2. KAPITEL.

Am folgenden Sonntag fanden im ganzen Lande die Delegiertenwahlen

statt.

David war in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag nach Haifa gefahren,

um den Wahltag vom Mittelpunkte der Bewegung aus zu leiten. Die Partei

Geyer machte überall die größten Anstrengungen. Geyers Zeitungen

brachten den Tag über in rasch aufeinander folgenden Extraausgaben

zuversichtliche Stimmungsberichte. Damit waren unbestimmte

Verdächtigungen vermischt. Eines dieser unsauberen Blätter nahm den

Generaldirektor der Neuen Gesellschaft Joseph Levy besonders aufs Korn.

Es wurde von der allzu unbeschränkten Gewalt dieses Mannes über die

Millionen der Neuen Gesellschaft gesprochen. Der Schreiber des Artikels

beteuerte zwischendurch immer wieder, daß er Herrn Joseph Levy nicht

anklagen wolle; es handle sich lediglich um das allgemeine Wohl, um die

sauer erworbenen Groschen der Armen, um die Existenz der uns allen so

teueren Gemeinschaft. Geschrieben war das Ganze in einem süßlichen Tone

und mit Bibelworten fromm unterspickt.

Professor Steineck, der dieses Blatt im Beisein Kingscourts erhielt,

wurde beim Lesen hochrot im Gesichte, und stieß fort und fort dumpfe

Wutrufe aus:

„Oh du Rabenvieh! ... Oh du Schweinehund! ... Oh du — du — du Geyer!

... Der Schuft weiß ganz gut, daß unser Joe die Ehrlichkeit selbst ist.

Er weiß, daß Joe sich geschunden und gerackert hat, um die Neue

Gesellschaft in die Höhe zu bringen. Denn das weiß jedes Kind, das weiß

die ganze Welt. Und dieser Lumpenkerl wagt es, Joe’s Namen in seinen

verruchten Lügenmund zu nehmen. Alles nur wegen der Wahlen — Sie

verstehen? Das soll die Leute bei der Abstimmung beeinflussen, daß sie

Delegierte der Opposition wählen. Sie verstehen?“

Grimmig zerriß er das Blatt, ballte die Fetzen zu einem Knäuel und

schleuderte diesen mit einem Ausruf des Ekels zum Fenster heraus.

Kingscourt lachte: „Ob ich das verstehe! Geliebter Mikrobenvater, ich

habe doch auch in der Welt jelebt. Ich werde doch wissen, was die

Menschen für jemeine Bestien sind. Wissen Sie, offen jestanden hab’ ich

an manches in Eurer Neuen Jesellschaft, trotz Oojenschein nich

jeglaubt. Die janze Jeschichte war mir ’n bißchen zu rosenrot und

potemkinisch. Seh’ ich aber, daß Ihr auch Hallunken von allen Sorten

auf Lager habt, dann fängt es an, mir einzuleuchten. Dann muß auch ich

oller Wüstenpilger zujeben, daß die Jeschichte wahr ist.“

Im übrigen war aber in diesem Kreise von den Wahlen nicht mehr viel die

Rede, so schwer es auch schien, dem Tagesereignis auszuweichen, das

durch alle Ritzen hereindrang. Man bedauerte David Littwak, weil er

sich so tief in den Streit eingelassen habe; doch nun kam er ja bald

zur Ruhe. Er hatte oft erklärt, daß er gleich nach den Wahlen zu seinen

gewohnten Arbeiten zurückkehren werde. Das Mandat eines Delegierten

strebte er zwar an und wollte es ausüben, aber der Kongreß tagte nur

wenige Wochen im Jahre.

Auf Mirjams Anregung benutzten Friedrich und die Freunde gerade diesen

Wahltag, um einen von der Politik weit abgelegenen Ort aufzusuchen,

nämlich eine Künstlerwerkstatt. Mirjam und Friedrich fuhren mit dem

Professor hinaus nach dem Atelier des Malers Isaaks. Das Haus des

Meisters lag in einer stillen Gegend im Osten der Neustadt. Es enthielt

Kunstschätze erlesener Art. Isaaks liebte die edle Geselligkeit, und

die Feste, die er öfters in seinem Palästchen veranstaltete, waren

durch ihre Pracht und Feinheit berühmt.

Die Mauer des Künstlerhauses, die der Straße zugekehrt war, ließ noch

nichts von der heiteren Eleganz des Inneren ahnen. Um so freudiger war

man überrascht, wenn man den Vorhof betrat. Isaaks hatte sich ein

reizendes Heim geschaffen. Die Vorhalle, deren Glasdach auf den

vergoldeten Knäufen schlanker Marmorsäulen ruhte, war mit alten

Gobelins verkleidet. Hier standen einige meisterhafte Nachbildungen

antiker Skulpturen. Die Gäste wurden von einem Diener weitergeführt und

kamen in einen Hof, der die Mitte des Hauses einnahm. Es war dies

eigentlich ein Salon ohne Zimmerdecke. Der blaue Himmel war sein

Plafond. Auf drei Seiten war der mit großen Steinplatten belegte Hof

von Säulengängen umgeben, auf der vierten Seite grenzte ihn gegen den

Garten ein auf Rädchen verschiebbares vergoldetes Gitter ab, das jetzt

weitgeöffnet stand. Man blickte in den Garten hinaus, der um mehrere

Stufen tiefer lag und nicht sehr groß war, jedoch durch eine kunstvolle

Stellung der Gebüsche den Eindruck bedeutender Tiefe machte. Aus dem

Palmengrün leuchtete da und dort der Marmor edler Bildsäulen. Im Hofe

selbst befand sich in der Mitte ein Springbrunnen mit weitem Becken,

dessen Wasser leise rauschten. Gute Lehnstühle von reicher

Verschiedenheit der Formen waren in Plauderwinkeln gruppiert. Der

breite um einige Stufen erhöhte Säulengang, der von drei Seiten den Hof

umgab, konnte in einen geschlossenen Raum verwandelt werden, indem man

aus der Tiefe Glaswände aufsteigen ließ. Aber in der milden Jahreszeit

war alles offen. Dieser Hof mit seinen Kolonnaden bildete einen

einzigen herrlichen Saal. Es führten aus dem Säulengange hohe,

geschnitzte Thüren nach anderen Räumen des Hauses. Einzelne waren

geöffnet, man erblickte den Prunk ihrer Ausstattung. Es war der Palast

eines Fürsten der Kunst.

Und dort die Thüre, die jetzt aufging, war die seines Ateliers. Isaaks,

dem die Gäste gemeldet worden, kam in Begleitung eines vornehm

aussehenden Paares. Professor Steineck stellte Friedrich vor, und

Isaaks nannte die Dame und den Herrn, die bei ihm waren: Lord Sudbury

und Lady Lillian, dessen Gemahlin. Sie hielten sich in Jerusalem auf,

weil Isaaks das Porträt der schönen Lady Lillian malte. Meister Isaaks

war ein stattlicher Mann von etwa vierzig Jahren. Er bewegte sich und

sprach mit einer heiteren Würde; man sah ihm die Gewohnheit an, mit

eleganten Leuten als Gleichgestellter zu verkehren. Und doch war auch

er ein armer Judenjunge gewesen, der es nur von Talentes Gnaden zu

seinem jetzigen Range in der Welt gebracht hatte.

Isaaks weckte durch seine liebenswürdige Art sehr bald ein Gefühl des

Behagens bei seinen Gästen. Diener trugen Erfrischungen herbei. Dann

brannten die Herren Cigarren an — duftende Kräuter, die, wie der

Hausherr lächelnd bemerkte, in Palästina gewachsen waren. Es war das

Einzige, worauf er mit sichtlichem Stolze hinwies. „Blume des Jordans“

nenne man die Sorte. Die Tabakspflanzungen lagen nämlich im

Jordanthale.

Während die Herren schmauchten und plauderten, hatte sich die schöne

Lady Lillian der ihr schon von früheren Besuchen her bekannten Mirjam

genähert und flüsterte ihr bittend etwas zu. Mirjam schien abzulehnen

und milderte ihre Weigerung durch ein Lächeln. Es kam Friedrich vor,

als hätte Mirjam beim verneinenden Kopfschütteln nach ihm hingeblickt.

Auch Lady Lillian sah ihn daraufhin flüchtig an. Die Damen standen

jetzt am goldenen Gitter, zwei schlanke Gestalten, die den Blick

erfreuten. Mirjam, dunkelhaarig und von etwas kleinerem Wuchs, machte

in ihrer sehr einfachen Kleidung doch keine schlechte Figur neben der

hochragenden, blonden Engländerin, deren Toilette auf die Kunst eines

Pariser Schneiders hinwies. Friedrich hatte ein unbestimmtes Gefühl von

Stolz, als er das Judenmädchen, die Tochter des Hausierers in so

bescheidener und doch nicht unsicherer Haltung neben der englischen

großen Dame sah. Und im Tone seines abwesenden Freundes Kingscourt

dachte er sich:

„Alle Deibel — nu bringen wir es sogar zu einem bescheidenen Auftreten

in der Gesellschaft.“

Aber die Lady und Mirjam schritten jetzt langsam in den Garten hinaus,

und Friedrich, so gern er ihnen auch gefolgt wäre, mußte dableiben,

denn das Gespräch wandte sich hauptsächlich an ihn. Ihm erklärte man

Dinge, die er noch nicht wußte: die Rolle der Kunst und Philosophie in

der Neuen Gesellschaft. Jetzt erst, als Meister Isaaks mit seiner

wohlklingenden Stimme davon sprach, fiel es Friedrich ein, daß ihm ein

Aufschluß über die Fragen bisher gefehlt hatte. Er hatte den Tempel und

die elektrischen Maschinen, das alte Volk und die neuen Formen seiner

Vergesellschaftung in Altneuland gesehen. Aber wie stand es mit den

Bedürfnissen feiner Geister in Kunst und Wissenschaft? Dies war ja vor

Zeiten ein gewichtiger Einwand der sogenannten modernen Menschen gegen

die zionistische Bewegung gewesen. Man hatte die Idee von der

Wiedergeburt des jüdischen Volkes als eine blödsinnige Reaktion, als

eine Art chiliastischen Schreckens hingestellt. Und nun hörte Friedrich

vom Maler Isaaks, daß es mit nichten so war. In der Neuen Gesellschaft

herrschte alles eher als Volksverdummung, wenn man auch einen jeden

nach seiner Façon selig werden ließ. Glaubenssachen waren ein- für

allemal von der öffentlichen Beeinflußung ausgeschaltet. Ob einer im

Tempel, in der Kirche, in der Moschee, im Kunstmuseum oder im

philharmonischen Konzerte die Andacht suchte, die ihn mit dem Ewigen

verbinden sollte, darum hatte sich die Gesellschaft nicht zu kümmern.

Das machte jeder füglich mit sich selbst aus.

Kunst und Philosophie hatten ihre unabhängige Pflegestätte in der

Jüdischen Akademie, die ja auch keine funkelnagelneue Erfindung war,

sondern in der Französischen Akademie ein jahrhundertealtes Vorbild

besaß. Die Mittel zur Errichtung dieser Akademie waren von einem

reichen Amerikaner gestiftet worden, der als Gast die Reise des

Dampfers Futuro mitgemacht hatte. Der Geist vom Futuro sollte auch

immer die Jüdische Akademie erfüllen, dafür war in den Satzungen nach

Möglichkeit vorgesorgt. Vierzig war die Zahl der Mitglieder, gleichwie

im Palais Mazarin, und wenn ein Fauteuil durch Todesfall frei wurde, so

wählten die übrigen Mitglieder den würdigsten Nachfolger. Die

Mitglieder bezogen einen Gehalt, welcher sie jeder Sorge um den

Lebensunterhalt enthob, so daß ihre Kunst, Philosophie und

Gelehrsamkeit nach keiner Gunst auszuschielen brauchte. Es ergab sich

auch von selbst, daß die vierzig Juden der Akademie von nationalem

Chauvinismus frei waren. Als dieses Institut errichtet wurde, kamen

seine ersten Mitglieder aus verschiedensprachigen Kulturen zusammen und

einigten sich auf dem Boden der Menschlichkeit. So schuf ihr

Beisammensein einen Geist, welcher nicht entthront werden konnte, weil

sie selbst sich die folgenden Genossen wählten. Die erste Satzung des

Stifters aber lautete:

„Die Jüdische Akademie hat die Aufgabe, das Verdienst einzelner um die

Menschheit aufzusuchen.“

Diese Aufgabe war selbstverständlich nicht an die Grenzen des Landes

gebunden.

Die Vierzig der Jüdischen Akademie bildeten auch das Ordenskapitel der

Judenehre, die ebenfalls nach einem französischen Muster geschaffen

war: nach der Ehrenlegion. Das Abzeichen war ein gelbes Band im

Knopfloch. Friedrich hatte dieses Bändchen schon bei mehreren gesehen,

aber es nicht sonderlich beachtet. Es war offenbar die wohlbekannte

Ordensnarrheit der früheren Zeit. Dennoch machte es auf ihn einen

gewissen Eindruck, als Meister Isaaks, der gleich dem Professor

Steineck das gelbe Bändchen besaß, in dieser Weise davon sprach:

„Sie dürfen nicht glauben, lieber Doktor Löwenberg, daß wir das aus

lauter Dummheit und Eitelkeit eingerichtet haben. Die Ehre verlangt

auch nach einer Umlaufsmünze, das haben die Staatskünstler der alten

Gesellschaft wohl erkannt. Warum hätten wir dieses Mittel verschmähen

sollen, womit man für die Gemeinschaft so viel erzielen kann? Nur haben

wir seinen Wert von vorneherein hoch zu halten uns bemüht, indem wir es

schwer erreichbar machten. Die höheren Grade sind sehr selten.

Großmeister ist der Präsident unserer Akademie, und diese, das

Ordenskapitel der Judenehre besteht aus Leuten, die keinerlei

Privatinteressen haben und von allem politischen Treiben entfernt sind.

Daraus ergiebt sich, daß diese Auszeichnung für Geld oder Parteidienste

nicht zu haben ist. Wenn einer gute Geschäfte gemacht hat, so zeichnen

wir ihn dafür nicht aus. Darum waren ja die Orden in der alten

Gesellschaft lächerlich. Bei uns bedeutet dieses sonst so komische

Bändchen ernste Leistungen, die dazu dienten, das allgemeine Niveau zu

heben. Die Farbe aber soll uns an die schwersten Zeiten unserer

Volksgeschichte erinnern und uns noch im Erfolge zur Demut mahnen. Aus

dem gelben Fleck, den unsere unglücklichsten, standhaften Väter tragen

mußten, aus dem Zeichen der Schande haben wir das Zeichen der Ehre

gemacht.“

„Sie verstehen?“ rief Steineck.

Friedrich nickte nachdenklich.

In diesem Augenblicke meldete ein Diener den Doktor Marcus. Meister

Isaaks erhob sich rasch und eilte dem weißbärtigen alten Herrn

entgegen:

„Sie kommen wie der Wolf in der Fabel, Herr Doktor!“ sagte Isaaks und

stellte den Lord und Friedrich vor. „Herr Doktor Marcus ist der

Präsident der Jüdischen Akademie ... Ich habe meinen lieben Gästen

soeben einiges von der Akademie erzählt. Lord Sudbury wußte ja das

meiste schon, aber diesem Herrn, obwohl er ein Jude ist, war alles

neu.“

„Wie ist es möglich?“ fragte Doktor Marcus.

Friedrich berichtete mit wenigen Worten seine Schicksale. Der Präsident

der Akademie hörte mit leisem Kopfschütteln zu. Dann sagte er:

„Vor zwanzig Jahren! Ja, ja, ich begreife Ihre Verwunderung. Und doch

war schon alles vorhanden. Erinnern Sie sich der Worte des Koheleth:

Was ist’s, das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird. Was

ist’s, das man gethan hat? Eben das man hernach wieder thun wird; und

geschieht nichts neues unter der Sonne ...“

„Erlauben Sie, mein lieber Präsident!“ schrie Steineck auf. „Das ist

denn doch wohl nur cum grano salis zu verstehen. Alles was ist, war

noch nicht da, und alles was kommen wird, liegt noch nicht hinter uns.

Ich erinnere Sie nicht an Koheleth, aber an Stockton-Darlington. Sie

verstehen?“

„Was ist das mit Stockton-Darlington?“ erkundigte sich Lord Sudbury.

„Meinen Sie die erste Eisenbahnlinie der Welt, die George Stephenson

vor hundert Jahren baute?“

„Ganz recht, Mylord!“ rief der Professor. „Wir haben in unserer

Akademie vor einigen Tagen den Beschluß gefaßt, der gesamten

zivilisierten Welt einen Vorschlag zu machen. Es soll im Jahre 1925 die

Feier von Stephensons That begangen werden, und zwar in würdiger Weise.

Es sollen nämlich in der Minute, wenn die hundert Jahre voll sind, alle

eben fahrenden Lokomotiven auf allen Linien der Erde drei lange

Signalpfiffe ertönen lassen. Das ist die Stockton-Darlington-Feier, die

wir proponieren. In der ganzen Welt werden die Menschen, die in dieser

Minute im Coupé sitzen, an Stephenson denken müssen, an den Bringer der

neuen Zeit ... Sie werden mir zugeben, mein guter Präsident, daß die

Weisheit des Koheleth zwischen Stockton und Darlington entgleist.“

Doktor Marcus entgegnete freundlich:

„Das gebe ich gerne zu, um so lieber, als ich es gar nicht bestritten

habe. Ich dachte nur an die Coexistenz der Dinge, die mich oft

beschäftigt. Es ist der Gedanke meiner Ruhe, meiner Beruhigung. Die

Jahre oder Monate oder Tage, die ich noch im Lichte zu verbringen habe,

sind mir darum angenehm. Ich sage keineswegs: sie gefallen mir nicht.

Es ist mein Trost, daß alle Dinge, die waren, da sind. Auch das

Künftige ist schon vorhanden, und ich kenne es: es ist das Gute. So

komme ich aus denselben Voraussetzungen zu einem anderen Schlusse, als

der Prediger, der Sohn Davids, der über Israel König war zu Jerusalem.

Aber vielleicht hat auch der Prediger Salomo dasselbe gemeint, obwohl

er sagte, daß alles ganz eitel sei, und obwohl er fragte, was der

Mensch für Gewinn von all seiner Mühe unter der Sonne habe. Alles ist

eitel, jawohl, wenn wir es aus dem vergänglichen Gesichtspunkte unserer

Person ansehen. Aber es ist nicht eitel, wenn wir imstande sind, unsere

eigene Person davon hinwegzudenken. Dann sind sogar meine Träume ewig,

denn andere werden sie träumen, wenn ich nicht mehr da bin. Schönheit

und Weisheit gehen nicht verloren, auch wenn ihre Hervorbringer

sterben. Gleichwie es keinen Gebildeten giebt, dem die Erhaltung der

Energie unbekannt ist, so müssen wir uns auch von dem Lehrsatze

durchdringen lassen, daß es eine Erhaltung der Schönheit und Weisheit

giebt. Ist etwa die Kunst der heiteren Griechen vergangen? Nein, sie

wird in anderen Zeitaltern immer wieder neugeboren. Sind die Sprüche

unserer Weisen etwa erloschen? Nein, sie leuchten fort, wenn sie auch

am Tage des Glückes weniger sichtbar sind, als in der Nacht des

Unglücks. Darin gleichen sie allen Flammen ... Und was folgt daraus?

Daß wir es uns sollen angelegen sein lassen, die Schönheit und Weisheit

auf dieser Erde zu vermehren, bis zu unserem letzten Augenblick. Denn

die Erde sind wir selbst. Wir sind von ihr und kehren wieder zu ihr

hin. Sagt es doch schon Koheleth, und dem haben wir auch heute nichts

hinzuzufügen: Die Erde bleibet aber ewiglich! ...“

Nach den Worten Doktor Marcus’ schwieg man ein Weilchen. Jeder gab sich

seinen Gedanken hin. Und in dieser Stille hörte man auf einmal den

Gesang einer Frauenstimme, die durch Mauern und Thüren gedämpft

herausklang. Nun wollte erst recht keiner mit lauter Rede stören.

„Wer ist die Sängerin?“ sagte Friedrich flüsternd.

„Wie, Sie wissen es nicht?“ entgegnete Isaaks. „Fräulein Mirjam!“ Der

Meister erhob sich und schritt in den Säulengang. Er öffnete

geräuschlos die Thüre des Musikzimmers, in das die beiden Damen sich

vorhin zurückgezogen hatten. Jetzt kam der herrliche Gesang voll

heraus. Mirjam, die sich nicht belauscht wußte, sang der Lady Lillian

Schumann und Rubinstein und Wagner, Verdi, Gounod — die Musik aller

Völker vor. Unerschöpflich flossen die Melodien, und eine Seligkeit

überkam den zuhörenden Friedrich im Kreise dieser erlesenen Geister,

die still und hoch das Leben in den edelsten Formen verwirklichten: in

Schönheit und Weisheit. Als aber die Sängerin Mirjam das Lied anhub,

das er immer sehr geliebt hatte, das sehnsuchtsvolle Lied aus Mignon:

„Kennst du das Land, wo die Citronen blühn ...“

da sagte Friedrich halblaut vor sich hin:

„Dies ist das Land!“

Altneuland · 第 56 / 77 题