»Mit des Kaisers Kräften ging es zur Neige, als er Ende Sept

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Prophezeiungen

Von Dr. =Max Kemmerich= erschien im Verlage von

=Albert Langen= in München:

Kultur-Kuriosa Erster Band

Zehntes Tausend

Kultur-Kuriosa Zweiter Band

Sechstes Tausend

Dinge, die man nicht sagt

Siebentes Tausend

Prophezeiungen

Alter Aberglaube oder

neue Wahrheit?

Von

Dr. Max Kemmerich

[Illustration: Verlagssignet]

Albert Langen

=Verlag für Litteratur und Kunst=

München

Copyright 1911 by Albert Langen, Munich

Vorwort

Nicht eine Geschichte der Prophezeiungen zu schreiben, stellte ich mir

zur Aufgabe. Auch lag es mir fern, den flauen Geschäftsbetrieb der

Wahrsagerinnen in eine Hausse überzuleiten. Ich müßte daher eine mir

von dieser Seite etwa zugedachte Ehrung dankend ablehnen.

Was ich beweisen wollte und bewiesen habe, ist lediglich das

Vorhandensein einer Kraft des zeitlichen Fernsehens. Und zwar trat ich

ursprünglich an die Frage heran im Glauben, die Prophetie als Rest

mittelalterlichen Denkens endgültig abtun zu können. Erst im Laufe der

Untersuchung und unter dem Gewicht der Argumente verwandelte sich der

Verfasser von einem Saulus in einen Paulus.

Ich übergebe diese Blätter der Öffentlichkeit in der festen

Überzeugung, eine neue Wahrheit gefunden, als erster den Glauben der

Jahrtausende zum Wissen erhoben zu haben. Daß es Jahrzehnte dauern

wird, bis daraus die notwendigen Schlüsse auf unsere Weltanschauung

gezogen werden, darüber bin ich mir im klaren. Ebenso darüber, daß

die erdrückende Mehrzahl der Zeitgenossen mit jener beneidenswerten

Sicherheit, die nur die absolute Ignoranz verleiht, das Thema, wie

seine Beantwortung ablehnen wird. Die Gewißheit aber, daß noch einmal

die Zeit kommen wird, in der die gedankenlose Menge unter unserem

Einfluß ebenso ungeprüft das in Bausch und Bogen ablehnen wird, was sie

jetzt, gleichfalls ungeprüft, anbetet, um das anzubeten, was sie heute

verwirft, wird mir niemand rauben können.

Für freundliche Unterstützung und Anregung in Gesprächen ist es mir

ein Bedürfnis, den Herren Privatdozent Dr. Alfred Brunswig, Dr. Hans

F. Helmolt und Friedrich Freih. von Stromer-Reichenbach, sämtlich in

München, meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Besonders aber Herrn

Geheimrat Prof. Dr. Ferdinand Lindemann, der die große Güte hatte,

den mathematischen Teil meiner Beweisführung in den Korrekturbogen

einzusehen und zu begutachten.

Für den Hinweis auf Versehen irgendwelcher Art werde ich jederzeit

dankbar sein.

=München=, im März 1911

Der Verfasser

Inhaltsverzeichnis

Seite

Einleitung 1

Erstes Kapitel

Einzelne Prophezeiungen und Vorahnungen

Das Altertum 23

Zweites Kapitel

Einzelne Prophezeiungen und Vorzeichen

Mittelalter und Neuzeit 75

Drittes Kapitel

Unsere Beweisführung. Einwände und deren Widerlegung 137

Viertes Kapitel

Die lehninsche Weissagung

I. Der Text 157

II. Kommentar 177

Fünftes Kapitel

Christina Ponitowssken 191

Sechstes Kapitel

Die Prophezeiungen des Christian Heering aus Prossen 203

Siebentes Kapitel

Die Art der Prophezeiung Heerings 231

Achtes Kapitel

Johann Adam Müller 241

Neuntes Kapitel

Cazotte’s Weissagung der französischen Revolution 293

Zehntes Kapitel

Die Prophezeiungen der Frau de Ferriëm 325

Elftes Kapitel

Michel Nostradamus 346

Zwölftes Kapitel

Stellung der Wissenschaft zur Prophezeiung 403

Einleitung

Wer heute den Mut hat, über Prophetie zu sprechen, kann sicher sein,

auf ein überlegenes Lächeln der sogenannten Gebildeten zu stoßen. Der

Glaube an die Möglichkeit des räumlichen, mehr noch des zeitlichen

Fernsehens gilt ja als Rest finstersten mittelalterlichen Aberglaubens,

so etwa wie der an Inkubus und Sukkubus. Jedermann hält es für unter

seiner Würde, derartige Phänomene überhaupt zu prüfen, so wenig es

jemandem einfällt, den alchimistischen Lehren anders, als mit einem

Achselzucken entgegenzutreten.

Nun wird man zugeben, daß die Wahrheit die allerschärfsten Prüfungen

vertragen kann und nur der Irrtum Schonung fordern muß. Wenn es also

keine fernseherischen Phänomene gibt, so wird sich die Wissenschaft

sicherlich durch einwandfreie Feststellung der Tatsache nichts

vergeben, wohl aber in schiefes Licht kommen durch hochmütiges

Ignorieren. Und das zumal in einer Zeit, die so überaus reich an

umstürzenden Entdeckungen und Erfindungen ist, wie die unserige.

Man denke an die Röntgenstrahlen, Radium, drahtlose Telegraphie,

lenkbare Luftschiffe usw. usw. Alle diese neuen Erweiterungen unseres

Gesichtskreises lehren uns oder sollten uns doch wenigstens lehren, daß

selbst das Unwahrscheinlichste, ja für unmöglich Gehaltene wirklich

sein kann; daß nach wenigen Jahren dem Schulkinde selbstverständlich

scheint, was die größten Denker der vorangehenden Generation für

unmöglich erklärten.

»Unmöglichkeit«, das ist der Angelpunkt der Frage. Die Autoritäten, die

heute modern sind – denn auch wissenschaftliche Ansichten, Hypothesen,

Theorien und Dogmen sind der Mode unterworfen – erklären die Prophetie

für unmöglich. Nicht alle, ein Plato, Cicero, Augustinus, ja noch

ein Kant und Schopenhauer zweifelten nicht an der Wirklichkeit der

Phänomene, aber ohne dadurch das Denken der Gegenwart zu beeinflussen.

Entschuldigte man die ersteren mit ihrer Zeit, so galt der Glaube an

Prophetie bei den letzteren als Schwäche, als mystischer Einschlag,

den man bei Männern, an deren Intelligenz sonst ja nicht gerade viel

auszusetzen ist, gern vermißt hätte. Um es also nochmals festzustellen:

Seit den Zeiten der Aufklärung, also seit etwa anderthalb

Jahrhunderten, gilt die Prophetie oder – da dieses Wort einen

biblischen Beigeschmack hat – das Fernsehen in der Zeit für unmöglich.

Deshalb hat der Gebildete das Recht, einzelne Fälle des Vorhersehens

zu leugnen, und wo das gänzlich untunlich ist, sie durch Zufall zu

erklären. Geht er dem Problem nach – was doch voraussetzt, daß er seine

Möglichkeit zugibt, wenn er auch die Wirklichkeit bestreitet – so

blamiert er sich.

Ich bin nicht müde geworden, nachzuweisen, daß etwas darum weder

töricht, noch schlecht, noch viel weniger unmöglich zu sein braucht,

weil die Autoritäten es behaupten. Sie haben sich dem Genialen und

Neuen gegenüber regelmäßig und nahezu grundsätzlich blamiert. So als

die Ingenieure bewiesen, daß es unmöglich sei, Lasten fortzubewegen,

wenn glatte Räder auf glatten Schienen liefen, oder daß die Eisenbahnen

unmöglich auf Dämmen laufen könnten, sondern nur auf gemauerten

Unterbauten; oder als das kgl. Bayerische Medizinalkollegium den

Beweis erbrachte, daß die schnelle Bewegung der Eisenbahnzüge – es

war in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts! – nicht nur bei

den Insassen, sondern auch bei den Zuschauern die schrecklichsten

Gehirnstörungen hervorrufen müßte und deshalb die Errichtung von

unübersehbaren Planken längs der Bahnlinien geboten sei.

Nicht anders war es, als Hegel nachwies, daß der von Piazzi

1801 entdeckte Planetoid Ceres unmöglich existieren könne – aus

philosophischen Gründen. Oder als Gassendi, ja noch Bertholon und

Vaudin die Möglichkeit der Meteorfälle leugneten und das, wiewohl

dem ersteren ein eben niedergefallener, noch heißer Stein gebracht

wurde, die andern aber den protokollarischen Bericht von einem Fall

mit der Unterschrift des Maires und von 200 Zeugen vor Augen hatten.

Bekannt ist ja auch, daß Galvani auf die geniale Entdeckung der nach

ihm benannten Naturkraft hin von seinen Zeitgenossen verlacht wurde,

wie ja auch der große Davy über den Gedanken lachte, daß London jemals

mit Gas beleuchtet werden könne. Ein Heiterkeitsausbruch und die

Weigerung, den Vortrag zu drucken, war ja auch das einzige Resultat

Franklins, nachdem er der englischen Akademie der Wissenschaften den

von ihm entdeckten Blitzableiter entwickelt hatte. Daß Semmelweiß,

der Entdecker des Kindbettfiebers, im Irrenhaus starb, daß es Robert

Mayer, dem Entdecker des Gesetzes von der Erhaltung der Energie, ebenso

gegangen wäre, wenn seine kräftige Konstitution die Mißhandlungen

nicht überwunden hätte, gehört nicht zu den Ruhmesblättern deutscher

Geistesgeschichte[1].

Diese wenigen Fälle, die sich ins Endlose fortsetzen ließen, führten

wir nicht an, um etwa die Autoritäten als halbe Idioten hinzustellen.

Das wäre nicht nur für einen jüngeren Gelehrten höchst unangemessen, es

wäre auch sehr töricht, würden wir doch die Wissenschaft herabsetzen,

indem wir ihre Leuchten brandmarken. Denn wenn diese Männer auch

Mißgriffe begingen und oft den Fortschritt der Wissenschaft durch die

Wucht ihres Namens hemmten, so hat doch die Menschheit andrerseits

ihnen außerordentlich viel zu verdanken. Sind es doch ausnahmslos

Leute, die durch Intelligenz ihre Zeitgenossen, wenigstens die älteren

von ihnen, mit ganz wenigen Ausnahmen um Hauptes-, ja um Turmeslänge

überragten.

Wir registrieren sie vielmehr aus einem doppelten Grunde. Zunächst

um die Worte des großen Mathematikers Arago, man müsse mit Anwendung

des Wortes »unmöglich« außerhalb der Mathematik sehr zurückhaltend

sein, es am besten überhaupt nicht gebrauchen, zu bestätigen. Dann

aber, und das ist noch wichtiger, um die Leser nach Tunlichkeit

in die Seelenstimmung oder Verstandesverfassung – um das Modewort

Weltanschauung zu vermeiden – des Autors zu versetzen, in die des

=Zweifels=.

»Zweifel? Wie ist das zu verstehen, wo Sie uns da mittelalterliche

Märchen auftischen wollen und Ihr Möglichstes tun, Ihren Namen zu

diskreditieren! Sie meinen wohl Glauben, ja Wunderglauben?«

So wird man mir ins Wort fallen und mir dadurch willkommene Gelegenheit

geben, meinen Gedanken näher auszuführen.

Ich fordere allerdings Zweifel, Kritik, Skeptizismus, denn das ist

die Grundlage =meiner= Weltanschauung. Nicht daß ich als radikaler

Skeptiker die Unmöglichkeit jeder Erkenntnis behauptete und damit

viel mehr, als ich jemals beweisen könnte, noch dazu etwas überaus

Törichtes, weil Unfruchtbares. Wohl aber in dem Sinne, daß ich nur und

in erster Linie gut beobachtete =Tatsachen= für wahr halte. In zweiter

Linie kommen dann an Wahrheitsgehalt die auf Grund einer zwingenden

Logik daraus gezogenen Schlüsse.

Daraus ergibt sich, daß bei einer Disharmonie zwischen bewiesener

Tatsache und erklärender Hypothese oder Theorie selbstverständlich

die erstere bedingungslos anzuerkennen, die letztere zu verwerfen

ist. Denn dann ist =niemals die Tatsache falsch, sondern die Theorie,

das Dogma ist falsch= oder zum mindesten lückenhaft und daher

ergänzungsbedürftig. Nur diese Denkweise ganz allein ermöglicht

einen dauernden Fortschritt der Wissenschaft. =Nur wer jede, auch

die am besten gestützte Theorie aufzugeben bereit ist, wenn eine

einzige Tatsache sich durch sie nicht erklären läßt, nur der denkt

wissenschaftlich frei.=

Auch die Lehre von den vier Elementen hatte großartige Entdeckungen

ermöglicht, und doch war sie falsch und fiel mit dem Augenblick, als es

dem großen Lavoisier zur hellen Entrüstung seiner Zeitgenossen gelungen

war, die Luft in ihre Bestandteile zu zerlegen. Nicht anders stand es

mit der Phlogistontheorie, die darum doch falsch war. Wenn mir daher

heute jemand ein Perpetuum mobile zeigen würde, was ja bekanntlich

nach dem Gesetz von der Erhaltung der Energie unmöglich wäre, so würde

ich mich durchaus nicht weigern, es zu prüfen. Denn so machten es die

peripatetischen Kollegen des großen Gallilei, als sie sich sträubten,

das Fernrohr zu benutzen, aus Angst, seine Entdeckung der Jupitermonde

bestätigen zu müssen. Vielmehr würde ich das Instrument sehr, sehr

eingehend prüfen und ev. zum Resultat kommen, daß das große Gesetz, die

genialste Geistestat des 19. Jahrhunderts, lückenhaft ist.

Und wenn mir jemand den Stein der Weisen brächte und behauptete,

damit Gold machen zu können, so würde ich für einen Augenblick die

Theorie von der Unverwandelbarkeit der Elemente vergessen und den

Fall genauestens prüfen. Und wenn mir dabei einfiele, daß der große

Chemiker van Helmont und vor ihm Paracelsus behaupten, Gold hergestellt

zu haben, so wäre diese alchimistische Bestätigung kein Grund, die

Nachprüfung überlegen lächelnd abzulehnen.

Die Autoritäten, mögen sie auch noch so geniale Männer gewesen sein,

sind eben auch nur Menschen, und darum sind alle ihre Theorien dem

Irrtum unterworfen. Absolute Wahrheit oder doch Beweisbarkeit finden

wir wohl ausschließlich in der reinen Mathematik. Mit dem Augenblick

aber, wo die Mathematik in die reale Welt eingreift, etwa bei der

Konstruktion einer Eisenbahnbrücke oder in der Unfallstatistik, ist

auch sie nicht mehr unfehlbar, wenn auch zugegeben werden muß, daß ihr

immer ein hoher Grad von Beweiskraft beizumessen ist.

Wenn man sich darüber wundert, daß ich in einer historischen Studie

zum Beweise für die Fehlbarkeit der Autoritäten nur Beispiele aus dem

Gebiete der Naturwissenschaften anführe, so geschieht das ganz und

gar nicht deshalb, weil sich etwa hier die Autoritäten mehr blamiert

hätten, wie in den Geisteswissenschaften. Es hat lediglich in der

besseren Kontrollierbarkeit der Resultate seine Begründung.

Die Geisteswissenschaften stehen im Gegensatz zu den Naturwissenschaften

noch durchaus in den Anfängen. Von der Logik, die ja rein formaler

Natur ist, abgesehen, gibt es auch nicht einen einzigen philosophischen

Lehrsatz, der allseitig anerkannt wäre. Grundwahrheiten hat die

Philosophie überhaupt nicht. Ähnlich ist es etwa um die Psychologie

oder Geschichte bestellt. Gibt es doch Leute, die die Möglichkeit

historischer Gesetze rundweg leugnen. Mit der Tatsache aber, daß Ritter

Kunz in diesem oder jenem Jahre gestorben ist, oder daß soundso viele

Soldaten in der Schlacht bei Adorf fochten, lockt man keinen Hund vom

Ofen fort.

Die Naturwissenschaften verfügen dagegen über eine ganze Reihe

zwar nicht unfehlbarer, wohl aber gut fundierter Gesetze, und

dadurch, daß sie das Experiment als Beweismittel besitzen, sind

sie den Geisteswissenschaften gegenüber weit im Vorteil. Wenn es

also sogar bei ihnen schwer fällt und oft Jahrzehnte erfordert, die

Fachwelt von einer neuen Entdeckung zu überzeugen, so muß das auf

geisteswissenschaftlichem Gebiete noch viel schwerer sein.

Geradezu unmöglich wird es aber, wenn der neue Gedanke dem

materialistischen Modedogma, einem indirekten Resultate der Aufklärung,

widerspricht oder zu widersprechen scheint.

Die Aufklärung hat uns zweifellos unendlichen Segen gebracht, viel

mehr als Schaden. Sie beseitigte den Wunderglauben, d. h. den

Glauben, daß Gott mit Durchbrechung der Naturgesetze irgendeinen

Eingriff in die Weltordnung tun könne. Das allein schon ist ein

nicht zu überschätzender Gewinn. Sie befreite uns vom Hexenwahn,

diesem Schandfleck der christlichen Kirchen. Sie lehrte überall nach

natürlichen Gründen, nach Gesetzmäßigkeiten suchen und verhalf dem

gesunden Menschenverstand zu seinem Rechte.

Aber sie schoß auch über das Ziel hinaus, indem sie eine Überkritik

walten ließ, die besonders in der Geschichtswissenschaft noch üppige

Triebe zeitigt. Sie verwarf vor allem alles Übersinnliche, erklärte

es für unmöglich. Das aber ist vorläufig, d. h. für die nächsten

Jahrhunderttausende, bis wir nämlich alle Naturkräfte kennen,

unsinnig. Sie erklärte für »freie Geister« nur jene, die an die

=Hypothese= von der Unmöglichkeit alles nicht Alltäglichen, jederzeit

willkürlich und durch das Experiment Hervorrufbaren glauben. Aber das

ist ein =Glaube=, ein falscher Glaube sogar, wie ich in vorliegendem

Werke nachzuweisen versuchen werde.

Da jedoch das wunderbar Scheinende – nicht etwa nur das endgültig

als nicht existierend bewiesene »Wunder« – die Ausnahme bildet,

durch bereits bekannte Naturgesetze Erklärbares oder doch auf sie

Zurückführbares aber die Regel, so war der von der Aufklärung und

ihren heute noch herrschenden Schülern angerichtete Schaden bei weitem

nicht so groß, wie der Nutzen. Denn wenn wir auch die Existenz echter

Prophetie beweisen werden, so werden wir doch nicht leugnen, daß es

sich um relativ seltene Phänomene handelt.

Wogegen wir mit aller Energie und mit Berufung auf die Irrtümer der

sogenannten Autoritäten sowohl, als auf die Lückenhaftigkeit unserer

Kenntnisse des Naturgeschehens zu Felde ziehen müssen, das ist vor

allem die =unbewiesene und unbeweisbare Hypothese von der Unmöglichkeit

irgendeiner Erscheinung nur deshalb, weil sie einer Theorie

widerspricht, oder weil wir sie nicht erklären können=.

Nicht der ist frei, der einer Theorie zuliebe widersprechende Tatsachen

ungeprüft ablehnt, der in lächerlicher Überschätzung des derzeitigen

Standes unserer Kenntnisse etwas für unmöglich hält, sondern =ganz

allein, wer vorurteilslos und tendenzlos alles prüft, was ihm

fremdartig erscheint, ohne sich dabei im allergeringsten über die

Urteile der Autoritäten aufzuregen=.

Sehr lehrreich für die Macht des materialistischen Dogmas, das nur

Kraft und Stoff kennt und den fehlerhaften Analogieschluß fordert, die

Gesetze der materiellen Welt seien auf die des Geistes ohne weiteres

übertragbar, ist die Leidensgeschichte des Hypnotismus.

Da ich sie an anderer Stelle[2] ausführlich erzählte, möge es genügen,

hier daran zu erinnern, daß Mesmer, der Entdecker oder vielmehr der

Wiederentdecker – und auch das nur mit Einschränkung, denn das Phänomen

war schon Jahrtausende bekannt – einer geheimnisvollen Kraft, mit der

er Heilungen und höchst wunderbare Phänomene erzeugte, auf Grund einer

eingehenden Prüfung von der Pariser Akademie der Wissenschaften, und

zwar von Männern wie Leroy, Bailly, Lavoisier, für einen Phantasten

erklärt wurde. Als Schwindler verschrien mußte er sterben, ohne die

Anerkennung seiner Lehre erlebt zu haben. Auch dem Arzte James Baid,

der 1843, 59 Jahre nach der ersten Prüfung, die Frage neuerdings in

Angriff nahm, gelang es nicht, die Anerkennung der Zeitgenossen zu

finden. Erst durch die Vorführungen des gewerbsmäßigen Hypnotiseurs

Hansen im Jahre 1879 wurde die Aufmerksamkeit der Welt auf die

wunderbaren Erscheinungen gelenkt. Aber noch Virchow leugnete sie bis

zu seinem Tode, weil sie in das gerade herrschende System nicht paßten

und wohl auch, weil Phantasten aus ihnen zu weit gehende Schlüsse

zogen.

Heute kennt jedes Kind Suggestion und Hypnotismus, und doch sind wir

noch durchaus nicht imstande, die Phänomene, obwohl wir sie jederzeit

hervorrufen können, zu erklären.

Genau wie hier verhält es sich mit dem zeitlichen und räumlichen

Fernsehen und wohl auch noch mit ungezählten anderen Dingen: =sie

werden geleugnet, weil sie nicht erklärt werden können=. Erst wenn eine

unübersehbare Fülle von Daten vorliegt, gibt man eine unerklärbare

Tatsache zu, oder man bildet sich ein, sie erklärt zu haben, indem man

für sie einen Namen prägt. Dies ist wieder ein schlagender Beweis für

den oft erschreckenden Mangel an Logik, den wir auch bei Gebildeten

finden.

Ein anderer Grund – neben Aufklärung und Materialismus – für das

Widerstreben, Tatsachen anzuerkennen, die nicht in das Modedogma

passen, ist die Furcht, für kirchengläubig zu gelten. Nun, gegen diesen

Verdacht schützen mich meine anderen Bücher. Aber ich fühle mich auch

von dem Vorurteile gegen das Vorurteil frei oder habe doch das redliche

Streben, es zu werden.

Daß die Kirche an Prophezeiungen und Offenbarungen glaubt, kann für

mich natürlich kein Grund sein, es auch zu tun, aber es ist auch keiner

aus wohlbegründeter Abneigung gegen sie, und zwar nur aus ihr – denn

träten Gründe dazu, dann wären ja diese ausschlaggebend – die Prophetie

abzulehnen. Das wäre ein Rückfall in jene Intoleranz und Borniertheit,

die ich zu bekämpfen nicht müde werde.

Was ich suche, ist ganz allein die =Wahrheit=. Ob sie nützt oder

schadet, ob meine Gegner sie gutheißen oder nicht, ist mir vollkommen

gleichgültig. Selbst wenn ich ihnen Waffen gegen mich in die Hand

drückte, so könnte diese Befürchtung mich nicht zu einer Unehrlichkeit

verleiten.

Aber so liegt hier der Fall gar nicht. Denn wenn wir auch zum

Resultate kommen werden, daß echte Prophetie existiert, so ist damit

=selbstverständlich noch nicht im allergeringsten etwas darüber

ausgesagt, daß irgendeine Prophezeiung, deren Eintreffen noch aussteht,

auch richtig sein muß=. So wenig, wie aus der Konstruktion des

lenkbaren Luftschiffes gefolgert werden kann, daß nun auch jedes, oder

auch nur die Mehrzahl ihr Ziel erreicht. Deshalb möchte ich meinen

orthodoxen Freunden in beiden Lagern raten, nicht zu früh über den

verlorenen und wieder gefundenen Sohn zu frohlocken und sich nicht

auf mich zu berufen, wenn sie einen Gewährsmann für die Richtigkeit

der Apokalypse oder der Weissagungen irgendeines Nönnlein benötigen.

Sie würden mich zwar nicht zu einer Polemik bewegen können – dazu

Nachhilfestunden in der Logik zu erteilen, fehlen mir wirklich Lust und

Zeit – aber sie würden einen groben Denkfehler begehen.

Noch ein weiterer Grund wird der Annahme meines Beweises hindernd im

Wege stehen: die Furcht, durch Zugabe der Prophetie die Willensfreiheit

zu leugnen. Ich stehe der sogenannten Willensfreiheit sehr skeptisch

gegenüber, würde aber den einer historischen Untersuchung gesteckten

Rahmen weit überschreiten, wollte ich mich auf diesen schlüpferigen

Boden, auf dem schon die größten Geister strauchelten, begeben. Ob die

Anerkennung der Prophetie für oder gegen die Willensfreiheit spricht,

mag mich als Privatmann interessieren. Hier ist es mir ebenfalls

gleichgültig. Denn die Konsequenzen, die man aus einer richtigen

Tatsache zieht, dürfen, mögen sie auch noch so unerfreulich sein, ihre

Anerkennung doch nicht verhindern.

Als letzten Grund für die Feindschaft gegen die Prophetie, wie

übrigens gegen alle seltenen Phänomene, mag noch der demokratische

Gleichheitswahn angeführt werden. Da alle Menschen, wenigstens in

ihren politischen Rechten, gleich zu sein behaupten oder es doch

beanspruchen, liegt der Schluß nahe, sie seien es überhaupt. Nun ist

die Gabe der Weissagung zweifellos selten. Sie unterscheidet den

mit ihr Begnadeten – oder Belasteten – von den anderen Menschen.

Das Zugeständnis aber, daß es Leute mit Fähigkeiten gibt, die nicht

etwa nur quantitativ, sondern auch ihrem ganzen Wesen nach über der

Durchschnittsmenschheit stehen, will gar nicht dem modernen Denken

entsprechen. Man mag – widerstrebend allerdings – zugeben, daß dieser

oder jener klüger ist, als man selbst, aber das ist noch kein Verzicht

auf die Fähigkeit zu denken überhaupt. Zuzugestehen aber, daß irgend

jemand einer Gabe teilhaftig ist, von der uns anderen auch die leiseste

Spur fehlt, kostet schmerzliche Überwindung.

Ich selbst besitze die Gabe der Prophetie nicht. Ich bin auch weder

Spiritist noch Okkultist. Nicht etwa deshalb, weil ich die von jener

Seite behaupteten Erscheinungen für unmöglich hielte, sondern lediglich

deshalb, weil ich noch keine Gelegenheit hatte und sie wohl auch nicht

suchte, mich von ihrer Richtigkeit zu überzeugen. Ich bin lediglich als

Historiker an diese Frage herangetreten, und zwar kam das so:

In meiner Untersuchung »Lebensdauer und Todesursachen innerhalb

der deutschen Kaiser- und Königsfamilien«[3], in der ich auf

historisch-statistischer Basis erstmalig den Beweis erbrachte, daß die

Lebensdauer im geraden Verhältnis zur Höhe der materiellen Kultur steht

und daß die Menschen seit dem frühen Mittelalter immer älter werden,

stieß ich auf folgende Stellen:

»Mit des Kaisers Kräften ging es zur Neige, als er Ende September

1518 von Augsburg durch die Ehrenberger Klause in sein geliebtes

Tirol gezogen kam ... Die Ärzte konnten nichts helfen, zumal einer,

Collinitius (Tannstetter), hoffnungslos war wegen eines Horoskopes, das

er vor Jahren vor Zeugen über des Kaisers Todesepoche gestellt hatte

...« Der Kaiser Maximilian I. starb am 12. Januar 1519[4].

Oder von Kaiser Rudolf II., der schon viele Jahre geistig und

körperlich krank, seit 1612 andauernd ans Bett gefesselt war, fand ich:

Ende des Jahres 1619 ging es mit ihm schlechter. »Er versank in tiefe

Melancholie, da er seinen Tod für unvermeidlich hielt. Tycho Brahe,

sein großer Astronom, hatte nämlich durch das Horoskop gefunden, daß er

und sein Lieblingslöwe unter demselben Einfluß stünden. Letzterer war

aber in diesen Tagen gestorben.« Der Kaiser starb am 20. Januar 1620[5].

Noch eine dritte Stelle sei angeführt. Sie handelt von Kaiser Karl

VI., dem letzten Habsburger. Der Kaiser hatte, wiewohl ganz gesund,

am 1. Oktober des Jahres 1740 plötzlich ein Vorgefühl des nahen Todes

geäußert. Um ihn zu zerstreuen, war eine große Jagd veranstaltet

worden, von der er todkrank heimkehrte. Und zwar hatte er am 13.

Oktober plötzlich heftigen Schnupfen und Leibschmerzen, so daß er auf

der Heimfahrt mehrmals ohnmächtig wurde. Am 20. Oktober hauchte er

seine Seele aus[6].

Diese und andere historisch völlig einwandfrei feststehende Tatsachen,

die ich in meinem Gedächtnis nachkramend noch fand, machten mich

stutzig, und ich entschloß mich, die Frage einer eingehenderen Prüfung

zu unterziehen. Wäre ich =gläubig= gewesen, d. h. hätte für mich

die Hypothese der Unmöglichkeit derartiger übersinnlicher Phänomene

festgestanden, dann hätte ich mich mit dem Zufall als Erklärung begnügt

und nicht weiter darüber nachgedacht. Aber ich war und bin ganz und

gar =nicht= gläubig, weder der Kirche und ihren Dogmen, noch den

Autoritäten oder den gerade aktuellen Zeitdogmen gegenüber, und so ging

ich vor auf die Gefahr hin, einen Schlag ins Wasser zu tun.

Einigermaßen zögerte ich noch, weil mir die Konsequenzen eines ev.

Eintretens für die Wahrheit der Prophetie keinen Augenblick zweifelhaft

sein konnten. Hätte ich gefunden, daß alle überlieferten Daten falsch

sind, dann wäre damit gegen die Möglichkeit der Prophetie ebenso wenig

bewiesen gewesen, wie etwa die Nichterreichung der Pole etwas gegen die

Möglichkeit, doch einmal ans Ziel zu gelangen, aussagen will.

Wie aber, wenn ich mich von der Wirklichkeit überzeugte und dann den

selbstverständlichen Bekennermut der Wahrheit beweisen müßte? Ein

Fall, der, wie das Folgende zeigen wird, eintrat. Oder wenn es mir

nicht gelingen sollte, den zwingenden Beweis zu erbringen, nachdem ich

persönlich überzeugt worden war?

Ich hätte mich unfehlbar lächerlich gemacht. Es ist ja ein

beneidenswertes Vorrecht der absoluten Ignoranz, a limine alles das

abzulehnen, was ihr nicht sofort plausibel erscheint. Je mehr wir uns

mit irgendeiner Materie beschäftigen, desto mehr werden wir finden, daß

es nur sehr wenig Irrtümer gibt, die sich nicht mit einigen Argumenten

stützen ließen, aber andrerseits auch nur sehr wenig Wahrheiten, gegen

die sich nicht gleichfalls triftige Gründe ins Feld führen lassen. Da

nun aber gerade auf diesem Gebiete die Zahl derer, die sich mit der

Materie beschäftigten, sehr minimal ist; da sie zumeist nicht den Mut

haben, das zu bekennen, was sie fanden oder – wenn sie es tun – es

zumeist in Organen geschieht, die durch die geringe kritische Sichtung

ihres sonstigen Materiales auch das Richtige schädigen, so befinde ich

mich unbedingt in der verschwindenden Minorität und muß sehen, wie ich

den Kampf allein durchführen kann.

Besonders die große Zahl der Freunde meiner anderen Schriften wird,

dachte ich mir, an mir irre werden. Denn sie lachte mit mir die

Ignoranz und Borniertheit der Pfaffen und Bureaukraten aus und freute

sich über Dummheiten anmaßender »Autoritäten«. Sie wird – das bewiesen

mir schon Zuschriften – glauben, ich sei Apostat geworden, wo doch

das gerade Gegenteil der Fall ist. Gerade meine Autoritätslosigkeit

und mein Wahrheitsdrang befähigten und ermutigten mich eine Frage,

die für die gedankenlosen Nachbeter des Zeitdogmas längst gelöst ist,

nachzuprüfen. =Also nicht Apostasie, sondern konsequente Verfolgung

des eingeschlagenen Weges führte zu diesem Ziele.= Wenn es auch

verdienstvoll ist, mit Irrtümern aufzuräumen, wie ich das in früheren

Schriften tat, so ist es doch zweifellos noch dankenswerter, eine neue

Wahrheit zu finden. Brach ich also Bahn für dogmenfreies Denken nach

jeder Richtung, so war es nur natürlich, wenn ich als einer der ersten

diese Bahn auch beschritt.

Ein weiterer Einwand, den ich mir machte, um ihn gleich dem vorigen zu

widerlegen, war folgender: Die Prophetie ist ein Phänomen, das seit

Jahrtausenden bekannt ist und das das Volk – neben mancher anderen

Wahrheit – auch niemals vergessen hat, trotz aller Gelehrten. Man

wird also, wenn ich den Beweis für die Tatsächlichkeit erbringe, in

ganz kurzer Zeit vergessen, daß ich mich damit aufs entschiedenste

gegen die Zeitdogmen gestemmt habe, daß ich den Mut bewies, den

Fluch der Lächerlichkeit zu riskieren und tatsächlich eine neue

Wahrheit, wenigstens für die Wissenschaft, fand. Man wird sich vielmehr

breitbeinig vor mich hinstellen und mir mit Stentorstimme zuschreien:

»Du glaubst eine neue Wahrheit gefunden zu haben? Du Narr! Das haben ja

schon die alten Babylonier, Hebräer und Griechen gewußt.«

Und man wird glauben, mir eine große Neuigkeit geoffenbart zu haben.

Doch selbst wenn es so kommen wird – dachte ich mir – ist es nicht so

schlimm. Denn nicht nur die Goldbarren der Wahrheit aus tiefem Schacht

ans Licht zu fördern, ist des Schweißes der Edeln wert. Auch aus ihnen

Dukaten zu schlagen und sie so unter die Leute zu bringen, ist nicht

ohne Verdienst.

So weit freilich, daß man den berühmten Tric anwenden kann, erst

eine neue Wahrheit mit allen Mitteln, selbst gegen besseres Wissen

zu bekämpfen und dann, wenn sie glücklich zum Siege geführt ist,

zu beweisen, daß sie gar nicht neu ist, sind wir noch lange nicht.

Vorläufig befinden wir uns noch im ersten Stadium dieses Prozesses. Das

beweist auch folgender Vorfall:

Als mir neulich ein Bekannter sagte: »Was machen Sie denn eigentlich?

Ich habe Sie immer für einen modernen Menschen gehalten und nun treiben

Sie solche Sachen«, da konnte ich ihm ruhig antworten: »Nicht wiewohl,

sondern eben weil ich mich bemühe, ein moderner Mensch zu sein, darum

tue ich es. Denn in zehn Jahren werden es die Spatzen von den Dächern

pfeifen.«

Es gibt also tatsächlich noch Leute, und sie haben die öffentliche

Meinung ganz auf ihrer Seite, die die Beschäftigung mit solchen

übersinnlichen Phänomenen für eines modernen Menschen unwürdig halten.

Das war mir eine große Beruhigung, denn da ich den =Beweis= gefunden

habe, ist es mir natürlich wertvoll, zu wissen und bestätigt zu finden,

daß ich damit vorläufig wenigstens etwas Unerhörtes sage.

Es ist ja ein trauriges Los aller Entdecker und Förderer einer neuen

Wahrheit, daß das, was sie fanden – um so bedeutender es war, desto

schlimmer –, bald Gemeinplatz wird und man sich nachträglich kaum mehr

vorstellen kann, welcher Kämpfe und Gedankenarbeit es bedurfte, es so

weit zu bringen.

Doch alle diese Erwägungen und wohl auch noch andere brachte ich durch

den schlagenden Gegengrund zum Schweigen, daß es unehrenhaft ist, eine

Wahrheit, die man gefunden zu haben glaubt, aus keinem anderen Grunde

zu verschweigen, als weil man persönliche Unbequemlichkeiten fürchtet.

Hätten nicht zu allen Zeiten mutige und ehrenhafte Männer so gedacht,

dann wären wir heute noch Kannibalen und Troglodyten.

Allerdings war mir eines klar: allein durch die Zusammentragung

beglaubigter Prophezeiungen ist das Problem niemals zwingend zu

lösen. Denn mögen die Daten auch noch so zahlreich sein, so wird die

Möglichkeit des Zufalles doch niemals ganz von der Hand gewiesen werden

können. Es handelte sich also vor allem darum, eine =Methode= zu

ersinnen, die diesen Rückzug endgültig abschneidet.

Sie fand ich durch Verbindung der =Wahrscheinlichkeitsrechnung= mit den

historischen Tatsachen. Dadurch gelang es mir, an die Stelle eines

Glaubens oder Nichtglaubens an Prophetie das unbedingt feststehende

=Wissen= von ihrer Existenz zu setzen.

=Das ist eine neue Wahrheit.= Denn die Voraussetzung der Wahrheit,

das, was sie vom Glauben oder Aberglauben unterscheidet, ist ihre

=Beweisbarkeit=. In die Wissenschaft wird etwas nur durch den Beweis

eingeführt. Und ihn zu erbringen, gelang mir als erstem. Denn was

die größten Denker früher auch über Prophetie geschrieben haben

mögen, alles war mehr oder weniger hypothetisch, mag es auch noch

so geistreich oder genial gewesen sein. Die feste Basis des exakten

wissenschaftlichen Beweises legte sich.

Nun wird man noch fragen können, warum ein Buch, das die strengsten

wissenschaftlichen Ansprüche erhebt und den ersten zwingenden Nachweis

einer zwar vermuteten, aber doch noch völlig unbekannten Naturkraft

erbringt, in einem Verlage erscheint, der vornehmlich populäre und

belletristische Literatur pflegt.

Ich könnte darauf antworten, daß eine solche Äußerlichkeit nicht der

Rede wert sei. Damit würde ich allerdings die Denkweise der gelehrten

Zunft verkennen, die sich mit Vorliebe an äußerliche Kriterien hält.

Sie wird sich in diesem Falle wohl oder übel mit der Tatsache abfinden

müssen, daß eine Wahrheit, die in ihren Konsequenzen an Bedeutung alle

Klostergeschichten und Aktenpublikationen turmhoch überragt, in einer

Form und in einem Verlage erscheint, der nichts weniger als für den

Ausschluß der Öffentlichkeit bestimmt ist.

Um es gerade heraus zu sagen: Mir genügt es nicht, wenn ein Dutzend

Gelehrte von meiner Entdeckung Kenntnis erlangen. Ich verzichte auf

die papierne Unsterblichkeit der Bibliotheken und Anmerkungen. Ich

will =wirken=, das Denken meiner Zeitgenossen beeinflussen. Ich will

verhüten, daß einige übelwollende oder neidische Fachgenossen, einige

dogmatisch befangene Fachzeitschriften mein Werk auf Jahrzehnte

totschweigen können. Vestigia terrent. Darum versuchte ich strenge

Wissenschaftlichkeit des Tatsachenmateriales und der Beweisführung

mit einer Form zu verbinden, die auch der versteht, der über nichts

weiter als seinen gesunden Menschenverstand und leidliche Schulbildung

verfügt. Und ich trug Sorge, daß dieses Buch eine Verbreitung findet,

ebenso groß, oder noch größer, als die meiner übrigen Schriften.

Daß mir Hohn und Spott von der einen Seite, der Vorwurf, ich stieße

offene Türen ein, von der anderen, orthodoxen, die ein Glauben an

Prophetie mit dem exakten Nachweis ihrer Existenz verwechselt, nicht

erspart bleiben wird, des bin ich gewiß. Es schreckt mich nicht. Ich

kann sogar meinen Gegnern die Versicherung geben, daß es gar nichts

Ungefährlicheres gibt, als mich anzugreifen. Denn da die Wahrheit für

sich spricht und sprechen wird, habe ich keine Veranlassung, mich

in Polemiken einzulassen und damit Leuten zu einem Bekanntwerden zu

verhelfen, auf das sie sonst wohl verzichten müßten. Nur Gelehrten

von Ruf und Namen rate ich zu einiger Vorsicht. Sie könnten sich

sonst leicht in meinen Kultur-Kuriosa unter der Liste der entgleisten

»Autoritäten« wieder finden.

Ich schließe mit einer Bitte an alle jene, denen es wirklich um die

Wahrheit zu tun ist. Ich bitte nicht um irgendeinen Glauben, im

Gegenteil, ich bitte um =Zweifel=. =Aber um einen Zweifel, der nicht

stehen bleibt bei der Kritik der einzelnen Tatsache, sondern der auch

nicht halt macht weder vor Hypothesen, noch Theorien, noch Zeitdogmen.

Auch nicht vor dem der Unmöglichkeit der Prophetie.=

Fußnoten:

[1] Eine große Zahl weiterer Fälle findet man in meinen

»Kultur-Kuriosa«, 8. Aufl., S. 268 ff., und II. Band, 6. Aufl., S. 42

ff. Meine Ansichten über Autoritäten im allgemeinen sprach ich aus in

»Dinge, die man nicht sagt«, 7. Aufl., S. 98 ff.

[2] Kultur-Kuriosa II, S. 61 ff.

[3] Bei Franz Deuticke, Wien und Leipzig 1909.

[4] H. Ulmann, »Kaiser Maximilian I.«, II. Bd., S. 760 ff. Über die

letzte Krankheit des Kaisers sind wir genauestens informiert durch das

Schreiben J. Spiegels an den Arzt Stromair. Vgl. Knod. Spiegel, 1.

Schlettstädter Programm 1884, Beil. VII, S. 51 f.

[5] Vgl. Anton Gindely, Rudolf II. und seine Zeit, Prag 1863, II. Bd.,

S. 325 ff.

[6] P. A. Lelande, Histoire de l’empereur Charles VI, Haag 1743, VI.

Bd., S. 114 ff.

Erstes Kapitel

Einzelne Prophezeiungen und Vorahnungen

Das Altertum

Die Zahl der uns aus der Vergangenheit erhaltenen und als eingetroffen

beglaubigten Prophezeiungen ist außerordentlich groß. Dabei ist es

keineswegs nötig, die Weissagungen religiösen Inhaltes in den Kreis der

Betrachtung zu ziehen. Auf sie werden wir in diesem Buche überhaupt

nicht näher eingehen, und zwar aus verschiedenen Gründen.

Zunächst hat das an Prophezeiungen reiche Alte Testament verschiedene

Redaktionen und Interpolationen sich gefallen lassen müssen, so daß wir

oft nicht wissen, ob es sich um eine beglaubigte Vorhersage handelt.

Das schließt das Vorhandensein der echten nicht aus. Auf sie werden wir

später zurückkommen. Daß die messianischen Prophezeiungen ausscheiden,

ist klar, denn es ist eine mißliche Sache, sich mit solchen mystischen

Dingen zu befassen, wenn man eine neue Wahrheit finden oder doch

eine alte durch neue Argumente stützen will. Die Juden stehen ja

bekanntlich noch heute auf dem Standpunkt, daß der Messias noch kommen

wird.

=Eine= Prophezeiung allerdings zieht sich durch das Alte Testament,

die wir nicht vergessen dürfen, zumal sie profaner Natur ist: die das

jüdische Volk und seine Zukunft betreffende. Von ihr wissen wir auch

mit absoluter Sicherheit, daß sie nicht nachträglich erst abgefaßt sein

kann. Mag man einwerfen, sie sei prophezeit nicht etwa auf visionärem

Wege, sondern als Wunsch, oder in der Absicht, durch diese Hoffnung das

kleine Judenvolk auch in den schlimmsten Zeiten aufrecht zu erhalten,

so sind das Hypothesen, die an der verblüffenden Tatsache nichts ändern.

Wo sind sie alle geblieben, die Herren der alten Welt? Wo sind die

Babylonier, die Assyrer, die Griechen, Römer?

Sie sind wie die Spreu vom Winde verweht. Da und dort Trümmer

gewaltiger Bauwerke, Reste ihrer Literatur, Spuren in unserem Geiste

hinterlassend, aber im wesentlichen hat nur der Name die Jahrtausende

überdauert. Was an den alten Herrenvölkern von Fleisch und Blut war,

das ist ausgestorben. Gewiß mag noch in den Adern von manchen unter uns

ein Tropfen ihres Blutes rollen. Aber es ist =ein= Tropfen.

Und =leben= nicht die Juden? =Sie ganz allein= von allen Völkern,

die einst vor Jahrtausenden über die Erde wandelten? Und auch sind

sie es wiederum ganz allein, die seit zweiundeinhalb Jahrtausenden

=kein Vaterland= besitzen, sondern verfolgt, gehaßt, verachtet unter

Wirtsvölkern wohnen, die oftmals wechselten, während sie blieben.

Aber es ist nicht genug zu sagen, daß das Judenvolk der einzige Rest

der Antike ist, der lebend mit Fleisch und Blut in die Gegenwart

hineinragt. Sie sind jetzt bedeutend =zahlreicher= als je zuvor.

Schätzt man doch das ganze Volk auf etwa 11½ Millionen Seelen,

während das alte Palästina, ein Land nicht größer als die Provinzen

Sachsen oder Westpreußen, kaum mehr als eine halbe Million Bewohner

ernährte, und von diesen waren keineswegs alles Juden. Das Volk hat

sich also nach allermindester Schätzung verzwanzigfacht.

Doch es ist nicht genug an dem, daß das Judenvolk als einziges des

Altertums heute noch besteht, daß es ohne Vaterland dies Wunder

ermöglichte, daß es sich verzwanzigfachte, es =herrscht= auch! Unser

Handel und Geldwesen ist leider zum großen Teile durch die törichten

kirchlichen Wucherverbote den Landesherren entwunden und in ihre

Hand gelegt. Ebenso steht es mit dem größten Teil der Presse. Und

daß auch politisch das Judenvolk keineswegs machtlos ist, wenigstens

nicht im Westen und Süden Europas, beweisen die zahlreichen Minister

israelitischen Glaubens in Italien und Frankreich, beweist ein Disraeli

im stolzen England und mancher hohe Beamte bei uns. Dabei sehen wir

ganz davon ab, daß sehr viel jüdisches Blut sich mit dem blauen unseres

Adels vermischt hat.

Fürwahr: Keine Prophezeiung ist in jeder Hinsicht in so wunderbarer

Weise in Erfüllung gegangen, wie die alttestamentliche das Judenvolk

betreffende.

Wir wollen nun im folgenden eine Anzahl das Judenvolk betreffender

Prophezeiungen notieren[7].

Der älteste bekannte Prophet ist =Amos=, dessen Leben wir um 800

vor Chr. ansetzen dürfen. Er verkündet deutlich den Untergang des

Zehnstämme-Reiches in der Zeit, als es unter Jerobeam II. wieder auf

der Höhe der Macht stand und sich vom Hermon im Norden bis zum Toten

Meer erstreckte. Die Vorhersagen lauten: »Durchs Schwert wird Jerobeam

umkommen, und Israel wird auswandern von seinem Boden« (Amos 7, 11).

Ferner: »Ich werde euch vertreiben weit über Damaskus hinaus« (Amos

5, 27) oder »Ich werde unter alle Völker das Haus Israel zerstreuen«

(9, 9) und endlich: »Ich werde gegen euch, Haus Israel, spricht Gott,

ein Volk auftreten lassen, das euch bedrängen wird, von gen Chamat bis

zum Flusse der Araba« (des Toten Meeres), d. h. im ganzen Lande (6,

14). Amos nennt das Volk nicht, welches die Transportation vollziehen

soll, kennt es noch nicht einmal, weiß aber, daß das Faktum bestimmt

eintreffen wird. Nun ist das Zehnstämme-Reich erst ein Jahrhundert

später (um 720) durch die Assyrer vernichtet worden. Diese von Amos so

lange vorher verkündete Vorhersage hat sich also buchstäblich erfüllt.

Man könnte das Faktum zwar zugeben, trotzdem aber leugnen, daß es auf

prophetischem, übersinnlichem Wege von Amos vorhergesehen wurde. Man

würde es dann einer richtigen politischen Kombination zuschreiben.

Denn schon damals hätten die Assyrer Lust gezeigt, Ägypten zu erobern,

auf dem Wege dorthin aber müßten sie Palästina berühren und unterwerfen.

Dieser Einwurf läßt sich leicht damit widerlegen, daß im Falle der

politischen Kombination auch das Reich Juda hätte hineingezogen

werden müssen, und das um so mehr, als es damals viel schwächer

als das Zehnstämme-Reich war. Ganz im Gegenteil hat aber Amos den

=Fortbestand Judas ausdrücklich betont= (9, 8. 11). »Ich werde das Haus

Jakob (Juda-Benjamin) nicht vertilgen, an jenem Tage werde ich die

einfallende Hütte Davids aufrichten.« Tatsächlich hat sich das Haus

Jakobs noch 134 Jahre länger als das Haus Israels gehalten. Es hat sich

erst fast zwei Jahrhunderte nach Amos aufgelöst. Es handelt sich hier

also um eine richtige prophetische Vorhersage, bei der Kombination

ausgeschlossen sein dürfte.

Recht inhaltreich und im vollen Umfang eingetroffen ist auch folgende

Verkündigung: »Von Zion wird Belehrung ausgehen und =das Wort Gottes

von Jerusalem für viele Völker=« (Jesaia 2, 2–4 und gleichlautend Micha

4, 1–3). Jedermann kennt den ungeheuren, bis heute noch fortwirkenden

Einfluß der jüdischen Lehre auf das Denken des Abendlandes, durch

Vermittlung des Mohammedanismus aber auf den Orient.

In Erfüllung gegangen ist auch Michas Verkündigung des Unterganges

Jerusalems, ein Jahrhundert vor dem Eintreten des Ereignisses. Micha

prophezeite zur Zeit des Königs Hiskija (etwa 711–695). Aber mehr als

das: Micha verkündete auch, daß das Exilland der Juden Babylonien

sein würde (Micha 3, 9–12 und 4, 10). »Kreise, Tochter Zions, wie eine

Gebärerin; denn bald wirst du hinausziehen aus der Stadt, wirst weilen

auf dem Felde, wirst bis Babel kommen, dort wirst du gerettet werden,

dort wird der Herr dich aus der Hand deiner Feinde erlösen.« Diese

Prophezeiung ist deshalb nicht gut als Kombination einzuschätzen, weil

Babylonien damals ohnmächtig in der Hand der Assyrer war und weil auch

der Rücktransport der Gefangenen vorhergesagt wird.

Übrigens hat auch Jesaia dem König Hiskija 124 Jahre vor der Erfüllung

vorhergesagt, daß dessen Nachkommen nach Babylonien transportiert und

Eunuchen im Palast des Königs von Babel sein werden (Jesaia 39, 5–7).

Auch Jeremia hat nicht nur den Transport der Juden nach Babylonien

vorhergesagt, sondern auch den Wiederaufbau Jerusalems nach Rückkehr

der Judäer (Jeremia 1, 13. 15 und 37, 7–10). Und zwar war Jeremia

ein Jüngling, als er Niedergang und späteren Aufstieg seinem Volke

vorhersagte, was politische Kombination noch unwahrscheinlicher macht.

Er war von seiner Prophezeiung so überzeugt, daß er während der

hoffnungslosen Zeit der Belagerung Jerusalems durch Nebukadnezar auf

innere Eingebung hin ein Grundstück kaufte (32, 24 f.).

Ein weiterer Verkünder der Schicksale des Judenvolkes ist der

Prophet Ezechiel. Auch er weissagte den Untergang Jerusalems und

das Exil, aber auch die Rückkehr und Verjüngung des Volkes. Er

sagte mit unzweideutigen Worten voraus, daß die Verbannten in Babel

den Grundstock zu einem neuen Volke und zu einer neuen, edleren

historischen Entwicklung bilden würden (11, 16–20). Auffällig ist,

daß auch er im Anfange seiner prophetischen Laufbahn diese Sehergabe

bewies. =Sein Bild von den vertrockneten und zerstreuten Gebeinen,

die plötzlich wieder lebendig werden, hat sich buchstäblich erfüllt=

(Ezechiel, Kap. 37).

Von den exilischen Propheten verkünden sowohl der Deutero-Jesaia

(Jes. 40–66), der Prophet des Stückes Kap. 13–14 und 24–27, als auch

der Deutero-jeremianische Prophet (Jerem. 50–51) zuversichtlich

die Rückkehr aus dem Exil und ein fürchterliches Strafgericht über

Babylonien. Mag das letztere auf politischer Kombination beruhen,

da die gewaltige Gestalt des Cyros bereits am Horizont auftauchte,

so war doch weder die Vernichtung Babyloniens – da ja Unterwerfung

genügt hätte – vorauszusehen, noch vor allem, daß gerade das winzige

Judenvölkchen die Aufmerksamkeit des Eroberers auf sich lenkte.

Berücksichtigt man ferner, daß gerade der letzte König Babylons die

Juden besonders hart behandelte, so ist kaum zu bestreiten, daß die

Vorhersagen erstaunlich sind.

Endlich führen wir noch zwei nachexilische Propheten an, nämlich

Chaggai und Zacharia. Als man über die Winzigkeit des Tempels während

der Regierung des Darius seufzte, sagte der erstere: »Größer wird

die Ehre dieses (kleinen) Tempels, als des ersten sein« (2, 6–9) und

der andere: »Entfernte werden kommen und werden an dem Tempel Gottes

teilnehmen« (6, 15). Tatsächlich kamen zum zweiten Tempel Heiden

in Menge aus Syrien, den Euphratländern, Kleinasien, Griechenland

und selbst Rom, um sich zum Judentum zu bekennen oder Weihgeschenke

zu schicken. Erst die »Fülle der Heiden«, die in das Haus Jakobs

einkehrten, hat Paulus auf den Gedanken gebracht, die Heiden zu

bekehren und zur Kindschaft Abrahams zu berufen.

Besonders merkwürdig aber ist folgende Verkündigung des nachexilischen

Zacharia: »=Es werden noch Völker und Bewohner großer Städte kommen und

einander auffordern, Gott den Herren in Jerusalem aufzusuchen. Zehn

Männer von allen Zungen der Völker werden den Zipfel eines jüdischen

Mannes erfassen, sprechend: »Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben

Gott mit Euch gehört=« (8, 20–23). Dabei ist zu berücksichtigen,

daß die Juden bei ihrer Heimkehr von seiten der Nachbarvölker nur

Verachtung und Haß fanden.

In allen oben angeführten Fällen ist ein Vatecinium post eventum

völlig ausgeschlossen, Kombination aber unwahrscheinlich. Inwiefern

der berühmte Zufall eine Rolle spielt, möge jeder selbst entscheiden.

Ausgeschlossen in der obigen Liste sind alle Prophezeiungen, die in den

Geschichtsbüchern erzählt werden, da ihre Authentizität angefochten

werden kann.

Daß einige Prophezeiungen nicht in Erfüllung gingen, sei nicht in

Abrede gestellt. Wir werden das später noch sehr häufig finden und an

anderer Stelle ausführlich auf diese Frage zurückkommen.

Prophezeiungen · 第 1 / 27 段