Am =Morgen desselben Tages= war ein Dienstmädchen meines Vaters,

»Tilla« mit Namen, ziemlich aufgeregt zu der Gesellschafterin meines

Vaters, Fräulein Anna W. aus R., gekommen und hatte ihr folgendes

gesagt: »Fräulein, der Herr Wilhelm ist krank, ich weiß es, ich habe

es geträumt. Ich habe geträumt, daß er zurückkommt, ich muß sein Bett

machen.« Zwei Stunden später traf meine Depesche ein.

Ich teile Ihnen diese Tatsache mit und enthalte mich jeglicher

Bemerkungen.

Obengenannte Tilla ist übrigens durchaus kein irgendwie ätherisches

Wesen, sondern eine nicht mehr junge, wohlgenährte, brave und tüchtige

Magd – nur behauptet sie, daß das, was sie im Traume sähe, häufig

einträfe u. dgl.

Vielleicht interessiert Sie diese Mitteilung.

In vorzüglicher Hochachtung, Ihr ergebenster

Dr. Wilhelm Joest.«

Ich selbst hatte zwar seit dem Frühjahr 1910 einige Male telepathische

Erlebnisse räumlicher Art, niemals aber Visionen, Halluzinationen oder

ähnliches. Von einem einzigen Wahrtraum kann ich aus persönlicher

Erfahrung Zeugnis ablegen. Bevor ich ihn erzähle, möchte ich bemerken,

daß ich außerordentlich selten träume oder – in praxi dasselbe – mich

des Traumes beim Erwachen erinnere.

Meine »Dinge, die man nicht sagt,« waren eben erschienen – das

Buch war am 26. April 1910 ausgegeben worden – ich befand mich

begreiflicherweise in einiger Spannung über seine Schicksale. Nicht ob

es gelobt oder getadelt würde, was mich völlig kalt läßt, sondern ob es

Beachtung finden würde.

Da träumte ich – es war am 18. Mai – ich hätte einen Brief des

Verlegers Albert Langen erhalten, der mir eine Neuauflage – 4. und

5. Tausend – der »Dinge« ankündigte. Ich hatte im Traum Langen

antelephoniert und gesagt, der Verlag hätte sich wohl verschrieben, da

ich viel eher an eine Neuauflage der Kulturkuriosa dachte. Aber Langen

hatte mir – im Traume – den telephonischen Bescheid erteilt: der Brief

sei inhaltlich völlig richtig, es handle sich um die »Dinge«.

Am Morgen erzählte ich diesen Traum meiner Frau und schrieb ihn

überdies nieder. Ich fügte hinzu, daß hier einmal wieder der Wunsch

Vater des Gedankens geworden sei.

Da kam – zu meiner größten Überraschung – am 21. Mai ein Brief von

Langen mit genau demselben Inhalt und – wie mir schien – auch Wortlaut,

wie ich es geträumt hatte. Von den Kulturkuriosa aber – und das erhöht

das Merkwürdige des Falles – erschien wider Erwarten die nächste

Auflage – das 8. Tausend – erst im November 1910.

Während Träume neutralen oder gar erfreulichen Inhaltes recht selten

zu sein scheinen, sind solche tragischer Natur desto häufiger. Sei es,

daß es sich um den eigenen Tod handelt, sei es um den naher Angehöriger

oder Verwandter.

Da das ja beim Falle Caesars zutreffen würde, so seien nachstehend

einige Beispiele angeführt, nicht ohne zu erwähnen, daß Camille

Flammarion auf Grund einer Umfrage ein sehr reiches Material über

dieses Thema zusammen brachte. Zitieren wir daraus:

»In den letzten Tagen des November 1871 – es war an einem Mittwoch und,

wie ich glaube, der 22. – weilte ich bei der mir befreundeten Familie

Davidson in New Orleans. Eine Frau Thilton war anwesend und erzählte

verschiedene Träume, die sie gehabt und die immer in Erfüllung gegangen

waren. Die Anwesenden kannten bereits die Wahrheit ihrer Berichte.

Betroffen von einer Erzählung dieser Dame rief nun unser Wirt aus:

»Madame, ich ersuche Sie, ja nicht von mir zu träumen!«

»Zu spät, mein Herr! Erst gestern abend habe ich von Ihnen geträumt.«

Alles bestürmt sie, den Traum zu erzählen.

»Mir hat geträumt, daß ich von heute in sechs Wochen einer dringenden

Einladung von Ihnen folgend Sie besuchte.«

»O, der Traum läßt sich leicht verwirklichen, Madame! Ich werde Sie an

dem bestimmten Tage zu uns bitten, und Sie, mein Fräulein,« wendete

sich der Hausherr zu mir, »werden sicher uns auch die Ehre geben.

Welcher Tag ist es?«

Einer der Anwesenden sah im Kalender nach: »Mittwoch, der 3. Januar

1872.«

»Gut, wir wollen alle den Traum von Madame mit erleben!«

»O, bitte, warten Sie, das ist noch nicht alles,« warf Frau Thilton

ein, »mir träumte noch,« fuhr die Dame fort, »daß ich beim Eintreten

dieses Haus leer und verlassen fände und daß ich Sie vergebens

suche. Endlich habe ich in der Mitte des zweiten Salons einen großen

Metallsarg gesehen; der Deckel war geschlossen, ich sah weiter nichts,

aber ich wußte, daß Sie in dem Sarg liegen.«

Unser Wirt brach in Gelächter aus, ebenso alle Anwesenden, und Herr

Davidson sagte scherzend zu seiner Frau: »O, nur keinen Metallsarg, ich

mag Metall nicht! Nur einen Sarg aus Palisanderholz bitte ich mir aus.«

Lachend versprach seine Frau, falls sie ihn überleben sollte, seinen

Wunsch zu erfüllen.

Frau Thilton fuhr fort: »Ich sah nur einen Menschen im Salon und

stellte mich neben ihn. An den Längsseiten des Sargdeckels sah ich

sechs silberne Rosen.« Man lachte von neuem über diesen bizarren

Sargschmuck; aber Frau Thilton blieb ernst und sagte: »Es hat, selbst

im Traum, einen tiefen Eindruck auf mich gemacht.«

Man trennte sich lachend und gab sich ein Stelldichein für Mittwoch

den 3. Januar. Noch während der folgenden sechs Wochen wurde der Traum

öfters scherzhaft erwähnt.

Am 2. Januar 1872 fiel unser Wirt, Herr Davidson, einem fürchterlichen

Zufall zum Opfer: er wurde von einer Lokomotive erfaßt und zermalmt.

Am andern Morgen wurde er in den Sarg gelegt; die Familie wünschte, daß

niemand sein entstelltes Gesicht sehe, und ich übernahm die Wache am

Sarge und blieb auch, nachdem der Deckel geschlossen worden war, auf

meinem Posten.

Frau Thilton kam, der Einladung folgend, in das Haus und fand im

zweiten Salon den Sarg und nur mich bei ihm. Sie stellte sich an meine

Seite; stumm, ohne uns anzusehen, standen wir bei dem Sarge. Plötzlich

berührte sie meinen Arm und deutete auf sechs silberne Rosen, die die

Längsseiten des Metallsarges zierten. Ich sah sie fragend an, und sie

sagte: »O, erinnern Sie sich nicht? Die sechs silbernen Rosen, die ich

genau so in meinem Traum gesehen habe?«

Vierzehn Tage später sagte mir die Witwe: »Erinnern Sie sich jenes

außergewöhnlichen Traumes? Alles kam, wie unsere Freundin es

vorausgesehen! Bis auf den Sarg! Selbst in meinem Schmerz habe ich

seinen Wunsch nicht vergessen!«

Ich war unfähig mich zu verstellen und stammelte: »Aber es war doch ein

Metallsarg!«

»Niemals! O mein Gott! Wer hat es gewagt, mir entgegenzuhandeln?«

»Und die sechs silbernen Rosen waren auch auf jeder Seite.«

Meine arme Freundin war ganz erschüttert. Man stellte den

Leichenbestatter zur Rede. Ein Palisandersarg war nicht aufzutreiben

gewesen und nur ein Metallsarg war in der nötigen Größe vorrätig, so

daß man diesen hatte nehmen müssen.

Von den dreizehn Zeugen jenes Traumes leben heute nur noch neun. Die

Familie (Calvinisten) würde sehr empört sein, wenn ihr Name mit einem

Aberglauben in Verbindung gebracht würde, doch ist sie viel zu ehrlich

und wahrheitsliebend, um die Tatsache zu leugnen.

Sara Morgan-Dawson, 36, rue de Varenne.

Paris, 20. Dezember 1901.

Frau Dawson ist seit Jahren mit mir (d. h. Flammarion) bekannt und eine

durchaus wahrheitsliebende Dame; da wir alle aber auf unser Gedächtnis

nicht schwören können, habe ich die in New Orleans lebende Tochter des

Verstorbenen ersucht, mir ihrerseits diese Geschichte mitzuteilen.

Hier die Abschrift ihrer Antwort vom 24. Januar 1902:

»Jawohl erinnere ich mich, wenigstens teilweise, jenes Traumes. Eines

Tages, nach dem Diner, erzählte uns Frau Thilton, daß sie im Traum

meinen Vater in einem verschlossenen Metallsarg habe liegen sehen. Mein

Vater erwiderte damals lachend, Metallsärge seien ihm ein Greuel, und

er wolle sich nur in einem Holzsarg begraben lassen. Tatsächlich starb

mein Vater am zweiten Tage des neuen Jahres und sein Leichnam wurde in

einen Metallsarg gebettet.

Frau Thilton hat dies auch getan[20].«

Ein weiteres Vorkommnis nach Flammarion:

»Am 25. November 1860 waren wir auf der Wasserjagd. Es war vier Uhr

nachmittags und unsere Barke näherte sich dem Ufer. Da erwähnte einer

meiner Freunde, er habe in der Nacht geträumt, er werde heute im Meer

ertrinken.

Ich versicherte ihm, daß wir in zehn Minuten landen würden. Einen

Augenblick später kenterte unser Boot und trotz unserer größten

Anstrengung ertranken zwei meiner Freunde, darunter der, der seinen Tod

vorhergesehen. Sein Bruder ist noch heute Advokat in Havre, wo sich die

Katastrophe ereignet hat. (Sie können es auch in den Tageszeitungen von

Havre vom 26. November 1860 nachschlagen). E. B. rue de Phalsbourg,

Havre[21].«

Ein weiterer Fall nach demselben Gewährsmann:

L. Bouthors, Direkteur des Contributions directes in Chartres schreibt:

»Es war während des Krieges 1870–71; eine Freundin von mir, eine

Offiziersfrau in Metz, träumt, daß mein Vater, ein Arzt, den sie sehr

liebte und schätzte, an ihr Bett tritt und sagt: »Sehen Sie, ich sterbe

jetzt.« Sobald die Festung wieder mit der Außenwelt in Verbindung

treten konnte, schrieb mir meine Freundin und beschwor mich, ihr

genaue Nachrichten über meine Angehörigen zu geben und ob nicht am 18.

September meinem Vater ein Unglück zugestoßen sei. Sie hätte an dem Tag

von ihm geträumt. Mein armer Vater war uns tatsächlich am 18. September

um 5 Uhr morgens plötzlich durch den Tod entrissen worden.

Als ich im Sommer darauf meine Freundin sah, erzählte sie mir, der

Traum hätte sie tief berührt, weil sie kurz vorher von einer ebenfalls

in Metz wohnenden Freundin einen ähnlichen Traum gehabt hätte und am

Morgen darauf ihren Tod erfuhr[22].«

Mit diesem Fall, der ja rein räumlich-telepatischer Natur ist, haben

wir eigentlich den Rahmen unserer Untersuchung schon überschritten.

Denn wir beschränken uns ja auf das Fernsehen in der Zeit, ohne

auf das im Raume eingehen zu wollen. Nicht weil letzteres etwa

zweifelhafter wäre. Im Gegenteil: es gibt viel mehr Menschen, die

ähnliche Erfahrungen gesammelt haben. Sie bestreiten zu wollen, wäre

geradeso nutzlos und töricht, wie eine Fata morgana oder ein Gewitter

zu leugnen, nur weil man es nicht beliebig reproduzieren kann. Wenn wir

auf dieses Thema nicht näher eingehen, so geschieht es vornehmlich, um

nicht den Umfang des Buches allzusehr anschwellen zu lassen. Und doch

ist auch der letztgenannte Fall einschlägig, weil er die Wahrheit des

bisweilen im Traume Geschauten beweist. Wir lassen weitere Fälle folgen:

Sehr merkwürdig ist die Erzählung eines österreichischen Oberleutnants

von F. von einem Wahrtraum, der zur Zeit der Schlacht bei Wagram spielt.

»Kaum graute der Morgen der denkwürdigen Schlacht von Wagram (5. Juli

1809), als das Regiment, in welchem ich diente, Order erhielt, das vor

dem rechten Flügel unserer Position gelegene, vom Feinde besetzte Dorf

Großhosten nebst der dort aufgestellten Batterie zu stürmen. Da trat

mein Flügelkorporal – Wittenbart hieß der Wackere – zu mir und bat,

seine Uhr und Barschaft, das einzige Erbteil der Seinen, womöglich

in Sicherheit zu bringen, da er gewiß sei, diesen Morgen zu fallen.

Von niemandem als diesem tapferen Krieger, der damals noch in der

vollen Kraft seines Lebens stand, hätte mich eine solche Anrede mehr

befremden können, da selbst seine Geistesbildung jene seiner meisten

Standesgenossen weit übertraf. Natürlich fragte ich vor allem um den

Grund einer solchen Besorgnis; folgendes war seine Antwort:

›Sie kennen mich, Herr Oberleutnant, und werden es daher mir glauben,

daß ich ohne alle Ängstlichkeit, ermüdet von den gestrigen Strapazen,

fest und ruhig bei der Gewehrpyramide meiner Leute einschlief. Da

träumte ich, bevor wir geweckt wurden, ein Wesen von himmlischer

Schönheit stände vor mir und betrachte mich eine ziemliche Zeit

mit unendlichem Wohlgefallen; von einem unnennbaren Gefühle zu ihm

hingezogen, streckte ich meine Arme nach ihm aus; da sprach es: »Heute

noch wirst du bei mir sein; nimm dies Band als Wahrzeichen!« Und mit

diesen Worten hing es mir ein breites rotes Band über die rechte

Schulter und Brust; ich erwachte. Sie wissen, daß Furcht und Kleinmut

meine geringsten Fehler sind; trotzdem halte ich mich für überzeugt,

der heutige Tag sei der meines Todes, und ich bitte daher noch einmal

um die Erfüllung meines Wunsches. Die paar Taler übrigens, welche ich

zurückbehalten habe, gehören dem Kameraden, welcher mir die Augen

zudrücken wird, oder denen, die mich beerdigen.‹

Vergeblich erschöpfte ich alle Vernunftgründe, ihm die Unzuverlässigkeit

eines Traumes zu beweisen; der Befehl zum Vorrücken endete meine

nutzlosen Bemühungen.

Wir marschierten mit halben Divisionen rechts ab, setzten uns vor dem

linken Flügel en colonne und passierten solchergestalt ein seichtes

Defilee, welches gegen den Feind ausmündete. Kaum gewahrten die

Franzosen unsere Bewegung, als sie ihr schweres Geschütz auf den

Ausgang des seichten Hohlwegs richteten und Kugel auf Kugel in unsere

Reihen sandten. Wohl niemand wird es mir verargen, wenn meine Augen

mehr gegen die feindliche Batterie als irgendanderswohin gerichtet

waren; da erblickte ich eine Kanonenkugel, welche rikochettiert hatte

und gerade auf mich zuflog. Zur Seite springen und meinen Leuten

zurufen: ›Bückt euch!‹ war das Werk eines Augenblickes, und dennoch

kam meine Warnung zu spät; mein braver Wittenbart lag – die rechte

Brust und Schulter zerschmettert und regungslos – auf dem Boden, mein

und sein Nebenmann (ersterer bloß durch die Luft niedergerissen) neben

ihm[23].«

Der berühmte Ägyptologe Heinrich Brugsch schreibt in seinen

Lebenserinnerungen[24] über einen merkwürdigen Wahrtraum des Khedive im

Jahre 1875 folgendes:

»Ich selbst nahm meinen Weg nach Göttingen, um von meiner dort

befindlichen Familie Abschied zu nehmen und ohne längeren Aufenthalt

die Weiterreise auf einem Bremer Dampfer anzutreten. Im Begriff,

nach dem nahgelegenen Bahnhof zu gehen, um den nach Bremen abgehenden

Frühzug zu benutzen, erhielt ich auf dem Wege eine Drahtmeldung,

die ich sofort öffnete, um ihren Inhalt noch vor der Abreise kennen

zu lernen. Sie lautete kurz und bündig: ›Der Khedive ersucht Sie,

augenblicklich nach Kairo zurückzukehren.‹ Mit dem nächsten Eilzuge

schlug ich die Richtung nach Triest ein, um mit dem fälligen

Lloyddampfer mich nach Ägypten zurückzubegeben. Ich hatte seit meiner

Abreise keine Zeitung gelesen und mußte nicht wenig überrascht sein,

als mir von dem Kommandanten des Schiffes die Nachricht mitgeteilt

wurde, daß auf dem letzten Bremer Dampfer, demselben, mit welchem ich

die Reise antreten wollte, eine von einem Amerikaner namens =Thomas=

konstruierte Höllenmaschine vorzeitig explodiert sei und mehrere

Reisende und sonstige Personen getötet und verwundet habe. Ich dankte

Gott im stillen, einer möglichen Gefahr für Leib und Leben durch meine

Rückberufung entgangen zu sein, und stellte mich bei meiner Ankunft in

Kairo sofort dem Vizekönig vor. In der Meinung, von ihm nachträglich

besondere Aufträge zu erhalten, die er mir nur mündlich mitteilen

könne, war ich nicht wenig erstaunt, aus seinem Munde die Versicherung

zu erhalten, er sei hoch erfreut, mich heil und gesund zu sehen, habe

mir aber durchaus nichts zu sagen. Er habe sich bewogen gefühlt, mich

sofort durch den Draht zurückzuberufen, da in der Nacht ein Traumbild

ihm angeraten habe, mich sofort kommen zu lassen, widrigenfalls mir ein

großes Unglück bevorstünde.«

Nachstehend noch ein weiteres Beispiel für die Erfüllung eines Traumes:

»Mein ältester Bruder, Emile Zipelius, Maler, starb am 16. September

1865 im Alter von 25 Jahren, indem er in der Mosel ertrank. Er wohnte

in Paris, war aber bei seinen Eltern in Pompey bei Nancy zu Besuch.

Meine Mutter hatte zweimal in ziemlich langen Zwischenräumen geträumt,

daß ihr Sohn ertrunken sei. Als der Überbringer der schrecklichen

Nachricht zu meinen Eltern kam, vermutete meine Mutter gleich ein

Unglück und fragte zuerst nach einer abwesenden Tochter, von der sie

seit längerer Zeit keine Nachricht hatte. Als man ihr sagte, es handle

sich nicht um ihre Tochter, rief sie aus: »O, fahren Sie nicht fort,

ich weiß was geschehen ist; mein Sohn ist ertrunken!« Denselben Tag

noch hatten wir einen Brief von ihm erhalten.

Mein Bruder selbst hatte kurz vorher zu seiner Hausfrau gesagt: »Wenn

ich eines Abends nicht nach Hause komme, so gehen Sie am nächsten

Morgen in die Morgue. Ich habe das Gefühl, daß ich im Wasser sterben

werde. Mir träumte, ich läge tot und mit offenen Augen am Grund des

Flusses.«

In der Tat hatte man ihn so gefunden, er war infolge eines

Schlagaderbruchs im Wasser beim Baden gestorben. Meine Mutter und mein

Bruder glaubten fest an ihre Vorahnung. An dem Tage seines Todes wollte

er nicht schwimmen gehen, gegen Abend aber verlockte ihn die Kühle des

Wassers und wir verloren ihn zu unserm größten Schmerz.«

J. Vogelsang-Zipelius, Mühlhausen i. E.[25]

Endlich wollen wir einen Eideshelfer anrufen, an dessen Glaubwürdigkeit

wohl niemand zu zweifeln wagen wird und der ein Ereignis berichtet, das

an Bedeutung dem Traume der Calpurnia in nichts nachsteht: =Bismarck=!

Der greise Heldenkaiser Wilhelm I. machte dem großen Kanzler am 18.

Dezember 1881 Mitteilung von einem besonders lebhaften Traume, der eine

Reichstagsverhandlung zum Gegenstande hatte. Bismarck antwortete darauf

am gleichen Tage u. a. folgendes:

»Euer Majestät Mitteilung ermutigt mich zur Erzählung eines Traumes,

den ich Frühjahr 1863 in den schwersten Confliktstagen hatte, aus denen

ein menschliches Auge keinen gangbaren Ausweg sah. Mir träumte, und

ich erzählte es sofort am Morgen meiner Frau und anderen Zeugen, daß

ich auf einem schmalen Alpenpfad ritt, rechts Abgrund, links Felsen;

der Pfad wurde schmaler, so daß das Pferd sich weigerte, und Umkehr

und Absitzen wegen Mangel an Platz unmöglich; da schlug ich mit meiner

Gerte in der linken Hand gegen die glatte Felswand und rief Gott an;

die Gerte wurde unendlich lang, die Felswand stürzte wie eine Coulisse

und eröffnete einen breiten Weg mit dem Blick auf Hügel und Waldland

wie in Böhmen, preußische Truppen mit Fahnen und in mir noch im Traume

der Gedanke, wie ich das schleunig Eurer Majestät melden könne. Dieser

Traum erfüllte sich, und ich erwachte froh und gestärkt aus ihm[26].«

Also ein Vorgesicht der drei Jahre später Wirklichkeit werdenden

Ereignisse in Böhmen und des Krieges um die Hegemonie mit Österreich!

Die angeführten Fälle, die sich natürlich ins Endlose vermehren lassen,

sollen keineswegs beweisen, daß Caesar oder seine Gattin wirklich

die Ermordung geträumt haben. Wenn die Überlieferung auch gut ist,

so läßt sich das doch heute nicht mehr mit unanfechtbarer Sicherheit

feststellen. Was sie aber beweisen sollen, ist, =daß der Traum uns gar

nicht so selten ein bevorstehendes Unglück enthüllt=. Wenn mancher

Leser dieses Buches durch die wenigen angeführten Beispiele auch zu

nichts anderem bewogen wird, als dazu ähnliche Überlieferungen nicht

ohne Prüfung als Unsinn abzulehnen, so ist damit für den weiteren Gang

der Untersuchung schon manches gewonnen.

Nun gibt es aber außer partiellen Enthüllungen der Zukunft durch den

Traum auch noch Vorahnungen anderer Art, die ebenfalls zumeist den

eigenen Tod, oder den naher Angehöriger zum Gegenstande haben. Von

ihnen einige Beispiele anzuführen, scheint um so mehr am Platz, als

wir später noch wiederholt ähnlichen, historisch gut beglaubigten

Vorkommnissen begegnen werden.

»Ein junges Mädchen aus der Gegend von Nancy, 18 Jahre alt, wurde

oft von ihren Angehörigen eingeschläfert. In einen Zustand von

Somnambulismus geraten, wiederholte sie bei jeder neuen Sitzung, daß

eine nahe Verwandte, die sie mit Namen nannte, noch vor dem 1. Januar

sterben würde. Es war im November 1883. Ihre Beharrlichkeit veranlaßte

den Familienvater, eine Lebensversicherung von 10000 Franken für jene

Dame, die übrigens ganz gesund war, aufzunehmen. Um das nötige Geld

aufzutreiben, schrieb er an Herrn M. L. mehrere Briefe und teilte ihm

in einem das Motiv seiner Handlungsweise mit. Herr L. bewahrte diese

Briefe als unwiderleglichen Beweis für die Möglichkeit der Vorhersage

zukünftiger Ereignisse und hat sie mir gezeigt. Da man sich über die

Zinsen nicht einigen konnte, ließ man die Angelegenheit fallen. In

der Tat starb die in Frage stehende Dame am 31. Dezember, und der

am 2. Januar an Herrn L. gerichtete letzte Brief übermittelt diese

Nachricht[27].«

Ein merkwürdiges Beispiel einer Ahnung erzählt Jung-Stilling[28] vom

Professor der Mathematik Böhm, einer keineswegs schwärmerischen Natur,

was ja schon der Beruf vermuten läßt.

»Er war einmal an einem Nachmittag in einer angenehmen Gesellschaft

bei einer Tasse Tee und einer Pfeife Tabak recht vergnügt, ohne über

irgend etwas nachzudenken, als er auf einmal eine Anregung im Gemüt

empfindet, nach Hause zu gehen. Da er nun nichts zu Hause zu tun

hatte, so sagte ihm sein mathematischer Verstand, er solle nicht nach

Hause gehen, sondern bei der Gesellschaft bleiben. Indessen wurde

die innere Aufforderung immer stärker und dringender, so daß endlich

jede mathematische Demonstration erlag, und Böhm seinem inneren Trieb

folgte. So wie er auf sein Zimmer kam und sich umsah, aber nichts

Besonderes entdecken konnte, fühlte er eine neue Anregung in seinem

Inneren, das Bett, worinnen er schlief, müsse von da weg und in jene

Ecke gebracht werden. Auch hier räsonierte seine Vernunft und stellte

ihm vor, das Bett habe ja immer da gestanden, überdem sei das ja auch

der schicklichste Platz und jener der unschicklichste, allein das alles

half nicht, die Aufforderung ließ ihm keine Ruhe, er mußte die Magd

rufen, welche nun das Bett an die verlangte Stelle rückte; hierauf

wurde er ruhig im Gemüt, er ging weiter zur Gesellschaft und empfand

nichts mehr von jenen Anregungen. Er blieb auch zum Abendessen bei der

Gesellschaft, ging gegen zehn Uhr nach Haus, dann legte er sich in

sein Bett und schlief ganz ruhig ein. Um Mitternacht weckte ihn ein

schreckliches Krachen und Poltern, er fuhr aus dem Bett auf und sah

nun, daß ein schwerer Balken mit einem großen Teil der Zimmerdecke

gerade da niedergefallen war, wo vorhin das Bett gestanden hatte. Jetzt

dankte Böhm dem barmherzigen Vater der Menschen, daß er ihn so gnädig

hatte warnen lassen.«

Die rationalistische Erklärung oder, besser gesagt, der

rationalistische Erklärungsversuch dieser merkwürdigen Vorahnung wird

annehmen, daß der brüchige Balken in der vorigen Nacht bereits gekracht

habe. Das habe Böhm im Schlaf gehört und aus diesem Dämmerzustande

nur das Denkresultat, daß er das Bett von dieser gefährlichen Stelle

fortschaffen müsse, ins Wachen gerettet.

Möglich, daß der Erklärungsversuch das Richtige trifft. Sicher ist,

daß wir bei der folgenden Geschichte damit nicht auskommen.

Frau von Beaumont erzählt folgende Begebenheit[29]:

Prophezeiungen · 第 3 / 27 段