... Ihro Majestät, es wird Ihnen noch wohl bekannt sein, wie mich

Gott zu Ihnen gesandt im Jahre Christ 1807, wie ich nach Königsberg

gekommen bin, da wurde ich zum General Rüchel und Herrn General Blücher

und sonst noch zu vielen Herren geführt, mit welchen ich wegen dessen

sprach, um welches willen mich Gott zu Ihnen gesandt hatte. Dann hat

der General Rüchel mich bei Ihro Majestät der Hochseeligen Königin

gemeldet, und sie ließ mich bei sich kommen. Da ich mit ihr gesprochen

hatte, da war Freude über Freude. Auch der Kronprinz hat mit zugehört,

welcher noch alles wissen wird, was ich mit seiner seligen Frau Mutter

gesprochen habe.

Da mich Gott mit seiner großen Vatergüte vor Sie gestellet hat, um

mündlich mit Ihnen zu reden, was Sie tun sollten, habe ich Sie dabei

getröstet, daß =Sie ein größeres Reich bekommen sollten, als Sie je

gehabt, und daß Frankreich in drei Teile geteilt werden solle, und

daß Zion und Jerusalem gebauet werden soll=, welches alles Sie mir

als König heilig zugesagt haben. Ich habe es auch öfters schriftlich

eingegeben und von Ihnen zur Antwort erhalten, daß Sie das Gute nicht

verkennen wollten.

Und die =drei Schlachten in Sachsen, welche mir Gott vorher gezeigt,

daß Sie und Ihre Majestät der Kaiser von Rußland selbst dabei sein

werden (habe ich Ihnen vorausgesagt). Sie sollten nur nicht verzagen,

der Feind werde überwältigt werden=.

Und daß mich der Hofmeister der Prinzen zum letztenmal verhört und

alles zu Papier genommen hat, woran wir drei Tage gearbeitet. Dann hat

der Hofmeister zu mir gesagt: »Müller, wenn wir aber mit allen Mächten

Frieden halten und alles gehen lassen, so kann das nicht geschehen, was

er hier sagt.« Da sagte ich zu dem Hofmeister: »=Sie mögden machen, was

Sie wollten, es würde doch geschehen=[136].«

Müller erzählt dann noch einige religiöse Erlebnisse, um endlich noch

folgende Vision (oder Traum) zu berichten:

»Ihro Majestät von Preußen, ich will Ihnen kund tun, daß ich eine

Erscheinung gehabt habe und mir Gott zu wissen getan hat im Jahr

Christi 1814 in der Christnacht, da mir der Geist Gottes erschien. Ich

war da in einem großen Saale. Da sprach einer zu mir: Müller, ist er

auch hier? Ich antwortete: Ja! Dann sagte der Mann zu mir: ich werde

vor die Herren kommen.

Nun stand ich auf einem großen ebenen Felde. Da sind Sie, der König

von Preußen, und der König von Hannover und der König von Würtemberg

und der König von Baiern gegenwärtig gewesen, und es sind vier Pfähle

aufgerichtet worden. Da es aber an den 4ten kam, so wollte der König

von Baiern diesen nicht aufrichten lassen. Der Geist des Herrn sprach

aber: Es =muß= sein! da ist es denn geschehen.

Eine Weile nachher war der König von Baiern sehr freundlich.

In der zweiten Christnacht erschien mir der Geist des Herrn abermals

und brachte mich auf eine Anhöhe. Da sahe ich eine so fürchterliche

Schlacht, daß ich vor lauter Feuer zuletzt nichts mehr erkennen konnte.

Dann zogen sich die Deutschen von einander und die Franzosen drangen

hinein, aber über eine kleine Weile sprach der Geist des Herrn:

=Die Franzosen sind alle gefangen[137]!=«

Da der Brief, den wir hier abbrechen wollen, verloren ging, schickte am

12. März Müller ein Duplikat, dessen Empfang der König bestätigt:

»Ich schätze den religiösen Sinn, welcher den Johann Adam Müller

seine Erbauung in der heiligen Schrift finden läßt und lasse auf

seine Eingabe vom 12ten d. M. seinen guten Gesinnungen Gerechtigkeit

widerfahren.

Wien den 29sten März 1815.

Friedrich Wilhelm[138].«

Unzweifelhaft ist der Brief erstaunlich kühl. Wenn auch kein Mensch dem

König zumuten kann, daß er an dem biblischen Bombast der Müllerschen

Diktion Gefallen fand, so hätte er doch immerhin anerkennen können, daß

eine Reihe von Vorhersagen eintrafen, als niemand es geahnt hatte. Der

Gedanke, der König, nun wieder im Glück, habe Müller so gern vergessen,

wie die seinem Volke versprochene Verfassung, liegt ja allerdings nahe.

Für uns hat diese Korrespondenz den großen Wert, dokumentarischer

Beweis dafür zu sein, daß Müller mit dem Hofe wirklich in Verbindung

stand und – das wird wohl der größte Skeptiker zugeben müssen – zum

wenigsten sich selbst für einen Seher gehalten hat.

Eine nicht uninteressante Wiederholung der Prophezeiungen enthält auch

der Brief, den Müller am 4. August an den König Friedrich Wilhelm

schrieb und auf den er ihm unterm 15. August von Paris aus noch kürzer

dankt. Der einschlägige Passus lautet[139]:

»Da sagte ich Ihnen, =daß Gott Sie und Sr. Majestät den Kaiser von

Rußland ausersehen hätte, Frankreich zu demütigen und die Völker zu

befreien; daß sie Mut und Vertrauen zu Gott, zu sich und zu Ihrem

treuen Volke fassen sollten und daß Gott Sie und Ihr Reich größer

als je machen wollte, wenn Gott und sein Wort wieder in Ihrem Lande

gefürchtet und geehrt würde=.

=Damals in Königsberg hat mir auch die Erscheinung den Zug der

nordischen Völker nach Frankreich und die Vernichtung des französischen

Adlers gezeigt, ferner daß Ew. Majestät bei einer Schlacht in den

sächsischen Gebirgen, wo Sie selbst kommandieren, den Feind besiegen

würden usw.=«

Nach einem ganzen Schwall biblischer Reminiszenzen fährt der Bauer

fort: »Monarchen! Gott rufet Ihnen durch meinen Mund zu, was Sie tun

sollen =und bevor das nicht geschehen ist, wird keine Ruhe werden auf

Erden=.

=Sie sollen Frankreich in drei Teile teilen=, es soll nicht mehr

Frankreich heißen, sondern mit einem andern Namen benannt werden.

=Sie sollen dem Könige von Frankreich die Krone nicht geben, auch nicht

dem jungen Napoleon=, damit diese nicht eine Geißel werden über ganz

Europa, wie Gott den Jehu wider Joram und Ahab gewendet hat. Gott hat

befohlen und ich rufe es Ihnen in seinem Namen zu: Es ist ein Wort der

Gerechtigkeit, dabei soll es bleiben, er hat uns alle berufen, daß wir

seinen Willen ausrichten wie die Engel im Himmel.

Sie sollen, das hat mir die Erscheinung schon 1807 kund getan, zur

Erinnerung für ewige Zeiten eine Bundesstadt erbauen, in derselben

sollen die vier Monarchen: Preußen, Rußland, Österreich und England

alle Jahr einmal zusammen kommen, sich über das Wohl ihrer Völker

beraten und sollen alle gleichmäßig von hieraus über Frankreich

herrschen.

Ich habe den Plan der Stadt, die nach Gottes Befehl Neujerusalem und

die dabei liegende Burg Zion genannt werden soll, so wie sie mir

die Erscheinung gezeigt und mich darin umhergeführt hat, auf Papier

gezeichnet und gedachte sie Ihro Majestät dem Könige von Preußen bei

Ihrer Durchreise zu übergeben....«

Am 7. Oktober 1815 schrieb Müller noch einen dritten Brief an den

König[140], in dem er wieder an seine Königsberger Prophezeiungen

erinnert, die dem König im tiefsten Elend künftige Größe vorhergesagt

habe. Er kommt wieder auf die Vierteilung Frankreichs und auf die

Bundesstadt zurück und prophezeit, daß »alle Religionen sich zur

Anbetung eines Gottes und Jesu Christi bekennen werden.«

Er beruft sich – mit Recht – auf die zahlreichen eingetroffenen

Vorhersagen, die niemand glauben wollte – zuletzt habe er noch den

Krieg von 1815 durch eine Erscheinung voraus gesehen – und stellt das

Eintreffen der anderen in Aussicht.

Er bittet den König, ihn wiederum zu empfangen wie 1807 in Königsberg.

Der König lehnte in einem Schreiben, das Berlin, den 27. Oktober 1815

datiert ist, das Gesuch ab. Wir können es ihm nicht verübeln, denn wenn

es überhaupt etwas gibt, was selbst den Sanftesten zur Raserei bringen

kann, dann sind es die schwülstigen mit biblischen Zutaten durchsetzten

Expektorationen Müllers. Hie und da möchte man glauben, er sei vom

religiösen Wahnsinn befallen worden. Aber ob uns dieser ungebildete und

ehrliche, recht selbstbewußte Bauer sympathisch ist oder nicht: die

Billigkeit fordert es seine Vorhersagen zu prüfen.

Und da finden wir denn, daß, abgesehen von denen, die sich auf

Frankreichs Teilungen beziehen und einige religiösen Inhalts, fast

alles in Erfüllung ging.

Wir tun am besten das Urteil Ehrlichs, der sich eingehend mit der

Person Müllers und seine Vorhersagen beschäftigt, nachstehend

wiederzugeben.

Müller hatte, wie so oft die ehrlichen Seher, nur den einen Wunsch, daß

die =Wahrheit= und nichts als sie über ihn verbreitet würde. Deshalb

kam er Ehrlichs Bemühungen, sie zu ergründen, durchaus entgegen.

Letzterer sammelte alles, was Müller betraf, vollständig[141].

Wie er dazu kam, erzählt er auf S. 5 ff. der Vorrede seiner Geschichte

dieses Mannes. Als er im Jahre 1807 und 1808 in Königsberg bei der

preußischen Königsfamilie weilte und merkte, daß Geheimrat Reimann, der

Erzieher des Prinzen Friedrich, über ihn lachte, sagte er: »Ich sage

und tue, was ich muß und kümmere mich weiter um nichts.« Auf Reimanns

Einwendungen hin sagte er: »Von dem allen verstehe ich nichts; aber

es wird doch so kommen, wie ich gesagt habe, denn der Geist, der es

mich versichert hat, kann nicht lügen, und ich habe es durch denselben

ja selbst =gesehen=.« Endlich veranlaßte diese Sicherheit Müllers

doch Reimann, die Sache ernst zu nehmen. Er verfaßte also ein langes

Protokoll über Müllers Aussagen, das er sorgfältig aufhob und das nach

seinem Tode in die Hände Ehrlichs gelangte.

Letzterer war sich über die Ehrlichkeit Müllers klar. Im Lobe seiner

Redlichkeit, Mäßigkeit und Arbeitsamkeit stimmten alle überein,

besonders der Pfarrer Hautz in Neckargemünd, der sehr lange in Müllers

Geburtsort Meckersheim Pfarrer gewesen war, versicherte, daß er eine

treue und ehrliche Seele war. Auch andere Pfarrer, die ihn kannten,

bestätigten dies Urteil. Die Frage, ob er ein Betrogener oder Schwärmer

sei, beantwortet er damit, daß Müller =das Glück Preußens zu einer Zeit

voraussagte, als es im allertiefsten Unglück war=. Das hatte er damals

schon felsenfest selbst gegen die Einwürfe des Königs und der Königin

behauptet, wiewohl man seine Aussagen albern und unmöglich nannte.

Im Laufe der Zeit aber sollte er nicht nur in der Hauptsache recht

behalten, sondern selbst in Nebenumständen.

=Der Krieg Frankreichs von 1812 mit Rußland, Frankreichs Niederlage

und der ungeheure Brand Moskaus, die Verfolgung durch die Russen, der

Enthusiasmus des preußischen Volkes für Freiheit und König, Preußens

Krieg mit Frankreich und die Besiegung der Franzosen, bei welcher

namentlich Schlachten in Sachsen erwähnt sind, in denen der König von

Preußen und der Kaiser von Rußland kommandieren würden. Ferner der

Übergang der Deutschen über den Rhein, Müllers persönliche Begrüßung

des Königs bei dieser Gelegenheit=, das und noch manches andere steht

in diesen Papieren, die schon 1807 auf 1808 für den preußischen Hof

niedergeschrieben wurden.

Ehrlich so gut wie die über Müller befragten Pfarrer waren sich darin

einig, daß sie am liebsten die Prophezeiungen Müllers fortgeleugnet

hätten. Aber es ging nicht, da so manches, was früher lächerlich

erschienen war, später in Erfüllung ging.

Ehrlich genoß in kurzer Zeit Müllers Vertrauen, daher kann er wertvolle

Nebenumstände mitteilen. Als er am 4. Januar 1815 das Gespräch auf

seine neuesten Erscheinungen brachte, erzählte er, daß bald ein

blutiger Krieg mit Frankreich ausbrechen werde.

»Gerade damals fanden sehr =ernste= Spannungen zwischen Österreich,

Preußen, Bayern, Rußland, Frankreich usw. statt; ich bezog daher –

=politisch vernünftelnd= – alles, was er mir sagte, =darauf=, und

wünschte =seine= Gründe zu wissen, weshalb er so =bestimmt glaube=, daß

es zum Kriege unter den Erwähnten kommen müsse. Er lächelte aber ruhig

und heiter, gerade wie ein Mensch, welcher jenseits der Wolken und

Stürme sicher steht, über mein Vernünfteln, Politisieren und Zweifeln,

und sagte zuletzt:

›=Ja, das verstehe ich alles nicht, aber der Geist hat mir gesagt, daß

es wieder Krieg mit Frankreich gibt, und das bald!=‹

Er besuchte mich seit der Zeit sehr oft, =ungeachtet ich ihm –

absichtlich! – nie ein Geschenk gab und jedesmal sein Gegner war und

blieb=[142].

Allmählich ließen die Spannungen auf dem Wiener Kongreß nach. Die

Angelegenheiten mit Polen, Sachsen usw. kamen eine nach der andern in

Ordnung, und ein tiefer Friede wurde (dem Anschein nach) mit jedem

Tage gewisser. Jetzt durfte Müller nur die Türe öffnen, so scherzte

ich schon mit ihm und spöttelte (jedoch freundlich heiter!) über

=seinen baldigen blutigen Krieg gegen Frankreich=. Sein Benehmen dabei

blieb sich immer gleich. Er erzählte nämlich stets aufs neue seine

Erscheinungen in den Weihnachtsträumen, und schloß jedesmal damit:

›=Sie werden sehen, daß alles zutrifft, und das bald! Denn der Geist

kann nicht lügen!=‹

Endlich in den ersten Tagen des März 1815 kam er abermals zu uns;

diesmal um Abschied von uns zu nehmen, weil wir verreisen wollten.

Jetzt war, nach =aller Vernünftigen= Meinung, an gar keinen Krieg

mehr zu denken! Ich scherzte wie gewöhnlich mit ihm; ergriff ihn

unter anderm am Kinn und wiegte schäkernd seinen Kopf hin und her mit

den Worten: ›=Nun, mein lieber Müller! Nun ist es mit dem blutigen

Kriege gegen Frankreich rein aus, denn jetzt ist tiefer, tiefer

Friede!=‹ (Zugleich erzählte ich ihm den ganzen Stand der politischen

Verhältnisse.)

Er hörte mich ganz aus, antwortete dann aber mit ungewöhnlicher

Lebhaftigkeit: ›=Und ich sage Ihnen, nun dauert’s gar nicht lange mehr!

Nun geht’s gleich los in Frankreich.=‹

Wir lachten gegenseitig über unsere, so höchst verschiedenen

Behauptungen, schieden aber, wie immer, als gute Freunde voneinander.

Am Nachmittage desselben Tages ließ unsere Reisegesellschafterin uns

bitten, die beabsichtigte Reise noch einige Tage auszusetzen, weil

sie sich nicht ganz wohl befinde. Wir willigten ein. Ehe aber noch

ihre Kränklichkeit völlig gehoben war, erfuhren wir schon aus den

öffentlichen Blättern, daß Napoleon in Frankreich gelandet sey. In

demselben Augenblicke, in welchem ich dies las, strafte ich mich selbst

durch den unwillkürlichen Ausruf: =Nun hat Müller doch recht!= –

Jetzt begriff jedermann, daß ein =Krieg=, und wahrscheinlich ein =sehr

blutiger= Krieg entstehen =müsse=. Die Reihe wäre also nun an Müllern

gewesen, =uns auszulachen=, aber er tat es =nicht=, sondern sagte bloß

– etwa wie ein Mensch, dem man etwas abgestritten hat, was er =doch

vor Augen sah=: – ›=Ich sagte es Ihnen ja immer! Geschehen mußte es

durchaus! Denn – Gott kann ja nicht lügen.=‹«

Soweit der Bericht Ehrlichs. Wir sperrten nur die Stellen, die auch im

Original gesperrt sind.

Ferner versicherte Müller, daß die Gegend von Mannheim und Heidelberg

in diesem Kriege von 1815 vom Feinde verschont bleiben werde. Aber

auch diese Prophezeiung war außerordentlich gewagt und keineswegs,

wie der Zweifler in solchen Fällen gern annimmt, Resultat einer

Wahrscheinlichkeitsrechnung. Denn diese Gegend war damals fast ganz

von Truppen entblößt, die russische Armee noch sehr weit zurück und,

wie leider unsere Geschichte lehrt, der Weg den Franzosen nur zu

gut bekannt. Deshalb zitterte alles vor der drohenden Gefahr. Und

doch behielt Müller recht. Daß die mit Haut und Haar dem Dogma der

Unmöglichkeit jeglicher Prophetie Verschriebenen =nachher= sagten, es

hätte so kommen müssen, ist selbstverständlich.

Ehrlich betont ausdrücklich, daß er weder für noch gegen Müller Partei

ergreife, sondern nur Tatsachen berichte und es jedem überlasse,

darüber zu denken, was er wolle. Ehrlich weist daher auch ruhig auf die

Irrtümer Müllers hin.

Die Erscheinung, die er in den Weihnachtsnächten 1814 hatte, stimmen

vollkommen mit den Begebenheiten des 16. und 18. Juni 1815 überein.

Aber die zweite Schlacht zwischen Elsaß und Lothringen, die Müller

vorhergesehen hatte, wurde nicht geschlagen, weil die außerordentlichen

Leistungen der Preußen Napoleon entscheidende Niederlagen beigebracht

hatten. Sie wäre wahrscheinlich gewesen, aber sie war nicht wirklich.

Ebenso wäre es in jeder Beziehung besser gewesen, Napoleon wäre damals

gefallen, wie Müller wahrsagt bzw. andeutet, als er ihn mit seinen

Generalen am Rande eines frischen Grabes stehen sah. Und doch erfüllte

sich diese, wie wir gleich sehen werden falsch interpretierte, Vision

nicht. Wie wir ja bei allen Wahrsagern die Beobachtung machen, daß hie

und da ein Spruch nicht in Erfüllung geht.

Dem »Protokoll« sind noch einige Visionsberichte mit Müllers

Unterschrift aus den Jahren 1815 und 1816 angereiht. Daß die

Prophezeiung von Napoleons Grab nicht in Erfüllung ging, hatte bereits

Ehrlich konstatiert.

Wir lassen hier den Bericht (S. 120 f.) folgen:

»Am 18. April 1815, Dienstag nachts um 12 Uhr, brachte mich der Geist

des Herren auf eine Anhöhe im Elsaß und zeigte mir ein frischgemachtes

Grab mit den Worten: ›Es sei für Napoleon. =Er wird gleich selbst

kommen!=‹ setzte der Geist hinzu.

Bald darauf kam Napoleon mit zwei Generalen, diese blieben jedoch

200–300 Schritte zurück. Napoleon aber ging grade auf sein Grab los,

und zwar so ganz dicht darauf zu, daß man glauben mußte, er werde

jetzt, und jetzt hineinstürzen. Er betrachtete es lange und aufmerksam.

Dann sagte ich zu ihm, er hätte bleiben sollen, wo er gewesen wäre.

Darauf sahe er mich sehr verdrießlich an, und sprach viel Französisch,

welches ich nicht verstand.

Nun ging er zu den Generalen zurück, und damit hörte meine Erscheinung

auf.

Johann Adam Müller.«

Da Napoleon vom Grabe zu den Generalen zurück ging, muß daraus meines

Erachtens gefolgert werden, daß er =nicht= sterben würde. Die Vision

würde also höchstens so zu deuten sein, daß er in großer Gefahr war,

oder daß er sich mit dem Gedanken getragen habe zu sterben, d. h. wohl

den Tod zu suchen und es dann unterließ. Ehrlich geht also hier in

seiner Skepsis zu weit, denn von einer falschen Prophezeiung kann gar

keine Rede sein, höchstens von einer falschen Interpretation.

Dagegen ist die zweite Vision Müllers vom 12. August 1815 nicht

in Erfüllung gegangen. Darin heißt es, Frankreich würde unter die

vier Monarchen geteilt werden, die vier Religionen, die heidnische,

türkische, jüdische und christliche würden miteinander vereint werden

und eine Bundesstadt müsse gebaut werden.

In der dritten Vision wird Müller auf den Römerbrief, Kapitel 5,

hingewiesen, was er – am 26. September 1815 – so deutet: »Jetzt werde

nun alles gut werden, Friede kommen, die Erkenntnis Christi und die

Befolgung seiner Lehre ausbreiten usw., aber, meint er ferner, die

früher erwähnte Schlacht müsse doch wohl noch erst erfolgen. Es werde

auf jeden Fall noch etwas Hartes vorfallen.«

Mit dem Frieden – einer erstaunlich langen Friedensperiode – behielt

Müller recht, ebenso mit einer anderen Vision, daß die Russen nicht

wieder nach Deutschland kämen. Das hat sich ja nun ein Jahrhundert

bewahrheitet und war damals sicher nicht vorauszusehen, da in den

Jahren Müllers sehr häufige Grenzüberschreitungen stattfanden.

Auch daß Napoleon von St. Helena aus nicht wieder in den Gang der

Weltereignisse eingreifen würde, war eine richtige, wenn auch sehr nahe

liegende Vorhersage.

Dann folgen noch zwei religiöse und zwei politische Visionen, letztere

auf einen Krieg Österreichs mit Frankreich deutend, also falsch.

Unser Bericht wäre unvollständig, würden wir nicht die Kritik

erwähnen, die Ehrlich (S. 90–119) an einem Schriftchen »Neue

Prophezeiungen des Johann Adam Müller«, das anonym und ohne Wissen

Müllers erschien, übt.

Es enthält massenhaft falsche Daten, die Ehrlich, auf Grund von Müllers

Angaben, berichtigt. Dadurch sind wir zu dem Schluß berechtigt, daß

die unwidersprochen gebliebenen Behauptungen der kleinen Schrift auf

Wahrheit beruhen.

Indem wir von einer Reihe an sich nicht uninteressanter Momente

absehen, sei folgendes wiedergegeben: »Die erste meiner Erscheinungen

hatte ich in der Nacht des neuen Jahres von 1804 auf 1805.« Ein Geist

trat da an sein Bett und sagte: »Dies Jahr entsteht ein Krieg zwischen

Frankreich und Österreich, und wenn letzteres nicht Friede macht, so

wird es alles verlieren. Hierauf blitzte es am Himmel und die Gestalt

verschwand. Ich ging nach dem Fenster, durch das der Blitz leuchtete,

da sah ich deutlich am Himmel Artillerie von Frankreich gegen

Österreich zu fahren, welcher Zug ¾ Stunden währte. Pferde, Knechte,

Kanonen, Pulverwagen, alles war deutlich zu erkennen, nur daß sie ganz

feurig waren.«

Müller beachtete diese Vision weiter nicht und erzählte erst von

ihr, als er nach einer Schlappe der Franzosen einige Leute die

Befürchtung aussprechen hörte, Österreich würde siegen. Daß diese ganze

Prophezeiung in Erfüllung gegangen ist, steht fest. (S. 96 f.)

Auf die gleiche Weise wurde Müller in der Neujahrsnacht 1805 auf 1806

der Krieg Frankreichs mit Preußen verkündet.

Andere Visionen hatte er 1807. Ein Mann (Geist) trug ihm auf, zu dem

König von Preußen zu gehen und ihm zu sagen, er solle gemäß Jesaias,

Kapitel 53 bis 64 handeln. Frankreich müsse unter vier Monarchen

verteilt werden und Preußen werde so groß werden, wie es noch niemals

war. Dann würden sich die Heiden und Türken taufen lassen und zuletzt

die Juden und es werde nur eine Religion geben und tausendjährigen

Frieden. Der »Geist« führte Müller dann nach Königsberg durch vier

Städte und zeigte ihm alles, was er auf dem Wege erleben würde. So

sah er Stettin, Königsberg, Memel und eine Stadt am Rhein zwischen

Philippsburg und Nußloch, die für die vier Monarchen zu einmaliger

Zusammenkunft jedes Jahr bestimmt war. (S. 98–102.)

Auf wiederholte Mahnung hin trat er dann seine weite Reise, von der das

»Protokoll« eingehend berichtet, mit 15 Kreuzern in der Tasche und ohne

jedes Gepäck an. Überall fand er kostenlose Unterkunft und Verpflegung,

weil er dem Befehle des »Geistes« folgte und dort einkehrte, wo eine

innere Stimme ihn hinwies. (S. 102–108.)

Friedrich Wilhelm III. hatte schon schriftlichen Bericht über Müller

erhalten. Er mußte dem König alle angezeigten Kapitel aus der Bibel

auslegen. Als er dem König die Treue seiner Untertanen, die Gut und

Blut opfern würden, rühmte, antwortete er – und das ist bezeichnend für

die allgemeine Lage, beweisend aber dafür, daß Müller unmöglich durch

Kombinationen zu seinen Vorhersagen gekommen ist: »Ach nein! Es ist mir

jetzt alles abtrünnig geworden!« (S. 108, Anm.)

Müller prophezeite dem König, daß Frankreich im Norden zugrunde gehen

würde, daß Preußen so groß werden würde, wie noch nie, ferner die

Vereinigung der Religionen und die Erbauung der bewußten Stadt. Als

Friedrich Wilhelm erwiderte, daß er den Krieg ja nicht fortsetze und

daher alles Geweissagte nicht eintreffen könne, gab Müller zur Antwort,

der König möge machen, was er wolle, es würde doch so geschehen.

Auf die Frage, welche Religion denn übrig bleiben werde, antwortete

Müller regelmäßig: »Die Religion, welche =bleiben= werde, sei weder

die katholische, noch die lutherische, noch die reformierte, sondern

diejenige, welche Christus selbst gelehret habe.« (Seite 109, Anm.)

Es folgen dann die Vorhersagen, die wir im »Protokoll« schon eingehend

kennen lernten.

In Heidelberg hatte Müller eine halbstündige Unterredung mit König

Friedrich Wilhelm III. Auch Blücher hat manches Pfeifchen mit Müller

geraucht und manche Stunde mit ihm verplaudert. Die von Ehrlich

ausgesprochene Vermutung Müllers felsenfeste Versicherungen der Jahre

1807 und 1808 hätten in den Freiheitskriegen im alten Marschall

Vorwärts nachgewirkt, läßt sich jedenfalls hören. Seinem Adjutanten

hatte er 1814, am 13. Juni, aufgetragen: »Er solle den Blücher von dem

Müller grüßen und er werde nun bald =viel= mit den Franzosen zu tun

kriegen, wenn er (der Adjutant) anders noch früh genug komme, um dies

=vorher= bestellen zu können.« (S. 114 f., Anm.) Da die Schlacht schon

am 15. begann, kam dieser Bote zu spät.

Übrigens erwartete Müller 1815 noch einen kurzen Krieg, da nicht

sämtliche Prophezeiungen in Erfüllung gegangen seien, vor allem die auf

die Teilung Frankreichs bezügliche und die, welche eine große, sehr

blutige Schlacht zwischen Deutschen und Franzosen vorhersagt.

Endlich hatte er noch eine merkwürdige Vision. Er sah eine große Zahl

Equipagen mit vornehmen Insassen. Dahinter kam der Teufel in einem

Wagen. Diese Vision soll auf den Wiener Kongreß Bezug haben.

Prophezeiungen · 第 17 / 27 段