(l. c. S. 75 ff.) an: 1. Die Memoiren der Du Barry, der letzten
Mätresse Ludwigs XV., die der Herausgeber E. L. de la Motte Houdancourt
in der Vorrede zur 2. Aufl., Paris 1829, als »historischen Roman«
bezeichnet. Da er aber in der Nachschrift zum 4. Bd. (S. 450 f.)
erklärt, daß es sich durchweg um =originale= Aufzeichnungen handle,
die er nur sprachlich modernisiert habe, kommt ihnen wohl doch
Glaubwürdigkeit zu. Sie schreibt (Bd. VI, S. 391): »Dann erzählte mir
die Herzogin de Gramont eines Abends, als sie Cazotte in einer großen
Gesellschaft getroffen habe, sei man in ihn gedrungen, die Planeten
zu befragen nach dem Schicksal der Anwesenden. Dies habe er durchaus
abgelehnt und jede nur erdenkliche Ausflucht gesucht. Jedoch als man
unbedingt die Wahrheit habe wissen wollen, sei soviel herausgekommen:
daß kaum einer von der ganzen Gesellschaft einem gewaltsamen und
öffentlichen Tode entgehen werde, und daß auch der König und die
Königin nicht ausgenommen sein würden.« Natürlich ist der Ausdruck »die
Planeten befragen« ganz falsch.
2. Die Memoiren der Marquise de Créquy (1719 bis 1803), die von einem
Individuum namens Couson als »Souvenirs de 1710 à 1803 par la Marquise
De Créquy« 1834/35 in 7 Bänden erschienen und sehr viele Fälschungen
enthalten. Es befinden sich hier mehrere auf Cazottes Prophezeiung
bezügliche Stellen. S. 43 f. des VIII. Bandes der Ausgabe von 1840
lautet: »Es ist wahr, daß Cazotte der Herzogin de Gramont eine
schreckliche Prophezeiung gemacht hat in Gegenwart der Damen de Simiane
und de Tessé. Aber soweit ich mich deren erinnere, war sie keineswegs
so genau, wie man es nach den Angaben vermuten könnte, die La Harpe
davon machte, seitdem er aus dem Gefängnis entlassen ist ...«
Fußnoten:
[143] =Jaques Cazotte=, geb. 1719, war ein fruchtbarer Schriftsteller.
Er war sehr fromm, beschäftigte sich mit mystischen Studien und trat
zur Sekte der Martinisten über. Er hatte häufig Visionen. Seine
berühmtesten Werke sind das Schlummerlied »Tout au beau des Ardennes«,
das Rittergedicht »Olivier« (Paris 1762, 2 Bde.) und »Le diable
amoureux« (Paris 1772), ein Märchen, das heute noch gelesen wird.
Seine Gewandtheit im Versemachen bewies er, als er in einer einzigen
Nacht einen siebenten Gesang zu Voltaires »Guerre civile de Genève«
hinzudichtete. Seine Gesamtwerke erschienen unter dem Titel »Oeuvres
badines et morales, historiques et philosophiques de Cazotte«, Paris
1816–17, 4 Bde. Als ausgesprochener Feind der Revolution wurde er
am 10. August 1792 gefangen gesetzt. Als man ihm zur Rettung durch
seine Tochter, die ihn mit heroischem Mute den Händen der Mörderbande
entriß, gratulierte, sagte er: »In drei Tagen werde ich guillotiniert.«
Er schilderte ein ausführliches Gesicht seiner Abführung vor das
Revolutionstribunal und seiner Hinrichtung. Er war seiner Sache so
gewiß, daß er alle seine Angelegenheiten ordnete und die letzten Grüße
an seine Frau bestellte. Am 25. Sept. 1792 fiel sein Haupt unter dem
Fallbeil. Das Original »Prophétie de Cazotte, rapportée par Laharpe«,
gedruckt in Laharpe, »Oeuvres choisies et posthumes«, 1806, I, p.
XXI–XXVI.
[144] Jean François de =Laharpe=, geb. 1739, einer der besten Stilisten
der französischen Literatur, war anfangs ein Freund, nachdem er
1794 fünf Monate im Gefängnis gesessen hatte, heftigster Gegner der
Revolution. Von seinen zahlreichen Bühnenwerken sind die Tragödie
»Warwick« (1763) und das Drama »Mélanie« (1770) die bedeutendsten.
Besonders geschätzt waren seine Vorlesungen über Literatur, die unter
dem Titel »Lycée ou Cours de Littérature« (Paris 1799 ff.) erschienen.
Er starb 1803.
[145] Johann Heinrich Jung genannt Stilling, »Theorie der
Geisterkunde«, Frankfurt und Leipzig 1808, S. 122 ff. Die Übersetzung
ist von mir etwas korrigiert. Abdruck auch in Bormanns »Nornen«, S. 173
ff. Die dort befindlichen Noten sind hier wiederholt verwertet.
[146] Sebastien =Chamfort= (1741–1794), durch geistreiche Konversation,
kaustischen Humor und Zynismus ausgezeichnet, unterstützte die
Revolution literarisch und wurde Sekretär des Jakobinerklubs.
Angewidert von der Schreckensherrschaft wurde er verhaftet, dann wieder
in Freiheit gesetzt. Einer ihm drohenden neuerlichen Verhaftung entzog
er sich durch einen Selbstmordversuch, an dessen Folgen er starb.
[147] Marie Jean Marquis de Condorcet (1743–1794), Mathematiker,
stimmte in der Assemblée nationale meist mit den Girondisten. Er wurde
im Oktober 1793 von der Bergpartei als Mitschuldiger des Girondisten
Brissot angeklagt, hielt sich fünf Monate versteckt und wurde dann
verhaftet. Man fand ihn am ersten Morgen seiner Gefangenschaft,
wahrscheinlich vergiftet, tot am Boden liegen.
[148] Bekannter Arzt.
[149] Nicht zu identifizieren.
[150] Jean =Bailly=, (1736–1793) Astronom, war Präsident der ersten
Assemblée nationale und Maire von Paris. Den Jakobinern verdächtig
geworden, zog er sich zurück, ward aber in der Schreckenszeit verhaftet
und guillotiniert.
[151] Chrétien Guillaume de Lamoignon de =Malesherbes= (1721–94) war
Jurist und Staatsmann von seltener Gerechtigkeit und Freimütigkeit.
Er trat der Willkür des Absolutismus schon unter Ludwig XV. entgegen
und wurde unter Ludwig XVI. zweimal Minister, ohne jedoch mit seinen
edlen Absichten durchdringen zu können. Als dem König der Prozeß
gemacht wurde, verteidigte er ihn vor dem Konvent und flehte nach der
Verurteilung um einen Appell an das Volk. Als er nach der Hinrichtung
des Königs den Konvent heftig angriff, wurde er mit seiner Familie
festgenommen. Er verteidigte nur die Seinen, nicht sich selbst und
starb mutig auf dem Schaffot.
[152] Jean Antoine =Roucher=, (1745–94), mittelmäßiger Dichter, der die
Gräuel der Revolution heftig bekämpfte. Er wurde nachts verhaftet und
schnell hingerichtet, nachdem er sich noch am Tage vor seinem Tode für
seine Familie hatte malen lassen.
[153] Jung-Stilling, Theorie der Geisterkunde, S. 149 f.
[154] Hübbe-Schleiden z. B. kommt in den Psychischen Studien,
XXXVIII. Bd. 1911, 1. und 2. Heft, aus psychologischen Erwägungen zum
entgegengesetzten Resultat. Er schreibt (S. 22): »Die Schilderung
dieses Auftrittes ist ein elendes Machwerk im Stile eines
Hintertreppenromans ohne irgendeine seelische oder geistige Feinheit
darin. Die dichterische Erfindung ist so plump wie unwahr, sie ist
dramatisch sensationell, aber nur eine abgeschmackte Effekthascherei
...« Natürlich beweist dieses Urteil nicht mehr =gegen= die
Prophezeiung, als Jungs Darlegungen für sie.
[155] »Nornen«, Leipzig 1909, S. 182 ff. Die Übersetzung weiter unten
nach Bormann.
[156] Vgl. Jung-Stilling, »Theorie der Geisterkunde«, S. 130 ff. Das
Gesicht Cazottes vor seiner Hinrichtung ist recht mitteilenswert. De
N... berichtet Cazottes Worte: »Ja, mein Freund! In drei Tagen sterbe
ich auf dem Schaffot.« Indem er dies sagte, war er innigst gerührt
und setzte hinzu: »Kurz vor Ihrer Ankunft sah ich einen Gensdarmen
hereintreten, der mich auf Befehl des Pethion abholte; ich ward
genötigt, ihm zu folgen; ich erschien vor dem Maire von Paris, der
mich in die Conciergerie abführen ließ, und von da kam ich vor das
Revolutionsgericht. Sie sehen also – (aus diesem Gesicht nämlich, das
Herr Cazotte gehabt hatte) – mein Freund! daß meine Stunde gekommen
ist, und ich bin so sehr davon überzeugt, daß ich alle meine Geschäfte
in Ordnung bringe. Hier sind Papiere, an welchen mir viel gelegen ist,
daß sie meiner Frau zugestellt werden; ich bitte Sie, ihr dieselben
zu übergeben und sie zu trösten.« Alles traf ganz genau nach den
Vorhersagen ein. Jung-Stilling, S. 131. Dieser Bericht, soweit er die
Todesahnung Cazottes betrifft, trägt in so hohem Grade den Stempel der
Wahrheit an sich, daß wir ihn auch glauben müßten, wenn ihn nicht –
wie wir weiter unten sehen werden – Cazottes Sohn noch ausdrücklich
bestätigte. Jungs Quelle ist eine in Frankfurt bei Silbermann
gedruckte Broschüre »Merkwürdige Vorhersage, die französische
Schreckens-Revolution betreffend: Aus den hinterlassenen Papieren des
Herrn La Harpe ...«
[157] Der bekannte Arzt und Magnetiseur Joseph Phil. Deleuze hat in
seiner 1836 erschienenen Schrift »Mémoire sur la faculté de prévision«
mehrere solche Zeugenaussagen gesammelt, die wir nachstehend,
im Anschluß an Bormanns »Nornen«, S. 185 f., wiedergeben. Die
Originalausgabe war mir nicht zugänglich.
[158] Memoirs of the Baronesse d’Oberkirch, Countes de Montbrison, III.
Bd., London 1852, S. 301 ff. Der oben zitierte Schluß steht p. 317 f.
[159] Nächst dem Folgenden von mir gesperrt. Die unten genannte
»Großherzogin« ist die Großfürstin Maria Feodorowna.
[160] Wir haben keinen Grund, zu zweifeln, daß Laharpe selbst schon
damals den Bericht verfaßt hatte. Was den angekündigten Tod Stainvilles
betrifft, so trat er tatsächlich bald nach der Sitzung ein.
[161] Vgl. Bormann, Psychische Studien, 38. Jahrgang, 1911, S. 174 f.
Zehntes Kapitel
Die Prophezeiungen der Frau de Ferriëm
=Frau von Ferriëm= (dies der Mediumname), eine in Berlin wohnende Dame
mit der Gabe des räumlichen und zeitlichen Fernsehens, hat fast täglich
Visionen, über die sie in ihrem Büchlein »Mein geistiges Schauen in die
Zukunft« berichtet. Neben den abenteuerlichsten Gesichten: über den
Untergang des Mohammedanismus (S. 81), den kommenden Weltreformator (S.
88), einen neuen König in Jerusalem (S. 91), den Sieg des Christentums
in Ostasien (S. 93) oder gar über den Untergang des Papsttums, eine
neue Zeitrechnung und eine »neue Erde« (S. 98 f.), Visionen, deren
religiös-phantastischer Inhalt uns die Weisheit der alten Theologen
bewundern läßt, die die Unmöglichkeit von den Glauben betreffenden
Prophezeiungen behaupteten, finden sich profane von allerhöchstem
Interesse.
Das möge die nachstehend angeführte Reihe von Beispielen beweisen!
Die »Zeitschrift für Spiritismus«, vom 24. Juni 1899[162] brachte
folgenden Artikel:
In Nr. 46, Jahrgang 1898, der amerikanischen Wochenschrift
»Lichtstrahlen«, Zeitschrift für Philosophie, Wissenschaft usw.
West-Point, Nebr., befindet sich folgender Redaktionsartikel[163]:
=Erfüllte Voraussage.= Im Juniheft der in Leipzig erscheinenden
»Psychischen Studien« finden wir eine Notiz, in der über einen Artikel
in dem »Illustrierten Wiener Extrablatt« Nr. 114 vom 26. April 1898
bezüglich der Aussagen der Berliner Seherin berichtet wird. In
derselben lautet ein Ausspruch der Seherin, welche über eine blutige
Zukunft in Deutschland, Krieg und viele Duelle in Frankreich berichtet,
wie folgt: »Ich sehe viel Blut in Frankreich; =Dreyfus kommt von der
Insel fort=.« – Dies wurde im April 1898 gegeben, als noch niemand
eine so große Bewegung zu Gunsten Dreyfus, wie sie augenblicklich
in ganz Frankreich im Gange ist, ahnen konnte, und scheint bereits
in Bezug auf Dreyfus seine Bestätigung gefunden zu haben; denn den
neuesten telegraphischen Meldungen nach zu urteilen, scheint Dreyfus
nicht mehr auf der Teufelsinsel zu sein und bereiten sich in Frankreich
unangenehme Dinge vor.
Zu der Zeit als die »Lichtstrahlen« diese Mitteilung brachten (23.
September 1898), hatte Dreyfus indes die Insel noch nicht verlassen;
jedoch nunmehr – am 8. Juni 1899 – ist die bezügliche Weissagung der
Berliner Clairvoyante (de Ferriëm) eingetroffen.«
Das heißt mit anderen Worten: =Frau de Ferriëm hat nachweisbar, und
zwar durch vorher im Druck erschienene Voraussagen, die Freilassung des
Hauptmann Dreyfus= 1½ Jahre vor =ihrem Eintritt prophezeit=.
Im Januar 1898 erschien in den »Neuen Spiritualistischen Blättern« in
Berlin folgender Visionsbericht der Frau de Ferriëm:
=Brand im Hafen von New York.= (Die Seherin blickt anscheinend auf
einen ca. 5 Meter von ihr entfernten Punkt des Fußbodens starr mit
weit geöffneten Augen hin und spricht darauf nach wenigen Augenblicken
stillen Verhaltens in dieser Stellung folgendes):
»Das ist ein großer Brand, ein mächtiges Feuer. So viele Schiffe.
Es brennt ein Schiff. (Das Medium senkt das Haupt und schließt die
Augen dabei.) Alles schwarzer Rauch, kohlrabenschwarzer Rauch; o, und
wie dick! Das ist am Land. Das brennt im Hafen. Oh, o, das ist aber
schlimm. (Hebt den Kopf etwas und senkt ihn wieder. Dann schlägt es die
Augen auf und sagt): Nimm ab, nimm mal das Tuch ab[164]. (Noch etwas
benommen, ruft sie darauf): Ist ein Riesenbrand in New York. Ich sehe
ihn ja.« (Das Medium war schon in New York und hat daher die in der
Vision erschaute Stadt jedenfalls als New York erkannt.)
Eine weitere, dasselbe Ereignis betreffende Prophezeiung erschien
u. a. im Maiheft 1899 der »Psyche«, Berlin, und im Juniheft 1899,
der »Übersinnlichen Welt«, S. 205, Anm., Berlin, gelegentlich eines
Visionsberichtes der Dame über Ereignisse im 20. Jahrhundert. Sie
lautet:
»Ich sehe ein brennendes Schiff im Hafen von New York und höre einen
furchtbaren Knall. Soviel ich sehe, ist es kein amerikanisches Schiff.
Die Stadt ist New York; ich irre mich nicht, weil ich sie genau von
meiner Amerikareise her kenne.«
Bekanntlich traf diese doppelte Prophezeiung am 30. Juni 1900 ein.
Damals ereignete sich die furchtbare Schiffbrandkatastrophe im Hafen
von New York, durch die der Norddeutsche Lloyd schweren Schaden erlitt,
aber keine amerikanische Gesellschaft geschädigt wurde. Das Feuer griff
vom Hafen auf einen Teil der Hafenanlagen von Hoboken über.
Daß diese Prophezeiung in Erfüllung gegangen war – was ja mit dem
schlechtesten Willen niemand wird bestreiten können – konstatierte der
New York »Herald« bereits am anderen Tage. Dieses große Blatt hatte
auch am 25. April 1899 die Vorhersage der Frau von Ferriëm bereits
publiziert gehabt[165].
Auch die furchtbare Erdbebenkatastrophe auf der Insel =Martinique=
wurde von Frau de Ferriëm vorher gesehen.
Die »Zeitschrift für Spiritismus« brachte in ihrer Nummer 23 vom 7.
Juni 1902 darüber folgenden Bericht:
Die furchtbare Katastrophe, von welcher die Antillen-Insel Martinique
heimgesucht worden ist – durch die entfesselten Kräfte der Erde wurde
am Himmelfahrtstage (1902) die Stadt Pierre und deren Umgebung,
ein paradiesisch schöner Fleck Erde, vollständig verheert, wobei
Zehntausende von Menschen auf die entsetzlichste Weise ihren Tod fanden
– ruft folgenden Ausspruch der Berliner Somnambulen Ferriëm, welcher
zuerst in der »Zeitschrift für Spiritismus« vom 24. Juni 1899 (S. 221),
sowie weiterhin in der Schrift »Die Seherin (de) Ferriëm« Ausgabe 2,
vom 20. September 1899, und in der »Spiritistischen Rundschau«, Berlin,
Juli 1901, publiziert worden ist, lebhaft in Erinnerung:
»Berlin, 10. Mai (1899). (Die Clairvoyante nicht im Trance:) ›In
wenigen Jahren wird sich ein großes Erdbeben ereignen. Es dürfte
im Jahre 1902 sein. Ich habe es aus den Gestirnen berechnet. Ich
könnte höchstens um ein Jahr zurückgerechnet haben. Die Sache
differiert zwischen 3 und 4 Jahren; aber 4 Jahre werden nicht voll
von jetzt an gezählt. Das Beben wird so furchtbar sein, daß selbst
=Kabelzerstörungen= vorkommen werden.«
Die Voraussage wurde also genau =drei= Jahre vor der Katastrophe
gegeben. Durch die Erwähnung der =Kabel=zerstörungen wurde in der
Prognose darauf hingewiesen, daß das schreckliche Ereignis sich, wie
=geschehen=, auch speziell =am Meere= abspielen würde. Infolge des den
Eruptionen des Mont Pelé vorangegangenen und dieselben begleitenden
starken =Erdbebens zerrissen die Kabel=, sodaß die Verbindung zwischen
Martinique und der Außenwelt während der Katastrophe vollständig
abgeschnitten war. Eine weitere Meldung besagt: Der Kommandant des
Kreuzers »Suchet« hat die Stadt und die Umgebung durchforscht und
berichtet, daß sich im nördlichen Teile der Insel große Spalten
gebildet haben, daß das =ganze Gelände sich in Bewegung befindet= und
daß sich plötzlich neue Täler bilden[166].
Man wird bei einiger Skepsis gegen diese Prophezeiung, deren hoher
Wert ja gleichfalls darin besteht, daß sie =vorher=, noch dazu an
mehreren Stellen, im Druck erschienen ist, einwenden, daß irgendmal
an irgendeinem Ort der Erde mit Naturnotwendigkeit Erdbeben eintreten
müssen. Das ist ja gewiß richtig. Da eine Ortsbezeichnung – auch nur
ungefährer Art – fehlt, so käme ja der ganze Erdball in Frage.
Und doch ist dem entgegen zu halten, daß das Unglück von Martinique
seit dem im Jahre 1883 erfolgten furchtbaren Ausbruch von Krakatau
in der Sundastraße, der direkt oder indirekt auf der ganzen Erde
sich bemerkbar machte, das größte seiner Art im letzten halben
Jahrhundert war. Ferner, daß die Prophezeiung wenigstens zeitlich,
wenn auch nicht örtlich, erstaunlich genau eintraf. Immerhin geben
wir gerne zu, daß die vorher genannten Vorhersagen für die Tatsache,
daß es Prophezeiungen bzw. Menschen gibt, die die Gabe des zeitlichen
Fernsehens besitzen, beweiskräftiger sind.
Was übrigens den von Frau de Ferriëm gebrauchten Ausdruck »aus den
Gestirnen berechnet« und »zurückgerechnet« betrifft, so bemerkt die
Dame dazu, daß sie sich nicht mit astrologischer Berechnung befaßt
und eine solche auch hier nicht vorliegt. Vielmehr meint sie damit
die Deutung von Erscheinungen, die sie »mit =geistigem= Auge am
Sternenhimmel beobachtete«[167]. Ich gebe zu, daß ich mir von diesem
Modus des Hellsehens keine rechte Vorstellung machen kann. Doch das
will ja um so weniger für die Sache selbst bedeuten, als uns der Weg,
auf dem die Somnambulen zu ihren Prophezeiungen gelangen, zurzeit
überhaupt noch dunkel ist.
Während die vorige Prophezeiung der Frau de Ferriëm den =Ort= mit
Namen und der Szenerie nach genauestens angab, sowie den Verlauf der
Katastrophe schilderte, ist diese interessant durch ihre =Zeitangabe=.
Wie die Seherin sagt – und wie ja ein Vergleich der wiedergegebenen
Prophezeiungen auch ergibt – kommen bestimmte Zeitangaben bezüglich
des Eintreffens ihrer Gesichte fast gar nicht vor. Erfahrungsgemäß
sind aber Zeitangaben von Sehern, auch wo sie gemacht sind, ziemlich
unzuverlässig, und zwar aus einem sehr naheliegenden Grunde. Da es sich
bei den Gesichten doch um =räumlich anschauliche= Vorgänge handelt,
die die Aufmerksamkeit des Sehers ganz und gar auf sich ziehen, so
verwirren sich eventuelle zeitliche Bestimmungen in allen derartigen
Angaben leicht. Dazu kommt aber noch ein Moment: Je deutlicher die
Vorgänge gesehen werden, desto näher steht – das ist aber natürlich
nur Vermutung – ihr Eintritt bevor. Mag dieser Anhaltspunkt richtig
sein, so fehlt doch ein fester Maßstab vollkommen. Es handelt sich
naturnotwendig um eine Taxe. Wie sollte denn in einem räumlichen Bilde,
sagen wir dem der Landschaft oder eines untergehenden Schiffes auch
eine Zeitangabe unterzubringen sein? Höchstens daß =neben= die visuelle
Vision noch eine akustische treten müßte, die das Datum zuruft. Oder
daß durch Zufall etwa ein Abreißkalender mit bestimmtem Datum erblickt
wird. Sonst ist ja der Natur der Sache nach eine bestimmte zeitliche
Fixierung ausgeschlossen. Es kann sich – von seltenen Ausnahmen
abgesehen – immer nur um approximative Schätzungen handeln. Aber auch
sie sind aus inneren Gründen nur dann richtig, wenn ein und dieselbe
Seherin aus zahlreichen Selbstbeobachtungen eine gewisse Praxis in der
zeitlichen Fixierung eines räumlichen Bildes gewonnen hat.
Erfahrungsgemäß ist die =Mehrzahl der Gesichte tragisch=. Ob das
daher kommt, daß das Tragische im Leben überwiegt, oder weil sehr
unglückliche Ereignisse die Nerven am stärksten erregen? Genug, es ist
so. Dabei zeigt sich aber, daß häufig ein Ereignis nach der schlimmen
Seite hin noch übertrieben wird.
Frau de Ferriëm führt als Beweis dafür die Vorhersage des im Mai 1897
eingetroffenen furchtbaren Brandes des Wohltätigkeitsbazars in Paris
an[168].
Diese Katastrophe wurde unter anderm auch in dem in England
weitverbreiteten, Prophezeiungen für das laufende Jahr enthaltenden
Volkskalender »Old Moores Almanack« vorhergesagt. Die betreffende
Stelle in der bereits 1896 erschienenen Ausgabe für 1897 lautet: »Fast
mit Sicherheit werden wir in den letzten Tagen des April eine Nachricht
von einem furchtbaren Feuer in Paris hören, welches viele Menschenopfer
verschlingen wird, während eine Schar Banditen unter den Trümmern Beute
zu machen suchen wird.« Die Schar Banditen sind Irrtum. Frau de Ferriëm
glaubt ihn damit erklären zu können, daß der Seher in der Vision Leute
nach den Erkennungszeichen, Kleinodien und Leichenresten suchen sah.
Für denjenigen, der die Existenz von Visionen, die wir uns etwa einer
in unser Inneres verlegten Fata Morgana ähnlich vorzustellen haben,
zugibt – und das muß doch wohl oder übel jeder, der die Macht der
Tatsachen höher bewertet, als ein gegenwärtig noch herrschendes aber
bald gleich anderem Gerümpel aus der Zeit des Materialismus ad acta
gelegten Dogma – hat dieser Erklärungsversuch viel Wahrscheinlichkeit
für sich.
Übrigens sei im Vorbeigehen bemerkt, daß »Old Moore« damals in seinem
Kalender den Tod des Herzogs von Clarence auf den Tag vorausgesagt
hat. Auch der Untergang der »Victoria« stand in seinem Kalender
prognostiziert, nur irrte sich der Alte um eine Woche.
Daß Übertreibungen nach der schlimmen Seite hin an der Tagesordnung
sind, ist nichts weniger als verwunderlich. Denn wenn wir einen
großen Brand oder ein Unglück sehen, stellen wir es uns ja auch im
ersten Schrecken fast ausnahmslos bedeutend schlimmer vor, als es
in Wirklichkeit ist. Man lese nur die Unglücksfälle in irgendeiner
Zeitung nach und wird finden, daß mit seltenen Ausnahmen die ersten
Nachrichten stark übertrieben wurden, um erst allmählich ihre richtigen
Dimensionen anzunehmen.
Am 15. Mai 1897 erschien im »Führer«, Milwaukee (Wisc.) und am 18.
September 1897 in der »Kritik«, Wochenschrift des öffentlichen Lebens,
Berlin, folgender Visionsbericht:
»=Kohlengruben-Unglück bei Brüx (Dux), Böhmen.=
=Erstes Gesicht.= (Die Dame schließt die Augen und spricht):
Schrecklich, die Menschen alle hier bei der Grube! Wie bleich sie
aussehen! – Wie die Leichen. – Ach, das sind ja auch lauter Leichen.
Ja, sie kommen heraus und werden jetzt alle fortgebracht. Und die ganze
Gegend ist so schwarz, und es sind lauter kleine Hütten da. Die Leute,
die ich sehe, reden eine andere Sprache, auch verschiedene Sprachen,
– alles durcheinander. Und so leichenblaß sind sie alle! – Jetzt wird
da einer herausgebracht, welcher einen Gurt mit einer blanken Schnalle
um hat. Es ist Weihnachten bald; eine Hundekälte. Dort ist einer, der
hat eine Lampe mit einem Gitter. – Es ist ein =Kohlenbergwerk=. Es ist
alles so schwarz und so kahl. Ich sehe bloß die alten Hütten. Die ganze
Gegend ist so öde. – Ich verstehe, was der eine da jetzt sagt. Er sagt:
»Die Ärzte kommen alle aus =Brüx=« ... Ach, das ist ein =böhmischer=
Ort ... Siehst du denn nicht? (Ich sehe nicht) ... Was? Du siehst
nichts! (Letzteres sagt die Seherin sozusagen erschreckt und schlägt
die Augen auf.)