schlugen. Die Matrosen mußten sogar angebunden werden, damit das
Wasser sie nicht mit fortrisse. Am andern Tage stieg ich bei heiterem
Wetter auf das Schiff, um Tabak zu rauchen, hatte aber mein Pfeifenrohr
verloren. Die Offiziere wollte ich nicht um ein Rohr ansprechen,
damit sie nicht aufs neue Gelegenheit zum Spotten bekämen, deshalb
wendete ich mich an 3 badische Soldaten, die vor Kolberg gefangen
genommen waren. Kaum aber bemerkten dies die Offiziere, so litten sie
es nicht, sondern gaben selbst mir eine Pfeife mit dem Zusatz: wenn
ich nicht gewesen wäre, würden sie alle zugrunde gegangen sein. Der
Schiffskapitän erwiderte: Dieser (mich meinend) hätte können glücklich
davon kommen und doch ihr alle versaufen, denn solche Spötter habe ich
noch nie gehört. Geschieht dergleichen aber wieder einmal, so werde ich
die Spötter in die See werfen.
In Pillau wollte der Schiffer mich auf dem Schiffe behalten; der
Schiffskapitän aber wollte mich mitnehmen. Der Kommandant gab es jedoch
nicht zu, weil ich erst verhört werden müßte. Man brachte mich daher
auf die Wache, wo ich drei Tage warten mußte, bis der zurück kam, der
mich verhören sollte. Am ersten dieser 3 Tage kam ein Offizier dahin
und ließ mich in das Zimmer des wachthabenden Offiziers holen. Da fand
ich ihrer mehrere, die sich mit mir über meinen Auftrag unterredeten.
Einer von ihnen, ein kleiner Mensch, setzte mir den bloßen Degen
auf die Brust und fragte mich, ob ich glaube, daß dieser Degen mich
durchbohren könne? Ich antwortete ihm: Das können Sie probieren! Am
zweiten Tage kamen wieder andere Offiziere auf die Wache und ließen
mich holen. Sie legten mir zwei bloße Degen auf den Kopf und ließen
mich schwören, daß ich kein Spion sei, welches ich denn auch mit gutem
Gewissen tat. Dann fragten sie: Wenn sie mich nun aber nicht zum Könige
ließen, sondern mich wieder zurückschickten? Ich antwortete: Zum Könige
käme ich doch, wenn sie mich auch wieder zurückschickten. Darauf
antworteten sie: Nun, so sollte ich dann zum Könige kommen. Endlich
kam ich ins Verhör zu einem Offizier, den ich aber weiter nicht kenne.
Ich setzte ihm alles auseinander, und er schrieb es auf. Am folgenden
Tage ging ich mit unbewehrten Soldaten nach Königsberg. Ein Junker
hatte das Protokoll über mich bei sich und trug es, während ich mit den
Soldaten in der Wachtstube blieb, zum General Rüchel. Nach einer halben
Stunde kam dessen Bedienter, um mich zu seinem Herrn zu holen. Es war
Mittagsessenszeit, als ich zum General Rüchel kam. In dem Zimmer,
in welches ich gebracht wurde, fand ich viele Offiziere, russische,
schwedische, englische und preußische. Auch sie fragten mich nach
meinem Geschäfte. Ich sagte es ihnen. Dann wollten sie wissen, ob ich
ihnen denn auch =alles= gesagt hätte. Ich antwortete: »Ein paar Worte
könne und dürfe ich nur dem Könige selbst sagen. An sie sei ich nicht
gesandt. Wollte der König sie ihnen aber sagen, so habe ich nichts
dawider.«
Einer derselben führte mich in ein anderes Zimmer und gab mir zu essen
und Wein. Wohl 5–6mal fragte er mich über meine gehabten Erscheinungen,
ich antwortete ihm aber jedesmal die Wahrheit. Dann wurde ich ins
Bedientenzimmer geführt. Am andern Tage sollte ich vor die Königin.
Ein Bedienter des General Rüchel führte mich dahin. Ich fand wohl an
200 Offiziere. Man fragte mich, ob ich denn der Königin nicht =alles=
sagen wolle? »Nein!« antwortete ich, »wenn ich aber mit dem Könige
rede, so kann die Königin dabei mir zuhören.« Ich wurde dann wieder
nach Hause gebracht, bis der König käme. Die Königin konnte dies aber
doch nicht erwarten, sondern sie und ihre Schwester ließen mich an
demselben Tage wieder holen.
Ich fand niemand in dem Zimmer, als die Königin, ihre Schwester[130]
und einen Prinzen. Die Königin fragte mich, ob ich ihr denn nicht
=alles= sagen wolle? Und warum nicht? Ich antwortete: »Es schicke sich
nicht, ihr dasjenige früher mitzuteilen, was ich dem Könige zu sagen
habe.« Sie versicherte mich dann, der König sei ein braver Herr, ich
sollte mich nur gar nicht vor ihm scheuen, sondern ihm alles ohne
Furcht sagen. Ich antwortete ihr, daß ich mich auch gar nicht vor dem
Könige scheue. Darauf gab sie Befehl, daß man mir täglich 1 Gulden
gebe, und daß der General Rüchel mich speisen sollte, bis der König
komme. Auch sie selbst gab mir etwas Geld. Die Sache wurde dem Könige
gemeldet, und am fünften Tage nachher kam derselbe nach Königsberg. In
der Nacht um 10 Uhr ward ich zum Könige geholt. Er war mit der Königin
ganz allein. Er stand mir zur linken und sie zur rechten Seite. Ich
machte dem Könige mein Kompliment und bat ihn, er möge es mir nicht
übelnehmen, daß ich, als ein geringer Mann, es wage, ihm Vorschriften
zu geben, wie er seine Sachen einrichten solle. Der König klopfte mir
auf die Achsel und sagte: ich solle ihm gar nichts verhehlen, sondern
ihm alles sagen, er nehme es mir nicht übel. Da erzählte ich ihm, daß
ich die verschiedenen Erscheinungen gehabt, und daß der alte Mann mir
die Kapitel aus dem Jesaias gezeigt habe, die er lesen und darnach
sein Land regieren sollte. Daß er ferner seine Untertanen durch die
Geistlichkeit auffordern solle, Buße zu tun und sich zu bessern, weil
sonst nicht Friede werden könne. Wenn aber dies geschehe, so werde es
wieder besser werden. Frankreich werde in drei Teile geteilt[131] und
die neue Stadt zum Gedächtnis erbauet werden.
Der König antwortete: Er allein könne das nicht und die Köpfe der Leute
seien zu verdreht. Ich erwiderte: Er solle nur seine Schuldigkeit tun,
ich wolle die meinige auch tun. Der alte Mann habe mich versichert, daß
Gott den König und den Kaiser von Rußland dazu ausersehen hätten.
Täten sie es aber nicht, so werde Gott durch Hungersnot und Pest
strafen, so daß von 100 Mann nur 10 übrig blieben, diese aber würden
dann Gott die Ehre geben und sich bekehren. Der König versprach, er
wolle seine Schuldigkeit tun. Es wurde auch an den russischen Kaiser
geschrieben, auch war es bestimmt, daß er kommen wolle, so daß der
König und gar viele Offiziere ihm entgegen ritten, aber er kam nicht.
Der König griff in die Tasche und wollte mir Geld geben; ich bedankte
mich aber, weil ich kein Geld nötig hätte. Meine Kost hätte ich beim
General Rüchel, sagte ich, und die Königin habe schon befohlen, daß man
mir des Tages 1 Gulden gebe, und das sei mehr als genug. Die Königin
sagte jetzt, ich sollte jetzt künftig 2 Gulden haben, welches ich aber
ausschlug. Der König sagte, ich möchte das Geld nur nehmen, es sei
teuer in Königsberg und Geld brauche man doch immer. Darauf drückte mir
die Königin das Geld in die Hand.
Der König gab mir nun zu erkennen, daß ich fortgehen möge. Ich tat es.
Vor dem Zimmer stand die Schwester der Königin. Auch =sie selbst= kam
mir nach und beide sprachen noch ¾ Stunden mit mir, befragten mich
nach der Gegend von Wiesloch, sowie nach manchen Gastwirten[132], ob
sie noch lebten. Dann ging ich wieder in das Haus des General Rüchel.
Da der russische Kaiser nicht kam, fuhr der König wieder fort von
Königsberg. Ich ließ die Sache wegen des russischen Kaisers auf sich
beruhen, weil doch der König versprochen hatte, es zu besorgen.
Am 4. Junius hatte ich wieder eine Erscheinung. Ich sah nämlich die
Franzosen gegen Königsberg anmarschieren und bemerkte deutlich, woher
sie kamen. Ferner, daß es eine heiße Schlacht gebe und daß man meinen
werde, es sei alles verloren; daß man aber nicht zurückweichen solle,
denn am 17ten werde alles wieder gewonnen werden. Unter anderm wurde
mir befohlen, ich möge mit 6000 Mann auf das flache Feld gehen, wo
mir denn der Feind in die Hände gegeben werden solle. Ich bat aber
mich damit zu verschonen, weil, wenn auch alles so geschehe, die Ehre
doch immer nicht Gott werde gegeben werden. Darauf antwortete die
Erscheinung: so möge ich es denn gehen lassen, es werde alles wieder
gut werden. Aber es kam so weit nicht; – denn es wurde Waffenstillstand
gemacht.
Am 4ten Julius abends, als ich eben zu Bette gehen wollte und nur bloß
die Beinkleider an hatte, kam ich auf einmal weg und wußte nicht,
wo ich war. Es schien mir, als wenn viele Soldaten an mir vorüber
marschierten, ein =Teil von Abend her=, ein anderer von =Mitternacht=
her, alle aber gegen Frankreich. Morgens, beim Aufstehen, erzählte
mir der Kammerdiener: es werde bald Friede sein. Ich antwortete: das
werde nichts helfen, der Friede werde nicht lange dauern, denn ich
hätte in der vergangenen Nacht die eben erwähnte Erscheinung gehabt.
Der Kammerdiener erzählte dies dem General Rüchel und dieser dem
Geheimrat Simson und dem Grafen Brühl. Vielleicht hat er es auch dem
König erzählt, doch weiß ich dies nicht. Darauf ging ich am Tage vor
dem Einmarsch der Franzosen in Königsberg mit dem General Rüchel und
seinem Gepäcke von Königsberg ab nach Memel. In Memel wurden wir im
Hause des Kaufmann Wachs einquartiert. Als bald nachher der General
Rüchel seinen Abschied bekommen hatte, ging er mit seinem Kammerdiener
zu Wasser nach Stralsund.
Sein Adjutant, ein Hauptmann, sollte mir nun das Geld, täglich 1
Gulden, ausbezahlen, wie die Königin befohlen hatte; allein ich
forderte es nicht und er ging ab, ohne es mir zu geben. Die Bedienten
und Pferde blieben da und ich mit ihnen.
Unser Quartier war in Wachsens Hofe. Da sie denn aber nach Pommern
abgehen wollten, verlangten sie, ich sollte mit ihnen reisen. Ich
antwortete, ich müsse es noch einmal mit dem Könige besprechen, wogegen
sie meinen, ich solle doch lieber an ihn schreiben.
Wirklich schrieb ich nun an den König und gab den Brief seinem
Kammerdiener, erhielt aber keine Antwort darauf. Der Geheimrat Simson
fragte mich bald darauf, ob ich keine Antwort bekommen habe? und ich
versicherte ihn: Nein! Ei, meinte er, wenn der König meinen Brief
bekommen habe, so hätte ich gewiß auch Antwort erhalten, er wisse nicht
wie das sei. Als ich einige Tage nachher wieder zu ihm kam, fragte er
mich, wo ich mich jetzt aufhielte? Ich antwortete in Wachsens Hofe
und setzte hinzu: es seien aber dort lauter Russen. Da sagte er, ich
möge doch am nächsten Sonntage in Bachmanns Hoff (Haus) kommen, dort
sei General Knobloch einquartiert, und der Graf Brühl werde auch dahin
kommen. Ich ging also hin. Als sie gespeist hatten, redeten sie mit mir
und befahlen mir am andern Tage wieder zu kommen; der General werde mir
geben, was ich brauche und der Hof-Inspektor das Essen.
Etwa einen bis zwei Tage nachher kamen der Graf Brühl und der Geheimrat
Simson zu mir und ratschlagten, wie es anzufangen sei, daß ich den
König sprechen könne. Ich teilte ihnen alles mit, was ich wußte,
und setzte hinzu, daß alles so kommen werde, wie ich gesagt hätte,
folglich =schlimm=, wenn man nicht tue, was ich angedeutet habe.
Endlich beschlossen sie, ich möge alles aufschreiben z. E. was ich für
Erscheinungen gehabt habe usw. Das tat ich dann und der Planinspektor
mußte es abschreiben. Der Graf Brühl wollte es dem Könige übergeben,
hat es aber nicht getan. So oft ich darnach fragte, antwortete er: er
habe noch keine schickliche Gelegenheit dazu gefunden. Ich erwiderte,
wenn es sich nicht schicken wolle, es dem König selbst zu geben, so
möge er es seiner Gemahlin, der Königin geben. Er tat aber auch dies
nicht.
Späterhin schrieb ich alles noch einmal auf und gab es auf die Post, da
erhielt ich mit der Post folgende Antwort:
»Sr. Königl. Majestät von Preußen machen dem Johann Adam Müller
hierdurch nachrichtlich bekannt, daß Sie seine unterm 3ten dieses
eingereichte Eingabe wohl erhalten haben und die von ihm dabei gehabte
gute Absicht nicht verkennen wollen.
Memel den 3ten Jannar 1808
Friedrich Wilhelm.«
Einige Zeit nachher hatte ich wieder eine Erscheinung. Ein Engel
nämlich hatte ein Schwert in der Hand, so hell wie ich noch nie eins
gesehen habe. Er gab es mir in die Hand und sagte: damit solle der
Feind geschlagen werden. Ich möge aufstehen und dem Könige sagen, er
solle den Propheten Amos und Jonas, aber beide Bücher =ganz= durchlesen.
Nicht lange nachher faßte mich des Nachts etwas bei der Hand. Ich
erwachte, richtete mich auf und sah zwei weibliche Gestalten in ganz
weißen Kleidern. Die zur Rechten hatte ein rotes, die zur Linken ein
blaues Band um den Leib. Sie trugen ein großes Buch in die Hände auf
mein Bette. Ich betrachtete die Krone genau und bemerkte ein Wort,
dessen eine Hälfte auf der linken, die andere auf der rechten Seite der
Krone stand. Das Wort war so geschrieben:
Bera – beae.
Ich fragte sie, wer sie wären? Sie antworteten sie wären zwei
Königinnen. Sie hätten dem Könige der Ehren noch nie ein Lied gesungen,
auch hätten sie kein Lied ihm damit zu dienen. Ich sann hin und her
und dann versicherte ich sie, daß ich ihnen 2 Lieder machen wolle,
wenn sie darauf warteten. Die Lieder würden von Gott und Jesu Christo
handeln. Gut, antworteten sie, ich möge sie nur recht schön machen; und
vor großer Freude darüber lächelten sie mich an. Dann aber sagten sie,
sie hätten nicht länger Zeit darauf zu warten; doch wollten sie wieder
kommen die Lieder abzuholen. Nun nahmen sie das Buch wieder zu sich und
verschwanden. Über ihr schnelles Verschwinden erschrak ich[133].
Einige Tage nachher erschienen mir zwei Adler, ein schwarzer und
ein gelber, und kämpften sehr lange miteinander, dicht vor meiner
Bettlade. Endlich wurde der gelbe Adler besiegt, so daß er sich vor
Mattigkeit auf den Boden legte. Da trat der schwarze auf ihn, bis der
gelbe allmählich verging. Als dieser verschwunden war, verschwand auch
nachher der schwarze.
Dann kam der alte Mann, der mir in meinem eigenen Hause erschienen
war, zum drittenmal zu mir, und wurde es dabei wieder so hell, als das
erstemal. Ich wachte vollkommen. Er setzte sich nun mir zur Seite und
hatte ein Buch wie eine Handbibel, es war aber sehr prächtig und mit
lauter =goldenen= Buchstaben. Er redete mir zu, ich sollte mich nicht
fürchten und mutig verrichten, was ich zu tun habe; denn es solle mir
kein Unglück widerfahren, er werde mir allemal helfen. Dann öffnete er
mir das Buch und sagte: Die zwei Königinnen, die mir erschienen wären,
seien zwei Königreiche, die das Christentum noch nicht angenommen
hätten. Sobald die Christen sich gebessert hätten, würden sie kommen
und den christlichen Glauben annehmen.
Dann las ich folgendes:
So ihr mich liebet, so werde ich euch wieder lieben, und so ihr mich
ehret, so werde ich euch wieder ehren. Dann will ich mit meinem
heiligen Engel vor euch hergehen und will für euch streiten. Und
ein jeder soll erkennen, daß ich der Herr bin und tun kann, was ich
will. Die aber, die es nicht auf- und annehmen und wollen mein Werk
verhindern, auf die wird Feuer vom Himmel fallen und die Erde wird
ihren Rachen auftun und sie verzehren, damit ein jeder erkennen müsse,
daß ein Gott im Himmel sei.
Dann verschwand der alte Mann für diesmal.
Zum viertenmal erschien er mir in einem blauen Rocke. Da kam ich mit
ihm weg und wußte nicht, wie mir war. Unterwegs gesellte sich einer
zu uns mit einem weißen Kleide. Der alte Mann fragte ihn, wo er hin
wollte? »Ich bin von Gott gesandt,« sagte er. Gut, antwortete der alte
Mann, so komm und hilf mir streiten, damit der böse Feind überwunden
werde, der so viele Menschen verderbt hat! Dies hat Gott gesagt. Darauf
versprach der im weißen Kleide, er wolle ihm helfen kämpfen, aber er
solle dann auch mit ihm gehen und ihm helfen, daß er seine Sache, die
ihm Gott befohlen habe, auch ausrichten könne, worauf der alte Mann,
ja! antwortete.
Mit einem Male befand ich mich wieder im Bette und wachte vollkommen,
gerade wie zuvor. Dies alles habe ich ebenfalls dem Könige geschrieben.
Am 17. April erhielt ich folgenden ersten Brief von meiner Frau:
(Folgt Seite 56–58 der Brief, dessen wesentlicher Inhalt die Bitte um
baldige Rückkehr ist. Der Familie Müller geht es gut.)
Ich war früher entschlossen gewesen, bald zu den Meinigen
zurückzukehren, aber etwa sechs Wochen vorher hatte ich eine
Erscheinung, wobei mir angekündigt wurde, ich werde noch acht Wochen
in Memel bleiben, müsse aber vor meiner Abreise mein Schreiben an den
König ihm selbst überreichen.
Der Kaufmann Concentius, in dessen Hause der König in Memel gewohnt
hatte, brachte mir persönlich den Brief von meiner Frau und fragte
mich, was ich zu tun willens sei? Ich antwortete, ich sei auch ohne
diesen Brief schon zur Rückreise entschlossen gewesen, ich wollte bloß
noch einmal mit dem Könige in Königsberg sprechen. Da bot er mir an, er
wollte mir einen Kahn bis Königsberg bestellen und mir auch das nötige
Reisegeld geben. Ich erfuhr aber, daß der General Knobloch zu Lande,
und der Planinspektor zur See nach Königsberg reisen würden und daß
ich mit dem Letzteren dahin kommen könne. Weil wir nun noch zwei Tage
lang auf günstigen Wind zur Abfahrt warten mußten, so wurden die mir
angekündigten acht Wochen gerade vollendet.
In Königsberg kam ich in das Haus des Planinspektors. Er übergab mir
dann einen Brief von dem Herrn Concentius an Herrn Abegg und ein paar
Zeilen an den Geheimenrat Simson und an den Herrn Oberhofprediger in
Königsberg. Letzterer nahm mich sehr gütig auf und fragte mich, ob ich
derjenige sei, von dem er schon so vieles gehört habe? Er wünschte
meine Geschichte zu wissen, ich antwortete aber: sie sei zum Erzählen
zu weitläuftig, aber ich habe alles zu Papier gebracht, um es dem
Könige zu übergeben und wolle es ihm zum Durchlesen bringen.
Er las das Ganze durch und sagte dann: »Wollte doch Gott, daß alles
das geschehe, was hierin geschrieben ist!« Darauf bot er mir seine
Hilfe an, insofern ich ihrer bedürfe.
Da ich den König selbst zu sprechen wünschte, gab er mir den Rat,
meinen Aufsatz am folgenden Tage dem Könige beim Exerzieren zu
überreichen, so sich dazu die beste Gelegenheit finden werde. Ich
antwortete ihm, ich scheue mich gar nicht vor dem König und wolle also
lieber zu ihm ins Schloß gehen. Er hieß auch dies gut und bot mir noch
einmal seine Hilfe an, wenn ich ihrer bedürfe. Als ich ans Schloß kam,
standen so viele Offiziere da, daß ich nicht hinein gehen wollte; ich
wartete also die Wachtparade ab. Indes hatte aber ein Offizier, der
mich kannte, dem General Göcking gesagt: Müller sei da! Darauf kam
dieser zu mir und fragte mich, was ich wolle? Ich bat ihn, mich beim
Könige zu melden; aber er antwortete: das gehe nicht wohl an! Darauf
wurde mich der Bruder des Königs gewahr. Zugleich sagte man mir, wenn
ich etwas Schriftliches bei mir hätte, so sollte ich es nur abgeben,
es werde besorgt werden. Ich gab also das Schreiben dem General
Göcking und bemerkte dabei, daß es ja der König selbst erhalte. Wenn
es dem Könige zu schwierig sein sollte, so möge er den Königsberger
Oberhofprediger und noch irgendeinen andern Geistlichen dazu nehmen.
Man versprach mir dies alles zu bestellen.
Am andern Tage kam der Graf Brühl zu mir und brachte mir vom Könige
einen Louisdor; ich wollte ihn aber nicht nehmen. Er behauptete, ich
=müsse= ihn nehmen, denn er habe Befehl vom Könige ihn mir zu geben.
Zugleich erzählte er mir, die beiden Oberhofprediger, sowohl der von
Berlin, als der von Königsberg, seien berufen worden. Der erstere habe
aber die ganze Sache verworfen, und nichts daraus gemacht. »Die Herren
meinen,« setzte Graf Brühl hinzu, »wenn sie nur in Berlin wären, so
seien sie im Himmel!«
Am Himmelfahrtstage bezog sich der Oberhofprediger in Gegenwart
der königlichen Prinzen in seiner Predigt auf meine Angelegenheit
und wünschte, daß Gott alle Herzen regieren möge, damit alle sich
bekehrten, denn sie sähen ja deutlich, die Hand des Herrn aufgehoben,
sie zu strafen[134].
Am zweiten Tage danach kam der Graf Brühl zu mir und sagte: Der
Hofmeister des einen königlichen Prinzen, der Geheimerrat Reimann,
wünschte sehr mich zu sprechen, ich möchte doch also in das Graf
Brühlsche Haus kommen, der genannte Hofmeister werde auch hinkommen.
Doch stehe es in meinem Willen. Ich ging an demselben Abend 4½ Uhr
hin und fand den Hofmeister und noch einen Offizier. Beide verlangten,
ich solle ihnen die ganze Sache noch einmal erzählen, sie wollten sie
aufsetzen, sie dem Könige, bei dem sie täglich wären, vortragen und
dafür sorgen, daß sie nicht vergessen werde. Der Offizier, dessen
Namen ich aber nicht weiß, mußte nun aufschreiben. Ich erzählte ihnen
in drei verschiedenen Tagen alles vom Anfang bis zu Ende. Als alles
aufgeschrieben war, las der Hofmeister es durch und sagte, dies sei
eine Geschichte, wie keine besser in der Bibel stehe.
Er verlangte nun von mir zu wissen, was das oben angeführte fremde
Wort bedeute? Ich antwortete: daß ich das nicht wisse. Er verstehe
ja mehrere Sprachen, müsse es also wohl besser wissen, als ich. Dann
fragte er, aus welcher Sprache denn das Wort sei? Ich antwortete: das
wisse ich wohl, daß es griechisch sei. Dann besann er sich lange, und
ich zeichnete ihm das Wort noch einmal vor, und die Krone dazu, gerade
so, wie ich beide gesehen hatte. Darauf sagte er: das sehe er nun
wohl ein, daß es ein griechisches Wort sei, auch wisse er nun, was es
bedeute. Darauf bat er sich vom Grafen Brühl aus, das Schreiben mit
nach Hause zu nehmen, mit dem Versprechen jedoch, es dem Grafen wieder
zurück zu geben. – Mir gestand er, daß er bei der Königin im Anfange
über meine Geschichte gelacht habe, jetzt aber einsehe, daß alles wahr
sei, daß er nun nicht mehr darüber lachen werde. Auch wünschte er noch
einmal mit mir zu sprechen, ehe ich fortginge.
Dann bat ich den Grafen Brühl, er möge mich mit dem Wagen, der nach
Berlin gehe, abreisen lassen, aber er meinte, das werde mir zu
beschwerlich sein, er wolle mir einen Freiplatz auf der Post besorgen.
Wirklich tat er dies und ich hatte den Freiplatz schon abgegeben, als
er sagte, ich könne noch nicht abreisen, weil das Reisegeld noch nicht
beisammen sei. Ich holte mir also meinen Freiplatz von der Post wieder
ab. Dann fragte mich aber Herr Abegg, ob ich denn wirklich am andern
Tag abreisen werde? Ich erzählte ihm darauf den Vorfall mit dem Grafen
Brühl. O, antwortete er, das kann noch lange so gehen! und redete mir
dann zu, meine Reise zu beschleunigen, weil meine Frau so sehnlich nach
mir verlange. Das nötige Reisegeld bot er selbst mir an und fragte
mich deshalb, wie viel ich wolle? Zwanzig Taler, antwortete ich,
aber er behauptete, daß ich damit nicht auskommen werde und gab mir
fünfunddreißig Taler. Hierauf nahm ich Abschied beim Grafen Brühl und
beim Oberhofprediger und beide versprachen mir, sie wollten gern alles
anwenden, um die gute Sache zu fördern.
Am ersten Pfingsttage abends um 7 Uhr reiste ich mit der freien Post
von Königsberg ab bis Berlin. Von Berlin bis Nürnberg bezahlte ich das
Postgeld, von Nürnberg aus machte ich den Weg zu Fuße. Meine ganze
Reise dauerte gerade drei Wochen. Die Meinigen fand ich gesund.
(Unterschrieben)
Hautz, Pfarrer in Meckesheim.
Johann Adam Müller.«
(Soweit das Protokoll.)
Außer obigem langem Protokoll hat Müller noch Briefe an den König
Friedrich Wilhelm III. von Preußen verfaßt, in denen er immer
wieder die Notwendigkeit betont an Gott und Christus zu glauben
und mit biblischen Phrasen aufs verschwenderischste umgeht. Mit
dem nichtssagenden Gefasel würden wir uns nicht weiter befassen,
wenn nicht auch Stellen in den Briefen enthalten wären, die sich
auf die seinerzeit dem König gemachten Prophezeiungen beziehen und
beweisen, daß tatsächlich eine =ganze Reihe von ihnen in Erfüllung
gegangen ist=. Es läßt sich durchaus nicht annehmen, daß ein Mann wie
Müller, der nach Berichten, aber auch nach dem ganzen Tenor seines
»Protokolles« zweifellos an seine Mission glaubte – warum hätte er
sonst ohne Geld und Paß die weite Reise gewagt, was ihm doch neben der
Trennung von Frau und fünf Kindern auch berufliche Schädigung brachte?
– daß ein solcher Mann es hätte wagen sollen, sich auf Prophezeiungen
zu beziehen, die er gar nicht gemacht hatte. Aber selbst wenn er
diese ungewöhnliche Frechheit besessen hätte, so würde der König sie
zweifellos haben zurückweisen lassen statt ihm zu danken.
Wir entnehmen dem Briefe Müllers vom 28. Januar 1815 an den König
folgenden Passus[135]: