heraus, wobei er den einzelnen Monatstagen »Prognostika« beisetzte.
Wunderbarerweise traf manche Vorhersage erstaunlich richtig ein, so
daß die Vermutung nicht ferne liegt, Thurneysser habe eine gewisse
Sehergabe besessen.
Um ein Beispiel anzuführen, steht im Kalender von 1579 beim 17.
Dezember: »Eine schändliche Tat einer fürstlichen Person.« Die
Erklärung lautete im Kalender des folgenden Jahres: »Auf diesen Tag hat
Signora Bianca Capelli ihren Stiefsohn zu Florenz mit Gift vergeben,
welcher am 18. Dezember gestorben, da denn bald hernach folget ›Mord
oder Totschlag einer fürstlichen Person‹, welches also erfolget[36].«
Es sei niemandem verwehrt, hier Zufall anzunehmen; immerhin ist es ein
recht merkwürdiger Zufall, denn solche Taten passierten auch damals
nicht allzuoft, und ihre Festlegung auf einen bestimmten Tag gibt
zweifellos zu denken.
=Pierre d’Ailly= (geb. 1350 zu Compiègne, gest. zu Avignon zwischen
1419 und 1425), Kanzler der Sorbonne, Almosenier und Beichtvater des
Königs Karl VI., Bischof von Puy, dann von Cambray, seit 1411 Kardinal,
schrieb unter dem latinisierten Namen Petrus de Aliace mit dem Titel
»Concordantia Astronomiae cum Theologia, Concordantia Astronomiae cum
Historica Narratione« ein Buch, das erst im Jahre 1490 in Augsburg im
Druck erschien.
Pierre d’Ailly, der übrigens vornehmlich den Tod des Johann Huß auf
dem Konstanzer Konzil verschuldet hat, war einer der angesehensten
Männer seiner Zeit und wurde wegen seines Scharfblicks »der Adler der
französischen Gelehrten« zubenannt.
Wie Ersch und Grubers »Encyklopädie« bemerkt, hatte er aber die
»Schwäche«, astrologischen Berechnungen zu glauben. Fast könnte er uns
zu dieser Schwäche durch die Lektüre des 60. Kapitels genannten Werkes
bekehren.
In diesem »de octava coniunctione maxima« betitelten Abschnitt ist
zu lesen, daß nach der großen achten »Konjunktion« des Saturn die
Vollendung von gewissen 10 Umdrehungen dieses größten Planeten im
Jahre 1789 stattfinden wird.
»Wenn die Welt bis zu jenen Zeiten stehen wird, was allein Gott
weiß, dann werden große und erstaunliche Umwälzungen und Wandlungen
geschehen, die am meisten die Gesetze und das Parteiwesen betreffen.«
Also eine Vorherbestimmung der großen französischen Revolution[37]!
Es bedarf keiner Betonung, daß uns der astrologische Weg völlig
unverständlich ist. Das ändert aber natürlich nichts daran, daß
Berechnung und Wirklichkeit hier harmonieren. Jedermann sei es auch
hier freigestellt, den Zufall als Begründung anzunehmen.
Was im übrigen die Astrologie betrifft, in früheren Jahrhunderten
die bevorzugte und mit Gold überhäufte Schwester der Astronomie, so
beruht der Glaube an sie bekanntlich auf einem supponierten Einfluß der
Gestirne auf das Leben des einzelnen.
Es ist ohne weiteres klar, daß nur kindische Spielerei aus der
Übereinstimmung des Planetennamens Mars mit dem Kriegsgott, oder des
Planetennamens Venus mit der freundlichen Göttin der Liebe irgend etwas
zu folgern vermag. Man hätte selbstverständlich die Gestirne auch
anders taufen können und die Analogie käme dann in Fortfall.
Anders läßt sich allerdings die Sache betrachten unter der Annahme,
daß jahrhunderte-, ja, jahrtausendelange Erfahrung ein Zusammentreffen
gewisser Ereignisse und Schicksale mit bestimmten Konjunktionen der
Gestirne ergeben habe. Wie es etwa zahlreiche Menschen gibt, die bei
Witterungswechsel Rheumatismus oder Kopfweh bekommen.
Wäre letztere Annahme richtig, dann müßte allerdings – eine
ausreichende Erfahrung und genügend scharfe Beobachtung vorausgesetzt
– wenigstens in der Regel die schwierige astrologische Berechnung mit
den Tatsachen übereinstimmen. Das ist nun aber keineswegs der Fall.
Vielmehr sind die Beispiele, daß selbst die größten Astronomen – die
also keine Kunstfehler machen – sich ganz gründlich irren, nichts
weniger als selten.
So sandten zum Beispiel im Jahre 1179 sämtliche Astrologen Briefe an
alle Länder und verkündeten den Untergang des Menschengeschlechtes
für das Jahr 1186. Oder Johann Stoffler berechnete für das Jahr 1524
eine neue Sintflut und erregte damit das größte Entsetzen in ganz
Europa. Andere, so Georg Tannstetter in Wien, griffen zur Feder, um das
Irrtümliche dieser Prophezeiung zu beweisen. Es war auch notwendig,
etwas zur Beruhigung der Gemüter zu tun, denn man hatte schon begonnen
Archen zu bauen, um für alle Fälle gesichert zu sein.
Cyprianus Leovitius, Hofmathematiker des Kurfürsten Otto Heinrich von
der Pfalz, verkündete aus den Sternen den Weltuntergang für das Jahr
1584[38]. Diesen Vorhersagen des Weltunterganges folgten noch viele
andere, auf die einzugehen wenig Interesse bietet.
Noch im 18. Jahrhundert hat ein gewisser Ziehen die einfältigsten
astrologischen Weissagungen zum besten gegeben. So, daß die
Erdoberfläche Europas sich immer mehr gegen Süden senken würde, daß der
Ärmelkanal austrocknen würde und anderes mehr[39].
Überhaupt ist an falschen astrologischen Prophezeiungen gewiß kein
Mangel. So hat z. B. Kepler dem damals sechsundzwanzigjährigen
Wallenstein im Jahre 1609 das Horoskop gestellt, das heute noch im
Original erhalten ist. Darin sagt er dem späteren großen Feldherrn
neben einigem Richtigen auch voraus, er werde im siebzigsten
Lebensjahre einem viertägigen Fieber erliegen.
Melanchthon, ein heftiger Gegner des Kopernikanischen Sonnensystems,
der zu einem astrologischen Handbuch des Johann Schoner eine lange
Vorrede verfaßte, kehrte einst auf einer Reise bei seinem Freunde
Melander ein. Er stellte dessen jüngstem, etwa halbjährigen Kind das
Horoskop und prophezeite, daß es gleich seinem Vater sehr gelehrt sein
werde und als tapferer Streiter Gottes zu hohen geistlichen Würden
gelangen würde. Darauf rief Melander lachend aus: »Philippe, Philippe,
es ist ja ein Mägdlein[40]!«
Solche und ähnliche Entgleisungen der Astrologie sind außerordentlich
häufig. Dagegen werden wir aber noch sehen, daß auch Vorhersagen
erstaunlich richtig eintreffen. Letzteres läßt sich natürlich am
einfachsten durch Zufall erklären, was einem Verzicht auf Erklärung
gleichkäme. Ob wir zu diesem Auskunftmittel in allen Fällen greifen
müssen, wollen wir vorläufig dahingestellt sein lassen. Soviel ist
jedenfalls sicher: eine Methode, die zu so zahlreichen Mißgriffen
führt, wie die astrologische, ist mangelhaft, vielleicht überhaupt
ganz falsch. Auf keinem Fall kann der Astrologie für sich allein und
in ihrer bisherigen Handhabung ein hoher prophetischer Wert beigelegt
werden.
Daß =Goethe= der Astrologie nicht völlig fern stand, was gewiß manchen
interessieren wird, mag aus dem Anfang seiner »Dichtung und Wahrheit«
hervorgehen. Er schreibt hier im ersten Buche des ersten Teils:
»Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich
in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich;
die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den
Tag; Jupiter und Venus blickten sich freundlich an, Merkur nicht
widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig: nur der
Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so
mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte
sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese
Stunde vorübergegangen.
Diese guten Aspekten, welche mir die Astrologen in der Folgezeit sehr
hoch anzurechnen wußten, mögen wohl Ursache an meiner Erhaltung gewesen
sein: denn durch Ungeschicklichkeit der Hebamme kam ich für tot auf die
Welt, und nur durch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, daß ich
das Licht erblickte.«
=Tycho de Brahe= deutete den neuen Stern, der 1572 in der Cassiopeia
erschien, als Ursache der Geburt eines tapferen Prinzen, dessen Waffen
Deutschland überstrahlen, der selbst aber 1632 wieder verschwinden
würde. Er verfaßte darüber die Schrift: »De stella nova in Cassiopea
exorta.« Die Deutung auf Gustav Adolf von Schweden liegt nahe genug.
Allerdings wurde er erst 1594 geboren, starb aber 1632.
=Kepler= sagte in seiner astrologischen »Practica« für das Jahr
1619 den Tod des Kaisers Matthias richtig voraus, und zwar durch
ein sechsfaches M. _M_(agnus) _M_(onracha) _M_(atthias) _M_(ense)
_M_(artis) _M_(orietur), d. h. der große Monarch Matthias wird im Monat
März sterben. Das war auch richtig, denn der Kaiser schloß die Augen am
20. dieses Monats.
Der Astronom =J. H. Vogtius= sagte nicht nur das Ende seines Sohnes,
der als Mörder hingerichtet wurde, sondern auch im Jahre 1682 den
Untergang Moskaus vorher mit den Worten: »Moscovia infortunium suum noc
evitabit.« Bekanntlich verbrannte die alte Hauptstadt im Jahre 1812.
Vogtius, ein gelehrter Mann, starb zu Stade im Jahre 1691[41].
Der Astrologe Andreas =Goldmayer= (geb. 1603) sagte 1632 in Straßburg
voraus, daß Gustav Adolf bei Lützen eines gewaltsamen Todes sterben
würde. Diese Vorhersage war Ursache, daß er die Stadt verlassen mußte.
Als sie sich aber erfüllt hatte, erntete er Ruhm und Ferdinand III.
zeichnete ihn aus[42].
Man wird zugeben, daß das Eintreffen dieser Vorhersage ein merkwürdiger
Zufall ist. Wallenstein war ganz begeistert von der treffenden
Sicherheit, mit der Kepler aus den ihm, ohne nähere Kenntnis der
Person, übermittelten astrologischen Daten, Charakter und Gestalt der
Herzogin erkannt hatte.
Übrigens versäumte der große Astronom nie, einem Horoskop oder einer
Nativität die Bemerkung hinzuzufügen, die seinen Zweifel an der
Richtigkeit dieser Kunst ausdrückte[43].
Auch der Tod =Eduards VII.= wurde im Horoskop vorgesehen[44]. Zu
denken gibt auch, daß der Astrologe A. J. Peare schon 1868 aus dem
Horoskop des jetzigen Königs von England, der damals 2 Jahre zählte,
voraussagte, »dieser Prinz wird, wenn er am Leben bleibt, König von
England werden mit dem Namen =Georg V.=« Übrigens hat der König das
beklagenswerte Schicksal seines Bruders auch im Horoskop, und seiner
Regierung sollen Katastrophen zu Lande und Wasser bevorstehen[45].
In jüngster Zeit sagte die Pariser Astrologin Mme. =Thebes= in der
Neujahrsnummer des »Gaulois« 1899 =den Tod des Präsidenten Felix Faure=
vorher, der auch wirklich am 16. Februar dieses Jahres eintrat. Auch
hier überlassen wir es selbstverständlich dem Leser, Zufall anzunehmen.
Das ist um so mehr erlaubt, als bei einem Manne Ende der fünfziger
Jahre die Todeswahrscheinlichkeit in einem Jahre etwa 1 : 20 beträgt,
also keineswegs die Irrtumsmöglichkeit enorm ist. Im Keplerschen Falle
wäre diese Zahl, da der Monat angegeben ist, natürlich noch mit 12 zu
multiplizieren.
Bemerkenswert ist auch, daß ein englischer und ein französischer
Astrologe, deren Namen verschwiegen werden, durch das Horoskop gefunden
haben, daß =Dreyfuß unschuldig= sei und Ende des Jahres 1899, wohl im
Oktober, freigelassen würde. Bis dahin werde er trotz seiner Unschuld
im Exil bleiben müssen. Tatsächlich wurde der unglückliche Hauptmann am
21. September 1899 begnadigt.
Was an diesen Astrologen Wahres ist, entzieht sich meiner Kenntnis.
Da aber die angegebene Vorhersage bereits in der siebenten Nummer der
Zeitschrift für Spiritismus vom 18. Februar 1899 erschien, so handelt
es sich zweifellos um eine richtige Vorhersage.
Gerade hier scheint es aber nicht am Platze, dem Fall außerordentliche
Bedeutung beizulegen. Denn da die Dreyfußaffäre die ganze Welt,
in erster Linie Frankreich beschäftigte, so werden zahllose Leute
prophezeit haben. Da es ferner nur die Möglichkeiten schuldig oder
unschuldig, Freilassung oder Exil gab und auch der Natur der Sache
nach nicht viele Termine in Frage kommen konnten, so läßt sich eine
Wahrscheinlichkeitsrechnung ohne Schwierigkeit konstruieren. Da das
Verhältnis der wirklichen zu den möglichen Fällen nur begrenzt ist, so
wäre gerade bei dieser Prophezeiung Zufall keineswegs ausgeschlossen.
Cardanus, einer der geistreichsten Astrologen und, wie bekannt,
berühmter Mathematiker und Arzt, ließ im Jahre 1543 in Nürnberg
ein Werk »Zwei Bücher des Cardanus usw.« erscheinen, in dem er 67
Horoskope von bedeutenden Menschen aller Zeiten veröffentlicht, so das
des Patrarcha, Karls V., Albrecht Dürers u. a. Hier findet sich auch
folgende Charakterskizze Luthers, dessen Geburtstag er fälschlich auf
den 22. Oktober 1483 festgesetzt. Sie lautet:
»Dies ist das wahre Horoskop Luthers. Auch mußte eine so bedeutende
Erscheinung einen solchen Anfang haben, und bei einer so wunderbaren
Konstellation konnten solche Folgen nicht ausbleiben. Denn Mars,
Venus und Jupiter traten neben der Ähre der Jungfrau im untersten
Winkel des Himmels zusammen, so daß aus ihrer Verschwörung notwendig
auch ohne königliches Blut eine fast königliche Gewalt hervorgehen
mußte. Unglaublich ist es, welche große Anzahl von Anhängern sich
diese Lehre in kürzester Zeit erworben hat. Schon entbrennt die Welt
in wildem Kampfe ob dieses Wahnes, der doch, weil Mars sich in seine
Erzeugung mischte, in sich selbst zerfallen muß. Unzählig sind die
Köpfe, welche in ihm herrschen wollen, und wenn nichts anderes uns
von seiner Nichtigkeit überzeugen könnte, so müßte es die Menge der
verschiedenen streitenden Meinungen sein, da doch die Wahrheit nur
eine einzige ist, die vielen verschiedenen Ansichten also notwendig
abirren. Nichtsdestoweniger zeigen uns Sonne und Saturn an dem Orte der
zukünftigen großen Konjunktion die =Festigkeit und lange Dauer dieser
Ketzerei=.«
Selbst Schleiden muß zugeben, daß diese Prophezeiung, wenigstens
was ihren Schluß betrifft, von erstaunlicher Richtigkeit ist, und
das wiewohl Cardanus das dogmatische Gezänk, den Krebsschaden der
Reformation, ganz richtig als Gefahr erkannt hatte.
Einigermaßen merkwürdig ist auch die Prophezeiung, die =Johannes
Capistrano= in seiner »Astronomie« im Jahre 1460 nebst mancher anderen
bemerkenswerten für das Jahr 1622 gibt. Sie lautet: »=Der große Löw von
Mitternacht= zeucht auß, und kömpt nicht heim, er habe dann verricht,
was ihme befohlen, viel, die sich für klug achten, werden sprechen:
Non putaram, andere werden sagen: Hab ich das nicht ehe gesagt, die
aber, so es am härtsten treffen wird, werden blind seyn, und den Löwen
für einen Hanen halten, für welchem sich auch kein Adler fürchtet. Er
wird aber im 1622. Jahr sehr brüllen, daß die Erde erzittert, unnd alle
Menschen sehr erschrecken werden.«
Wenn Capistranus sich auch um einige Jahre irrte, so stimmt doch die
Tatsache. Denn die Deutung auf Gustav Adolf ist geboten. Bedenkt man,
daß damals Skandinavien noch gar keine Rolle spielte, so wird man,
angenommen es spiele hier der Zufall, immerhin zugeben müssen, daß es
ein merkwürdiger Zufall ist.
Merkwürdig ist auch der unmittelbar anschließende Passus: »Niederland
wird sich heiß und hefftig umb aller Welt Händel annemen, unnd uberall
vorne an der spitzen seyn wollen.« Daß in diese Zeit der Kriege mit
Spanien die höchste Blüte der Niederlande, damals des reichsten Landes
Europas, fällt, ist hinlänglich bekannt. Daß ab 1620 Deutschland in
eine große Kriegsperiode eintritt, sagt Capistrano auch voraus. Gewiß
ist der Anfang nicht genau richtig angegeben, die Tatsache stimmt
aber[46].
Die angeführten Beispiele aus der Astrologie dürften um so mehr
genügen, als sie aus einschlägigen Werken leicht vermehrt werden
können. Wir wollen nun noch nachstehend eine Reihe von Vorhersagen
zusammenstellen ohne Rücksicht darauf, auf welchem Wege sie gewonnen
wurden.
Als im Jahre 1610 König Heinrich IV. von Frankreich gegen Spanien
rüstete, bestimmte er für die Zeit seiner Abwesenheit seine Gemahlin
Maria von Medici zur Regentin. Schon im Begriff der Abreise zur Armee,
wiederholte seine Gemahlin ihre Bitte, sich vor seiner Abreise salben
und krönen zu lassen, um dadurch ihrer Regentschaft in den Augen
des Volkes mehr Glanz zu verleihen. Er zeigte anfangs die größte
Abneigung dagegen. Nicht nur, weil diese Feierlichkeit bedeutende
Summen kosten und ihn noch einige Zeit in Paris zurückhalten würde,
sondern auch wegen der gegen Sully ausgesprochenen Besorgnis, daß sie
die Ursache seines Todes sein würde. Denn ihm war verkündet worden,
er werde bei dem =ersten Feste, das er veranstalte, getötet werden=.
Endlich willigte er in die Bitte der Königin und bestimmte am 12. Mai
den folgenden Tag zu ihrer Krönung und den 16. zu ihrem feierlichen
Einzug in Paris. Die Krönung und Salbung fand mit großer Pracht zu St.
Denys statt. Am folgenden Tage, dem 14. Mai 1610, wollte der König
vom Louvre zum Arsenal fahren, um Sully, der hier wohnte und krank
war, zu besuchen. In seinem Wagen, der wegen des schönen Wetters offen
war, saßen noch die Herzöge von Epernon und Montbazon und fünf weitere
Personen. Eine kleine Anzahl Edelleute zu Pferde und einige Diener zu
Fuß folgten ihm. Die Straße La Ferronnerie, welche schon durch Buden,
die an die Mauer des neben ihr liegenden Kirchhofes gebaut waren, sehr
verengt war, wurde durch einen mit Wein beladenen Wagen und einen
Heuwagen gesperrt, so daß der König anhalten mußte. Die meisten der
ihm folgenden Edelleute und Diener schlugen den Weg über den Kirchhof
ein, um an dem anderen Ende der Straße sich wieder dem königlichen
Wagen anzuschließen. Während von den zwei Zurückgebliebenen der eine
vorwärts ging, um Platz zu machen, und der andere sich bückte, um sein
Knieband zu befestigen, trat ein Mann auf das Hinterrad des Wagens
und stieß dem König, der soeben aufmerksam einen Brief anhörte, den
Epernon ihm vorlas, ein =Messer etwas oberhalb des Herzens in die
Brust=. Der König, rief aus »ich bin verwundet!« Im selben Augenblick
traf ein zweiter Stoß sein Herz und sogleich stürzte ihm das Blut in
solcher Menge aus dem Mund, daß er =erstickte=. Der Mörder hieß Franz
Ravaillac[47].
Bassompierre, der in seinen Memoiren diese Erzählung bestätigt, weiß
noch von Vorzeichen bzw. Vorahnungen zu berichten: »Er (der König)
sagte mir kurze Zeit vorher (d. h. vor seiner Ermordung): ›Ich weiß
nicht, was das ist, Bassompierre, aber ich kann mich nicht davon
überzeugen, daß ich nach Deutschland gehen werde und das Herz sagt mir
nicht, daß du auch nach Italien gehen wirst‹. Wiederholt sagte er mir
und auch andern: ›Ich glaube bald zu sterben‹. Und am ersten Tage des
Mai, als er aus den Tuilerien durch die große Galerie zurückkehrte (er
stützte sich immer auf jemand) und er Mr. de Guyse an der einen Seite
führte und mich auf der andern und uns erst verließ, als er im Begriffe
war, ins Gemach der Königin einzutreten: da sagte er uns: ›Gehen Sie
nicht fort, ich gehe nur fort, um meine Frau zu veranlassen, sich
schnell anzuziehen, damit sie mich beim Essen nicht warten läßt‹, denn
er speiste gewöhnlich mit seiner Gemahlin.
Wir stützten uns, ihn erwartend, auf das eiserne Geländer, das auf den
Hof des Louvre geht; als plötzlich der Maibaum den man hier in der
Mitte eingesetzt hatte, umfiel, ohne durch den Wind oder eine andere
Ursache erschüttert worden zu sein, und dabei nach der Seite der
kleinen Treppe zu, die zum Zimmer des Königs führt, stürzte. Ich sagte
darauf zu Herrn von Guyse: ›Ich wollte viel darum geben, wenn das nicht
passiert wäre; das ist ein sehr schlechtes Omen. Gott wolle den König
schützen, der ja der Maibaum des Louvre ist.‹
Er antwortete mir: ›Was sind Sie närrisch, an solche Sachen zu denken!‹
Ich entgegnete: ›In Italien und Deutschland würde man von einem solchen
Vorzeichen noch ganz anderes Aufhebens machen, wie wir jetzt hier. Gott
schütze den König und alles was ihn betrifft.‹
Der König, der nur ins Gemach der Königin eingetreten war und es gleich
wieder verlassen hatte, war ganz leise herangetreten, um uns zuzuhören,
im Glauben, wir sprächen von irgendeiner Dame, vernahm alles, was ich
gesagt hatte und unterbrach uns mit den Worten: ›Ihr seid närrisch euch
über solche Vorzeichen zu unterhalten: seit dreißig Jahren haben alle
Astrologen und Charlatans, die es zu sein vorspiegeln, mir alljährlich
vorherverkündet, daß ich mein Leben aufs Spiel setze; et celle que je
mourray, on remarquera lors tous les presages quy m’en ont adverti en
celle, dont l’on fera cas, et on ne parlera pas de ceux quy sont avenus
les années precedentes[48].‹
Nach diesem Bericht, der den Stempel der Wahrheit an der Stirn trägt,
wird man wohl kaum an der Tatsächlichkeit der Vorhersage eines
gewaltsamen Todes zweifeln können.
Übrigens soll auch ein Edelmann Namens Villandry und der Astrolog
Rizacasa das Attentat auf Heinrich IV. vorhergesagt haben[49].
Katharina von Medici sagte dem Herzog von Biron seinen Tod bei der
Belagerung von Epernay voraus.
Der Bruder des Herzogs, der denselben Astrologen fragte, dessen sich
auch Katharina bediente, erhielt folgende Antwort:
»Er wird unter dem Henkerbeil sterben.«
»Was soll das heißen?« rief Biron aus.
»Gnädiger Herr, wenn ich mich besser ausdrücken soll, so muß ich sagen,
daß ihm der Kopf zerrissen wird.«
Der erzürnte Biron richtete in seiner Wut den armen Astrologen darauf
übel zu und ließ ihn auf dem Boden liegen. Dieser Gewaltakt hinderte
nicht, daß die Prophezeiung nach sechs Monaten in Erfüllung ging. Eine
Kanonenkugel raffte den Herzog hinweg.
Ein besonderes Interesse verdienen die Visionen des sonst unbekannten
=Joachim Greulich=, die ihrer Zeit ein ungeheures Aufsehen machten.
Die somnambulen Zustände des Greulich stellten sich öfter und zuletzt
täglich ein. Greulich verlor im tagwachen Zustande nicht die Erinnerung
an seine auf die politische Lage der Staaten und Hauptstädte Europas
bezüglichen Visionen, sondern führte über sie ein Tagebuch. Einige
Stellen dieses Tagebuches seien nachstehend wiedergegeben[50]:
Am 18. August »kam der Engel GOttes wieder zu mir um die
mitternachtsstunde und sprach zu mir: Siehe in den himmel, wie er so
blutig ist; da sahe ich darinne ein blutiges schwerd, und neben dem
schwerd stund mit güldenen buchstaben geschrieben: Du schöne stadt
Erfurt; und auff der andern seiten stund wieder mit güldenen buchstaben
geschrieben: Große feuersbrünsten, die in dieser stadt auskommen
werden; über dem schwerdt aber stund geschrieben, =groß auffruhr=,
rebellerey wird sich da begeben, sonsten keinen krieg weiß ich ihnen
anzuzeigen; dann dieses schwerd ist ihnen selbst in ihre hand gegeben.«
Tatsächlich legten einige Jahre später – die Visionen wurden 1653
niedergeschrieben – mehrere große Feuersbrünste das damals bedeutende
Erfurt fast ganz in Asche. Anfangs der sechziger Jahre entstanden
Reibereien zwischen der Bürgerschaft und dem Rat, welche jahrelang
dauerten und in offene Empörung gegen Kurmainz ausarteten. Als die
Erfurter einen kaiserlichen Herold, der der Stadt die Reichsacht
verkünden sollte (1660), schwer mißhandelt hatten, beauftragte
Kaiser Leopold I. den Kurfürsten Johann Philipp von Mainz mit der
Reichsexekution. Dieser belagerte, weil wegen der Türkenkriege kein
Reichskontingent verfügbar war, die Stadt mit französischen aus Ungarn
zurückkehrenden Hilfstruppen und nahm sie durch Kapitulation (1664)[51].
Greulich hatte auch eine auf die =Belagerung Wiens= durch Kara Mustapha
und die große Pest, die 80000 Menschen dahinraffte, bezügliche Vision:
»Den 29. August um 4 uhr zu nachts kam der Engel GOttes wieder zu mir
und sprach: Siehe wieder in den Himmel, wie er so blutig ist; da sahe
ich darin pfitzschpfeile, bögen und blutige säbel, und ein creutz auch
dabey, und neben dem säbel stund geschrieben mit güldenen buchstaben:
Du schöne stadt =Wien=, du wirst schrecklich von den Türcken betränget
werden; und über den pfitzschpfeilen, bögen und blutigem säbel stund
ein schöner adler, und ich fragte den Engel GOttes, was der adler
bedeuten wird; da sagte er mir, der Engel GOttes, nach eroberung der
stadt Raab werden sich die Türcken für Wien machen, daß gleichsam
Käyserliche Majestät von seiner Residentz-stelle weichen wird müssen,
jedoch werde unsere Käyserl. Majestät den Türcken gewaltig schlagen,
und die Türcken mit schand und spott wieder vor Wien werden abziehen
müssen; keinen Teutschen krieg kan ich der stadt Wien anzeigen, auch
keine straff als sterben und den Türken.«