Die Reisegesellschaft besichtigte dann noch die musterhaften
landwirtschaftlichen Einrichtungen von Neudorf. Mr. Kingscourt
interessierte sich besonders für die chemische Versuchsstation und das
moderne Maschinenhaus der Gemeinde. Friedrich Löwenberg verweilte
länger in der Volksschule und in der mit populärwissenschaftlichen
Werken reich versehenen öffentlichen Bibliothek. Mirjam, die als
Lehrerin Bescheid wußte, gab ihm über alles Auskunft. Er war zuerst
froh erstaunt, aber je mehr er von den schönen und nützlichen
Vorkehrungen für die geistige und körperliche Hebung des
heranwachsenden Geschlechtes erfuhr, umso trauriger wurde seine Miene,
und endlich seufzte er tief.
„Was haben Sie, Herr Doktor?“ fragte Mirjam freundlich.
„Es fällt mir schwer aufs Herz, Fräulein Mirjam! Ich sehe jetzt, daß
ich eine Pflicht versäumt habe. Ich hätte mitthun können, mitthun
müssen an diesem wundervollen Werke der Volksaufrichtung. Ich war einer
von den Gebildeten und hätte verstehen müssen, was in der Zeit sich
vorbereitete. Aber nein, ich war nur mit meinen eigenen jämmerlichen
Schmerzen beschäftigt. Ich lief davon, ich verbrachte zwanzig Jahre in
der dümmsten Nutzlosigkeit. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie mir zu
Mute ist. Ich — ich schäme mich.“
Sie wollte begütigend abwehren.
„Nein, Fräulein Mirjam, versuchen Sie nicht, mich zu trösten. Sie, mit
Ihrem nützlichen Leben, Sie können mir nur aus Erbarmen widersprechen,
nicht aus Ueberzeugung. Ich schäme mich meiner Unthätigkeit, meines
Egoismus. Ein gebildeter Jude meiner Zeit hatte die Pflicht, sich
seines armen Volkes anzunehmen. Diese Pflicht habe ich schmählich
desertiert. Beklagen Sie mich, Fräulein Mirjam, aber verachten Sie mich
wenigstens nicht!“
„Verachten! Wie könnte ich das?“ erwiderte sie mit ihrer weichen
Stimme. „Sie, den Wohlthäter unseres Hauses verachten?“
„Ach, bitte, sprechen Sie nicht mehr davon!“ sagte er. „Sie demütigen
mich nur, wenn Sie mich loben. Ich weiß ja zu gut, daß ich kein Lob
verdiene. Es giebt eine Pflicht der Intellektuellen, wie es in alten
Zeiten ein Noblesse oblige! gab. Es ist die Pflicht, an der Erhöhung
des Menschengeschlechtes mitzuwirken, jeder nach seiner Kraft und
Einsicht. Mit all Ihrer Güte, Fräulein Mirjam, werden Sie mir nicht
begreiflich machen können, daß ich mir keinen Vorwurf zu machen habe.“
„Ist es denn schon zu spät?“ gab sie zur Antwort. „Sie können ja noch
in die Reihen der Neuen Gesellschaft eintreten. Man wird Ihnen einen
Platz anweisen, wo Sie sich bethätigen können. Bei uns ist jede Kraft
willkommen. Sie hörten es von meinem Bruder. Und wie gerne wird man Sie
aufnehmen!“
„Glauben Sie das wirklich, Fräulein Mirjam?“ sagte er beglückt. „Es
wäre noch nicht zu spät? Ich könnte noch ein nützlicher Mensch werden?“
„Gewiß!“ lächelte sie.
In ihm wallten Hoffnungen auf. Er fühlte sich plötzlich verjüngt, er
sah ein neues Leben vor sich auftauchen. Aber dann fiel es ihm ein, und
er seufzte stärker:
„Ach nein, Fräulein Mirjam! Es wäre zu schön. Ich kann nicht thun, wie
ich wollte. Ich darf nicht hierbleiben. Ich bin nicht frei.“
Da wurde sie um einen Schatten blässer, und ihre Stimme zitterte
leicht:
„Sie sind nicht frei?“
„Nein, ich bin für Lebenszeit an jemanden gebunden.“