sorgsam singen die Zukunft[75], cano fata futura
Die mir gezeigt der Herr, Quae mihi monstravit Dominus,
der alles einst hat geschaffen. qui cuncta creavit;
Denn obschon du erglänzest Nam licet insigni sicut sol
im hellen Licht, wie die Sonne, splendeas igni,
Und der Andacht allein dein Et vitam totam nunc degas
ganzes Leben jetzt widmest, summe devotam,
5) Reichtum auch und der Segen des Abundentque rite tranquillae
friedlichen Daseins dir commoda vitae:
zuströmt:
So wird doch kommen die Zeit, die Tempus erit tandem, quod te
dich nicht erschaut, wie du non cernet eandem,
jetzt bist,
Nein, kaum etwas von dir, ja Immo vix ullam, aut, si bene
richtig gesagt, vielmehr gar dixero, nullam.
nichts.
Allzeit hat das Geschlecht dich Quae te fundavit gens, haec
geliebt, das einst dich te semper amavit.
begründet[76].
Sinkt es dahin, fällst auch du, Hac pereunte, peris, nec
und bleibst nicht liebwerte mater amabilis eris.
Mutter.
10) Und jetzt naht sich ohne Verzug Et nunc, absque mora,
die traurige Stunde, propinquat flebilis hora,
Da Ottos Geschlecht, die Zierde Qua stirps Othonis, nostrae
unserer Gegend, decus regionis,
Durch schweres Schicksal Magno ruit fato,
dahinsinkt, da Leibeserben nullo superstite nato;
nicht da sind.
Und dann fällst du zuerst, doch Tuncque cadis primum, sed
noch nicht fällst du am nondum venis ad imum.
tiefsten.
Unterdes wird die Mark durch Interea diris angetur
schreckliche Drangsal Marchia miris.
geängstigt.
15) Denn der Ottonen Haus wird werden Nam domus Ottonum fiet
die Höhle des Löwen[77]. spelunca Leonum.
Und verstoßen wird sein, wer Ac erit extrusus vero de
echtem Blute entsproßte. sanguine fusus;
Dann dringen Fremdlinge vor bis Quando peregrini venient
zum Dache des Klosters ad claustra Chorini,
Chorin[78].
Des Kaisers List aber bald Cerbereos fastus mox
beseitigt den höllischen tollet Caesaris astus.
(des Cerberus) Hochmut.
Doch wird wenig die Mark sich Sed parum tuto gaudebit
freuen des sicheren Schutzes, Marchia scuto.
20) Denn auf anderer Bahn wird Regalis leo rursum tendit
wandeln der Löwenkönig. ad altera cursum,
Nicht wird sehen das Land die Nec dominos veros haec terra
wahren Herrn und Gebieter. videbit et heros.
Alles werden Regenten verwirren Omnia turbabunt rectores,
und Schaden ihm machen; damnaque dabunt
Quälen wird allerwärts der Nobilitas dives vexabit
reiche Adel die Bürger, undique cives,
Und berauben den Klerus, ohne Raptabit clerum nullo
irgendwie Auswahl zu treffen. discrimine rerum:
25) Und werden tun alsdann, was man Et facient isti, quod
tat zu den Zeiten des Heilands. factum tempore Christi.
Und vieler Leiber verkaufen, was Corpora multorum vendentur
gegen den göttlichen Willen[79]. contra decorum.
Daß dir Mark nicht völlig ein Ne penitus desit tibi, qui,
Herrscher fehle, so steigst du, mea Marchia, praesit,
Durch zwei Burgen berühmt, empor Ex humili surgis, binis nunc
aus niederer Stellung, inclyte burgis,
Zündest die Kriegsfackel an, da Accendisque facem jactando
dein Name doch Friede bedeutet. nomine pacem,
30) Während die Wölfe du tötest, Dumque lupos necas, ovibus
zerschneidest das Herz du den praecordia secas.
Schafen.
Wahrheit künde ich dir: dein Dico tibi verum, tua stirps
Stamm von sehr langer Zukunft, longaeva dierum
Wird mit schwacher Gewalt nur die Imperiis parvis patriis
heimischen Gaue beherrschen, dominabitur arvis,
Bis zu Boden gestreckt, die Donec prostrati fuerint,
bisher mit Ehren bekleidet, qui tunc honorati
Städte verwüsteten und die Herren Urbes vastabant, dominos
am Herrschen gehindert[80]. regnare vetabant.
35) Wer dem Vater jetzt folgt, der Succedens patri tollet
nimmt dem Bruder sein Vorrecht, privilegia fratri,
Aber kein Testament macht Recht, Nec faciet testum (andere
was wider das Recht ist. Lesart: bustum) non
(oder: Nicht wird machen das justum credere justum.
Grab, daß Unrecht für Recht
wird geachtet)
Ihm von mancherlei Krieg und Defesso bellis variis,
Schicksalsschlägen ermüdet, sortisque procellis,
Folgt bald zur Zeit des Tods Mox frater fortis succedit
der tapfere Heldenbruder[81], tempore mortis,
Tapfer ist dieser gewiß, Fortis et ille quidem,
doch auch der eitelsten einer. sed vir vanissimus idem.
40) Während er denkt an den Berg, Dum cogitat montem, poterit
kann kaum er besteigen die vix scandere pontem.
Brücke.
Schaut nur, er schärfet das En acuit enses! Miseri
Schwert! Weh euch, ihr armen vos, o Lehninenses!
Lehniner!
Wie will schonen der Brüder, Quid curet fratres, qui
der die Väter sinnt zu vult exscindere patres?
vernichten?[82]
Wer ihm folgt, der versteht durch Alter ab hoc martem scit
Künste den Mars zu verspotten ludificare per artem,
Und weissaget den Söhnen der Auspicium natis hic praebet
Zukunft reichlichen Segen; felicitatis;
45) Solange man dessen gedenkt, ist Quod dum servatur, ingens
riesiges Glück im entstehen. fortuna paratur.
Gleiches Glückslos wird ja seinen Hujus erunt nati conformi
Söhnen zuteil[83], sorte beati.
Doch wird tragen ein Weib dann Inferet at tristem patriae
traurige Pest in die Lande. tunc foemina pestem,
Dieses Weib durchseucht vom Foemina, serpentis tabe
Gifte der neuen Schlange. contacta recentis.
Gar bis zum elften Glied wird Hoc et ad undenum durabit
dauern das Gift in dem stemma venenum.
Stammbaum[84].
50) Nun wird der, oh Lehnin, der dich Et nunc is prodit, qui te,
maßlos hasset, hervorgehn: Lehnin! nimis odit:
Der dich wie ein Messer zerteilt, Dividit ut culter, atheus,
ein gottloser, ehbrechender scortator, adulter!
Lüstling!
Er verwüstet die Kirche, Ecclesiam vastat, bona
versteigert die geistlichen religiosa subhastat.
Güter.
Geh von dannen, mein Volk! kein Ite, meus populus! protector
Schützer wird dir verbleiben, est tibi nullus,
Bis die Stunde dir schlägt, die Hora donec veniet,
das Verlorne zurückbringt[85]. qua restitutio fiet.
55) Des Wahnsinnigen Sohn billigt Filius amentis probat
das Treiben des Vaters; instituta parentis;
Gänzlich ohne Verstand, beugt er Insipiens totus, tamen
sich dem Willen des Pöbels; audit vulgo devotus;
Weil er nicht strenge genug, Nec sat severus, hinc
nennt ihn man den Besten der dicitur optimus herus.
Helden.
Er darf aus seinem Geschlecht Huic datur ex genere, qui non
einen sehn, der nicht ist, (andere Lesart: Quinos)
wie er selber, qualis ipse, videre,
(oder: Er darf aus seinem
Geschlecht fünf sehn, wie er
selber geraten)
Und in dem Todesjahr an ehrbarem Et anno funesto vitam loco
Orte verscheiden[86]. linquit honesto.
60) Fordern wird nun die Herrschaft Postulat hinc turbae praeponi
des Volks, der städtisch natus in urbe.
Geborne
(Meinhold übersetzt: Hierauf
erklärt sein Sohn in einer
Stadt sich zum Bischof).
Hegend mit Furcht sein Kind, das Spe caeteri sobolem; fovet
andere hegen mit Hoffnung. hie formidine prolem.
Was er fürchtet ist dunkel, doch Quod timet obscurum: certe
sicher wird es geschehen[87]. – tamen, ecce, futurum. –
Neu wird bald der Dinge Gestalt, Forma rerum nova mox fit,
da der Herr es gestattet! patiente Jehova!
Fehler an tausend hat er, dessen Mille scatet naevis,
Leben so kurz ist, cujus duratio brevis.
65) Vieles verwirrt er durch seinen Multa per edictum, sed
Befehl, noch mehr durch sein turbans plura per ictum.
Schlagen,
Doch was durch seine Befehle sich Quae tamen in pejus mutantur
hat zum Schlechten gestaltet, jussibus ejus,
Kann, o glaube es mir, durchs In melius fato converti
Schicksal zum Guten sich posse putato.
wandeln[88].
Markgraf wird nun wieder nach Post patrem natus princeps
seinem Vater der Sohn sein, erit Marchionatus,
Viele läßt straflos er leben Ingenio nullos non vivere
gemäß seiner Geistesrichtung. sinit inultos.
70) Während zu viel er vertraut, Dum nimium credit, miserum
frißt der Wolf ihm die arme pecus lupus edit,
Herde,
Und der schamlose Knecht folgt Et sequitur servus domini
bald im Tode dem Herren[89]. mox fata protervus.
Nunmehr kommen heran, die nach Tunc veniunt, quibus de
drei Burgen sich nennen, burgis nomina tribus,
Und ein großer Fürst läßt wachsen Et crescit latus sub magno
den Staat in die Breite[90]. principe status,
Sicherheit seinem Volk schafft Securitas gentis fortitudo
die Kraft des tücht’gen Regentis:
Regenten:
75) Doch nichts nützt es ihm, wenn Sed nil juvabit, prudentia
die Klugheit schlafen quando cubabit.
gegangen[91].
Wer ihm nachfolgen wird, folgt Qui successor erit, patris
nicht den Spuren des Vaters. haud vestigis terit.
Betet, ihr Brüder, und spart auch Orate, fratres, lacrymis nec
nicht die Tränen, ihr Mütter! parcite matres!
Täuschung ist ja sein Name, der Fallit in hoc nomen
frohe Regierung verheißet. laeti regiminis omen.
Nichts bleibt vom Guten zurück: Nil superest boni:
ziehet aus, ihr alten Bewohner! veteres migrate coloni!
80) Und entseelt liegt er da, Et jacet exstinctus,
zerbrochen von außen, wie foris quassatus et intus.
innen[92].
Bald braust ein Jüngling daher, Mox juvenis fremit,
die große Gebärerin seufzet, dum magna puerpera gemit.
Doch wer könnte den Staat wieder Sed quis turbatum
aufbaun nach solcher poterit refingere statum?
Zerrüttung?
Nehmen wird er die Fahne, doch Vexillum tanget, sed
grauses Schicksal beklagen: fata crudelia planget:
Während der Südwind weht, will Flantibus hinc austris,
sein Leben vertraun er den vitam vult credere
Klöstern[93]. claustris.
(Meinhold übersetzt:
»Weht es im Süden hierauf, will
Leben er borgen den Klöstern«).
85) Der ihm als Schlechtesten folgt Qui sequitur, pravos
ahmt nach böse Sitten der imitatur pessimus avos.
Väter,
Hat weder Kräfte des Geists, Non robur menti,
noch Gottesfurcht lebt jetzt non adsunt Numina genti.
im Volke;
Der, des Hilf’ er begehrt, wird Cujus opem petit,
feindlich entgegen ihm treten, contrarius hic sibi stetit:
Und er im Wasser sterben, das Et perit in undis,
Oberste kehren zu unterst[94], dum miscet summa profundis.
Blühen wird aber sein Sohn und Natus florebit; quod
erhalten, was nie er gehofft non sperasset, habebit:
hat,
90) Doch sein trauriges Volk wird Sed populus tristis
weinen in selbigen Zeiten. flebit temporibus istis.
Denn von erstaunlicher Art Nam sortis mirae
scheint sich das Schicksal videntur fata venire,
zu nahn.
Und es ahnt nicht der Fürst, Et princeps nescit,
welch neue Macht da quod nova potentia
heranwächst[95]. crescit.
Endlich führet der Letzte von Tandem sceptra gerit, qui
diesem Stamme das Zepter. stemmatis ultimus serit:
Israel, wagt eine Tat, Israël infandum scelus
unaussprechlich, mit dem Tod audet, morte piandum.
nur zu sühnen[96].
95) Und die Herde der Hirt, Germania Et pastor gregem
den König erhält nun[97], recipit, Germania regem.
Jegliches Unglück vergißt die Marchia, cunctorum
Mark nun völlig und gänzlich, penitus oblite malorum,
Wagt es die Ihren zu pflegen, Ipsa suos audet
kein Fremdling darf mehr fovere, nec advena gaudet,
frohlocken.
Und von Lehnin und Chorin Priscaque Lehnini
ersteht die alte Bedachung, surgunt et tecta Chorini,
Und die Geistlichkeit glänzt Et veteri more
nach alter Weise in Ehren clerus splendescit honore,
100) Und es stellet kein Wolf mehr Nec lupus nobili
nach dem edlen Schafstall plus insidiatur ovili.
II. Kommentar
Wie bereits kurz erwähnt, wird die Lehninsche Prophezeiung als Werk
eines Bruders Hermann aus dem Zisterzienserkloster Lehnin in der Mark
Brandenburg ausgegeben, bzw. gibt sich selbst als solche aus. Wenn sich
auch zahlreiche Abschriften der 100 leonischen Verse erhalten haben,
so existiert doch keine, die in die mittelalterlichen Jahrhunderte
hinaufreicht.[98] Vielmehr gehen die ältesten existierenden
Handschriften auf das Ende des 17. Jahrhunderts – etwa 1690 – zurück.
Im Druck erschien das Vaticinium Lehniense zuerst von G. P. Schulz
bis auf 4 Verse vollständig in »das gelahrte Preußen II. Teil S. 290«
(Königsberg 1723), dann, ohne Angabe des Druckortes, im Jahre 1741 und
hierauf noch außerordentlich oft.
Legt das Fehlen alter Handschriften schon den Gedanken nahe, es handle
sich insofern um eine Fälschung, als einer neueren Dichtung aus
irgendwelchen Gründen ein wesentlich höheres Alter zugeschrieben wurde,
so wird diese Vermutung noch durch zwei andere Momente gestützt.
Erstens sind die »Prophezeiungen« aus den mittelalterlichen
Jahrhunderten (Vers 1–75), wenn auch häufig verschwommen in der
Fassung, so doch inhaltlich ausnahmslos zutreffend, während die
neuzeitlichen (Vers 76–100) zum Teil falsch sind. Das legt den
Verdacht nahe, daß es sich für die älteren Zeiten um ein Vaticinium
post eventum handelt, d. h. daß der Verfasser seine historischen
Kenntnisse =nachträglich= in die Form einer Prophezeiung kleidete.
Es sei nicht verschwiegen, daß sich hiergegen auch in der Literatur,
die außerordentlich reich ist[99], Stimmen erhoben haben, die für
die Authentizität auch des ältesten Teiles und die Verfasserschaft
eines der im 13. Jahrhundert in Lehnin nachweisbaren Äbte mit dem
Namen Hermann eintreten[100]. Besonders seien hier genannt: Wilhelm
=Meinhold=, Die Lehninsche Weissagung, Leipzig 1849, Neuausgabe
von Paul Majunke, Regensburg 1896. Ferner Johannes =Ponk= (=Knop=),
Schrammen-Lehnin. Untersuchung, ob in dem Schriftchen: »Des seligen
Bruders Hermann aus Lehnin Prophezeiung über die Schicksale und
das Ende der Hohenzollern von Johannes Schrammen« die Lehninsche
Prophezeiung unwiderleglich als Fälschung nachgewiesen ist. Regensburg
1896. Daß ausschließlich kirchliche Kreise bisher Verteidiger stellten
macht umso mißtrauischer als, worauf wir noch zurückkommen werden, die
Prophezeiung zweifellos der Kirche und zwar der katholischen Kirche
wohl will.
Anderseits darf man nicht vergessen, daß alle weltlichen Gelehrten und
Schriftsteller von dem ungeprüften Dogma ausgehen, daß Prophezeiungen
unmöglich sind, während die Kirchen deren Möglichkeit zugeben, ohne im
einzelnen Falle für die Wirklichkeit offiziell einzutreten. Wenigstens
nicht für die Wirklichkeit der nachevangelischen Prophezeiungen, die
uns ja in unserer Untersuchung allein interessieren. Deshalb ist – so
merkwürdig es klingen mag – in dieser Frage die Kirche aufgeklärter –
ja freiheitlicher als die profane Wissenschaft. Denn der dogmatischen
Gebundenheit der letzteren mit ihrem Zwange die Möglichkeit der
Prophetie a limine abzulehnen und als Schwindel oder Zufall zu
erklären, steht das kirchlicherseits gewährte Prüfungsrecht, jedes
einzelnen derartigen Phänomens gegenüber bei gleichzeitigem Zwange
die Möglichkeit der Prophetie prinzipiell anzuerkennen. Da also der
Kirchengläubige das Recht der unbeschränkten Prüfung besitzt, der
»voraussetzungslose« Gelehrte aber verwerfen muß, so ist in diesem
Falle dem ersteren von vorn herein mehr Vertrauen entgegenzubringen.
Das zweite für die Abfassung der Weissagung in späteren Jahrhunderten
sprechende Moment ist der in ihr zutage tretende tendenziöse Geist. Es
war überhaupt das Unglück dieser Prophezeiung, daß sie, statt ruhiger
wissenschaftlicher Prüfung unterzogen zu werden, seit je Parteizwecken
dienen mußte. Waren es z. B. im Jahre 1848 die Demokraten, die
frohlockend auf den Sturz des preußischen Königtums hinwiesen, so waren
es seit dem Kulturkampf die Ultramontanen, die den Sieg des Papsttums
aus den Worten des Sehers ableiteten.
Sehen wir uns die Schrift mit Rücksicht auf die in ihr waltende Tendenz
näher an, dann werden wir die merkwürdige Beobachtung machen, daß zwar
jeder Kommentator von ihr spricht, aber auch fast jeder eine andere in
ihr findet.
Während der Pfarrer J. C. Weiß in Lehnin bereits im Jahre 1746 durch
das Buch »Vaticinium metricum D. F. Hermanni in Lenyn ...« die Schrift
widerlegte, war es das Ziel späterer Forscher den Verfasser zu
ermitteln und das besonders aus der Tendenz des Gedichtes heraus.
Wilken erklärte, 1827 von König Friedrich Wilhelm III. mit
Nachforschungen betraut, den im Jahre 1693 verstorbenen
Kammergerichtsrat Martin Friedrich Seidel für den Autor. Das bestreitet
u. a. Giesebrecht, weil Seidel weder Katholik, noch Feind des Hauses
Hohenzollern gewesen, gegen das die Weissagung als Schmähschrift
gerichtet sei. Giesebrecht macht dafür einen ehemaligen Rittmeister
Oelven namhaft.
Heffter entgegnet mit anderen, daß der Verfasser des Gedichtes
keineswegs Katholik gewesen sein müsse und bestreitet auch die
antihohenzollernsche Tendenz. Daß andrerseits die Tatsache, daß Seidel,
der sich im Besitze einer Abschrift befand, zu einzelnen Versen Zusätze
gemacht hat – z. B. zu Vers 95, daß innerhalb fünfzig Jahren kein
Reformierter und innerhalb hundert Jahren kein Lutheraner mehr in der
Mark sein würde, sondern nur mehr Katholiken – kein Beweis für seine
Autorschaft ist, liegt allerdings auf der Hand. Uns interessiert am
meisten, daß die Vertreter Seidels in dem Verfasser einen Protestanten
sehen, der unmutig über die damaligen relativ toleranten Maßregeln
der brandenburgischen Regierung, seinen lauen Glaubensgenossen das
künftige Schicksal der Mark in kirchlicher Beziehung habe vor Augen
führen wollen und zu dem Zweck die Maske eines prophetischen Katholiken
angenommen habe.
Andere glauben einen gewissen Andreas Fromm identifizieren zu können.
Fromm war Probst zu St. Petri in Berlin bis 1666, wurde dann seines
Amtes entsetzt, trat 1668 in Prag zum Katholizismus über und erhielt,
trotz seiner Verheiratung daselbst ein Dekanat, dann zu Leitmeritz
ein Kanonikat. Das Vaticinium wäre dann nichts als ein Racheakt. Er
starb, etwa siebzigjährig, im Jahre 1685. Dagegen wird angeführt,
daß er dazu zu früh gestorben sei, da die wirkliche Abfassung in
die Jahre 1691 oder 1692 falle, ferner, daß der Verfasser ja nicht
durchaus ein Katholik gewesen sein müsse. Was den Einwurf des frühen
Todes betrifft, so ist er genau genommen eine petitio principii, da
wir die Entstehungszeit des Gedichtes keineswegs genau kennen. Das
einzige, was wir in dieser Hinsicht mit Bestimmtheit wissen, ist der
von Gieseler[101] erbrachte Nachweis, daß die =Weissagungen spätestens
seit 1693 bekannt sind=. Ferner ist es richtig, daß das ausgehende 17.
Jahrhundert zu weissagen liebte. Aber das ist keine Spezialität dieser
Zeit, denn das ganze Mittelalter hatte dieselbe Neigung.
Andere sehen in der Prophezeiung eine Staatsschrift gegen den
Kurfürsten Friedrich III., nachmaligen ersten König von Preußen,
unter Billigung seiner Stiefmutter gerichtet in der Absicht den
großen Kurfürsten zur Enterbung seines ältesten Sohnes zu Gunsten des
Markgrafen von Schwedt zu bestimmen.
Nach Heinrich Pröhle[102] ist der Grundgedanke der Weissagung
keineswegs der Haß gegen die Hohenzollern, sondern das Verlangen nach
einer Rückgabe der geistlichen Güter. Das Thema sei das Glück der
Mönche, das, wie das Kloster Lehnin zeige, immer wieder im Wechsel der
Zeiten zum Vorschein komme. Für den Verfasser hält Pröhle – wie schon
früher Gieseler – den Abt von Huysburg, von Zitzwitz. (Geb. 1643, gest.
1704).
Ist diese Vermutung richtig, dann wäre die ganze Prophezeiung
entstanden, weil im Jahre 1691 Lehnin eine Kolonie reformierter
Schweizer erhielt. Das soll den zum Katholizismus übergetretenen
Zitzwitz empört haben. Andrerseits wäre es auch eine Zurücksetzung der
lutherischen märkischen Bauern gewesen. Zitzwitz soll bei Abfassung des
Vaticinium Virgils Hirtengedichte nachgeahmt haben. Guhrauer vermutet
einen Jesuiten Friedrich Wolf († 1708) als Autor.
Uns ist es recht gleichgültig, wer der Verfasser der Prophezeiungen
war. Feststellen wollen wir aber, daß kein genügender Gegenbeweis
für das hohe Alter des Vaticinium erbracht ist, wenn es auch sehr
wahrscheinlich ist, daß es erst am Ausgang des 17. Jahrhunderts,
keinesfalls später, entstand. Ferner, daß aus der Unsicherheit des
Verfassers sowohl wie seiner Tendenz hervorgeht, daß es keineswegs so
überaus leicht ist die Weissagung als Fälschung zu brandmarken.
Mir scheint sogar die Strittigkeit der Tendenz die Vermutung nahe zu
legen, daß eine solche überhaupt =nicht= vorhanden ist. Das schließt
ja gewiß nicht aus, daß der Verfasser, auf dem Boden einer bestimmten
Weltanschauung stehend, die Dinge durch eine konfessionelle Brille
betrachtet. Aber braucht das in gehässiger Absicht zu geschehen?
Ist der Gedanke so unerhört, daß jemand aus keinem anderen Grunde
prophezeit als dem, die Wahrheit zu entschleiern? Jedenfalls können wir
das annehmen.
Da das für uns einzig wertvolle der Nachweis ist, daß es zu allen
Zeiten mit Sehergabe ausgerüstete Menschen gab, ihr Name aber recht
gleichgültig ist, so lassen wir uns nicht auf irgendwie strittige
Momente ein, sondern konzedieren den Gegnern sowohl die Abfassung am
Ende des 17. Jahrhunderts, als auch die katholische Richtung. Nicht
weil wir beides für bewiesen hielten, sondern lediglich weil es wenig
Wert hat sich mit Fragen aufzuhalten, deren unumstößlich richtige
Beantwortung kaum möglich ist.
Selbst mit der obigen Einräumung bleiben immerhin noch reichlich zwei
Jahrhunderte, für die geweissagt wird, ohne daß die Möglichkeit eines
Schwindels gegeben wäre.
Wir haben bereits früher die historischen Tatsachen notiert, die auf
die Weissagungen bezogen werden können. Daß dazu etwas guter Wille
nötig ist, sei keineswegs geleugnet. Aber ihn brauchen wir naturgemäß
bei jeder Auslegung, und das um so mehr, je dunkler der Text ist. Wir
bestreiten aber ausdrücklich, daß hierzu mehr bona fides unsererseits
nötig ist, als beim Gegner mala fides, um das Unsinnige des Vaticinium
zu beweisen. Ja, wir gehen so weit, zu behaupten, daß eine Reihe von
Vorhersagen nur durch Unwissenheit oder Gehässigkeit mißzuverstehen
sind. Denn da nun einmal das profane Dogma zu Recht besteht, daß ein
Enthüllen der Zukunft unmöglich sei, wird jede Beweisführung mit dem
Endziel und der unausgesprochenen Voraussetzung geführt, daß alles
Geweissagte falsch sein müsse.
Nichts liegt uns, die wir ohne jegliche Tendenz an die Prüfung des
Phänomens herantreten und nicht, wie die Gegner behaupten werden, uns
zum Anwalt der Prophetie machen, weil wir a priori ihre Richtigkeit
voraussetzen, sondern im Gegenteil, weil a potiori sie uns beweisbar
und bewiesen dünkt, ferner als die These, alles, was prophezeit sei,
müsse auch eintreffen. Im Gegenteil zögern wir nicht, zuzugeben, daß
sowohl die Vorhersage, der elfte im Stammbaum werde auch der letzte
protestantische Herrscher aus dem Hause Hohenzollern sein, falsch ist,
als auch die andere, daß Deutschland zum Katholizismus zurückkehren
wird, sich bis dato nicht erfüllt hat und auch hoffentlich nie erfüllen
wird.
Das hindert aber nicht, die verblüffende Übereinstimmung der Weissagung
mit vielem, was sich später ereignete, anzuerkennen. Daß auch die
zünftige Geschichtsschreibung so ein unbestimmtes Gefühl hat, geht
schlagend aus der Tatsache hervor, daß man am liebsten das ganze
Vaticinium als nachträglich konstruiert hinstellen möchte und mit
Bedauern nur anerkennt, daß es unbedingt spätestens im Jahre 1692 in
der vorliegenden Form abgefaßt war.
Ein sehr wichtiger Punkt ist noch vorauszuschicken: Wir nehmen an,
daß die Verse 72 und 73 sich auf den Großen Kurfürsten beziehen,
was ja auch die Gegner zugeben. Während diese aber noch die beiden
folgenden ihm zuschreiben, geben wir sie mit Meinhold und anderen
Friedrich I. Und zwar nicht allein deshalb, weil nur auf diese Weise
das Folgende einen Sinn, und zwar einen erstaunlich zutreffenden Sinn
erhält. Wiewohl auch dieser Grund völlig zulässig wäre. Denn wie jeder
Herausgeber eines alten Schriftstellers so lange Konjekturen macht – und
oft was für welche! – und deutelt, bis sein Autor etwas Vernünftiges
sagt, so besteht gar kein Grund, dieses Recht dem Interpreten einer
Weissagung zu beschneiden. Um so weniger, als kein Wort verändert, noch
ein Vers umgestellt werden muß.
Wir sind noch deshalb hierzu vollauf berechtigt, weil Vers 73 von einem
princeps spricht, während Vers 74 ausdrücklich den Regens, denjenigen,
der Rex ist – wie die wohlwollende Interpretation um so eher annehmen
kann, je mehr sie den Standpunkt vertritt, die Prophezeiung stamme
erst aus dem Ende des 17. Jahrhunderts – nennt und dazu in Gegensatz
stellt. Auf Friedrich I. beziehen sich dann also die Verse 74 und 75,
die folgenden 76–80 aber auf den Soldatenkönig. Daß aber Vers 78 wieder
von regimen spricht, ist ein weiterer Hinweis darauf, daß der Seher die
Erhebung Preußens zum Königreich im Auge hatte.
Die Gegner beziehen, mindestens ebenso übelwollend wie wir wohlwollend,
die vier Verse von 72–75 auf den Großen Kurfürsten, ohne sich am Worte
Regens zu stoßen. Daß dann alle weiteren Verse bis zum Schluß Unsinn
enthalten müssen, und das um so mehr, je präziser und verblüffender
ihre Angaben sind, das stört sie nicht nur nicht, ist im Gegenteil
gerade das Motiv, das sie zu dieser Zuteilung veranlaßte.