Auch auf einem Umwege, Majunke folgend, kommen wir zu demselben

Resultat. Wir argumentieren dann: die konkreten Tatsachen der Verse

72 und 73 deuten, was noch niemand bestritt, zweifellos auf den

Großen Kurfürsten. Ebenso die konkreten Tatsachen des Verses 77,

der Jammer im Lande über das brutale Aushebungssystem, auf Friedrich

Wilhelm I. Also müssen – allerdings unter einer Voraussetzung, die

wir =nicht= teilen, daß nämlich jede Prophezeiung eintreffen =müsse=

– die dazwischen liegenden Verse auf den ersten König Preußens

bezogen werden. Das ist ja gewiß nicht zwingend, aber es erhöht die

Wahrscheinlichkeit für die Richtigkeit unserer Zuteilung. Und dies um

so mehr, als das nunmehr in allen wichtigen Punkten – von dem bereits

erwähnten Irrtum bezüglich der elften Generation abgesehen – mit den

historischen Tatsachen harmonierende Vaticinium gewiß den Anspruch

erheben darf, nicht sinnwidrig ausgelegt zu werden. Wenn wir auch

keinem Menschen Unfehlbarkeit einräumen, so werden wir doch bei einem

als klug bekannten Manne jedem Ausspruch mehr Beachtung schenken, als

bei einem Toren und sogar in gewissen Fällen geneigt sein, bei Worten,

die uns anstößig erscheinen, den Fehler eher bei uns, als beim andern

zu suchen. Diesen Analogieschluß fordern wir auch für das Vaticinium.

Daß Vers 80 nur teilweise auf den Soldatenkönig paßt, sei nicht

geleugnet. Der Seher sah eben nicht nur bisweilen falsch, er sah auch

manchmal unklar, wie das ja bei Weissagungen sehr häufig ist.

Dies berücksichtigt muß jeder, der tendenzlos an die Weissagung

herantritt, zugeben, daß ihr Inhalt in ganz wunderbarer Weise von der

späteren Geschichte bestätigt wurde.

Friedrich der Große ist nicht minder treffend charakterisiert, wie

sein Neffe und Nachfolger Friedrich Wilhelm II., auch wenn man nicht

zugeben wollte, daß er im Wasser gestorben ist. Desgleichen Friedrich

Wilhelm III., dessen Regierung bedeutend günstiger endete, als er es

nach seinen Fähigkeiten und der politischen Konstellation Europas je

hätte hoffen dürfen. Und zwar, wie das Vaticinum ganz richtig andeutet,

durch eine neu heranwachsende Macht, nämlich durch den Patriotismus

eines Volkes, das sich mündig zu fühlen beginnt.

Der letzte des Stammes, Friedrich Wilhelm IV., soll nicht heißen der

letzte Hohenzoller, wie aus Vers 49 hervorgeht, sondern der letzte

Protestant. Denn das durch das verruchte Weib in die Familie getragene

und elf Generationen fortwirkende Gift, ist ja der Protestantismus. Daß

die Hohenzollern noch heute Protestanten sind, ist hinlänglich bekannt.

Trotzdem stimmt die Prophezeiung wunderbar in anderer Beziehung, da

Friedrich Wilhelm der letzte absolute Beherrscher Preußens war. Wer

aber das wichtigste Ereignis in der Regierungszeit dieses hochbegabten

Monarchen angeben wollte, würde die Revolution des Jahres 1848 nennen

müssen mit ihren konstitutionellen Folgen. Und mit diesem Ereignis sind

tatsächlich die beiden einzigen Verse, die von diesem König handeln,

Vers 93 und 94, ausgefüllt.

Und wer wird endlich die verblüffende Wahrheit des 95. Verses leugnen

wollen? Hier ist ja mit klaren und deutlichen Worten, ohne jede

symbolisierende Einkleidung, die Neuerrichtung des deutschen Reiches

unter Wilhelm I. vorhergesagt. Diesen Vers hatte übrigens bereits

Seyler in seiner im Jahre 1741 zu Frankfurt und Leipzig erschienenen

Schrift: »Weitere Ausführung derer ohnlängst bekannt gewordenen, und

jetzo in einem Zusammenhang gebrachten, auf das allerdurchlauchtigste

Königliche Haus Preußen und dessen noch bevorstehende glückliche Fata,

abzielender, nachdenklichen, wundersamen und =in gegenwärtigen Zeiten

eingeschlagenen= Weissagungen usw.« richtig interpretiert. Allerdings

glaubte er – was er ja nach der damaligen politischen Konstellation

auch glauben mußte – ein König von Preußen würde zum römischen Kaiser

erwählt werden.

Sind wir also auch der Ansicht, daß es sich in diesem Vaticinium um

eine Weissagung handelt, deren Inhalt in einer stattlichen Reihe

von Punkten in Erfüllung gegangen ist, so ist damit allerdings

noch nichts über die Gründe dafür gesagt. Mancher, der unserer

Ansicht in materieller Beziehung beipflichten wird, mag den Zufall

als Erklärungsgrund zur Hilfe nehmen. Wir sind nicht in der Lage

diesen Skeptiker zu widerlegen. Aber wir halten es für höchst

unwahrscheinlich, daß eine so lange und komplizierte Reihe von

Vorhersagen durch weiter nichts als den Zufall in Erfüllung gegangen

sein soll.

Doch wollen wir vorläufig das Urteil hierüber noch dem Leser überlassen.

Fahren wir in unserem Beweise fort. Wir gingen von einzelnen

Prophezeiungen, bei denen Zufall oder Berechnung eine mehr oder minder

große, bisweilen ausschlaggebende Rolle spielen können, aus, um im

Vaticinium lehniense eine ganze Reihe von Vorhersagen =derselben=

Person, anzuführen, und finden, daß die große Mehrzahl der Vorhersagen

in Erfüllung ging. Allerdings haben wir es hier mit Versen, also mit

stilisierten Visionen zu tun, was in mancher Hinsicht freilich ihre

Realisierung desto erstaunlicher macht.

Gegen das Vaticinium lehniense kann der Einwand erhoben werden, man

kenne noch nicht einmal den Verfasser – wiewohl das sachlich ja gar

nichts ändert – auch die Interpretationen stammten nicht vom Seher

selbst, sondern zum Teil von uns. Deshalb wollen wir im folgenden das

Rohmaterial einiger Personen anführen, deren historische Persönlichkeit

völlig einwandfrei identifizierbar ist und die womöglich selbst ihre

Visionen deuteten.

Fußnoten:

[75] Übersetzt in Anlehnung an Wilhelm =Meinhold=. Die Lehninsche

Weissagung, Neuausgabe von Paul Majunke, Regensburg 1896, S. 156 ff.

Die Anmerkungen sind zum Teil Meinhold (S. 172–234) entnommen, zum Teil

=M. W. Heffter=, Die Geschichte des Klosters Lehnin, Brandenburg 1851,

S. 95 ff.

[76] Lehnin wurde im Jahre 1180 vom Markgrafen Otto I. aus dem Hause

der Askanier, dem Vater Albrechts des Bären, begründet. Das Haus ging

1313 unter, tatsächlich sehr schnell (V. 10), da Leutinger (Topograph.

March. Tom. II, Opera 1119 nov. edit.) erzählt, daß neunzehn Fürsten

aus diesem Stamme innerhalb zweier Jahre gestorben seien. Der letzte

war Waldemar.

[77] Die »Höhle der Löwen«, da sowohl die Wittelsbacher, die von

1323–1373 über die Mark herrschten, als auch die Luxemburger, von

1373–1415 Herren der Mark, den Löwen im Wappen führen. Der 16. Vers

bezieht sich auf den sogenannten falschen Waldemar, der 1319 die Leiche

eines fremden Mannes als die seinige hatte begraben lassen und nach

Jerusalem pilgerte. Den nach 28 Jahren Zurückgekehrten erkannte fast

das ganze Land an, auch Kaiser Karl IV., der ihn am 3. Oktober 1348

feierlich zum zweiten Male mit allen Landen, die er früher besessen

hatte, belehnte. Da der junge Ludwig dagegen sich auflehnte, entbrannte

ein vierjähriger Kampf, bis sich Waldemar nach Dessau zurückzog.

[78] Bezieht sich vielleicht auf den Einfall der Polen und Littauer in

die Mark 1326. Ob Chorin, ein um 1272 angelegtes Tochterkloster von

Lehnin, dabei berührt wurde, läßt sich nicht feststellen. Meinhold

glaubt dagegen, die »Fremdlinge« seien Karl IV., der mit seinen Söhnen

Wenzel und Sigismund 1374 nach Chorin kam, und die in Bruderzwist

geratenen Wittelsbacher Otto, Stephan und Friedrich, drei Brüder gleich

den drei Häuptern des Cerberus, bändigte, indem er seinem Schwiegersohn

Otto die Mark für 200000 Dukaten abkaufte.

[79] Da Karl die Mark bald verließ, Sigismund sie gar an Jobst von

Mähren, der sie schamlos ausbeutete, verpfändete, der Adel (Quitzow,

Jagow, Bredow usw.) sein Unwesen trieb, so ist das düstere Bild

historisch.

[80] V. 27–34 betreffen Friedrich I. von Hohenzollern, seit 1415

Markgraf von Brandenburg († 1440), der durch Unterwerfung des

Adels (Wölfe) natürlich auch die Untertanen (Schafe), wenigstens

vorübergehend, schädigte. Ob Meinhold (S. 182) das Richtige trifft,

wenn er longaeva dierum adverbaliter auffassend, übersetzt: »dein Stamm

wird nach langen Zeiten mit geringer Gewalt die väterlichen Fluren

beherrschen«, als Vorahnung der Konstitution des 19. Jahrhunderts,

lassen wir dahingestellt. Grammatikalisch dürfte diese Übersetzung

zulässig sein.

[81] Nach dem Recht der Erstgeburt wäre Friedrichs Nachfolger sein Sohn

Johann der Alchymist gewesen. Friedrich aber bestimmte ihn, zugunsten

des tapferen Friedrich II. zu verzichten. »Ermüdet« durch immerwährende

Kriege zog er sich auf die Plassenburg zurück, nachdem er seinem

jüngeren Bruder Albrecht die Regierung übergeben hatte. Er starb am 11.

Februar 1471. Die Lesart bustum (Grab) könnte als Anspielung darauf

gedeutet werden, daß Friedrich II. und Johann im gleichen Kloster

Heilsbronn bestattet wurden. (Vers 35–38.)

[82] Albrecht Achilles folgte »zur Zeit des Todes« – 1472 war eine

heftige Pest – seinem Bruder. Seine Fehden gegen Nürnberg (»den Berg«)

sind bekannt. Er konnte kaum das kleine Heersbrück (»die Brücke«)

erobern. Vielleicht ist hier auch eine Anspielung auf seine Niederlage

bei Brück an der Rednitz gemacht. Er war einer der prunkliebendsten

Fürsten seiner Zeit. Lehnin hat er nichts getan, wohl aber mit zwei

Bischöfen, dem von Würzburg und dem von Bamberg, in Fehde gelegen. Er

starb 1486. (Vers 39–42.)

[83] Johannes Cicero, Freund der schönen Künste und sehr beredt.

Er soll durch seine Rednergabe die Versöhnung des römischen Königs

Matthias mit den Königen Kasimir von Polen und Wladislaw von Böhmen

vermittelt haben. Kurz vor seinem Tode (1499) ermahnte er seine Söhne,

guttätig, gottesfürchtig, gerecht und treue Stützen ihrer Untertanen zu

sein, denn – so heißt es am Schlusse des noch erhaltenen Briefes: »lebt

und regiert ihr gerecht, so werden euch die Guten lieben, und die Bösen

fürchten, und unsterblicher Ruhm wird euer Teil werden.« Das ging in

Erfüllung, da beide Söhne Kurfürsten wurden: Joachim von Brandenburg

und Albert Erzbischof von Mainz. (Vers 43–46.)

[84] Gemeint ist die Kurfürstin Elisabeth, Gemahlin Joachims I.,

Tochter Königs Johann von Dänemark, die der Reformation (»traurige

Pest«) zuneigte. Tatsächlich dauert das »Gift« schon länger als 11

Generationen, denn folgende Hohenzollern sind protestantisch gewesen

bzw. sind es noch heute: Johann Georg, Joachim Friedrich, Johann

Sigismund, Georg Wilhelm, Friedrich Wilhelm (der Große Kurfürst),

Friedrich I., Friedrich Wilhelm I., Friedrich der Große, Friedrich

Wilhelm II., Friedrich Wilhelm III., Friedrich Wilhelm IV. (als

elfter!), Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II. Bis heute also

14 Generationen. Aber selbst wenn wir die Kinderlosen Friedrich den

Großen und Friedrich Wilhelm IV., weil genau genommen keinen Stammbaum

(Stemma) bildend, streichen, sind es bereits 12 Generationen. Stimmt

also diese Prophezeiung auch nicht wörtlich, so ist sie doch richtig

hinsichtlich der langen Reihe protestantischer Herrscher. Diese ließ

sich um so weniger voraussehen, als inzwischen das Glaubensbekenntnis

der deutschen Herrscherfamilien stark gewechselt hat. Man denke an die

protestantischen pfälzischen Wittelsbacher, deren Nachkommen heute

als katholische Könige herrschen, ferner an den Glaubenswechsel im

Königreich Sachsen, den bevorstehenden in Württemberg usw. (Vers 46–49.)

[85] Joachim II. trat mit seinem Lande dem Protestantismus bei, hob

1542 die Klöster, auch Lehnin, auf, brach den seinem Vater geleisteten

Eid, dem Katholizismus treu zu bleiben, und führte ein lockeres Leben.

Er starb 1571. (Vers 50–54.)

[86] Johann Georg setzte die Reformation fort, befehdete die

Calvinisten und war schwach. Er starb im Pestjahr 1598 in seinem

prächtigen Schloß zu Köln an der Spree. (Vers 55–59.)

[87] Joachim Friedrich war der erste in Berlin geborene Kurfürst, ein

eifriger Anhänger des Luthertums, der, mit Recht, den Übertritt seines

Sohnes zum verhaßten Calvinismus befürchtete. Er starb 1608. (Vers

60–62.)

[88] Joachim Sigismund trat zum Calvinismus über (eine Erfüllung

des Vers 58) und verursachte durch sein dahingehendes Edikt viel

Verstimmung, mehr aber noch durch die Ohrfeige, die er 1613 dem

Pfalzgrafen von Neuburg in Wesel bei der Tafel gab. Der Prophet hält

(Vers 66) den Calvinismus für noch schlechter als das Luthertum. Der

Kurfürst konnte seine Ansprüche auf das Jülische Erbe nicht voll

durchsetzen und litt unter der Übermacht der Städte. Er starb 1620.

(Vers 63–67.)

[89] Georg Wilhelm war ein schwacher Fürst, unter dessen zwischen den

Schweden und dem Kaiser schwankenden Regierung das Land durch den

Dreißigjährigen Krieg schwer litt. Sein Vertrauen zum allmächtigen

Grafen Adam von Schwarzenberg, dem österreichischen Gesandten am

Berliner Hof, schädigte das Land. Der Kurfürst starb am 21. November

1690, schon 3½ Monate später Schwarzenberg (4. März 1691), der

allerdings nicht sein Diener war. »Schamlos« wird er wohl genannt, weil

er Gustav Adolf nicht energisch begegnete. (Vers 68–71.)

[90] Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, in der Prophezeiung

interessanterweise »groß« genannt, hat tatsächlich sein Land bedeutend

vergrößert, nämlich um etwa 30000 qkm. Die dritte Burg (Nürnberg,

Brandenburg) wäre das im Westfälischen Frieden zu Preußen geschlagene

Magdeburg. Der Große Kurfürst starb 1688. (Vers 72–73.)

[91] Diese Verse könnten auf den klugen Kurfürst Friedrich III., als

König Friedrich I. Anwendung finden, sind allerdings sehr verschwommen.

Daß er Preußen zum Königreich erhob, hätte immerhin betont werden

können. Allerdings scheint das Wort Regens (statt des sonstigen

dominus, heros, princeps) eine Anspielung auf die Königswürde zu

enthalten. (Vers 74–75.)

Übrigens darf nicht verschwiegen werden, daß nicht notwendigerweise die

Verse 72–75 auf zwei Herrscher bezogen werden müssen, doch ist es nach

dem Wortlaut der Prophezeiung zulässig.

[92] Friedrich Wilhelm I., Sohn des Vorigen, trat allerdings nicht in

die Fußtapfen des Vaters, was aber sicherlich für Preußen kein Unglück

war. Der Name täuschte insofern, als Friedrich Wilhelm bekanntlich ein

Soldatenkönig war. Seine brutale Werbemethode mag auch die Tränen der

Mütter erklären. Voltaire meinte, die damalige Türkei sei ein wahrer

Freistaat gegen das damalige Preußen gewesen. Der König, der 1740 an

der Wassersucht starb, war allerdings sehr entstellt, aber keineswegs

innerlich gebrochen. Mag es damals in Preußen auch barbarisch und

ungemütlich zugegangen sein, so steht doch fest, daß Friedrich Wilhelm

das Schwert schmiedete, dessen sein Sohn sich bediente. (Vers 76–89.)

[93] Die Verse 83–84 beziehen sich auf Friedrich den Großen, der als

achtundzwanzigjähriger Jüngling den Krieg mit Maria Theresia, der

»großen Gebärerin«, die damals mit Joseph II. in der Hoffnung war und

im ganzen 15 Kinder hatte, begann. Die schweren Leiden des Staates

im Siebenjährigen Kriege sind hinlänglich bekannt. Was das Beklagen

des »grausen Schicksals« betrifft, so schrieb der große König am 28.

Oktober 1760 an den Marquis d’Argens (Hinterlassene Werke, Bd. 10,

S. 292): »Ich habe alle meine Freunde, meine geliebtesten Verwandten

verloren, mich trifft jede nur mögliche Art von Unglück; mir bleibt gar

keine Hoffnung übrig; ich sehe mich von meinen Feinden verspottet, und

ihr Stolz trifft Anstalten, mich unter die Füße zu treten. Ach! Marquis,

Wenn alles uns verläßt, die Hoffnung selber flieht,

Dann wird das Leben Schmach, und eine Pflicht der Tod!«

Daß auch das »Seufzen« der Königin, zumal sie ja geschlagen wurde,

historisch ist, bedarf keiner näheren Ausführung. Was den Südwind

(auster) betrifft, so liegt die Anspielung auf Österreich nahe genug.

Sogar das Kloster spielte eine vorübergehende Rolle in Friedrichs

Leben. Denn im Zweiten Schlesischen Kriege (1745) mußte er, vor

einer Schwadron ungarischer Husaren fliehend, sich im Kloster Kamenz

verbergen. Hier wurde er als Zisterziensermönch verkleidet und unter

die übrigen Mönche im Chor versteckt. König Friedrich Wilhelm IV.

ließ sich im Jahre 1846 noch die Stelle in der Klosterkirche von

Kamenz zeigen, wo Friedrich im Chor als Mönch verkleidet gesessen und

mitgesungen hatte. Flautibus austris mit »vor den heranstürmenden

Österreichern« mit Ponk (Knop) zu übersetzen, will mir doch zu kühn

scheinen, wenn es auch dem Sinne nach sicher richtig ist. Aber wenn

wir sogar »vor den wehenden Südwinden will er sein Leben den Klöstern

anvertrauen« übersetzen, womit wir keinerlei Gewalt antun, ist der Sinn

klar und die Erfüllung buchstäblich eingetroffen.

[94] Friedrich Wilhelm II., der Neffe Friedrichs des Großen – daß hier

der Prophet die Bezeichnung als Sohn, was doch sonst bei ihm die Regel

ist, fortließ, ist auf alle Fälle merkwürdig, zumal Friedrich Wilhelms

Nachfolger in den späteren Versen wieder richtig als Sohn bezeichnet

wird – war tatsächlich ein nach jeder Richtung schlechter Herrscher,

der auch insofern die Sitten der Väter nachahmte, als er an seinem Hofe

eine schamlose Maitressenwirtschaft einführte. Daß die Religiosität

damals wie überall, so auch in Preußen danieder lag – wenigstens wenn

wir unter Religiosität Kirchengläubigkeit verstehen – ist hinreichend

bekannt. Auch die öffentliche Sittlichkeit stand sehr tief. Vgl. Ed.

Vehse, Geschichte des preußischen Volks und Adels. I. Abt., 5. Bd. und

Paulig, Friedrich Wilhelm II., sein Privatleben und seine Regierung.

Vers 87 mag sich auf Kaiser Franz II. beziehen, der sich 1792 am

Kriege gegen Frankreich beteiligte, und im Frieden von Basel, am

5. April 1795, von ihm im Stich gelassen wurde. Friedrich Wilhelm

erleichterte dadurch zweifellos die späteren Erfolge der Franzosen

gegen Deutschland. Massenbach schreibt »Der Staat war seiner Auflösung

nahe«.

Der König starb (1797) tatsächlich im Wasser, nämlich in seinem von

Seen umgebenen Schlosse zu Potsdam an der Wassersucht.

Interessant ist, daß der König sich nicht lange vor seinem Tode die

Lehninsche Prophezeiung kommen ließ, und zwar das älteste Exemplar der

in der Berliner Bibliothek vorhandenen Handschriften. Er gab es nicht

zurück. Es soll das Original der Weissagungen gewesen sein. (Vgl. Otto

Glagau »Kulturkämpfer«, Heft 93, S. 32.) (Vers 85–88.)

[95] Die ersten beiden Verse (89 und 90) passen in erstaunlicher Weise

auf Friedrich Wilhelm III. Denn tatsächlich hat dieser schwache und

unfähige Monarch, nachdem er im Tilsiter Frieden alles Land westlich

der Elbe hatte abtreten müssen, so daß Preußen von 5551 qkm und

8687000 Einwohnern unter seinem Vorgänger auf 2859 qkm mit 4940000

Einwohnern zusammengeschmolzen war, am Ende seiner Regierung wieder

über 5050 qkm mit 10400000 Einwohnern verfügt. Ja, das Rheinland und

einen großen Teil Sachsens hatte er neu gewonnen. Die furchtbaren

Leiden des Volkes während der Napoleonischen und Freiheitskriege sind

hinlänglich bekannt, ebenso, daß das Volk und durchaus nicht der König

die Wiederaufrichtung des Staates ermöglichte. Ferner ist zu beachten,

daß in die Regierung des Königs die Säkularisationen von Klöstern

und Kirchengut fallen, was wenigstens der katholischen Bevölkerung

schmerzlich war. Die neu heranwachsende Macht des Volkes, die sein Sohn

verspüren sollte, ahnte Friedrich Wilhelm III. allerdings nicht. Daß

die Untertanen durch ihr Gut und Blut das Schicksal abwenden und nach

vollbrachter Tat sich ruhig knechten lassen sollten, war seine naive

Auffassung. (Vers 89–92.)

[96] Vers 93 und 94 beziehen sich auf Friedrich Wilhelm IV. Ohne

gewaltsame Interpretation anzuwenden, werden wir finden, daß auch

sie wunderbar zutreffen. Allerdings ist der König nicht der letzte

protestantische Hohenzoller, wohl aber der letzte, der das Zepter

führt im Sinne eines absoluten Monarchen. Denn die Märztage des Jahres

1848, auf die Vers 94 deutlich anspielt, brachten bekanntlich die

Konstitution, die Friedrich Wilhelm III. zwar zu geben geschworen,

aber nicht gehalten hatte, wirklich. Beziehen wir Vers 92 statt auf

Friedrich Wilhelm III., auf seinen Sohn, so trifft es ebenfalls

vortrefflich zu. Denn beide Fürsten hatten keine Ahnung davon, was

für eine Macht im Verlangen des Volkes, sein Schicksal selbst mit zu

bestimmen, heranwuchs.

[97] Am verblüffendsten ist das Eintreffen des 95. Verses: =Das 1871

durch Wilhelm I. errichtete deutsche Kaisertum.=

Ob die folgenden Verse nun in Erfüllung gehen oder nicht, d. h. ob der

Katholizismus wieder ausschließlich herrschen wird, können wir der

Zukunft überlassen. Richtig ist ja leider, daß die Klostergründungen

ebenso wie die Macht des Zentrums in den letzten Dezennien beängstigend

zugenommen haben.

[98] Vgl. =M. W. Heffter=, Die Geschichte des Klosters Lehnin,

Brandenburg 1851, S. 103 ff. Dagegen führt Ponk (Schrammen-Lehnin

S. 15 ff.) eine Reihe von Zeugnissen für die Existenz weit älterer

Handschriften an. Zwingende Beweiskraft hat keines, wenn auch höchst

merkwürdig die Tatsache anmutet, daß die Prophezeiung des P. Speer über

Bayern zum Teil wörtlich mit der Lehninschen übereinstimmt. Da Speer

aber bereits 1632 starb, muß entweder unsere fast ein Jahrhundert älter

sein, als behauptet wird, oder aber der angebliche Hermann hat Speer

kopiert. –

[99] =Sabell=, Literatur der sogenannten Lehninschen Weissagung.

Heilbronn 1879.

[100] Nämlich Hermann I. 1234–1243; Hermann II. 1248–1257 und Hermann

III. bis 1296. Vgl. D. B. Dettmar, Lehnin und seine Fürstengräber,

Regensburg 1885, S. 119.

[101] J. C. L. Gieseler, Die Lehninsche Weissagung gegen das Haus

Hohenzollern als ein Gedicht des Abtes von Huysburg, Nicolaus von

Zitzwitz, aus dem Jahre 1692 nachgewiesen, erklärt und in Hinsicht auf

Veranlassung und Zweck beleuchtet. Erfurt 1849.

[102] Die Lehninsche Weissagung, Berlin 1888, S. VII.

Fünftes Kapitel

Christina Ponitowssken

Unter den außerordentlich zahlreichen vermeintlichen und wirklichen

Sehern des 17. Jahrhunderts verdient die Jungfrau Christina

Ponitowssken schon deshalb Beachtung, weil es gar keinem Zweifel

unterliegen kann, daß sie von der Göttlichkeit ihrer Mission und dem

hohen Wert ihrer Visionen überzeugt war. Was letzteres betrifft, so

sind wir darüber allerdings anderer Ansicht und neben Bewunderern hat

es auch unter ihren Zeitgenossen nicht an solchen gefehlt, die ihnen

allen Wert absprachen[103].

Tatsächlich handelt es sich auch in der Regel um recht allgemeine,

phantastisch verbrämte, biblische Redensarten und Ermahnungen, deren

Unterlassung die Welt nicht aus ihren Gleisen geworfen hätte.

Als Beispiel für die Art der Visionen, aber auch um ihres Inhaltes

willen, den man immerhin auf die Schwedenkriege beziehen kann, sei

nachstehend eine Vision vom 13. Januar 1628 mitgeteilt.

Es sei vorausgeschickt, daß Christina die Tochter eines böhmischen

Geistlichen war, etwa sechzehnjährig in eine schwere Krankheit verfiel

und von da ab zahlreiche Visionen hatte, die im Jahre 1629 im Druck

erschienen. Die erste auf die hin sie dann krank wurde, trat am 2.

November 1627 ein. Sie sah eine blutige Rute am Himmel, deren Stiel

gegen Mitternacht, deren Spitzen aber gegen Mittag gekehrt war.

Daß nach dem Einfall Gustav Adolfs diese Vision als Voranzeige des

Schwedenkrieges, der ja wenige Jahre später ausbrach, gedeutet wurde,

ist nahe liegend.

Die Vision vom 13. Januar lautet[104]:

»Donnerstags hatte ich um 2 Uhr nach Mittage folgendes Gesicht:

Erstlich kam zu mir der HERR, in schöner Gestalt, both mir die Handt,

und sprach: Mein Segen sey mit dir jmmer und zu ewigen Zeiten.

Weiter sprach er: Komm mit mir: Und ich ging mit ihm, gleich als in

einen schönen Garten, da kam zu uns der Alte[105], grüßte mich mit

Handgebung, giengen also spatzieren, der HErr mir zur Rechten, der Alte

zur Linken, ich aber in der Mitten, von ihren beyden Händen geführet:

Da klagte ich dem Alten mein Elend, daß ich nun gantzer 8 Tage meine

Ohren verstopfft, und meine Zunge gebunden hette gehabt, unnd bahte,

daß er mir meine Ohren öffnen, unnd meine Zunge wieder lösen wolte,

weil der HErr, solches zu thun, sich geweigert, und gesaget, Er der

Alte, hette eben die Gewalt als er, weil sie gleich an Macht und Ehren:

Darauff sprach der Alte: Wie bistu doch so ungeduldig, unnd warumb

klagest du also? Ich antwortet: Darumb O HErr ist mein Herz betrübet

gewesen, weil ich gedachte, das were eine Straffe und Züchtigung von

dir, und eine Anzeigung deines Zorns gegen mir, wie ich denn weiß, daß

ich nicht allein zeitliche, sondern auch wol ewige Straffe verdienet:

Er sprach abermal: Worbey merckestu, daß das ein Zornzeichen sey, an

deiner Zunge und an deinen Ohren[106]?«

Prophezeiungen · 第 11 / 27 段