Für die Beurteilung Müllers ist nicht unwichtig Ehrlichs Versicherung,

daß er, wiewohl nur Eigentümer eines kleinen Gutes von acht Morgen,

doch niemals um Geschenke bat, sie auch nur von Reichen annahm. Wiewohl

er durch seine Gabe ein wohlhabender, wenn nicht gar reicher Mann hätte

werden können, verschmähte er es doch.

Auch seine Mäßigkeit ist bemerkenswert und schneidet von vorn herein

den Verdacht ab, seine Visionen – ganz abgesehen von ihrer späteren

Erfüllung – seien Wirkungen des Alkohols gewesen, wie ja mancher

doppelt sieht oder gar weiße Mäuse zu erkennen glaubt. Wein und

Branntwein trank er seit 6 bis 8 Jahren – also gerade in der Zeit

seiner Visionen – überhaupt nicht. Ebenso Kaffee nur bei festlichen

Gelegenheiten. Bei Gastmählern, zu denen er oft geladen wurde, begnügte

er sich mit Suppe, Gemüse und Fleisch ohne je Braten usw. anzurühren.

Nur auf dringende Bitten griff er zur Mehlspeise. In Memel und

Königsberg war seine Nahrung durch fast volle neun Monate nur trockenes

Brot und etwas Milch. Und das, wiewohl er natürlich viel Besseres hätte

haben können.

Das Protokoll, das wir oben in extenso brachten ist nicht das

Königsberger, das verloren gegangen zu sein scheint oder vielleicht

noch einmal aus einem Archiv das Tageslicht erblicken wird. Trotzdem

ist es durchaus =authentisch=, denn es wurde im Jahre 1808, also =vor

sämtlichen Ereignissen= aufgenommen und befand sich seit dieser Zeit in

den Händen des Pfarrers Hautz und seit mehreren Jahren (d. h. vor 1816)

des Kirchenrates Abegg.

Übrigens scheint das Protokoll =nicht alles= zu enthalten, was Müller

seinerzeit dem König Friedrich Wilhelm III. mitteilte. Denn er sagte

darüber Ehrlich:

»Ich war in betreff dieser Punkte nur an den König von Preußen

gesandt, also hielt ich es für Pflicht, gegen hiesige Menschen davon

zu schweigen. Außerdem riet es mir auch die Klugheit, denn hier war

damals alles noch im höchsten Grade französisch gesinnt. Man hätte mich

vielleicht umgebracht, wenn ich das alles schon damals hier bekannt

gemacht hätte.«

Der seltene Fall, daß von durchaus glaubwürdiger Seite – Ehrlich hat

stets die Prophezeiungen Müllers nach seinem Diktat niedergeschrieben

– eingehende Berichte über einen Seher vorliegen, und daß, wie aus den

Briefen des Königs Friedrich Wilhelm, wie auch aus einem bei Ehrlich

abgedruckten Brief, der die Anfrage der russischen Kaiserin enthält,

hervorgeht, jede Mystifikation ausgeschlossen ist, rechtfertigen es,

wenn wir uns eingehend mit Müller befaßten.

Für unsere Beweisführung im Speziellen aber ergibt sich folgendes

Resultat:

Wir haben das =gesamte= Material eines Sehers zur Verfügung und konnten

auf dieser Grundlage feststellen, daß nicht nur die wichtigsten und

zur Zeit ihrer Verbreitung am wenigstens glaubwürdigen Vorhersagen in

Erfüllung gingen, sondern auch die erdrückende Mehrheit. Daraus geht

aber hervor, daß der Einwand, man entsinne sich nur der erfüllten,

vergesse aber die unerfüllten Weissagungen, wenn es sich um »Seher«

handelt, hinfällig ist.

Was nun den Inhalt der Vorhersagen betrifft, so sind sie gewiß zum Teil

sehr merkwürdig. Aber keine einzige ist darunter, die so erstaunlich

wäre, daß wir eine Gleichung mit einem Divisor aufstellen könnten, die

den Zufall ausschließt.

Desto verblüffender sind die folgenden Weissagungen.

Fußnoten:

[124] Zitiert nach »Geschichte, Erscheinungen und Prophezeiungen des

Joh. Adam Müller eines Landmanns auf dem Maisbacher Hofe, zwei Stunden

von Heidelberg. Aus seinem eignen Munde aufgesetzt. Nebst allen dazu

gehörigen Original-Briefen in getreuen Abschriften und der Widerlegung

von 37 Unrichtigkeiten in der ohne sein Wissen, erschienenen Schrift:

Johann Adam Müller, der neue Prophet usw. Mit dem getreuen Bildnisse

des Mannes, einer genauen Nachahmung seiner Handschrift, der Abbildung

seines Wohnhauses nebst der Umgegend, und dem von ihm selbst

entworfenen Plane der noch zu erbauenden Bundesstadt Neu-Jerusalem und

der Burg Zion. Frankfurt a. M., bei den Gebrüdern Wilmans 1816«, S. 25

ff. Ich benutzte wie bei Heering das Exemplar der Kgl. Bibliothek in

Berlin.

[125] Heißt bei Müller jedesmal: »Ich geriet in Verzückung«.

[126] Ein Stadtplan von Neu-Jerusalem, nach dem Entwurf von Müller

gezeichnet von F. L. Hoffmeister, befindet sich im Anhang der zitierten

Schrift.

[127] Eigentlich waren es 24 Kreuzer. In Heidelberg aber trank er ½

Maass Bier und kaufte sich 2 Päckchen Tabak, behielt also nur noch 15

Kreuzer (Anm. im Original).

[128] Damals trank er noch, wiewohl selten, wenig, und nur vor

Mattigkeit, Branntwein. Seit 6–8 Jahren gar nicht mehr. (Anm. des

Protokolls Seite 36 des Buches.)

[129] Hier und im folgenden handelt es sich deutlich um eine Erfüllung

des Gesichts vor Antritt der Reise, als die Feinde ihm in Gestalt

von wilden Tieren erschienen. Hier dürfte es angezeigt sein, auf den

Aufsatz von Rudolf Kleinpaul »Die Traumsprache« im »Magazin für die

Literatur des In- und Auslandes«, 55. Jahrg., 1886, S. 241 ff. und 265

ff. hinzuweisen. Die Frage der Traumsymbolik ist selbst von solchen,

die ihre Realität zugeben, noch keineswegs gelöst. Es gibt hier eine

unerschöpfliche Mannigfaltigkeit des Ausdrucks – man denke im Gegensatz

zu Müller an Kerner – und daher sind Fehler der Interpretation sehr

naheliegend.

[130] Die damalige verwitwete Prinzessin Ludwig, nachmalige Herzogin

von Cumberland.

[131] Diese Vorhersage kehrt immer wieder. Tatsächlich wurde Frankreich

ja später verkleinert, aber von einer Dreiteilung zu reden, ist doch

nicht angängig. Auch Neu-Jerusalem vergißt Müller nie. Daß solche

Prophezeiungen religiöser Art nicht in Erfüllung gehen, konnten wir

schon wiederholt beobachten. Das dürfte zum Teil daher kommen, daß es

sich hier gar nicht um Fernsehen, sondern um biblische Reminiszenzen

handelt.

[132] Beide sind durch jene Gegenden gereist (Anm. des Protokolls S.

48).

[133] Ich bemerke eventuellen Vermutungen gegenüber, daß ich durchaus

=nicht= Spiritist bin und daher an eine objektive »Erscheinung« auch

nicht glauben kann. Vielmehr dürfte es sich hier um nichts anderes als

Träume handeln. Daß es zum guten Teil =Wahrträume= sind, geht aus der

folgenden Erscheinung hervor. Müller hatte sich zweifellos in die Rolle

einer Art von Glaubensapostel hineingelebt.

[134] Frau von St...s hat diese Predigt mit angehört, und versichert,

daß sie allgemeinen und sehr tiefen Eindruck gemacht habe. (Anm. des

Protokolls, S. 61.)

[135] Geschichte, Erscheinungen und Prophezeiungen des Joh. Adam

Müller, Frankfurt a. M., 1816, S. 73 ff.

[136] Von mir gesperrt.

[137] Von mir gesperrt.

[138] a. a. O., S. 79.

[139] a. a. O., S. 80 ff.

[140] a. a. O., S. 84 ff. Die zweite Antwort des Königs ist abgedruckt

auf S. 84, die dritte auf S. 89.

[141] »Geschichte, Erscheinungen und Prophezeiungen des Joh.

Adam Müller«, Frankfurt a. M. 1816. Auf dem Titel steht =kein=

Verfassername, sondern Wilhelm Ehrlich hat die Vorrede (S. 3–24), der

wir obige Angaben über Müllers Person und Prophezeiungen, soweit sie

nicht im »Protokoll« enthalten sind, entnehmen, unterzeichnet.

[142] Ehrlich verhält sich zu Müller also geradeso skeptisch, wie ein

halbes Jahrhundert früher Süße gegenüber Heering.

Neuntes Kapitel

Cazotte’s Weissagung der französischen Revolution.

Eine der berühmtesten Weissagungen, der des Klosters Lehnin an Ruf

wohl vergleichbar, ist die des Jaques Cazotte[143], die uns Laharpe

überliefert. Sie gilt im allgemeinen, besonders bei allen jenen, die

Prophetie für unmöglich halten, als ein stilistisches Meisterwerk

Laharpes[144], zugleich aber auch als Produkt seiner Phantasie. Bevor

wir diese Frage näher prüfen wollen, sei der Wortlaut der Weissagung

nach der Übersetzung von Jung-Stilling[145] nachstehend mitgeteilt:

»Es dünkt mich, als sei es gestern geschehen, und doch geschah es

im Anfang des Jahres 1788. Wir waren zu Tische bei einem unserer

Kollegen an der Akademie, einem vornehmen und geistreichen Manne. Die

Gesellschaft war zahlreich und aus allen Ständen ausgewählt, Hofleute,

Richter, Gelehrte, Akademiker usw. Man hatte sich an einer wie

gewöhnlich wohlbesetzten Tafel recht wohl sein lassen. Beim Nachtisch

erhöhte der Malvasier und der Capwein die Fröhlichkeit und vermehrte

in guter Gesellschaft jene Art Freiheit, die sich nicht immer in den

genauen Schranken hält.

Man war damals in der Welt auf den Punkt gekommen, wo es erlaubt

war, alles zu sagen, wenn man den Zweck hatte Lachen zu erregen.

Chamfort[146] hatte uns von seinen gotteslästerlichen und unzüchtigen

Erzählungen vorgelesen und die vornehmen Damen hörten sie an, ohne

sogar zum Fächer ihre Zuflucht zu nehmen. Hierauf folgte ein ganzer

Schwall von Spöttereien auf die Religion. Der eine führte eine

Tirade aus der Pucelle von Voltaire an; der andere erinnerte an jene

philosophischen Verse Diderots, worin er sagt: »Mit den Gedärmen des

letzten Priesters schnüret dem letzten König die Gurgel zu!« und alle

klatschten Beifall. Ein anderer steht auf, hält das volle Glas in die

Höhe und ruft: »Ja, meine Herren! ich bin ebenso gewiß, daß kein Gott

ist, als ich gewiß bin, daß Homer ein Narr ist;« – und in der Tat, er

war von dem einen so gewiß, wie von dem anderen, und man hatte gerade

von Homer und von Gott gesprochen, und es waren Gäste da, die von dem

einen und dem anderen Gutes gesagt hatten.

Die Unterredung wurde nun ernsthafter. Man spricht mit Verwunderung von

der Revolution, die Voltaire bewirkt hat, und man stimmte ein, daß sie

der vorzüglichste Grund seines Ruhmes sei. Er habe seinem Jahrhundert

den Ton gegeben; er habe so geschrieben, daß man ihn in den Vorzimmern,

wie in den Sälen liest. Einer der Gäste erzählte uns lachend, daß sein

Friseur ihm, während er ihn puderte, sagte: »Sehen Sie, mein Herr, wenn

ich gleich nur ein elender Geselle bin, so hab’ ich dennoch nicht mehr

Religion als ein anderer.« Man schloß, daß die Revolution unverzüglich

vollendet sein würde, und daß durchaus Aberglauben und Fanatismus der

Philosophie Platz machen müßten; man berechnete die Wahrscheinlichkeit

des Zeitpunktes, und wer etwa von der Gesellschaft das Glück haben

würde, die Herrschaft der Vernunft zu erleben. Die älteren bedauerten,

daß sie sich dessen nicht schmeicheln dürften. Die jüngeren freuten

sich über die wahrscheinliche Hoffnung, daß sie dieselben erleben

würden; und man beglückwünschte besonders die Akademie, daß sie das

große Werk vorbereitet habe und der Hauptort, der Mittelpunkt, die

Triebfeder der Freiheit zu denken gewesen sei.

Ein einziger von den Gästen hatte an aller dieser fröhlichen

Unterhaltung keinen Anteil genommen und hatte sogar ganz sachte einige

Scherzreden in Rücksicht unseres so schönen Enthusiasmus eingestreut.

Es war Mr. Cazotte, ein liebenswürdiger, origineller Mann, der aber

unglücklicherweise von den Träumereien derer, die an eine höhere

Erleuchtung glaubten, ganz eingenommen war. Er nahm nun das Wort und

sagte mit dem ernsthaftesten Tone: »Meine Herren! freuen Sie sich; Sie

alle werden Zeugen jener großen und erhabenen Revolution sein, die Sie

so sehr wünschen. Sie wissen, daß ich mich ein wenig aufs Prophezeien

lege; ich wiederhole es Ihnen: Sie werden sie sehen.«

»Dazu braucht man eben keine Prophetengabe«, antwortete man ihm.

»Das ist wahr,« erwiderte er, »aber wohl etwas mehr für das, was ich

Ihnen noch zu sagen habe. Wissen Sie, was aus dieser Revolution – wo

nämlich die Vernunft gegenüber der geoffenbarten Religion triumphiert

– entstehen wird? was sie für alle, die hier sind, sein wird? Was ihre

unmittelbare Folge ihre unleugbare und anerkannte Wirkung sein wird? –«

»Laßt uns sehen,« sagte Condorcet[147] mit seiner sich einfältig

stellenden Miene; – »einem Philosophen ist es nicht leid, einen

Propheten anzutreffen.«

»Sie, Mr. Condorcet« – fuhr Cazotte fort – »Sie werden ausgestreckt auf

dem Boden eines unterirdischen Gefängnisses den Geist aufgeben; Sie

werden an dem Gift sterben, das Sie verschluckt haben werden, um den

Henkern zu entgehen, an dem Gift, welches Sie das Glück der Zeiten, die

alsdann sein werden, zwingen wird, immer bei sich zu tragen.«

Dies erregte anfangs großes Staunen, aber man erinnert sich bald, daß

der gute Cazotte bisweilen wachend träumte, und bricht in ein lautes

Gelächter aus.

»Mr. Cazotte« – sagte einer der Gäste – »das Märchen, das Sie uns da

erzählen, ist nicht gar so lustig, wie Ihr »Verliebter Teufel«; was

für ein Teufel hat Ihnen denn das Gefängnis, das Gift und die Henker

eingegeben? Was hat denn dies mit der Philosophie der Vernunft gemein?«

»Dies ist es gerade, was ich Ihnen sage,« versetzte Cazotte. – »Im

Namen der Philosophie, im Namen der Menschlichkeit, der Freiheit, unter

der Vernunft, wird es eben geschehen, daß Sie ein solches Ende nehmen

werden; und alsdann wird doch wohl die Vernunft herrschen, denn sie

wird Tempel haben; ja, es wird in derselben Zeit in ganz Frankreich

keine anderen Tempel geben, als Tempel der Vernunft.«

»Wahrlich« – sprach Chamfort mit einem höhnischen Lächeln – »Sie werden

keiner von den Priestern dieser Tempel da sein.«

Cazotte erwiderte: »Dies hoffe ich; aber Sie, Mr. de Chamfort, der

Sie einer derselben sein werden und sehr würdig sind, es zu sein, Sie

werden sich die Adern mit 22 Einschnitten mit dem Schermesser öffnen,

und dennoch werden Sie erst einige Monate darauf sterben.«

Man sieht sich an und lacht wieder. Cazotte fährt fort:

»Sie, Mr. Vicq. d’Azir[148], Sie werden sich die Adern nicht selbst

öffnen; aber hernach werden Sie sich dieselben an einem Tage sechsmal

in einem Anfall von Podagra öffnen lassen, um Ihrer Sache desto

gewisser zu sein, und in der Nacht werden Sie sterben.«

»Sie, Mr. Nicolai[149], Sie werden auf dem Schaffot sterben.«

»Sie, Mr. Bailly[150], auf dem Schaffot.«

»Sie, Mr. de Malesherbes[151], auf dem Schaffot.«

»Gott sei gedankt!« – ruft Mr. Roucher[152] – »Es scheint Mr. Cazotte

hat es nur mit der Akademie zu tun; er hat eben ein schreckliches

Gemetzel unter ihr angerichtet: ich – dem Himmel sei es gedankt ...«

Cazotte fiel ihm in die Rede: »Sie? – Sie werden auch auf dem Schaffot

sterben.«

»Ha! was gilt die Wette?« – ruft man aller Orten aus – »er hat

geschworen alles auszurotten.« Er: »Nein, ich habe es keineswegs

geschworen.«

Die Gesellschaft: »So werden wir denn von Türken und Tartaren

unterjocht werden? Und dennoch –«

Er: »Nichts weniger; ich habe es Ihnen schon gesagt, Sie werden

alsdann allein unter der Regierung der Philosophie und der Vernunft

stehen. Die, welche Sie so behandeln, werden lauter Philosophen sein,

werden immer dieselben Redensarten führen, die Sie seit einer Stunde

auskramen, werden alle Ihre Maximen wiederholen, werden, wie Sie, die

Verse Diderots und der ›Pucelle‹ anführen.«

Man sagte sich ins Ohr: »Sie sehen wohl, daß er den Verstand verloren

hat (denn er blieb bei diesen Reden sehr ernsthaft). Sehen Sie nicht,

daß er spaßt? – Und Sie wissen, daß er in alle seine Scherzreden

Wunderbares einmischt.«

»Ja!« sagte Chamfort, »aber ich muß gestehen, sein Wunderbares ist

nicht lustig; es ist allzu galgenartig. Und wann soll denn dies alles

geschehen?«

Er: »Es werden nicht sechs Jahre vorbeigehen, daß nicht alles, was ich

Ihnen sage, erfüllt ist.«

»Dies sind viele Wunder« (diesmal war ich es, nämlich Laharpe, der das

Wort nahm) – und von mir sagen Sie nichts?«

»Bei Ihnen,« antwortete Cazotte, »wird ein Wunder vorgehen, das

wenigstens ebenso außerordentlich sein wird: Sie werden alsdann ein

Christ sein.«

Allgemeines Ausrufen! »Nun bin ich beruhigt,« rief Chamfort, »kommen

wir erst um, wenn Laharpe ein Christ ist, so sind wir unsterblich.«

»Wir, vom weiblichen Geschlecht,« sagte hierauf die Herzogin von

Grammont, »wir sind glücklich, daß wir bei der Revolution nichts gelten

werden. Wenn ich sage ›nichts‹, so heißt das nicht so viel, als ob wir

uns nicht ein wenig darein mischten; aber es ist so Brauch, daß man

sich deswegen nicht an uns und unser Geschlecht hält.«

Er: »Ihr Geschlecht, meine Damen, wird Ihnen diesmal nicht zum Schutze

dienen, und Sie mögen noch so sehr sich in nichts mischen wollen, man

wird Sie gerade wie die Männer behandeln und in Ansehung Ihrer keinen

Unterschied machen.«

Sie: »Aber was sagen Sie uns da, Mr. Cazotte? Sie predigen uns ja das

Ende der Welt.«

Er: »Das weiß ich nicht; was ich aber weiß, ist, daß Sie, Frau

Herzogin, werden zum Schaffot geführt werden, Sie und viele andere

Damen mit Ihnen, und zwar auf dem Schinderkarren, mit auf den Rücken

gebundenen Händen.«

Sie: »In diesem Falle hoffe ich doch, daß ich eine schwarz

ausgeschlagene Kutsche haben werde.«

Er: »Nein, Madame! Vornehmere Damen als Sie werden auf dem

Schinderkarren, die Hände auf den Rücken gebunden, geführt werden.«

Sie: »Vornehmere Damen? – Wie? – Die Prinzessinnen von Geblüt?«

Er: »Noch vornehmere.«

Jetzt bemerkte man in der ganzen Gesellschaft eine sichtbare Bewegung,

und der Herr vom Hause nahm eine finstere Miene an; man fing an

einzusehen, daß der Scherz zu weit getrieben werde. Madame de Grammont

ließ, um das Gewölk zu zerstreuen, diese letzte Antwort fallen und

begnügte sich, im scherzhaftesten Tone zu sagen: »Sie werden sehen, daß

er mir nicht einmal den Trost eines Beichtvaters lassen wird.«

Er: »Nein, Madame, man wird Ihnen keinen geben, weder Ihnen noch sonst

jemandem. Der letzte Hingerichtete, der aus Gnaden einen Beichtvater

haben wird« – hier hielt er einen Augenblick inne.

Sie: »Nun, wohlan! Wer wird denn der glückliche Sterbliche sein, dem

man diesen Vorzug gönnen wird?«

Er: »Es wird der einzige Vorzug sein, den er noch behält; und es wird

dies der König von Frankreich sein.«

Nun stand der Herr vom Hause schnell vom Tisch auf und alle mit ihm. Er

ging zu Mr. Cazotte und sagte zu ihm mit tief bewegtem Tone:

»Mein lieber Herr Cazotte! Dieser klägliche Scherz hat lange genug

gedauert. Sie treiben ihn zu weit und bis auf einen Grad, wo Sie die

Gesellschaft, in der Sie sich befinden, und sich selbst in Gefahr

bringen.«

Cazotte antwortete nichts und schickte sich an wegzugehen, als Madame

de Grammont, die immerfort verhindern wollte, daß man die Sache ernst

nähme, und sich bemühte, die Fröhlichkeit wieder herzustellen, zu ihm

hinging und sagte:

»Nun, mein Herr Prophet! Sie haben uns allen gewahrsagt; aber von Ihrem

eigenen Schicksal sagen Sie uns nichts?«

Er schwieg, schlug die Augen nieder; dann sprach er: »Haben Sie,

Madame, die Geschichte der Belagerung Jerusalems im Josephus gelesen?«

Sie: »Freilich. Wer wird sie nicht gelesen haben? Aber tun Sie, als

wenn ich sie nicht gelesen hätte.«

Er: »Wohlan, Madame! Während dieser Belagerung ging ein Mann sieben

Tage nacheinander auf den Wällen um die Stadt, im Angesichte der

Belagerer und Belagerten, und schrie unaufhörlich mit kläglicher

Stimme: ›Wehe Jerusalem! Wehe Jerusalem!‹ Am siebenten Tage schrie

er: ›Wehe Jerusalem! =Wehe auch mir!=‹ – und im selben Augenblicke

zerschmetterte ihn ein ungeheurer Stein, den die Maschinen der Feinde

geschleudert hatten.«

Nach diesen Worten verbeugte sich Mr. Cazotte und ging fort.«

Soweit der Bericht bei Laharpe.

Nichts liegt näher als der Einwand, gerade weil alles so eintraf, wie

es angeblich Cazotte prophezeite, sei es ein vaticinium post eventum,

eine Dichtung des Laharpe.

Bereits Jung-Stilling nimmt zu dieser Frage Stellung. Seine

Ausführungen können immerhin einiges Interesse beanspruchen. Wir setzen

sie deshalb im Auszuge hierher:

»Ich frage jeden wahrheitsliebenden Kenner der Kunst, der Ideale

von getreuen Kopien der Kunst zu unterscheiden versteht, ob diese

Erzählung erdichtet sein könne? Sie hat so viele kleine Nuancen

und Umständlichkeiten, die keinem Dichter eingefallen wären, und

die er auch nicht für nötig gehalten hätte. Und dann, was konnte

diese Erdichtung für einen Zweck haben? Ein Freigeist konnte sie

nicht erdichten, weil er dadurch allen seinen Grundsätzen entgegen

arbeitete; denn er verbreitete dadurch Vorstellungen, denen er todfeind

ist, und die er für den dümmsten Aberglauben hält. Will man annehmen,

ein Fanatiker, ein Schwärmer habe sie erdichtet, um etwas recht

Auffallendes zu sagen, so widerspricht dieser Vermutung die Natur der

Erzählung selbst, die nicht so wie ein Gedicht aussieht, und dann

die Gewißheit, daß sie der selige =Laharpe eigenhändig= geschrieben

hat ... Gewiß, apodiktisch gewiß ist, daß Laharpe die Erzählung

selbst geschrieben hat. Dies kann aus oben angeführten Gründen nicht

geschehen sein, als er noch Freigeist war, und wer die gründliche

Bekehrung dieses großen Mannes und großen Freigeistes weiß, denen kann

der Gedanke nicht einfallen, daß er in diesem bußfertigen Zustand,

wo er sein voriges Leben mit blutigen Tränen beweinte, einen solchen

gottesvergessenen Frevel sollte begangen haben, so etwas zu erdichten;

das ist =moralisch unmöglich=. Diese Sache vor seinem Tode bekannt zu

machen, das war in der Zeit, in der er starb, nicht ratsam, und noch

weniger durften es die Gäste vor der Revolution und während derselben

erzählen[153].«

Die Möglichkeit der Erdichtung des Vorganges ist trotz der »vielen

kleinen Nuancen und Umständlichkeiten« keineswegs von der Hand

zu weisen. Mit solcher literarisch-ästhetischen Kritik kommt man

nicht weit[154]. Andrerseits ist zuzugeben, daß Laharpe, von

dem das Schriftstück zweifellos herrührt und aus dessen Nachlaß

es herausgegeben wurde, während der Periode seines sogenannten

Freidenkertumes unmöglich eine derartige Arbeit, die, wenn sie nicht

wahr ist, zweifellos im hohen Grade mystisch genannt werden muß,

abgefaßt haben kann. Wohl aber wäre das nachträglich möglich gewesen.

Denn es hätte doch sicherlich einen nicht geringen Reiz, sich einen

Mann vorzustellen, der die Zukunft bis in alle Einzelheiten genau

vorhergesehen hatte, und ihn in das bewegte und geistig hochstehende

Milieu dieser Gesellschaft zu stellen. Den »gottvergessenen Frevel«

dieses Vorganges können wir uns nicht recht klar machen.

Die einzigen Punkte, in denen Jung-Stilling unbedingt rechtzugeben

ist, wären demnach folgende: daß Laharpe, angenommen, alles hätte sich

wirklich so ereignet, wie er es berichtet, aus politischen Gründen von

einer Veröffentlichung in der kritischen Zeit, also vor Ausbruch der

Revolution, Abstand nehmen mußte. Und dann als weiterer, zwar nichts

Positives aussagender, der, daß er in der Periode des Freidenkertums

die Dichtung – angenommen, es handelte sich um eine solche – nicht

abgefaßt oder auch nur konzipiert haben konnte.

Damit kommen wir aber nicht weiter. Denn die Möglichkeit der späteren

Dichtung ist keineswegs beseitigt. Sie auszuschalten, haben wir

folgende Wege:

1. Eine Erklärung Laharpes, daß es sich um tatsächliche Vorgänge

handelt. Eine solche ist zwar nicht unbedingt beweiskräftig, denn wenn

es sich um eine Mystifikation handeln sollte, so läge der Gedanke nahe,

der Autor habe mit allen Mitteln versucht, sie aufrecht zu erhalten.

Beispiele dafür bietet die Literaturgeschichte in nicht geringer Anzahl.

2. Die Erklärung von Zeugen, die entweder dem Gastmahle selbst

beiwohnten, oder aber =vor= Eintritt der verkündeten Ereignisse von den

Vorgängen Kenntnis erhielten. Auch das ist kein unbedingt zwingender

Beweis, da bekanntlich Gedächtnisfehler nichts weniger als selten

sind. Immerhin würde – die Glaubwürdigkeit der Zeugen vorausgesetzt

– daraus zu folgern sein, zwar nicht, daß sich alles gerade so

verhielt, wie Laharpe mit großer Künstlerschaft erzählt, wohl aber, daß

bemerkenswerte Vorhersagen auf die Revolution und wohl auch auf den Tod

einiger Personen aus dem Munde Cazottes tatsächlich vorliegen.

Prophezeiungen · 第 18 / 27 段