Die erste beschreibt er (p. 253) folgendermaßen: »Ady den 28. Aug. zu
nacht um 4 auff der großen uhr, kam der Engel GOttes wieder zu mir und
sprach: ... Und nach diesem sprach der Engel GOttes wieder zu mir, ich
solte in den himmel sehen, wie er so blutig sey, da sahe ich darinnen
ein blutiges schwerd, und ein kreyß oben darauff, und auf der rechten
seiten neben dem schwerd stund geschrieben mit güldenen buchstaben: Ihr
Königl. Majestät in =Franckreich=, und auf der lincken stund abermal
mit güldenen buchstaben geschrieben: Schönes Franckreich, es wird
jämmerlich mit dir zugehen, da fragte ich den Engel GOttes, was das
bedeuten wird, da sagte er zu mir, siehe wol an den himmel, wie des
Königes in Franckreich sein Name sich =daran verdunckelt, und er hat
sich gantz verlohren, das bedeut, daß er soll mit den seinen verjagt
und verderbet werden=, und es wird ein sterben auch dazu kommen.«
Die zweite Vision Greulichs lautet:
»... Über eine weile kam der Engel GOttes wieder zu mir und sprach:
Sihe in den himmel, wie er so blutig ist, und ich sahe darinnen einen
grausamen stuhl gesetzt; und auf dem stuhl saß einer in einer güldenen
crone, und er hatte in seiner rechten Hand Scepter und Reichs-apfel,
und über seinen stuhl (der grausam schön war anzusehen) stund mit
güldenen buchstaben geschrieben: =Königl. Majestät in Franckreich=,
und über der schrifft stund eine blutige fahne; und der Engel GOttes
sagte zu mir: Siehe jüngling, da kommen des Königs in Franckreich
seine Räthe, die ältisten so wol als die jüngsten, daß beysamt der
blutigen fahnen kniend für dem König in Franckreich sie müssen einen
eid ablegen, daß sie bey ihrer treu und glauben bey ihme leben und
sterben wollen, und auch gegen ihres Königs feinde seyn (der Schwur im
Ballhause und die große Feier auf dem Marsfeld!) und wie das verrichtet
war, saß der König noch auf seinem stuhl, =und der Engel GOttes sprach
zu mir: Siehe, jüngling, wie des Königs seine crone, scepter und
Reichsapfel alles verrostet=, und es anfangs alles schöne geglissen
hat, nun aber siehestu, daß es mit allem Königlichen Ornat von seinem
stuhl herunter gestoßen wird[52].«
Wenn wir uns bei der Betrachtung obiger Visionen vor Augen halten,
daß sie, selbst wenn wir an Arnolds Quelle zweifeln sollten, da er
ungedruckte Papiere benutzt zu haben behauptet, ein volles Jahrhundert
früher publiziert wurden, als sie eintraten, daß also auch nur der
allerleiseste Zweifel an ihrer Authentizität hinfällig ist – denn auch
Arnold konnte ja gar keine Ahnung davon haben, daß neunzig Jahre,
nachdem er es im Druck erschienen ließ, das Gesicht sich realisieren
würde – dann wird wohl auch der größte Verfechter der Unmöglichkeits-
und Zufallstheorie einigermaßen bedenklich werden.
Um die volle Wunderbarkeit der Prophezeiung richtig bewerten zu können,
müssen wir uns vergegenwärtigen, daß Greulich so gut wie Arnold in
der Zeit des auf die Spitze gesteigerten Absolutismus lebten. Man muß
ferner wissen, daß Frankreich, vom Sonnenkönig Ludwig XIV. regiert,
damals auf dem Gipfel seiner Macht und seines Ansehens stand. Es lag
außerhalb jeder menschlichen Berechnung sowohl an einen Sturz des
Königtums irgendwo in Europa, als besonders an den der glänzenden,
allmächtigen Bourbonen Frankreichs zu denken.
Die Vision wird noch erstaunlicher durch den Nebenumstand, daß der
König erst vertrieben wird – und zwar wie der »grausame stuhl« und
die »blutige fahne« andeuten nicht eben sänftiglich; den Henkerstod
zu prophezeien scheute sich wohl auch ein Greulich – nachdem ihm
der Treueid geleistet worden war. Daß dieser Zug jede Berechnung
ausschließt, dürfte kaum bestritten werden können.
Wir haben es hier – und zwar zum ersten Male in diesem Buche – mit
einer richtigen Vision zu tun. Die Form, in der die Zukunft enthüllt
wird, das Erscheinen eines Engels, ist höchst befremdlich und der
Verdacht, es handele sich um Schwindel oder Wahnideen, liegt nahe.
Wir werden aber später noch häufig Gelegenheit haben, bei anderen
Sehern ganz Ähnliches zu finden. Entscheidend ist hier eben nur, ob
die Vorhersage eintrifft oder nicht. Und da hier letzteres der Fall
ist, müssen wir wohl oder übel das Phänomen hinnehmen, wie es sich uns
bietet.
Zur Warnung für vorschnelle Urteile ist es nicht überflüssig, daran zu
erinnern, daß das Problem der Prophetie noch Neuland ist. Unsere erste
Aufgabe muß es sein, festzustellen, ob es überhaupt ein Fernsehen in
der Zeit gibt. Erst wenn das geschehen ist, kann die Untersuchung der
Bedingungen, unter denen diese Kraft wirksam wird, uns beschäftigen.
Wenn wir also auch die allerwunderlichsten Berichte finden – wie
etwa in bezug auf Greulichs Engel – so werden wir uns hüten müssen,
daran herumzukritisieren. Vielmehr handelt es sich für uns zunächst
nur darum, ob dieser angebliche Engel sich durch die Wahrheit seiner
Eingebung sozusagen legitimiert.
Wenn eine neue Naturkraft oder irgendeine Erscheinung der Natur
untersucht werden soll, so bedient sich der Naturforscher zu diesem
Zweck des Experimentes. Dann ist es seine Aufgabe nicht etwa – wie
der Laie meinen mag – der Natur das Experiment aufzutrotzen, sondern
ganz im Gegenteil ihr die Bedingungen abzulauschen, unter denen sie
den Versuch gelingen läßt. Nicht der Naturforscher stellt also die
Bedingungen auf, sondern die Natur.
Um ein Beispiel zu gebrauchen: die Entwicklung der photographischen
Platte ist nur in der Dunkelkammer bei rotem Lichte zu bewerkstelligen.
Dieser Bedingung des roten Lichtes hat sich der Photograph einfach zu
fügen und erst wenn er auf Grund von vielfachen Versuchen zum Resultate
gekommen ist, daß Licht von anderer Farbe ihm die Platte verdirbt, wird
er dazu übergehen die Gründe dieser Erscheinung zu prüfen. Hier stellen
also das rote Licht, die Natur, die Beschaffenheit der Platte die
Bedingungen, und die Aufgabe des Experimentators kann nur sein, diese
Bedingungen herauszufinden und sich ihnen zu fügen. Erst auf einer
höheren Stufe wird er dazu übergehen können die Natur – scheinbar – zu
zwingen.
Leute, die sich am Engel in der Prophetie oder am Symbolismus vieler
Vorhersagen stoßen, erscheinen fast so, als wollte jemand das
Schwimmen der Fische untersuchen und sich darüber aufregen, daß das
nur im Wasser vor sich geht. Auf dem trockenen Lande wären doch die
Beobachtungsbedingungen viel bequemer!
Was übrigens den Sturz der Bourbonen bzw. die große Revolution
betrifft, so wurde sie – von Cazottes Prophezeiung, auf die wir noch
eingehend zurückkommen werden, abgesehen – außer von Greulich und
Ailly noch von =Johannes Cario= in seiner 1522 zu Berlin erschienenen
»Prognosticatio« vorhergesagt. Es ist nun sehr spaßhaft, daß der
superkluge Adelung noch im Jahre 1787 die Richtigkeit dieser Prognose
mit folgenden Worten bestreitet:
»Noch unbarmherziger soll es in dem Jahre 1789 zugehen; das sollte
das schrecklichste unter allen sein, indem in demselben große und
wunderbare Geschichten, Veränderungen und Zerstörungen vorfallen
würden. Allein, so sehr sich der Narr in Ansehung des 1693sten
Jahres betrogen hat, so sehr wird er vermutlich auch 1789 zum Lügner
werden[53].«
Kehren wir noch einen Augenblick zum »Engel« zurück! Daß es sich
nicht um einen der biblischen Engel handeln kann, sondern nur um
ein Phantasieprodukt unterliegt natürlich bei Greulich so wenig,
als bei irgendeinem andern Seher dem allergeringsten Zweifel. Das
Wahrscheinlichste ist, daß das Kausalitätsbedürfnis der Propheten, die
Eingebungen haben ohne zu wissen, woher sie stammen, einen Geist oder
Engel oder gar Gott selbst erfinden und die Figuren ihrer Phantasie
dann für wirkliche Personen halten. Damit ist keine Erklärung des
hellseherischen Phänomens gegeben, es sollen lediglich die Seher nach
Tunlichkeit von dem Verdacht des Schwindels oder Irreredens befreit
werden. Denn daß es sich hierum nicht handelt – wenn auch gewiß beides
da und dort vorkommen mag – geht aus dem Inhalt des Geschauten und
dessen Uebereinstimmung mit der Wirklichkeit zur Evidenz hervor. Im
übrigen müssen wir den Leser vorläufig noch um Geduld bitten.
Ebenso merkwürdig fast, wie der Engel als Vermittler der Zukunft,
sind Karten und Kaffeesatz der Wahrsagerinnen. Daß es noch zahllose
andere angebliche Mittel gibt Zukünftiges zu sehen, Spiegel, Kristalle
usw. sei im Vorbeigehen bemerkt. Darauf näher einzugehen, müssen wir
ablehnen, da wir ja nicht untersuchen wollen, auf welchem Wege das
zeitliche Fernsehen zustande kommt, sondern uns ganz bescheiden damit
begnügen müssen, festzustellen, ob und daß es ein solches tatsächlich
existiert.
Um aber das Unsere zu tun, um den Leser vor vorschnellem Aburteil zu
bewahren, sei folgende interessante Geschichte hier zum besten gegeben.
»Eine Freundin von mir, Lady A., wohnte in den Champs-Elysées. An
einem Oktoberabend 1883 hatte ich bei ihr diniert. Trotz ihres großen
Vermögens war sie eine sehr häusliche, ordnungsliebende Dame und machte
jeden Abend ihre Abrechnung vor dem Schlafengehen.
Wie sehr war sie betroffen, als ihr an diesem Abend 3500 Frs. aus der
Innentasche ihres großen Reisekoffers fehlten, in dem sie ihre Juwelen
und ihr Geld verwahrte.
Das Schloß war nicht verletzt; nur die Ränder der Tasche waren ein
wenig verbogen. Und doch war Lady A. überzeugt, daß sie um 2 Uhr
nachmittags in Gegenwart ihrer Kammerfrau die Tasche geöffnet und eine
Nota bezahlt hatte. Dann hatte sie das Geld bestimmt wieder an seinen
Platz gelegt. Sie schellte ihrer Kammerfrau und teilte ihr den Verlust
mit. Diese wußte auch nichts anzugeben, erzählte aber dem Personal den
Verlust. Die Folge war, daß der oder die Schuldige Zeit finden konnte,
das gestohlene Gut in Sicherheit zu bringen.
Zeitig früh wurde der Polizeikommissar der rue Berryer benachrichtigt.
Alles wurde verhört und durchsucht, umsonst.
Der Kommissar besprach noch mit Lady A. den Fall und fragte sie aus,
wen sie am ehesten für den Schuldigen halte.
Lady A. gab ihre ganze Dienerschaft als vertrauenswürdig an; ganz
ausgeschlossen sei aber von dem Verdacht der zweite Kammerdiener, ein
großer, 19jähriger Mensch, den sie aus einer Art Protektion, die er
sich durch seine musterhafte Haltung erworben, zärtlich ›den Kleinen‹
zu nennen pflegte.
Der Morgen verlief resultatlos. Um 11 Uhr vormittags schickte Lady A.
die Erzieherin ihrer jüngsten Tochter zu mir mit der Bitte, ich möchte
diese Dame doch zu einer Hellseherin begleiten, deren Fähigkeit ich vor
einigen Tagen gerühmt hatte.
Ich kannte diese Hellseherin auch nur aus den Erzählungen einer Dame
und wir machten uns auf den Weg.
Unsere Hellseherin, Frau E., brachte eine mit Kaffeesatz gefüllte Tasse
und ersuchte die Erzieherin, dreimal darauf zu blasen. Dann goß sie den
Kaffeesatz in eine zweite Tasse und in der ersten blieb in verworrenen
Linien nur der festere Kaffeestaub zurück. Darin schien unsere Pythia
zu lesen.
Sie breitete ihre Karten aus und begann: ›Ah! ein Diebstahl ... Der
Dieb ist im Hause selbst und hat sich nicht erst eingeschlichen. Warten
Sie, jetzt will ich aus dem Kaffeesatz die Details herauslesen.‹
Sie nahm die Tasse, die Erzieherin mußte wieder dreimal blasen und sie
griff nach ihrem Lorgnon.
* * * * *
Als hätte sie der Szene beigewohnt, beschrieb sie auf das genaueste das
Zimmer der Lady A. Sieben Bediente, die sie dem Alter und Geschlecht
nach genau beschrieb, sah sie in dem Haus. Dann kam sie wieder in Lady
As. Zimmer zurück und bemerkte einen eigenartigen Schrank[54].
›Warum ist dieser Schrank nicht versperrt? Er enthält viel Geld ... in
... wie komisch das Ding ist! ... es öffnet sich wie ein Portemonnaie
... es ist kein Koffer ... ah, ist weiß ... ein Reisesack ... welche
Idee, hier sein Geld aufzubewahren und wie unvorsichtig, es so
unverschlossen zu lassen! – Die Diebe kennen den Sack wohl ... sie
haben das Schloß nicht verletzt. Sie biegen die Seiten auseinander
und mit einer Schere oder mit einer Pinzette ziehen sie die Banknoten
heraus.‹
Wir lassen sie sprechen; alles, was sie sagt, stimmt in den feinsten
Details mit der Wahrheit überein. Sie hält ermüdet inne. Wir beschwören
sie, uns den Schuldigen zu nennen. Sie erklärt, dies sei gegen die
französischen Gesetze, denn man dürfe ohne Beweise, nur durch okkultes
Wissen, niemand als einen Verbrecher bezeichnen.
Da wir weiter in sie dringen, erklärt sie, das Geld werde niemals
gefunden und der Dieb nicht für den Diebstahl bestraft werden, aber in
zwei Jahren würde er die Todesstrafe erleiden.
So oft sie von dem ›Kleinen‹ spricht, sieht sie ihn bei den Pferden.
Wir versichern ihr, er sei Kammerdiener und komme mit den Pferden gar
nicht in Berührung. Aber sie besteht auf ihrer Behauptung.
Wir lassen also diese Kleinigkeit fallen, die uns aber in ihren sonst
so richtigen Angaben stört.
Vierzehn Tage später entläßt Lady A. ihren Portier und ihre Kinderfrau;
der ›Kleine‹ tritt ohne Grund einige Wochen später aus ihrem Dienst.
Das Geld wird nicht gefunden, und ein Jahr später reist Lady A. nach
Ägypten.
Zwei Jahre nach dem Diebstahl erhält Lady A. die Aufforderung vom
Tribunal de la Seine, als Zeugin nach Paris zu kommen. Man hatte den
Dieb gefunden. Es war Marchandon, der Mörder Frau Cornets, ehemals der
so hochgeschätzte ›Kleine‹.
Wie es die Hellseherin von rue Notre-Dame-de-Lorette vorausgesehen,
erlitt er die Todesstrafe. Im Prozeß konstatierte man auch, daß der
›Kleine‹ ganz nahe der Residenz von Lady A. einen Bruder hatte, der
als Kutscher in einem großen Haus bedienstet war. Der ›Kleine‹ war ein
großer Pferdeliebhaber und hatte jeden freien Moment bei seinem Bruder
im Stall zugebracht.
So hatte die Hellseherin in jedem Detail recht behalten.
L. d’Ervieux.
Ich bestätige, daß dies der Wahrheit entspricht, da ich der
Konsultation beiwohnte.
C. Deslions.«
Zu diesem außerordentlich interessanten Fall, einer Verbindung von
zeitlichem und räumlichem Fernsehen, macht Dariex die Anmerkung:
»Dieser Fall von Hellsehen ist äußerst interessant. Lady A. hat mir
ihn in allen Einzelheiten bestätigt. Die Karten und der Kaffeesatz
sind nur ein nebensächliches Mittel, das das Medium unbewußt anwendet,
um sich in Autosomnambulismus zu versetzen, d. i. in einen Zustand,
worin das normale Bewußtsein außer Tätigkeit tritt, und zwar zugunsten
des unbewußten Handelns. Es ist möglich, daß in diesem Zustand die
unbewußten Fähigkeiten ihren größten Aufschwung nehmen können und daß
die hellseherische Fähigkeit, die vielleicht in uns allen schlummert,
bei manchen Individuen ziemlich viel zu leisten vermag.«
Ob es sich auch bei der Astrologie um ein ähnliches nebensächliches
Mittel, wie Kaffeesatz und Karten, handelt, bleibe dahin gestellt.
Desgleichen was es mit dem Engel für eine Bewandtnis hat. Denn wie man
auch darüber denken mag, der Sache selbst bringt es uns nicht näher.
Wenn die gut beglaubigte Geschichte, die durchaus nicht vereinzelt
ist, den Erfolg hat, daß die Leser dieser Zeilen sich nicht lediglich
deshalb unwillig abwenden, weil in den Visionsberichten Engel oder
sonst was Merkwürdiges vorkommt, so ist der Zweck des Autors vollauf
erreicht.
Kehren wir nach dieser Abschweifung wieder zur Sammlung historischer
Beispiele für ein richtiges Vorhersehen der Zukunft zurück! Daß die
chronologische Reihenfolge nicht strenge innegehalten wird, dürfte die
Natur des Gegenstandes rechtfertigen.
=Alessandro de Medici= wurde im Jahre 1536 von seinem Vertrauten und
Vetter Lorenzino auf raffinierte Weise ermordet. Dieses Ende war dem
Herzog wiederholt vorhergesagt worden, sogar mit Bezeichnung der Person
des Mörders. Ein Page aus Perugia hatte es geträumt und der Astrologe
Giuliano del Carmine in seiner Nativität gelesen. Und zwar nicht nur,
daß er ermordet, sondern sogar, daß ihm die Gurgel durchschnitten
würde, und zwar durch seinen Vetter Lorenzino. Alessandro, der nicht an
Astrologie glaubte, hatte darüber nur gelacht.
Ja, er hatte zum Entsetzen der Florentiner zur Hochzeit mit Margarete
von Parma einen astrologischen Unglückstag gewählt, nämlich eine
Sonnenfinsternis und noch dazu einen Dreizehnten.
Es gab eben zu allen Zeiten Leute, die von Wahrsagerei, Astrologie oder
andern Versuchen, die Zukunft zu enthüllen, nichts hielten. Hatte doch
schon Villani davor gewarnt[55]. Diese Skepsis, die also keineswegs
absolut neu ist, nur daß die Gegenwart in der Ablehnung viel weiter
geht, als frühere Zeiten, ist dazu angetan, die Glaubwürdigkeit einiger
Berichte zu erhöhen.
Alessandro war auch von verschiedenen Personen, denen Lorenzinos
Benehmen aufgefallen war, gewarnt worden, jedoch ohne jeden Erfolg.
Deshalb glaubte man allgemein in Florenz, sein Tod sei ihm vom
Schicksal bestimmt.
Ein Soldat von Alessandros Leibwache hatte geträumt, der Herzog sei
von einem kleinen, schmächtigen Menschen, dessen Äußeres er sich genau
erinnerte, ermordet. Er redete darauf seinen Herrn des Morgens an der
Tür an, um ihm den Traum zu erzählen. Und als Lorenzino eben dazu trat,
rief er: »Dieser ist es.« Der Herzog aber schickte den Warner mit
barschen Worten fort[56].
Unterm 27. Dezember 1759 hatte der =Marquis d’Argens= König Friedrich
dem Großen gemeldet: daß ein Mensch, der vor einundeinhalb Jahren für
einen Narren gegolten, ihm im Jahre 59 großes Unglück prophezeit, für
das Jahr 60 aber glücklichere Ereignisse. Er fährt in einem zweiten
Briefe von 1760 fort:
»Sire! mein Prophet, über den Sie sich lustig machen, sagt noch immer
Wunderdinge vorher.«
Hier folgt eine niedliche Antwort, die der Prophet dem einfältigen
Markgrafen von Schwedt gab, der ihn mit vornehmen Worten abzuspeisen
versuchte: »Geht, Ihr seid ein Narr!«
»Meine Frau sagt mir das täglich, aber ich achte nicht darauf, weil ich
den Umfang ihres Geistes kenne,« replizierte der schlagfertige Prophet.
D’Argens erzählt jetzt weiter, daß der Seher die =Schlacht bei Küstrin
einen ganzen Monat vorher mit folgenden Worten angekündigt habe=: »Der
König wird in dreißig Tagen eine blutige Schlacht über die Russen
gewinnen; an 15000 werden bleiben und lange Zeit auf dem Schlachtfeld
liegen und den Vögeln zur Beute werden.«
»=Der Tag=«, fährt Argens wörtlich fort, »=war gerade der Tag der
Schlacht=. Ich weiß wohl, das Ungefähr hat die Vorhersage dieses Mannes
wahr gemacht, aber man muß doch gestehen, es war ein sonderbares
Ungefähr.«
Der Marquis betont ausdrücklich, daß er trotzdem =nicht= an Propheten
glaube – wie konnte er auch anders in der Zeit der Aufklärung und in
einem Briefe an einen ihrer glänzendsten Vertreter?! – sondern ein
treuer Anhänger Epikurs nach wie vor sei[57].
Der Tod des Königs =Friedrich von Württemberg= im Jahre 1816 wurde
bereits 1812 von den Stuttgarter Somnambulen Wanner und Krämer
vorhergesagt. Eschenmayer berichtet darüber im ersten Bande des
»Archivs für tierischen Magnetismus«[58] ausführlich. Das wesentliche
seines Berichtes lautet:
»Die erste Vorhersage geschah im Jahre 1812, wahrscheinlich am 12.
Juli, in Gegenwart von Hofmedikus Klein, Oberfinanzrat St..., dessen
Frau und Tochter. Sie lautete: »S. M. stirbt im Jahre 1816 zwischen dem
18. und 20. April auf ungewöhnliche Weise.« (Zu Klein): »Zu Dir wird
noch vorher geschickt werden und eine andere Person (die sie nannte)
wird vorangehen.«
Die Somnambule verpflichtete alle zu strengstem Stillschweigen aus
Furcht, man werde sie für eine Irrin erklären, wenn ihre Prophezeiung
bekannt würde. Später sagte die Wanner: »Das Jahr des Todes sei
zuverlässig, aber im Monat könne sie sich irren.« Dem fügte Frau von
St... hinzu, »daß nachmals ihr Mann ihr gesagt hätte, er habe noch
besonders herausgebracht, daß der Monat der Oktober sein könne.«
Eschenmayer wollte den Finanzrat von St... deshalb interpellieren,
traf ihn jedoch nicht an und sagt: »Soviel ist aber gewiß, daß
St... das Ende des Monats Oktober vom Jahre 1816 mit einer solchen
Zuverlässigkeit als den wahren Termin der Erfüllung annahm, daß er
sich gegen mehrere meiner Bekannten äußerte, er biete seinen ganzen
Weinvorrat als Wette auf dieses Ereignis an.«
Die in der Behandlung des Dr. Nick befindliche Somnambule =Krämer=
führte mit diesem ihrem Arzte, dem Hofmedikus Klein und Professor L...t
am 17. April 1816 folgendes Gespräch:
Krämer: »S. M. stirbt in diesem Jahre im Monat Oktober.«
Nick: »Ist es der Anfang, die Mitte oder das Ende des Oktobers?«
Krämer: »Das Ende des Oktobers.«
Nick: »Du kannst wohl den Tag bestimmen? Ist es wohl der 26.?«
Krämer: »Nein.«
Nick: »Aber der 28. Oktober?«
Krämer: »Da trifft ihn ein Kopf- und Brustschlag.«
Der Leibarzt Dr. Klein hatte eine Reise nach Augsburg gemacht, von
der er am 28. Oktober zurückgekehrt war, als ein königlicher Läufer
erschien und ein chirurgisches Instrument für den König holen wollte.
»Wie ein Blitzschlag erinnerte sich Klein an diesen Vorboten, der
den Tod verkündigte.« Und wirklich traf an diesem Tage den König ein
Schlaganfall, welchem er am 29. erlag. Bezüglich der Zeugenschaft führt
Eschenmayer folgendes an:
»Dr. Christian Reuß. Diesem übergab Professor L...t mehrere Monate
vorher einen versiegelten Zettel, auf welchem die vorhergesagte
Begebenheit stand, mit der Bemerkung, denselben nach Ablauf der Zeit
zu erbrechen. Da aber späterhin durch die allmähliche Verbreitung
des Gerüchts diese Vorsicht unnütz wurde, so ließ L...t durch R...ß
den Zettel öffnen. Mit dem Inhalt und den Umständen vertraut, bekam
R...ß selbst Glauben an die Geschichte, wettete darauf und gewann zwei
förmliche Wetten. Einer der Wettenden ist der Major C..., der andere
ist mir unbekannt.
Minister von W..., ein tätiger Beschützer des Magnetismus, sprach
selbst in Gesellschaften von dieser sonderbaren Vorhersage, um die
Möglichkeit solcher Phänomene in wissenschaftlicher Hinsicht zu
beleuchten. Tatsache ist es, daß er mit Graf G...z eine Wette eingehen
wollte.
Geheimrat von St... ist Zeuge, daß St... drei bis vier Monate vorher
auf das letzte Drittel des Oktobers mit Einschluß bis zum 11. November
seinen ganzen Weinvorrat als Wette anbot.
Madame von W... teilte ich selbst etwa drei Monate vorher auf besondere
Veranlassung diese Vorhersage mit. Sie bekam später Gelegenheit mit
St... darüber zu sprechen, der ihr gleichfalls äußerte, daß er jede
Wette darauf eingehe.«
Die Legationsräte K...e und von B...r hatten lange vor dem Tode des
Königs über diese Prophezeiung mit Eschenmayer gesprochen. Letzterer
bemerkt, daß er mit Leichtigkeit noch 200 Zeugen für diese Begebenheit
beibringen könne. Eschenmayer hält diese Weissagung Hufeland und
Stieglitz entgegen, welche Tatsachen und keine Räsonnements begehrten,
und bemerkt am Schluß: »Doch, noch eine Ausflucht! =Alles war Zufall.=
– Nichtiges Wort der Erbärmlichkeit.«
Es wird wohl kaum jemand an der Wahrheit obiger Mitteilung zu
zweifeln wagen. Eschenmayers Persönlichkeit bürgt nicht minder dafür,
als die stattliche Zahl sozial angesehener Zeugen, die er unter
so durchsichtigem Schleier verbirgt, daß man noch heute viele mit
Leichtigkeit identifizieren könnte. Beachten wir ferner, daß der
Bericht über die merkwürdige Vorhersage bereits ein Jahr nach ihrem
Eintreffen veröffentlicht wurde, also zu einer Zeit, wo noch alle, oder
doch fast alle der genannten Zeugen lebten, so wird man um so weniger
geneigt sein, ihm irgendwie zu mißtrauen.
Hier sei eine allgemeingültige Bemerkung eingeschaltet: Daß Eschenmayer
nur die Anfangsbuchstaben, aber nicht den ganzen Namen nennt, mag
in einer Anzahl von Fällen damit motiviert werden können, daß es
tatsächlich nicht allzu großes Feingefühl verrät, wenn man über den Tod
eines Menschen, noch dazu des eigenen Landesherrn, Wetten abschließt.