gesehen, einestheils denen, über den Fischer Heering und seine
neuerliche Anzeigen, bisher rouillirenden so mancherley Andichtungen,
ungleichen Beurtheilen, und auch wohl einem unbilligen Verspotten,
Einhalt zu thun; anderntheils verschiedenen Anfragen in einer
zuverlässigen Nachricht eine Idee, oder einen wahren Begriff von dem
Fischer Heering und seinen Anzeigen zu machen, wie auch die Schranken
wohlmeynend anzuzeigen, wornach von dergleichen außerordentlichen
Begebenheiten und Vorfällen, bewandten Umständen nach, ein
christbilliges Urtheil zu fällen seyn möchte.
Es ist indessen dieser Aufsatz weder von dem Verfasser selbst, noch
sonst mit seinem Wissen und Willen, dem Druck überlassen worden, da
er, erwehntermaßen, solchen Aufsatz nur zu einer Privatnachricht für
einige Anfragende, in und außer seiner Kirchfahrt, entworfen, und
das Manuscript davon, oder eine Abschrift desselben, in den Druck zu
geben nie gesonnen gewesen. Daher auch dem Verfasser, dem allerdings
dieser eigenmächtig, und ohne vorher von ihm geschehene Revision seines
Aufsatzes unternommene Druck, nicht anders als zuwider sein muß, keinen
Antheil an solchem sub- und obreptitie zum Vorschein gekommenen Abdruck
nimmt.
M. S.«
Trotz dieser Verwahrung erschien noch ein zweimaliger Abdruck der
inkriminierten Schrift, d. h. der vorgenannten Halbbogen, in Sammlungen
von Prophezeiungen. Den Titel dieser Schriften nennt Süße nicht. Sie
hätten ja auch schließlich nur bibliographischen Wert. Endlich erschien
ohne Angabe des Druckortes und anonym im Jahre 1758 ein Schriftchen
mit dem Titel »Einige Prophezeiungen, welche von einem Fischer und
Einwohner in einem Dorfe bey Königstein, auf die Jahre 1759 und 1760
gestellet sind«. Da Süße auch dieser Publikation fern stand, wir
in ihnen also kein authentisches Dokument zu erblicken haben – ein
Exemplar befindet sich auf der kgl. Bibliothek in London – ist sie für
uns ohne Interesse.
Süße konstatiert sogar ausdrücklich (S. 5 f), daß bis auf =einen=
Punkt, daß nämlich die Türkei sich in den Krieg mischen würde, keine
einzige der genannten Prophezeiungen mit den authentischen des Fischers
übereinstimme, daß ihm vielmehr vieles angedichtet worden sei, woran
er nicht gedacht habe, und daß er sich deshalb ausdrücklich Süße und
anderen gegenüber darüber beklagt habe.
Was nun zunächst die Zahl der Prophezeiungen betrifft, so war sie
durchaus nicht so groß, wie Fernstehende meinten (S. 16). Sie traten
schon in seiner Jugend auf, um sich später zu mehren.
Gehen wir nun auf den Inhalt der Visionen ein!
Die erste, von der wir Kenntnis haben, fällt in das Jahr 1744, als
Heering ein Mann von etwa 34 Jahren war. Süße schreibt darüber (S. 16
f):
»So begegnete ihm im Jahre 1744 die Erscheinung, als er sich noch bey
Tage bey Postelwitz zu Lande, am Ufer des Elbstroms, auf dem Wege nach
Hause zu gehen befand, daß er eine Menge Menschen und den HErrn JEsum
sahe, wie er seine Hand über die wenige Ihn begleitende Nachfolger
Aufhub, worbey Heering das Lied, weil die mehresten Menschen den
breiten Weg zur Verdammnis giengen, von einem derer Nachfolger JEsu
anstimmen hörete:
Mache dich mein Geist bereit,
Wache, fleh’ und bete,
Daß dich nicht die böse Zeit
Unverhofft betrete etc.
Welche Erscheinung mir der Fischer zu wiederholten malen mit innigster
Gemüthsbewegung und vergossenen Thränen erzehlet hat.«
Begreiflicher Weise können wir mit dieser Vision oder Halluzination
nicht das geringste anfangen. Sie hat für uns keinen anderen Wert als
den festzustellen, daß der sonst nüchterne Mann zeitweilig religiösen
Exaltationen unterworfen war. Das ist bei einer anscheinend sehr
religiösen oder doch kirchlichen Natur nicht weiter verwunderlich.
Ganz anders liegt der Fall bei der zweiten Vision des Jahres 1744. Wenn
auch sie religiösen Ursprungs war, insofern ihm das fünfte Kapitel des
Propheten Jeremias, eine Klage über Unglauben und Ruchlosigkeit in
allen Ständen, erschien, so ist der weitere Verlauf doch von höchstem
Interesse. Es wurde ihm nämlich »vom HErrn gezeigt«. =Daß ein Held mit
seinem feindlichen Heer würde nach Sachsen kommen, und das Schwerdt bis
an das Heft ins Blut tauchen, und dieser Held würde hernach zu Dresden
wie in einem offenen Garten einziehen, aber bald darauf wieder zum
Obern Thor hinaus ziehen.=«
Hier haben wir die erste kontrollierbare Prophezeiung vor uns,
interessant sowohl durch ihren dem einfachen Bildungsgrade des Fischers
an sich fernliegenden politischen Inhalt, als nicht minder durch die
begleitenden Nebenumstände.
Heering muß von dem bedeutungsvollen Inhalt der Vision aufs heftigste
berührt worden sein, denn er begab sich nach Dresden, um von ihr
hohen Orts persönlich Mitteilung zu machen. Er hielt sich in der
Landeshauptstadt mehrere Wochen »in einem hohen Hause« auf und ließ
sich hinsichtlich seiner Aufführung und Charakters prüfen, auch ob er
dem Trunk ergeben oder geldgierig wäre. Gleichzeitig ließ er einen
umständlichen Bericht von seiner Prophezeiung machen und war bemüht,
ihn dem König einzuhändigen[113].
Aus der, wie gesagt nicht authentischen, »Zuverlässigen Nachricht«
von 1756 erfahren wir Näheres. Heering »suchte seine damaligen
Voraussagungen schriftlich in die Hände des Cabinets-Ministri, Grafen
von Brühl Excellenz zu bringen, er ließ auch eine Zeit hernach, in
eben diesem Jahre, um Johannis-Tag, einen Aufsatz an Ihro Majestät
unserm allergnädigsten König selber richten, und übergab solchen Sr.
Hochwürden, den Königl. Beichtvater, Herrn P. Ludovico Ligeritz S.
J., welcher Herigen zwar anhörete, ihm aber antwortete, weil er sein
Glaubens-Genoß nicht sey, so könne er sich mit der Sache nichts zu thun
machen, er müsse sich an seinen Beicht-Vater wenden.
Der Herr Pater gab Herigen hierauf etliche Groschen Geld, welche
Herig anzunehmen sich weigerte, und sagte, daß er Geldes wegen zu Sr.
Hochwürden nicht gekommen wäre, doch dabey durch fernere Verweigerung
dem Respect nicht entgegen handeln wolte.«
Mag der Bericht, dem wir diese Stelle entnehmen, auch apokryph sein,
so haben wir doch um so weniger Grund an der Wahrheit zu zweifeln, als
Graf Brühl, der allmächtige Premierminister, erst 1763 starb, und man
es kaum gewagt haben würde, seinen Namen oder den des Beichtvaters
Ligeritz zu mißbrauchen. Dasselbe gilt von dem weiter unten genannten
Grafen Hennicke. Die Vermutung liegt nahe, daß Süße die Namen aus
Gründen der Diskretion verschwieg. Im Kern stimmen übrigens die
Berichte ja völlig überein, nur daß der anonyme eine Ergänzung liefert.
=Diese Prophezeiung nun traf im vollen Umfange ein=! Als Heering die
Vision hatte, operierten die Preußen noch in Schlesien, niemand konnte
etwas von ihrem Übergreifen auf Sachsen, geschweige denn dem Ausgang
der Operationen sagen. Die Schlacht bei Kesselsdorf, in der Leopold von
Dessau die Sachsen schlug, fand ja erst am 15. Dezember 1745 statt,
Dresden wurde besetzt, doch schon am 25. Dezember daselbst der Friede
zwischen Preußen, Sachsen und Österreich geschlossen. Berücksichtigt
man noch, daß es Preußen im Jahre 1744, als Heering die Vision
hatte, militärisch sehr übel ging, so erscheint das Eintreffen der
Prophezeiung noch merkwürdiger.
Das muß auch – nach der »Zuverlässigen Nachricht« – Graf von Hennicke
gefühlt haben, denn er ließ nach der Schlacht bei Kesselsdorf den
Fischer zu sich kommen »und sich von im mündlich anzeigen, was
Herigen fast 2 Jahr vor der Kesselsdorffer Bataille (wie Herig zu
reden pfleget) vom HErrn gezeiget, und anzuzeigen befohlen worden,
bey welchem Verhör aber Herig, wie er erzehlet, abermals wenig
Glauben gefunden, sondern weil er unter seinen Anführungen unter
andern anzeigete, daß er auch bey dem ihm angezeigeten Sachsenlande
bevorstehenden Ungewitter das fünfte Capitel des Propheten Jeremiä
aufgeschlagen, wäre er von vorerwehnten hohen Minister mit dem
Bescheide dimittiret worden, daß Herig verschiedenes aus der Bibel
nehme, und solches auf künftig geschehen sollende Dinge, und auf sich
applicire.« Heering ist seitdem viele Jahre lang seiner Vorahnungen
wegen nicht wieder nach Dresden gekommen.
Die rationalistische Erklärung des Grafen Hennicke ist zweifellos die
nächstliegende. Wir würden sie uns auch ohne weiteres zu eigen machen
und den Fischer als Eideshelfer für die bei einigen Personen bestehende
Prophetengabe nicht nennen, wenn dem nicht die gewichtigsten Bedenken
entgegenstehen würden.
Zunächst ist es auffällig, daß – selbst angenommen, er habe biblische
Verhältnisse auf seine Zeit übertragen – diese Übertragung durch die
Tatsachen bestätigt wurde. Denn statt von Sachsen, Dresden, dem Oberen
Tor und der kurzen Frist des Abzuges, hätte er auch von ganz anderen
Parteien und Lokalitäten reden können. Immerhin ist die Möglichkeit,
es handle sich hier lediglich um Zufall, nicht völlig von der Hand zu
weisen. Stutzig macht allerdings die in den »Zuverlässigen Nachrichten«
mitgeteilte Äußerung des Generals Bose, Kommandierenden in Dresden,
der König Friedrich antwortete: »=Aus einem Lustgarten könne er sich
nicht wehren=«. Die Übereinstimmung dieser Worte bei Übergabe der Stadt
mit den in der Vision gebrauchten, das Heer würde in Dresden »=wie in
einen offenen Garten einziehen=«, ist auf alle Fälle erstaunlich.
Doch der Deutung auf Zufall bei Zugrundelegung dieses einzigen Falles
steht noch ein anderes sehr gewichtiges Bedenken entgegen: Heering war
es unbenommen, aus der Bibel nach Herzenslust zu prophezeien. =Warum
tut er es nur in diesem konkreten Falle? Warum ist er vor allem so sehr
von der Richtigkeit des Geschauten überzeugt, daß er die langwierige
und kostspielige Reise nach Dresden unternimmt= und dabei zum mindesten
Gefahr läuft als Phantast verspottet zu werden?
Mir persönlich scheint es sich hier tatsächlich um eine =Vision= zu
handeln, die Heering vielleicht nachträglich – seinem Bildungsgrade und
Ideenkreis entsprechend – biblisch verbrämte.
Doch unterlassen wir es, Erklärungsversuche zu machen, bevor die
Tatsachen einwandfrei feststehen.
Die Vermutung, daß es sich hier tatsächlich um eine Vision handelt,
wird zur Gewißheit erhoben durch die nachfolgenden Prophezeiungen
desselben Mannes. Er fuhr nicht etwa fort, Biblisches auf seine Zeit
zu übertragen – was bei dem Erfolge der ersten Prophezeiung das
Nächstliegende gewesen wäre –, sondern er hat im Gegenteil mehr als ein
volles Jahrzehnt überhaupt nichts mehr geweissagt.
Erst Mitte März 1756 stellte sich die erste Vision wieder ein und
damals war es auch, daß er erstmalig, und zwar aus freien Stücken, zu
seinem Beichtvater Süße kam. Das zweitemal suchte er Süße am Karfreitag
des gleichen Jahres auf, zum drittenmal aber Ende Juli 1756, »bey
welchem seinen dreymaligen Anbringen er einmal wie das andremal mit
innigster Gemüthsbewegung, ja mit Jammern und mit Thränen anzeigete,
wie er sein mir bereits etlichemal eröffnetes Anbringen nicht weiter
mehr zu verbergen wüßte, er fände sich Tag und Nacht getrieben, es dem
Allergnädigsten Landesvater anzuzeigen. Das Unglück wäre nahe und nicht
weit mehr entfernet.«
Wiewohl nun Süße fürchtete, daß Heering kein Gehör finden würde, da
er, wie bei seinem Bildungsgrade ja natürlich, keinen ordentlichen
Vortrag halten konnte und überdies mit einem Sprachfehler behaftet war,
konnte er ihm doch das verlangte Führungsattest nicht vorenthalten. Es
war datiert vom 2. August 1756[114]. Gleichzeitig verschaffte Heering
sich ein Attest von seinem ehemaligen Beichtvater M. Clauß, Pfarrer in
Schandau.
Ausgestattet mit beiden Dokumenten ging er gleich nach Dresden, wurde
von einem Minister gnädig aufgenommen, brachte seine Prophezeiung vor
und ging dann »ruhig und freudig, sich seines Anliegens entledigt zu
haben« wieder heim.
Auch der größte Skeptiker wird zugeben, daß es sich hier nicht um einen
Schwindler handelt, sondern um einen Mann, der zweifellos persönlich
von der Wahrheit und Wichtigkeit seiner Visionen überzeugt ist. Stellt
sich nun heraus, daß diese auch objektiv zutreffen – und zwar nicht
etwa nur in einem einzelnen Fall, sondern wiederholt und in mehreren
Punkten, so daß der Zufall auszuscheiden scheint –, dann steht nichts
im Wege, Heering unter die Zahl der mit Prophetie ausgestatteten
Personen einzureihen.
Vorausgeschickt sei, daß nach Süße (S. 20) seine Visionen =nicht=
»Glaubens – oder die H. Göttliche Offenbarung der Bibel angehende
Sachen, sondern lediglich Dinge und Vorfälle sind, welche die
bevorstehende Schicksale des Weltlichen Regiments, der Policey und
Kirche vornämlich anbelangen.« Das bestärkt unsere Vermutung, daß es
sich nur um unbewußte religiöse Einkleidung handelt.
Gehen wir nun auf den Inhalt der Prophezeiungen des Jahres 1756 ein!
=Süße schreibt darüber (S. 20 f.): »Der HErr habe ihn sehen lassen,
daß nächstens ein großes Ungewitter entstehen würde, durch welches
unser Sächsisches Vaterland mit Krieg überzogen werde, und solches
unsere hiesige Elbgegend zuerst betreffen würde. Hierbey würde es hart
zugehen; Und dieses Ungewitter wäre sehr nahe, so, daß Ihro Königl.
Majestät, unser Allergnädigster Landesvater, an Dero Reise nach Dero
Königreichen würden gehindert werden, Höchst-Dieselben würden nicht
von Dero Volke gehen[115]. Es würde aber das Ungewitter mit seiner
Heftigkeit in unserer Gegend nicht von langer Dauer seyn[116], sondern
es würde sich noch weiter ziehen und viel Blut vergossen werden.
Besonders würde dieses Ungewitter in unsserm Vaterlande auch daher
viel Elend nach sich ziehen, weil die junge Mannschaft würde viel
leiden müssen. Er hätte auch Brandstätte gesehen, und er wäre sogar
auf selbigen herumgeführet worden. So sei ihm auch ein Acker gezeiget
worden, welcher als ein bisher unfruchtbar gelegner Acker hätte müssen
umgerissen und von neuem geflüget und besäet werden, und dis darum,
weil der Acker theils gar unfruchtbar und verwildert gelegen, theils
Gerste darauf gesäet worden. Gerste bringe aber ein herbes Brot.
Ferner zeigte der Fischer mit an: Wie ihm auch zwo Kirchen gezeiget
worden wären, eine in der Stadt, die andere außer der Stadt, in welchen
man aber dem HErrn nur das halbe Herz gegeben habe; der Herr hätte aber
gesprochen: Ich will das ganze Herz haben, das ganze Herz will ich
haben, und das will ich mit dem Finger des Heil. Geistes rühren[117].
Noch ferner führete der Fischer an: Daß sich Dresden ihm in den
Prospekt eines Gartens gezeiget hätte, aus welchem Garten die
stärksten Bäume wären mit den Wurzeln herausgerissen, und vom Lande
hinweggeführet worden[118].= So habe er auch gesehen, daß der alte
Grundstein wäre herausgerissen, und ein neuer gelegt, auch die Kirche
außer der Stadt geschlossen worden.
Der angegebene Hauptzweck von allen diesen Anzeigen war endlich dieser,
daß der Fischer Heering sagte, daß ihm der Herr befohlen hätte, dem
=Allergnädigsten Landesvater= es anzuzeigen, daß um des herannahenden
Ungewitters willen, =möchte ernstlich im Lande Buße geprediget, und die
Verbindung mit Süd-Ost und Süd-West möchte verlassen werden, so wolle
Gott dem Hause Sachsen wohlthun.=
Fragte ich den Fischer Heering, woher dieses von ihm beniemte
herannahende Ungewitter entstehen sollte; so antwortete er mir
folgendergestalt: =Es würde sich Süd-Ost und Süd-West mit einander
wider Nord-West verbinden, Süd-West wäre gedemüthiget worden, wie Vier
Helden neben einander gegen Süd-Ost und Süd-West stünden, welche vier
Helden so lange hinter und neben einander stehen würden, bis Süd-Ost
und Süd-West von einander abließen.= Er setzte hinzu: =Es wäre ihm
endlich gezeiget worden, daß der aus Morgen, welcher ihm mit dem Namen
wäre genennet worden, daß es der Türke sey[119], herangezogen wäre,
worauf sich der Krieg seitwärts gegen Norden gezogen hätte=.«
Auf diese ziemlich unklaren Äußerungen hin fragte Süße sein Beichtkind,
was er denn unter den Himmelsrichtungen verstehe. Er erfuhr dabei,
daß Heering die Potentaten nach der Lage ihrer Länder bezeichne, daß
also Süd-Osten die Kaiserin Maria Theresia sei, Süd-Westen aber König
Ludwig XV. von Frankreich und daß er eine zwischen beiden Mächten sich
vollziehende Alliance vorhersehe. Das war um so merkwürdiger, als das
Publikum – und demnach auch der Fischer – von diesen hohen Bündnissen
nichts ahnte und auch tatsächlich ein Vertrag zwischen Wien und
Versailles noch gar nicht geschlossen war.
Unter Nord-Westen verstand Heeringen den König Friedrich den Großen
von Preußen. Wer aber die drei Helden wären, »welche mit des Königs
von Preußen Majestät zusammen =vier= Helden neben einander stehend,
ausmacheten, konnte er mir damals so wenig, als noch jetzo anzeigen.
Es müßten also vermutlich die Preußischen Alliierten seyn, worüber
sich aber Heering, etwa wegen Mangel der Erkenntnis derer Geschichte
und derer Staaten, eigentlich aber, wie er ausdrücklich sagt: =weils
ihm nicht weiter gezeigt worden wäre=, nicht deutlicher zu erklären
wußte[120]. Der Fischer setzte dieser seiner Anzeige nur noch dieses
hinzu, die vier Helden wären jetzo noch nicht beysammen, sie würden
aber schon noch erscheinen, und da werde der Held aus Nord-Westen,
der König in Preußen, wenn er ziemlich ins Enge getrieben, und matt
geworden sey, neue Kräfte bekommen; diese Hilfsvölker des einen zu
des Königs in Preußen getretenen Helden, wären grün gekleidet gewesen.
Hierauf wären die vier Helden standhaft bey einander gestanden,
und wären nicht gewichen, =bis ein neuer Grundstein wäre geleget
worden=[121].«
Süße ließ darauf die Prophezeiungen auf sich beruhen und ermahnte
den Fischer zur Ruhe, ja er dachte gar nicht weiter an Heering und
seine seit etwa dem 15. März 1756 und dann noch einige Male dem
Geistlichen erzählten Visionen. Da fand er auf einmal in Nummer 61
der =Erlanger Zeitung= vom 22. Juni des Jahres die =Bekanntgabe des
»Unions-Freundschafts-Defensiv-Traktats« zwischen Maria Theresia und
Ludwig XV. Und zwar war er am 1. Mai 1756 zu Versailles geschlossen
worden, also tatsächlich etwa sieben Wochen später, als der Fischer
die Vision gehabt hatte. Die Erlanger Zeitung aber fing jetzt erst an
ihre Stellungnahme dem Vertrag gegenüber zu ändern, hatte sie sich doch
noch in ihrer Nummer 51 vom 15. Mai des Jahres in dem Artikel »von
allgemeinen Staatshändeln« ablehnend verhalten=.
Damals hatte sie nämlich (S. 393) geschrieben, man hätte
verschiedentlich in den Zeitungen einen rätselhaften Artikel gelesen,
nach dem zwischen zwei der vornehmsten Höfe wichtige Verhandlungen
im Gange wären. Diese Höfe, so sei leicht zu raten, sei der
österreichische und französische. Sie brachte dann aus der Leydener
Zeitung zwei Artikel mit der Mitteilung, zwischen Wien und Versailles
bestehe die Absicht ein Bündnis zu schließen, ja es sei bereits
geschlossen. Das war also am 15. Mai!
Daß vorher der Fischer nicht die allergeringste Ahnung von den
Vorgängen der hohen Politik haben konnte, liegt auf der Hand. Aber
selbst die Vermutung, er habe sich – was nach Lebensstellung und
Bildungsgrade völlig ausgeschlossen ist – mit politischem Instinkt
begabt, zum Sprachrohr der öffentlichen Meinung machen wollen, schießt
völlig daneben.
Wie die öffentliche Meinung noch zwei Monate =nach= seiner Vision den
Bündnisfall beurteilte, geht deutlich aus der Erlanger Zeitung vom 15.
Mai hervor. Sie fährt fort: »Diesen beyden Artickeln öffentlich zu
widersprechen, sehn wir uns sowohl aus natürlichem Trieb, als Pflicht
halber, verbunden.
.... Wie gesagt, es streiten diese Gerüchte sowohl wider die Vernunft
als die Erfahrung ...
Es ist offenbar, daß dergleichen wunderliche Gerüchte bloß von gall-
und milz- und hirnsüchtigen Gemüthern, die ihren Mäusekoth auch gern
für politischen Pfeffer verkaufen wollen, herrühren, und ob sie wohl
nicht ungeahndet bleiben werden, dennoch nicht die geringste Attention
des Publici verdienen.« Auf S. 481 der Nr. 61 revoziert die Zeitung
natürlich alles. Das war also schon damals so!
=Daraus geht zur Evidenz hervor, daß wir es bei der Vorhersehung des
Bündnisses zwischen Österreich und Frankreich mit einer richtigen
Prophezeiung zu tun haben=. Denn 1. lag das Geschaute völlig außerhalb
des Interessen- oder Wissensbereichs des Fischers. 2. Wußte er von dem
Vertrage schon geraume Zeit, bevor er überhaupt abgeschlossen war.
Ja, noch nach seiner Unterzeichnung hielt die öffentliche Meinung ihn
für eine Unmöglichkeit. Damit fällt aber die Vermutung, Heering habe
kombiniert, in sich zusammen. Wie bei der Voransage des Jahres 1744
handelt es sich also auch hier um eine richtige Vision.
Das war auch Süße sofort klar und gerade dem Umstande, daß sich unter
seinen Augen ein solches auffallendes Phänomen abgespielt hatte, ist es
zuzuschreiben, daß er Heering hinfort erhöhte Aufmerksamkeit schenkte.
Merkwürdig ist übrigens, daß nicht nur Heering sich bei der
Prophezeiung des Bildes eines Unwetters bediente bzw. daß ein solches
ihm erschien, sondern daß auch die Erlanger Zeitung in ihrer Nummer
75 vom 10. August 1756 (S. 393) – wie Süße feststellt – die gleiche
Metapher gebraucht.
Nachdem sie von den täglich bedenklicher werdenden Zeichen der
Zeit gesprochen, fährt sie fort: »... Alles, was uns zu sagen
erlaubt seyn mag, besteht darinnen, daß, wenn bey schwülen Tagen
heftige trübe Wolken aufsteigen, und selbige sich thürmen, anzünden
und zusammenstoßen, gemeiniglich Blitz, Donner, Hagel und andere
schwere Wetterschäden darauf zu folgen pflegen ... Wolken ziehen auf
(geharnischte Wolken), das sehen wir vor Augen. Ob sie sich aber
thürmen, zusammenstoßen, blitzen und donnern werden, steht zu erwarten.«
Süße macht dazu die Anmerkung (S. 29), daß das Zusammenstoßen, Blitzen
und Donnern, das der Zeitung im August noch ungewiß erschienen war,
bereits im Oktober des gleichen Jahres 1756 eintraf. Denn am 1. Oktober
hörte man in der Prossner Gegend den Schlachtendonner von Lobositz und
als am 12. Oktober das Lager der Sachsen aufbrach, ging es auch nicht
ohne Blitzen und Donnern ab. =Tatsächlich hatte Heering den Ausbruch
des Siebenjährigen Krieges sechs und einen halben Monat früher unter
dem Bilde eines Unwetters gesehen und prophezeit=.
Es ist dies also die =zweite Vision= des Jahres 1756, die in Erfüllung
ging.
Es liegt auf der Hand, daß die verblüffende Übereinstimmung der
Aussagen des ungelehrten Fischers mit den sich später einstellenden
hochpolitischen Ereignissen im Lande bekannt wurde. Als daher um die
Mitte des August die Sachsen auf dem Marsche gegen Pirna bei Schandau
eine Schiffbrücke schlugen, sondierte man Heeringen, der sich damals
gerade dort aufhielt, was er von der Brücke hielte.
»Worauf er, ob er schon merkte, daß man ihn mehr spöttisch aufziehen,
als im Ernst befragen wollte, diese Antwort gab: =Daß diese Brücke hier
nicht viel nütze seyn, und nicht gebraucht werden würde, aber Leipzig
möchte man wohl verwahren, da habe er fremde Völker ankommen sehen.=«
(S. 31.)
Damals wußte man weder, daß die Schiffbrücke unnütz sei – denn sonst
hätte man sie ja nicht geschlagen – noch auch vermutete man den am 29.
August erfolgten Einzug der Preußen in Leipzig, der den Hof zur Flucht
zwang.
Dies war also die =dritte richtige Prophezeiung= Heerings im gleichen
Jahre, und zwar ging sie diesmal bereits nach 14 Tagen in Erfüllung.
Im Oktober 1757 aber kamen auch fremde Kontingente bestehend aus der
kombinierten Reichs- und der französischen Auxiliararmee, nach Leipzig,
so daß auch diese Prophezeiung, wenn auch nicht sofort, so doch nach
einiger Zeit eintraf.
Endlich prophezeite Heering Süße und anderen einen Rückzug an, der
während die sächsischen Truppen zwischen Pirna und Königstein lagerten,
vom Hauptlager Struppen aus über Markersbach versucht, aber durch den
preußischen Kordon verhindert wurde. Das geschah einige Wochen vor der
Ausführung.
Bedeutungsvoller war eine weitere Vision des Fischers neun Tage vor der
Schlacht bei Roßbach am 5. November 1757. »Nach seinem gewöhnlichen
Trieb, wie sonst, ohne das geringste Veranlassen und dessein,« kam
er zu Süße und zeigte ihm an, daß wieder etwas Wichtiges bevorstehe,
»worbei er ebenfalls, wie sonst ängstlich wünschte, daß er solches
Hohen Orts möchte eröffnen können. Er sagte indessen so viel hiervon: