„Mr. Kingscourt!“ Und er setzte ihr sein Verhältnis zu dem Alten
auseinander. Er habe sich Kingscourt durch Ehrenwort verpflichtet, ihn
nie zu verlassen. Er könne also nicht länger im Lande verweilen, als es
seinem Freunde gefiele, und das werde wohl nicht übermäßig dauern.
Mirjams Gesicht hatte sich bei dieser Auskunft aufgehellt. Sie fragte:
„Und wenn Mr. Kingscourt Ihnen Ihr Wort zurückgiebt?“
„Er wird es nicht, wenn ich ihn nicht darum bitte. Aber schon eine
solche Bitte wäre Treulosigkeit und Undankbarkeit gegen diesen
prächtigen Menschen. Ich habe keinen besseren Freund, als ihn, auf der
Welt, und er hat nur mich. Was sollte aus ihm werden, wenn ich ihn
verließe?“
„Er müßte eben auch bei uns bleiben!“ meinte Mirjam.
Das hielt Friedrich, wie er den Alten kannte, für ganz und gar
ausgeschlossen. Im günstigsten Falle würde Kingscourt noch ein paar
Tage oder Wochen im Lande herumreisen, die Sehenswürdigkeiten
betrachten, aber dann ginge es unaufhaltsam weiter, nach Europa.
Während sie so sprachen, hatten die übrigen ihren Rundgang beendet. Im
Hause des Vorstehers Friedmann wurde den Gästen das einfache Mittagmahl
vorgesetzt. Man saß noch ein Stündchen bei Tische und redete allerlei
über Neudorfs Vergangenheit und Zukunft. Die meisten Dörfler waren nach
der vormittägigen Versammlung zur Arbeit und auf die verstreuten Höfe
zurückgekehrt. Nur eine kleine Anzahl von Leuten, die im Kern der
Ortschaft wohnten, war bei der Abfahrt des Motorwagens zugegen. Diese
schwenkten die Hüte und ließen Tücher flattern, als Davids Gesellschaft
zum Dorfe hinausfuhr.
Rechts und links von der Landstraße wohlgepflegte Felder, Wein- und
Tabakspflanzungen, Baumschulen, und nirgends mehr ein Fuß breit wüsten
Landes. In einiger Entfernung vom großen Wege sahen sie eine
Mähmaschine über das Kleefeld streichen. Ab und zu schwankte ein mit
Heu hochbeladener Wagen an ihnen vorbei, Heu von Luzerne für
Viehfutter. Mirjam erklärte dem in diesen Dingen unbewanderten
Friedrich die natürlichen und wirtschaftlichen Vorgänge in der
Landschaft, die sie durcheilten. Da und dort lugte schon die
Sommersaat, Mais und Sesam, Linse und Wicke, aus der Erde. Auf den
Brachfeldern durchfurchten elektrische Pflüge den noch vom Winterregen
etwas feuchten Boden, um ihn für die nächste Wintersaat vorzubereiten.
Der Tabak war gerade aus den Saatbeeten übergepflanzt, und die Leute
waren damit beschäftigt, von den zwei Pflänzchen, die der vorsichtige
Bauer an jeder Stelle zusammensetzt, das schwächere zu entfernen. Die
Hopfenstöcke waren schon in vollem Austreiben, und die Landleute holten
sich Eukalyptusäste herbei, um sie als Stützen der Hopfenranken zu
benützen. Andere gebrauchten zu demselben Zwecke Drahtgeflechte. Die
aber Aeste vom Eukalyptus nahmen, ließen an diesen die Zweige
unbeschnitten, damit sich die Hopfenranken auch gut verzweigen könnten
und ihre Blüten mehr Schutz vor den Sonnenstrahlen genössen.
Architekt Steineck mischte sich hier in das Gespräch und sang ein
begeistertes Loblied auf den Eukalyptus, diesen herrlichen
australischen Baum, dessen hundert Arten in unzähligen Schiffsladungen
lebend herbeigeschafft worden waren, als die große planmäßige
Kulturarbeit in Palästina begann. Ohne den Eukalyptus, der so schnell
wächst, der die Sümpfe wie mit Zauberkraft austrocknet und auch sonst
noch so viele Eigenschaften der Nutzbarkeit und Schönheit hat — ohne
den Eukalyptusbaum hätte man vielleicht überhaupt nichts anfangen,
gewiß aber keine solchen raschen Kulturerfolge erzielen können.
„Ja,“ sagte Frau Sarah scherzend, „Herr Steineck hat dafür auch unseren
guten Eukalyptus aus Dankbarkeit in Stein verewigt. Seine
Lieblingsornamente an den Häusern sind vom Eukalyptus genommen.“
So fuhren sie weiter, und es war Heiterkeit von der Landschaft in ihrem
Gemüte. Denn ein lieber Frühling sproßte um sie her. Alle Raine und
Wegränder bedeckt mit herrlichstem Blütenflor, mit kleinen blauen Iris
und hochragenden rosenfarbenen Schwertlilien mit sonnenäugigen Tulpen
und prächtigen Orchideen. An manchen Stellen waren in die Felder hinein
Pflanzungen von Mandel-, Aprikosen- und Maulbeerbäumen verstreut.
Durch eine romantische Schlucht lief jetzt der Fahrweg. Das waren die
Felsen mit den abenteuerlichen Höhlenlöchern, in denen sich einst, in
verschollenen bösen Tagen die Verteidiger des jüdischen Landes vor
ihren Feinden bis zum letzten Kampfe verborgen hatten.
David erinnerte mit einigen bewegten Worten an diese Zeit. Und noch
eine kurze Strecke mußten sie fahren, da machte die Straße eine
Biegung, und vor ihnen lag plötzlich im Nachmittagssonnenglanze die
holde Ebene von Genezareth, vor ihnen lag der See. Ein Ausruf des
Entzückens entrang sich dem Munde Friedrichs bei diesem unerwarteten
und herrlichen Anblick.
Auf der weiten Fläche des Sees von Genezareth zogen viele große und
kleine Schiffe ihre leuchtenden Furchen. Segel schimmerten und
Messingteile der elektrischen Barken blitzten. Am jenseitigen Ufer und
überall im Grün der beforsteten Höhen sah man weiße Villen glänzen. Und
hier war Magdala, ein funkelnd neues, zierliches Städtchen mit Gärten,
mit schmucken Häusern. Aber die Reisenden fuhren ohne Aufenthalt weiter
gegen Tiberias, südwärts am Strande hin. Sie hatten ein Schauspiel von
heller Lebensfreude vor sich, etwas, das an die glorreichen Saisontage
an der Riviera zwischen Cannes und Nizza erinnerte. Allerlei lustiges
Fuhrwerk mit eleganten Leuten trieb vorüber. Zumeist waren es
Motorwagen von hübscher Gestalt für zwei, drei und mehr Insassen. Doch
sah man auch altertümliche mit Pferden oder Mauleseln bespannte Karren,
und zwischendurch Radfahrer, Reiter, und auf dem glatten Fußpfade längs
des Wassers wohlgelaunte Spaziergänger. Es war das internationale
Publikum jener Badeorte, die den modischen Zulauf haben. Kingscourt und
Friedrich erfuhren jetzt, daß Tiberias wegen seiner heilkräftigen
warmen Quellen und wundervollen Lage von den wohlhabenden
Winterflüchtlingen aus Europa und Amerika aufgesucht werde, die gewohnt
waren, den ewigen Frühling in Sizilien oder Egypten aufzusuchen. Sobald
die ersten vornehmen Hotels in Tiberias errichtet waren, begann der
Fremdenstrom auch hierher zu fließen. Geschickte Schweizer Gastwirte
hatten die klimatischen Vorzüge und landschaftlichen Schönheiten der
Gegend von Tiberias zuerst erkannt, ausgenützt und dabei glänzende
Geschäfte gemacht.
Der Motorwagen fuhr jetzt an einigen dieser Hotels vorbei. Auf den
Balkonen saßen Damen und Herren, und betrachteten das bunte Schauspiel
der Fahrstraße, das heitere Treiben auf dem See. Hinter den Gasthöfen
waren Tenniswiesen, auf denen Mädchen und Jünglinge in weißer Tracht
Ball spielten. Auf einigen großen Terrassen gab es Musik, ungarische,
rumänische und italienische Banden im Nationalkostüm. Dies alles nahmen
Davids Gäste nur im Vorübereilen wahr, denn ihr Ziel war ferner. Sie
durchfuhren die Stadt Tiberias der Länge nach vom Norden nach Süden,
blickten flüchtig in die netten Gäßchen, die sich von der
Hauptverkehrsader abzweigten, sahen Plätze mit feinen stillen Palästen
und einen orientalisch lebhaften kleinen Hafen. Sie sahen stattliche
Moscheen, Kirchen mit dem lateinischen und griechischen Kreuz, und
Synagogen in steinerner Pracht. Dann waren sie am Südende der Stadt, wo
es wieder Villen und Hotels gab, die sich in schmucker Reihe, nur von
Gärten unterbrochen, beiläufig eine halbe Gehstunde weit bis zu einem
größeren Haufen von Gebäuden fortsetzten: dort befanden sich die heißen
Quellen, die ausgedehnten Badeanstalten.
Ungefähr in der Mitte zwischen der Stadt und den Bädern, vor dem Gitter
einer in Laubwerk halb verborgenen Villa machte der Motorwagen Halt.
„Wir sind angelangt!“ rief David, indem er seinen Sitz verließ.
Das Gitter öffnete sich. Ein alter Herr trat auf die Steinschwelle,
lüpfte mit freudigem Gesichtsausdruck sein Käppchen und fragte:
„David, mein Kind, wo ist er?“
Friedrich wußte nicht, wie ihm geschah. Auch hier, im Hause des alten
Littwak, wurde er schon sehnsüchtig erwartet. Es ging dabei freilich
nicht mit Wundern zu, denn die fröhlich unerwartete Botschaft von
seiner Ankunft war den Eltern Davids und Mirjams durch das Telephon von
Friedrichsheim aus mitgeteilt worden.
Und dieser stattlich und frei auftretende alte Mann war jener
kümmerliche Hausierer, dem Friedrich einst in dem Wiener Kaffeehause
ein Almosen hatte reichen wollen. Welch eine merkwürdige, glückliche
Veränderung. Und doch war alles auf die natürlichste Weise von der Welt
gekommen. Die Littwaks hatten eben zu den Ersten gehört, welche beim
Beginn der großen Kulturarbeit hierhergeeilt waren. Sie ernteten die
Früchte des wirtschaftlichen Aufschunges, den sie redlich mitbereiten
geholfen hatten.
Aber es gab auch einen Schmerz im Hause, und zu diesem Schmerze wurde
Friedrich vor allen Dingen geführt. Das war die kranke Mutter Davids
und Mirjams. Oben im ersten Stocke, auf der Veranda, von der man eine
so schöne Fernsicht über den See genoß, da lag sie mehr als sie saß in
ihrem Lehnstuhle. Sie streckte Friedrich ihre abgezehrte gelbliche Hand
entgegen, als er zu ihr hintrat, und ihre schmerzensreichen Augen
blickten aus dem wächsernen Gesichte mit unendlicher Dankbarkeit zu ihm
auf.
„Ja,“ sagte sie nach den einleitenden Begrüßungs- und Dankesworten mit
leidender Stimme, „ja, lieber Herr Doktor, Tiberias is schön, und die
Bäder sein gut — aber herkommen muß man, solang es noch Zeit is. Bei
mir war es schon zu spät. Zu spät!“
Mirjam stand neben ihr und streichelte ihr das Gesicht: „Mutter du
siehst besser aus, seit du hier bist. Die Kur hat dir wohlgethan. Du
wirst es erst recht spüren, wenn du wieder zu Hause bist.“
Frau Littwak lächelte wehmütig:
„Mein gut’ Kind, ich bin schon so auch zufrieden. Ich bin ja beinah
schon im Garten Eden. Schau’n Sie da hinaus, Herr Doktor, was ich da
vor mir hab’. Nicht wahr, der Garten Eden?“
Friedrich trat, wie sie ihn anwies, an die Brüstung der Veranda und
blickte in die Landschaft hinaus. Da schimmerte der See von Genezareth.
Vom Frühling weich die Umrisse der Ufer und fernen Höhen. Jenseits die
steilen Abhänge des Dscholan, die sich in den Wassern spiegelten. Am
Nordrande des Sees die Mündung des Jordanflusses und dahinter
großartig, in schneeiger Majestät der Hermon, wie ein greiser Riese die
kleineren Berge, die verjüngten Lande überschauend. Und hier zur
Linken, immer näher die milden Buchten, die lieblichen Gestade, die
Ebene von Genezareth, Magdala, Tiberias, das neue steinerne Juwel,
überragt von den dunklen Mauern der Burgruine auf dem Berge. Und
überall ein Grünen und Blühen, eine junge, duftende Welt.
„Es ist der Garten Eden!“ sagte Friedrich ganz leise vor sich hin, und
als er Mirjam neben sich fühlte, ergriff er unwillkürlich ihre Hand und
preßte sie sanft, als ob er ihr dafür danken wollte, daß das Leben noch
so schön sei.
Die Kranke sah es von ihrem Lehnstuhl aus. Eine Freude stieg in ihr
auf, ihr Herz klopfte stärker.
„Kinder!“ murmelte sie unhörbar, und versank in Träume.