3. KAPITEL.

„Will noch jemand reden?“ fragte Friedmann, der Vorsitzende.

„Ich!“ schrie Mendel, und war mit einem Satz auf der Rednerbühne.

„Der Herr Architekt Steineck hat uns e Red’ gehalt’n. Me kenn sag’n es

war e scheene Red’, me kenn auch sag’n, es war e grobe Red’. Ich sag’,

es war e grobe Red’.“

Friedmann fiel ihm ins Wort:

„Du, Mendel, beleidigen wirst du nicht! Das erlaub’ ich nicht.“

Aber Mendel entgegnete:

„Beleidigen? Wer beleidigt? Er hat uns beleidigt. Er hat gesagt, mir

sein nit wert, daß uns bescheint de Sonn’. Worum sein mir es nit wert?

Weil mir nit woll’n ereinlass’n e jed’n. Wer hat sech geplagt un

gerackert mit den Boden? Mir! Wer hat erausgeklaubt de Staner? Mir! Wer

hat ausgetrocknet de Sümpf’, gegrab’n de Kanäl’, gepflanzt de Bäum’,

wer hat geschwitzt un gefror’n bis dos alls fertig war? Mir, mir, mir!

Un jetzt auf amol soll es nix uns gehörn? Na, dos is ka Red’. Mir

sennen ehergekummen, da war hier nix, gar nix. Jetzt is da e

Musterwirtschaft. Da drin steckt unser Schweiß un Blut un unsere Arbet.

Dos mit’n nächsten un dauernden Vorteil, dos versteh’ ech nit.

Vielleicht versteht’s Etz es besser? Was den Dr. Geyer betrefft, der

liegt mir stark auf. Was er früher gesogt hat, liegt mir auch stark

auf. Aber jetzt hat er Recht, dos waas ech. Wos mir uns geschafft hob’n

mit unsere Händ, dos muß uns bleib’n, dos lass’n mir uns nit

ewegnemmen, von niemanden. So! Mehr hob ech nit zu sog’n.“

Schüchterner Beifall regte sich in der Menge, aber man hielt sich

offenbar aus Rücksicht auf die Gäste von einem lauten Ausbruche zurück.

Nachdem Mendel abgegangen war, schritt David Littwak zur Tribüne. Sein

Gesicht hatte einen ernsten Ausdruck, als er mit klarer, weithin

vernehmbarer Stimme anfing:

„Meine Freunde! Ihr werdet mich anhören. Ihr wißt, ich bin aus eurem

Blut. Ich habe wie ihr auf dem Felde gearbeitet, an meines Vaters

Seite. Ich habe mich etwas höher hinaufgeschwungen, aber ich kenne die

Schmerzen und Freuden des Landmannes. Ich weiß, wie euch zu Mut ist,

und dennoch sage ich euch, daß Mendel nicht Recht hat.

Vorerst denkt niemand daran, euch etwas wegzunehmen, was euch gehört.

Wenn das einer versuchen wollte, würde ich bis zu meinem letzten

Atemzuge an eurer Seite kämpfen. Nein, es handelt sich gar nicht darum,

eure guten erworbenen Rechte zu schmälern. Die Früchte eurer Arbeit

sollen euch bleiben und werden sich mehren. Die Frage steht anders,

ganz anders, als man es euch sagte.

Mendel ist guten Glaubens, aber er irrt sich. Vor allem irrt er sich

darin, wenn er meint, daß alles, was wir sehen können, das Werk eurer

Hände ist. Eure Hände haben es gemacht, aber eure Köpfe haben es nicht

erdacht. Ihr seid zwar, Gottlob! nicht so unwissend, wie es die Bauern

früherer Zeiten und anderer Länder waren, aber doch kennt ihr die

Herkunft eurer eigenen glücklicheren Verhältnisse nicht. Was ist

Neudorf? Wer es zum erstenmal sieht, ohne die Geschichte der

Niederlassung zu kennen, der wird sich höchstens wundern oder freuen,

daß an der alten Römerstraße nach Tiberias, im Wadi Rummane diese

blühende Ortschaft entstanden ist. Ich bin heute mit zwei fremden

Herren herausgefahren, und ich war stolz, ihnen unsere Herrlichkeiten

zeigen zu können, unsere Felder, auf denen jetzt die Gerste blüht,

unsere Weiden und Baumschulen, unsere grünen Gärten, unsere schmucken

Häuser, unsere Zuchttiere und Maschinen, unsere Bewässerungen und

unsere eroberten Moore. Ich sage unser, obwohl mir keine Spanne Feld

und kein Stück Vieh gehört. Alles ist euer, aber ich fühle mich da so

zu Hause, daß ich „unser“ sagen kann. Und wenn mich die Herren fragen,

wer das alles in zwanzig kurzen Jahren hervorgezaubert hat, so werde

ich ihnen genau so wie Mendel antworten: Wir, wir, wir!

Ja, aber wie? Sind wir einfach hergegangen und haben mit unseren Händen

gearbeitet, wie Mendel sagt? Mit unseren ungeschickten Händen, die

früher so wenig die Feldarbeit gewohnt waren? Wie konnten wir solche

Resultate erzielen, die man früher hier nie erzielt hat? Wenigstens hat

man sie nie erzielt, bevor die deutschen protestantischen Bauern am

Ende des neunzehnten Jahrhunderts hierherkamen und einzelne Kolonien

gründeten. Und diesen Tüchtigsten der Tüchtigen haben wir es

gleichgethan, haben sie sogar überflügelt. Wie ist das zugegangen?

Es ist wahr, ihr habt gearbeitet, mit der ganzen Begeisterung, die wir

Juden für unsere heilige Erde haben. Für andere war das ein

unergiebiger Boden, für uns war es ein guter, weil wir ihn mit unserer

Liebe düngten. Unsere ersten ruhmreichen Kolonisten haben das schon vor

dreißig Jahren gezeigt. Und doch waren jene Ansiedelungen ökonomisch

nicht viel wert, weil sie nach einem falschen Prinzip errichtet waren.

Die dort drüben konnten mit all ihren modernen Maschinen doch nur das

alte Dorf machen. Ihr aber habt das neue Dorf, und das ist nicht allein

eurer Hände Werk, meine Freunde!

Und ihr werdet es für einen Scherz halten, wenn ich euch sage, daß

Neudorf gar nicht in Palästina gebaut worden ist, sondern anderswo. Es

ist gebaut worden in England und Amerika, in Frankreich und in

Deutschland. Es ist entstanden aus Erfahrungen, Büchern und Träumen.

Die mißglückten Versuche von Praktikern wie von Phantasten mußten euch

zur Lehre dienen, ihr wißt es gar nicht.

Ehemals gab es Bauern, die so fleißig waren, wie ihr, und doch auf

keinen grünen Zweig kommen konnten. Der Bauer alten Stils kannte seinen

eigenen Boden nicht. Er wußte nicht, was in seiner Erde stak, denn er

war zu beschränkt, um die Scholle chemisch untersuchen zu lassen. Er

schwitzte nur darauf los, wandte mehr Kraft auf als nötig war oder an

der unrichtigen Stelle oder mit ungeeigneten Mitteln. Der alte Bauer

konnte nicht ökonomisch arbeiten, weil er wie im Nebel nicht drei

Schritte vor sich hin sah. Brauchte er für Verbesserungen Kredit,

geriet er in Wucherschulden, so daß auch der beste Ertrag schon auf dem

Halm hin war. Gegen Hagelschlag und Ungezieferplage war er nicht

versichert. Zur Bewässerung und Entwässerung des Bodens reichte seine

einzelne Kraft nicht aus. Bei Mißwachs kam er ins Elend und eine gute

Ernte machte ihn nicht reich, weil er den Weltmarkt nicht aufsuchen

konnte. Er hatte zu wenig oder zu viele Arbeitskräfte. Seine hungrigen

Kinder konnte er nichts lernen lassen, und so wuchsen sie in derselben

Dumpfheit auf, wie er selbst und seine Vorfahren. Und als die neuen

Verkehrsmittel aufkamen, da schien es, als wären alle nur für den

Untergang der alten Bauern ersonnen. Der Ackerbau wurde in

jungfräulichen Ländern großwirtschaftlich. Die Maschinen machten den

großen Grundbesitzer noch reicher und den kleinen noch ärmer. Eine neue

Hörigkeit entstand. Der freie Bauer mußte Knecht werden und seine

Kinder wanderten als Lohnsklaven in die Gefangenschaft der Fabrik.

Im Bauernstande war die alte Gesellschaft an ihrer breiten Grundlage

getroffen, und viele rechtschaffene Männer haben darüber geseufzt,

haben studiert und probiert, wie man es bessern könnte. Alle

Hilfsmittel der Wissenschaft und Erfahrung wurden aufgeboten. Das eine

war jedem klar, daß im Zeitalter der Maschinen die Grundbedingungen der

menschlichen Existenz unserer neuen Kenntnis der Naturkräfte angepaßt

werden mußten. Das neunzehnte Jahrhundert war ein merkwürdig hinkendes

Zeitalter.

Im Anfange dieser kuriosen Zeit nahm man die konfusesten Schwärmer

ernst und hielt die praktischsten Erfinder für verrückt. Der große

Napoleon glaubte nicht, daß das Dampfschiff Fultons etwas nützliches

sei. Hingegen gewann der verworrene Fourier gleich einen Anhang für

seine Phalansterien, die den Wohn- und Arbeitsort für einige hundert

Familien bilden sollten. Stephenson, der Begründer der Eisenbahn und

Cabet, der Träumer von Ikarien, waren Zeitgenossen. So könnte ich euch

noch viele Namen nennen, die ihr vielleicht zum erstenmal hört.“

Alle hatten diesen Worten, die mehr ein belehrender Vortrag als eine

Volksrede sein wollten, ruhig gelauscht. Jetzt, in der Atempause

Davids, erhob sich Mendel und sagte höflich, aber laut: „Zu der Sach’!

Wos hat dos mit unser Neudorf zu schaff’n?“

David entgegnete gelassen:

„Sehr viel, meine Freunde!

Jeder neuen Maschine pflegte in diesem kuriosen neunzehnten Jahrhundert

ein neuer sozialistischer Traum zu antworten. Dieses Jahrhundert ist

mir immer wie eine große Fabrik erschienen, in der sinnreiche Apparate

von unglücklichen Menschen bedient wurden. Aus dem Fabrikschlote

stiegen Rauchwolken in den Himmel, der früher blau gewesen. Diese

wunderlich geformten, unbestimmten, zerfließenden Rauchwolken aber

stellten die Zukunftsverheißungen der Sozialisten dar. Und wenn die

seufzenden Menschen hinaufblickten, sahen sie nicht mehr ihren Himmel

von einst, sondern die fabriksrauchgeborenen Wolken eines

Zukunftsstaates.

Es gab auch rosigere Wolken, zum Beispiel die berühmte Wolke des

Amerikaners Bellamy, der in seinem „Rückblicke aus dem Jahre 2000 auf

das Jahr 1887“ eine edle kommunistische Gesellschaft darstellt. Dort

kann jeder aus der allgemeinen Schüssel so viel essen, als er mag. Der

Wolf weidet neben dem Lamm. Schön, sehr schön! Nur sind dann die Wölfe

keine Wölfe und die Menschen keine Menschen mehr. Nach Bellamy kam der

Staatsromantiker Hertzka und entwarf seine Utopie „Freiland“, ein sehr

brillantes Zauberkunststück, vergleichbar dem unerschöpflichen Hute des

Taschenspielers. Es sind schöne Träume oder wenn ihr wollt Luftschiffe,

aber lenkbar sind sie nicht. Denn diese edlen und menschenfreundlichen

Erzähler begannen ihre sinnreichen Werke mit einem Beweisfehler. Die

Gelehrten unter euch — ich weiß, daß es auch in Neudorf wie vor dreißig

Jahren in Katrah gelehrte Bauern giebt — die werden mich verstehen,

wenn ich sage, daß die Erzähler jener Utopien eine petitio principii

begingen. Sie bewiesen mit etwas, das erst zu beweisen war: nämlich,

daß die Menschen bereits die Reife und Freiheit des Urteils hätten,

welche zur Einrichtung einer anderen Gesellschaft nötig sind. Oder

vielleicht waren sie sich darüber klar, und es fehlte ihnen nur der

feste Punkt, an dem Archimedes den Hebel einsetzen wollte. Sie

glaubten, die Maschinerie sei das Wichtigste, um etwas Modernes zu

schaffen. Nein, die Kraft ist es, nach wie vor die Kraft, immer nur die

Kraft. Freilich, wenn ich einmal über die Kraft verfüge, dann werde ich

sie durch die neuesten Erfindungen im Maschinenwesen aufs höchste

ausnützen. Wir aber, wir hatten diese Kraft. Woher hatten wir sie? Aus

dem ungeheuren und allseitigen Druck, der auf uns geübt wurde, aus der

Verfolgung, aus der Not. Das trieb die Zerstreuten zusammen und machte

ihre Vereinigung stark, denn es waren nicht nur Arme, sondern auch

Mächtige, nicht nur Junge, sondern auch Weise, nicht nur Enthusiasten,

sondern auch Gebildete, nicht nur Hände, sondern auch Köpfe dabei. Ein

Volk, ein ganzes Volk fand sich zusammen, nein, fand sich wieder. Und

wir haben die neue Gesellschaft gemacht, nicht weil wir bessere

Menschen waren, sondern nur ganz einfach Menschen mit den

gewöhnlichsten menschlichen Bedürfnissen nach Luft und Licht, nach

Gesundheit und Ehre, nach Freiheit im Erwerben und Sicherheit im

Besitze. Und da wir ans Bauen gehen mußten, haben wir uns eben das Haus

von 1900 und nicht etwa das Haus von 1800 oder von 1600 oder aus irgend

einer früheren Epoche gebaut. Das ist doch alles selbstverständlich und

klar. Wir hatten dabei kein großes Verdienst, wir leisteten nichts

ungewöhnliches, wir thaten nur, was zu thun in unserer Zeit, unter

unseren Umständen eine historische Notwendigkeit war.“

Mendel wurde ungeduldig und lärmte:

„Zu der Sach’! Zu der Sach’!“

David sagte freundlich:

„Ich bin gleich zu Ende, denn ich will euch nur euren Anfang zeigen.

Euer Anfang wäre nicht möglich gewesen, ohne die riesige

sozialpolitische Arbeit, welche im neunzehnten Jahrhundert geleistet

wurde. Einzelne Juden haben sich an dieser Arbeit beteiligt, aber

keineswegs Juden allein. Was aus den gemeinsamen Anstrengungen

hervorging, darf keine Nation als ihr Eigentum ausgeben. Es gehört

allen Menschen. Wer dankbar oder wißbegierig ist, wird vielleicht nach

den Pfadfindern auf diesem glücklicheren Wege der Menschheit fragen.

Dem angelsächsischen Stamme, meine Freunde, gebührt da der oberste

Ruhm. Denn bei den Engländern finden wir zuerst die Ansätze des

genossenschaftlichen Wesens, das wir übernommen und fortentwickelt

haben. Die deutsche Wissenschaft hat auch ihr tiefes Wort dazugegeben.

Wenn jemand von euch darüber mehr wissen will, so werde ich ihm die

Bücher zur Geschichte der Cooperation in England, Deutschland und

Frankreich zeigen.“

Ein junger Bauer erhob seine Hand, als wenn er zu sprechen wünschte.

Friedmann sah ihn und fragte laut:

„Was willst du, Jakob?“

Der Jüngling errötete, weil er nachträglich über seine Kühnheit

erschrak, und sprach in bescheidenem Tone:

„Ich hab’ Herrn Littwak nur sagen wollen, daß wir in der

Gemeindebibliothek die Geschichte der Pioniere von Rochdale haben.“

„Geben Sie sie Herrn Mendel zu lesen,“ antwortete ihm David. „Es ist

eine schöne, lehrreiche Geschichte. Die redlichen Pioniere von

Rochdale, wie man sie nannte, haben viel für euch gethan. Das heißt,

sie haben für die ganze Menschheit viel gethan — obwohl sie nur an sich

selbst dachten. Wenn ihr heute in euren Konsumverein geht und die

besten Waren zum billigsten Preise bekommt, so habt ihr das den

Pionieren von Rochdale zu verdanken. Und wenn euer Neudorf heute eine

blühende landwirtschaftliche Produktivgenossenschaft ist, so habt ihr

das den armen Märtyrern von Rahaline in Irland zu verdanken. Auch

diesen war es nicht klar, welche weltgeschichtliche That sie

vollbrachten, als sie im Jahre 1831 das erste neue Dorf der Welt mit

Hilfe ihres Gutsherrn Mr. Vandaleur begründeten. Ja, es vergingen viele

Jahrzehnte, bevor die Gelehrtesten und Klügsten die Idee von Rahaline

begriffen. Rochdale mit dem Konsumverein wurde viel früher verstanden,

als Rahaline mit dem neuen Dorf auf genossenschaftlicher Grundlage. Als

aber wir unsere neue Gesellschaft einrichteten, da legten wir natürlich

gleich das neue Dorf an, statt des schlechten alten. Nichts ist hier in

Neudorf, was nicht schon in Rahaline war. Der ganze Unterschied ist,

daß an Stelle des Mr. Vandaleur hier die große Vereinigung steht, deren

Mitglieder ihr auch wieder seid: nämlich die neue Gesellschaft.“

Wieder hob jener junge Bauer die Hand auf, und als der Redner erstaunt

einhielt, sagte er bescheiden:

„Wollen Sie uns nicht die Geschichte von Vandaleur und Rahaline sagen,

Herr Littwak?“

„Gern, meine Freunde! ... Zu jener Zeit war Irland ein armes Land mit

der unglücklichsten Bevölkerung. Die Landpächter waren

Lumpenproletarier, ja sogar Diebe und Mörder geworden. Es gab da einen

Gutsherrn, welcher Vandaleur hieß. Der hatte eine besonders ungestüme

Pächterschaft auf seinen Gütern. Anfangs 1831 war das Elend sehr groß.

Die Landleute begingen aus Not einige scheußliche Verbrechen. Mr.

Vandaleur hatte einen Verwalter, der wegen seiner Strenge bei den

Arbeitern verhaßt war, und in ihrer Verzweiflung ermordeten sie diesen

rohen Vogt. Was that nun Vandaleur? Etwas großes. Statt die Leute noch

härter zu behandeln, verfiel er auf den übermenschlichen Gedanken,

ihnen gutes zu thun. Er rief die trotzigen und verwahrlosten Männer

zusammen, vereinigte sie zu einer Arbeitergenossenschaft und gab dieser

Genossenschaft sein Gut Rahaline in Pacht. Der Zweck dieser Vereinigung

war, daß sie ein gemeinsames Kapital benutzen, sich gegenseitig

unterstützen, eine bessere Lebensweise führen und ihre Kinder

ordentlich erziehen sollten. Die Vorräte und Werkzeuge der Wirtschaft

sollten so lange Eigentum des Grundherrn Mr. Vandaleur bleiben, bis sie

von der Genossenschaft bezahlt würden. Darum sollte die Genossenschaft

ihre Reinerträge in einen Reservefonds bringen. Die Genossenschaft

verwaltete sich selbst. Ein Komitee wurde von den Mitgliedern frei

gewählt, es bestand aus neun Männern. Jeder dieser neun Räte hatte eine

Abteilung unter sich: der eine die Landwirtschaft, der andere die

Manufaktur, der dritte die Handelsgeschäfte, der vierte die

Jugenderziehung, und so weiter. Die täglichen Arbeiten wurden vom

Komitee bestimmt. Jeder mußte mitarbeiten, nach seinen Kräften. Der

Lohn, der den Mitgliedern von der Genossenschaft ausgezahlt wurde, war

der in der Gegend übliche. Von ihrem Lohn mußten sie geringe Abgaben an

den Krankenfonds und dergleichen leisten. Sie waren scheinbar

Lohnarbeiter eines Pächters, aber der Pächter waren sie selbst. Mr.

Vandaleur behielt sich nur die Oberaufsicht bei diesem Versuche vor.

Und der Versuch gelang wunderbar gut. Mr. Vandaleur bezog aus Rahaline

mehr Rente und Zinsen, als je vorher. Und die Arbeiter, die im tiefsten

Elend gelebt hatten, begannen plötzlich, ohne jeden Uebergang, wie von

einem Zauberstabe berührt, zu gedeihen. Sie arbeiteten mit Lust und

Erfolg. Sie wußten, daß sie es für sich selbst thaten, und das gab

ihnen Wunderkräfte. Dieselben Männer von Rahaline, die ihren Vogt

ermordet hatten, verrichteten die größten Arbeiten ohne Aufseher. Denn

sie beaufsichtigten sich gegenseitig. Ueber die Arbeitsdauer und

Leistung eines jeden Arbeiters wurde Buch geführt, und am Ende der

Woche erhielt jeder so viel, als er wirklich verdient hatte. Keine

Gleichheit im Verdienst! Dem Tüchtigen mehr, dem Faulen weniger!“

„Bravo!“ schrie hier jemand aus der Menge, und man lachte ein bißchen.

David aber fuhr fort:

„Es wurde bald festgestellt, daß ein Arbeiter von Rahaline im

Durchschnitte doppelt so viel leistete, wie ein Arbeiter der Umgegend.

Und es war doch derselbe Boden, es waren dieselben Menschen. Aber sie

hatten das erlösende Prinzip gefunden: die landwirtschaftliche

Produktivgenossenschaft! Die Lohnzahlung erfolgte nicht in Geld,

sondern in Arbeitsnoten, die nur im Kramladen von Rahaline Kurs hatten.

Aber alles, was sie brauchten, bekamen sie in ihrem Kramladen, der auch

der Genossenschaft gehörte. Der Laden führte nur Waren bester Qualität,

zu Engrospreisen. Die Geschichtsschreiber melden uns, daß die Leute von

Rahaline in ihrem Laden alles um fünfzig Prozent billiger bekamen.

Jedes Mitglied war steter Beschäftigung und desselben Betrages aus dem

Unterhaltungsfonds an jedem Tage des Jahres sicher. Die Kranken und

Invaliden fanden Unterhalt und Pflege. Beim Tode des Vaters war für die

Kinder gesorgt ... aber ich will euch da nicht lange erzählen, was ihr

in Büchern besser finden könnt. Ich werde euch lieber die Bücher von

Webb-Potter, Oppenheimer, Seifert, Huber und wie sie alle heißen, für

eure Bibliothek schicken.“

Noch einmal ließ sich der bescheidene junge Arbeiter vernehmen:

„Herr Littwak, wie ist es dann in Rahaline weitergegangen?“

David entgegnete:

„Im Laufe von nur zwei Jahren blühte Rahaline außerordentlich auf.

Wohnungen und Möbel, Essen, Kleidung, Lebenshaltung und Kindererziehung

zeigten den Wohlstand gesunder Bauern. Die jährlichen Reinerträge über

die Pachtsumme wuchsen, und die Genossen von Rahaline wären wohl nach

kurzen Jahren die Eigentümer des Pachtgutes geworden — wenn Mr.

Vandaleur sein eigenes Werk nicht im Stiche gelassen hätte. Vandaleur

verlor sein Vermögen am Spieltisch in Dublin, und er entfloh nach

Amerika. Seine Gläubiger verkauften Rahaline, die Pachtgenossen wurden

vertrieben, und die glückliche Insel versank wieder in einem Meer von

Elend ... Aber die Lehre von Rahaline ging nicht verloren. In der

Wissenschaft wurde sie aufbewahrt, und als wir unser Volk auf den

geliebten Boden von Palästina zurückführten, da haben wir Tausende von

Rahalines geschaffen. Ein Vandaleur wäre dazu nicht stark und

verläßlich genug gewesen. Es mußte eine große mächtige Gesamtperson

sein. Und diese Gesamtperson ist unsere Neue Gesellschaft. Die ist euer

Gutsherr, die hat euch das Land und die Arbeitsmittel verschafft, denen

ihr euren jetzigen Wohlstand verdankt. Aber auch die Neue Gesellschaft

hat das alles nicht aus sich selbst, hat es nicht nur aus den Köpfen

ihrer Führer oder aus den Taschen ihrer Gründer. Die Neue Gesellschaft

beruht vielmehr auf den Ideen, die ein gemeinsames Produkt aller

Kulturvölker sind. Versteht ihr jetzt, meine lieben Freunde, was ich

meine? Es wäre unsittlich, wenn wir einem Menschen, woher er auch

komme, welchen Stammes oder Glaubens er auch sei, die Teilnahme an

unseren Errungenschaften verwehren wollten. Denn wir stehen auf den

Schultern anderer Kulturvölker. Schließt einer sich uns an, erkennt er

unsere Gesellschaftsordnung an, nimmt er die Pflichten unserer

Gemeinschaft auf sich, dann soll er auch alle unsere Rechte voll

genießen. Was wir besitzen, verdanken wir den Vorarbeiten anderer.

Darum gehört es sich, daß wir unsere Schuld abzahlen. Und dafür giebt

es nur einen Weg: die höchste Duldung. Unser Wahlspruch muß jetzt und

immer lauten: Mensch, du bist mein Bruder!“

Der alte Rabbi Samuel erhob sich und mit seinen zitternden Händen

klatschte er dem Redner Beifall. Die Menge folgte diesem Beispiel; sie

jubelten David zu, der die Tribüne verlassen wollte. Aber Mendel schrie

mit gewaltiger Stimme:

„Dann werd’n uns die Fremden unser Brot wegessen.“

David kehrte auf den Stufen um, winkte der Menge zu, daß er noch etwas

zu sagen habe:

„Nein, Mendel, das ist ein Irrtum! Die später kommen, machen euch nicht

ärmer, sondern reicher. Der Reichtum eines Landes sind seine

arbeitenden Menschen. Das wißt ihr ja von euch selbst. Je mehr Arbeiter

kommen, umso mehr Brot giebt es, wenn die Gesellschaftsordnung so

gerecht ist, wie die unsrige. Natürlich sollt ihr den später Kommenden

nicht eure guten Felder, nicht eure erworbenen Rechte ausliefern. Aber

so wie es für Neudorf gut ist, wenn immer mehr Ansiedlungen an seinem

Rand entstehen, so ist es auch für die Neue Gesellschaft. Jeder muß die

Güter schaffen, die er genießen will. Und je mehr Güter geschaffen

werden, desto mehr besitzt unsere Gemeinschaft. Die Aelteren von euch,

die die Geschichte von Neudorf thätig miterlebt haben, wissen das aus

eigener Erfahrung. Zuerst waren hier einige zwanzig Familien. Ich

frage: war es für die schlecht, daß allmählich noch dreißig, noch

fünfzig, noch hundert Familien hinzugekommen sind? Ich frage: sind die

ersten Ansiedler ärmer oder reicher geworden?“

Stürmisch erscholl die Antwort der Leute, die ihn erst jetzt völlig

verstanden:

„Littwak hat recht! Es geht jetzt allen besser. Ja, besser!“

David schloß: „Da habt ihr also die Antwort. Was bisher gegolten hat,

gilt noch weiter. Je mehr Menschen kommen, um zu arbeiten, desto besser

wird es allen gehen. Darum sollen wir nicht nur aus Nächstenliebe

rufen: Mensch, du bist mein Bruder! Wir müssen auch aus Eigennutz

sagen: Bruder, du bist willkommen! ... Die Aelteren von euch wissen,

wie es hier vor zwanzig Jahren ausgesehen hat, wie öd und wüst. Die

ersten Ansiedler haben das beste Land besetzt. Die zweiten haben

minderes genommen und es auch gut gemacht. Immer schlechteres Land

haben die Späteren bekommen und haben es urbar gemacht, steiniger Boden

wurde fruchtbar, Sümpfe wurden ausgetrocknet. Denn an den Grenzen einer

Niederlassung übt auch schlechter Boden eine Anziehungskraft aus. Und

heute ist Neudorf ein Garten, ein weiter, herrlicher Garten, in dem es

gut zu leben ist. Aber alle eure Pflanzungen sind nichts wert, und sie

werden verdorren, wenn bei euch Freisinn, Großmut und Menschenliebe

nicht gedeihen. Die sollt ihr hegen und pflegen, die sollen bei euch

blühen. Und weil ich das von euch erwarte, darum rufe ich hoch! hoch!

und noch einmal hoch Neudorf!“

Jetzt war die Begeisterung da. „Hoch Littwak! Hoch Neudorf!“ schrieen

die Männer und Frauen. Sie hoben den Redner, der sich lachend vergebens

dagegen sträubte, auf ihre Schultern und trugen ihn im Kreise herum.

An diesem Tage verlor Dr. Geyer die Stimmen der Wähler von Neudorf.

Altneuland · 第 39 / 77 题