Das Neue Testament ist als Quellenschrift unbrauchbar, da – von

den Briefen abgesehen – alle Berichte auf Hörensagen beruhen. Das

älteste Evangelium, das des Markus, ist keinesfalls vor dem Jahre 70

geschrieben worden, die auf ihm fußenden Evangelien des Lukas und

Matthäus sind etwa zwei Generationen jünger, und das des Johannes ist

gar erst gegen die Mitte des 2. Jahrhunderts verfaßt; also reichlich

ein Jahrhundert nach Christi Tode. Daß unter diesen Umständen den

evangelischen Prophezeiungen keine Bedeutung zuzuerkennen ist, liegt

auf der Hand[8].

Was die mittelalterliche Heiligenliteratur betrifft, so kann es nicht

zweifelhaft sein, daß sich in ihr eine stattliche Anzahl echter

Prophezeiungen würde nachweisen lassen. Jedoch ist sie in der Regel

erst viel später und überdies außerordentlich unkritisch und mit der

Absicht dem Heiligen möglichst viele Wunder zuzuschreiben, abgefaßt

worden, so daß sie wenig Glauben verdient. Es mag eine dankbare

Aufgabe der Zukunft sein, hier kritisch zu sichten. Daß durchaus nicht

nur leeres Stroh gedroschen werden muß, ergibt sich z. B. aus der

interessanten Arbeit von Merkt über die Stigmatisation des Heiligen

Franz von Assisi[9]. Sie hat unzweifelhaft den Beweis erbracht,

daß dieser außerordentliche Mensch Stigmen in der Art der Wundmale

Christi hatte, ein Phänomen, für das, wie für so manches andere, die

heutige Wissenschaft noch keine ausreichende Erklärung hat. Ohne

Prophetengabe zu besitzen, können wir mit größter Bestimmtheit

vorhersagen, daß es nicht mehr lange dauern wird, bis diese ganze

Literatur von urteilsfähigen allen kirchlichen Dogmen ebenso frei,

wie allen materialistischen gegenüberstehenden Männern nach unsern

Gesichtspunkten durchforscht werden wird.

Die Skepsis des Autors gegenüber der religiösen Literatur, sowie die

nicht geringere der Gebildeten im allgemeinen gegen derartige Quellen

wird es rechtfertigen, wenn wir hier nicht länger verweilen, sondern –

von wenigen gut beglaubigten Ausnahmen abgesehen – uns auf die profanen

beschränken.

Wir leben unzweifelhaft noch in einer Zeit der Hyperkritik, die ohne

weiteres ablehnt, was ihr irgendwie außergewöhnlich erscheint. Das wird

sich ja wohl dereinst ändern, aber unsere Aufgabe kann es nicht sein,

hier mehr dem Zeitgeist zu trotzen, als es unbedingt nötig ist. Daß

trotzdem auch die kritischste Quellenbearbeitung Glauben fordert – man

denke an die zahlreichen Fälle, in denen ein Faktum nur durch einen

einzigen Bericht überliefert ist – steht fest. Aber in diesen Fällen

muß das Faktum eben möglichst alltäglich sein. Bei unserer Untersuchung

jedoch, die sich mit einer Materie befaßt, die rundweg in ihrem

Bestande geleugnet wird, in den Fällen aber, wo sich die Tatsachen

nicht fortdisputieren lassen, nach Tunlichkeit durch Zufall erklärt zu

werden pflegt, tut doppelte und dreifache Vorsicht not.

Diese Erwägungen objektiver Art – soweit sie die tatsächlich

unkritische und panegyrische religiöse Literatur betreffen – sowie die

ebenso beachtenswerten subjektiver Natur – d. h. die Skepsis allem

gegenüber, was irgendwie das Alltägliche, das Allerheiligste unserer

demokratischen Zeit, übersteigt – lassen größte Vorsicht in Verwertung

unverdächtiger Quellen als Pflicht der Klugheit erscheinen. Es muß

unser Bestreben sein, möglichst gar nichts auf den guten Glauben des

Lesers ankommen zu lassen.

Beginnen wir mit einigen beglaubigten Beispielen, die um so weniger

Widerspruch finden werden, als sie gar keine echten Prophezeiungen sind.

Am bekanntesten ist das Orakel zu Delphi, das Krösus auf seine Frage

hin die Antwort gab: wenn er den Halys überschreite, werde er ein

großes Reich zerstören. Der Doppelsinn dieses Ausspruches ist so klar,

daß man sich nur wundern muß, daß Krösus ihn nicht merkte.

Ebenso doppelsinnig ist das von Cicero überlieferte Apollinische

Orakel, das Pyrrhus gegeben wurde:

Ajo te, Aeacida, Romanos vincere posse.

Da es sowohl heißen kann »ich sage dir, Aeacide, daß du die Römer

besiegen kannst«, als auch »ich sage dir, Aeacide, daß die Römer dich

besiegen können«, so ist es weder verwunderlich, daß es in Erfüllung

ging, noch daß wir Cicero glauben, wiewohl er insofern keine lautere

Quelle genannt werden darf, als er zwei Jahrhunderte nach dem großen

Epiroten lebte.

Endlich wollen wir noch ein Orakel von Heliopolis in Aegypten anführen,

das uns Macrobius[10] überliefert: Vor seinem Partherkriege wandte

sich Trajan dorthin, um Auskunft über den Ausgang zu erhalten. Die

Heliopolitaner schickten ihm statt einer Antwort einen zerbrochenen

goldenen Weinstock, der im Tempel des Gottes geopfert worden war. Der

Kaiser starb auf dem Feldzuge und man brachte die Gebeine, die durch

den zerbrochenen Weinstock symbolisiert worden waren, nach Rom. Hätte

er die Parther geschlagen, dann hätte man selbstverständlich auf sie

das Symbol des Weinstocks gedeutet.

Daß uns mit solchen doppelsinnigen Aussprüchen, die unter allen

Umständen in Erfüllung gehen müssen, nicht gedient ist, liegt auf der

Hand. Zu verurteilen aber ist die Neigung der Gegenwart =alle= Orakel

als ebenso doppelsinnig oder schwindelhaft hinzustellen.

Interessanter schon ist das alte Orakel, das uns Thukydides in seiner

Geschichte des Peloponnesischen Krieges mitteilt.

Nachdem er die Pest und die furchtbare Not in Athen beschrieben hat,

fährt er fort: »Und in diesen unglücklichen Zeiten fiel ihnen, wie man

leicht denken kann, die Weissagung ein, die, wie die älteren unter

ihnen versicherten, vor langen Zeiten gesungen worden sei:

=Kommen wird einst ein dorischer Krieg und mit ihm die Seuche.= Die

Meinungen hatten sich darüber geteilt, ob die Alten in diesem Vers

λοιμός (Pest) oder λιμός (Hungersnot) gemeint hätten. Doch bei den

damaligen Begegnissen der Stadt behielt, wie leicht zu erachten, die

erste Meinung die Oberhand, wie denn einem gewöhnlich dasjenige am

ersten in den Sinn kommt, was mit dem, was uns wirklich begegnet, die

nächste Verwandtschaft hat. Und ich stelle mir vor, wenn einmal nach

diesem ein anderer dorischer Krieg ausbrechen, und eben eine Hungersnot

dabei eintreten sollte, so würde man natürlich auch die Weissagung

so auslegen. Nicht minder gedachten nunmehr auch diejenigen, welche

darum wußten, an das den Lakedämoniern erteilte Orakel, da Apollo

ihnen auf die Anfrage, ob sie den Krieg anfangen sollten, zur Antwort

gegeben: =wenn sie den Krieg mit Nachdruck führten, so würde der Sieg

auf ihrer Seite sein, ja selbst ihnen beizustehen versprochen hatte=.

Mit diesem Orakel hielten sie den bisherigen Verlauf der Sache ganz

übereinstimmend. Die Seuche brach gleich von der Zeit an aus, als die

Peloponnesier ins Attische einfielen, und, was ein merkwürdiger Umstand

war, die Peloponnes blieb gänzlich davon frei. Ihre stärkste Wirkung

äußerte sie in Athen, sodann aber auch in andern Plätzen, die vor

andern volkreich waren[11].«

Daß Thukydides Skeptiker ist und deshalb seine Mitteilung auch bei

modernen Gesinnungsgenossen keinem Zweifel begegnen wird, dürfen wir

als bekannt voraussetzen. Schrieb er doch seine berühmte Geschichte,

ein bis heute unübertroffenes Meisterwerk, in ausgesprochenem Gegensatz

zu seinem Vorgänger Herodot. Ihm kommt es im Gegensatz zu jenem darauf

an, überall den natürlichen Zusammenhang der Dinge nachzuweisen,

weshalb er alles Mythische und Göttliche, insoweit es die menschlichen

Geschicke beeinflußt, ablehnt.

Aber selbst wenn jemand das nicht wissen sollte, geht es aus obiger

Stelle unzweideutig hervor. Es ist kaum möglich, nüchterner und

rationalistischer einem immerhin höchst merkwürdigen Phänomen

entgegenzutreten.

Tatsache ist, daß das Orakel folgende durch die Geschichte bestätigte

Weissagungen gemacht hatte:

1. Es findet ein dorischer Krieg statt.

2. Während dieses Krieges bricht eine Seuche aus. Selbst wenn wir

mißtrauisch, wie wir nun einmal sind, die ungünstigere Interpretation,

nämlich die Hungersnot, annehmen, dann wäre die Prophezeiung doch

insofern richtig gewesen, als es sich um eine über das ganze Volk

hereinbrechende, vom Kriege direkt unabhängige Katastrophe handelt.

Es besteht aber gar keine Veranlassung für den objektiv urteilenden

Menschen, die ungünstigere Interpretation zu wählen. Wollte man das

prinzipiell tun, dann könnte man fast jeden noch so geistreichen

Ausspruch eines noch so großen Mannes zum Unsinn stempeln.

3. Die Spartaner sollten nur angreifen, dann würden sie siegen.

4. Apollo, bekanntlich Gott der Pest, werde ihnen beistehen. Letzteres

ist, wie ja auch Thukydides bemerkt, außerordentlich merkwürdig. Und

zwar nach zwei Richtungen hin: Sowohl, weil der Ausbruch der Pest mit

dem Einfall der Spartaner genau zusammenfällt, und zwar nicht etwa

– was eine rationalistische, aber doch nur oberflächliche Erklärung

wäre, da sie ja die Richtigkeit der Prophezeiung nicht umstoßen würde

– weil sie von ihnen eingeschleppt wurde, sondern völlig unabhängig

davon. Begann sie doch im Piräus, was die Vermutung nahe legt, daß sie

von Übersee eingeschleppt wurde, worauf auch Thukydides im 48. Kapitel

hinweist.

Ferner, weil der Peloponnes davon verschont wurde, so daß die Pest

(Apollo) also tatsächlich nur den Spartanern half.

Ob wir diese merkwürdigen Vorhersagen als Zufall betrachten wollen, sei

der Denkart jedes Lesers überlassen. Auf alle Fälle aber ergibt sich

daraus eines, daß nämlich die Orakel keineswegs nur zweideutige und

nichtssagende Auskünfte erteilten, sondern oft recht präzis antworteten.

Das läßt sich auch aus einem anderen Grunde voraussetzen, selbst

wenn wir aus der antiken Literatur keine Belegstellen hätten, die es

beweisen ließen.

Gewiß kann man die Dummheit des Volkes in gewissen Fragen gar

nicht überschätzen. Sobald die Furcht vor dem Tode, das Seelenheil

und ähnliche Dinge in Frage kommen, läßt es sich Jahrtausende die

größten Bären aufbinden und opfert einen guten Teil seines sauer

verdienten Geldes den Pfaffen. Wäre es nicht so, dann hätte es nie

Priesterherrschaften gegeben und es wäre nicht möglich gewesen, daß die

vorgeblichen Nachfolger eines Mannes, der am Morgen nicht wußte, wo

er am Abend sein müdes Haupt niederlegen sollte, an Luxus die Fürsten

übertrafen und man ihnen und ihren Dienern Schätze geradezu aufzwang.

Anders liegt aber der Fall weltlichen, praktischen Fragen gegenüber.

Hier hat sich seit je die Klugheit des Volkes, die Bauernschlauheit,

bewährt. Hier, wo es gilt, im Kampf mit gleichen Mitteln, im Geschäft,

seinen Vorteil zu finden, stellt und stellte auch das ungebildete und

ungelehrte Volk seit je seinen Mann.

Nun haben die Orakel aber weit über ein Jahrtausend, in Ägypten sicher

mehrere Jahrtausende, bestanden, und die reichen Schätze, die sich

aus freiwilligen Gaben in ihren Tempeln und Hainen aufspeicherten,

beweisen, daß sie in hohem Grade die Zufriedenheit all der zahllosen

Generationen zu erringen wußten. Daß das niemals der Fall gewesen

wäre, wenn sie ausschließlich plumpe Zweideutigkeiten oder gar unwahre

Aussprüche zum besten gegeben hätten, bedarf doch eigentlich keines

Beweises.

Die rationalistischen Beurteiler der Orakel sehen in ihrer

Priesterschaft nur politisch kluge, welterfahrene Männer. Daß sie

das waren, können wir als sicher annehmen. Auch daß sich manche

Prophezeiung nur deshalb realisierte, weil der Frager sein Verhalten

genau nach dem Wahrspruch einrichtete, nicht minder, daß auch hie und

da – aber das müssen verschwindend seltene Ausnahmen gewesen sein –

eine Prophezeiung nicht in Erfüllung ging. Diese Erklärungen genügen

aber auf die Dauer nicht.

Dem einfachen Manne mag der kluge Rat immer wertvoll sein. Was aber

mächtige Könige und Staaten für ein Interesse daran haben sollten,

sich von auswärts, noch dazu von einer Priesterschaft, die unter

religiöser Maske vielleicht Interessenpolitik trieb, Anweisungen

erteilen zu lassen, das will uns nicht einleuchten. Gerade der Umstand,

daß die Orakel ihre Autorität völlig verloren, als sie sich eine

politische anzumaßen versuchten, beweist hinlänglich, wie grundfalsch

es ist, nur mit Schlagworten wie: Sophismen, zweideutige Aussprüche,

weltkluge Priester, politisches Intrigenspiel usw. zu operieren. Man

tut nie klug daran, den Gegner für weniger intelligent zu halten, wie

sich selbst. Es ist auch nicht weise, dem Altertum, das uns neben

den Sophisten einen Sokrates, Plato und Aristoteles schenkte, eine

Naivität zuzutrauen, die wir uns scheuen würden, beim simplen Bauern

vorauszusetzen.

Daß es sich bei den Orakeln, nach unserer festen Überzeugung, um

mehr handelt als normale Klugheit oder gar Betrug – was keineswegs

ausschließt, daß beide zuzeiten nicht fehlten[12] – möge auch aus der

Art der Abgabe der Weisungen gefolgert werden.

In Delphi trank die Pythia, bevor sie ihre anstrengende Tätigkeit

begann, vom heiligen Wasser und kaute Lorbeerblätter und Gerste,

worauf sie in Verzückung geriet. »Angeblich« – die Philologie ist

gar vorsichtig! – infolge eines unterirdischen Luftstromes, eines

divinus adflatus, bzw. durch Dämpfe, die aus der Erde unter ihrem

Sitz aufstiegen und durch ihren Schoß in den Leib eindrangen[13]. Daß

dieser Luftstrom keineswegs nebensächlich war, erhellt daraus, daß

Plutarch und Cicero den Verfall des Delphischen Orakels mit der Abnahme

des inspirierenden Gases in Zusammenhang bringen.

Nach diesem uns von mehreren alten Autoren überlieferten Bericht

steht es fest, daß die Pythia nicht in normaler Verfassung, sondern

in Trance[14] war, wenn sie weissagte. Das Orakel war also kein

Produkt intensiver Verstandesarbeit, sondern vielmehr ein solches

des Unterbewußtseins. Das ist um so einleuchtender, als Plutarch

ausdrücklich berichtet, man habe zu Pythien schlichte und unwissende

Frauen gewählt. Dafür spricht auch, daß die Seherin durchaus nicht

immer in Versen sprach, sondern ihre Aussagen oft abgehackt, ja

bisweilen wohl auch unartikuliert waren und deshalb von Priestern

stilisiert werden mußten. Genau, wie man es von modernen Somnambulen

weiß, nur daß man heute ihre Aussprüche stenographisch, also ganz genau

nach ihrem Wortlaut, festhält und so herausgibt.

Pausanias erwähnt eine Prophetie der Phännis, welche die Invasion der

Gallier in Asien vorher verkündete. Auch führt er eine Vorhersage der

Schlacht bei Aigos potamoi von Musaios und der Sybille an (X, 12 und

X, 9) und ein anderes sybillinisches Orakel, nach welchem die durch

Philippos gegründete makedonische Macht unter einem andern Philippos

untergehen sollte (X, 15, X, 9 und VII, 8).

Cicero legt seinem Bruder die Argumente der Verteidiger der Orakel in

den Mund. Schließen wir den kurzen Abstecher auf dieses Gebiet mit

seinen Worten: »Wer weiß nicht, was der pythische Apollo dem Kroisos,

was er den Athenern, den Lakedaimoniern, den Tegeaten, den Argeiern,

den Korinthern geantwortet hat? Unzählige Orakel hat Chrysippus

gesammelt, und keines ohne einen vollgültigen Gewährsmann und Zeugen;

ich übergehe sie aber, weil sie dir bekannt sind. Nur so viel sage ich

der Verteidigung wegen: Nie würde das Orakel zu Delphoi so besucht

und berühmt gewesen sein, nie wäre es mit so ansehnlichen Geschenken

aller Könige und Völker angefüllt worden, wenn nicht alle Zeitalter die

Wahrhaftigkeit seiner Orakel erprobt hätten[15].«

Wir wollen nun noch einige Fälle von Prophetie bzw. Vorahnung oder

Vorzeichen aus der alten Geschichte anführen[16].

Zu den bekanntesten Prophezeiungen des Altertums gehört jene, die sich

auf Cäsars Ermordung bezieht. Sueton erzählt in seiner Biographie des

Gajus Julius Cäsar, im 81. Kapitel, den Vorgang wie folgt[17]:

»Dem Cäsar wurde unterdessen der bevorstehende gewaltsame Tod durch

die offenbarsten Vorzeichen verkündet. Wenige Monate zuvor, da in

der Kolonie Capua die Kolonisten, die infolge des Julischen Gesetzes

dorthin übersiedelten, zum Aufbau ihrer Landhäuser uralte Gräber

umgruben, und dies um so eifriger taten, weil sie dabei eine große

Menge Gefäße von alter Kunstarbeit fanden, entdeckte man in einem

Monumente, das für das Grabmal des Capys, des Gründers von Capua, galt,

eine eherne Tafel mit griechischer Schrift und Sprache, des Inhalts:

»Wenn einst die Gebeine des Capys ans Licht gekommen sein würden, werde

ein Sprosse des Julus von der Hand seiner Blutsverwandten getötet, sein

Tod aber bald durch schreckliche Heimsuchungen Italiens gerächt werden.«

Niemand darf diese Tatsache für fabelhaft oder erdichtet halten; es

bezeugt sie Cornelius Balbus, Cäsars vertrautester Freund. Wenige

Tage vor seinem Ende berichtete man ihm, daß die Rosse, die er beim

Uebergang über den Rubiko den Göttern geweiht und ohne Hüter frei hatte

laufen lassen, durchaus nicht mehr fressen wollten und häufige Tränen

vergössen. Beim Verrichten eines Opfers erteilte ihm der Opferschauer

Spurinna die Warnung: er möge sich vor einer Gefahr hüten, die nicht

länger als bis zu den =Iden des März= ausbleiben werde. Am Tage aber

vor diesen Iden des März sah man eine Vogelschar vor dem nahegelegenen

Haine einen Zaunkönig, der mit einem Lorbeerzweiglein in die

Pompejanische Kurie flog, verfolgen und daselbst zerreißen. Ja in der

Nacht, auf die der Tag des Mordes anbrach, sah Cäsar seinerseits im

Traume sich mehrmals über den Wolken schweben, und dann wieder einmal,

wie er dem Jupiter die Hand reichte; und Calpurnia, seine Gattin, sah

im Traum, wie der Giebel ihres Hauses einstürzte, und wie man ihren

Gemahl in ihren Armen erdolchte; zugleich sprangen plötzlich die Türen

ihres Schlafgemaches von selbst weit auf.

Teils dieser Dinge wegen, teils weil er sich unwohl fühlte, war er

längere Zeit unentschlossen, ob er sich nicht lieber zu Hause halten

und das, was er dem Senate vorzutragen beschlossen hatte, vertagen

sollte. Endlich aber machte er sich, da ihm Decimus Brutus vorstellte,

doch den zahlreich versammelten und bereits längere Zeit auf ihn

wartenden Senat nicht vergeblich sitzen zu lassen, etwa um die fünfte

Stunde (d. h. zwischen 10 und 11 Uhr vormittags) auf den Weg.

Eine Schrift, die ihm unterwegs von jemandem überreicht wurde, und die

eine Anzeige des Verschwörungsplans enthielt, steckte er unter die

übrigen Schriften, die er in der Linken hielt, um dieselben später zu

lesen. Als er darauf das Opfer hielt und die Opfertiere, trotzdem daß

man deren mehrere schlachtete, keine glücklichen Vorzeichen gaben, ging

er ohne Rücksicht auf diese religiöse Bedenklichkeit in die Kurie. Dort

sah er den Spurinna und bemerkte ihm mit spottendem Lächeln, um ihn

als falschen Propheten zu bezeichnen: »=des Märzen Idus sind ja ohne

Unglück gekommen=«, worauf jener warnend erwiderte: »=gekommen sind

sie, aber noch nicht vorüber=.«

So weit Sueton.

Was jeder von den Vorzeichen halten will, etwa dem Weinen der Rosse,

das auch Homer von des Achilleus Pferden erzählt, die des Patroklos

Tod beweinen, oder Vergil vom Leibroß des Pallas, Shakespeare von

denen des Duncan berichtet, ist seine Sache. Solche Geschichten sind

besonders in der mittelalterlichen Literatur überaus zahlreich und

dürfen nur als dichterische Freiheiten gewertet werden. Unmaßgeblichst

vermute ich dagegen, daß die Eingeweideschau und die übrigen Vorzeichen

der römischen, wie aber auch etwa der babylonischen Divination, die

bestimmte Zeichen ganz bestimmt deutet, nicht Schwindel, sondern

Selbsttäuschung ist. Es handelt sich wohl um eine Autosuggestion,

wie wir sie beim Prophezeien aus Karten, Kaffeesatz, der Hand usw.

antreffen. In Wahrheit dürfte es ein visionäres Schauen des Sehers

sein, ein Trancezustand, in den er aber nur auf Grund solcher Zeichen

versetzt wird. Wir könnten uns dann den Vorgang etwa so vorstellen,

wie den Aberglauben fast aller Schauspieler, die nur aufzutreten

wagen, nachdem sie gewisses getan, oder bestimmte Talismane zu sich

gesteckt haben. Durch Autosuggestion wird der Schauspieler sonst

vom Lampenfieber gelähmt werden, während er sich vermittelst seines

Amulettes oder eines bestimmten abergläubischen Spruches in die

erforderliche Inspiration leicht versetzt.

Anders liegt hier aber der Fall mit dem Traume Cäsars, sowie dem seiner

Gemahlin, und den warnenden Worten des Spurinna am Unglückstage. Der

»Freigeist«, d. h. der durch das materialistische Dogma Gebundene,

wird keinen Augenblick zögern, das Vorhersehen eines Ereignisses

im Traume für Schwindel oder Selbsttäuschung zu erklären. Und das,

wiewohl sicher ein außerordentlich hoher Prozentsatz der Menschen von

Wahrträumen heimgesucht wird, sich aber aus Furcht, den Spott der

Superklugen auf sich zu laden, hütet anderen davon Mitteilung zu machen.

Wir gehen gleich an dieser Stelle auf die Frage der =Wahrträume= ein,

weil wir aller Voraussicht nach, wenn wir uns auch nur etwas mit

der Materie beschäftigt haben werden, nicht mehr so ohne weiteres

jede historische Überlieferung von Wahrträumen für Aberglauben oder

Schwindel erklären werden. Die Analogien der Gegenwart werden uns

Gerechtigkeit oder doch mindestens Vorsicht den alten Autoren gegenüber

rätlich erscheinen lassen.

Da ist zunächst das Zeugnis des Justinus Kerner, den mancher für

leichtgläubig halten mag, dem aber niemand eine Lüge zutraut. Er

schreibt in seinen Kindheitserinnerungen:

»... reine Wahrheit ist, daß ich von dieser Zeit an durch mein ganzes

Leben voraussagende Träume behielt, die mir zu einer wahren Qual im

Leben wurden, eine Qual, die ich keinem wünsche und die mich gleichsam

praktisch kennen lehrte, welch ein Unglück es für den Menschen wäre,

hätte ihm Gottes weise Hand die Zukunft nicht verschlossen. Diese

voraussagenden Träume finden bei mir gegen Morgen statt, besonders wenn

eine schlaflose Nacht mich erst gegen Morgen ruhen und in Schlaf sinken

läßt. Sie kamen immer unter Bildern und symbolisch vor. Erscheinen von

Licht bedeutet kommende Freude ...«[18] (S. 242 folgt eine Erklärung

der Symbole, z. B. Wasser bedeutet Betrübnis, Schnee und Eis Krankheit,

Essen von Trauben oder Beeren Krankheiten usw.).

»Da ich auf das Eintreffen solcher voraussagenden Träume gewiß rechnen

kann, so sind sie mir eine wahre Pein im Leben, besonders da ihre

Erfüllung oft erst nach drei Tagen stattfindet, doch meist am gleichen

Tage des Erwachens aus ihnen.«

Der verstorbene Weltreisende, Professor Dr. Wilhelm =Joest=,

übrigens ein Schulfreund meines Vaters und auch mir persönlich als

wahrheitsliebend bekannt, richtete an die Zeitschrift »Sphinx«[19] am

25. September 1886 folgenden Brief:

Sehr geehrter Herr!

Sie werden sich wahrscheinlich wundern, einen Brief von mir zu

erhalten, mehr noch, wenn Sie ihn gelesen haben. Sie wissen, daß ich

ebensowenig Spiritist wie Bibelchrist bin, und ich hoffe, auch nie eins

oder das andere zu werden. Wo es sich aber um Tatsachen handelt, da bin

ich Ihr Mann, und wenn heute jemand behauptete, die Stockfische wären

Säugetiere und ich wäre – natürlich bona fide – in der Lage, dem Manne

mit irgendeinem Faktum unter die Arme zu greifen, ich würde es gewiß

tun.

Sie können also von dem Untenstehenden jeglichen Gebrauch machen, =ich

teile Ihnen nur die Tatsache mit, für die ich voll und ganz einstehe=.

Ich selbst erfuhr es erst vor vierzehn Tagen, darum teilte ich sie

Ihnen nicht früher mit.

Ich hatte Europa 1884 verlassen, bereiste Südafrika, die Ostküste und

kam Ende Mai in Aden an, mit der Absicht von dort über die Maskarenen

nach Madagaskar, später über Mauritius nach Australien, Südsee usw.

zu reisen. Ich war für 2–3 Jahre ausgerüstet. In Aden wurde ich sehr

krank. Am 30. Mai schrieb ich in mein Tagebuch: »Es geht zu Ende,

Energie weg« usw. Am 3. Juni 1885 entschloß ich mich zur Rückkehr nach

Europa und telegraphierte an meinen Vater, den Geheimen Kommerzienrat

Eduard Joest in Köln, folgende Worte: Retourne malade gefahrlos. Diese

Depesche kam nachmittags in Köln an.

Prophezeiungen · 第 2 / 27 段