = lateinisch laetitia).
Und er wird das Ziel passieren, das ihm die Spötter (cavilleux =
railleur vom lat. cavillator) bestimmt haben.
Daß König Heinrich ermordet wird von einem »Süßen«, ist ein offenbarer
Unsinn, denn Mörder pflegen mit diesem Epitheton nicht belegt zu
werden. Wie aber, wenn wir hören, daß der Mörder =Clément= hieß? Was
dem Sinne nach ungefähr dasselbe bedeutet? Das legt den Gedanken nahe,
Nostradamus habe den Namen gekannt, aber absichtlich zum Zweck der
Verdunklung durch ein Synonym ausgedrückt.
Ja, ist es denn möglich, daß die Prophetie uns sogar die =Namen=
zukünftiger geschichtlicher Personen enthüllt?
Wir sehen hier, daß es aller Wahrscheinlichkeit nach sogar wirklich
ist. Aber erst wenn wir durch spätere Quatrains den zwingenden
Beweis, daß sogar die Angabe des Namens im Bereiche von Nostradamus
wunderbarer Kunst lag, erbracht haben, fordern wir vom Leser, daß er
sich auch hier bekehrt und zugibt, daß »du Doux« gleichbedeutend mit
»Clement« ist.
Alles andere stimmt ganz genau mit der Wahrheit überein. Heinrich
III. wurde 1589 ermordet, einem Jahre, das besonders durch Bürger-
und Religionskrieg verhängnisvoll sich vor anderen auszeichnete
(pestilent). Die Revolutionäre waren damals tatsächlich sehr besorgt
(nubileux), denn der König zog ja vor Paris und hätte es unzweifelhaft
erobert und die Ligisten vernichtet, wäre die Mörderhand nicht
dazwischen gekommen[190].
Geradezu bewundernswert ist das »Tien’qui tiendra«, wenn wir Heinrich
IV., damals noch König von Navarra, substituieren. Er, der später die
Krone tragen wird, soll nur ja nicht loslassen! Das wird allerdings
seinen großen Gegnern, Philipp II., Mayenne, Herzog von Aumale und
den anderen katholischen Herren wenig angenehm sein. Tatsächlich
überschritt Heinrich IV. das Ziel, das die Spötter von der Partei der
Guise ihm gesteckt hatten in jeder Hinsicht durch die Macht, die er,
der einstige Kalvinist und Herr des kleinen Navarra, als König ausübte.
Daß dieser Quatrain im vollen Umfange in Erfüllung gegangen ist, wird
ja kaum jemand bestreiten wollen. Da das erst 25 Jahre nach dem Tode
des Sehers eintrat, ist Kombination ausgeschlossen und der Beweis für
die Existenz echter Prophetie wäre hinreichend erbracht.
Doch wir wollen uns nicht mit der Feststellung der Tatsache begnügen,
sondern auch den Umfang der Gabe zu bestimmen versuchen. Die schwersten
Proben werden zweifellos richtige Angaben von Namen und Jahreszahlen
sein. Denn gegen die tatsächlichen Vorgänge werden unverbesserliche
Skeptiker immer wieder anführen können: irgend etwas ereignet
sich immer mal in der Weltgeschichte, und sei es die verwegenste
Konstruktion, zumal wenn man – wie bei Nostradamus – zwei Jahrtausende
Zeit hat, seine Auswahl zwecks Identifikation zu treffen. Da hier der
Gegenbeweis sehr schwer wäre, wollen wir also durch Namen, die sich in
der Weltgeschichte durchaus nicht wiederholen und stets Identifizierung
der Nation, häufig auch sogar Datierung gestatten, dem Gegner die
Rückzugslinie abschneiden.
Der 18. Quatrain der IX. Zenturie lautet:
Le lys Dauffois portera dans Nanci
Jusques en Flandres electeur de l’Empire;
Neusve obturée au grand Montmorency,
Hors lieux prouvés delivré à clere peyne[191].
An Namen ist hier kein Mangel. Übersetzen wir nun mit Le Pelletier (I.,
p. 113):
»Die Lilie des (bisherigen) Dauphin (die Lilie war bekanntlich das
Wappen der Bourbons; Dauffois ist Synkope für Dauphinois = Dauphin)
wird nach Nancy kommen und wird bis nach Flandern einen Kurfürsten des
Reiches unterstützen (portera = supportera).
Neues Gefängnis (obturée lateinisch = obturare, einsperren) dem großen
Montmorency.
Außerhalb des dazu bestimmten Ortes (prouvés für approuvés) wird er
ausgeliefert werden dem Clerepeyne (oder: einer berühmten Strafe).«
Alle angegebenen Daten und Namen passen auf Ludwig XIII., den wir auch
aus einem anderen Grunde mit dem lys-Dauffois identifizieren müssen.
Seine Truppen drangen am 24. September 1633 in Nancy ein und der
König selbst folgte am andern Tage. Daß Nancy, die Hauptstadt des
Herzogtums Lothringen, =nicht= zu Frankreich gehörte, es sich vielmehr
um einen Kriegszug handelt, weil Lothringen französische Rebellen
unterstützte, ist immerhin erwähnenswert. Er drang im Jahre 1635 bis
nach Flandern vor, um die Sache des Kurfürsten von Trier, der 1635
in spanische Gefangenschaft geraten und nach Brüssel entführt worden
war, zu unterstützen. Und zwar war diese Gefangennahme Anlaß der
Kriegserklärung und Ludwig belagerte Löwen in Flandern. Etwa um die
gleiche Zeit – im Jahre 1632 – wurde Heinrich II. Montmorency wegen
Rebellion gegen seinen Herren Ludwig XIII. im neu erbauten Gefängnis
des Rathauses in Toulouse eingesperrt (neusve obturée). Darauf wurde er
einem Soldaten namens =Clerepeyne= übergeben, der ihm =nicht= an dem
dafür bestimmten Orte (hors lieux prouvés), das wäre der Stadtplatz,
place du Salin, in Toulouse gewesen, sondern – als Gnade – im
verschlossenen Hofe des Rathauses am 30. Oktober 1632 den Kopf abschlug
vor der Statue seines Paten, Heinrichs IV., dem sein Vater zum Teil
die Krone Frankreichs verdankte. Auch ersteres war eine Gnade, die die
Familie Montmorency beim König erwirkte, daß nämlich der Verurteilte
von der entehrenden Hand des Henkers verschont bleiben sollte.
Was den Namen des Soldaten betrifft, so bezeugt der =Zeitgenosse=
Etienne Joubert[192] dieses Faktum nicht minder, wie der Chevalier
de Jant, wie Le Pelletier feststellt. Motret[193] hat diesem höchst
merkwürdigen Sachverhalt, merkwürdig insofern als jedes Wort des
Nostradamus in verblüffender Weise durch die nachträglichen Ereignisse
bestätigt wurde, eine eingehende Untersuchung gewidmet.
Übrigens haben wir hier neuerdings ein Beispiel für die ungeheure
Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit die Quatrains zu deuten, bevor sie sich
erfüllt haben. clere peyne würde – auch wenn es nicht der Familienname
des mit der Exekution betrauten Soldaten gewesen wäre – einen völlig
zutreffenden Sinn geben. Denn es ist zweifellos eine berühmte Strafe,
wenn ein Herzog hingerichtet wird.
Zugetroffen sind also in diesem Quatrain: 1. der Name Dauphin, da
Ludwig XIII. seit einem Jahrhundert d. h. seit dem Jahre 1566, als die
IX. Centurie erschien, der =erste= König von Frankreich war, der vor
seiner Thronbesteigung diesen Titel geführt hatte.
2. Die Ortsnamen Nancy, das der König eroberte, und Flandern, in das er
eindrang, womit implicite auch zwei Kriege richtig prophezeit sind.
3. Die Person des Kurfürsten, der den Krieg verursacht hatte.