Vision zu kommen: »Mit den Worten ergriff er mich bey der lincken, und
der HERR bey der rechten Hand, und führeten mich an einen Ort des
Gartens, und als bald kam gelauffen ein großer Löw, und von der andern
Seithen her ein anderer, auch sehr groß, daß ich mich sehr fürchte:
Unnd einer war roth der ander blaw, und ein jeder hatte ein sehr großes
Schwerdt in den fördern füßen, auff den hindern aber stunden sie, und
hatten auch sehr lange scharffe und spitzige Klawen. Siehe für dich
sprach der Alte: und siehe, da kam ein überauss großes weißes Pferdt,
auch auff zweyen Füßen her getretten, unnd hatte zween große Köpffe,
in den fördern Füßen aber hilt es eine eisserne glüende Kugel, das
gieng und tratt starck unter sich, daß der Erdbodem erschutterte, als
es aber zu den Löwen nahete, gieng es langsam und mählich, gleich als
wenn es sich für jnen fürchtete, die Löwen aber stunden muthig gegen
einander, und sahen das Pferd an, neigeten auch bissweilen die Köpffe
zusammen, als wenn sie heimlich mit einander redeten, unnd gaben doch
gute Achtung auff das Pferdt: Als nun das Pferdt hart an sie kam,
warff es die Kugel unter sie hin, gleichsam in Hoffnung, wann sie sich
mit einander darumb rauffen würden, es unter dessen ungehindert davon
kommen köndte: aber die Löwen ließen die Kugel ligen, setzen an das
Pferdt, rießen ihm beyde Köpffe herunter, zermalmeten es auch in kleine
Stücklein, redeten abermahls was mit einander, unnd stießen die Kugel
von sich: Unnd der Alte sprach: Siehe ferner, und mercke auff: Und als
bald sahe ich einen Baum, der war hoch und breit, stunde mitten unter
den Löwen, und bedecket sie mit seinen Asten, weil er so groß war: Und
sihe, auff dem Wipffel desselben Baums sahe ich ein Adler sitzen, der
war sehr groß, und hatte 2. Köpffe, 4. Füße, 4. Flügel, 2. Schwäntze,
und ich hörete daß der Adler ein groß Geschrey führete, davon ich aber
nichts verstund, sondern fragte den Alten, warumb, und was doch der
Vogel also schrie? Der Alte sprach: Dieser Vogel ruffet also: Sihe,
ich sitze hoch, und bin erhöhet uber alle, darumb wer ist so keckes
Hertzens, das er keme, und mich von meinem Ort vertreibe? Niemand ist,
es wird auch niemand seyn. Als er aber ausgeredt, tratten die Löwen
zu dem Baum, machten sich dran, rüttelten ihn mit solcher Gewalt, daß
der Vogel herunter fiel, unnd von den Löwen zerrissen unnd verzehret
wurde, eben wie das Pferdt. Abermahl sprach der Alte: Komm noch weiter
mit mir, unnd sie beyde brachten mich zu einem großem Wasser, darbey
abermahl ein uberauss großer Baum stund, der sich sehr aussbreitet: Der
Alte sprach: Merck auff: Unnd siehe, die Löwen kamen wieder, hieben und
hackten in den Baum, zerbrachen und zerspelten ihn mit großem Krachen,
kratzen auch die Wurzeln mit den Klauen auss der Erden, worffen das
alles ins Wasser, und verscharreten die Löcher, da die Wurtzeln
gestanden, unnd vertratens wieder fein glatt, daß kein Anzeigung, wo
der Baum gestanden, uberbliebe. Der Alte sprach weiter: Komm, jetzt
soltu das Ende sehen: Und ich gieng, und sahe ein trefflich schön
unnd wolgebawtes Hauss, von lauter Werckstücken erbawet, und volles
Glantzes: Da fragte ich den Alten, was das für ein schön unnd wol
gebawtes Hauss were? Er antwortet: Diss Hauss ist das Widerspenstige,
stachlichte unnd verstockte Hauss, von außen scheinet unnd glentzet es
zwar, aber innwendig ist es voll Unreinigkeit, Grewel, Boßheit, unnd
aller Gottlosigkeit. =Ist das große Babel, dessen Fall nun vorhanden:
Dann es ist gar unmüglich, daß es lenger solte stehen bleiben, darumb,
daß seine Sünde unnd Missethat nunmehr biss an den Himmel reichen=:
Derohalben mercke fleißig drauff, was geschehen wird. Bald kamen die
vorigen zween Löwen, unnd neben ihnen noch einer schneeweiß: Diese alle
drey fielen das Hauss an, brachen einen Stein nach dem andern herauss,
(der weiße Löw thet allhier das beste) biss das Hauss also untergraben
wurde, daß es uber einen Hauffen fiel, unnd ward zu malmet wie Sandt.
Und die drey Löwen spatzierten auff dem Sande hin und her, und schryen
uber laut: =Babel ist gefallen, Babel ist gefallen: Das große Hauss ist
gefallen: Siehe, das prächtige hochmütige Hauss ist gefallen, und soll
nicht wieder erbawet werden. Es ist vollkömlich das Hauss, so voller
Grewel und Hurerey war, umbgekehret: Doch nicht durch unsere Macht,
sondern durch Krafft des starcken Löwens von dem Stamm Juda=[107].
Mit den Worten giengen die Löwen von einander, und der Dritte kam mir
auch auss dem Gesichte: Unnd bald hernach erhub sich ein starcker
Wind, unnd zerstrewet den Sand so gar, daß nichts davon uberblieb.
Der Alte aber sprach: Hastu gesehen, was da geschehen ist? Ich sagte:
Ja Herr: Ich bitte aber, unterrichte mich, was durch das Pferd, den
Adler, den Baum unnd das Hauss verstanden werde? Er sprach: Durch diss
alles, soltu nichts anderes verstehen, als das große F. unnd P. unnd
den gantzen =Antichristischen Anhang=, welches alles in kurtzer Zeit
uber die massen schnell verderbet, unnd aussgerottet werden wird. Die
Löwen aber sind V. T. T. Sch. D. St. E. F. U. S. W. durch diese wird
Babylon, Antichrist, und das gantze Reich des Teuffels erstritten,
niedergerissen unnd zerstöret, wie du selbst gesehen, daß sie diss
alles so grawsam weg gereumbt, zu mahl das große Hauss: Welches alles
zwar, sie nicht hetten können einreißen, sondern der dritte Löwe auss
dem Stamm Juda muste kommen: Wie ernstlich er ihnen geholffen, hastu
wol gesehen; Der wird ihre Krafft und Stärcke seyn, daß sie in seiner
Krafft werden siegen können ...«
Wer diesen Bericht liest, wird nicht zögern alles für einen Fiebertraum
oder, noch einfacher, für Blödsinn zu erklären. Nun werden wir
aber noch im weiteren Verlaufe dieser Untersuchung wiederholt die
Beobachtung machen, daß sich Visionen in symbolische Gestalt hüllen,
und zwar Visionen, deren Richtigkeit durch den folgenden Gang der
Ereignisse zweifellos bewiesen wird. Meistens wird auch das symbolische
Bild sofort vom Seher selbst richtig gedeutet.
Wenn uns also auch der Bericht höchst befremdlich anmutet, so ist das
noch durchaus kein zureichender Grund, um ihn als Hirngespinst oder
völlig wertlos zu verwerfen. Wir werden überhaupt sehr gut daran tun
in unserem Urteil uns einer weitgehenden Zurückhaltung zu befleißigen.
Denn da es sich hier um Dinge handelt, die noch so gut wie garnicht
untersucht sind, gibt uns keine genaue Kenntnis des Sachverhaltes das
Recht gewisse Forderungen aufzustellen, also etwa zu verlangen, daß es
sich nicht um symbolische Visionen, sondern ausschließlich um klare und
greifbare Bilder handelt, etwa wie die, die wir im Traume sehen.
Nun liegt es mir natürlich völlig fern für die Sehergabe der
Poniatowssken Lanzen zu brechen. Was ich ganz allein beweisen will und
auch beweisen werde, ist, daß es echte Prophetie gibt. Das ist etwas
ganz anderes als sich für die übersinnliche Gabe einer bestimmten
Person zu erwärmen, oder gar an irgend eine noch nicht eingetroffene
Prophezeiung zu glauben.
Hier sei ausschließlich betont, daß das befremdliche Bild, unter dem
hier die Zukunft enthüllt werden soll, nicht zur Annahme zwingt, als
handle es sich um Phantasmagorien eines hysterischen jungen Mädchens.
Das kann ja sein, muß aber nicht sein.
Wenn wir auch keine in Einzelheiten richtige Interpretation der
merkwürdigen Vision geben wollen oder können, so ist doch immerhin
die Deutung auf Gustav Adolfs Einfall in Deutschland zulässig. Was
die Buchstaben zu bedeuten haben, entzieht sich meiner Kenntnis.
Berücksichtigt man, daß die Seherin Protestantin ist und in den
politisch und konfessionell erregten Zeiten des Dreißigjährigen Krieges
die Gegner jeder im andern den Antichrist verabscheute, dann wird der
Ton so wenig wunder nehmen, wie der Vergleich der katholischen Gegner
bzw. des österreichischen Kaiserhauses mit Babel, des Schwedenkönigs
aber mit dem Löwen aus Juda.
Doch mag dem sein, wie ihm wolle. So viel ist sicher, daß die Jungfrau
von ihrer Mission überzeugt war. Also um eine Schwindlerin handelt
es sich keinesfalls. Denn sonst wäre es völlig unverständlich, daß
sie sich den Gefahren einer Reise zu Wallenstein unterzog, um ihm,
dem damals Allmächtigen, sehr unangenehme Dinge zu sagen. Wir werden
später noch häufig auf Ähnliches stoßen, daß nämlich ein Seher, völlig
überzeugt von seiner göttlichen Mission, ohne jegliche Rücksicht auf
persönliche Nachteile und Gefahren den ihm seiner Überzeugung nach
erteilten Auftrag ausführt.
Die Mission an Wallenstein ward der Poniatowssken am 25. Januar
aufgetragen und zwar folgendermaßen:
»Am Tag Pauli Bekehrung, hatte ich abermahls ein Gesicht. Es kam zu
mir der HErr selbst, bot mir die Hand und sprach: Die Krafft meiner
Gegenwart sey mit dir: Ich wil, daß du einen Brieff schreibest, mit
den Worten, welche du hören wirst: Wann du aber den wirst geschrieben
haben, so leg ihn zusammen, versiegle ihn mit drey Siegeln, und trag
ihn selbst hin nach Gitzschin, und ubergieb ihn dem rasenden Hund, dem
von Wallenstein, wirst ihn aber nicht zu Hause finden, so übergieb
ihn seinem Weibe, ihr selbsten, und ich wil verschaffen, daß er dem
Bluthunde in seine eigne Hände zu kommen wird. Denn so war als ich
lebe, spricht der HErr, meine Seele haz keinen Gefallen am Todte des
Gottlosen, unnd seine Lust am Untergange der Unbußfertigen: Sondern das
ist mein Wille, daß sich der Ruchlose von seinem bösen Wege bekehre und
lebe. Darumb vermahne ich diesen Gottlosen Mann selbst, und stelle
ihm die größe seiner Sünden vor Augen unnd seine Tyranney, damit er
doch in sich gehen, sich entsetzen, unnd erkennen wolle, daß ich der
HErr alle seine Wercke gesehen habe, und sie sehr wol kenne, unnd daß
ich vergelten wil, einem jeden nach seinen Wercken, wie er gehandelt
hat, wider umbkehren, seine Sünde für mich berewen, unnd sich also
von dem Blut, welches er uberflüssig vergossen, reinigen, so wil ich
die Gnadenthür noch für ihm öffnen, und seine Schuldt von ihm nehmen,
wie groß die auch sey. Wird er sich aber nicht bedencken, sondern
meine Warnung für Schimpff und Schertz halten, und sich hinfort nicht
bekehren, siehe, so wil ich auch mein Hertz wieder ihn verkehren wie
Eisen und Stahl, und mein Schwerdt wieder ihn wetzen, und meinen Bogen
spannen, und zu seinem Hertzen zielen: Ich wil mir auch tödtlichen
Geschoß zu richten, und damit in sein Hertz schießen, biss ich ihn
umbbracht unnd ausgerottet habe. Dieses aber soltu wissen, daß, wo
er nicht auf gewiese Zeit, die ich ihm noch bestimmt, sich bekehret,
=er schon wie ein Kalb zum ewigen Schlachten übergeben sey=. Mein Aug
sol sich nicht mehr erbarmen, es sol sich, sag ich, nicht erbarmen,
jhn auch nicht mehr anschawen. Du aber thu also, wie ich dir befehle:
Künftigen Freytag fahre hin gen Gitzschin, mit denen Personen, so ich
darzu erkohren, welche du zu Zeugen haben wirst. Furchte dich aber
für dem Tyrannen nicht, noch für andern, die dir zu schaden bekehren
möchten: Denn sihe, ich bin bey dir: Wil auch meine Engel zum Schutz
und Wache mit dir schicken, dieselben, welche du offt sihest, und sie
kennest, ja auch der andern eine große Menge, die du noch nie gesehen:
mit denen wil ich dich, wie mit einer fewrigen Mawer umbgeben, und du
wirst sie auch mit deinen leiblichen Augen sehen. Wenn du aber hin
kommst, sorge nicht, was du reden solt, denn ich werde bey und in dir
seyn, und wird dir, kein Mensch etwas thun können, darumb, daß ich bey
dir bin. Am Sambstage aber, wirstu den Brief erst ubergeben, und ein
wenig daselbst verharren. Dennn (sic!) ich wil dir erscheinen, und die
Hertzen derer, so dich sehen werden, bewegen und erschrecken.«
Die Jungfrau reiste tatsächlich nach Gitschin, traf Wallenstein nicht
anwesend und wurde nach verschiedenen Schwierigkeiten von der Fürstin
in Audienz empfangen.
»Als ich aber ein wenig da gesessen, ward ich entzückt, und der HErr
erscheint mir und sprach: Wie sicher du hierher gekommen bist, also
sicher wirstu auch von hinnen kommen. Sihe aber, ich werde mich allhie
nicht lange seumen, denn diess gottloss Hauss ist meiner Gegenwart
nicht werth: darumb so gehe auch du bald weg. Hiermit bot er mir die
Hand, und schied von mir: Ich kam auch zu mir selbst, und sahe alle die
Umstehenden, und die Fürstin selbst, erschrocken und weinend: gieng
aber bald von dannen, und vermahnete die, so mit mir wahren, daß wir
uns bald von dannen machten, wie auch geschehen. etc.«
Man mag von dieser Vision halten, was man will und wird sich gewiß
nicht darüber wundern, daß Wallenstein darüber spottete, daß der
Kaiser nur Briefe aus Rom, Konstantinopel, Madrid usw. erhielte,
er selbst aber sogar aus dem Himmel[108]. Das ändert aber nichts an
der merkwürdigen Tatsache, daß der oben gesperrt gedruckte Passus,
der Wallensteins gewaltsamen Tod verkündet, als einziger auch im
Original fett gedruckt ist und das fünf Jahre vor der Ermordung des
großen Feldherrn in Eger. Mag sein, daß nur die ewige Verdammnis und
nicht der leibliche Tod hier verkündet wird. Daß die Beteiligten es
anders auffaßten, scheint aus den Tränen der Fürstin mit Sicherheit
hervorzugehen.
Wir führten diesen stark gekürzten Visionsbericht nicht als
Beweismaterial für die Existenz echter Prophetie an, sondern mehr
als Beispiel für die verschwommene Art, in der in der Regel in der
Vergangenheit geweissagt wurde. Aber auch zur Illustration unserer
Behauptung, daß auch den phantastischsten Visionen ein wahrer Kern inne
wohnen kann.
Von ganz anderem Werte und ganz anderer Beweiskraft ist der folgende
Visionsbericht, obgleich auch er in symbolischem Gewande auftritt.
Fußnoten:
[103] Gottfried Arnold nennt in seiner »Kirchen- und Ketzer-Historie«,
3. Teil, Frankfurt a. M. 1700, S. 216, § 16, Überzeugte und Zweifler.
Übrigens heißt die Ponitowssken bei ihm fälschlich Poniatovia oder
Poniatowizsch.
[104] Zitiert nach »Göttliches Wunderbuch, darinnen auffgezeichnet und
geschrieben stehen, 1. Himlische Offenbahrungen und Gesichte, einer
gottfürchtigen Jungfrawen auss Böhmen, vom Zustand der Christlichen
Kirchen, deren Erlösung, und schrecklichen Untergang ihrer Feinde
usw.« (Stettin) 1629. Der Sammelband Nr. 5502, Weissagungen 2 der kgl.
Bibliothek in Berlin enthält noch eine große Zahl von Prophezeiungen
von 1613–1689.
Vom rationalistischen Standpunkte aus behandelt Adelung in seiner
anonym erschienenen »Geschichte der menschlichen Narrheit«, Leipzig
1785 noch eine Reihe von Sehern, die er als Schwindler oder Narren
hinstellt, darunter auch VI. Bd., S. 267 ff. die Poniatowssken, von
ihm Poniatowa genannt. Er stützt sich auf Comenius, der an sie glaubt,
als Zeugen und Gewährsmann ohne das Original der Visionen von 1629 zu
kennen.
Außer den vielen Sehern bei Arnold und im obigen Sammelbande behandelt
Adelung unter anderen noch aus dem 16. Jahrhundert Elisabeth Barton, I.
Bd., S. 301, Johannes Cario, III. Bd., S. 118 ff., und Lucas Gauricus,
II., S. 261 ff., die teilweise viel Falsches prophezeien. Besonders
viel Unsinn produzierte Christoph Kotter, eb. VI., S. 231 ff. Ein
interessanter Seher des beginnenden 18. Jahrhunderts ist Durand Fage,
eb. III., S. 93 ff.
[105] Erschien ihr öfter.
[106] Die Seherin hatte eine Zeit lang Gehör und Sprache verloren. Die
höchst uninteressante Unterredung geht noch eine Zeit lang so fort.
[107] Was hier gesperrt wurde, ist es auch im Original.
[108] Vgl. Arnold, l. c. p. 218.
Sechstes Kapitel
Die Prophezeiungen des Christian Heering aus Prossen
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts erregte ein Mann namens =Christian
Heering= in Prossen bei Königstein (Sachsen) durch seine Visionen um
so mehr Aufsehen, als sich bald herausstellte, daß sie in wunderbarer
Weise eintrafen. Seinem Beichtvater =Johann Gabriel Süße=, der sich
jahrelang mit dem Phänomen beschäftigte und seine Erfahrungen unter
dem Titel »=Umständliche Nachricht von dem sogenannten Prossner
Manne, Christian Heerings=, eines Elb-Fischers und Innwohners zu
Prossen bey Königstein, seit etliche zwanzig Jahren bekannt gewordene
Voraussagungen betreffend«[109] am 11. Juli 1759 niederschrieb, im
Jahre 1772 aber in Dresden und Leipzig erscheinen ließ, haben wir die
zuverlässigen Nachrichten über den merkwürdigen Mann zu danken.
Betrachten wir zunächst an Hand des Buches (S. 8–15) die Persönlichkeit
des Sehers. Er war aus Postelwitz bei Schandau an der Elbe unweit der
Böhmischen Grenze am Rande der sogenannten Sächsischen Schweiz, um
1710 geboren als Sohn eines Fischers, der gleichfalls die Gabe des
Hellsehens besaß. Von Jugend auf wurde er von seinem Vater auf der Elbe
zur Ausübung des Fischergewerbes angehalten und blieb in Postelwitz,
wo er von seinem Vater ein Haus und Garten erbte, bis zum Jahre 1746.
Nun übersiedelte er nach Prossen, da seine Frau von ihrem Vater Hanns
Schmidt, einem Häußler und Schiffer, dort ein Haus mit Garten geerbt
hatte. Durch diesen Wohnungswechsel kam Heering als Beichtkind in die
Obhut des Diakonen Johann Gabriel Süße, unseres Gewährsmannes.
Dieser stellt der religiösen und sittlichen Führung seines
Beichtkindes, das er 13 Jahre unter Augen hatte, bevor er die
»Umständliche Nachricht« schrieb, diese aber wiederum 12 Jahre
zurückhielt, um die Wahrheit der Prophezeiungen prüfen zu können,
mithin Heering 25 Jahre kannte, ein in jeder Beziehung glänzendes
Zeugnis aus. Er war ein guter Hausvater, der seine Kinder zu allem
Guten anleitete, ein fleißiger Kirchengänger und andächtiger Zuhörer
der Predigt usw. =Seine Bildung war mangelhaft.= Denn da er schon als
Kind dem Vater helfen mußte, beschränkten sich seine Schulkenntnisse
auf fließendes Lesen und das Schreiben seines Namens.
»Von Weltlicher oder politischer Erkäntniss hat der Fischer Heering gar
wenig erlangen können, indem ihm seine Berufs- und Lebensumstände, da
er seine Zeit von Jugend auf Tag und Nacht mehrenteils auf dem Wasser
zugebracht, auch sonst noch jetzo keine Gesellschaft liebt, niemals
zugelassen, noch ihn auch sonst seine Neigung dahin angetrieben, weder
Zeitungen, noch Geschichtsbücher zu lesen, oder Umgang mit belesenen
und cultivirten Personen zu haben, von welchen er etwa von alten und
neuen Staatssachen etwas hören oder lernen möge; sondern in Betracht
einer politischen Einsicht kann man von dem Fischer Heering wenig oder
nichts, jedoch sonst mit Wahrheit dieses sagen, daß er ein so genannter
=guter einfältiger Mann= sey.«
Diese Charakteristik des Bildungsgrades ist von erhöhtem Interesse
im Hinblick auf den Inhalt der Visionen. Wir machen sehr oft die
Erfahrung, daß die Seher den unteren Ständen angehören und Visionen
haben, deren Inhalt ihrem Interessenkreis fernliegt.
In seinem Benehmen zeichnete er sich durch Ehrerbietung und Gehorsam
gegen Vorgesetzte und Obrigkeit, durch Verträglichkeit gegen die
Nachbarn und Bescheidenheit und Dienstfertigkeit gegen jedermann
aus. In seinem Fischhandel war er sehr billig, da er viel Glück im
Fang hatte und glaubte, Gott verpflichte ihn durch den ihm zugehenden
reichen Fischsegen zu Billigkeit. Er hatte bei mäßigem Vermögen und
Zufriedenheit stets sein Auskommen gehabt und auch alle seine Kinder
versorgt. In seinen alten Tagen zog er als Austrägler mit seiner
Frau zu seiner ältesten verheirateten Tochter, der er sein Prossener
Haus übergab, übte aber – unter andächtigem Gesang – immer noch sein
Fischergewerbe aus. Wegen seiner redlichen Führung verwaltete er
jahrelang das Amt eines Gerichtsschöppen.
Was nun endlich seine Konstitution betrifft, so war er bis zu seinem
sechzigsten Lebensjahre kräftig und gesund, trotz der schwersten
Arbeit, die er von Jugend auf bei Hitze und Frost verrichten mußte. Die
einzigen Spuren dieser Tätigkeit waren ein etwas gebückter Gang und –
eine Folge des schweren Ziehens – ein etwas verdickter Hals. Er hatte
einen Sprachfehler und stockte in der Rede.
Sein Gesicht war aufrichtig, sein Wesen beständig freundlich,
sein Temperament sanguinisch-cholerisch, »und wenn auch etwas vom
Temperamento Melancholico bey ihm influiret, so hat man doch zu keiner
Zeit das geringste Unordentliche, oder etwas Vitiös-Melancholisches
in seiner Gesinnung, Thun und Lassen verspüret, immaßen er sonst
auch bey der Prossner Gemeinde nicht als ein Gerichtsschöppe hätte
mögen bestellet und gebrauchet werden können. Und wie er mit keiner
Melancholie behaftet ist, so kann man in seinem Wandel weder ein
herrschendes Laster überhaupt, noch insonderheit einen Ehrgeiz oder
Hochmuth an ihm finden, indem er sich sowohl in seiner Kleidung
sparsam und gering hält, als auch in seinen Worten, Werken, Thun und
Lassen, im äußerlichen Bezeigen, alle Demuth und Niedrigkeit von sich
an den Tag leget, und sich darneben mit geringer Kost begnüget.
So ist auch der Fischer am allerwenigsten ein Sonderling, oder einer
falsch eingebildeten vorzüglichen Heiligkeit, eines schwärmerischen
enthusiastischen Unwesens, noch irgend einem andern sektirischen
Wesen zugetan, sondern hält sich in seiner Evangelischen Bekäntniss
zur Lauterkeit in unserer Religion, und unter Göttlichen Beystande in
der Thätigkeit des Glaubens zu denen Schranken, in welchen ein Christ
suchen muß, sein Gewissen allenthalben zu bewahren, worbey er sich
jedoch unausgesetzt als einen armen Sünder vor GOtt demüthig bekennt.«
Zum Schluß ruft Süße die ganze Gemeinde und alle die Heering kennen,
zum Zeugen auf, daß er in keiner Weise bezüglich seiner Personalien
übertrieben habe. Wir glauben das um so eher, als – von äußeren Gründen
ganz abgesehen – der Bericht das Zeugnis innerer Wahrheit an der Stirne
trägt.
Fassen wir die wichtigsten Momente aus der Charakteristik zusammen,
so steht fest, daß es sich beim Prossener nicht um einen überspannten
Schwärmer, sondern um einen an Körper und Seele =gesunden=, in Arbeit
ergrauten, ehrlichen, fleißigen Bürger und Familienvater handelt,
dessen soziales Niveau gleich dem seiner Bildung tief liegt[110].
Daß Heering die Gabe der Prophezeiung besaß, war bald im Volke
bekannt. Während man ihm aber Visionen andichtete, die er nie gehabt
hatte, hat sein Beichtvater Süße bereits seit dem Jahre 1756, als die
Weissagungen ernsten Inhalt bekamen und schon mit Rücksicht auf den
beginnenden Krieg bedenklicher wurden, den Mann gewissenhaft beobachtet
und darüber einen Aufsatz verfaßt, in dem er Heerings Charakteristik
und Vergangenheit skizzierte. Und zwar tat er das auf Veranlassung
des Prossener hin, nicht aber umgekehrt. Damit fällt der Verdacht,
Süße habe, um sich interessant zu machen oder aus anderen Gründen,
Heering »entdeckt« oder habe ihn gar zu kirchlichen Propagandazwecken
benutzt[111].
Zwar enthielt der erwähnte Aufsatz, die Art, in der die Visionen sich
einstellten, angegeben, nichts aber von deren Inhalt, mit alleiniger
Ausnahme der Voraussage einer damals noch nicht existierenden hohen
Allianz.
Dieser Aufsatz war also lediglich zu privaten Zwecken verfaßt worden,
um nämlich Süße als Grundlage für weitere Forschung an Heering zu
dienen, ferner um Freunden, die sich bei ihm über den merkwürdigen Mann
erkundigten, Auskunft erteilen zu können. Wiewohl also die Absicht
der Publikation nicht bestand, hat ein Freund Süßes eine Abschrift
ohne sein Wissen und Willen und ohne Revision, auch nicht vollständig,
veröffentlicht, und zwar in zwei einzelnen halben Druckbogen. Dadurch
sah sich Süße veranlaßt in Nr. XXXVIII der »Dresdner wöchentlichen
Frag- und Anzeigen des politischen Blats« vom Jahre 1757 dagegen
öffentlich Stellung zu nehmen.
Die Verwahrung, die für uns, wenn wir an Süßes Ehrenhaftigkeit zweifeln
wollten, doppelt wertvoll ist, da sie beweist, wie frühzeitig schon die
Öffentlichkeit sich mit dem interessanten Phänomen beschäftigte und wie
viele Jahre lang Süße nachweisbar den Mann unter Augen hatte, lautet:
»Man siehet ohne beniemten Ort des Abdrucks im Druck: =Zuverlässige
Nachricht derer außerordentlichen Anzeigen und Voraussagungen Christian
Heerings, eines Fischers zu Prossen bey Königstein=, 1757[112].