4. KAPITEL.

Sie beschlossen, es ohne Verzug zu thun. Sie wollten dem Präsidenten

Eichenstamm, der sie schon damals in Haifa eingeladen hatte, einen

Besuch machen und ihn um Rat fragen, wie sie es am besten anfingen, in

die Neue Gesellschaft als ordentliche Mitglieder einzutreten. So fuhren

sie nach dem Hause des Präsidenten. Das war ein Gebäude, das an die

Palazzi der genuesischen Patrizier erinnerte. Unmittelbar vor ihnen war

ein Motorwagen vorgefahren, dem zwei ältere Herren und Professor

Steineck entstiegen. Der Professor stand schon auf der Freitreppe, als

er die beiden Freunde sah, die mit dem Portier parlamentierten. Er

winkte ihnen einen Gruß zu, und das hatte die Folge, daß der Pförtner

weiter keine Schwierigkeiten machte und sie durchließ. Aber Steineck

war im nächsten Augenblicke verschwunden.

Kingscourt und Friedrich hatten nach Dr. Werkin, dem Sekretär des

Präsidenten, gefragt. Ein Diener führte sie in dessen Bureau, und dort

hieß man sie warten. Sie warteten ein Weilchen in dem schönen hohen

Vorsaale, dann wurde Kingscourt ungeduldig:

„Nee, das mach’ ich nicht länger mit. Sieben Jahre werd’ ich nicht im

Vorzimmer dienen. Reden Sie mit einem der Sklaven, Fritze! Am Ende hat

man uns nicht jemeldet.“

„Sklaven scheint es hier nicht zu geben,“ lächelte Friedrich. „Aber der

Maschinenschreiber dort wird uns Auskunft geben.“

Der Schreiber an der Maschine gab Auskunft. Dr. Werkin sei schon seit

zwei Stunden beim Präsidenten, und es heiße, daß der Präsident

plötzlich schwer erkrankt sei.

„Ah — hah! Nu jehn mir die Lichter auf. Darum ist Steineck so schnell

verschwunden? Wissen Sie vielleicht auch, verehrtester Maschinist, wer

die zwei Herren waren, die mit Steineck kamen.“

„Ja. Das waren zwei Professoren der Medizin von der Zions-Universität.“

„Ich glaube, Kingscourt,“ sagte Friedrich, „wir ziehen uns zurück. Wir

lassen unsere Visitenkarte für Dr. Werkin hier und wollen wiederkommen,

wenn es dem Präsidenten besser geht.“

So verließen sie unverrichteter Sache das Haus des Präsidenten. In der

Stadt Jerusalem war von dem Ereignis noch nichts bekannt. Der Verkehr

rauschte mit der gewöhnlichen Lebhaftigkeit durch die Neustadt. Die

Freunde, die sich schon in den Straßen zurechtfanden, bogen von den

Boulevards ab und betraten einen großen Park, der nach englischem

Muster angelegt war. Am Eingange dieses Parks bemerkten sie ein

ausgedehntes Gebäude mit der Aufschrift: „Gesundheitsamt der Neuen

Gesellschaft“.

Kingscourt lachte laut auf:

„Sieh mal, da haben sie wieder was Jescheutes nachjemacht. Das ist

offenbar dem Deutschen Reichsjesundheitsamte nachjebildet. Da brauch’

ich nicht erst die Einjeborenen zu befragen. Ich kenne mich schon janz

aus in Altneuland. Es ist ’ne Mosaik — eine mosaische Mosaik. Juter

Witz, was?“

„So gut wie alle Ihre Witze, Mr. Kingscourt; auch nicht besser,“ sagte

Friedrich. „Aber mir scheint, Altneuland ist in seinem Wesen nicht

erschöpft, wenn wir nur feststellen, daß alle Einrichtungen bei unserer

Abreise aus der Kulturwelt vor zwanzig Jahren schon da oder dort

existiert haben. Jawohl, alles war schon vorhanden. Die Naturkräfte

waren genügend erforscht — ich meine, genügend für den jetzigen

Zustand. Die technischen Möglichkeiten waren gegeben. Kein Gebildeter

vom Jahre 1900 hätte sich über irgend etwas wundern können, was wir

hier gesehen haben. Ja, sogar das Maß von sozialer Fürsorge, das man

hier verwirklicht hat, kann einen zivilisierten Menschen unserer

damaligen Zeit nicht überraschen. Im Bewußtsein der besseren

Durchschnittsmenschen war die Forderung schon damals durchgedrungen,

daß man dem rohen Egoismus in der Gesellschaft Schranken setzen müsse.

Diese Schranken sind hier freilich nicht drückend, da der Einzelne in

der Genossenschaft wieder zurückbekommt, was ihm individuell genommen

ist. Aber auch die Formen der genossenschaftlichen Produktion und

Konsumtion waren schon da. Und doch ist aus all dem Alten etwas Neues

geworden. Altneuland ist noch mehr, muß noch mehr sein, als eine

Zusammenfassung aller sozialen und technischen Fortschritte.“

„Warum? Ich finde schon das janz hübsch,“ warf Kingscourt ein.

„Als Jurist, als Europäer vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts frage

ich mich, wie diese Gesellschaft im Gleichgewicht erhalten wird. Ich

sehe eine Ordnung in der Freiheit, und doch bemerke ich nirgends eine

staatliche Autorität hervorlugen.“

„Ja, Fritze, da liegt der Hase im Pfeffer. Die Juristerei und

Europäertum verdunkeln Euch jar vieles. Man kann mit sehr wenig

staatlicher Autorität auskommen. Wenn Sie, wie ich, drüben in Amerika

jelebt und jeliebt hätten, wüßten Sie das besser. Nee, das verblüfft

mich nu jar nicht. Wissen Sie, was mich verblüfft, schon die janze

Zeit? Das sind die Bäume! Die Bäume in diesem Park sind unter Brüdern

ihre fünfzig bis vierzig Jahre alt. Wo haben die Kerls das

rausjekriegt?“

Er hatte so laut gesprochen, daß ein vorübergehender Herr ihn hörte,

lächelte und stehen blieb. Kingscourt redete ihn natürlich sofort an:

„Ich sehe, daß Sie über mich in jelinde Heiterkeit jeraten, jeschätzter

Vorüberjehender. Wissen Sie vielleicht Antwort auf meine Frage?“

„Gewiß, mein Herr,“ sagte der Angerufene. „Ich diene im Gesundheitsamte

und kenne die Verhältnisse einigermaßen. Daß man auch erwachsene Bäume

verpflanzen kann, ist eine bekannte Sache. In Köln, zum Beispiel, wo

ich früher lebte, gab es einen Volksgarten, in dem man vierzigjährige

Bäume einsetzte. Das ist freilich recht kostspielig, aber für die

öffentliche Gesundheit wird bei uns viel aufgewendet. In den Parks, die

für das Volk da sind, ist nichts zu teuer. Es rentiert sich in den

kommenden Geschlechtern. Uebrigens haben wir nicht überall so alte und

kostbare Bäume gesetzt. Wir haben namentlich von Australien jüngere

Bäume, rasch wachsende Eukalyptusarten bezogen. Die Mittel wurden

anfangs durch den nationalen Baumverein aufgebracht, der in allen

Weltteilen Sammlungen einleitete, als das jüdische Volk noch zerstreut

lebte. Die Spender haben schon damals für den Schatten gesorgt, in dem

sie später sitzen wollten.“

„Danke,“ sagte Kingscourt; „das leuchtet mir ein. Und wenn Sie jetzt

noch Ihre Wohlthat vollmachen wollen, dann erklären Sie, bitte, woher

alle die Kinder sind, die man da auf den Wiesen sieht?“

Sie waren nämlich an Wiesengründen vorbeigekommen, auf denen Schwärme

halbwüchsiger Knaben und Mädchen die Spiele Englands spielten: die

Mägdlein Tennis, die Burschen Cricket und Fußball.

Der Beamte gab willig Auskunft:

„Das sind Schulkinder aus den Instituten, die um diesen Park

herumliegen. Abwechselnd werden alle Klassen herausgeführt zu den

athletischen Spielen, die wir in der Entwickelungszeit für ebenso

wichtig halten, wie das Lernen.“

„Das scheinen aber nur die Kinder wohlhabender Leute zu sein?“ fragte

Friedrich. „Alle sind gleich schmuck und reinlich gekleidet, wie ich

sehe.“

„Nein, Herr!“ erwiderte der Beamte. „Das sind die Kinder aller Leute.

Es giebt in der Schule keinen Unterschied, weder in der Kleidung, noch

in irgend etwas anderem — mit Ausnahme der Begabung und des Fleißes. In

unserer Neuen Gesellschaft sind wir durchaus nicht für die

Gleichmacherei. Jedem nach seinen Werken. Den Wettbewerb haben wir

nicht abgeschafft. Aber die Bedingungen sind für alle gleich, wie bei

einem Preiskampf oder Wettlauf. Am Anfang müssen alle gleich sein,

nicht am Ende. In der früheren Gesellschaft konnte es vorkommen, daß

ein einziges gutes Geschäft eines Mannes seinen Kindern und

Kindeskindern zu allen Wohlthaten der höheren Erziehung verhalf und sie

für immer sorglos machte. Auf der anderen Seite mußten wieder die

Nachkommen nicht etwa nur für die Sünden, nein, sogar für die

schlechten Geschäfte des Vaters büßen. Eine verarmte Familie geriet ins

Proletariat, und es war Heldenkraft nötig, um sich daraus noch einmal

zu erheben ... Bei uns aber werden die Kinder für die Geschäfte der

Väter nicht belohnt und nicht bestraft. Für jede neue Generation

stellen wir wieder den Anfang der Dinge her. Darum sind sämtliche

Schulen, von der Elementarschule bis zur Zions-Universität

unentgeltlich, und die Schüler müssen bis zur Reifeprüfung in der

Mittelschule die gleiche einfache Kleidung tragen. Wir glauben nämlich

nicht, daß es moralisch gut ist, wenn Rang oder Reichtum der Eltern die

Kinder in der Schule unterscheidet. Das verdirbt alle. Die Kinder der

Vornehmeren werden hochmütig und faul, die Kinder der anderen werden

früh verbittert ... Aber Sie verzeihen, wenn ich Sie verlasse. Mich

ruft meine Pflicht.“

Und mit einem höflichen Gruße entfernte er sich.

Friedrich und Kingscourt sahen ergötzt noch eine Weile dem lustigen und

geschickten Völkchen zu. Kingscourt, der noch aus früheren Tagen mit

Cricket und Fußball wohlvertraut war, fühlte in sich die alte Passion

für diese Spiele erwachen. Er feuerte die Kinder mit Zurufen an. Am

liebsten hätte er mitgespielt. Endlich zog ihn Friedrich am Arm fort:

„Wir wollen auch sehen, wie es Fritzchen geht, Sie Rabenottoh! Und

vielleicht sind Nachrichten vom Präsidenten Eichenstamm da?“

Sie kehrten in das Hotel zurück. Fritzchen war schon frisch und munter

und begrüßte seinen Freund mit einem Gesange, den Kingscourt an dem

i-a-i-a-i-i als sein eigenes Lied vom Rodensteiner zu erkennen glaubte.

Der Alte und das Kind waren auch bald in ein sehr intimes, allen

Uebrigen unverständliches Gespräch verwickelt.

Von Eichenstamm kamen aber keine guten Nachrichten. Steineck sandte an

David Littwak eine kurze Meldung: „Hoffnungslos!“ Und als es Abend

wurde, kam der Professor zurück. An seinem Gesichtsausdruck erkannten

die Freunde, was geschehen war.

„Er ist groß gestorben,“ sagte Professor Steineck. „Ich war bei ihm bis

zur letzten Minute. Er sprach über das Sterben. Er sagte, es sei

schmerzlos, wenn man sich damit schon lange vorher beschäftigt habe.

‚Ich fühle,‘ sagte er, ‚wie sich mein Bewußtsein allmählich verdunkelt.

Ich höre mich noch sprechen, aber immer schwächer. Ich werde vielleicht

noch denken, unter Schleiern, wenn ich nicht mehr reden kann. Ich habe

von mir selbst schon Abschied genommen — wie schade, daß ich nicht auch

von all den anderen Abschied nehmen kann, die mir im Leben gut waren.‘

Dann schwieg er lange, sein Blick war in eine Ferne gerichtet. Wieder

kehrten seine Augen dann zu mir zurück. ‚Ich hatte Freunde,‘ sagte er.

‚Viele Freunde. Wo sind sie? Freunde sind der Reichtum des Lebens. Ich

hatte viele, viele Freunde. Wo sind sie? ...‘ Es ging mit ihm zu Ende.

Er murmelte dann noch, und mir schien, als sagte mir sein betrübter

Blick: Du siehst, jetzt kann ich nicht mehr reden, aber noch denken.

Und in einer letzten Anstrengung fand er sich wieder. Er sagte deutlich

das Wort als letztes, das wir oft von ihm gehört haben: ‚Der Fremde

soll sich bei uns wohl fühlen! ...‘ Dann wurden seine Augen starr. Ich

drückte sie ihm zu.“

So starb Eichenstamm, der Präsident der Neuen Gesellschaft.

Altneuland · 第 58 / 77 题