=Man möchte Gott ernstlich anrufen, daß das vorseyende Unternehmen

möchte können abgewendet werden, indem es in der Schärfe nicht gut

hinaus gehen würde. Es zögen nämlich zwey Heere in unserm Lande gegen

einander, ein großes und ein kleines, von welchen er gesehen, daß das

letztere gesieget hätte, und das große wäre ganz zerstreuet worden.=«

(S. 32.)

Als =diese Prophezeiung wider Erwarten in Erfüllung ging=, kam Heering

zu Süße und erinnerte ihn, ob er auch an seine Vorhersage gedacht hätte.

Also wieder eine erfüllte Vision!

Am meisten Aufmerksamkeit erregte der Fischer mit zwei Prophezeiungen

des Jahres 1758 sowohl bei den Landeseinwohnern, als auch bei den

beiden sich in der Königsteiner Gegend gegenüber stehenden Armeen.

=»Er zeigete nämlich fast ein Vierteljahr vorher, ehe und bevor

in der Mitte des Augusts erwehnten 1758sten Jahres die Annäherung

der Kayserlichen und Reichsarmee in unserer Elbgegend geschahe, an

glaubwürdige noch lebende und es allezeit geständige Personen des

Schandauer Kirchspiels an, wie er gesehen hätte, daß auf dem Schandauer

so genannten Kirchstück am Elbufer wäre geschanzt, und gegen das

sogenannte Krippner Horn über, eine Schiffsbrücke geschlagen worden,

über welche er fremde Völker hätte sehen übergehen.«=

=Diese Vision ging in der Zeit vom 14. zum 19. August in Erfüllung!=

Tatsächlich wurde von fremden Kriegsvölkern am angegebenen Orte eine

Schiffsbrücke geschlagen, sowohl bei Krippen, als auch am andern

Elbufer zwischen Postelwitz und Schandau. Auf dem vorgezeichneten

Schandauer Kirchstück, wurde ein Brückenkopf gebaut und Schanzen,

die nebst den Bäckereigebäuden der kaiserlichen Regimenter und der

Reichsarmee noch in späteren Jahren zu sehen waren. Die Brücke aber

passierten die Truppen des Lagers, das im August 1758 auf der Höhe der

Rathmansdorfer Felder neben Schandau errichtet wurde.

Die zweite Prophezeiung dieses Jahres erregte noch größeres Aufsehen.

Heering erzählte seinem Beichtvater und einigen Bekannten bei

Annäherung der kaiserlichen und der Reichsarmee folgendes:

»=Die Zeit ist nun da, wen das Schwert trift, den wirds treffen. Über

der Elbe= (d. h. auf dem Königstein gegenüberliegenden Ufer) =wird sich

vornehmlich noch ein größeres Heer zusammenziehen, bey selbigen wird

es blutig zugehen, und es wird auch endlich noch herüber über die Elbe

kommen müssen.=« (S. 53 f.)

=Diese Vision ging in Erfüllung, als die große Daunsche Armee eintraf=,

von deren Herannahen in der Königsteiner Gegend noch niemand etwas

Näheres wußte oder wissen konnte.

Der Prophezeiung fügte Heering die Worte hinzu:

=»Der Herr zeigete mir endlich, daß das heranziehende Reichsheer

sich wiederum über die Berge nach Böhmen zurückzog. Ich sahe recht

eigentlich die Maulthiere nach einander hinüberziehen, und jenes Heer

(das preußische) zog hernach, da erst alles vollbracht war, auch in

Frieden aus Sachsen.«=

Die Erfüllung dieser Prophezeiung war damals ganz unwahrscheinlich

mit Rücksicht auf die gegen Dresden im Vormarsch befindliche große

Heeresmacht und die überall getroffenen festen Dispositionen. =Als

trotzdem die Vision sich nach drei Monaten bewahrheitete=, war

jedermann verwundert und viele Standespersonen, besonders ein damals

in Pirna bei der kaiserlichen Armee liegender Fürst, trugen Verlangen

den Fischer vor ihrem Abmarsch zu sehen und zu sprechen. Da er so

Gelegenheit hatte, seine Prophezeiungen hohen Orts vorzubringen, war er

befriedigt und hielt sich – auch auf den wiederholten Rat Süßes hin –

ruhig. Er sah damals nur noch, daß es jenseits der Elbe und im Norden

von Sachsen am schlimmsten zugehen würde und daß jenseits Neustadt

bei Dresden »ein Balgen« sein würde, sowie daß endlich eine solche

Heeresmacht in Sachsen sich versammeln würde, daß das Land wie eine

Tenne zertreten würde und die Hufeisenspuren auf der Erde unzählig

seien. Im übrigen bat und flehte er nur noch, daß das Werk der Buße und

Besserung unter den Menschen noch mehr zunehmen möchte. Hierbei bezog

er sich weinend auf Christi Bußgleichnis (Luc. 13).

Die Vision läßt sich ungezwungen auf die Schlacht bei Kunnersdorf 1760

deuten, sowie auf das Eintreffen der Österreicher bei Dresden-Neustadt,

die vergebliche Belagerung Dresdens durch Friedrich II. und den

berühmten Finkenfang bei Maxen, alles im Jahre 1760.

Sollte jemand an der Wahrhaftigkeit Süßes zweifeln, was mir nach dem

ganzen Tenor des Berichtes ausgeschlossen scheint, so mag er sich

daran halten, daß die Prophezeiungen auch in außerkirchlichen Kreisen

Aufsehen erregten.

Fußnoten:

[109] Der Titel geht noch fort: »benebst einer Historisch-Theologischen

Abhandlung der Casual-Frage: Ob es noch heut zu Tage neue Offenbarungen

von wichtigen Revolutionen in der Kirche, im Staat, und von besonderen

Schicksalen einzelner Personen gebe, und was von selbigen zu halten

sey? Auf Veranlassen des dieserhalben längst begierig gewesenen Publici

entworfen, und zusammt Johannis Charliers, sonst Gerson genannt,

Tractat: von der Prüfung derer Geister, allhier ins Teutsche übersetzt

und mit Anmerkungen erläutert, dem Druck überlassen von M. Johann

Gabriel Süßen, Pfarrern zu Königstein, und der Societät Christl. Liebe

und der Wissenschaften zu Dresden Mitglied.« Der Bericht von 1759 wurde

bis 1771 von Süße zurückgehalten, um, wie er im »Vorbericht« sagt, das

Eintreffen von weiteren Prophezeiungen abzuwarten. Der Bericht erschien

unverändert in der Fassung von 1759, nur in einigen Anmerkungen nimmt

der Verfasser auf Späteres Bezug.

[110] Ich lege Gewicht auf die Feststellung, daß Heering kein

Hysteriker war, wiewohl das ja selbstredend auch nur ein Name ist, der

nicht das allergeringste zur Aufklärung des Phänomens beiträgt, aus

folgendem Grunde. Im »Türmer« 1910, S. 842, hatte ich u. a. auch auf

die unbedingt feststehende, aber z. Z. noch unerklärte Tatsache der

Stigmatisation des heil. Franz von Assisi hingewiesen. Dagegen erschien

ein Aufsatz eines Dr. Karl Oetker in der Züricher Zeitschrift »Wissen

und Leben«, (S. 358–372) indem er (S. 366) folgende goldene Worte

schreibt. »Daß der heilige Franz von Assisi einer der interessantesten

Hysteriker war, die je gelebt haben, das wußte man längst ... doch was

ist da schließlich Besonderes daran? Einer muß doch der größte sein.«

So erklärt die moderne Wissenschaft!!

[111] »Umständliche Nachricht«, S. 1 ff. Auch ein Exemplar der weiter

unten genannten »Zuverlässigen Nachricht« liegt mir vor.

[112] In Süßes Werk ist der Name Heering in der »Zuverlässigen

Nachricht« aber Herig geschrieben. Süße zitiert hier also unkorrekt.

Zugleich lehrt dieses Beispiel, wie lange man die mittelalterliche

Gleichgültigkeit gegen Namensformen beibehielt.

[113] Eine Anfrage beim Staatsarchiv in Dresden führte zu keinem

Resultat. Danach scheint das Original des Berichtes in Verlust geraten

zu sein.

[114] Abgedruckt in »Zuverlässige Nachricht«, S. 11. Der Zweifler möge

daraus ersehen, daß wenigstens die in der »Umständlichen Nachricht«

berichteten Nebenumstände richtig sind. Denn die »Zuverlässige

Nachricht« erschien ja bereits 1756 im Druck.

[115] Diese Prophezeiung ging insofern in Erfüllung, als Friedrich

August II. am 10. September ins Lager bei Pirna ging, dann, als die

Armee kapitulierte, auf den Königstein flüchtete. Später begab er

sich allerdings nach Warschau und kehrte erst nach dem Friedensschluß

wieder nach Sachsen zurück. Daß die junge Mannschaft viel leiden mußte,

erfüllte sich ganz, denn Friedrich der Große stellte die gefangenen

Sachsen in sein eigenes Heer ein und zwang sie, so gegen ihr Vaterland

zu fechten.

[116] Zu dieser Stelle bringt Süße die Anmerkung: »Die erste Heftigkeit

des unsere Gegend betroffenen Kriegs müßten etwa 7 bis 8 Wochen seyn,

da gleich zu Anfang des Krieges 1756 vom Anfang des Septembr. bis zur

Mitte des Octbr. die Preußische Armee einen Cordon um unsere Elbgegend

des Sächsischen Lagers gezogen, und solche auf drey Meilen lang und

zwey Meilen breit eingeschlossen hatten.«

[117] Die zwei Kirchen sind zweifellos eine symbolische Anspielung auf

die beiden Konfessionen, da bekanntlich das sächsische Fürstenhaus (die

Kirche in der Stadt) katholisch war, das Volk aber protestantisch. Die

Vision fordert augenscheinlich Freiheit des Glaubens.

[118] Anm. S. 22: »Dieser Bäume wegen meynete man, als der Fischer

Veranlassung und Erlaubnis bekam, seine Anzeigen vor Hohen Personen

zu eröffnen, er hätte damit seine Rücksicht auf die Worte der

Johannitischen Bußpredigt, Matth. III, 10. Daher der Fischer befraget

wurde, ob die Bäume abgehauen, und ins Feuer geworfen worden wären?

Worauf er geantwortet: Die Bäume wären ausgerissen, und vom Lande

weggeführet worden. Wovon man sonst einen Parallelausdruck findet,

1. Buch der Könige XIV. v. 15.« Vielleicht ist es eine symbolische

Andeutung auf die Flucht der Vornehmen.

[119] Anm. zu S. 23: »Als Referent und Concipient dieses Vorberichts,

unter den 4ten März 1758 aus einer ausländischen Residenz, durch den

Secretair der Gemahlin eines vornehmen Ministers, vermittelst eines

Briefes, sondiret wurde, was denn, bey denen damaligen Kriegstroublen,

der Proßner Fischer (welches ehrlichen Mannes vormals entdeckte

Gedanken gar nicht zu verwerfen gewesen, sondern in billige Erwegung zu

ziehen wären) noch gegenwärtig äußere, und ich derhalben den Fischer

auf sein Gewissen fragte, blieb er beharrlich bey seinen bisherigen

Anzeigen, und bat mit Thränen, den endlichen ihm gezeigten Heranzug des

Türken, besonders und ausdrücklich mit zu melden.«

[120] Es werden wohl außer Friedrich dem Großen, dessen Bruder

Heinrich, und der Herzog von Braunschweig gemeint sein. Vielleicht ist

der vierte Zar Peter III.

[121] Der »neue Grundstein« ist zweifellos der russische

Regierungswechsel, als auf den Freund Friedrichs, den Zaren Peter III.,

die preußenfeindliche Katharina II. folgte. Mit den Hilfsvölkern sind

russische gemeint. Heering verwechselt überhaupt die Russen mit den

Türken.

Siebentes Kapitel

Die Art der Prophezeiung Heerings

Was nun die Art und Weise betrifft, in der sich bei Heering die

Prophezeiungen einstellten, so gibt auch darüber Süße (S. 36 ff.)

ausführlichen Bericht.

Er hatte seine Vorahnungen oder Visionen keineswegs im Schlaf, vielmehr

sah er im Wachen »Gestalten, Vorbildungen und Prospekte«, hörte Stimmen

oder verspürte in sich immerwährende »Anregungen, worbei er allemal

eine Freudigkeit, es bald anzuzeigen, verspüret«.

So sah er bei der ersten Erscheinung des Jahres 1744 Gestalten, es war

also eine richtige Vision. Die Vorahnung der Schlacht bei Kesselsdorf

stellte sich als »Vorbildung« ein, wobei ihm das fünfte Kapitel Jeremiä

aufgeschlagen wurde. (Wie man sich das zu denken hat, sagt Süße nicht.

Ich kann mir daraus keinen Vers machen.)

Den Ein- und Auszug der Preußen in Dresden im Jahre 1745 sah er

in einem »Prospekt«, also gleichfalls als Vision, ebenso den

unfruchtbar liegenden Acker und das Unwetter des Jahres 1756, die

sich gegenüberstehenden Mächte, das 1757 gegen die Preußen stehende

Reichsheer im gleichen Jahre und endlich das Reichsheer im Jahre 1758

drei Monate vorher im Rückzuge auf Böhmen.

Als er Jesus und die beiden Kirchen sah, hörte er die Stimme Christi

wieder. Hatte er eine solche Vision oder Eingebung gehabt, dann drängte

es ihn, sie hohen Orts zu melden.

In einer Anmerkung (S. 38) des, wie bereits eingangs erwähnt,

=unveränderten= Abdrucks von Heerings vom 11. Juli 1759 datiertem

Bericht erwähnt er, daß er dem kranken Heering am 24. November 1760

das Abendmahl gereicht habe. Hierbei erzählte er, daß er »etwa vor

drey Wochen, eine Versammlung gesehen, welche von einem, der das

Handwerkszeug eines Maurers, besonders eine Maurerkelle, in der

Hand gehabt, wäre angeführet worden, von welcher Versammlung er den

Gesang: Allein GOtt in der Höh sey Ehr etc. hätte anstimmen und singen

hören, und ohnerachtet sich immer noch mehrere zu dieser Versammlung

hinzugefunden, welche das Getöse dieses Liedes immer heller gemacht, so

wäre doch von beyden Seiten dieser Versammlung eine noch größere Menge

gewesen, welche solchen Gesang mit seinen Worten: =all’ Fehd hat nun

ein Ende=, nicht hätten stören wollen, und sich mit dem Gehöre Feldweg

gewendet, es aber dennoch hätten hören müssen.«

Zu dieser Erscheinung bemerkt Süße (S. 39): »Ob dieses von dem nach

zwey Jahren erfolgeten, aber von den Partheyen mit ganz ungleicher

Gesinnung angenommenen Frieden, abermals eine Heeringische Voraussagung

hat seyn mögen, solches überlasset man dem G(eneigten) L.(eser) zur

selbstbeliebigen billigen Beurtheilung.«

Daß jeder Krieg einmal aufhören muß, wissen wir auch ohne besondere

Inspiration. Deshalb scheint mir Süße mit seiner Reserve gut getan

zu haben. Überhaupt will es mir scheinen, als hätten bei Heering die

akustischen Erscheinungen weniger zu bedeuten, als die optischen, ganz

zu geschweigen davon, daß hier der Verdacht, es handle sich lediglich

um religiöse Exaltationszustände, nicht leicht von der Hand zu weisen

ist. Ein Mann, der immer in die Kirche geht, viel die Bibel liest, bei

jeder Gelegenheit zu seinem Beichtvater läuft, beweist dadurch, daß

er völlig in der Weihrauchatmosphäre der Kirche lebt. Da dürfte auf

religiöse Visionen auch dann wenig Gewicht gelegt werden, wenn nicht

gleich mit so schwerem Geschütz, wie einer persönlichen Erscheinung und

Anrede Christi aufgefahren wird.

Von seinen Visionen machte Heering meistens in Form eines Gleichnisses

Mitteilung. Und zwar sagte er: »Ich prophezeye nicht, ich deute auch

nicht, sondern ich zeige nur an, was mir der HErr anzuzeigen befohlen

hat. Und darbey habe ich dem HErrn dreymal geschworen, daß ich von dem

allen, was mir der HErr befohlen hat, nichts verhalten, und mich keine

Furcht um meinet und der Meinigen willen abhalten lassen will.« Dabei

weinte er heftig.

Was seine Empfindung oder richtiger, was sein Gefühl im Augenblick der

Prophezeiung betrifft, so sagte er davon: »Es ist mir vom HErrn gegeben

worden, der HErr hat mirs befohlen, der HErr hat mirs gezeigt, Er hat

mirs sehen und – bisweilen – der HErr hat michs schmecken lassen.«

Der Fischer glaubte also zweifellos im göttlichen Auftrage zu handeln.

Aber selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre, wenn er hätte

täuschen wollen, was ja allerdings nach Lage des Falles unmöglich ist,

so würde das nicht das allergeringste an dem wunderbaren Phänomen

ändern, daß seine Prophezeiungen, soweit es sich um Irdisches und nicht

um religiöse Phantasmagorien handelte, eintrafen.

Nachdem Süße in dieser eingehenden und gewissenhaften Weise seine

Beobachtungen am Fischer niedergelegt hat, wobei er dem hartnäckigen

Zweifler rät, doch den Prossener persönlich aufzusuchen, präzisiert er

seine eigene Stellungnahme.

Er betont ausdrücklich (S. 42 f.), daß er »der Sache neuer

Offenbarungen niemals zugethan gewesen, sondern jederzeit ein

Mißtrauen gegen selbige gehabt habe.« Das ließ sich ja bei einem Mann

der Aufklärungszeit, nicht zum mindesten bei einem protestantischen

Geistlichen, voraussetzen und ist auch ganz der Standpunkt, den

Schreiber dieses allen solchen Phänomenen gegenüber einnimmt. Aber

jeder Zweifel muß bei einem denkenden und sich gegen jegliches Dogma,

sei es nun ein kirchliches, naturwissenschaftliches, philosophisches

oder sonst eines auflehnenden Menschen der Gewalt der Tatsachen

gegenüber verstummen.

So ging es auch Süße. Und das, wiewohl er schon mit Rücksicht auf sein

Amt aus einer gewissen Reserve nicht heraustrat, dem Fischer zahlreiche

Einwendungen machte und keinen Beifall zeigte »und diss zwar aus der

guten Absicht, dass ich eine etwa bey ihm excedirende Phantasey, und

einen gemeiniglich damit verknüpften Hochmut, oder auch wohl einen

ungeziemend partheyische Absichten verdeckt hegenden Sinn, nicht

verstärken möchte.«

In seiner Ratlosigkeit, wie sich diese merkwürdige Gabe des Fischers

erklären lasse, wandte sich Süße, aber erst =nachdem= er den

Tatbestand, wie wir ihn oben finden, festgestellt hatte, an Werke

protestantischer und katholischer Theologen. Was er dort fand, hat für

uns wenig Interesse, deshalb unterlassen wir es, ihm in eine Literatur

zu folgen, die der Erklärung nicht näher steht, als wir[122]. Nur mit

dem Unterschied, daß wir ehrlich bekennen, bei dem gegenwärtigen Stande

der Wissenschaft ein ignoramus aussprechen zu müssen.

Begeht die offizielle Wissenschaft den grotesken Fehler, die Tatsachen

zu leugnen, weil sie keine befriedigende Erklärung weiß, so die

Theologie den andern – allerdings weit geringeren –, daß sie eine

Lösung des Rätsels gefunden zu haben glaubt, wenn sie mit Worten

wie Gott, Heiliger Geist, Offenbarung usw. operiert. Uns genügt die

Feststellung des Tatsächlichen, d. h. in diesem Falle:

=daß der Fischer Heering aus Prossen die Gabe der Prophezeiung besaß=.

Nun wird man zwar ohne weiteres zugeben müssen, daß die bei weitem

überwiegende Zahl der Prophezeiungen in Erfüllung ging, aber man

wird darauf hinweisen können, daß in unserem obigen Bericht bei

einigen nichts vom Ausgang gesagt wurde. Deshalb wollen wir aus dem

»Vorbericht« der »Umständlichen Nachricht«, der am 20. August 1771

abgeschlossen wurde, also 12 Jahre nach dem Tatbestand, wie wir ihn

oben kennen lernten, einiges nachtragen.

Damals hatte Heering prophezeit, daß »=das Preußische Heer, nachdem

alles vollbracht war, in Frieden aus Sachsen zurückgezogen=« =werden=

würde. An dieser Voraussage hielt Heering fest, wiewohl der Krieg

noch sechs Jahre währte und die Verhältnisse oft so kritisch waren,

daß nichts ferner lag, als die Wahrscheinlichkeit, die Preußen würden

friedlich aus Sachsen abziehen. =Und doch trat dieser Fall ein!=

Eine weitere Prophezeiung Heerings =nach= dem Friedensschluß, »daß er

auf das künftige =viel Brand-Stätte, wie auch viele entkleidete und

beraubete Menschen in Pohlen gesehen=« ging gleichfalls in Erfüllung.

Wir erinnern uns noch der die Türken (»der aus Morgen«) betreffenden

Voranzeige, daß sie sich künftig =in den Krieg= einmischen würden. Der

Fischer hatte gesagt: »daß nach denen damaligen, im Deutschen Reich,

sich geendigten Troubeln, sich =der Krieg nordwärts gezogen hätte=«,

daß es sich also nicht um kriegerische Verwicklungen mit Deutschland

handeln würde. Da, wie wir sahen, alle Prophezeiungen Heerings in

erstaunlich kurzer Zeit in Erfüllung gingen, so würde die Vermutung

nahe liegen, daß das auch hier der Fall hätte sein müssen. Aber Heering

sagte – wie auch sonst wiederholt – in diesem Falle ausdrücklich:

»=Zeit und Stunde hat mir der HErr hiervon nicht bestimmt=«.

Unter diesen Umständen dürfte es nicht allzugewagt erscheinen, auch

die Erfüllung dieser Prophezeiung allerdings erst nach einem Jahrzehnt

zuzugeben, und zwar mit dem Eingreifen der Türken in den Polnischen

Krieg. Zur Verteidigung der Herrschaft des katholischen Glaubens in

Polen und der Verfassung erhob sich im Jahre 1768 die Konföderation zu

Bar unter Führung des Marschalls Michael Krasinski, wurde aber, da der

polnische Senat die Russen zu Hilfe rief =trotz Unterstützung durch die

Türken=, vernichtet.

Bei dieser Gelegenheit können wir Süßes Vorsicht bzw. Skepsis kennen

lernen, schreibt er doch (Vorbericht, S. 25): »Indessen ist meine

Absicht nicht, einen präzisen Apologeten, oder absoluten Verteidiger

von des Fischer Heerings Visionssache überhaupt, abzugeben, indem

ich nicht in Abrede seyn kann, daß ich ihn allemal, bey seinen

verschiedenen eröfneten indeterminirten oder unbestimmten Ideen

und Ausdrücken, und bey seiner bisweilen hervorgeblickten Neigung,

zu gleichsam ecstatischen Umständen, für ein Objekt der Versuchung

gehalten und ihn daher (wie er mir dessen Zeugniß geben wird) auf

die genaueste Selbstprüfung einer vielleicht bey sich vorwaltend

lassenden starken Imagination oder Vorbildung, geführet, und daß er

sich dadurch nicht verleiten lassen möchte, sorgfältig angewiesen

habe, und noch fernerweit anweisen werde ...« Bemerkenswert ist auch,

daß er auf Seite 6 der »Umständlichen Nachricht«, in einer Anmerkung

zu der Türkenprophezeiung schreibt »GOtt gebe, und erhöre uns in dem

demüthigen Gebet unserer Lithaney auch darinnen Gnädiglich, daß zu

keiner Zeit, und auch jetzo, bey denen unter einander entrüsteten Hohen

Mächten, die Interposition oder Einmischung, deren Türken nicht nöthig

und erfolglich sey.« Aus einer Kleinigkeit, wie dem Stehnbleiben dieses

Ausrufes, ergibt sich auch, daß der Bericht von 1759 =unverändert=

abgedruckt wurde.

Mir scheint die Skepsis hier übertrieben. Heering sagte ausdrücklich,

daß die Türken sich erst =nach= Friedensschluß einmischen würden. Der

Hubertusburger Friede wurde 1763 geschlossen, die Türken aber griffen

in die polnischen Unruhen 1768 ein, also fünf Jahre später. Das will

mir nicht so ungeheuerlich erscheinen[123].

Wir wissen ja gar nichts über die zeitliche Begrenztheit der

Prophetengabe. Im Gegenteil werden wir später noch sehen, daß es

möglich ist, Ereignisse, die erst nach Jahrhunderten eintreten werden,

genauestens vorher zu sehen. Daß die Erfüllung zumeist den Voraussagen

Heerings auf den Fuß folgte, läßt den Schluß durchaus nicht zu, daß

es aus inneren Gründen so sein mußte. Wir würden, wollten wir uns

ablehnend gegen die Türkenvision verhalten, stillschweigend die

enge zeitliche Begrenzung der Prophetie oder überhaupt irgendwelche

gesetzmäßige Gebundenheit voraussetzen. Dazu sind wir aber bei dem

geringen Grade unserer Kenntnis von dem ganzen Phänomen um so weniger

berechtigt, als die ganze Schulwissenschaft ja bis zur Stunde überhaupt

die Tatsache noch leugnet.

Erst wenn diese nicht nur einwandfrei festgestellt ist – was ja in

vorliegender Schrift geschieht – sondern wenn wir auch Tausende von

gesicherten Fakten kennen, erst dann können wir ein Gesetz oder – sagen

wir bescheidener – eine Regel abstrahieren. So weit sind wir aber noch

lange nicht und deshalb besteht kein triftiger Grund, die Erfüllung der

Türkenvision nicht zuzugeben.

An eine völlig unbekannte Sache mit aprioristischen Regeln oder

Gesetzen heranzutreten, verbietet die Logik. Das war und ist auch heute

noch der Kardinalfehler der gelehrten Zunft, dem es zugeschrieben

werden muß, wenn sie allen großen und genialen Neuerungen oder

Entdeckungen gegenüber bankrott machte.

Zum Schluß noch eine Vision Heerings, die er »schon vor anderthalb

Jahren« hatte, das wäre zu Beginn des Jahres 1770, da der »Vorbericht«

das Datum des 20. August 1771 trägt: Unweit des Ortes Prossen erschien

ihm die Gestalt eines kleinen Mädchens, die ein altes Büchlein in den

Händen hatte, auf dessen einem Blatt die Worte standen: =schwere und

theure Zeit=; »über welche Anzeige er sich noch immer beklagt, daß ihm

damals niemand habe Glauben beymessen wollen«. (Vorbericht, S. 19, Anm.)

Resümieren wir, dann kann es nicht dem allergeringsten Zweifel

unterliegen, daß – selbst, wenn wir annehmen wollen, die Interpretation

einiger weniger Vorhersagen sei gewaltsam – doch die erdrückende Menge

in Erfüllung ging. Daß Berechnung ausgeschlossen ist, wird kaum jemand

bestreiten wollen. Also besteht nur die Annahme des Zufalls, wenn wir

den Beweis für die Sehergabe Heerings nicht für erbracht halten.

Nun wollen wir nicht bestreiten, daß die Möglichkeit des Zufalls

besteht. Denn es handelt sich in keinem einzigen Falle um ganz

außerordentliche Dinge mit sehr hohem Divisor. Die möglichen Fälle sind

vielmehr relativ begrenzt. Zugeben wird man uns aber müssen, daß es

sich sicherlich um einen sehr merkwürdigen Zufall handelt.

Auf alle Fälle beweist auch diese Vision, daß Heering keineswegs nur

ganz kurze Zeit vorher sehen konnte.

Prophezeiungen · 第 14 / 27 段