»Meine ganze Familie besinnt sich noch auf einen Zufall, vor dem

mein Vater durch Hilfe der Ahnung in seiner Jugend bewahrt wurde.

Das Fahren auf dem Fluß ist eine der gewöhnlichen Vergnügungen der

Einwohner der Stadt Rouen in Frankreich. Auch mein Vater fand an

diesen Spazierfahrten ein großes Vergnügen und er ließ wenige Wochen

vorbeigehen, ohne daß er dasselbe genoß. Er vereinigte sich einstmals

mit einer Gesellschaft zwei Meilen weit von Rouen nach Port St. Quen zu

fahren. Man hatte ein Mittagsmahl und Instrumente ins Schiff gebracht

und alles zu einer angenehmen Fahrt vorbereitet. Als es Zeit war

aufzubrechen, stieß eine von den Tanten meines Vaters, welche taubstumm

war, eine Art von Geheul aus, stellte sich an die Tür, versperrte sie

mit ihren Armen, schlug die Hände zusammen und gab durch Zeichen zu

verstehen, daß sie ihn beschwöre, er möchte zu Hause bleiben. Mein

Vater, der sich von dieser Spazierfahrt viel Vergnügen versprochen

hatte, trieb nur seinen Spott mit ihren Bitten, allein das Frauenzimmer

fiel ihm zu Füßen und äußerte eine so heftige Betrübnis, daß er sich

endlich entschloß, ihren Bitten nachzugeben und seine Lustfahrt auf

einen andern Tag zu verschieben. Er bemühte sich daher, die andern

auch zurückzuhalten und bat sie seinem Beispiel zu folgen, allein man

lachte über seine Nachgiebigkeit und reiste ab. Kaum hatte das Schiff

die Hälfte des Weges zurückgelegt, so bekamen diejenigen, die sich

darin befanden, die größte Ursache zur Reue, daß sie ihm nicht gefolgt

hatten. Ihr Schiff riß voneinander, viele kamen dabei ums Leben,

und diejenigen, die sich durch Schwimmen retteten, wurden von dem

Schrecken, der sie dabei überfallen hatte, in die äußerste Lebensgefahr

gestürzt.«

Zum Schluß folgende Zeitungsnotiz:

»Der Jugendschriftsteller Boussénard, der in Frankreich, wo er für

den Erben Jules Vernes gilt, bekannt und beliebt ist, ist letzten

Sonntag gestorben. Er fühlte seinen Tod herannahen und verfaßte

selbst seine Todesanzeige, die folgendermaßen lautet: ›Louis

Boussénard, Schriftsteller, beehrt sich, Sie zu seinem bürgerlichen

Leichenbegängnis einzuladen, das Montag, den 12. September (1910)

nachmittags, stattfindet. Untröstlich über den Tod seiner Frau, erliegt

er in seinem 63. Lebensjahre einem Schmerz, den nichts hat lindern

können. Sein letzter Gedanke gilt seinen zahlreichen Freunden und

treuen Lesern. Man versammelt sich im Sterbehaus, um den Leichenzug bis

zum Bahnhof zu geleiten, von wo der Zug um zwölf Uhr abgeht.‹ – Der Tod

trat ein, wie Boussénard es erwartete, und die Anordnungen, die er für

die Beerdigung getroffen hat, konnten, was die Zeitangaben betrifft,

buchstäblich befolgt werden[30].«

Kehren wir nach diesem Exkurs zu Caesar zurück!

Die Art der Überlieferung nicht minder, als – das bezeugten unsere

Beispiele – ihr Inhalt, würden uns berechtigen, Suetons Erzählung

Glauben zu schenken. Im übrigen möge das jeder nach Gefallen tun. So

viel ist aber sicher, daß Caesar, wäre er dem Übersinnlichen weniger

abgeneigt gewesen, den warnenden Stimmen Gehör geschenkt hätte. Dann

würde der größte Staatsmann der Geschichte, dessen Eigenname zur

höchsten Standesbezeichnung der Menschheit wurde, wohl kaum unter den

Dolchen von Mördern haben verbluten müssen.

Sueton erzählt noch von anderen Wahrträumen, bzw. ähnlichen Vorzeichen

in seinem Leben des Augustus, der im Gegensatz zu seinem großen Onkel

sehr geneigt war, ihnen Glauben zu schenken.

Wir begegnen hier dem einfältigsten Aberglauben. Etwa wenn Augustus,

wenn man ihm den linken Schuh statt des rechten anzog, das als

ungünstige Vorbedeutung nahm, oder wenn starker Taufall seine

Entscheidungen beeinflussen konnte. Daneben finden wir auch den Glauben

an Vorzeichen von größerer Bedeutung (Kap. 93). Damit ist nicht nur

gesagt, daß er seltene Naturereignisse, wie das ja in einer Zeit, die

dem Wesen der Natur noch sehr fern steht, gang und gäbe ist, auf sich

deutete, sondern daß er auch echten Weissagungen Glauben schenkte.

Sueton erzählt im 94. Kapitel der Biographie[31]: »Atia träumte kurz

vor ihrer Niederkunft, daß ihre Eingeweide gen Himmel flögen und sich

dort über den ganzen Umfang von Himmel und Erde ausbreiteten. Auch

Augusts Vater, Octavius, träumte, daß aus dem Schoße der Atia der

Strahlenkranz der aufgehenden Sonne sich erhebe. Am Tage seiner Geburt,

wo gerade über die Verschwörung Catilinas in der Kurie verhandelt

wurde, und Octavius wegen der Niederkunft seiner Frau etwas zu spät

in die Sitzung kam, steht es als eine allbekannte Tatsache fest,

daß Nigidius Figulus[32], als er die Ursache der Verzögerung und

zugleich die Stunde der Geburt selbst vernahm, den Ausspruch getan

hat: In dieser Stunde sei dem Erdkreis der Herr geboren. Die gleiche

Versicherung erhielt Octavius später, als er bei seinem Heerzug durch

Thraziens Öden in einem Haine des Liber pater das dortige thrazische

Orakel über seinen Sohn befragte, von den Priestern, weil, als er

den Wein über den Altar goß, eine Flamme aufschlug, die über das

Tempeldach hinaus bis zum Himmel aufstieg: ein Wunderzeichen, das, wie

die Priester sagten, ähnlich nur allein noch dem großen Alexander, als

er an denselben Altären opferte, zuteil wurde. Gleich in der darauf

folgenden Nacht sah er denn auch seinen Sohn in übermenschlicher Größe

mit Blitz und Zepter, sowie mit den Prachtgewändern des Olympischen

Jupiter und einer Strahlenkrone angetan, hoch thronend auf einem

lorbeerbekränzten Wagen, den zweimal sechs glänzend weiße Rosse zogen.«

Halten wir hier inne.

Was zunächst das thrazische Orakel betrifft, so werden wir – wenn die

Überlieferung überhaupt auf Wahrheit beruht – recht mißtrauisch sein.

Wer mit Heeresmacht Auskunft über die Zukunft heischt, wird in 99 von

100 Fällen eine günstige erhalten. Und wenn eine Flamme gen Himmel

schlug, so liegt die Vermutung nahe, daß die schlauen Priester hier

einen Taschenspielertric sich leisteten.

Die mitgeteilten Träume sind an sich durchaus möglich. Wenn wir uns

gegen sie skeptisch verhalten, so ist ihre Häufung daran schuld.

Gewiß kommt es vor, daß zwei dasselbe träumen, und wenn es sich um

Ehegatten handelt, die beide nicht nur einen Sohn, sondern auch einen

berühmten und tüchtigen Sohn erhoffen, so ist es ganz und gar nicht

unwahrscheinlich, wenn ihnen der Traum verlockende Bilder über seine

Zukunft vorgaukelt. Das ereignet sich alle Tage bei ungezählten

Elternpaaren. Da hier aber der Wunsch unbedenklich für die Vaterschaft

des Traumes haftbar gemacht werden kann, da ferner auch Millionen

träumender Eltern nur ein Weltherrscher trifft, so werden wir, auch

wenn wir der Überlieferung keinen Zweifel entgegensetzen, uns doch sehr

hüten müssen, hier einen Beweis für unsere Behauptung von der Existenz

der Wahrträume zu suchen. Bei Cäsar war der Fall ganz anders gelagert.

Meuchelmord hofft man nicht, sondern man fürchtet ihn. Da zudem die

Ermordung des Staatsoberhauptes in Rom ein ganz unerhörter Fall war, so

kann man auch mit Zufall hier nicht wohl operieren. Zum Belege dafür,

daß bei Eheleuten Doppelträume vorkommen, sei folgender Fall mitgeteilt:

»Als im Junius des Jahres 1812 mein zweiter Sohn, Karl, ein Knabe von

früh entwickeltem Talente und hoher Herzensgüte, in seinem neunten

Lebensjahre so gefährlich krank darnieder lag, daß der Gedanke an

seinen möglichen nahen Verlust bisweilen düster durch meine und meiner

Gattin Seele fuhr, wagten wir es, aus gegenseitiger Schonung, dennoch

nicht, das wahrscheinliche baldige Hinscheiden des holden Kindes laut

auszusprechen. Wir beweinten, oft von dem lieben Kranken getröstet,

unser Los im stillen. In der Nacht vom 17.–18. Junius hatte ich

folgenden, mir unvergeßlichen Traum: Ich führte meinen Karl auf einer

blühenden Aue an der Hand, er schritt freudig rasch einher und sah mich

lächelnd an: ›Wie?‹ rief ich froh, ›du kannst wieder gehen, lieber

Karl?‹ (Schon seit mehreren Monaten war ihm dies unmöglich gewesen).

Kaum hatte ich ausgeredet, so erblick’ ich einen großen prächtigen

Palast vor mir, der Knabe reißt sich von mir los und eilt in jenen

Palast. ›Ach,‹ sprach ich, ›du wirst mich doch nicht verlassen?‹ Ich

versuche es, ihm nachzueilen und kann nicht von der Stelle. In dem

schmerzhaftesten Gefühl erwach’ ich. Schlaf und Ruhe waren verschwunden.

Um meine Gattin nicht zu betrüben, verschwieg ich ihr diesen leicht zu

deutenden Traum. Indessen sitzen wir am Abend desselben Tages noch spät

in einer wehmütigen Stimmung zusammen. Wir reden von unserm kranken

Lieblinge, mein Herz war zu voll, und zum ersten Male spreche ich

meine bange Besorgnis um sein Leben aus. Endlich erzähle ich auch, mit

pochender Brust, den in der letzten Nacht gehabten Traum. Aber noch

kaum habe ich die Erzählung geendigt, so tat meine Gattin einen lauten

Schrei und ruft unter heißen Tränen aus: ›Mein Gott, denselben Traum

habe ich ja auch in der letzten Nacht geträumt!‹ Sie ruft sogleich

unser Dienstmädchen in das Zimmer und läßt es ihren eigenen Traum

erzählen, den sie ihm gleich am Morgen mitgeteilt, aber auch verboten

hatte, ihn mir zu erzählen. Ich fühlte mich tief ergriffen, aber auch

das Mädchen wußte sich kaum zu fassen, als es nachher den meinigen

erfuhr. Nur im Ausgange des Traums fand eine kleine Verschiedenheit

statt.

Meiner Gattin träumte: Sie und ihr Mädchen führten unsern Knaben auf

einer blühenden Aue an der Hand. Er ging freudig-rasch, blickte seine

Führerinnen lächelnd an; beide verwundern sich seines raschen Ganges.

Auf einmal erblickten sie einen großen prächtigen Palast vor sich.

Der Knabe reißt sich von ihnen los und eilt hinein. Beide eilen ihm

nach, finden in dem Palaste eine außerordentlich große Menschenmenge,

durchsuchen unter Tränen mehrere Säle und finden den Knaben nicht. ›O

Gott, was wird mein Mann sagen, daß wir unsern Karl verloren haben?‹

ruft meine Gattin trostlos aus und – erwacht.

Leider bewährten sich die Worte des Ennius (beim Cicero, de divinat.

II, 61) ›aliquot somnia vera!‹ Drei Tage nach diesem merkwürdigen

Doppel-Traum entschlief unser Liebling sanft, unter unsern Küssen und

Zähren. Auch hier war ›ein Bund des Traumes mit dem Wachen!‹ (Jean

Pauls Herbstblumen, 2. Bändchen, S. 275) – aber wir hatten die trübe

Wirklichkeit nicht sowohl =nach=, als =vorgeträumt=! –

Marburg.

D. Justi[33].«

Es handelt sich also um ein Erlebnis des berühmten Theologen Karl

Wilhelm Justi (geb. 1767 gest. 1846), an dessen Wahrheit zu zweifeln

wohl niemand den Mut haben wird.

Wenn wir auch Gedankenübertragung annehmen – was ja immerhin räumliche

Telepathie voraussetzt und damit bereits das Wichtigste, eine

Übertragung äußerer Eindrücke ohne Vermittlung der Sinne einräumt – so

genügt das nicht. Daß die Sorge die Eltern auch nicht nachts verläßt

und sich in Träumen äußert, ist gewiß natürlich. Sehr merkwürdig aber

die symbolische Einkleidung. Es liegt hier zweifellos ein noch nicht

näher ergründetes Phänomen der Prophetie vor. Dazu kommt, daß schon

nach drei Tagen die Erfüllung sich einstellt.

Bedeutungsvoller als die Träume von Augustus’ Eltern sind die Worte

des Nigidius Figulus. Über seine Prophezeiung sind wir durch Dio

Cassius[34] unterrichtet. Er schreibt:

»Kaum war der Knabe geboren, so prophezeite ihm der Senator Nigidius

Figulus die Alleinherrschaft. Unter allen seinen Zeitgenossen verstand

sich dieser am besten auf die Sternkunde und die Konstellation und

wußte, was jedes Gestirn einzeln oder in Konjunktion oder Opposition

mit andern für einen Einfluß übte; deshalb sagte man ihm auch nach,

daß er sich mit geheimen Künsten befasse. Als dieser sah, daß Octavius

(wegen der Geburt seines Kindes) etwas später in die Kurie kam (es

wurde gerade Senat gehalten), trat er ihm entgegen und fragte ihn,

warum er so spät komme. Als er ihm die Veranlassung nannte, so rief

er aus: =du hast uns einen Herrn= gezeugt! Octavius, darüber bestürzt,

wollte das Kind töten lassen; er aber hielt ihn davon ab, indem er

sagte: es wäre nicht möglich, daß dem Kinde etwas der Art widerführe.«

Sueton erzählt im 94. Kapitel von einem anderen Horoskop, das dem

Augustus der Astrolog Theogenes gestellt hatte, und zwar als jungem

Manne. Als er dem Astrologen seine Geburtsstunde nannte, da soll

Theogenes aufgesprungen und ihm verehrend zu Füßen gefallen sein.

Seitdem hatte Augustus großes Vertrauen auf seinen Stern und ließ auch

einst eine Münze mit dem Bild des Steinbockes, unter dem er geboren

war, prägen.

Was nun die Glaubwürdigkeit von diesen Berichten – die wir nur im

Auszug wiedergeben – betrifft – so mag man sagen: ein Mann, der so

einfältiges Zeug erzählt, wie etwa, daß Augustus als kleines Kind den

Fröschen geboten hätte zu schweigen, was zur Folge hatte, daß sie in

dieser Gegend noch zur Zeit Suetons nicht quakten, verdient keinen

Glauben.

Das gehört zu jenen logischen Schnitzern, an denen unsere Hyperkritik

nur allzu reich ist.

Wenn es auch heißt: »wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn

er auch die Wahrheit spricht«, so ist das Sprichwort doch klug genug

zuzugeben, daß auch ein Lügner die Wahrheit reden kann. Daß man ihm

dann nicht glaubt, ist ein Fehler der Zuhörer.

Nun ist aber Sueton nichts weniger als ein Lügner, wenn er auch

leichtgläubig sein mag und häufig unkritisch alles wiedererzählt, was

er von mancherlei Leuten gehört hat. Er ist so wenig ein Lügner, wie

unsere offiziellen Hyperkritiker es sind, wenn sie die Möglichkeit der

Weissagung oder anderer nicht alltäglicher Begebenheiten leugnen. Man

könnte daraus ja auch mit gleichem Rechte folgern, daß alles, was sie

für unglaublich erklären, doch glaubwürdig sei. Ein Denkfehler, der

nicht um ein Haar geringer ist, als wollte man alle Berichte des Sueton

über ungewöhnliche Dinge lediglich deshalb ablehnen, weil er, wie wir

auf Grund unserer heutigen Naturkenntnis wissen, auch Unmögliches im

guten Glauben überliefert.

Gibt es etwas Natürlicheres, als die Anschauung, ein so großer Mann wie

Augustus müßte auch anders als ein gewöhnlicher Sterblicher in die Welt

eintreten und durch sie wandeln? Dieser stillschweigenden Voraussetzung

ist es doch allein zuzuschreiben, daß man Plato so gut wie Alexander,

Buddha oder Christus zu Söhnen Gottes stempelte. So wenig es uns aber

deshalb einfällt, in Bausch und Bogen alles zu verwerfen, was von

diesen Geisteshelden überliefert ist, so wenig dürfen wir das etwa vom

Bericht des Sueton tun.

Während früher die Tendenz durch die Geschichtschreibung ging

– besonders ausgeprägt finden wir sie in der mittelalterlichen

Heiligenliteratur –, daß ein geistig oder sittlich großer Mann auch

über außergewöhnliche Kräfte verfüge, Wunder wirken könne, läßt sich

gegenwärtig die entgegengesetzte feststellen. Das hängt nicht allein

mit den Fortschritten der Naturwissenschaften zusammen, es hat, wie

schon in der Einleitung angedeutet, auch einen politischen Grund: die

Demokratisierung unserer Denkweise hält es mit ihren Dogmen nicht für

vereinbarlich, daß irgend jemand eine besondere Stellung einnimmt.

Im übrigen liegt es uns fern, uns im einzelnen für die Wahrheit

oder Glaubwürdigkeit dieser Erzählungen zu erhitzen. Uns genügt der

Nachweis, daß es sich ganz und gar nicht um Unmögliches, ja noch

nicht einmal besonders Seltenes handelt und daß man gut tut, die

Berichterstatter solcher Phänomene nicht ohne weiteres abzulehnen.

Indem wir es jedem Leser anheimstellen, davon zu glauben oder nicht zu

glauben, so viel ihm beliebt, unterlassen wir nicht zu bemerken, daß

Sueton wohl bei jedem Herrscher von Träumen, Vorzeichen oder ähnlichem

zu erzählen weiß. Mag das auch gewiß bei flüchtiger Betrachtung seine

Glaubwürdigkeit herabsetzen, so läßt sich nicht leugnen, daß der Grund

hierfür zumeist bei uns selber liegt. Die Zahl der Selbstbiographien

– auch von sehr nüchternen Leuten – in denen der Verfasser von

übersinnlichen Erlebnissen erzählt, ist auch heute noch, trotz des

entgegenstehenden Modedogmas und trotz des leichten Risikos, das jeder,

der Übersinnliches von sich erzählt, läuft, sehr groß. Fast jeder hat –

das ist heute genau so, wie in der fernsten Vorzeit – in seinem Leben

irgendwelches Erlebnis gehabt, das er sich nicht oder nur durch Zufall,

was das Gleiche ist, erklären kann. Früher achtete man darauf, heute

tut man es nicht mehr. Das ist der Unterschied. Früher mag man sein

Sinnen und Trachten so sehr auf Vorzeichen und Ähnliches gerichtet

haben, daß die Phantasie manchen bösen Streich spielte. Heute hält

man für einen Lügner oder Phantasten jeden, der wahrheitsgemäß etwas

berichtet, was nicht jeden Tag passiert. In beiden Fällen ist der

Aberglaube fast der gleiche; nur das Objekt hat gewechselt.

Doch genug vom Altertum. Leicht ließe sich noch mehr Material

beibringen. Für unsere Zwecke genügt das Gesagte und wir wollen uns in

einem neuen Kapitel dem Mittelalter und der Neuzeit zuwenden.

Fußnoten:

[7] Vgl. zu Nachstehendem H. Graetz, Geschichte der Juden, 1. Bd.,

Leipzig 1874, S. 372 ff., worauf mich aufmerksam zu machen Herr

Rabbiner Dr. C. Werner die Freundlichkeit hatte.

[8] Otto Pfleiderer, Die Entstehung des Christentums, München 1905, S.

191 ff. und 291.

[9] Josef Merkt, Die Wundmale des heiligen Franz von Assisi. Leipzig

und Berlin 1910, besonders S. 65 ff.

[10] in Saturnalibus I. 23.

[11] II, 37. Übersetzung von J. D. Heilmann, Neuausgabe von Otto

Güthling, Reclams Universalbibliothek S. 167 f.

[12] Pausanias kennt nur =ein einziges= bei Herodot (VI, 66) erzähltes

Beispiel von Bestechung eines Orakels (Pausanias III, 7).

[13] Vgl. Paulys Realenzyklopädie der klassischen

Altertumswissenschaft, 2. Aufl., 8. Hlbd., Artikel Delphoi, S. 2533,

und O. Gruppe, Griechische Mythologie und Religionsgeschichte II,

S. 928, in J. v. Müllers Klassischer Altertumswissenschaft V, 2, 2,

sowie Ed. Döhler, Die Orakel, Berlin 1872, eine nachstehend wiederholt

benutzte Studie, und Erwin Rohde, Psyche, besonders S. 112 ff., 313 f.

und 344 ff. Bouché-Leclerq, Histoire de la divination dans l’antiquité,

Paris 1879/81, war mir nicht zugänglich.

[14] Unter Trance versteht man einen der Hypnose ähnlichen Zustand.

Trance tritt in sehr verschiedenen Intensitätsgraden auf, doch kann

es nicht unsere Aufgabe sein, hier näher darauf einzugehen. Als

vortreffliche Einführung in die okkulten Wissenschaften sei Ludwig

=Deinhard=, Das Mysterium des Menschen im Lichte der psychischen

Forschung, Berlin 1910, empfohlen.

[15] Cicero, de Divinatione, I, 19.

[16] Viele Orakelsprüche bei R. Hendess Oracula Graeca, Halle a. S.

1877.

[17] Übersetzung von Adolf Stahr in Langenscheidts Bibliothek, 2.

Aufl., S. 97 f.

[18] Justinus Kerner, Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit.

Erinnerungen aus den Jahren 1786–1804. 2. Aufl. Stuttgart 1886. S. 240

f. Die nächste Stelle auf S. 243.

[19] Vgl. »Sphinx« 3. Bd. 1887. S. 62.

[20] Flammarion, Rätsel des Seelenlebens, Stuttgart 1909, S. 374 ff.

[21] Eb. S. 385, Brief Nr. 194.

[22] Eb. 28. Brief, p. 295, Nr. II.

[23] Justinus Kerner, Magikon, III. Bd., S. 568.

[24] Mein Leben und mein Wandern, Berlin 1894, S. 330 f.

[25] Flammarion, Rätsel des Seelenlebens, S. 384 f., 127. Brief.

[26] Otto Fürst von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen, 2. Bd.

Stuttgart 1898, S. 194.

[27] Nach Dr. Liébaut, Thérapeutique suggestive, zitiert nach

Flammarion, Rätsel des Seelenlebens, S. 408.

[28] Heinrich Jung, genannt Stilling, Theorie der Geisterkunde, 1808,

S. 78 f.

[29] Jung-Stilling, Theorie der Geisterkunde, S. 84, übernommen aus dem

»Museum des Wundervollen«, 2. Bd., 2. Stück, S. 152.

[30] Münchener Neueste Nachrichten, 1910, Nr. 441.

[31] Übersetzung von Adolph Stahr, Langenscheidtsche Bibliothek,

Sueton, 106. Bd., S. 191. Eine Anzahl historischer Träume hat Kleinpaul

im Magazin für die Literatur des In- und Auslandes, 1886, Nr. 16 und

17, zusammengestellt.

[32] Nigidius Figulus war ein sehr gelehrter Mann, Senator, großer

Astronom und Astrolog und Freund des Cicero.

[33] Vgl. (Vulpius) »Curiositäten«, 5. Bd., Weimar 1816, S. 274 ff.

[34] 45, 1. Übersetzung der »Römischen Geschichte« von L. Tafel,

Stuttgart 1837.

Zweites Kapitel

Einzelne Prophezeiungen und Vorzeichen

Mittelalter und Neuzeit

Ist schon die Literatur des klassischen Altertums reich an mehr oder

minder beglaubigten übersinnlichen Phänomenen, so gilt dies noch

weit mehr von der des Mittelalters. Das Altertum hat zweifellos

die Kritik häufig vermissen lassen, was freilich bei dem damaligen

Stande der naturwissenschaftlichen Kenntnisse nicht verwunderlich

ist. Das christliche Mittelalter ging darin, gemäß dem allgemeinen

Kultursturze, noch viel weiter. Kann man sagen: die Antike berichtet

manches Unglaubwürdige, =wiewohl= es unglaubwürdig oder gar unmöglich

ist, so mag es vom christlichen Mittelalter heißen: gerade =weil= etwas

unmöglich scheint, wird es erzählt und geglaubt.

Besonders die umfangreiche Literatur der Heiligengeschichten bringt

es mit sich, daß nach Außerordentlichem geradezu gefahndet wird. Noch

heute findet die Kirche es zur Heiligsprechung erforderlich, daß der

also Ausgezeichnete auch »Wunder« gewirkt habe. Noch heute gilt

das sacrificium intellectus, das kritiklose Glauben selbst an den

haarsträubendsten Blödsinn für verdienstvoll.

Ist es da erstaunlich, wenn eine Zeit, die zur allgemeinen

Kritiklosigkeit infolge mangelnder Naturkenntnis noch die Sucht,

möglichst viele und möglichst verblüffende Wunder verzeichnen zu

können, hinzufügt, an Wust, Unsinn und wildesten Phantasmagorien alles

je Dagewesene in den Schatten stellt?

Damit ist aber keineswegs gesagt, daß nun =alles=, was berichtet

wird, weil es uns erstaunlich scheint, auch falsch sein müßte. Die

»voraussetzungslose« Forschung der Gegenwart macht es sich sehr bequem,

wenn sie alles ablehnt, was sie noch nicht erklären kann. Und doch

sollte sie gelernt haben, daß dieses negative Verhalten nicht viel

unkritischer ist, als das der verspotteten Vorzeit.

Heute wissen wir, daß es tatsächlich Stein- und Fischregen gab und

noch gibt, wir wissen, daß die »blutige« Hostie weniger auf einem

Fehler der Beobachtung, als der Interpretation des Beobachteten beruht.

Wir wissen ferner, daß eine große Zahl von Phänomenen, die noch vor

wenigen Jahrzehnten einfach geleugnet wurden, nunmehr zugegeben und

durch Hypnose oder Suggestion erklärt werden. Wie der »singende« oder

nahende Karawanen verkündende Sandberg den Geologen kein Rätsel mehr

ist und seitdem die Erklärung gefunden, seine Existenz auch eingeräumt

wird – daß es mehrere solcher Berge gibt, wissen wir auch erst seit

ganz kurzer Zeit –, so wurde schon vieles und wird noch mehr aus

den Berichten der Alten sich bewahrheiten. Hier waren es nicht die

Erzähler von wunderbar scheinenden Dingen, die sich blamierten, sondern

die superklugen Gelehrten waren es, die, bewaffnet mit dem berühmten

Rüstzeug der modernen Kritik, die Frage nicht vorurteilslos prüften,

sondern kategorisch negierten.

Aus alledem ergibt sich, daß auch die mittelalterliche Literatur, bei

gehöriger kritischer Verarbeitung, für unsere und noch manch andere

Zwecke zweifellos viel wertvolles Material beizusteuern geeignet wäre.

Hier kritische Methoden zu ersinnen – denn die gegenwärtig geübten

der Negation lassen durchaus im Stich –, wird ein dankbares Feld der

Zukunft sein. Wir können uns der Aufgabe nicht unterziehen. Weniger,

weil es den Rahmen der Untersuchung zu weit ausdehnen würde, als

deshalb, weil wir damit unserer Beweisführung nicht dienen würden.

Wie die Festigkeit einer Kette nicht durch das stärkste, sondern durch

das schwächste Glied bestimmt wird, so auch die einer Beweisführung.

Wir müssen uns deshalb ängstlich hüten, allzuviel Material zu

verwenden, bei dem der Kritiker einwenden kann, es =könne= ja wahr

sein, =müsse= es aber nicht sein.

Deshalb wollen wir uns im Nachstehenden, unter teilweisem Verzicht auf

die oben skizzierte, an sich gewiß außerordentlich verlockende Aufgabe,

damit begnügen, einige Beispiele für Prophetie anzuführen, an deren

Authentizität sich kaum zweifeln läßt. Dabei schicken wir aber voraus,

daß wir hier nur den Boden für die weitere Untersuchung bereiten wollen

und uns völlig darüber klar sind, daß ein zwingender Beweis auf dem in

den beiden ersten Kapiteln dieses Buches eingeschlagenen Wege nicht zu

erbringen ist.

=Tommaso Parentucelli=, Bischof von Bologna, bestieg 1447 als Nikolaus

V. den Stuhl Petri. Er hatte in der Nacht vor Papst Eugens Tode seine

Wahl geträumt, ja, mehr als das, Kaiser Friedrich III. hatte in der

Nacht, als Parentucelli Österreich verließ, geträumt, daß er von ihm

zum Kaiser gekrönt werde, und sich gewundert, daß ein einfacher Bischof

diese feierliche Handlung vornehmen würde. Als nun Nikolaus wirklich

Papst geworden war, zweifelte der Habsburger nicht, daß er auch die

Kaiserkrone aus seinen Händen empfangen würde. Da Äneas Sylvius, der

nachmalige Papst Pius II., zugegen war, als Nikolaus und Friedrich sich

gegenseitig ihre Träume erzählten, auch in seinem Berichte beifügt,

daß vier weitere Zeugen anwesend waren, ist die Beglaubigung dieser

Vorahnung völlig einwandfrei[35].

Prophezeiungen · 第 4 / 27 段