ausgezeichnet. Das ist bezeichnend, nicht nur für die damalige
Zeit, sondern auch für die Gegenwart. Auch heute – das beweisen die
zahlreichen von Flammarion veröffentlichten Tatberichte, die so und
so oft die Bitte um Verschweigen des Namens ›wegen meiner amtlichen
Stellung‹ usw. enthalten, – ist die Feigheit weitester Kreise, auch der
Gebildeten, geradezu fabelhaft.
Es mag manchem unangenehm sein, wenn mit Namen und Adresse von
ihm berichtet wird, daß er silberne Löffel gestohlen oder einen
Notzuchtversuch gemacht hat. Wie es aber jemand unangenehm sein kann,
die Wahrheit eines Vorganges zu bezeugen ist – wenn er dabei nicht
riskieren muß die Segnungen unserer Rechtspflege kennen zu lernen
– völlig unverständlich. Oder vielmehr, es wäre es, wenn es nicht
durch gewisse Folgen, die unsere aufgeklärte Zeit damit verbindet,
verständlich gemacht würde.
Im Mittelalter war es bekanntlich höchst gefährlich, die Existenz
der Hexen zu leugnen. Denn wer das tat, erklärte indirekt die
Hexeninquisitoren für Toren oder Mörder, ein Verbrechen, das nach
Recht und Billigkeit mit dem Tode geahndet wurde. Seit dem Siege der
Aufklärung ist es umgekehrt. Was nicht alle Tage passiert, was nicht
die Spatzen von den Dächern pfeifen, und das Begriffsvermögen von Hinz
und Kunz übersteigt, gilt eo ipso für phantastisch oder unwahr. Darum
riskiert jeder, der das Dogma von der Unmöglichkeit aller in die gerade
heute herrschenden naturwissenschaftlichen Hypothesen und Theorien
nicht hineinpassenden Phänomene nicht bedingungslos unterschreibt,
die unangenehmsten Folgen. Entweder er wird als Phantast verschrien,
der in den Wolken wandert, oder aber er gilt als Lügner. Nun ist es
nicht jedermanns Sache, sich einer capitis diminutio seiner Ehre oder
Urteilsfähigkeit unterziehen zu müssen. Nur wenige haben den, unter den
obwaltenden Verhältnissen nicht geringen Mut, sich dem Geschrei der
zwar urteilslosen, aber desto stimmkräftigeren und zahlreicheren Menge
entgegenzustemmen.
Daraus folgt zwingend, daß heute das Dogma genau so herrscht, wie im
finstersten Mittelalter. Nur sein Inhalt ist dem früheren konträr.
Kritiklos aber wird es nachgebetet und befolgt von Leuten, die – und
das ist das Komische an der Sache – sich für frei, aufgeklärt und
vorurteilslos halten.
Die obige Prophezeiung ist abgesehen von ihrer guten Beglaubigung
noch durch etwas anderes interessant. Die Fälle, daß jemandem der Tod
vorherverkündet wurde und dann auch wirklich eintrat, sind nichts
weniger als selten. Aber wir können häufig dem – bisweilen völlig
berechtigten – Einwand begegnen, daß die Prophezeiung Ursache des
Todes wurde. Denn es ist klar, daß suggestible Gemüter ihre ganze
Widerstandskraft verlieren, wenn ihnen ein vorgeblich unentrinnbares
Schicksal vorher verkündet wird[59].
Diese Erklärungsmöglichkeit schaltet hier vollkommen aus. Denn der
König hatte von dieser Vorhersage natürlich keine Ahnung.
Der Skeptiker wird gegen solche Todesankündigungen immer einwenden
können, daß sie – wie alle Vorhersagen – um beweiskräftig zu sein,
vorher hätten gedruckt sein müssen. Das wird sich freilich gerade in
diesen Fällen kaum verwirklichen lassen. Denn die Kitzlichkeit dieser
Prophezeiungen schließt deren frühere Veröffentlichung geradezu aus.
Man wird hier also immer mehr oder minder den Gewährsmännern Glauben
schenken müssen.
Regelmäßig wird dabei ein ganz merkwürdiger Trugschluß begangen. Da
nur wenige Personen ähnliche, sagen wir, mystische Daten überliefern,
was ja in einer Zeit, die sie ungeprüft für Schwindel hält, ganz
begreiflich ist; da diese wenigen Interessenten aber zumeist eine
Reihe solcher Phänomene bezeugen, so wird stets gesagt: »Das ist wenig
glaubwürdig, denn X. ist ja bekanntlich Mystiker.« Und doch liegt der
Fall gerade umgekehrt. Nicht weil X. Mystiker ist, erzählt er okkulte
Fälle und verdient deshalb kein Vertrauen, sondern er wurde Mystiker,
weil er solche Erlebnisse hatte oder deren Zeuge war. Hier liegt also
eine Verwechslung von Ursache und Wirkung vor.
Wir wollen nun noch einige Fälle des Vorgefühles des eigenen Todes
anführen. Nachdem wir im vorigen Kapitel gesehen haben, daß sich
noch in der Gegenwart Ähnliches sehr häufig ereignet, werden wir um
so weniger an den historischen Berichten zweifeln. Und zwar wählen
wir ausdrücklich Beispiele, in denen der Tod gewaltsam eintritt.
Damit hoffen wir dem Einwurf begegnen zu können, daß das physische
Übelbefinden, das vielleicht nicht klar zum Bewußtsein kommt, Ursache
der Vorahnung ist.
De Baudus, der ehemalige Adjutant des Marschalls Bessières, erzählt in
seinen »Etudes sur Napoléon«[60]:
»Am 30. Mai 1813 brachte das kaiserliche Hauptquartier die Nacht
in Weißenfels zu. Auch der Marschall Bessières, welcher die ganze
Kavallerie kommandierte, schlief hier. Ich frühstückte am anderen
Morgen allein mit ihm, fand ihn sehr traurig und niedergeschlagen, und
konnte ihn lange nicht bewegen, etwas von den aufgetragenen Speisen zu
genießen; er antwortete immer, er habe keinen Hunger. Ich machte ihm
bemerklich, daß unsere und die feindlichen Vorposten einander gegenüber
ständen und wir folglich einen ernsthaften Kampf erwarten müßten,
der uns wahrscheinlich den ganzen Tag nicht erlauben würde, etwas zu
essen. Der Marschall gab endlich nach und sagte: ›Nun, wenn mich diesen
Vormittag eine Kugel trifft, so soll sie mich wenigstens nicht mit
nüchternem Magen finden.‹
Als er vom Tische aufstand, gab mir der Marschall den Schlüssel zu
seinem Portefeuille und sagte: ›Suchen Sie doch gefälligst die Briefe
von meiner Frau.‹ – Ich tat es und gab sie ihm. Er nahm sie und warf
sie ins Feuer. Bis dahin hatte er sie sorgfältig aufbewahrt. Die Frau
Herzogin von Istrien[61] hat mich seitdem versichert, der Marschall
habe beim Abschiede zu mehreren Personen gesagt, er werde von diesem
Feldzuge nicht zurückkommen.
Der Kaiser stieg zu Pferde, und der Marschall folgte ihm. Sein Gesicht
war so bleich und seine Züge verrieten so tiefe Traurigkeit, daß es mir
nicht entgehen konnte, und ich sagte zu einem Kameraden: ›Wenn es heute
zu einer Schlacht kommt, wird der Marschall wohl bleiben.‹ –
Die Schlacht begann. Der Herzog von Elchingen[62] hatte das Dorf
Rippach mit seiner Infanterie besetzt, und der Herzog von Istrien
bereitete sich das Defilé zu rekognoszieren, aus welchem der Feind
verdrängt war, während er mit seinen Truppen hindurch marschieren
wollte. Als er auf der Höhe angelangt war, welche das Dorf
beherrscht[63], am Ende desselben nach Leipzig zu, befand er sich vor
einer Batterie, die der Feind da aufgefahren hatte, um die Straße zu
bestreichen. Die erste Kugel, welche von dieser Batterie kam, riß
einem Quartiermeister der Garde der polnischen Chevaulegers den Kopf
weg; er hatte seit mehreren Jahren Ordonnanzdienste beim Herzog getan.
Dieser Verlust verstimmte den Herzog von Istrien und er entfernte sich
im Galopp. Nach einigen Augenblicken kam er jedoch mit Gefolge wieder
zurück und sagte, indem er auf den Leichnam deutete: ›Der junge Mann
muß begraben werden; auch würde der Kaiser unzufrieden sein, wenn er
einen Unteroffizier seiner Garde tot hier liegen sähe; denn wenn der
Posten wieder gewonnen wird, könnte der Feind glauben, die Garde sei
zurückgewichen.‹
Eine Kugel, welche von derselben Batterie kam, streckte den Marschall
in dem Augenblicke tot nieder, als er diese Worte gesagt hatte. Die
linke Hand, welche den Zügel hielt, als er gerade sein Fernrohr
einsteckte, wurde ganz zerschmettert; die Kugel ging ihm durch den
Leib. Seine Uhr blieb stehen, ob sie gleich nicht getroffen wurde; sie
zeigt noch jetzt seine Todesstunde an, denn sie wurde seitdem nicht
wieder aufgezogen.«
So weit der Bericht des Augenzeugen de Baudus.
Auch Marschall Lannes fühlte seinen Tod voraus. Als 1809 der Krieg
mit Österreich ausbrach, nahm er von Frau und Kindern in der festen
Überzeugung Abschied, daß er sie nicht wieder sehen werde. Er fiel am
22. Mai bei Eßlingen[64].
Der General Lasalle konnte vor der Schlacht bei Wagram, von
Todesahnungen beunruhigt, nicht schlafen. Er schrieb an Napoleon und
empfahl ihm Frau und Kinder. Seinen Freunden gegenüber sprach er
mit Bestimmtheit davon, daß er den Tag nicht überleben würde. Diese
Tatsache wird nicht nur von Zeugen bestätigt, sondern Napoleon selbst
erzählt in seinen Memoiren von St. Helena, Lasalle habe ihm mitten
in der Nacht geschrieben und ihn gebeten, sein Majorat auf seinen
Sohn übergehen zu lassen, da er fürchte, in der morgigen Schlacht zu
fallen[65].
Auch von Cervoni erzählt Napoleon, daß er vor der Schlacht von Eckmühl
Todesahnungen ausgesprochen habe, die eintrafen.
Ebenso hatte Duroc vor der Schlacht bei Bautzen Todesahnungen. Er
sprach hiervon zu Napoleon, der ihn nicht beruhigen konnte, vielmehr
von Durocs innerer Erregung gleichfalls ergriffen wurde. Während der
Schlacht brachte ein Adjutant die Nachricht, daß der Marschall gefallen
sei und die Augenzeugen erzählen, daß sich Napoleon vor die Stirn
schlug und ausrief: »Meine Ahnungen trügen niemals.« Napoleon war
nämlich selbst von Ahnungen heimgesucht und hielt viel von ihnen.
Ein Kapitel für sich bilden die Prophezeiungen von Davis.
Der um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Amerika lebende Andrew Jackson
Davis besaß die Gabe des räumlichen und zeitlichen Fernsehens. Man kann
sich davon leicht aus seinen Büchern überzeugen, nachdem eine Reihe von
Vorhersagen erst jetzt in Erfüllung gegangen ist.
In seinem Werke »The principels of nature« (New York 1847), das er in
somnambulen Zustande diktierte, stellt Davis die Behauptung auf, es
gäbe noch einen transneptunischen =neunten Planeten=. Damals hatte
man noch kaum eine Ahnung vom achten Planeten. Gegenwärtig aber sind
die Astronomen dabei, den neunten zu entdecken, was nur auf Grund
der neuesten Instrumente und der Himmelsphotographie möglich ist,
Mittel, die für Davis gar nicht in Frage kamen. Zweifellos ist diese
Entdeckung ein idealer Beweis für das räumliche Fernsehen.
Da wir uns aber auf das Zeitliche beschränken, seien einige
Prophezeiungen Davis’ noch angeführt. In seinem Werke »The Penetralia«
(New York 1856, deutsch Leipzig 1884 bei Wilhelm Besser) findet sich
auf Seite 219 folgende Vorhersage:
»Gebet acht in jenen Tagen! – auf Wagen, Equipagen, Reisesalons auf
der Landstraße, ohne Pferde, ohne Dampf, ohne jedwede sichtbare
Bewegungskraft, alles bewegt sich mit großer Schnelle und weit größerer
Sicherheit als gegenwärtig. Equipagen und Wagen schwerer Gattung werden
durch eine seltsame und dabei einfache Verbindung von Wasser und
atmosphärischen Gasen bewegt werden. Diese Verbindung wird so leicht
kondensiert, so einfach entzündet und unseren gegenwärtigen Lokomotiven
ähnlich angewendet, daß der ganze Apparat zwischen den Vorderrädern
verborgen und gehandhabt werden kann. Diese Fahrgelegenheiten werden
viele Verlegenheiten verhindern, wie solche jetzt die Bewohner wenig
bevölkerter Gegenden durchzumachen haben. Die erste Bedingung für diese
Landlokomotiven wird eine gute Straße sein, auf der mit der neuen
Lokomotive ohne Pferde mit großer Schnelligkeit gefahren wird. Diese
Fahrgelegenheiten werden von wenig komplizierter Bauart sein.«
Interessant ist, daß dieses visionär geschaute Automobil wie die
allerneuesten Fabrikate den Motor zwischen den Vorderrädern hat!
Bedenkt man, daß es noch gar nicht lange her ist, daß hervorragende
Techniker vor Versuchen, Automobile zu konstruieren, als Utopie
abrieten, daß der erste brauchbare Motorwagen erst 1885 erschien, das
erste brauchbare Straßenlokomobil 1890, so muß man allerdings über
diese Prophezeiung aus dem Jahre 1856 staunen.
Auf derselben Seite schreibt Davis auch über die Luftschiffahrt. »Es
ist nur ein Ding notwendig, um Luftschiffahrt zu haben, und das ist die
Anwendung dieser soeben in Betracht gezogenen höheren Bewegungskraft,
die eben jetzt im Begriff ist, entdeckt zu werden. Der nötige
Mechanismus, die Gegenluftströmung zu überwinden, um in der Luft ebenso
leicht, sicher und angenehm wie die Vögel zu segeln, – hängt ebenfalls
von dieser neuen Bewegungskraft ab. =Diese Kraft wird kommen!= Sie wird
nicht nur die Lokomotiven auf den Schienen, die Wagen aller Gattung
auf der Landstraße, sondern auch die Luftwagen in Bewegung setzen, die
durch den Äther hin von Land zu Land reisen.«
Es handelt sich hier augenscheinlich um den Explosionsmotor, der damals
noch nicht einmal geahnt wurde und dessen Erfindung Voraussetzung der
Luftschiffahrt mit Fahrzeugen schwerer als die Luft war.
Solche Vorhersagen, die teils schon eingetroffen sind, zum Teil wohl
noch eintreffen werden, enthalten die Werke von Davis noch viele.
Doch auch eine politische Vorhersage aus einem Briefe vom Jahre 1868
an den Übersetzer seiner Werke, Dr. Gregor Constantin Wittig, sei
angeführt.
»Es scheint mir« – schreibt Davis – »daß Preußen bestimmt ist, eine
Art Amerika im alten Europa zu werden. Ich glaube, daß es nicht lange
mehr dauern wird und der ›Bund‹ wird Süd- und Norddeutschland in sich
vereinigen. Napoleon kann jetzt nichts dagegen tun; und die, =wenn es
mir gestattet ist, sie so zu nennen=, große deutsche Republik, wird
dann Europa seine Geschicke vorschreiben. Und sie wird immer größere
Freiheit und immer mehr Fortschritt erringen.«
Der Brief wurde 1869, also vor Ausbruch des Deutsch-Französischen
Krieges in den Vorbemerkungen zu dem erstgenannten Werk »Die Prinzipien
der Natur« usw. Seite LXIV abgedruckt[66].
* * * * *
Endlich wollen wir noch einige Fälle von bemerkenswerten Vorhersagen
aus der jüngsten Vergangenheit anführen.
Der furchtbare Pariser Bazarbrand in der Nähe der Champs Elysées,
dem am 4. Mai 1897 außer vielen anderen vornehmen Personen auch die
Herzogin von Alançon, die Schwester der ermordeten Kaiserin Elisabeth
von Österreich, zum Opfer fiel, wurde von Fräulein Couédon, Tochter
eines Pariser Rechtsanwalts, anfangs Mai 1896 im Salon des Grafen
Urbain de Maillé vorhergesagt. Und zwar trug sich die Begebenheit
folgendermaßen zu:
Der Graf Maillé machte – wie der »Temps« unterm 16. Mai 1897 – also
allerdings kurz =nach= dem Brande – mitteilte, folgende Angaben:
»Ich hatte Mlle. Couédon in ihrer Wohnung befragt, und obwohl ich
durchaus nicht an die Mitwirkung des Erzengels Gabriel[67] glaubte,
so schienen mir doch die Enthüllungen des jungen Mädchens äußerst
merkwürdig zu sein. Auf meine Bitte willigte Mlle. Couédon ein,
ausnahmsweise einmal entgegen ihren sonstigen Gepflogenheiten sich bei
mir hören zu lassen, und zwar in Gegenwart von etwa hundert Personen,
unter denen sich die Frau Gräfin Aimery de la Rochefoucauld, Frau v.
Mesnard, die Marquise d’Anglade, die Gräfin Virien, der Graf Fleury
und verschiedene andere befanden. Nachdem Mlle. Couédon die Neugier
derjenigen Geladenen, welche sie jeder für seine Person befragt hatten,
befriedigt hatte, kam der Moment, wo sie uns von dem bevorstehenden
Brande sprach. Vielleicht sprach sie nicht dieselben Worte, die Sie
mir berichten, aber jedenfalls war der Sinn fast derselbe. Sie sprach
von ›=einem großen Brande, welcher in einer zu Wohltätigkeitszwecken
gebildeten Gesellschaft ausbrechen würde=‹ – ›Ich sehe‹, sagte sie,
– ich zitiere aus dem Gedächtnis – ›daß die Spitzen der Gesellschaft
werden getroffen werden. Und ganz besonders wird das =Faubourg St.
Germain zu leiden haben=.‹ Und ganz genau entsinne ich mich, daß die
Seherin hinzufügte: ›=Keine der hier versammelten Personen wird in
Mitleidenschaft gezogen werden!=‹ – und sich mir persönlich zuwendend:
›Sie selbst werden nur ganz von ferne davon berührt werden, sozusagen
nur auf indirektem Wege.‹ In der Tat ist keiner unserer Gäste von dem
Unglück betroffen worden. Was mich anbelangt, so habe ich gemäß den
Voraussagen der Mlle. Couédon eine ganz entfernte Kusine verloren,
welche ich kaum kenne.«
So weit die Worte des Grafen in dem im Temps veröffentlichten Briefe.
Außer diesem Zeugnis besitzen wir noch eines vom Redakteur der Pariser
Zeitung »La libre Parole« und »L’Echo de Merveilleux«, Gaston Méry. Im
letztgenannten Organ schreibt er am 25. Mai u. a.
»Man weiß daß Fräulein Couédon sich stets beharrlich geweigert hat,
in Gesellschaft zu gehen. Ein einziges Mal – nur einmal – machte sie
zugunsten der Gräfin de Maillé eine Ausnahme; es war zu Anfang Mai
1896. In den Salons der Frau von Maillé hatte sich das ganze Viertel
Rendezvous gegeben. Zuerst sprach Fräulein Couédon privatim mit denen
unter den Eingeladenen, die sie konsultieren wollten. Aber ihre
Anzahl war so groß, daß Fräulein Couédon auf Bitten der Herrin des
Hauses einwilligte, nachdem sie den ›Engel Gabriel‹ angerufen hatte,
vor der ganzen versammelten Gesellschaft zu sprechen. Unter anderen
Prophezeiungen machte sie die nachfolgende, deren sich mehrere Zeugen
vollkommen erinnern und deren Wortlaut sie selbst rekonstruiert hat:
In deutschen Zeitungen wurde der
Inhalt folgendermaßen
wiedergegeben:
»Près des Champs-Elysées, »In der Elysäischen Felder Nähe
Je vois un endroit pas élevé, Ich ein wüstes Gedränge sehe.
Qui n’est pas pour la piété, Erst dem Mitleid war es geweiht,
Mais qui en est approché Dann aber macht es viel Herzeleid.
Dans un but de charité Flammen seh’ ich lodern und sengen,
Qui n’est pas la vérité ... Ängstlich die Menge sich furchtbar
Je vois le feu s’élever ... drängen;
Et les gens hurler Lebendes Fleisch seh’ ich geröstet,
Des chairs grillées, Körper verbrannt, die Luft
Des corps calcinés, verpestet!«
J’en vois comme par pelletés.« –
Der »Engel« fügte hinzu, daß alle zuhörenden Personen verschont
werden würden. Darauf sagte einer der Anwesenden, der Vicomte de
Fleury, sehr ungläubig und scherzend zu der Seherin: »Ach, Sie sagen
das nur so, um uns zu schmeicheln!« In der Tat ist =keiner der zu
dieser Soirée Eingeladenen, die alle mehr oder minder regelmäßig bei
den Wohltätigkeitsverkäufen zugegen waren, umgekommen oder bei der
schrecklichen Katastrophe des 4. Mai verwundet worden=. Unter den bei
dieser Soirée Anwesenden befanden sich: die Marquise d’Anglade, die
Komtesse Virien, die Grafen Divonne usw.«
Die Tatsache, daß Fräulein Couédon in der Rue Jean Coujon diese
schreckliche Brandkatastrophe, bei der über hundert Menschen, meist
aus der ersten Gesellschaft, ums Leben kamen und deren sich wohl die
meisten noch erinnern werden, vorhergesehen hat, unterliegt nach den
Berichten, wiewohl sie erst ein Jahr später zu Papier gebracht wurden,
nicht dem allergeringsten Zweifel.
Die Übereinstimmung der gleichzeitig und unabhängig voneinander
abgefaßten Berichte des Grafen Maillé und des Herrn Gaston Méry sind ja
schon hinlängliche Beweise für die Authentizität des Mitgeteilten. Dazu
kommen die genannten Zeugen, des weiteren, daß sich viele von ihnen,
wenn nicht an den Wortlaut, so doch an den Inhalt erinnerten, daß man
schon vor der Katastrophe zu andern davon gesprochen hatte usw.
In diesem Falle ist Autosuggestion ganz ausgeschlossen. Denn eine
Gesellschaft, die mehr oder minder in Wohltätigkeitsbazaren aufgeht,
erinnert sich – wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang –, wenn jemand
vor sie hintritt, der ihr zuruft, daß sie bei solcher Gelegenheit auf
gräßliche Weise ums Leben kommt. Sie atmet aber auch erleichtert auf,
wenn sie damit beruhigt wird, daß keine der anwesenden Personen noch
deren nahen Anverwandten dem Unglück zum Opfer fällt. Ein Irrtum des
Gedächtnisses bezüglich des essentiellen Inhaltes der Prophezeiung ist
in diesem Falle ganz ausgeschlossen. Das wurde auch meines Wissens von
keiner Seite behauptet.
Eine Kritik, die Dinge, die sich vor Hunderten von Zeugen, die dazu
zusammenkamen, um eben diese Dinge zu beobachten, leugnen wollte,
würde einen viel größeren Fehler begehen, als die alten Astronomen,
die das Vorkommen von Meteoren bestritten. Und da von diesen Zeugen
alle noch lebten, viele heute noch leben, so kann die Kritik leichter
leugnen, daß Napoleon I. existiert hat, als die Tatsächlichkeit dieser
Prophezeiung.
Und das, wiewohl der Text der Vision rekonstruiert wurde. Denn was
für uns ausschlaggebend ist und mit Rücksicht auf die Fixierung erst
nach dem Ereignis auch nur beweiskräftig sein kann, ist ja nur der
wesentliche Kern der Prophezeiung. Der aber lautet:
=Es wird in der Nähe der Champs-Elysées, also in Paris, bei einem
Wohltätigkeitsfest ein großes Brandunglück geben.=
Ist diese Prophezeiung schon interessant genug, so wird sie durch
den mündlichen Zusatz – der gut beglaubigt ist –, daß =niemand der
Anwesenden oder aus deren Verwandtschaft zugrunde gehen würde=,
verblüffend. Denn gerade diese, numerisch gar nicht sehr zahlreiche
Gesellschaftsschicht, veranstaltet doch in Paris, wie in jeder
anderen Großstadt, derartige Festlichkeiten. Wir dürften daher in der
Prophezeiung des Fräulein Couédon einen der besten Beweise für die
Existenz dieser Gabe sehen.
Über die Sprechweise der Seherin berichtet Méry im genannten Aufsatz:
»Sie spricht oder vielmehr: sie leiert eintönig rhythmisch abgemessene
Sätze her, welche assonierend klingen und von denen manche refrainartig
wiederkehren. Es sind keine Verse und auch keine Prosa; ein Mittelding,
etwas Unfaßbares ist es, was sich mit einer gewissen Melancholie
und Eintönigkeit endlos abwickelt, wobei fast unverändert dieselben
Assonanzen immer wieder hörbar werden.«
* * * * *
In Nummer 290 vom 1. Februar 1909 brachte das »Echo du merveilleux«
folgenden Bericht[68]:
»Eine römische Dame, welche seit mehreren Monaten an akuter
Neurasthenie, oder besser gesagt, Hysterie leidet, hat =seit dem
verflossenen 2. Dezember vorigen Jahres die Katastrophe vorausgesagt,
die Messina zerstört und Kalabrien verheert hat=. Diese Dame,
welche einer hervorragenden Familie der Aristokratie angehört, ließ
schleunigst den Dr. Sarti rufen, nachdem sie in der Nacht durch ein
schreckliches Traumgesicht gepeinigt worden war, das bei ihr eine
quälende Beunruhigung zurückgelassen hatte. Vergebens bot der Arzt alle
Mittel auf, die Dame zu beruhigen; dies gelang ihm erst, als er ihr
versprach, einen von ihr geschriebenen Brief dem König zu übergeben.
=In diesem Briefe wurde S. Majestät der König Viktor Emanuel gebeten,
der Stadt Messina zur Hilfe zu kommen, welche von einem furchtbaren
Erdbeben bedroht sei.= »=Ich sehe=,« so heißt es in dem Briefe, »=sich
Land und Meer vereinigen, um die schöne Stadt zu verschlingen.
Dieses entsetzliche Unglück wird sich am 8., 18., oder 28. des Monats
ereignen.=«
In der Überzeugung, daß er es mit einer Halluzinierenden zu tun habe,
steckt der Arzt den Brief in sein Portefeuille, und als er andern Tages
so tat, als habe er die Botschaft an den Souverän habe gelangen lassen,
zeigte sich die Kranke ruhiger und bereit, einige Nahrung, sowie die
verordnete Medizin zu sich zu nehmen. Aber in der Nacht vom 7. auf den
8. Dezember wurde sie von einer heftigen hysterischen Krise befallen.
Sie wand sich, weinte, schrie und fragte unaufhörlich, ob der König
angeordnet habe, daß Messina geräumt werde. Auch eine weitere Krisis
in der Nacht vom 17. Dezember spielte sich höchst dramatisch ab und
eine solche vom 27. war derart ernst, daß man in der Umgebung der
Patientin glaubte, ihre letzte Stunde sei gekommen. Sie lamentierte und
schüttelte sich vor Angst bis zum Abend des 28. Alsdann verfiel sie in
einen tiefen Schlaf ... Die Katastrophe hatte stattgefunden.
Dr. Sarti war im höchsten Grade betroffen über die Richtigkeit der
Prophezeiung seiner Kranken. Die grauenvolle Brutalität, mit welcher
die Vorschau seiner Patientin in Erfüllung gegangen ist, hat bei
ihm jeden Zweifel für immer erstickt. Er bereitet über diesen Fall
eine Denkschrift für die Akademie vor, und will seine Klientin den
italienischen Autoritäten auf dem Gebiete der Psychologie vorstellen.
Der fragliche Brief ist nachträglich dem König übergeben worden, der
mit dem größten Interesse den Untersuchungen entgegen sieht, welche
die Fakultät bei der Prophetin anstellen wird.