Tages.) Wie traurig das hier aussieht! Die Menschen alle: O weh, so
viele! – So viele Frauen sind da; wie sie weinen! Die Männer sind tot;
es leben nicht viele mehr. Sie sind alle heraufgebracht worden. Ach,
Gott, die Armen tun mir so leid! Sieh mal, die Kinder alle! Wie die
Männer aussehen, sie sind ganz von Rauch geschwärzt, sind gewiß alle
in der Erde erstickt. – Das sind =Böhmen=. Die Weiber und die Kinder
haben Kopftücher um. Ja, das sind Böhmen. Ach, die armen Menschen nun
gerade um die =Weihnachtszeit=. Ist doch schrecklich! – Mit solch einem
Zug, der eben angekommen, bin ich schon gefahren. Da steht es dran; der
kommt doch über Eger. Ja, es ist Böhmen. – Wie sie dort liegen! – Das
sind wohl Ärzte, die da reiben? – Feine Männer. Viele haben Binden mit
einem Kreuz um die Arme. – Was haben die Frauen und Kinder denn da in
der Hand? Eine Kette. Wozu haben sie die Kette? Ach, sie bekreuzigen
sich jetzt. Das ist ein Rosenkranz. Ach, sie beten; aber sie weinen
doch alle! – An dem Eisenbahnzug sehe ich einen österreichischen Adler,
einen Doppeladler. – Ach, das ist wohl ein Schaffner, der da steht?
Ich höre, was er sagt. »In den Kohlengruben von =Dux=,« sagt er; =ich
lese aber Brüx=. Der da hat’s an der Binde. – Ach, die sind von der
Sanitätswache. – Aber sie können nichts machen mit den armen Menschen.
Sie fahren sie alle auf so komischen Wagen fort. (Die Somnambule
erwacht.)«
Diese Vision hatte Frau de Ferriëm[169] bereits im Jahre 1896. Vier
Jahre später nun fand in den =Kohlenbergwerken von Dux bei Brüx in
Böhmen ein Gruben-Unglück= statt, bei dem sehr viele Bergleute ums
Leben kamen.
Da das Unglück aber nach der Mitte des September 1900 sich ereignete,
so stimmt die Zeitangabe bezüglich Weihnachtszeit und Kälte nicht.
Wie aber Godefroy, der die Vision nachgeschrieben hatte[170], dem Dr.
Walter Bormann schrieb[171], dauerte die Herausschaffung der Leichen
aus den Gruben mehrere Wochen. Noch Ende Oktober wurde bei starker
Kälte eine Anzahl der Opfer zutage gefördert. Also ging diese Vision
vollkommen in Erfüllung.
Diese Prophezeiungen sind für uns von unschätzbarem Werte aus dem
naheliegenden Grunde, weil sie alle =vorher= im Druck erschienen
sind, was ja leicht nachkontrolliert werden kann. Mag man auch zur
Wahrhaftigkeit eines Zeugen, der das nachherige Eintreten einer
Voraussage behauptet, das größte Vertrauen haben, so wird man doch
die Möglichkeit eines Erinnerungsfehlers nie bestreiten können. Man
wird auch gern einwenden, daß der betreffende nur von den Fällen
spricht, die wirklich eintrafen, jene aber, die sich nicht erfüllten,
verschweigt. Es wird sich also mehr oder minder immer um ein =Glauben=
handeln. In unseren oben angeführten Fällen dagegen handelt es sich um
ein =Wissen=. Das gibt ihnen eine ganz außerordentliche Bedeutung. Denn
auch der größte Zweifler wird nicht leugnen können, daß es sich um ganz
ungewöhnliche Ereignisse handelt, bei denen wir nicht leicht mit dem
Zufall operieren können.
Bormann weist mit Recht auf die große Anschaulichkeit der angeführten
Weissagungen hin. »Alles, was die Seherin angibt, stellt sich
bewegt und farbenfrisch ganz unmittelbar dem =Auge= dar, und noch
die Ortsbezeichnungen Dux und Brüx werden durch die Aufschriften
am Eisenbahnzuge, durch die Binde eines Mannes und durch die mit
dem Ohr vernommenen Worte eines Schaffners uns vermittelt. Auch bei
solchem zeitlichen Fernsehen also ist hier nichts bloß abgezogenes
Denken; alles ist ein Schauen des Lebens, und obwohl keine vorhandene
Erscheinung der =Gegenwart= und noch =nichts Wirkliches= im
menschlichen Sinne, wird es doch =räumlich= wahrgenommen, als ob diese
Zukunft bereits sinnliche Gegenwart wäre[172].«
Bormann, der sich als Vorsitzender der »Gesellschaft für
wissenschaftliche Psychologie« in München viel und gründlich mit diesen
Phänomenen beschäftigte, sagt mit Recht, die Erklärbarkeit dieses
=zugleich zeitlichen und räumlichen Fernsehens= sei ein schwer zu
lösendes Rätsel. Wir wollen uns auch nicht darauf einlassen, sondern
nur feststellen, daß, wenn uns überhaupt etwas diese Phänomene, an
deren Existenz zu zweifeln nur wohl mehr Böswilligkeit noch vermag,
verständlich machen kann, es solche authentische Berichte sind. Auch
wir haben ja im Traum Ähnliches alle schon erlebt, nur handelt es
sich hier um Vergangenes. Wenn wir aber den Vergleich des Traumes
festhalten, dann werden uns sofort Irrtümer in der Interpretation
der Visionen klar. Das Gesicht entschwindet oft, wenn wir einen
bestimmten Punkt festhalten wollen. Es löst sich in Nebel auf, und im
Bestreben, zu rekonstruieren, erfinden wir. Oder die Seherin sieht
zwar eine Gegend ganz deutlich vor sich. Da sie aber nirgends, weder
auf Stationschildern, noch auf Reklamen oder sonst wo den Namen des
Ortes lesen kann, auch nicht ihn rufen hört oder das Gelände aus der
Erinnerung wiederzuerkennen vermag, so hat sie zwar eine richtige
Vision, weiß aber nicht, wohin den Schauplatz zu verlegen. Oder sie
glaubt eine Gegend wiederzuerkennen und irrt sich dabei. Natürlich wird
dann die Prophezeiung, weil irrig lokalisiert, auch nicht eintreffen.
Solche und ähnliche Fehlerquellen existieren immer. Deshalb ist es
desto verwunderlicher, wenn alles genau zutrifft.
Doch wir werden später noch auf dieses Thema zurückkommen.
Wunderbarerweise sind wir nämlich noch keineswegs am Ende der
eingetroffenen Prophezeiungen der Frau de Ferriëm angelangt.
Im Oktober 1900 wurde in Nr. 43 der »Zeitschrift für Spiritismus«
(Köln) folgende Vision der Dame mitgeteilt:
»Es taucht vor mir eine schwarze Masse auf. – Was es ist? – Ich kann’s
noch nicht deutlich erkennen. – Ja, so, ein =Felsen im Meer=, daran
es zerschmettert ist. Sehe nämlich ein =deutsches Kriegsschiff=. Die
schwarze Masse ist ein Teil des untergegangenen Schiffes. – Viele
Menschen gehen beim Untergange desselben zugrunde. Ich sehe sie
deutlich verzweifelt mit den Wellen kämpfen. Alles =deutsche= Matrosen.
– Es ist bestimmt ein Kriegsschiff. Ich sehe den Kommandanten, wie
er seine Hände zum Himmel hochstreckt. Er schreit noch seine letzten
Befehle. Er trägt einen Bart, wie ihn Kaiser Friedrich trug, nur kürzer
und ziemlich dunkel, fast schwarz. – Das Wasser ist fast ganz ruhig
geworden. – – Ich sehe auch, daß es in =fremdem= Lande ist – – Naht
denn keine Rettung? – Noch nicht. – Ein Schiff in Sicht. Hurra! – Und
doch, es ist wenig Aussicht auf Rettung. – Und naht denn keine Hilfe? –
Ja, ja, aber viel zu spät.« Godefroy hatte diese Prophezeiung von der
Seherin stenographiert aus Österreich erhalten.«
=Anderthalb Monate später, am 7. Dezember 1900, ging diese Vision mit
dem Untergang des deutschen Schulschiffes Gneisenau in Erfüllung.=
Bormann schreibt darüber[173]:
»Der ›Gneisenau‹ scheiterte am Felsen Morro Levante (im Vorhafen von
Malaga). Sein Untergang traf auch in einzelnem erstaunlich mit der
Weissagung überein. Der Schiffskommandant hob in der Tat seine Arme
gen Himmel, indem er laut seine Mannschaften in Gottes Hut befahl. Es
ist auch richtig, daß die Bemannung nicht mit dem Schiffe zugrunde
ging; die Leute stürzten sich in die Wellen und gingen im Kampfe mit
ihnen zahlreich unter. Der Bart des Schiffskommandanten Beckmann ist
in der Tat gewesen wie der des Kaisers Friedrich, nur kürzer, wie
Bilder ausweisen. Wie die Farbe des Bartes war, weiß ich nicht. Die
Seherin sah das Gesicht ungewöhnlich deutlich und kündigte daher dessen
=schnelle= Erfüllung an, wie es auch geschah.« Übrigens sah sie noch,
daß das Schiff nicht völlig unter der Wasseroberfläche verschwand, wie
es auch in Wirklichkeit der Fall war.
Daß gottlob der Untergang eines deutschen Kriegsschiffes zu den größten
Seltenheiten gehört, ist hinlänglich bekannt. Aus diesem verblüffenden
Zusammentreffen einer Reihe von ganz seltenen Fällen – man denke an den
Bart des Kapitäns! – eine Wahrscheinlichkeitsrechnung zu konstruieren,
dürfte jedoch auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen.
Eine Prophezeiung der Frau de Ferriëm über das =lenkbare Luftschiff=
ist deshalb außerordentlich interessant und kann unbedenklich als
Beweis für die Tatsache der Prophetie gelten, weil zur Zeit der Vision
– 1899 – und auch noch viel später ein solches Fahrzeug von den ersten
Autoritäten für =unmöglich= erklärt wurde. In vieler Erinnerung wird
die schmähliche Behandlung sein, die noch drei Jahre später dem Grafen
Zeppelin auf dem deutschen Ingenieurtage in Kiel zuteil wurde. Man
verspottete ihn als Phantasten. Erst seit dem Jahre 1906 hatten seine
Versuche Erfolg.
Wie das breite Publikum im Jahre der Vision (1899) dachte, geht u.
a. aus der Faschingsnummer der Münchner Neuesten Nachrichten vom 12.
Februar gleichen Jahres hervor. Da heißt es als Mitteilung aus dem
Jahre 2899: »Aus St. Franzisko kommt uns folgende Lichtstrahlendepesche
zu: Heute Nacht 11 Uhr 47 Minuten (Welteinheitszeit) ist das
Luft-Expreßschiff Nr. 724 der »Union-Aero-Expreß-Companie-Comfortable«
in 3000 m Höhe über Meer mit einem Meteor zusammengestoßen.«
Fast möchte man glauben, der Verfasser dieser Ulknotiz habe selbst
die Gabe des Hellsehens besessen, denn bis auf das Vergreifen im
Datum um fast ein Jahrtausend – man sieht daraus, wie entfernt, ja
unmöglich die Zukunftsphantasie damals noch allen erschien – stimmt
alles verblüffend. Die Höhe von 3000 m wurde inzwischen erreicht,
der erste, zwar verunglückte, aber zum Teil auch gelungene Versuch
des Überfliegens des Weltmeeres wurde im Herbst 1910 von Wellmann
unternommen, ja – und das ist das Erstaunlichste – wir haben von ihm
durch »Lichtstrahlendepeschen«, nämlich durch drahtlose Telegraphie,
von der damals noch niemand eine Ahnung haben konnte – Mitteilung
erhalten.
Doch nun zur Vision der Frau de Ferriëm. Der Bericht lautet:
»Das elektrische Luftschiff, das große, vollkommen lenkbare Luftschiff
mit elektrischer Bewegung und Beleuchtung der Zukunft wird bald
erfunden werden. Kapitäne werden Patent auf das Fahren mit diesem
adlergleich dahin fliegenden oder segelnden Luftschiff erhalten, und
man wird mit dem letzteren es dazu bringen, in zweimal 24 Stunden den
Atlantischen Ozean zu überfliegen. Dasselbe wird so eingerichtet sein,
daß, wenn in der Luft Unglück bei der Fahrt über das Meer passiert,
man sich noch aufs Wasser retten kann. Die Erfindung wird vor 1950
gemacht und vervollkommnet sein; viele werden allerdings noch wegen
Grübeleien darüber ins Irrenhaus müssen. Ich habe den Erfinder gesehen,
wie er die erste Konstruktion vorführte; derselbe beherrschte mehrere
Sprachen, die deutsche sprach er gebrochen. – Eine furchtbare Arbeit
durch die Luft machte es, als ich’s über das Meer brausen sah. – Das
ist der feurige Drache, von dem Propheten schon vor Christi Geburt
sprachen[174].«
Erwähnen wir noch, daß neuerdings tatsächlich Patente, die zur Führung
von lenkbaren Luftschiffen berechtigen, ausgestellt werden, so wird
man nicht umhin können, die Prophezeiung im wesentlichen für erfüllt
anzusehen, auch wenn man betreffs des biblischen feurigen Drachens sich
etwas reserviert verhalten sollte.
Ferner hatte Frau de Ferriëm noch Visionen, die die Erreichung des
Nordpols mit Luftschiffen und Schlitten betreffen. Die letztere
Prognose ist ja schon in Erfüllung gegangen. Was die erstere betrifft,
so scheint auch ihre Realisierung in die Wege geleitet zu sein, da
bekanntlich Graf Zeppelin dieses Unternehmen plant[175].
Fassen wir unser Urteil über die Prophezeiungen der Frau de Ferriëm
zusammen, so steht es fest, daß zwar eine Reihe von Prognosen nicht
eintrafen bzw. noch nicht eintrafen, daß dafür aber andere in
erstaunlicher Weise in Erfüllung gingen.
Wer die Visionsberichte liest, kann nicht darüber im Zweifel sein,
daß es sich durchaus nicht um verstandesmäßige Berechnungen oder
Vermutungen handelt, sondern um echte Visionen, um traumartige Bilder,
die in der Seherin auf eine uns nicht näher bekannte Weise erzeugt
werden.
Dem Einwand, es könne sich hier um Halluzinationen handeln, denen
nichts Reales entspricht, muß entgegengehalten werden, daß wir keine
einwandfreie Definition von Halluzination einerseits und Vision
andrerseits besitzen[176]. Ferner handelt es sich hier durchaus nicht
um »Erscheinungen«, von denen behauptet wird, daß sie außerhalb der
Person der Seherin liegen sollen, sondern lediglich um =Vorgänge in
ihrem Innern=, die nur kontrollierbar sind durch die Art, in der die
Seherin von ihnen Kenntnis gibt und durch ihr späteres Eintreffen. Und
dieses letztere kann für uns ganz allein ausschlaggebend sein.
Wenn es auch nicht mehr viele geben mag, die auf Grund obigen Materials
noch Lust haben, die Eselsbrücke des Zufalls zu betreten, sondern wohl
die überwältigende Mehrheit der Leser nunmehr von der Existenz des
zeitlichen Fernsehens überzeugt sein wird, so muß doch auch hier die
Möglichkeit des Zufalls geprüft werden.
An der Vorhersage des Seebebens von Martinique wird man das Fehlen der
Ortsangabe rügen. Beim Untergang der Gneisenau gleichfalls. Was die
Erreichung des Nordpoles betrifft, so kann man auf den prophezeiten
Weg auch durch Berechnung kommen. Beim Hafenbrand in Neuyork dürfte
es schon recht schwer fallen, mit der Kritik einzusetzen, denn da
alle Vorhersagen der Frau de Ferriëm sich im Laufe weniger Jahre
erfüllen, wird man kaum einwenden können, ein ähnliches Ereignis spiele
sich früher oder später in jedem Hafen ab. Ebenso kann nur, wer den
damaligen Stand der Frage gar nicht kennt, sich mit der Vorhersage des
lenkbaren Luftschiffes leicht abfinden.
Besonders winden wird sich aber der Skeptiker bzw. materialistische
Dogmatiker bei der Vorhersage des Grubenunglückes von Brüx-Dux. Gewiß
läßt sich für jede Grube eine Wahrscheinlichkeitsrechnung aufstellen
und so errechnen, wann an sie die Reihe kommt. Aber hier haben wir
die ausdrückliche Konstatierung, daß die Katastrophe =bald= eintreten
wird. Ja, als sie nach zwei Jahren noch aussteht, wird in verschiedenen
Blättern darauf hingewiesen, daß sie nunmehr bald kommen müsse. Das
soll ein zufälliges Zusammentreffen von Vorhersage und Ereignis sein?
Alle Vorgänge werden mit einer Deutlichkeit geschildert, wie sie nur
ein Augenzeuge zu bieten vermag. Daß Traum und Vision, nicht aber
Phantasie die Plastik und Greifbarkeit des sinnlich Wahrgenommenen
besitzen, hat schon Schopenhauer festgestellt. Deshalb ist es
schlechterdings ausgeschlossen, daß die von der Seherin geschauten
Bilder Erzeugnisse ihrer überhitzten Phantasie sind, sondern wir haben
es ganz unzweifelhaft hier mit echtem zeitlichen Fernsehen zu tun.
Leider ist es in allen obigen Fällen kaum angängig, eine
Wahrscheinlichkeitsrechnung mit hohem Divisor aufzustellen. Um nun aber
dem unverbesserlichen Skeptiker die letzte Möglichkeit, sich auf den
Zufall hinauszureden, zu nehmen, werden wir im nächsten Kapitel unser
schwerstes Geschütz auffahren.
Fußnoten:
[162] Leipzig, 3. Bd., Nr. 25, S. 220.
[163] Zitiert nach de Ferriëm, Mein geistiges Schauen in die Zukunft,
Berlin 1905, S. 67 f. Die im Text angegebenen Zitate der Druckorte und
Daten wurden von mir nachgeprüft und, bei mangelhafter Wiedergabe,
korrigiert. Einige seltene Zeitschriften, so die »Lichtstrahlen«,
konnten nicht verglichen werden. Da aber stets Organe herangezogen
wurden, in denen die angekündigten Ereignisse _vor_ ihrem Eintritt
veröffentlicht waren, so ist auch in diesen Fällen das Material
einwandfrei.
[164] Dieser Zuruf gilt ihrem Begleiter, Kerkau bzw. Godefroy, dem wir
die stenographischen Berichte verdanken.
[165] Gleichfalls zitiert nach de Ferriëm a. a. O.
[166] Ferriëm, »Mein geistiges Schauen usw.«, S. 661.
[167] Eb. S. 67.
[168] S. 68, Anm. Hier auch das Folgende »Old Moore« betreffende, das
ich leider nicht kontrollieren konnte.
[169] Vgl. »Mein geistiges Schauen in die Zukunft«, S. 63 f. Den
»Führer« und die »Kritik« konnte ich nicht einsehen, wohl aber ist im
3. Band der Zeitschrift für Spiritismus, S. 71, am 4. März 1899, darauf
hingewiesen, daß die Erfüllung der Vision noch ausstehe, ebenso auf S.
57, am 18. Februar in der gleichen Zeitschrift. Also _vor_ Eintreffen!
[170] Im Druck erschienen in den von Godefroy (Kerkau) herausgegebenen
gedruckten Berichten, Nr. 2 vom 20. September 1899, also =ein Jahr vor
dem Unglück=. Godefroy hatte dazu bemerkt: »Das Gesicht dürfte sich
jedenfalls bald erfüllen, bzw. in einem der kommenden Jahre.«
[171] Vgl. Walter Bormann »Die Nornen. Forschungen über Fernsehen in
Raum und Zeit«. Leipzig 1909, S. 130.
[172] »Nornen«, S. 130 f.
[173] »Nornen«, S. 134. Die Vision selbst in »Mein geistiges Schauen«,
S. 65.
[174] Vgl. Kerkau, Zeitschrift für Spiritismus, 3. Bd., 1899, Nr. 8,
vom 25. Februar 1899, S. 62 f.
[175] »Mein geistiges Schauen«, S. 84, und Zeitschrift für Spiritismus,
2. Bd., 1898, S. 53 f.
[176] Lucian Pusch, »Spiritualistische Philosophie ist erweiterter
Realismus« (Broschüre), Leipzig 1886, der selbst hell sieht,
behauptet, die Gegenstände des Hellsehens seien klarer, als die der
Halluzinationen. Das ist aber kein objektives Kriterium und setzt
die Existenz =beider= Phänomene voraus. Überdies ist es falsch, weil
suggerierte Halluzinationen ebenso lebhaft empfunden werden, wie die
»Geister«. Vgl. Sphinx, 2. Bd. 1886, S. 342. Danach müßten Visionen
auch an anderen beobachtenden Personen kontrolliert werden können,
wären also etwas objektives, =außerhalb= der wahrnehmenden Person
Vorhandenes. Mir scheint auf diesem Gebiete die nötige Klarheit noch
nicht zu herrschen.
Elftes Kapitel
Michel Nostradamus
Michael Nostradamus wurde am 14. Dezember 1503 zu St. Remy geboren
und starb 1566 in Salon. Eigentlich hieß er Michel und war jüdischer
Herkunft. Sein Vater war Leibarzt des bekannten romantischen Königs
René. Sein Großvater mütterlicherseits, Johann de St. Remy, Leibarzt
des Herzogs von Kalabrien, erzog den kleinen Michel und weckte in
ihm die Liebe zur Naturkunde. Vielleicht bildete er auch das jenem
angeborene übersinnliche Wahrnehmungsvermögen aus.
Nach dem Tode des Großvaters trieb Nostradamus in Avignon humanistische
und philosophische Studien, siedelte dann aber nach Montpellier über,
um Medizin zu studieren. Dort erwarb er auch den Doktorhut.
Seine ärztliche Praxis übte er in Agen aus, wo er innige Freundschaft
mit dem berühmten Philologen Julius Caesar Scaliger schloß. Hier
heiratete er ein adeliges Fräulein, verlor sie und die beiden Kinder
dieser Ehe aber bald durch den Tod. Dieses tragische Schicksal suchte
er durch eine zehnjährige Reise durch Frankreich und Italien zu
vergessen. Im Jahre 1544 ließ er sich in Salon nieder und heiratete
eine Patriziertochter Anna Pontia Gemella. Bei der großen Pest des
Jahres 1546 zeichnete er sich so aus, daß ihm die Stadt Salon als einem
um das öffentliche Wohl hochverdienten Mann für längere Zeit einen
Jahresgehalt aussetzte. Auch in Lyon erwarb er sich als Pestarzt den
Dank der Leidenden.
Nach Salon zurückgekehrt gab der gefeierte Arzt seine Praxis gänzlich
auf, da er als heimlicher Kalvinist angefeindet wurde. Er hatte mit der
äußeren Welt abgeschlossen und zog sich ganz in die innere zurück. Wie
er in der Vorrede zu seinen Centuries sich ausdrückt, erhob diese ihn
über die Schranken der Endlichkeit und – das hintereinander Stehende
nebeneinander stellend und in ein großes Bild zusammen fassend – führte
sie ihm die Geschichte in ihrem Zusammenhang und ohne Vermittlung der
Zeitformen an seinem inneren Blick vorüber[177].
Bei Nacht zog er sich in ein kleines Kabinett, das ihm die Übersicht
über den ganzen Horizont seines Wohnortes gestattete, zurück. Man zeigt
es noch jetzt in Salon. Von hier aus beobachtete er die Sterne und ließ
zugleich in seinem Inneren jenes wunderbare Licht heller leuchten,
dessen er sich bereits früher bewußt geworden war[178].
Diese Stelle ist von Bedeutung, weil aus ihr hervorgeht, daß es sich
nicht um reine Astrologie handelt, sondern daß diese abenteuerliche
Wissenschaft nur ergänzend zur Sehergabe hinzutritt. Übrigens wird man
gut tun, sich über das Zustandekommen der Prophezeiungen möglichst
vorsichtig zu äußern, solange noch ihre Tatsächlichkeiten von der
offiziellen Wissenschaft bestritten wird.
Sicher ist, daß Nostradamus die Sehergabe – vorausgesetzt, daß wir ihm
eine solche auf Grund des Folgenden zugestehen – von seinen Vorfahren
geerbt hat. Das ist interessant, weil wir schon früher =wiederholt
auf Fälle von Erblichkeit der Gabe= gestoßen sind. Daß Nostradamus
keineswegs an eine Vererbung der rechnerischen Kunst der Astrologie,
also von einer Art Geschäftsgeheimnis, denkt, sondern ganz zweifellos
an seine prophetische Veranlagung, geht aus der Vorrede zu seinen
Centurie, die er an seinen Sohn Cäsar als Säugling richtet, klar hervor.
Hier sagt er, daß er »=geoffenbarte Inspirationen=« erhielt, »wenn er
bisweilen in der Woche sympathisch[179] angeregt worden sei und sich
die Nächte durch lange Berechnungen versüßt habe.« Er konnte also die
Zukunft nur völlig ermitteln, wenn er seine astrologischen Berechnungen
in einer Art von Trance ausführte.
Nach Nostradamus’ Anschauung ist alles Seiende Notwendig und notwendig
=so=, =wie= es ist, und alles Geschehende geschieht notwendig in =der=
Weise, zu =der= Zeit und an =dem= Ort, wie und wo es geschieht. Dadurch
ist jedem Ereignis eine bestimmte Stelle und Zahl gegeben, die sich
berechnen läßt.
Wenn nun in gewissen Stunden die Ereignisse der Zukunft vor dem inneren
Auge des Nostradamus vorüberzogen, so schrieb er sie in französischer
Prosa, aber in mystischen Ausdrücken oder – wie er selbst sagt – in
dunklen und verworrenen Sätzen nieder, um weder zu viel Klarheit zu
geben, noch auch zu großen Irrtum zu verursachen. Ferner um eine
gewisse Scheu und Ehrfurcht vor seinen Weissagungen zu erwecken.
Als er diese Sprache später immer noch für zu offen hielt, übertrug
er sie aus der Prosa in gebundene Rede und stellte sie in vierzeilige
Strophen, =Quatrains=, zusammen. Diese teilte er nach Hunderten als
=Centuries= ab. Bei dieser Versifikation wurde die ohnehin dunkle
Sprache noch mystischer, obschon sie dem Seher immer noch zu offen
schien und er sich deshalb lange nicht zur Herausgabe seiner Verse
entschließen konnte. Um auch keine chronologische Handhabung zur
Deutung der Vorhersagen zu geben, mischte er überdies die für die
verschiedensten Zeiten geltenden Sprüche noch durcheinander. Erst als
verschiedene vorausgesagte Ereignisse, die Abdankung Karls V., der Tod
Heinrichs II. und die Hugenottenkriege nahe bevorstanden, entschloß er
sich 1555 die ersten sieben Centuries herauszugeben. Drei Jahre darauf
folgten weitere drei Centuries, die Nostradamus Heinrich II. zueignete.
Kaum waren die Prophezeiungen erschienen, als sie mit Hohn und Spott
überschüttet wurden. Man zögerte nicht, Nostradamus als Betrüger und
Scharlatan zu erklären. Katharina von Medici aber ließ den Astrologen
am 15. August 1556 an ihren Hof kommen und ihren vier Söhnen in Blois
die Nativität stellen. Er sagte ihnen wahrheitsgemäß voraus, daß drei
Könige werden würden, verschwieg aber diplomatisch, daß die Krönung des
einen durch den Tod des andern bedingt würde.
So hatte auch Cornelius Agrippa dreißig Jahre früher Karl von Bourbon
zwar die Einnahme Roms vorhergesagt, seinen Tod dabei aber verheimlicht.
Mit Gold und Ehren überhäuft, kehrte Nostradamus nach Salon zurück. Er
war so berühmt geworden, daß Fälscher Prophetien unter seinem Namen
herausgaben. Dadurch, durch die Dunkelheit seiner echten Prophetien und
das Fehlen der Jahreszahlen wurden viele am Können des Sehers irre.
Da ging während des Nostradamusstreites eine Prophezeiung in Erfüllung,
die er im 35. Quatrain der ersten Centurie gegeben hatte.
In der in Lyon im Jahre 1555 erschienenen ersten, noch unvollständigen
Ausgabe seiner Prophezeiungen finden wir folgenden Vierzeiler:
»Le lyon jeune le vieux surmontera
En champ bellique par singulier duelle:
Dans cage d’or les yeux luy crevera,
Deux classes une, puis mourir, mort cruelle.«
Auf deutsch:
Der junge Löwe wird den alten überwinden
Auf kriegerischem Felde durch Einzel-Zweikampf:
In goldenem Käfig wird er ihm die Augen ausstechen,
Von zwei Brüchen der erste, dann sterben eines grausigen Todes.
Le Pelletier[180], der diesen Quatrain kommentiert, umschreibt classe
mit κλάσις brisur, ébrachement und une als una, die erste. Daher sind
wir zu obiger Übersetzung berechtigt.
Nun die Erklärung: