Auf den achten Tag nach Eichenstamms feierlichem Begräbnis war der
Kongreß der Neuen Gesellschaft zur Wahl eines Präsidenten einberufen.
Die Delegierten, an die vierhundert, Frauen und Männer, waren schon am
Abend vorher fast vollzählig eingetroffen. In vielen Klubs und
Gasthäusern fanden hitzige Besprechungen statt. Soviel sich an diesem
Vorabend erkennen ließ, lag die Wahl zwischen Dr. Marcus, dem
Präsidenten der Akademie, und Joseph Levy, dem Generaldirektor der
Neuen Gesellschaft. Die Aussichten der beiden waren ungefähr gleich.
Wenn man nun annahm, daß mehrere weniger ernste Kandidaten einen Teil
der Stimmen im ersten Wahlgange auf sich lenken würden, so durfte man
vermuten, daß keiner die absolute Majorität erreichen und eine
Stichwahl zwischen Marcus und Levy nötig sein werde.
Joseph Levy war übrigens von seiner Europareise noch gar nicht
zurückgekehrt. Man erwartete ihn stündlich. Es gab Leute, die
behaupteten, er wolle eine Wahl zum Präsidenten überhaupt nicht
annehmen. Andere wieder sagten, dieses Gerücht werde nur von den
Anhängern des Dr. Marcus ausgesprengt. Kurz, es entwickelte sich das
Treiben, das man überall in der Welt um eine Wahl herum beobachten
kann: Schliche der Parteigänger, Lärm, Zank, Scherz und Ernst.
Kingscourt unterhielt sich dabei ausgezeichnet.
Aber am Morgen des Wahltages kam David Littwak mit bestürzter Miene in
Friedrichs Zimmer:
„Sie müssen ohne mich in das Kongreßhaus gehen, meine Herren. Ich habe
eine Depesche erhalten, die mich nach Tiberias ruft. Meine Mutter ...“
Sein Blick verdunkelte sich und seine Stimme brach: „Der Zustand meiner
Mutter hat sich verschlimmert. Ich reise mit Mirjam sogleich nach
Tiberias. Meine Frau wird mit Fritzchen später nachkommen.“
„Sollen wir nicht mit Ihnen fahren, lieber Littwak?“ fragte Friedrich
teilnehmend.
„Ach, Sie können ja nicht helfen. Ich fürchte, da kann niemand mehr
helfen ... Bleiben Sie ruhig beim Kongreß — für Sie wird es immerhin
ein Erlebnis sein. Was aber mich betrifft, mir ist das alles
gleichgültig geworden. Mögen sie wählen, wen sie wollen.“
Kingscourt sagte:
„Wir werden Ihre Frau und Fritzchen später nach Tiberias begleiten.“
„Danke!“ erwiderte David. „Ich habe nur die eine Bitte, daß Sie niemand
etwas von meiner Abreise sagen. Es giebt Momente, wo einem auch die
Freunde zu viel sind. Man würde mich mit Erkundigungen bestürmen. Ich
will allein sein ... Leben Sie wohl!“
„Ich wünsche Ihrer Mutter eine baldige Besserung!“ sagte Friedrich.
David zuckte traurig die Achseln:
„Ich weiß, wie die Besserung aussehen wird. Leben Sie wohl!“
Nach Davids und Mirjams Abreise fuhren die Freunde nach dem
Kongreßhause. Blauweiße, wegen Eichenstamms Tod umflorte Fahnen wehten,
und eine große Menschenmenge wogte um das monumentale Gebäude.
Der Raum, in welchem die Wahl stattfinden sollte, war ein weiter,
hoher, ernster Marmorsaal mit Oberlicht, das durch eine matte Glasdecke
hereindrang. Die Bänke waren noch leer, denn die Delegierten hielten
sich vor der Sitzung in den Vorsälen, Wandelgängen und
Kommissionszimmern auf. Es ging heiß her, wie ab und zu einer auf die
Galerien melden kam.
Die Galerien aber waren schon dicht gefüllt. In den Logen sah man mehr
Damen als Herren. Gedämpfte Farben herrschten in der Frauentracht vor,
denn es war noch die Trauerzeit für Eichenstamm. Nur in der Loge neben
Kingscourt und Friedrich saßen einige Damen in sehr hellen Kleidern und
mit schreiend bunten Hüten. Es waren die Damen Weinberger, Mutter und
Tochter, die alte und die junge Laschner, Herr, Frau und Fräulein
Schlesinger, und Dr. Walter, Schiffmann, auch Grün und Blau, die
Humoristen, fehlten nicht. Am liebsten wäre Friedrich auf und davon in
eine andere Loge gegangen, aber es gab nirgends mehr einen Platz. Auch
wollte Kingscourt diese Nachbarschaft, die ihn höchlich amüsierte,
nicht aufgeben. Sie hörten alles, was in der Nebenloge geredet wurde.
Vorne an der Brüstung saßen die Damen und Herr Schlesinger, der
Vertreter der Barone von Goldstein.
Der wortwitzige Herr Grün, der Mann mit den „uneingesäumten“ Ohren
sagte:
„Also das is der Kongreß? Mir scheint, mehr Kohn als greß. Obwohl einem
auch gräßlich zu Mut sein kann, wenn man ein Kandidat ist, was
durchfallt.“
„Ich hab’ gehört, Marcus wird durchfallen,“ erklärte Herr Schiffmann.
„Woher wissen Sie das?“ fragte der Vertreter der Barone von Goldstein.
„Mir is es, unter uns gesagt, ganz einerlei.“
Schiffmann lächelte geheimnisvoll:
„Ich hab’ meine Informationen. Alles soll man wissen, nix soll man
brauchen.“
Blau bemerkte neidisch:
„Schiffmann is imstand und spielt auch damit auf der Börse.“
„Das möchte ich wissen, wie sich diese Wahl in Hausse oder Baisse
ausdrücken soll,“ erkundigte sich Dr. Walter.
„Sehr einfach,“ meinte Schiffmann; „Levy ist ein unternehmender Kopf,
also giebt es unter ihm mehr Geschäfte, also Hausse. Hingegen ist
Marcus mehr eine beschauliche Natur, also nix zu handeln, also Baisse.“
„Großartig!“ höhnte Blau, „wenn ich einmal vierundzwanzig Stunden so
wenig Verstand hätt’, wie Sie, Herr Schiffmann, hätt’ ich ausgesorgt
für mein Leben.“
Schiffmann wehrte sich:
„Es ist besser, daß Sie mehr Verstand haben wie ich, denn sonst könnten
Sie nicht auf Hochzeiten Spaß machen gehen.“
„Wer sind denn die Leute, die dort beim Maler Isaaks sitzen?“ fragte
Ernestine Weinberger über die Logenwand hinweg Friedrich. „Ich sah
vorhin, daß Sie sie grüßten.“
„Das ist Lord und Lady Sudbury.“
Frau Laschner mischte sich ein:
„Man sieht auf Ehre, daß sie ist mindestens eine Lady. Auf Ehre! Den
Hut hat sie sich gewiß in Paris gemacht.“
Dr. Walter wurde feierlich:
„Die Anwesenheit solcher Personen beweist immerhin, daß unsere
Einrichtungen das Interesse auch besserer Kreise erwecken.“
Friedrich neigte sich zu Kingscourts Ohr:
„Wenn ich diese Leute höre, möchte ich wieder mit Ihnen auf unsere
Insel zurückkehren.“
„Hohoh, ein Rückfall! ... Da bin ich doch schon weiter. Ich weiß, daß
es in jedem besseren Tiergarten auch einen Affenkäfig jeben muß. So
auch im Menschengarten.“
Jetzt begann es unten im Saale lebhaft zu werden. Einzelne Delegierte
suchten ihre Plätze auf. Auf den Stufen zwischen den im Halbkreise
ansteigenden Bankreihen bildeten sich Gruppen.
Auf der Rechten, in einem Knäuel weiblicher Delegierten, sahen die
Freunde Mrs. Gothland sitzen. Sie schien ihren Zuhörerinnen eine kleine
Agitationsrede zu halten. Es war bekannt, daß Mrs. Gothland zu den
Parteigängern des Dr. Marcus gehörte. Daß der Architekt Steineck für
Joe Levy hitzig eintrat, konnte man leicht wahrnehmen, wenn man ihn
jetzt am Fuße der Rednertribüne gestikulieren sah und aus dem
wachsenden Stimmengebrause seine schrille Stimme heraushörte: „Tschoh!
Tschoh!“
Reschid Bey kam zu Kingscourt und Friedrich. Er brachte das Neueste aus
den Couloirs: die Wahl Joseph Levys sei nahezu gesichert. Er werde
schon im ersten Wahlgange durchdringen. Er sei nämlich im ganzen Lande,
dessen Aufblühen ja seiner Energie zu danken war, volkstümlich, und die
Delegierten wollten in der Mehrzahl darauf Rücksicht nehmen. Marcus
hingegen stehe doch nur den Höhergebildeten nahe. Joseph Levy sei
übrigens heute Morgens von der Reise zurückgekehrt und werde
selbstverständlich in den Kongreß kommen.
„Den Mann müssen Sie mir schleunigst zeigen, wenn er kommt,
jeliebtester Pascha,“ sagte Kingscourt. „Scheint nach alledem ein
schneidijer Kerl zu sein. Ich bin bejierig, mit welcher Art Anstand er
unter sein versammeltes Kriegsvolk tritt.“
Im „Affenkäfig“, wie Kingscourt gescherzt hatte, machte man indessen
weiter Glossen und Witze. Je mächtiger das Bild der Versammlung wurde,
umso schlechter wurde die Laune einzelner im Affenkäfig, als wäre
dieser Zusammentritt befreiter, selbstbewußter Menschen für sie da oben
eine persönliche Beleidigung.
Herr Schlesinger, der Vertreter der Barone von Goldstein, ließ sich
vernehmen:
„Na also! Jetzt sieht man doch, auf was es herausgegangen ist. Der eine
hat die Stelle und der andere jene Stelle haben wollen. Jetzt haben sie
sie. Jetzt ist die Judenfrage gelöst.“
Herr Dr. Walter hatte schon die ganze Zeit gierig in den Saal hinunter
geblickt, in dem leider für ihn kein Platz war, und er entgegnete dem
übrigens hochgeschätzten Goldsteinschen Vertreter:
„Entschuldigen Sie, verehrter Herr Schlesinger, wenn ich da ein wenig
widerspreche. In dem Erstreben eines Mandates von seinesgleichen kann
ich an und für sich nichts Unschönes erblicken. Es kann ja im einzelnen
Fall etwas Unschönes sein, gewiß haben Sie da Recht. Und ich begreife,
daß ein Mann wie Sie, der einige dreißig Jahre im Hause Goldstein
thätig ist, strenge Anforderungen an die Menschen stellt. Aber
schließlich: warum soll man sich nicht um ein Amt in der Neuen
Gesellschaft bemühen?“
„Wenn es etwas einträgt!“ ergänzte der Spaßmacher Herr Blau, und er
fügte, als er das ermunternde Lächeln Schlesingers bemerkte, hinzu:
„Aber ich glaube, Herr Doktor Walter, da hätten Sie früher aufstehen
müssen, wenn Sie hätten eines bekommen wollen.“
Dr. Walter wurde rot vor Zorn und brummte dem Spötter zu:
„Sie haben, Herr Blau, schon lange keine fremde Hand im Gesicht
gehabt.“
Aber Schiffmann stiftete Frieden, indem er die Empfindungen aller in
die wehmütigen Worte zusammenfaßte:
„Mir scheint, wir haben alle die Ueberfuhr versäumt. Wir stehn schon
wieder alle und sehn beim Gitter heraus, wo die freien Menschen sein.
Es is mir gegangen so seit meiner Jugend — wo ich immer bin
hingekommen, hab’ ich nur Schlesinger und Laschner, Grün und Blau
getroffen. Es is ein Pech ...“
Ein Glockenzeichen ertönte. Das kündigte das Erscheinen des
Kongreßpräsidiums an. Die Galerien wurden mit einem Schlage still, und
auch der Affenkäfig verstummte.
Die Delegierten strömten zu allen Thüren herein in den Saal.
„Der dort ist Joe Levy,“ sagte Reschid Bey und zeigte hinunter. „Der
mit dem buschigen grauen Schnurrbart und der Glatze. Der jetzt dem
Architekten Steineck die Hand giebt.“
Sie sahen ihn. Es war ein hagerer Mann von Mittelgröße, sehr gebräunt
im Gesicht und an der Stirne bis an die Hutlinie, sehr rasch und
energisch in seinen Bewegungen. Er drückte viele Hände, weil sich die
Delegierten an ihn herandrängten, um den Heimgekehrten zu begrüßen. Den
Ferneren nickte er lächelnd zu, winkte wohl auch mit erhobener Hand. Er
sah unbefangen und gar nicht feierlich aus.
Ein zweites längeres Glockenzeichen. Alle nahmen ihre Plätze ein,
hinter dem erhöhten Sitze des Präsidiums öffneten sich beide Flügel der
vergoldeten Thüre, und der Vorsitzende des Kongresses erschien mit
seinem ganzen Bureau.
Vor allen Dingen hielt er dem hingegangenen Präsidenten der Neuen
Gesellschaft einen schönen Nachruf, den alle stehend anhörten. Dann
verkündigte er:
„Wir haben uns heute versammelt, um einen neuen Präsidenten zu wählen.“
Da ertönte zum allgemeinen Erstaunen die Stimme Joseph Levys, der in
der dritten Bank im Centrum saß:
„Ich bitte ums Wort!“
Der Vorsitzende sprach:
„Herr Joseph Levy hat das Wort.“
Ein leichtes Brausen stieg aus dem Saale auf, während Joe Levy mit
elastischem Schritte der Rednerbühne zustrebte. Was hatte er vor? Jetzt
war er oben:
„Geehrte Kongreßmitglieder! Ich habe nur eine kurze Erklärung
abzugeben. In meiner Abwesenheit waren einige meiner Freunde so
freundlich, meine Kandidatur aufzustellen. Sie haben mich vorher nicht
befragt, ob es mir auch recht ist.“