Oder wenn ich als Bevölkerungsstatistiker aus ungezählten Millionen

von Einzelbeobachtungen zum Resultat gelangt bin, daß auf 106

Knabengeburten in Deutschland 100 Mädchengeburten treffen, dann kann

ich folgern, daß auch in künftigen Jahren das Verhältnis ebenso

sein wird. Wenn auch das sogenannte Gesetz der großen Zahl nicht

Notwendigkeit fordert, so werde ich mich auch doch in praxi nur um

Dezimalen irren.

Oder wenn ich als Arzt die Erfahrungstatsache kenne, daß ein

Prießnitz-Umschlag um die Brust katarrhalische Affektionen der

Atmungsorgane günstig beeinflußt, dann bin ich dazu berechtigt, bei

meinem Patienten dieses Mittel bei gleicher Erkrankung mit einiger

Aussicht auf Erfolg anzuwenden.

In allen diesen Fällen, im Versicherungswesen, in der Politik, in

der Volkswirtschaft und noch auf zahlreichen – um nicht zu sagen auf

allen Gebieten – ist der Sachverhalt der gleiche: Auf Grund einer

möglichst umfassenden Induktion gelangen wir zu deduktiven Schlüssen,

zu Erfahrungsregeln, ja zu Gesetzen und wenden sie nun auf Zukünftiges

an. Hier handelt es sich, das ist klar, um Berechnung, Kalkulation oder

Kombination.

Wenn auch nicht bestritten werden kann, daß die obigen Berechnungen

auch irrtümlich sein können, daß ihr Umfang und Inhalt gewissen

Beschränkungen unterliegt, daß auch unvorhergesehene und

unvorhersehbare Momente sie modifizieren mögen, so wird es doch keinem

Menschen einfallen, ein richtiges Resultat auf Zufall zurückzuführen.

Vielmehr wird man geneigt sein, einen Mißerfolg damit zu erklären bzw.

zu beschönigen.

2. Können wir das Eintreffen der Vorhersage eines zukünftigen

Ereignisses dem =Zufall= zuschreiben.

Was ist Zufall?

»Zufall nennt man alles, was durch keine Gründe und Ursachen bedingt

zu sein scheint, also das =Unbeabsichtigte= und das =Unerklärliche=.

Der Begriff des Zufalls ist jedoch ein bloß =subjektiver=; denn an sich

ist alles durch Ursachen bedingt. Aber ein Kausalzusammenhang kann für

uns unter Umständen dunkel und unbekannt oder auch unbeabsichtigt sein.

Zufällig heißt demnach dasjenige Ereignis, welches aus einem System

von Ursachen entspringt, das nicht in der Macht des Wollenden oder der

Kenntnis des Auffassenden liegt, z. B. eine Folge, die weder von uns

beabsichtigt, noch auch vorhergesehen ist[72].«

Anders ausgedrückt: =einen objektiven Zufall gibt es nicht=, da mit

seiner Annahme die Kausalität geleugnet würde. Es kann sich also – auch

in allen für uns in Frage kommenden Fällen – niemals darum handeln,

daß etwas keine Ursachen hat, sondern nur darum, daß wir diese 1.

=nicht kennen=; 2. nicht beweisen können, daß der Erfolg auch wirklich

=beabsichtigt= war.

Was das Nichtkennen betrifft, so schränkt sich naturgemäß dessen

Bereich mit dem Fortschreiten der Wissenschaft immer mehr ein. Wir

lernen mehr Gesetze, die die Welt beherrschen, kennen und haben deshalb

immer weniger Veranlassung, unsere Unwissenheit durch Gebrauch des

Wortes Zufall zu beschönigen. Hier tritt dann zuletzt bei genauer

Ermittlung der Anwendungsbedingungen die Notwendigkeit an seine Stelle.

So hat man vor noch gar nicht langer Zeit das Gedankenlesen für ein

zwar geschicktes aber doch immerhin mehr oder minder zufälliges

=Erraten= der Gedanken anderer gehalten, bis wir nunmehr positiv

wissen, daß es Gedankenübertragung gibt[73]. Genau ebenso verhielt es

sich mit der Hypnose und Suggestion, mit der Erprobung neuer Heilmittel

usw. usw. Etwas anders ist der Sachverhalt etwa im folgenden Falle:

A. geht an einem Hause in demselben Augenblick vorbei, in dem ein

Ziegelstein herabfällt und ihn tot schlägt. Daß A. zur bestimmten

Sekunde am Hause vorbei geht, ist durchaus kein Zufall, sondern damit

hinlänglich begründet, daß er zu seinem Raseur will und kein anderer

Weg hinführt. Ebenso hat der Fall des Ziegelsteines seine Ursache in

einem Windstoß. Wenn also für jede der beiden Tatsachenreihen, das

Vorbeigehen des A. und den Fall des Steines die kausale Begründung

gegeben ist, so fehlt sie doch scheinbar für den Schnittpunkt, daß

nämlich in derselben Sekunde der Stein fällt, in dem der Passant

vorbeikommt.

Letzten Endes handelt es sich aber auch hier um ein Nichtwissen der

Ursachen. Auch hier ist der Zufall subjektiv. Ein Architekt wird die

Schadhaftigkeit des Daches bereits erkannt und vorhergesagt haben, daß

ein Wind das Herabfallen von Ziegeln bewirken werde. Ein Meteorologe

wird den Windstoß vorhersehen, und die Zeit seines Eintreffens an

gedachter Stelle berechnen können. Er weiß allerdings so wenig

wie der Architekt, ob gerade der bestimmte Windstoß einen Ziegel

hinabschleudern wird. Was man aber wissen kann, ist, daß das Dach durch

einen der nächsten beschädigt werden wird. Dadurch läßt sich eine

Wahrscheinlichkeitsrechnung mit sehr kleinem Divisor aufstellen. Was

endlich den Passanten betrifft, so war sein Vorbeikommen sehr leicht zu

berechnen. So merkwürdig hier der Zufall also auch gespielt zu haben

scheint, so läßt er sich doch in eine Rechnung fassen, deren Divisor

keineswegs sehr groß zu sein braucht.

Schwierig ist oft im zweiten Fall der Nachweis, ob ein Erfolg auch

=beabsichtigt= war. Um diese Art des Zufalles handelt es sich zumeist

bei uns. Wie jedes Medikament neben der Wirkung, um derentwillen es

verabreicht wird, auch – oft recht unerwünschte – Nebenwirkungen hat,

so ist das mutatis mutandis fast bei allem und jedem, was wir tun,

der Fall. Nur selten lassen sich alle Ursachen so beherrschen, daß

unbeabsichtigte Nebenwirkungen oder Mißerfolge ausgeschlossen sind. So

geht trotz der großen Zuverlässigkeit unserer Post dann und wann einmal

ein Brief verloren; trotz der hohen Sicherheit unseres Verkehrswesen

verunglückt auch hie und da ein Reisender; trotz der sorgfältigsten

Herstellung unserer Geschütze und Munition kommt es doch bisweilen

vor, daß ein Kanonenrohr platzt oder ein Geschoß zur unrechten Zeit

explodiert. Kurz: es ereignet sich auch bei größter Genauigkeit in

der Anwendung der klar erkannten Gesetze doch dann und wann ein

unvorhergesehenes und selbstredend unbeabsichtigtes Mißgeschick, das

wir dann als (unglücklichen) Zufall bezeichnen.

Je seltener ein solcher Zufall – so geheißen durchaus nicht, weil er

nicht kausal begründet wäre, kennen wir doch oft die Ursache, etwa

die gesprungene Schiene bei der Eisenbahnkatastrophe, sondern weil

er unbeabsichtigt ist – nun eintritt, desto vollkommener ist eine

Institution, eine Technik usw. Je häufiger, desto mangelhafter. Ja, es

können Fälle eintreten, wo das Unbeabsichtigte so häufig oder fast so

häufig ist, wie sein Gegenteil, wie wir das ja leider zu Beginn der

lenkbaren Luftschiffahrt erleben mußten.

Um nun zu bestimmen was Absicht, was »Zufall« ist, bleibt uns nur der

Weg der =Wahrscheinlichkeitsrechnung=.

Wenn jemand mit der Bahn von München nach Berlin reisend sein Ziel

erreicht, wird es niemand einfallen, hier von Zufall zu reden. Denn

die Gründe für das Gelingen der Reise sind bekannt, ebenso ist die

Ankunft beabsichtigt. Und doch läßt sich mit Leichtigkeit eine

Wahrscheinlichkeitsrechnung aufstellen.

Aus der Statistik der deutschen Eisenbahnen für das Rechnungsjahr

1900/1901 ergibt sich, daß ein tötlicher Unfall auf 168 Millionen in

der Eisenbahn zurückgelegter Personenkilometer trifft. Nun beträgt

die Bahnstrecke München–Berlin 700 klm. Wir erhalten also folgende

Rechnung: Die Wahrscheinlichkeit Berlin zu erreichen, verhält sich zu

der tötlich zu verunglücken wie 168000000 : 700 = 240000.

Mit andern Worten: von 240000 Reisenden auf der Strecke Berlin–München

verunglückt einer tötlich. Diese Wahrscheinlichkeit von 1 : 240000 ist

derart gering, daß das tödliche Unglück als sehr seltener Zufall in

praxi in die Kalkulation gar nicht einbezogen wird.

Aber eine so hohe Wahrscheinlichkeitsquote ist keineswegs erforderlich.

Von hundert dreißigjährigen Durchschnittsmännern stirbt in Deutschland

einer im Jahr, also 1/12 im Monat, 1/360 am Tag. Anders ausgedrückt:

Der normale dreißigjährige deutsche Mann hat eine Wahrscheinlichkeit

von 1200 noch einen Monat, eine solche von 36000 noch ein Jahr zu leben.

Keinem Menschen wird es einfallen zu sagen: es ist Zufall, wenn der

dreißigjährige X. den kommenden Monat, oder gar den kommenden Tag

erlebt. Man wird es vielmehr als Zufall bezeichnen, wenn das Gegenteil

eintritt.

Im bürgerlichen Leben ist also die Wahrscheinlichkeit 1 : 100 schon

groß, 1 : 1200 sehr groß, mit der 1 : 36000 wird in der Praxis schon

überhaupt nicht mehr gerechnet.

Übertragen wir nun das Gesagte auf die Prophetie!

Wenn ein Astrolog jemandem sein Todesjahr vorhersagt, so handelt es

sich immer um eine Wahrscheinlichkeit geringer als 100, bei einem

reiferen Mann sogar geringer als 50 oder 25. Macht er also genügend

Horoskope, so wäre der Zufall immer zu irren viel größer, als der mal

das Richtige zu treffen. Da wir nun in der Regel die Zahl der Horoskope

nicht kennen, da ferner der Tod ein Ereignis ist, dessen Eintreffen

absolut sicher ist und bei dem nur der Zeitpunkt in gewissen mehr oder

minder engen Grenzen schwankt, so werden wir auf Grund derartiger

Voraussagen niemals die Existenz einer übersinnlichen Prophetengabe,

eines wirklichen zeitlichen Fernsehens beweisen können.

Ganz ähnlich verhält es sich bei der Vorhersage von Kriegen usw. Das

alles sind Ereignisse, die im Leben eines Volkes schon so und so

oft da waren und deren Wiederholung ganz und gar nicht verwunderlich

ist. Die vierzigjährige Friedensperiode, die Deutschland – von den

überseeischen Expeditionen abgesehen – jetzt genießt, ist schon

anormal lang. Wenn also der eine Seher für 1912, der andere für

1913, der dritte für 1914 usf. einen Krieg prophezeit, wenn er die

wenigen überhaupt in Frage kommenden Gegner namhaft macht, so ist das

glückliche Eintreffen einer solchen Vorhersage ganz und gar nicht

wunderbar und beweist nicht das Allergeringste für das Vorhandensein

seiner Sehergabe.

Dies ist auch der Grund, weshalb eine weitere Häufung historischer

Prophezeiungen, deren wir ja eine ganze Reihe in den vorhergehenden

Kapiteln zusammentrugen, selbst in den Fällen, in denen ein Zweifel

daran, daß sie wirklich =vorher= verkündet worden sind, ausgeschlossen

ist, keinen Nutzen hätte. Wir kämen höchstens in den Verdacht,

Vollständigkeit zu erstreben. Dieses Ideal aller Flachköpfe ist aber

ganz und gar nicht das unsrige. Denn was wir anstreben, ist etwas ganz

anderes.

Wir sagten oben, daß das richtige Eintreffen eines vorhergesagten

Ereignisses entweder eine Folge der Berechnung oder des Zufalles sein

kann. Ist beides nicht der Fall, dann bleibt als

3. Möglichkeit nur mehr die, daß es sich hier um eine uns nicht näher

bekannte Ursache handelt, die wir mit =Sehergabe= oder =Prophetie=

bezeichnen.

=Wenn wir also auch nur in einem einzigen Fall den Nachweis erbringen

können, daß ein richtig vorhergesagtes Ereignis weder durch

Berechnung, noch durch Zufall eintraf, dann ist damit die Existenz

des zeitlichen Fernsehens bewiesen.= Demnach handelt es sich jetzt in

unserer Beweisführung, darum Berechnung und Zufall auszuschalten.

Das ist nun viel leichter gesagt als getan. Denn wenn es auch nicht

schwer sein wird, die Berechnung auszuschließen, so kann das für

den Zufall nur dann gelingen, wenn wir eine außerordentlich hohe

Wahrscheinlichkeit zu berechnen in der Lage sind. Da genügt keineswegs

die Vorhersage des – sicheren – Todes einer bestimmten Person, sei es

auch für einen bestimmten Tag. Beweiskräftig wäre das höchstens, wenn

wir alle übrigen Todesvorhersagen kennen würden bzw. wüßten, daß keine

andere existiert. Das ist aber so gut wie ausgeschlossen, denn man

vergißt schnell falsche Prophezeiungen. Überdies wäre selbst in diesem

Falle der Koeffizient nur 36000 bei einem Dreißigjährigen, etwa ein

Drittel so groß bei einem Fünfzigjährigen. Das würde nicht genügen, den

Zweifler zu überzeugen, mir wenigstens nicht.

Noch viel weniger ist natürlich die Ankündigung eines Krieges oder

anderer Ereignisse mit geringerem Nenner beweisend.

Wir müssen danach trachten, folgende Formel zu erhalten:

w (Wahrscheinlichkeit, Zufall) = n (Zahl der wirklichen Fälle)

dividiert durch m (Zahl der möglichen Fälle) = unendlich klein oder 0

also: w = n/∞ = 0.

Mathematisch genau wird sich dieses Resultat nicht errechnen lassen,

wohl aber können wir zu einem Annäherungswert gelangen.

Stellen wir uns vor jemand werfe hundertmal eine Münze auf, und zwar

so, daß jedesmal das Wappen nach oben kommt. Die Wahrscheinlichkeit

hierfür ist:

1/2^{100} gemäß der Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Nun ist aber 2^{100} mehr als 10^{30} Quintillion. Darum – sagt

Grimsehl gegen die Mathematiker Marbe und d’Alembert – weil eine so

große Zahl von Würfen von allen Menschen der Erde erst in 20 Billionen

Jahren ausgeführt werden können, kann die Wahrscheinlichkeitsrechnung

hier 0 ansetzen[74].

Wenn schon die reine Mathematik bei einem so ungeheuren Divisor aus

praktischen Erwägungen zum Resultat 0 gelangt, so können wir das um so

eher. Nur muß allerdings auch unser Divisor außerordentlich groß sein.

Da wir zu ihm auf dem oben eingeschlagenen Wege nicht gelangen werden,

müssen wir es auf einem andern versuchen.

Vor allem aber muß es unsere Aufgabe sein, festzustellen, =wieviel

Vorhersagen überhaupt existieren=. Das ist in dieser Fassung eine

unmögliche Forderung. Wohl aber läßt sich der gleiche Erfolg dadurch

erzielen, daß wir das ganze Material eines Sehers betrachten und

die eingetroffenen Vorhersagen zu den nicht eingetroffenen in ein

Verhältnis bringen.

Setzen wir voraus, von =einem= Seher existierten fünf Prophezeiungen,

von denen drei eintrafen, zwei ausblieben, so spricht die

Wahrscheinlichkeit dafür, daß er etwas Prophetengabe besaß. Trafen alle

ein, so werden wir kaum zögern, ihn für einen richtigen, traf keine

oder nur zwei ein, aber für einen falschen Propheten zu halten.

Diese Wahrscheinlichkeitsrechnung, so einleuchtend sie scheint,

ist trotzdem =falsch=. Denn sie operiert mit ungleichwertigen,

inkommensurablen Größen.

Das bedarf einer näheren Ausführung, da es von außerordentlicher

Wichtigkeit ist.

Wenn jemand »prophezeit«, er werde aus einem Kartenspiel rot ziehen, so

ist die Wahrscheinlichkeit des richtigen Erratens ebenso groß, wie die

des Irrens, da das Spiel genau ebenso viel rote, wie schwarze Karten

aufweist.

Diese Wahrscheinlichkeit sinkt auf ¼, wenn es sich darum handelt,

eine Karo zu treffen, auf ein ⅛ beim König und wenn jemand sich gar

anheischig macht, den Karokönig zu ziehen, so hat er, bei einem Spiel

von 32 Karten, nur ¹⁄₃₂ Wahrscheinlichkeiten.

Noch viel ungünstiger sind natürlich die Chancen, wenn jemand in einer

Lotterie mit 100000 Losen das Gewinnlos vorher richtig angeben will.

Hier hat er nur ¹⁄₁₀₀₀₀₀ Wahrscheinlichkeit. Sollte das jemand gelingen

– angenommen es existiert überhaupt nur eine derartige Vorhersage, denn

wenn es deren viele gibt, dann ist die Chance ¹⁄₁₀₀₀₀₀ multipliziert

mit allen anderen Vorhersagen – so werden wir kaum zögern ihm

Sehergabe zuzuerkennen.

In allen den genannten Beispielen war die Zahl der Möglichkeiten

bekannt. Wir wußten genau, daß das vorhergesagte Ereignis unbedingt

eintreffen muß. Fraglich bleibt eben nur, ob es so eintrifft, wie der

Prophet es vorhersagt.

Besser ausgedrückt: Wir wußten genau, daß eines der hunderttausend Lose

mit dem großen Treffer gezogen werden mußte. Es fragte sich nur, ob die

vorher bezeichnete Nummer richtig war.

Ganz anders verhält es sich, wenn ein vorhergesagtes Ereignis

eintreffen oder auch ausbleiben kann.

Angenommen, ich bestimme jemandes Todestag. Daß er sterben wird, ist

ganz sicher. Irren kann ich nur bezüglich des Datums. Wie aber, wenn

ich jemand ankündige, daß er eine Reise um die Erde machen wird – was

nichts weniger als notwendig ist – und den Tag der Abreise und Rückkehr

richtig angebe?

Oder wenn ich vorhersage, daß jemand an einem bestimmten Tage durch

einen bestimmten Unfall ums Leben kommt?

Oder – um den Divisor ins Ungeheure wachsen zu lassen – daß ihn an

einem bestimmten Tage mit einem bezeichneten Mordinstrument ein Mann

umbringen wird, dessen Namen ich richtig nenne. Hier handelte es sich

um ungezählte Millionen oder Milliarden von Irrtumsmöglichkeiten, die

der einen einzigen des richtigen Vorhersagens gegenüber stehen.

Oder wenn ich gar ein zukünftiges Parlament namentlich und richtig

angebe?

Das Fazit dieser Erwägung ist klar: Der innere Wert der Vorhersagen

kann schwanken zwischen 1 : 2 (rote Karte) und 1 : X Milliarden

(letzter Fall). Wenn wir daher sagen: dieser Prophet ist jenem

überlegen, weil unter fünf Vorhersagen bei ersterem vier, bei letzterem

nur drei eintrafen, während ein dritter überhaupt keine prophetische

Gabe besitze, denn von seinen fünf Vorhersagen sind nur zwei

eingetroffen, also weniger als das arithmetische Mittel, so begehen

wir damit eine ganz riesige Gedankenlosigkeit. Es ist gerade so, als

wenn jemand Königreiche und Sandkörner als gleichwertige Größen in eine

Rechnung einsetzen würde, etwa weil beide Ausdehnung besitzen.

So evident das Gesagte ist, so schwer verständlich mag manchem das

Folgende scheinen.

Einer der beliebtesten Einwände gegen die Prophetie ist nämlich der,

daß der Besitzer der Prophetengabe =niemals= irren dürfe. Man wendet

ganz landläufig ein: X mag ja so und so oft die Zukunft richtig

vorhergesagt haben; daß es sich hierbei aber nicht um Prophetie,

sondern um Berechnung oder Zufall handelt, geht daraus hervor, daß er

auch so und so oft irrte.

Das ist nun ein Denkfehler, weil man über eine noch völlig unbekannte

Naturkraft etwas Positives aussagen will: nämlich daß diese Kraft

=jederzeit= und in vollem Umfange zur Verfügung des mit ihr Begabten

sein muß.

Wir kennen die Funktionen und Leistungen unserer Gewehre und Geschütze

ganz genau und doch fällt es keinem Verständigen ein zu sagen: das ist

alles Plunder, denn mit dem gleichen Gewehr, mit dem getroffen wird,

wird auch gefehlt. Vielmehr wissen wir, daß auch ein guter Schütze

fehlen kann, ja wir wissen, daß im Feldzuge auf hundert abgegebene

Schüsse nur ein einziger Treffer kommt. Und endlich ist uns genau

bekannt, daß auch ein tadellos abgegebener Schuß aus einem Idealgewehr

fehlen kann, ja nur durch Zufall überhaupt trifft, wenn nämlich der

Streuungskegel größer ist, als das Ziel.

Statt also zu sagen: es gibt keine Prophetie, weil es auch falsche

Prophezeiungen gibt – auf diese Formel gebracht, ist jedermann der

Paralogismus sofort klar –, muß es Aufgabe der Wissenschaft sein,

=festzustellen, unter welchen Bedingungen diese Kraft wirksam wird= und

den Streuungskegel bei ihr zu bestimmen.

Indem wir uns vorbehalten, im weiteren Verlaufe unserer Untersuchung

darauf zurückzukommen und vielleicht einiges zur Klärung der Frage

beisteuern werden, wollen wir nunmehr den weiteren Gang unserer

Beweisführung näher präzisieren.

Wir wollen den Nachweis liefern, daß es ein wirkliches zeitliches

Fernsehen, echte Prophetie, gibt.

Das kann uns nur dadurch gelingen, daß wir nachweisen, die richtige

Vorhersage irgendwelcher Ereignisse sei weder auf Berechnung, noch auf

Zufall zurückzuführen.

Die Ausschaltung der Berechnung ist sehr einfach, die des Zufalls

überaus schwer und nur möglich

1. durch größtmögliche Festlegung des Materiales.

2. Durch Errechnung eines möglichst hohen Divisors, so daß sich das

Resultat dem Werte Null nähert.

Während wir den zweiten, bei weitem schwierigeren Teil des Beweises für

die Schlußkapitel aufsparen, beschränken wir uns in den folgenden auf

den ersten, die Festlegung des Materiales.

Wie schon gesagt, ist es unmöglich, sämtliche umlaufende Prophezeiungen

zu sammeln und in Hinblick auf die falschen und richtigen statistisch

zu verarbeiten. Wir würden damit auch insofern wenig gewinnen, als

gewisse Vorhersage – keineswegs alle – ungleichwertig sind, was ein

rein äußerlich zahlenmäßiges Erfassen ausschließt.

Da es aber eine große Fülle von Vorhersagen gibt, die sich

widersprechen, so daß entweder die eine oder die andere richtig sein

muß; da ferner eine stattliche Reihe so beschaffen ist, daß die

Wahrscheinlichkeit des Irrens nur gering ist – etwa bei Vorhersage

eines Krieges für ein bestimmtes Jahr –, so ist eine gewisse Sichtung

und Festlegung des Materiales keineswegs unnütz. Liegt es doch auf der

Hand, daß es für die Beweisführung einen großen Unterschied bedeutet,

ob aus ungezählten Millionen von Prophetien mal eine mit einem

vielleicht höchst verblüffenden Inhalt eintrifft, oder ob dies bei ein

und demselben Seher der Fall ist, womöglich mit mehreren oder gar allen

Vorhersagen.

Deshalb soll es nun unsere nächste Aufgabe sein, möglichst das ganze

prophetische Material einzelner Seher nachstehend zu sammeln und

kritisch zu beleuchten.

Fußnoten:

[72] Vgl. Fr. Kirchner und Carl Michaëlis, Wörterbuch der

philosophischen Begriffe, 4. Aufl., Leipzig 1903, Artikel Zufall.

Ferner Windelband, Die Lehren vom Zufall, Berlin 1870. Übrigens

existiert keine stichhaltige Lehre vom Zufall, wenigstens nicht vom

absoluten, der dem Kausalitätsgesetz widerspricht. Mit dem relativen

operieren die Wahrscheinlichkeitsrechnung, sowie die auf sie

begründeten statistischen Methoden.

[73] Ich hatte Gelegenheit, den Experimenten beizuwohnen, die der

italienische Gedankenleser Ernesto Bellini am 28. Januar 1911 vor

Ärzten in München mit sich vornehmen ließ. Danach kann es nicht mehr

dem allergeringsten Zweifel unterliegen, daß Gedankenübertragung

existiert.

[74] Vgl. Constantin Gutberlet, Logik und Erkenntnistheorie, 4. Aufl.,

Münster 1909, S. 177.

Viertes Kapitel

Die lehninsche Weissagung

I. Der Text

Um 1300 soll ein Abt Hermann des Cisterzienserklosters Lehnin in der

Mark folgende Prophezeiung über die Schicksale des Brandenburgischen

Hauses verfaßt haben:

Prophezeiungen · 第 9 / 27 段