Diese Mitteilung wurde zuerst im »Gil Blas« am 20. Januar 1910

veröffentlicht. Das »Echo« bemerkt dazu: »Wenn der betreffende Brief

wirklich das enthält, was behauptet wird, die genauen Angaben über das

bevorstehende Unglück von Messina und Reggio, über das Datum und die

Art des Ereignisses, so hätten wir ein überaus wertvolles Dokument vor

uns.«

Aus später noch zu erörternden Gründen hätte es nicht viel Wert, noch

weitere vereinzelte Beispiele zeitlichen Vorhersehens hier zusammen zu

stellen. Gewiß könnten wir noch recht viel des Interessanten bieten,

aber ein =zwingender= Beweis ist auf diesem Wege für den hartnäckigen

Zweifler kaum zu erbringen. Immerhin möchten wir der Überzeugung

Ausdruck geben, daß es nicht allzu schwer sein würde, den Nachweis

zu liefern, daß =jedes oder doch fast jedes bedeutende Ereignis der

Weltgeschichte, besonders tragische Dinge, mehr oder minder klar und

genau von dazu befähigten Personen vorhergesagt wurde=.

Zum Schlusse dieses fast allzulangen Kapitels wollen wir noch

einen Gewährsmann für den Glauben an Telepathie anführen – denn er

bekennt ausdrücklich, kein bestimmtes Wissen davon zu haben – einen

Eideshelfer, dessen Intelligenz und Wahrheitsliebe wohl von niemand in

Zweifel gezogen wird: Goethe!

Bekannt ist Goethes Vision, die er in seiner »Dichtung und Wahrheit«

(3. Teil, 11. Buch) erzählt:

»In solchem Drang und Verwirrung konnte ich doch nicht unterlassen,

Friederiken noch einmal zu sehen. Es waren peinliche Tage, deren

Erinnerung mir nicht geblieben ist. Als ich ihr die Hand noch vom

Pferde reichte, standen ihr die Tränen in den Augen, und mir war sehr

übel zumute. Nun ritt ich auf dem Fußpfade gegen Drusenheim, und

da überfiel mich eine der sonderbarsten Ahnungen. Ich sah nämlich,

nicht mit den Augen des Leibes, sondern des Geistes, mich mir selbst,

denselben Weg, zu Pferde wieder entgegen kommen, und zwar in einem

Kleide, wie ich es nie getragen: es war hechtgrau mit etwas Gold.

Sobald ich mich aus diesem Traum aufschüttelte, war die Gestalt ganz

hinweg. Sonderbar ist es jedoch, daß ich nach acht Jahren in dem

Kleide, das mir geträumt hatte und das ich nicht aus Wahl, sondern aus

Zufall gerade trug, mich auf demselben Wege fand, um Friederiken noch

einmal zu besuchen. Es mag sich übrigens mit diesen Dingen, wie es

will, verhalten, das wunderliche Trugbild gab mir in jenen Augenblicken

des Scheidens einige Beruhigung.«

Wie Goethe im übrigen den okkulten Phänomenen gegenüber stand, ergibt

sich aus folgendem Passus aus seinen Wahlverwandtschaften. Bekannt ist

oder könnte doch sein, was er im elften Kapitel des zweiten Teiles über

die Wünschelrute erzählt. Da dieses Phänomen aber seit zwei Jahren

sogar von der Fachwelt anerkannt zu werden beginnt, hat es für uns

weniger Interesse, als die andere Stelle, die wie folgt lautet (2.

Teil, 8. Kapitel):

»Wenn sie (Ottilie) sich abends zur Ruhe gelegt und im süßen Gefühl

noch zwischen Schlaf und Wachen schwebte, schien es ihr, als wenn sie

in einen ganz hellen, doch mild erleuchteten Raum hineinblickte. In

diesem sah sie Eduarden ganz deutlich, und zwar nicht gekleidet, wie

sie ihn sonst gesehen, sondern im kriegerischen Anzug, jedesmal in

einer anderen Stellung, die aber vollkommen natürlich war und nichts

Phantastisches an sich hatte: stehend, gehend, liegend, reitend.

Die Gestalt, bis aufs kleinste ausgemalt, bewegte sich willig vor

ihr, ohne daß sie das mindeste dazu tat, ohne daß sie wollte oder

die Einbildungskraft anstrengte. Manchmal sah sie ihn auch umgeben,

besonders von etwas Beweglichem, das dunkler war, als der helle

Grund, aber sie unterschied kaum Schattenbilder, die ihr zuweilen

als Menschen, als Pferde, als Bäume oder Gebirge vorkommen konnten.

Gewöhnlich schlief sie über der Erscheinung ein, und wenn sie nach

einer ruhigen Nacht morgens wieder erwachte, so war sie erquickt,

getröstet, sie fühlte sich überzeugt: Eduard lebe noch, sie stehe mit

ihm noch in dem innigsten Verhältnis.«

Es handelt sich hier unzweifelhaft um ein telepathisches Phänomen. Mag

Goethe nun Ähnliches aus zuverlässiger Quelle erfahren, mag er es,

wie seine Drusenheimer Vision, selbst erlebt haben, eines ist sicher:

er hielt es für möglich, denn sonst hätte er ganz gewiß nicht gewagt,

in einer Zeit der rücksichtslosesten Aufklärung solche erstaunliche

Begebenheiten zu schildern.

Übrigens verleiht er seiner Ottilie in den »Wahlverwandtschaften«

(2. Teil, 11. Kapitel) noch eine andere Fähigkeit, die dem Vorgefühl

eines Witterungswechsels, unter dem ja viele Leute leiden und das

Shakespeare im Hamlet bereits in die Literatur einführt, verwandt zu

sein scheint. Der Passus lautet:

»Ottilie, die uns begleitete, stand an zu folgen, und bat sich auf

dem Kahne dorthin begeben zu dürfen. Ich setzte mich mit ihr ein und

hatte meine Freude an der Gewandtheit der schönen Schifferin. Ich

versicherte ihr, daß ich seit der Schweiz, wo auch die reizendsten

Mädchen die Stelle des Fährmanns vertreten, nicht so angenehm sei über

die Wellen geschaukelt worden, konnte mich aber nicht enthalten sie zu

fragen, warum sie eigentlich abgelehnt, jenen Seitenweg zu machen: denn

wirklich war in ihrem Ausweichen eine Art von ängstlicher Verlegenheit.

Wenn Sie mich nicht auslachen wollen, versetzte sie freundlich, so kann

ich Ihnen darüber wohl einige Auskunft geben, obgleich selbst für mich

dabei ein Geheimnis obwaltet. Ich habe jenen Nebenweg niemals betreten,

ohne daß mich ein ganz eigener Schauer überfallen hätte, den ich sonst

nirgends empfinde und den ich mir nicht zu erklären weiß. Ich vermeide

daher lieber mich einer solchen Empfindung auszusetzen, um so mehr, als

sich gleich darauf ein Kopfweh an der linken Seite einstellt, woran ich

sonst auch manchmal leide.

Wir landeten, Ottilie unterhielt sich mit Ihnen, und ich untersuchte

indes die Stelle, die sie mir aus der Ferne deutlich angegeben hatte.

Aber wie groß war meine Verwunderung, als ich eine sehr deutliche Spur

von Steinkohlen entdeckte, die mich überzeugt, man würde bei einigem

Nachgraben vielleicht ein ergiebiges Lager in der Tiefe finden.«

Goethe hatte selbst wiederholt telepathische Erlebnisse gehabt. Er

sagt: »Unter Liebenden ist diese magnetische Kraft besonders stark

und wirkt sogar in die Ferne. Ich habe in meinen Jünglingsjahren

Fälle genug erlebt, wo mich auf einsamen Spaziergängen ein mächtiges

Verlangen nach einer Geliebten überfiel, und wo ich so lange an sie

dachte, bis sie mir wirklich entgegen kam. Es wurde mir in meinem

Stübchen unleidlich, sagte sie; ich konnte mir nicht mehr helfen, ich

mußte hierher.« Einen solchen Fall erzählt Goethe ausführlich[69]. Das

ist allerdings ein räumliches Ferngefühl.

Die Gabe der Weissagung oder doch die der Visionen – man erinnere sich

des Drusenheimer Falles – war in Goethes Familie heimisch. Man höre,

was er darüber in »Dichtung und Wahrheit« erzählt[70]:

»Was jedoch die Ehrfurcht, die wir für diesen würdigen Greis

(Großvater, der Schultheiß Johann Wolfgang Textor) empfanden, bis

zum Höchsten steigerte, war die Überzeugung, daß derselbe die Gabe

der Weissagung besitze, besonders in Dingen, die ihn selbst und sein

Schicksal betrafen. Zwar ließ er sich gegen niemand als gegen die

Großmutter entschieden und umständlich heraus; aber wir alle wußten

doch, daß er durch bedeutende Träume von dem, was sich ereignen

sollte, unterrichtet werde. So versicherte er z. B. seiner Gattin,

zur Zeit als er noch unter die jüngeren Ratsherren gehörte, daß er

bei der nächsten Vakanz auf der Schöffenbank zu der erledigten Stelle

gelangen würde. Und als wirklich bald darauf einer der Schöffen, vom

Schlage gerührt, starb, verordnete er am Tage der Wahl und Kugelung

daß zu Hause im stillen alles zum Empfang der Gäste und Gratulanten

solle eingerichtet werden, und die entscheidende goldene Kugel ward

wirklich für ihn gezogen. Den einfachen Traum, der ihn hiervon belehrt,

vertraute er seiner Gattin folgendermaßen: Er habe sich in voller

gewöhnlicher Ratsversammlung gesehen, wo alles nach hergebrachter Weise

vorgegangen. Auf einmal habe sich der nun verstorbene Schöff von seinem

Sitze erhoben, sei herabgestiegen und habe ihm auf eine verbindliche

Weise das Kompliment gemacht; er möge den verlassenen Platz einnehmen,

und sei darauf zur Türe hinausgegangen.

Etwas Ähnliches begegnete, als der Schultheiß mit dem Tode abging. Man

zaudert in solchem Falle nicht lange mit Besetzung dieser Stelle, weil

man immer zu fürchten hat, der Kaiser werde sein altes Recht, einen

Schultheißen zu bestellen, irgend einmal wieder hervorrufen. Diesmal

ward um Mitternacht eine außerordentliche Sitzung auf den andern Morgen

durch den Gerichtsboten angesagt. Weil diesem nun das Licht in der

Laterne verlöschen wollte, so erbat er sich ein Stümpfchen, um seinen

Weg weiter fortsetzen zu können. ›Gebt ihm ein ganzes‹, sagte der

Großvater zu den Frauen; ›er hat ja doch die Mühe um meinetwillen.‹

Dieser Äußerung entsprach auch der Erfolg: er wurde wirklich

Schultheiß; wobei der Umstand noch besonders merkwürdig war, daß,

obgleich sein Repräsentant bei der Kugelung an der dritten und letzten

Stelle zu ziehen hatte, die zwei silbernen Kugeln zuerst herauskamen

und also die goldne für ihn auf dem Grunde des Beutels liegen blieb.

Völlig prosaisch, einfach und ohne Spur von Phantastischem oder

Wundersamem waren auch die übrigen der uns bekannt gewordnen Träume.

Ferner erinnere ich mich, daß ich als Knabe unter seinen Büchern

und Schreibkalendern gestöbert und darin unter andern auf Gärtnerei

bezüglichen Anmerkungen aufgezeichnet gefunden: ›Heute nacht kam N.

N. zu mir und sagte ..... Name und Offenbarung waren in Chiffren

geschrieben. Oder es stand auf gleiche Weise: Heute nacht sah ich ....

Das übrige war wieder in Chiffren, bis auf die Verbindungs- und andere

Worte, aus denen sich nichts abnehmen ließ.

Bemerkenswert bleibt es bei, daß Personen, welche sonst keine Spur

von Ahnungsvermögen zeigten, in seiner Sphäre für den Augenblick die

Fähigkeit erlangten, daß sie von gewissen gleichzeitigen, obwohl in

der Entfernung vorgehenden Krankheits- und Todesereignissen durch

sinnliche Wahrzeichen eine Vorempfindung hatten. Aber auf keines seiner

Kinder und Enkel hat eine solche Gabe fortgeerbt; vielmehr waren sie

meistenteils rüstige Personen, lebensfroh und nur aufs Wirkliche

gestellt[71].«

Fußnoten:

[35] Vgl. Enneas Sylvius (Piccolomini), Historia Friderici, ed. Kollar,

p. 136.

[36] Vgl. Eduard Vehse, Geschichte des preußischen Hofes und Adels (in

der Geschichte der deutschen Höfe), I. Bd., S. 48.

[37] Vgl. Walter Bormann, »Die Nornen«, S. 206 f. Ailly beruft sich

noch auf einen »tractatus de magnis coniunctionibus« von Abumasar.

M. J. Schleiden bespricht in seinen »Studien«, Leipzig 1855, S. 264

ff., diese Vorhersage und kommt zu dem Resultate, daß sie auf einem

astronomischen Rechenfehler beruhe, da der große Saturnumlauf nicht

300, sondern nur 294½ Jahre betrage. Das braucht uns nicht weiter zu

kümmern, da es an der Tatsache der richtigen Vorhersage nichts ändert.

[38] Vgl. Schleiden, Studien, S. 247 f. Über Astrologie – vom

gegnerischen Standpunkt aus – vergleiche dessen Aufsatz »Wallenstein

und die Astrologie«, Studien, S. 217 f. Es mag Vielen neu sein, daß

unter dem Namen »Zodiakus« seit 1910 eine deutsche astrologische

Zeitschrift erscheint.

[39] Vgl. Ch. Lichtenberg, Vermischte Schriften, IV. Band. Göttingen

1802, S. 214.

[40] Schleiden, Studien, S. 243.

[41] Vgl. Tharsander, Schauplatz sonderbarer Meinungen I, S. 187.

Goclenii Libri Uraniae divinatricis. Marp. 1694. Zitiert nach (Vulpius)

»Curiositäten der Vor- und Mitwelt« 5. Bd., Weimar 1816, S. 15. Hier

sei nicht verschwiegen, daß die Tradition, Lucas Gauricus habe den Tod

Heinrichs II. von Frankreich vorhergesagt – vgl. »Curiositäten« S. 15

– falsch ist. Vgl. (Adelung) Geschichte der menschlichen Narrheit, II.

Bd., Leipzig 1786, S. 261. Hier sind noch andere falsche Nativitäten

notiert. Vgl. auch Suden, Gelehrter Kritikus, 3. Bd., S. 62. Weitere

Literatur in »Curiositäten«, 5. Bd., S. 15 Anm. ***. Was Keplers

Vorhersage des Todes von Matthias betrifft, so kann ich sie bei Frisch,

J. Kepleri opera omnia, I. B., Frankfurt 1858, p. 483 ff., nicht finden.

[42] Vgl. Freher, Theatrum virorum eruditorum, p. 1551. Die Schriften

Goldmayers bei (Adelung) Geschichte der menschlichen Narrheit, 4. Bd.,

S. 218 ff.

[43] Vgl. Allgemeine deutsche Biographie, 15. Bd., p. 618.

[44] Vgl. Albert Kniepf, Zodiakus, 1911, S. 3 ff.

[45] Vgl. Zadkiels Almanac 1911, London, nach gütiger Mitteilung des

Herrn A. Kniepf.

[46] Zitiert nach »Woldenckwürdige Weissagung unnd Propheceyung, von

den jetzigen Läufften, unnd sonderlich von dem noch innstehenden 1619.

Unnd nachfolgenden 1620. 1621. 1622. 1623 Jahre. Von Johanne Capistrano

usw.« 1619. VII. Abschnitt.

[47] Vgl. E. A. Schmidt, Geschichte von Frankreich in Heeren und Ukert,

Geschichte der europäischen Staaten, 3. Bd., Hamburg 1846, S. 386 f.

[48] »Journal de ma vie« Mémoires du maréchal de Bassompierre. I. Bd.,

Paris 1870, p. 270 f.

[49] Vgl. A. Debay, Histoire des sciences occultes. Paris 1860, p. 103.

Das Folgende eb. p. 103 f.

[50] Zitiert nach Gottfried Arnold, Kirchen- und Ketzerhistorie, 3.

Teil, Frankfurt a. M. 1700, Kap. 26, S. 248 ff. Die (ungedruckte)

»Relation«, der Arnold diese Visionsberichte entnommen hat, trägt die

Aufschrift: »So schrieb anno 1653. am II. Pfingsttage im namen der

Heiligen Dreyfaltigkeit, ich Joachim Greulich, und bekenne mit GOTT und

dem Vater, den Sohn, und den Heiligen Geist, wie folgt ...«

[51] Vgl. v. Tettau, Erfurts Unterwerfung unter die mainzische

Landeshoheit 1648–1664. Halle 1887 in den »Neujahrsblättern«,

herausgegeben von der historischen Kommission der Provinz Sachsen und

»Thüringische Lesehalle«, 1886, S. 173 f.

[52] Wir haben hier und weiter oben nur gesperrt, was auch im Original

gesperrt gedruckt ist!

[53] (Adelung) Geschichte der menschlichen Narrheit, III. Bd., S. 118.

[54] Anm. der Erzählerin: Ein englischer Schrank, wie sie ihn wohl

noch nie gesehen hatte. – Der Fall trägt bei Flammarion, Rätsel des

Seelenlebens, die Nummer LXXV und steht auf S. 411 ff.

[55] Vgl. G. Villani, Chronik von Florenz, Geschichte der Vorzeit, XIV.

Jahrh., II. Bd., S. 137. Eine Verulkung der Prophetie hat sich aus

dem Jahre 1536 erhalten unter der Titel »Propheci und wunder–/ barlich

Pronostication, uff das 1536./ jar kürtzlich gefunden zu Rätersch/ eym

im Nergaw.« Vgl. O. Clemen, Archiv für Kulturgeschichte, 7. Bd., 1909,

S. 1 ff.

[56] Diese Mitteilung verdanke ich Fräulein Isolde Kurz. Vgl. unter

anderen zeitgenössischen Quellen: Benedetto Varchi, Storia Florentina,

Florenz 1844, 3. Bd., p. 262 ff. Auch Nardi und Guicciandini berichten

ähnliches.

[57] Friedrichs des Großen Werke, Frankfurt und Leipzig 1788, S. 88–95.

[58] Leipzig 1817. Karl August von Eschenmayer, geb. 1768, gest. 1852,

war Professor der Medizin und Philosophie in Tübingen. Seit 1836 ins

Privatleben zurückgezogen, beschäftigte er sich viel mit Mystizismus,

was ihm natürlich Spott eintrug. Immermann stellte ihn im »Münchhausen«

unter dem Namen »Eschenmichel« satirisch dar.

[59] Vgl. A. J. Davis, Die Wirklichkeit eingebildeter Krankheiten:

Sphinx, 2. Bd., 1886, S. 216 ff.

[60] Übersetzung von Kiesewetter, Psychische Studien, 17. Bd., 1890, S.

402 f.

[61] Bessières führte den Titel eines Herzogs von Istrien.

[62] Marschall Ney.

[63] Nach einer Anmerkung von Kiesewetter ist das ein Gedächtnisfehler

von Baudus, da die Anhöhe, auf der sich jetzt ein Bessières’ Namen

tragender Gedächtnisstein befindet, unweit Weißenfels nach Rippach zu

liegt.

[64] Vgl. Justinus Kerner, »Magikon«, III. Bd., S. 262. Zitiert nach

Kiesewetter a. a. O. gleich dem Folgenden.

[65] Nach Du Prel in den Psychischen Studien, 17. Bd., 1890, S. 207.

Die in Kerners Magikon II, 263 berichtete Tatsache wurde von Du Prels

Großonkel, einem Verwandten und Waffengefährten Lasalles, bestätigt. –

Das Folgende nach Brierre de Boismont, Des hallucinations, S. 295 (nach

Du Prel).

[66] Zu Davis vgl. H. Johannsen »Gibt es ein Hellsehen?« Psychische

Studien, 36. Bd., 1909, S. 480 ff.

[67] Hierzu machte Frau de Ferriëm, »Mein geistiges Schauen in die

Zukunft«, Berlin 1895, S. 105 Anm., der wir obenstehenden Bericht

entnehmen, die Bemerkung: daß sich damals durch die französische

Seherin ein Spirit kundgab, der sich merkwürdigerweise ebenso wie

=ihr= »Haupt-Kontroll-Geist« »Gabriel« nannte usw. Die Erklärung für

diese prophetischen »Geister« dürfte meines Dafürhaltens wie schon

weiter oben bemerkt, im Kausalitätsbedürfnis der Seherinnen liegen.

Sie beobachten an sich das Phänomen der Visionen usw., ohne es sich

erklären zu können und greifen deshalb zur Spirithypothese, die weder

bisher bewiesen wurde, noch auch notwendig ist, so wenig wir zum

Hypnotismus oder zur drahtlosen Telegraphie »Spirits« benötigen. Es

handelt sich hier jedenfalls um eine uns noch nicht näher bekannte

Naturkraft.

[68] Zitiert nach den »Psychischen Studien«, 36. Bd., 1909, S. 78 ff.

[69] Vgl. Eckermann, Gespräche mit Goethe, III. S. 137–139. Die ebenda

wiedergegebene Erzählung, der Dichter habe das Erdbeben, das am 5.

Februar 1783 Messina zerstörte, in Weimar auf telepathischem Wege

gespürt, ist nicht stichhaltig. Vgl. R. Hennig, Gartenlaube 1910, S.

758 (Nr. 36).

[70] 1. Teil, erstes Buch, Cottasche Ausgabe ed. Goedeke, 20. Bd., S.

38 ff.

[71] Vgl. auch den Aufsatz von A. P. Brumm, »Seltsames und Mystisches

aus der englischen Dichterwelt«. »Sphinx«, II. Bd., 1886, S. 187 ff.

Hier werden merkwürdige Dinge von W. Blake, Thomas de Quincey, Shelley

und Walter Scott erzählt.

Drittes Kapitel

Unsere Beweisführung

Einwände und deren Widerlegung

Wir haben in den beiden vorangehenden Kapiteln eine ganze Reihe von

Prophezeiungen angeführt und schlossen mit der Bemerkung, daß wir

trotzdem nicht behaupten, schon einen =zwingenden= Beweis erbracht zu

haben.

Das bedarf einer eingehenden Begründung.

Gegen unser Material muß zunächst eingeworfen werden, daß es sich zum

Teil um Berichte handelt, die erst veröffentlicht wurden, =nachdem= das

vorhergesagte Ereignis auch =eingetreten= war. Da ist die Vermutung

möglich, die Zeugen hätten bewußt oder unbewußt die Unwahrheit gesagt.

Daß Lügen, gerade wenn es sich um so Ungewöhnliches handelt, wie

in unserer Untersuchung, möglich sind, soll gewiß nicht bestritten

werden. Immerhin stammt eine ganze Reihe von Daten von Leuten, an deren

Wahrheitsliebe zu zweifeln schlechterdings nicht zulässig ist. Wer

selbst auf seine Ehre etwas hält, wird sehr vorsichtig sein, wenn er in

Versuchung kommt, der eines anderen zu nahe zu treten. Deshalb wollen

wir den bewußten Schwindel ganz ausschalten. Es kämen ja überhaupt nur

ganz wenige der hier mitgeteilten Phänomene für diese Art des Zweifels

in Frage.

Wie aber steht es mit dem andern Einwurf, dem, die Gewährsmänner hätten

=unbewußt= die Unwahrheit gesagt?

Wer die Psychologie der Zeugenaussage kennt, weiß, daß unser Gedächtnis

uns oft in einer Weise im Stich läßt, die wir nicht für möglich

gehalten hätten. In vieler Erinnerung wird noch das Experiment sein,

das der große Strafrechtslehrer Franz von Liszt in seinem Seminar –

also mit lauter gebildeten jungen Leuten – anstellte und das gänzlich

negativen Erfolg hatte. Es handelte sich damals um den Bericht über ein

von ihm im Hörsaal inszeniertes Attentat, wobei die Zeugen keine Ahnung

davon hatten, daß es sich um eine abgekartete Sache handle. Allerdings

mag damals die große Erregung und die Schnelligkeit, mit der sich die

Vorgänge abspielten, das Resultat ungünstig beeinflußt haben. Aber

zuzugeben ist, daß unserem Gedächtnis, zumal wenn es sich um Details

handelt und besonders, wenn das Erlebnis lange zurück liegt, nicht

allzuviel Glauben beizumessen ist.

Das liegt hauptsächlich in der Art begründet, in der solche

Gedächtnisbilder zustande kommen. Es sind keineswegs, wie man annehmen

sollte, lauter Beobachtungen, Eindrücke, die wie die Bilder auf der

photographischen Platte festgehalten und nach Hause getragen werden.

Vielmehr ist nur ein Bruchteil wirklich beobachtet, das andere aber

kombiniert, und zwar ganz unbewußt kombiniert.

Sehen wir jemanden in großer Erregung mit gezücktem Dolch auf einen

Dritten zustürzen und ihm scheinbar die Waffe in den Körper bohren,

dann glauben wir auch sofort den Blutstrahl aufspritzen zu sehen. Auch

wenn gar nicht zugestochen wurde. Unsere Phantasie, verbunden mit dem

Kausalitätsbedürfnis, mit der Erfahrung, daß bei Wunden auch Blut

fließt, spielte uns einen Streich.

Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Das Fazit, daß auch

intelligente Menschen mit großer Wahrheitsliebe objektiv unwahre Dinge

berichten, können wir schon jetzt ziehen. Die Vermutung bei besonders

merkwürdigen Phänomenen, wie denen, um die es sich hier ausschließlich

handelt, sei die Phantasie doppelt geschäftig, liegt gewiß nahe.

Nun ist aber dagegen einzuwenden, daß es sich fast regelmäßig um so

Wichtiges – etwa den vorhergesagten Tod naher Angehöriger – handelt,

daß =das Essentielle der Vorhersage behalten wird=, wenn auch

=Irrtümer= in bezug auf die =Nebenumstände vorkommen mögen=. Denn wenn

wir daran zweifeln wollen, daß jemand Fragen von solcher Bedeutung in

sein Gedächtnis eingraben kann, dann müssen wir das Gedächtnis als

Gehirntätigkeit überhaupt streichen. Dann kann auch jemand vergessen,

daß er irgendwo verwundet wurde oder daß sein Vater starb. Auch hier

führt eine Hyperkritik zu absurden Konsequenzen.

Einräumen wollen wir aber, daß in allen jenen Fällen, in denen die

Vorhersage eines Ereignisses erst =nach= dessen Eintreffen publiziert

wird, der Leser das Recht hat, an der Glaubwürdigkeit des oder der

Zeugnisse zu zweifeln.

Deshalb schreibt der bekannte verstorbene Vorkämpfer des Okkultismus,

Freiherr von Du Prel, ein Forscher, dessen Verdienste im vollen Umfange

auch erst die Zukunft anerkennen wird:

Solche Visionen müssen »vor dem Eintreffen in einer Zeitschrift

=publiziert= werden, selbst auf die Gefahr hin, daß einzelne nicht

eintreffen. – Das bloße Deponieren im Archiv der betr. Gesellschaft

hätte höchstens für die Gesellschaftsmitglieder einen Wert«.

Nun ist aber eine große Anzahl der von uns mitgeteilten Fälle von

zeitlichem Fernsehen bereits früher, ja oft schon Jahrhunderte vorher,

im Druck erschienen.

Was läßt sich gegen deren Beweiskraft anführen? Da besteht zunächst

der Einwand, diese Prophezeiungen seien so unklar gefaßt, daß sie

vielleicht auch auf andere Ereignisse bezogen werden könnten. Er ist

häufig schwer oder gar nicht zu widerlegen.

Oder es heißt – und das ist einer der beliebtesten Gegengründe –

man erinnere sich zwar genau der wenigen Vorhersagen, die zutrafen,

vergesse aber alle jene, die falsch gewesen seien.

Diese Erwägung besteht zweifellos zu Recht. Es ist ja fabelhaft,

wie viel und was für haarsträubend dummes Zeug prophezeit wurde und

noch wird. In früheren Jahrhunderten gab man solche Elaborate gern

in den Druck, heute ist man darin – nicht zum Schaden der Sache –

zurückhaltender geworden.

Wenn wir nun auch ohne weiteres die Berechtigung dieser Art des

Zweifels zugeben und es uns gar nicht einfällt, zu bestreiten, daß es

geradezu ein Wunder sein müßte, wenn unter den Myriaden von Vorhersagen

nicht diese oder jene wahr geworden wäre, so bedarf doch anderseits

diese Frage eingehenderer Prüfung.

Es sind drei Möglichkeiten für die richtige Vorhersage von etwas

Zukünftigem gegeben: 1. die =Berechnung=. Sie ist Aufgabe der

Wissenschaft und wird es in späteren Zeiten noch mehr werden. Wenn ein

warmer Sommer im nördlichen Polargebiet war, so daß große Massen von

Eis schwimmend ins Meer gelangten und nach Süden trieben, so hat die

metereologische Erfahrung ergeben, daß der nächste Winter in unseren

Breiten kalt werden wird.

Prophezeiungen · 第 8 / 27 段