anderen Person, die von Cazotte oder einem Teilnehmer informiert war,
vorausgesetzt, dieser Bericht sei =vor= Eintritt der prophezeiten
Ereignisse schriftlich festgelegt worden. Letzteres allein wäre ein
absolut zwingender Beweis. Es bliebe, gelänge es den gedachten Nachweis
zu erbringen, nicht mehr der Ausweg, die Cazottesche Vorhersage zu
bezweifeln. Nur die Erklärung bliebe frei, insofern Skeptiker nicht
Prophetie, sondern Berechnung oder den beliebten Zufall heranziehen
könnten. Allerdings ohne Aussicht zu haben, viel Gläubige zu finden.
Versuchen wir nun den Weg des Beweises, vom Unsicheren zum Sicheren
fortschreitend, so zurückzulegen, wie wir ihn oben skizzierten.
Walter Bormann, der sich große Verdienste nicht nur um das Studium
des Fernsehens in Raum und Zeit, sondern auch besonders um Aufhellung
der Cazotteschen Prophezeiung erworben hat, führt in Ergänzung von
Jung-Stillings Beweisführung Tatsachen an, die zweifellos geeignet
sind, nachdenklich zu machen[155].
Die Niederschrift der Prophetie von Laharpes eigener Hand befand sich
nach dem Tode des Autors im Besitz eines Herrn Boulard. Sie besaß
noch einen Zusatz, den der Verleger aus irgendwelchen Gründen bei
der Herausgabe der gesammelten Schriften Laharpes unterdrückte. Nach
Mitteilung des vorgenannten Herren Boulard machte ihn die Zeitschrift
»L’Imprimée« in Nr. 40 des Jahrganges 1820 bekannt. Er lautet:
»Jemand hat mir gesagt: »Das wäre wahr? Das, was Sie mir da erzählen,
wäre wahr?« – Was nennt ihr denn wahr? Habt ihr es denn nicht gesehen
mit euren eigenen Augen? – Ja, die =Tatsachen=; aber die Prophezeiung,
eine so außerordentliche Prophezeiung? – Das will sagen, daß alles,
was euch daran höchstens wunderbar erscheint, die Prophezeiung ist.
Ihr täuscht euch zweifellos; die Kenntnis der Zukunft gehört nur
Gott, und keiner ist Prophet, es wäre denn durch Gottes Eingebung.
Allein das ist kein so ganz seltenes Wunder. Gott hat davon tausend
verbürgte Beispiele gegeben, und es widerstreitet keiner moralischen,
noch philosophischen Anschauung, daß er die Kenntnis der Zukunft, wenn
es ihm gefällt, mitteilen könne. Dagegen ein Wunder, oder vielmehr
eine Menge von Wundern, die in ganz anderer Weise außergewöhnlich
sind, das ist diese Häufung von unerhörten und ungeheuerlichen
Tatsachen, die jedweder bisher bekannten Anschauung widerstreiten,
welche alle menschlichen Begriffe von Grund aus umstürzen, sogar im
=Schlechten= und in dem, was man von den =Verbrechen= des Menschen
wußte. Seht, das ist das reale Wunder, so wie die Prophezeiung bloß
etwas Vorausgesetztes ist, und wenn ihr noch immer nicht dazu gekommen
seid, in dem, was wir gesehen haben, etwas anderes zu erblicken als
das, was man eine Revolution heißt; wenn ihr glaubt, daß diese so sei,
wie eine andere, dann habt ihr sie nicht gelesen, noch bedacht, noch
gefühlt. =In diesem Falle= würde sogar die Prophezeiung, =wenn sie so
stattgefunden hätte=, höchstens ein Wunder sein, =das für euch nur
verloren wäre, wie für die anderen=, und dies wäre dann das größte
Unglück.«
Aus diesen Worten Laharpes läßt sich nicht viel machen. Dazu sind sie
zu unklar. So viel ist aber sicher, daß er an Prophetie glaubt und
sagen will, daß sie nicht so wunderbar ist, als die Ereignisse selbst.
Auf die Erklärung durch Gott brauchen wir natürlich nicht einzugehen.
Sie heißt nicht mehr und nicht weniger als ein X durch eine andere
unbekannte Größe, deren Existenz noch nicht einmal beweisbar ist,
erklären zu wollen. Indem wir uns vorbehalten, später auf Laharpes
Ausführung zurückzukommen, wollen wir zunächst im Anschluß an Bormann
versuchen, Zeugen für die Weissagung Cazottes aufzutreiben.
Deren gibt es nun mehrere: 1. Hat ein Herr de N. – also leider ein
Anonymus – in den Pariser Zeitungen erzählt, daß er oft von Cazotte,
den er gut kannte, die Ankündigung der schweren Drangsale Frankreichs
gehört habe, während alle Welt noch in vollkommener Sicherheit
lebte[156]. Derselbe Gewährsmann bestätigt auch die Wahrheit der
Erzählung, daß Cazotte seine nach drei Tagen erfolgende Hinrichtung
vorhergesagt habe. Ob das von ihm Vernommene sich mit Larharpes
Darstellung deckte, sagt er allerdings nicht. Immerhin beweist dieser
Zeuge, daß Cazotte eine gewisse Gabe des zeitlichen Fernsehens besessen
hat.
2. Bekundet die Gräfin de Genlis schriftlich folgendes: »Ich habe
das hundert Male Mr. de Laharpe =vor der Revolution erzählen hören
und immer durchweg= genau, wie ich es gedruckt gesehen habe, und
wie er selbst es hat drucken lassen. Im November 1825. Comtesse de
Genlis[157].« Diese Zeugin ist die bekannte Erzieherin der Kinder des
Herzogs von Orléans. Als sie dies Zeugnis ablegt, ist sie bereits
79 Jahre alt. Alte Leute leiden oft an Gedächtnisschwäche, erinnern
sich aber auch andrerseits fast stets mit wunderbarer Klarheit an
Vorgänge aus ihrer Jugend. Wenn wir uns also auch hüten müssen, aus
diesem Zeugnis zu folgern, daß Laharpe tatsächlich wörtlich Cazottes
Vorhersage wiederholt und überliefert habe, so werden wir doch nicht
umhin können zuzugeben, daß irgendeine wunderbare Prophezeiung kursiert
haben muß.
3. Der Sohn von Jaques Cazotte sagt nur aus, daß sein Vater oft Proben
seines zeitlichen Fernsehens abgelegt habe, was übrigens Jung-Stilling
auch von anderer Seite erfahren hatte. Ob die Darstellung Laharpes in
allen Ausdrücken genau ist, weiß er nicht anzugeben. Er bestätigt aber
jenen Vorfall, wo die Schwester ihren 72jährigen Vater den Mordbanden
entriß und Cazotte darauf seinen nach drei Tagen bevorstehenden Tod
richtig prophezeite. – Diese Zeugenschaft beweist zweifellos – und das
ist sehr wichtig – daß Cazotte im Rufe eines Sehers stand und auch
Sehergabe besaß. Die Annahme dürfte daher nahe liegen, daß es sich
gar nicht um eine Dichtung Laharpes, sondern um dichterisch verklärte
Wahrheit handelt. Denn wenn Cazotte, was ja nach dem Zeugnis des Sohnes
nicht bezweifelt werden kann – Hellseher war, dann besteht gar kein
triftiger Grund an der Wahrheit des Berichtes bzw. daran, daß ihm ein
wahrer Kern zugrunde liegt, zu zweifeln.
4. Bezeugt ein Anonymus Mr. N. in Rennes, daß der bekannte Arzt Vicq.
d’Azir =mehrere Jahre vor der Revolution= die Weissagungen Cazottes die
er mit angehört hatte, und die trotz seines Unglaubens ihn beunruhigt
hätten, erzählte. Es wird nicht angegeben, ob er sie genau so erzählte,
wie Laharpe überliefert. Aber selbst wenn das wäre, könnten wir darauf
nicht bauen, da das Gedächtnis besonders hinsichtlich des Wortlautes
höchst unzuverlässig ist. Immerhin ist dieses Zeugnis – wenn wir ihm
trotz seiner Anonymität Glauben schenken wollen – nicht ohne hohen
Wert. Denn wenn es auch nichts über den Inhalt der Prophetie verrät, so
beweist es doch, wie das der Gräfin de Genlis, daß mindestens Gerüchte
von Vorhersagen umliefen. Daran und daß ihnen irgend etwas Reales
zugrunde lag, werden wir kaum mehr zweifeln dürfen. Aber – das sei ohne
weiteres zugegeben – für den konkreten Fall ist damit nicht allzuviel
gewonnen.
Rekapitulieren wir kurz den gegenwärtigen Stand der Untersuchung:
1. Es ist absolut feststehend, daß Cazotte Visionen hatte, die in
Erfüllung gingen.
2. Es kursierten zweifellos, anscheinend schon vor der Revolution,
Gerüchte, nach denen Teilnehmer an jener Abendgesellschaft – die Gräfin
Genlis nennt Laharpe, der vierte Zeuge in Rennes den Arzt d’Azir, der
erste gar Cazotte selbst als Gewährsmann – aus Cazottes Munde Unglück
verheißende Aussagen über die Zukunft Frankreichs gehört haben.
Damit können wir noch nicht viel anfangen. Denn wenn es auch sicher
interessant ist zu wissen, daß Vorhersagen der Revolution – wie
übrigens wohl fast jedes bedeutenden Ereignisses der Weltgeschichte
existieren, so ist das noch ein großer Unterschied von Cazottes
Prophetie, die jedem einzelnen Teilnehmer sein Ende vorhersagt. Gerade
bei dieser überaus wunderbaren Weissagung kommt alles aufs Detail an
und hiervon wissen wir gar nichts.
Zudem haben wir bisher noch keine =unbedingt zuverlässigen= Zeugnisse
dafür, daß die Gerüchte bereits vor der Revolution umliefen. Gewiß
könnte man aus dem Fehlen solcher Zeugen nichts gegen die Wahrheit
folgern, denn es ist klar, daß man sich in stürmischen oder kritischen
Zeiten hüten wird, solch gefährliche Prognosen zu verbreiten. Aber
das genügt uns nicht. Die ein Menschenalter später ausgestellten
Beglaubigungen sind aber nicht beweiskräftig genug.
Deshalb kann uns auch das fünfte Zeugnis nicht genügen, wiewohl es
an tatsächlichen Angaben so ungefähr alles enthält, was wir nur
wünschen können. Es handelt sich um die schriftliche Bekundung des
Barons Delamothe-Langon des Inhalts, daß eine Gräfin Beauharnais
als Teilnehmerin an jener Abendgesellschaft ihm und vielen anderen
Personen, die 1833 bei Abgabe dieses Zeugnisses noch lebten und es
bezeugen konnten, die Wahrsagungen Cazottes in der Wiedergabe Laharpes
als echt bestätigten. Allerdings erfahren wir auch hier weder, wo diese
Abendgesellschaft stattgefunden hatte, noch auch in welchem Jahre die
Gräfin Beauharnais dieses Zeugnis abgelegt hat. Wir freuen uns immerhin
darüber als neuerliche Bestätigung dafür, daß Weissagungen, die auf
Cazotte zurückgeführt wurden, kursierten.
So müßten wir also mit einem Non liquet schließen, wenn wir nicht noch
ein 6. und wichtigstes Zeugnis, das Deleuze unbekannt war und von
Bormann in seiner Bedeutung erstmalig voll gewürdigt wurde, heranziehen
könnten.
Wir finden es in den Memoiren der Baronin Oberkirch, die als Tochter
des Barons Waldner-Freundstein auf Schloß Schweighausen im Oberelsaß
1753 geboren wurde und sich mit dem Baron Oberkirch, in zweiter Ehe
mit dem Grafen Montbrison vermählte. Die Denkwürdigkeiten dieser
hochgebildeten Frau, die mit den bedeutendsten Zeitgenossen in
Frankreich und Deutschland in Verbindung stand, wurden nach ihren
eigenen Angaben in ihrem 35. Lebensjahre 1789 verfaßt. Sie erschienen
zuerst 1852 in englischer Sprache, von ihrem Enkel Montbrison
herausgegeben, und erst das folgende Jahr in französischer Übersetzung
in drei Bänden.
Daß die letzte Zeile des Werkes wirklich noch 1789 geschrieben wurde,
beweist der Schluß des 3. Bandes, der in Übersetzung lautet:
»Mein Werk ist zu Ende. Um die Welt möchte ich nicht der scheußlichen
Morde gedenken, welche sich rings um mich ausbreiten, mit Verheerung
drohend allem, was ich liebe und verehre. Ein Lebewohl also rufe
ich dieser genußreichen Beschäftigung, den glücklichen Stunden, die
ich schildernd verbrachte, zu; dahin seid ihr Tage, die ich in der
Gesellschaft teurer Freunde genoß. Mein Herz sinkt, wenn ich die Wolken
schaue, die am Horizont auftauchen und mit Unglück für unser unseliges
Land beladen scheinen. In welchen unglücklichen Stunden habe ich unsere
Kinder geboren! Eine von Unsternen erfüllte Zukunft scheint ihnen
entgegen zu schreiten. Gott wende von uns die furchtbaren Vorzeichen!«
Daraus geht hervor, daß das Werk vor Ausbruch der wirklichen Revolution
mit allen ihren Schrecknissen beendet wurde, augenscheinlich bald nach
dem Sturm auf die Bastille, deren erschütternden Eindruck wir in diesen
Zeilen nachklingen fühlen.
In diesem Werk nun, das nach Angabe der Verfasserin und, wie eben
gezeigt, auch aus inneren Gründen im Jahre 1789, also =vor der
eigentlichen Revolution und jedenfalls vor Eintreffen der in der
Prophezeiung Cazottes vorhergesagten= Ereignisse beendet war, heißt es
im letzten Kapitel, daß »=viele Personen die Prophezeiungen Cazottes
angehört hätten, deren Realität zu bezweifeln unmöglich sei=«.
Ferner berichtet die Verfasserin über ein merkwürdiges Erlebnis aus
den letzten Tagen von 1788 oder dem Beginn des folgenden Jahres, das
ihre bereits damalige Bekanntschaft mit schriftlichen Aufzeichnungen
Laharpes über die bewußten Prophezeiungen Cazottes bezeugt.
In Straßburg bei dem Marquis de Puységur, dem Entdecker des
Somnambulismus, wohnte die Baronin Oberkirch Experimenten mit einer
bedeutenden Somnambulen, einem jungen Mädchen aus dem Schwarzwalde,
bei, als der Maréchal de Stainville hereintrat und das Ersuchen
stellte, die Somnambule einige Minuten zu befragen. Diese aber sagte
ihm, daß sie den Grund seines Kommens wisse: er wolle sie über die
Zukunft Frankreichs befragen und sei über das Schicksal der Königin
besorgt. In der Tat wollte der Marschall sie das fragen.
Zitieren wir nun die Baronin Oberkirch[158]!
»Das ist vollkommen wahr,« sagte Herr von Stainville verwundert.
=Damals sprach jeder Mensch von den Prophezeiungen des M. de
Cazotte=[159], und die Mehrzahl der Leute war geneigt, sie für Träume
oder Wahngebilde einer überreichen Einbildungskraft zu halten. Der
Marschall dachte, dies sei eine gute Gelegenheit, um sie auf ihre
Wahrheit hin zu prüfen, und frug das Mädchen, ob sie sich je erfüllen
würden.
Gerade als er seine Frage beendet hatte, öffnete sich die Tür, und
es trat der Marquis de Peschery ein, dem wir erklärten, was vorging.
Darauf wiederholte der Marschall seine Frage.
»Bevor ich antworte, muß ich nachdenken,« sagte das Mädchen. »Diese
Dinge sind so wichtig und gegenwärtig noch so verworren.«
»Sagen Sie mir nur, ob die Prophezeiungen, welche ich gehört habe, sich
erfüllen werden, und ob ich daran glauben kann?«
»Sie können an alle glauben,« antwortete sie ohne zu zögern.
Wir sahen uns entsetzt an, und ich gestehe, daß =ich zitterte, da ich
erst am Abend vorher M. de Cazottes Prophezeiungen gelesen hatte,
welche mir von der Großherzogin geschickt worden waren=. –
»Was,« sagte der Marschall, »alle diese Dinge sollen sich wirklich
ereignen!«
»Alle und mehr noch.«
»Wann?«
»Von heute an in einigen Jahren.«
»Können Sie die Zeit nicht genau angeben?«
Sie zögerte einige Augenblicke und sagte dann: »Sie werden noch in
diesem selben Jahre beginnen und werden vielleicht ein Jahrhundert lang
andauern.«
»Wir werden demnach deren Erfüllung nicht erleben?«
»Viele von Ihnen werden den Anfang nicht sehen.« Das war eine
schreckliche Ankündigung.
Nach einer kleinen Weile sagte der Marschall: »Was geht jetzt in
Frankreich vor?«
»Eine Verschwörung ist im Gange, und der, welcher verschwört, wird das
Opfer seiner eigenen Schlechtigkeit werden. Eine Weile lang wird er
triumphieren, aber sein Geschick wird das seiner Opfer sein. O mein
Gott! Mein Gott! Welch Ströme von Blut! Es ist zu grauenhaft.«
»Sie sind sicher, daß das vielen erhabenen Persönlichkeiten prophezeite
Geschick sich erfüllen wird?«
»Ich bin es.«
»Was, sie werden eines gewaltsamen Todes sterben?«
»Sie werden eines gewaltsamen Todes sterben.«
»Und ich! Werde ich teilhaben an den meiner Familie prophezeiten
Unglücksfällen?«
»Sie werden es nicht.«
»Ach! Werde ich mich abseits von diesem Getümmel (mélée) halten? Das
würde einem alten Soldaten, wie mir, nicht passen.«
Die Somnambule schwieg.
»Was wird mein Schicksal sein?«
Sie wollte nicht antworten.
»Sie fürchten sich, es mir zu sagen. Meine Freunde werden geköpft
werden, und vielleicht blüht mir etwas Schlimmeres. Werde ich gehenkt?
Das wäre ein Schicksal, unwürdig eines Kavaliers. Aber sprechen Sie;
der Tod und ich sind alte Bekannte; wir haben uns oft ins Angesicht
gesehen.«
Während einer langen Weile weigerte sich das Mädchen zu antworten,
aber auf die Bitte des Marschalls bestand Herr de Puységur auf ihrer
Antwort.
»Armer Herr!« sagte sie langsam, »warum frägt er mich, was er in
einigen Monaten selbst wissen wird?«
»In einigen Monaten?« sagte der Marschall. »Werde ich in einigen
Monaten sterben? Ach! Um so besser, so werde ich den Ruin und die
Entehrung Frankreichs nicht sehen. Ich danke Gott dafür; werde ich in
meinem Bett sterben?«
»Sie werden,« sagte sie, aber mit so leiser Stimme, daß wir sie nur mit
Mühe hören konnten.
Aus dieser Aussage folgt mit einer jeden Zweifel ausschließenden
Sicherheit, daß gleich nach der bewußten Abendgesellschaft, auf der
Cazotte durch seine Prophezeiungen allgemeines Entsetzen verursacht
hatte, die Vorgänge aufgezeichnet wurden. Denn, wie Laharpe selbst
erzählt, fand die Gesellschaft 1788 statt, während der Séance beim
Marquis de Puységur am Schlusse des gleichen oder zu Beginn des
nächsten Jahres abgehalten wurde[160]. Damals aber war der Bericht
Laharpes aus Rußland bereits wieder zurückgekehrt.
Die Beweiskraft des bereits 1789, also, um es nochmals zu konstatieren,
vor Eintritt der Ereignisse schriftlich abgelegten Zeugnisses ist
absolut. Dadurch wird aber auch den früher genannten Bestätigungen
Sanktion erteilt. Und zwar sowohl den Gewährsmännern, die =vor der
Revolution= aus Laharpes Munde die Erzählung jener Wahrsagungen
in Übereinstimmung mit seinem posthumen Bericht vernommen haben
wollen, als auch den Zeugen, die von anderen Teilnehmern der bewußten
Abendgesellschaft von solchen Prophezeiungen Cazottes hörten.
Nun ist noch eine Inkongruenz zu beseitigen, die auf den ersten
Blick recht frappierend wirkt. Wir bewiesen aus den Memoiren der
Frau von Oberkirch soeben, daß Laharpe die Aufzeichnung von Cazottes
Prophezeiungen sehr bald nach der Gesellschaft, jedenfalls aber noch
im gleichen Jahre, niedergeschrieben haben muß. Denn schon 1788 sandte
er sie nach Rußland. Und doch beginnt der Bericht mit den Worten:
»Es dünkt mich, als sei es gestern geschehen und doch geschah es im
Anfang des Jahres 1788.« Daraus geht hervor, daß schon Jahre darüber
hingegangen waren, als Laharpe diese Zeile schrieb.
Hier ergibt sich also ein scheinbar unlöslicher Widerspruch.
Wie, wenn Laharpe nach vielen vielen Jahren das Originalmanuskript
wieder hervor holte und ihm nun diese Zeilen der Einleitung
vorausschickte?
Das ist gewiß möglich. Wahrscheinlicher ist aber etwas anderes: Laharpe
hat auf Grund seines wahrheitsgetreuen Berichtes nach Jahren einen,
Wahrheit mit Dichtung verquickenden, gemacht und dieser ist es, den wir
vor uns haben. Vielleicht schrieb er ihn nur aus dem Gedächtnis nieder,
da ja das Original in Rußland war. Sehr groß =kann= die Abweichung aber
nicht sein, da Bormann mit Recht es als unglaublich bezeichnet, daß
Laharpe eine unechte Darstellung gab, nachdem er vor Jahren durch die
echte die Welt in Staunen versetzt hatte[161].
Mit dem Einwurf, die Gräfinnen Genlis und Beauharnais bestätigten
ausdrücklich die Übereinstimmung von Laharpes Erzählung mit dem
gedruckten Text, finden wir uns leicht ab. Denn selbst ein gutes
Gedächtnis wird das nach Jahren nicht mehr zu konstatieren vermögen.
Zwingend allerdings geht sowohl aus diesem Zeugnis, wie aus dem anderen
hervor, daß auch die echte Prophezeiung Cazottes, bzw. der authentische
Bericht von Laharpes Hand, nennen wir ihn die erste Redaktion, genug
der verblüffenden Vorhersagen enthielt die nachher in Erfüllung gingen.
Da die Baronin Oberkirch so wenig wie die anderen Zeugen auf die
Details eingehen, fehlt uns die Möglichkeit, die Laharpesche
Prophezeiung mit dem ersten Bericht von Cazottes Seherworten zu
vergleichen. Wir können also unmöglich den uns vorliegenden Bericht
einfach mit dem tatsächlichen Vorkommnis identifizieren.
Was wir aber können, ja müssen, ist die Feststellung, daß =Cazotte
bereits vor der großen Revolution diese vorhergesagt hat, und zwar auch
mit schrecklichen und später in Erfüllung gegangenen Einzelheiten, so
der Hinrichtung der Königin und anderen illustren Personen=. Möglich
ist, daß ja alles sich so verhielt, wie es Laharpe uns hinterließ. Aber
es ist nicht gewiß. Gewiß aber ist auch, daß wir in der Prophezeiung
des Cazotte eine der bedeutendsten der Geschichte zu erblicken haben.
Denn es ist, wie Bormann richtig betont, vollkommen ausgeschlossen, daß
zwischen den Vorhersagen Cazottes und der folgenden Erfüllung größere
Inkongruenzen liegen. Denn Laharpe hätte damit einen Propheten, dessen
Vorhersagen vielen Zeitgenossen bekannt waren, nicht gefeiert, sondern
lächerlich gemacht. =Als Ganzes, darüber kann gar kein Zweifel mehr
obwalten, ist daher die Cazottesche Prophezeiung historisch und durch
die nachfolgenden Tatsachen bestätigt worden.= Wenn wir auch nicht
berechtigt sind, jeden einzelnen Zug als beglaubigt anzusehen, so geht
doch Hübbe-Schleiden mit der Annahme, daß Cazotte zu verschiedenen
Zeiten und privatim den genannten Personen ihr trauriges Schicksal
vorhergesagt habe, unbedingt zu weit. Die Gesellschaft =hat=
stattgefunden.
Greifen wir nun noch einmal auf Laharpes oben zitiertes Nachwort
zurück, das leider nur als Bruchstück auf uns gekommen ist!
Ihr Sinn ist zweifellos der, daß den ewig Blinden, denen die
furchtbaren Ereignisse der großen Revolution nicht die Augen darüber
geöffnet haben, daß durch Gott die größten Wunder gewirkt werden,
auch nicht gedient ist, wenn die Vorhersage der Schrecknisse auf
Wirklichkeit beruht. Denn das ist das geringere Wunder, das größere
aber – in des frommen Laharpe Augen – wäre die zeitlich unglaublich
rasche Folge der grauenhaftesten Begebenheiten und noch dazu die
Zusammendrängung so vieler Personen, denen das alles widerfuhr, an
demselben Orte.
Es läßt sich nicht leugnen, daß sich Laharpe in dem Satz: »Voilà le
prodige réel comme la prophétie n’est que supposée« mißverständlich
ausgedrückt hat. Bormann übersetzt meines Erachtens richtig: »Seht,
das ist das reale Wunder, so wie die Prophezeiung bloß vorausgesetzt
ist,« und fährt dann fort: »Laharpe setzt also das =Wunder= der
=handgreiflichen Tatsachen=, die ein jeder mit seinen Sinnen tasten
konnte, dem =Wunder= einer =Prophezeiung= mit =inneren= Vorgängen
des Sehers gegenüber, die eben nur zu =glauben= sind. Etwas
Vorausgesetztes, Angenommenes, Geglaubtes bleibt ja die Echtheit und
das ›Wunder‹ jeder Prophezeiung, insofern der Zusammenhang zwischen
ihr und dem entsprechenden Ereignisse als Probe geheimnisvoller
Geisteskraft, welche den Zufall ausschließt, von uns erst aufgefaßt
wird und nicht unmittelbar mit sinnlicher Bestimmtheit wahrgenommen
werden kann. Das Wort ›supposer‹ bedeutet aber zuweilen, obwohl
seltener, auch: ›unterschieben, fälschen.‹ Es muß zugegeben werden,
daß es ohne Würdigung aller Umstände, das eine hier so gut bedeuten
konnte, wie das andere. Der letzte Satz des Nachwortes werde noch
einmal wiederholt. Er heißt: ›=In diesem Falle=‹, d. h. gemäß den
vorhergehenden Worten Laharpes: ›Wenn ihr die besondere Furchtbarkeit
dieser Revolution in ihrem Unterschiede von allen anderen nicht
faßt.‹ – »=In diesem Falle= würde sogar die Prophezeiung, wenn sie
stattgefunden hätte, höchstens ein Wunder sein, das für euch nur
verloren wäre wie für die anderen, und das wäre dann das schlimmste
Unglück. – Gerade dieser Satz scheint mir, trotz dem eingestreuten
Bedingungssatz, der wohl das Urteil flüchtiger Beurteiler gefangen
nehmen mag, sehr kräftig für die Echtheit der Prophezeiungen zu
sprechen. Laharpe sagt deutlich hier, er wolle über die Echtheit der
Weissagungen gar kein Wort verlieren, weil ihm das als das schlimmste
Unglück erschiene, wenn die Prophezeiung in ihrer Echtheit den ewig
Blinden, welche nicht einmal die Wunderstimme der Geschichte hören, als
Wunder höchstens doch verloren sein würde. Die aber, meint er, welche
die Taten der Geschichte als Wunder begreifen, werden auch an dem viel
geringeren Wunder der Prophezeiungen kaum zu zweifeln brauchen.«
So weit Bormann, dem wir uns anschließen.
Für uns wäre es natürlich von allerhöchstem Interesse zu wissen, in
welchem Umfange der Wortlaut der echten Vorhersage Cazottes mit der
Niederschrift Laharpes übereinstimmt. Das festzustellen ist uns nicht
möglich, wohl aber in der Zukunft nicht ausgeschlossen, da ja der
Originalbericht Laharpes an die Großfürstin Maria Feodorowna geborene
Prinzessin Sophie Dorothea von Montbéliard vielleicht noch einmal ans
Tageslicht gefördert wird.
Bis dahin müssen wir uns mit der Feststellung begnügen, daß Cazotte
tatsächlich die große Revolution und sogar einzelne Details aus ihr
vorhergesehen hat.