Es ist nun sehr interessant, daß Süße, als er am 20. August 1771 diesen

Visionsbericht abschloß, noch nicht wissen konnte, daß er im nächsten

Jahre in Erfüllung gehen würde, und zwar in ungeahnt schrecklicher

Weise. Denn es kann nur die große Hungersnot gemeint sein, die im

Jahre 1772 allein in Kursachsen 15000 Menschen hinweg raffte. Wir

haben hier also einen jener seltenen und günstigen Fälle, daß eine

Prophezeiung vor ihrem Eintreffen im Druck erschienen ist. Das verleiht

auch allen anderen Angaben Süßes in den Augen der unverbesserlichsten

Hyperkritiker erhöhte Glaubwürdigkeit.

Fußnoten:

[122] Die von Süße genannten Schriften sind: 1. Johann =Charlier=,

genannt Gerson, Traktat de discernendis veris visionibis a falsis.

Helmstedt 1692. Als »Abhandlung von Prüfung derer Geister« ist die

Übersetzung dieser Schrift im Anhang der »Umständlichen Nachricht«

S. 131–164 abgedruckt. Hier auch 2. ein Auszug von D. Philipp Jacob

=Speners= »Erklärung, was von den Gesichten zu halten sey«, S. 165–184.

Frankfurt a. M. 3. =Luthers= und 4. Gottlieb =Wernssdorfs= Ansichten

gibt Süße S. 106 bis 120 wieder. Endlich berücksichtigt er die

Gutachten der Wittenberger theologischen Fakultät.

[123] Wahrscheinlicher ist allerdings die Deutung, Heering habe die

Polen für Türken gehalten. Da er ja in seinen Visionen =sah=, also die

Uniformen usw. agnostizieren mußte, scheint diese Interpretation nicht

gewagt. Wir werden in einem spätern Kapitel noch darauf zurückkommen.

Achtes Kapitel

Johann Adam Müller

Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts erregten die Prophezeiungen eines

Landwirtes namens =Johann Adam Müller= vom Maisbacher Hofe, unweit

Heidelberg viel Aufsehen. Dieser Mann, der in mancher Beziehung große

Ähnlichkeit mit dem Fischer Heering aus Prossen besitzt, sollte sogar

in die Politik eingreifen. Bevor wir auf seine Person des Näheren

eingehen, sei das Protokoll hier wiedergegeben, das der Pfarrer Hautz

in Mekels, nachmals in Neckargemünd, im Jahre 1808 nach dem mündlichen

Bericht Müllers zu Papier gab[124].

Es lautet:

»Ein Jahr vor dem Anfang des letzten österreichischen Krieges erschien

mir des Nachts eine ganz weiße Gestalt, die mich bei der Hand nahm,

daß ich darüber erwachte; ich glaubte anfangs, es sey meine Frau,

fand aber, daß diese ruhig neben mir schlief. Einige Zeit blieb ich

wachend im Bette sitzen und die Gestalt verschwand. Darauf legte

ich mich wieder nieder und fing an zu schlummern, aber kaum war ich

eingeschlummert, als mich wieder etwas an der Hand faßte und mich

aufweckte. Die Gestalt glich vollkommen einem Menschen. Sie ging hin

zum Tisch in meiner Stube, und als ich mich ihr näherte, verschwand

sie plötzlich; worauf außen vor dem Hause am Himmel ein sehr starker

Blitz erfolgte. Ich öffnete das Fenster und sah an dem Himmel einen

großen Zug Kanonen, der sich von Frankreich gegen Österreich hin

bewegte. – Vierzehn Tage vor Weihnachten 1805 erhielt ich eine andere

Erscheinung, die mich abermals erweckte, und mir sagte, daß bald auch

ein Krieg zwischen Frankreich, Preußen und Rußland ausbrechen würde,

und nach Verlauf eines Jahres müsse ich zum König von Preußen gehen;

der russische Kaiser werde auch dazu kommen. Doch sagte mir diese

Erscheinung noch nicht, was ich bei dem König von Preußen tun sollte.

Am 2. Mai 1806 tat es abends gleich nach Sonnenuntergang einen starken

Blitz; ich stand unter der Haustüre und sah ein Schwert vom Himmel

hin- und gerade durch den eben vollgewesenen Mond fahren; das Schwert

wurde rot und fuhr dann gegen Norden.

Nach Verlauf eines Jahres dachte ich wohl wieder an diese Erscheinung,

aber mein Herz dachte nicht daran fortgehen zu wollen. Am ersten

Sonntag im Jahre 1807 kam jene weiße Gestalt wieder und sagte mir: ich

sollte mich eilends aufmachen und zum König von Preußen gehen. Wenn

ich zum König käme, sollte ich mich gar nicht besinnen, was ich sagen

solle, denn Gott würde mir schon in den Sinn geben, was ich sagen

solle. Der russische Kaiser würde auch dazu kommen, ich solle mich

aber gar nicht vor ihnen scheuen, denn es werde mir nichts zuleide

geschehen. Darauf versprach ich, daß ich fortgehen wolle; da verschwand

die Gestalt. Weil ich nun aber nicht wußte, was ich bei dem Könige

zu tun habe, so bat ich Gott, er möge mir dies doch offenbaren, und

14 Tage hernach erschien mir wieder die Gestalt, und sagte mir, ich

sollte mich 7 Tage meiner Frau enthalten, dann würde mir offenbart

werden, was ich dem König zu sagen hätte. Nach Verlauf dieser 7 Tage

in der achten Nacht kam wieder etwas, und nahm mich bei der Hand. Als

ich erwachte, war alles um mich her so hell (NB es war nachts 12 Uhr)

als ob das ganze Haus im Brand stände. Ich sah aber wohl, daß es kein

Brand war, denn es war so hell weiß, wie die Sonne am Mittag ist. Da

stand ein alter Mann, dem Ansehn nach etwa 80 Jahr alt, der hatte zwei

Bücher unter dem Arm, die ganz veraltet schienen, ohne Deckel und

voller Falten. Ich betrachtete den Mann und besonders seine Bücher

sehr aufmerksam. Er fragte mich, was mich so in Erstaunen setze? Ich

schwieg stille und nun fragte er: ob es etwa die Bücher seien? Ich

sagte ja! und nun antwortete er: darüber brauche ich mich weiter nicht

zu wundern! So wie diese veraltet seien, so sei Gott, Jesus Christus

und Gottes Wort, das in diesen Büchern stände, leider! auch veraltet.

Darauf zog er das eine Buch unter dem Arm hervor, schlug den Jesaias

auf, zeigte mir das 58ste bis in das 64ste Kapitel und sagte mir: ich

solle mich jetzt schnell auf den Weg machen und zum König von Preußen

gehn, und ihm so wie dem russischen Kaiser, wenn er dazu käme, diese

Kapitel vorlegen und ihnen verkündigen, nach Anweisung dieser Kapitel

sollen sie ihre Länder einrichten, denn so wie ich gesehen hätte,

das Schwert durch den Mond fahren und hell rot werden, so werde die

Finsternis bestraft werden, wenn sie sich nicht bekehre. Noch setzte

er hinzu, ich solle mich nicht scheuen, er werde mich gesund hin,

und wieder zurück zu meiner Frau und meinen Kindern bringen. Als ich

versprochen hatte, dem Berufe zu folgen, kam ich auf einmal weg[125],

und wußte gar nicht mehr, wo ich war, der alte Mann aber blieb bei

mir. Wir kamen in eine Stadt, wo ein Haufen Wölfe, Bären und Löwen

waren. Diese sprangen an mich hin; der alte Mann aber wehrte ihnen und

beschützte mich. Wir kamen wieder weiter und an ein Wasser, ohne daß

wir hinüber kommen konnten. Nach einigen Tagen kam ich aber hinüber

ohne, zu wissen wie? Bald darauf kam abermals ein Haufen Wölfe, Bären

und Löwen, die mich noch fürchterlicher anfielen. Mir war zugleich

ich sei auf einem Wagen. Ein besonders großer Löwe verwundete mich,

daß ich blutete. Der alte Mann fragte mich, ob es arg wäre? als ich

nein! antwortete (ich blutete nur an der Nase), sagte er, es werde mir

das nicht schaden, und mir auch sonst nichts mehr zuleide geschehen.

Nun kamen wir zu Leuten, die Feuer hatten, aber ich konnte nicht

sehen, von was das Feuer brannte. Sie hatten auch etwas, was ihnen

zur Speise diente; mir aber kam es vor, als könne man es nicht essen.

Ich fragte sie daher, von was sie lebten und welches ihnen recht gut

schmecke. Dann kamen wir an einen sehr schönen gepflanzten Weinberg,

worin einige Reihen Reben, dann eine Reihe von Obstbäumen, und dann

ein Weg war. Da sagte mir der alte Mann: in diesem Weinberg würde ich

eine Zeitlang bleiben. Darauf kam ich in eine große schöne Stadt, in

welcher man mich überall herumführte. Mitten in der Stadt kam ich in

eine ungemein große Kirche. In den 4 Ecken der Stadt standen vier

Königsschlösser. Der alte Mann sagte mir nun, diese Stadt sei die Stadt

=Zion= und =Neu-Jerusalem=, sie solle aber noch erst gebauet werden,

zum Gedächtnis, wenn die Menschen sich gebessert und sich wieder zu

Gott gewendet hätten. Er zeigte mir den Platz, wo die Stadt sollte

hingebaut werden[126]. Darauf verschwand der alte Mann, und ich befand

mich wieder, jedoch =wachend=, in meinem Bett.«

Ich muß den Leser um Entschuldigung bitten, daß ich alles dieses

phantastische Zeug ihm wortgetreu aus dem Protokoll vorführe. Aber

nur so dürfte das ausreichende Material zu einem Urteil gegeben sein.

Daß Müller Visionen hatte, die er für reale Dinge hielt und daß er der

festen Überzeugung war mit dem »alten Mann« leibhaftig zu verkehren,

scheint festzustehen. Daß es sich – so merkwürdig und abenteuerlich

alles anmutet – doch keineswegs nur um Phantastereien, wie zweifellos

beim Traum von Neu-Jerusalem, handelt, ergibt sich aus dem Folgenden

zwingend. Besonders merkwürdig ging die Vision (oder war es ein Traum?)

von den wilden Tieren in Erfüllung. Es wird sich überhaupt empfehlen,

das Mißbehagen bei Lektüre des Protokolles zu überwinden und auch, mit

Rücksicht auf das Folgende, auf Einzelheiten zu achten.

Doch fahren wir im Protokoll (S. 30) fort!

»Jetzt wußte ich nicht, was ich tun sollte. Gern wäre ich fortgegangen,

aber der Gedanke an meine Frau und Kinder hielt mich zurück; ich ließ

es also anstehen. Zehn Tage darnach kam ein Mann von mittleren Jahren

des Nachts zu mir, und sagte: wenn ich nicht fortginge, so würde all

das Blut auf meinen Kopf kommen und von meinen Händen gefordert werden.

Ich wußte nicht, was ich machen sollte, und fragte also einmal des

Nachts meine Frau, was sie machen werde, wenn ich einmal ¼ oder ½

Jahr nicht bei ihr sein sollte. Sie antwortete: »Lieber Gott! da wüßte

ich mir weder zu raten noch zu helfen!« Darauf nahm ich mir fest vor,

=nicht= fort zu gehen, es möge kommen wie es wolle. Am dritten Tage

aber ward ich unruhig im Gemüt, und diese Unruhe nahm mit jedem Tage

zu. Am siebenten Tage sagte ich zu meiner Frau: Du siehst nun, es tut

nicht gut, wenn ich dableibe, es gehe also in Gottes Namen wie es will,

da antwortete sie: »So gehe denn in Gottes Namen hin und richte deinen

Befehl aus.«

Darauf ließ ich meinen Schwager holen, wozu auch der Schuhmacher

Sattler aus Nußloch gekommen war. Beiden legte ich die ganze Sache vor,

erzählte ihnen alles ganz genau und verlangte von ihnen, sie sollten

mir raten. Sie antworteten aber, sie könnten mir hierin nicht raten,

die Sache sei zu wunderbar. Wenn es nur 30 Stunden Weges wäre, so

wollten sie wohl noch eher dazu raten, aber dieser Weg sei =zu weit=;

wie ich denn hin und wieder zurückkommen wollte? Am Ende wenn ich denn

auch hingekommen wäre, so werde ich doch nicht vor den König kommen

können. Ich versetze: =das= weiß ich sicher, daß ich hin, wieder zurück

und auch vor den König kommen werde. Da sagte der Schuhmacher, ich

sollte es meinem Pfarrer vorstellen und hören, was der davon halte.

Ich antwortete ihm, wenn es ein Pfarrer wissen sollte, so würde es ihm

unser Herr Gott schon gesagt haben; doch (setzte ich hinzu), wenn ich

den Sonntag in die Kirche gehe, will ich mit unserm Pfarrer reden.

Am folgenden Sonntag blieb ich bis zuletzt in der Kirche, und wollte

dann zu dem Pfarrer ins Haus gehen; als ich aber die Haustreppe hinauf

stieg, zog mich etwas am Rock zurück, worauf ich denn auch fortging,

ohne mit dem Pfarrer über die Sache zu reden. Zwei Nächte darauf hörte

ich (jedoch ohne etwas zu sehen) eine Stimme, die zu mir sprach: »Ich

sollte eilends fortgehen, der Verderber sei hinweg!«

Am folgenden Abend ging ich zu meinem Nachbar und vertrautesten

Freunde und sagte ihm, daß ich fort müsse, ob er sich nicht in

meiner Abwesenheit meiner Frau und meiner Kinder annehmen wolle. Ich

verschwieg ihm aber, wohin ich gehen werde, und was ich auszurichten

habe. Er versprach mir, meiner Frau zu helfen, so viel er könne, und

setzte hinzu: ich solle nur in Gottes Namen fortgehen. Ich sagte also

zu meiner Frau, ich werde des andern Morgens fortgehen, und belehrte

sie, wie sie inzwischen ihre Geschäfte und Haushaltung besorgen solle.

Des andern Morgens kochte mir meine Frau ein Stück Dörrfleisch ab,

dies, ein Stück Brot und 15 Kreuzer an Geld[127] nahm ich mit, und so

trat ich meine Reise, ohne Paß, in Gottes Namen an.«

Die Ähnlichkeit der Vorgeschichte des Ganges zum König mit der des

Prossener ist unverkennbar. Beide handeln aus unwiderstehlichem inneren

Drange in der unerschütterlichen Überzeugung, Werkzeuge in Gottes Hand

zu sein. Daß in beiden Fällen alles Sensationelle, so merkwürdig die

erzählten Vorgänge auch sein mögen, völlig ausgeschlossen ist, sei

ausdrücklich hervorgehoben. Was Müllers Charakter betrifft, so werden

wir noch später auf ihn zurückkommen. Den des Prossener kennen wir ja

bereits als völlig einwandfrei.

Doch fahren wir fort (S. 32):

»Als ich in die Gegend von Frankfurt kam, sah ich einen Berg mit

Weingärten, an dem ein Weg hinauf ging. Dieser Weg war mir früher

durch den alten Mann gezeigt. Nachher kam ich in einen Wald und so

von Dorf zu Dorf bis Miltenberg. Hier fragte ich nach dem Wege nach

Würzburg. Von da ging ich nach Baireuth, dann über Leipzig, Wittemberg,

Berlin, bis nach Prenzlow. Vor Prenzlow fragte mich ein Mann, wohin ich

wolle? Ich antwortete, nach Stettin, um dort einen Badenschen Dragoner,

meiner Frau Schwestersohn, zu besuchen. Da erbot er sich, mir den Weg

um die Stadt herum zu zeigen, damit ich nicht nötig habe, durch die

Stadt zu gehn, weil ich sonst leicht angehalten werden könnte. Ich nahm

es aber nicht an, sondern ging durch die Stadt, weil ich sie als eine

von denen erkannte, die mir der alte Mann gezeigt hatte.

Am Tore fragte mich die Bürgerwache, wohin ich wollte? und ob ich

einen Paß habe? Ich antwortete: nach Stettin! Einen Paß hätte ich

aber nicht. Da wurde ich denn durch einen Gefreiten vor den Stadtrat

geführt. Dieser hatte nun eben gerade eine solche Gestalt und Kleidung,

wie mir es durch den alten Mann vorgestellt worden war. Jetzt, als ich

sah, wie alles, was mir früher vorgestellt war, in Erfüllung zu gehen

anfange, lachte mir das Herz im Leibe. Auf dem Wege nach dem Rathaus

bedauerte mich der Gefreite! »Mann! Ihr dauert mich,« sagte er, »denn

Ihr werdet lange sitzen müssen, ehe Ihr fortkommt!« Ich antwortete

aber, das habe nichts zu bedeuten. Vor dem Magistrat in Prenzlow wurde

ich gefragt, wohin ich wolle? Ich antwortete: nach Stettin, um einen

badischen Dragoner, meiner Frauen Schwestersohn, zu besuchen. Nun

wurde ich zu dem französischen Kommandanten geführt. Mein Wächter

bedauerte mich jetzt noch mehr, aber ich antwortete ihm abermals, er

solle meinetwegen außer Sorgen sein. Der französische Kommandant fragte

mich das Obige wieder, und ich beantwortete es gerade wie vorher. Er

entließ mich mit den Worten: ich solle in Gottes Namen sehen, wie ich

weiter nach Stettin komme. Beim Weggehen sagte jener Gefreite, ob ich

denn nicht weiter wollte, als bis Stettin? Ich antwortete: Nein! aber

er versetzte: Ihr geht doch weiter und müßt wohl einen ganz besonderen

Auftrag haben. Nun! glückliche Reise! Zugleich brachte er mich auf den

rechten Weg.

Bei meiner Ankunft in Stettin, ging ich gerade durch die Stadt durch,

ohne angehalten zu werden, und doch mußte jeder andere seinen Paß

vorzeigen. Mitten auf der Oderbrücke aber wurde auch ich angehalten,

auf die Wache geführt und nach meinem Paß gefragt. Ich sagte jetzt, ich

wolle nach Kolberg. Man führte mich nun zum französischen Kommandanten,

welcher befahl, mich nicht über die Oderbrücke zu lassen. Ich ging

also wieder in die Stadt, trank ein Glas Bier und wollte nun zur Stadt

hinaus. Da rief mir ein badischer Dragoner zu, wo ich herkäme und wo

ich hinwollte? Ich antwortete ihm das mehrmals Erwähnte, und er führte

mich dann zu seinem Offizier, bei welchem er zugleich Bedienter war.

Auch dieser fragte nach dem Zweck meiner Reise, und ich sagte auch ihm,

ich wolle zu meiner Frau Schwestersohn. Es wurde nun ein Chirurgus

gefragt, ob mein Vetter nicht etwa im Lazarett sei! Es hieß aber: Nein!

auch konnte man mir nicht sagen, ob er in der Gegend von Kolberg oder

Danzig sei.

Als ich wieder vor die Stadt kam, sah ich den mir früher vorgestellten

Berg, zugleich auch ein Dorf, in welches ich ging und in einem Hause

(es war das Pfarrhaus) einkehrte. Der Pfarrer kam mir entgegen und

fragte mich, was ich wolle? Ich bat ihn, mir doch zu sagen, wo und

wie ich über die Oder kommen könne? Zugleich entdeckte ich ihm etwas

über den eigentlichen Zweck meiner Reise. Darauf ließ der Pfarrer

einen Mann holen und fragte ihn, ob er, Müller von jenseits der Oder,

die Bienen schon abgeholt habe? Es hieß: Nein! doch wisse man nicht,

ob er sie heute oder morgen holen werde. Da sagte der Pfarrer zu

dem Manne, er solle doch sorgen, daß ich mit über die Oder gebracht

werde, wenn der Müller die Bienen hole, denn an mir könne man einen

Gotteslohn verdienen. Er setzte mir auch Butterbrot vor und gab mir

einen preußischen Gulden mit dem Zusatze, ich sollte mich in einem mir

von ihm angewiesenen Wirtshause so lange aufhalten, ohne mich viel

umzusehen, bis dieser Mann kommen werde mich abzuholen. Ich war aber

kaum eine halbe Stunde in dem Wirtshause, als der Mann mich schon

abholte.

Dann fuhr ich mit dem Manne über die Oder, ging mit ihm in sein Haus

und blieb die Nacht bei ihm. Er riet mir nun, mich nach Stolpmünde

hinzuwenden, da würde ich vielleicht ein Schiff treffen, mit welchem

ich weiter reisen könnte. Eine Stunde von Stolpmünde blieb ich über

Nacht, und hier traf ich das Brot, welches ich nicht essen konnte.

Des andern Tages (Sonntags) trank ich erst in einem Wirtshause ein

Glas Branntwein[128]. Hier traf ich zwei preußische Soldaten, die sich

selbst ranzioniert hatten. Sie erkundigten sich, wo ich hinwollte? Ich

antwortete: nach Danzig. Sie baten mich bis Mittag zu warten, weil

sie dann mit mir gehen wollten, und ich blieb. Ich ging indes in die

Kirche. Während dem hatten die Bauern den Soldaten gesagt, ich sei

ein Spion, sie mögen mich daher nach Kolberg abliefern. Es wurde auch

wirklich ein Wagen bestellt, auf welchen ich mich mit den 2 Soldaten

setzte. Man tat mir aber nichts zuleide. Im nächsten Dorfe, wo der

Wagen gewechselt wurde, wollte einer der Soldaten mich mit Gewalt von

dem Wagen reißen, aber er zerriß bloß meine Hutschnur. Ich sagte ihm

er solle sich nicht unterstehen, mir etwas zuleide zu tun. Sie mögen

mich zu den Preußen oder zu den Franzosen führen, ich werde mich

allenthalben verantworten. Die Bauern drohten mir auf allerlei Art.

Ein dabeistehender Edelmann aber sagte, sie sollten mich zufrieden

lassen, sie sähen ja, daß ich mich gutwillig in alles ergäbe. Da

ließen sie mich ruhig. In der Nacht kamen wir in ein anderes Dorf.

Der Edelmann wollte uns aber nicht die Nacht dabehalten, auch keinen

Wächter hergeben mich zu bewachen. Der eine von den 2 Soldaten wurde

also grob gegen ihn und gegen mich und schlug mich mit seinem Stock

über die Nase, daß sie blutete[129]. Der Edelmann fragte mich, ob es

mir wehe täte? Ich antwortete aber: Nein. Auf des Edelmanns Befehl ward

ich durchsucht, ob ich etwas Verdächtiges bei mir habe? Man fand aber

nichts. Der eine Soldat versuchte meinen Stock zu zerbrechen, weil er

glaubte, daß darin etwas verborgen sei. Er konnte es aber nicht und

der Edelmann bemerkte, wenn er hohl sei, wäre er schon längst gewiß

zerbrochen. Der Mann, setzte er dann gegen die Soldaten hinzu, ist

ehrlicher als Ihr! Mir gab er jetzt ein Glas Branntwein. Als nun der

Soldat immer noch drohte, er wolle mich erstechen, tröstete mich der

Edelmann, das solle nicht geschehen dürfen, denn er werde mir zu meinem

Schutze einige Bauern zu Pferde mitgeben. Dies geschah auch und zwar

1½ Meile von Rügenwalde.

In einem der folgenden Dörfer, wohin wir morgens um 2 Uhr abfuhren,

bekamen wir einen frischen Wagen und wieder einige Bauern zur Wache.

Bei Rügenwalde erhielten wir abermals eine frische Fuhre, die uns bis

ein an der See liegendes Dorf brachte. Die Soldaten begehrten wieder

eine Fuhre, der Schulze aber verweigerte sie. Der eine Soldat schimpfte

darauf, und der Schulze drohte, ihn den Polacken zu überliefern. Wir

gingen nun an den Strand hin gegen Stolpmünde, aber ich bedauerte

insgeheim, mit einem so rohen Menschen gehen zu müssen, und bat Gott,

mich von ihm zu erlösen. Nach einer halben Stunde zeigte der Soldat

Lust, sich in die See zu stürzen. (Man meinte überhaupt, er sei nicht

recht bei Verstand.) Sein Kamerad verwies ihm sein Betragen. Bisher,

sagte er, hast du diesen (auf mich deutend) umbringen wollen, und nun

willst du dich selbst töten. Du siehst daraus, was für ein böser Mensch

du bist. Bald nachher fiel der andere Soldat im Gehen um und konnte

auf keinem Fuße mehr stehen. Wir suchten ihm zu helfen, aber es ging

nicht. Er bat daher seinen Kameraden, er möge dem Schulzen des nächsten

Dorfes auftragen, ihn durch eine herausgeschickte Fuhre nachholen zu

lassen. Der Soldat tat dies aber nicht. Ich erinnerte ihn zwar daran,

er antwortete mir aber: Nein! Denn jener habe durch sein Betragen

deutlich genug gezeigt, daß er nicht besser als ein Vieh sei. Auch

wäre er schuld, daß ich so schlimm behandelt sei, er habe dafür von

den Bauern Geld genommen. In Stolpmünde, in einem Wirtshause, trafen

wir den Bedienten eines gewissen Herrn Inspektors. Der Bediente hatte

von mir gesprochen. Der Herr Inspektor ließ mich also in der Nacht des

Ostersamstags zu sich kommen. Ich erzählte ihm meinen Auftrag und mein

Geschäft und blieb bis 2 Uhr morgens bei ihm. Ich sollte noch länger

bei ihm bleiben, aber ich wollte nicht. Er erbot sich dazu, daß auch er

sich vor dem Könige stellen wolle, wenn derselbe mir etwa nicht glauben

wolle.

Es hieß, 3 Meilen unter Stolpmünde werde ein Schiff nach Danzig

abgehen, es war aber keins da. Ich wurde also mit mehreren preußischen

Soldaten, die sich selbst ranzioniert hatten, die Osterfeiertage über

einquartiert. Am Osterdienstag hieß es, es werde ein Boot ausgerüstet,

mit welchem wir nach Danzig fahren sollten. Wir gingen also die

See aufwärts und fanden da wirklich ein großes Boot. Man sagte uns

aber, wir sollten einen günstigen Wind abwarten. Ich wurde also zu 6

preußischen Soldaten einquartiert. In der Nacht segelten die andern

ohne uns 7 ab. Früher schon sagten sie, sie nähmen uns nicht mit, es

sei denn, daß ich ihnen verspräche, daß sie glücklich nach Danzig

kommen würden. Ich hatte ihnen aber geantwortet: »Daß ich glücklich

ankommen würde, wisse ich gewiß; wenn sie also mit mir reiseten, würden

sie ja auch wohl glücklich ankommen!« 6 Stunden nach ihrer Abreise

ohne uns mußten sie aber widrigen Windes halber wieder zurück. Wir 7

gingen nun zu Fuß wieder nach Rügenwalde zurück. Hier trafen wir einen

Husarenwachtmeister vom Schillschen Korps an. Er erkundigte sich zuvor

nach mir bei den 6 Soldaten und bezeigte sich dann ungemein liebreich

und freundlich gegen mich. Schon am folgenden Tage wurden wir auf einem

Boote nach Kolberg eingeschifft. Zwar wollten die Soldaten es nicht

leiden, daß ich mit in das Boot käme, aber der Wachtmeister jagte sie

aus dem Boote und ließ mich hinein kommen. Alle Mitfahrenden bekamen

die Seekrankheit, ich aber nicht.

In Kolberg wurden wir alle vor den Kommandanten geführt. Er fragte mich

nach dem Zweck meiner Reise und lachte anfangs darüber, war aber doch

nachher zur Fortsetzung meiner Reise sehr behilflich. So schickte er

einen Korporal mit mir an das Schiff, damit auch ich mit denjenigen

Soldaten, die unter Schill nicht dienen wollten, nach Pillau gebracht

werde. Es war ein so großes Schiff, daß 118 Mann, mehrere Pferde und

Gewehre darauf fahren konnten. Mit anbrechendem Tag fuhren wir fort;

ich legte mich nieder, und jene 6 Soldaten legten sich zu mir.

Gleich am ersten Tage spotteten 6 Offiziere über Gott und alles, was

heilig ist. Ich konnte es zuletzt nicht mehr anhören und bestrafte sie.

Mich, sagte ich, könnten sie verspotten; aber über Gott sollten sie

nicht spotten, sondern bedenken, daß sie auf einem gefährlichen Platze

wären. Sie spotteten jetzt aber noch viel mehr und sagten: der besorgt

gewiß, der Teufel werde ihn holen. Ich erwiderte: Mich holt der Teufel

nicht, aber an euch könnte wohl die Reihe kommen. In der Nacht darauf

kam in dem Schiffe Feuer aus, und brannte es bis in der Nacht um 1 Uhr.

Der Jammer ward unbeschreiblich und stieg noch höher, als es hieß, die

Schiffsleute wollten sich von dem Schiffe wegbegeben. Jetzt ermahnte

ich sie zur Ruhe und zum Beten zu Gott um Hilfe, und versicherte sie,

daß keiner von uns umkommen solle. Jeder legte sich nun wieder auf

seinen Platz und in Zeit von einer halben Stunde war das Feuer aus; die

brennenden Bretter wurden abgehauen und ins Wasser geworfen. (NB. die

Offiziere, die so sehr gespottet hatten, beteten nun am lautesten.)

Prophezeiungen · 第 15 / 27 段