3. KAPITEL.

Die Stunden im Hause des Malers vergingen wie ein Traum. Gegen Abend

wurde Professor Steineck ans Telephon gerufen. Kingscourt war es, der

ihn rief: er möge sofort heimkehren. Im Wagen, in dem sie mit Professor

Steineck fuhren, sagte Friedrich:

„Fräulein Mirjam, ich danke Ihnen dafür, daß ich Sie durch Ihren Gesang

kennen lernen durfte. Erst jetzt weiß ich, wer Sie sind.“

Sie errötete und schwieg.

Aber im Gasthofe, in dem die ganze Gesellschaft Littwaks wohnte,

erwartete sie eine böse Ueberraschung.

Vor dem Thore stand Kingscourt unbedeckten Hauptes und schrie dem

Professor entgegen:

„Zum Wetter, Sie hätten sich auch mehr beeilen können!“

„Ja, was giebt es denn?“ fragte der Professor ruhig.

„Was es giebt? Das Bübchen, Fritzchen — krank ist es! Nu fackeln Sie

aber jefälligst nicht lange rum und kommen Sie zu Fritzchen.“

Sie eilten in das Zimmer des Kindes. Fritzchen lag mit heißen Wangen

und fieberisch glänzenden Augen im Bette.

„Otto!“ schrie es dem alten Kingscourt entgegen. Und „Otto“ gehorchte

schleunigst seinem kleinen Tyrannen. Er setzte sich auf einen Stuhl am

Kopfende nieder, und diesen sollte er in den folgenden Tagen nicht oft

verlassen. Denn war die Gewalt des gesunden Fritzchens über Mr.

Kingscourt recht groß gewesen, das kranke Fritzchen gar konnte mit ihm

machen, was es wollte.

Professor Steineck hatte nach der Untersuchung den Kopf bedenklich

geschüttelt. Zwar beruhigte er Frau Sarah, die ganz verzweifelt war;

aber dem alten Kingscourt verbarg er seine Besorgnisse nicht. Das Kind

war ernstlich krank: eine schwere Halsentzündung. Kingscourt erschrak

heftiger, als er es zeigen wollte. Vor allem rief er Friedrich herbei,

schleppte ihn in ein abgelegenes Zimmer und begann lästerlich zu

fluchen. Die Erkrankung des Kindes werfe alle Pläne um, man könne jetzt

nicht mehr thun, was man wollte, und es gelte, jetzt einen anderen

Entschluß zu fassen.

„Ich verstehe, Kingscourt!“ sagte Friedrich bekümmert; „Sie wollen

abreisen. Nun denn, ich bin bereit!“

„I wo werd’ ich!“ schrie Kingscourt hochrot. „Sie verstehen jar nischt

mehr. Ihre Intellijenz hat im Verkehr mit diesem Frauenzimmer sichtlich

jelitten. Das ist ja eben die Schlemastik, wie ihr Juden euch

ausdrückt: daß wir jetzt schandenhalber nich abreisen können. Sie

halten mich für nen netten Jemütsmenschen. Zuerst Jastfreundschaft

jenossen, amüsiert, Schmarotzerpflanze jewesen — und wenn nu mal

Schatten übers Haus kriechen, soll’ man gleich ausreißen. Nee, mein

Lieber, Sie können meinetwejen abdampfen, wenn Sie Europa durchaus

nicht länger entbehren wollen. Ich bleibe hier, bis Fritzchen jesund

ist — aus reinem Anstandsjefühl. Das jehört sich einfach.“

Die Grobheit des alten Herrn, der er auch diesmal einen lustigen

Anstrich geben wollte, kam aber nicht echt heraus. Er hatte mehr Angst

um das Bübchen, als er es zeigen wollte. Er blieb auch die Nacht über

im Krankenzimmer Fritzchens, wachte mit Frau Sarah und der Kindsfrau

zusammen. Und als ob Fritzchen eine Ahnung von der über alles

merkwürdigen Wandlung gehabt hätte, die im Gemüte des alten

Menschenfeindes vorging, es klammerte sich an Kingscourt an, wie an

keinen anderen. Professor Steineck suchte diese Erscheinung auf

rationalistische Weise zu erklären: der schöne lange blütenweise Bart

Kingscourts habe es dem Kinde angethan, oder vielleicht waren es die

Grimassen und Späße, die der alte Herr machte.

Doch wie man es auch deutete, das stand fest, daß Fritz von seinem

grimmigen Freunde nicht ließ. Im steigenden Fieber umspannte er mit

seinem Händchen den Zeigefinger des am Bette sitzenden Alten.

Kingscourt war der einzige, von dem er Arznei annahm; der einzige, von

dem er sich in Schlaf summen ließ. Kingscourt verfügte über keinen

großen Schatz an Liedern. Am besten gelang ihm noch:

„Wer reit’t mit zwanzig Knappen ein

Zu Heidelberg im Hirschen?

Das ist der Herr von Rohodenstein,

Auf Rheinwein will er pi-a-i-a-i-irschen.“

Mit diesem Gesange hatte er früher einmal bei Fritzchen Glück gehabt,

und nun mußte der Rodensteiner ununterbrochen zu Heidelberg im Hirschen

einreiten. Das zweite Lied Kingscourts war:

„Der Gott, der Eisen wachsen ließ,

Der wollte keine Knechte.“

Mit diesen beiden musikalischen Leistungen lullte er sein leidendes

Freundchen ein.

David Littwak war von der Erkrankung des Kindes nicht benachrichtigt

worden. Man wollte ihn nicht beunruhigen, da er am nächsten Tage

ohnehin nach Jerusalem kommen sollte. Er kam als Sieger im Wahlkampfe.

Die Geyersche Hetzpartei war fast in allen Kreisen, wo sie zu

kandidieren gewagt hatte, geschlagen worden. Dr. Geyer selbst hatte nur

in einem einzigen Bezirke eine relative Stimmenmehrheit erlangt und

mußte sich am folgenden Sonntag der Stichwahl unterziehen. Hingegen war

David Littwak in einunddreißig Bezirken zum Delegierten gewählt worden.

Er entschied sich, nur das Mandat von Neudorf anzunehmen.

Doch als er in dieser frohen Stimmung zu Jerusalem eintraf, erwartete

ihn die Trübung des Glückes im Kinderzimmer. Weinend fiel ihm Frau

Sarah um den Hals:

„Wir waren zu glücklich, David. Nun sucht uns Gott so fürchterlich

heim. Vielleicht waren wir hochmütig oder nahmen das Gute als zu

selbstverständlich hin?“

Er entgegnete sanft und ernst:

„Wir wollen uns jedenfalls an die Brust schlagen und uns selber zur

Demut mahnen. Das kann nie schaden. Im übrigen aber wollen wir mit der

Krankheit kämpfen, was in unserer Macht ist.“

Und sie kämpften. Die besten Aerzte versammelten sich früh und abends

zur Beratung. Alle Kunst der Heilung wurde aufgeboten, um das kleine

Leben zu retten. Aber die Krankheit schien dieser Anstrengungen zu

spotten. Des Kindes Zustand verschlimmerte sich mehr und mehr. Es kam

ein Abend, an dem die Aerzte traurig und kopfschüttelnd das Haus

verließen; nur Professor Steineck blieb da. Er und Kingscourt hielten

gemeinschaftlich mit der Pflegerin im Krankenzimmer aus. Frau Sarah war

vor Aufregung und Ermüdung zusammengebrochen und selbst erkrankt. Man

hatte sie zu Bette bringen müssen. Mirjam und Mrs. Gothland wachten bei

ihr. David Littwak aber hielt sich zwischen den beiden Krankenzimmern

seiner Lieben in einem Salon auf. Er ging bald hier und bald dort

nachsehen, ob alles beim Rechten war. Besonnen traf er die nötigen

Anordnungen, und Friedrich, der nebst Reschid Bey dem bekümmerten Manne

Gesellschaft leistete, mußte ihn bewundern, wenn er diese Gelassenheit

sah. David gab den näheren Freunden, die Nachrichten einholten, ruhig

Auskunft. Doch auch seine Kraft überstieg es endlich. Er bat einen der

Freunde, hinunterzugehen und die Besucher im Vestibule des Gasthofes zu

empfangen. Reschid Bey übernahm diese Aufgabe. Im Bekanntenkreise

Davids hatte sich die Nachricht eilig verbreitet, daß es um den kleinen

Kranken schlecht stand, und von allen Seiten eilten die Leute herbei,

um sich zu erkundigen. Der Präsident der Neuen Gesellschaft ließ sich

jede Stunde berichten. Die Liebe und Achtung, deren David Littwak sich

bei seinen Mitbürgern erfreute, kamen bei diesem Anlasse zum Vorschein.

Vor dem Gasthofe stauten sich die Teilnehmenden. Die Wenigsten kannten

das gute Fritzchen, aber daß es David Littwaks Sohn war, genügte. Viele

beteten für dieses schwache kleine Leben, das vielleicht dereinst ein

großer Segen für die Gemeinschaft werden konnte, wenn es erhalten

blieb.

Und oben redete David gebeugt aber ruhig mit Friedrich:

„Sehen Sie, mein lieber Dr. Löwenberg, das haben wir nicht anders

machen können, als es war. Als es war vor zwanzig und vor zweitausend

Jahren. Wenn die Stunde des früher glücklichen Hiob schlägt, muß er

sich fassen und sagen: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen

...“

Bei diesen Worten trat Steineck aus Fritzchens Zimmer und flüsterte:

„Noch nicht!“ Aber es klang wenig Hoffnung daraus. Der Professor fügte

hinzu: „Wenn das Kind nur einschlafen könnte. Ein ordentlicher Schlaf

wäre ein Glück, vielleicht die Rettung.“

„Stört das Gebrumm Kingscourts das Kind nicht?“ fragte Friedrich.

„Nein,“ entgegnete Steineck. „Er muß weitersingen, ob er will oder

nicht. Wenn Fritzchen aus dem Halbschlummer erwacht, muß der Alte

singen. Es ist rührend, wie er es thut.“

„Er hat das Kind unendlich gern,“ sagte Friedrich.

Da begann David zu weinen. Aus dem Nebenzimmer aber hörten sie

Kingscourts Stimme:

„Der Gott, der Eisen wachsen ließ,

Der wollte keine Knechte ...“

Und dann ging es in den Rodenstein über, der auf Rheinwein

pi-a-i-a-i-irschen wollte. Doch immer trübseliger ritt der Herr von

Rodenstein zu Heidelberg im Hirschen ein, und im Nebenzimmer horchten

sie mit Bangen, ob der Gesang nicht jetzt und jetzt völlig verstummen

werde.

Jetzt — eine Pause. Man hörte nichts mehr. Und im nächsten Augenblick

erschien Kingscourt in der Thüre. Seine Augen waren blutunterlaufen,

und er legte den Finger bedeutsam auf den Mund:

„Still! Er schläft! ... Keinen Ton mehr im Hause! Wer mir da draußen

auf dem Korridor Lärm macht, den schlag’ ich nieder. Ich setze mich

raus ... Wenn Fritzchen aufwacht, ruft ihr mich!“

Und so that Kingscourt. Er setzte sich in den Gang vor Fritzchens

Zimmer auf einen Stuhl und wachte. Er blickte Diener und Gäste, die

vorbeiwollten, so fürchterlich an, daß sie vor ihm erschraken. Dazu

knurrte er heiser, sie möchten anderswohin gehen, hier sei ein Kranker.

Eine Stunde verging so, dann eine zweite. Da ging Friedrich zu

Kingscourt hinaus vor die Thüre. Der Alte fuhr von seinem Stuhle auf:

„Hat es mich jerufen?“

„Nein,“ flüsterte Friedrich. „Es schläft noch immer.“ Im selben

Augenblick fühlte er sich beim Kopfe gepackt. Kingscourt hatte ihn

umschlungen und raunte ihm ins Ohr:

„Fritze, wenn das Wurm aufkommt, bleib’ ich hier, für immer. Das jelobe

ich hiermit feierlich. Dieses Opfer bring’ ich für seine Jenesung, so

wahr ich Adalbert von Königshoff heiße ...“

Stunde um Stunde verrann. Fritzchen schlief und schlief. Er schlief

sich in die Gesundheit hinüber. Aus Nacht ward Morgen. Und mit der

Sonne ging auch wieder die Hoffnung auf. Als man in der Frühe

Kingscourt an das Bett des Kindes rief, hatte es schon wieder helle

Aeuglein und es jauchzte ihm entgegen: „Ottoh! Ottoh!“

„So ’n Kerl!“ brummte Kingscourt und versuchte eine unzufriedene Miene

zu machen, weil er sich seiner nächtlichen Verzagtheit vor Friedrich

schämte. „Nun gehen Sie aber auch schlafen, Kingscourt!“ sagte dieser.

„Sie brauchen jetzt Ruhe. Und was Ihre Worte vom Korridor betrifft, die

will ich einfach nicht gehört haben.“

„Nee, mein Lieber!“ entgegnete Kingscourt stolz, „da kennen Sie mich

doch erst zur Hälfte. Was ich einmal jeschworen habe, ist jeschworen

... Aber vor allem denk’ ich einen langen Schlaf zu thun ... Nachher

wollen wir sehen, wie wir uns hier in die Neue Jesellschaft aufnehmen

lassen. Jawohl!“

Friedrich wußte noch immer nicht, ob der Alte scherzte. Hier zu bleiben

war ja sein sehnlichster Wunsch. Ein nützliches Mitglied der Neuen

Gesellschaft werden, mitarbeiten an all dem Guten, was er gesehen

hatte, dauernd ein Genosse der Wackeren sein — es war sein bisher

verschwiegener Traum. Und noch etwas anderes, das er sich gar nicht zu

gestehen wagte.

Aber Kingscourt hielt Wort. Gleich am folgenden Tage, als Fritzchen

wieder frisch und munter war und auch Frau Sarah sich vom Schrecken

erholt hatte, der ihre ganze Krankheit gewesen, mahnte Kingscourt

selbst an die Ausführung des Vorhabens. Erriet er die Freude, die er

dem Genossen seiner zwanzig Inseljahre machte? Man durfte es ihm wohl

zutrauen, dem angeblichen Menschenfeinde, der dem Zauber des Kindes

erlegen war. Sein Verhältnis zu Fritzchen suchte er wenigstens auf eine

prinzipientreue Weise zu rechtfertigen, nachdem er es nicht mehr zu

leugnen vermochte. Er könne das Bübchen allerdings recht gut leiden,

aber nur ungefähr so, wie man ein unschuldiges Tierchen gern habe.

Fritzchen sei eben noch kein Mensch, folglich vergebe sich ein

Menschenhasser nichts, wenn er so ’n Kerlchen liebgewinne.

„Die Motivierung, Kingscourt, schenke ich Ihnen,“ lachte Friedrich;

„mir genügt die Thatsache. Wann sollen wir uns zum Eintritt in die Neue

Gesellschaft melden?“

Altneuland · 第 57 / 77 题