Mendel schrie wieder: „Das Volk!“

„Ich bitte mich nicht zu unterbrechen! Hm. Ich nehme übrigens das Wort

von Mendel auf. Das Volk, ja! Gewiß, das Volk. Hm. Aber allein war das

Volk das nicht imstande. Hm. Unser Volk war zerstreut in der ganzen

Welt, in kleinen hilflosen Gruppen. Bevor es sich selbst helfen konnte,

hat man es zusammenbringen müssen.“

Mendel lärmte wieder:

„Ja, ja, die Führer, das wissen wir schon!“

Jetzt fuhr aber Friedmann mit einer Donnerstimme dazwischen:

„Augenblicklich schweigst du, Mendel! Ich bitte, Herr Steineck, reden

Sie weiter.“

„Hm, ja, ich rede weiter. Die Führer, sagt Mendel. Ich glaube, hm, er

sagt es höhnisch. Aber es ist wahr. Hm. Wo war euer Geyer, der euch

jetzt aufhetzt, damals? Ich will es euch sagen. Euer Doktor Geyer war

damals ein antizionistischer Rabbiner. Ich habe ihn gekannt. Er war

auch damals unser wütender Gegner, schützte aber andere Gründe vor, oh,

ganz andere. In einer Sache ist er freilich immer derselbe geblieben.

Hm. Ich will euch sagen, was er war, ist und sein wird. Er ist der

Rabbiner des nächsten Vorteils. Als wir Zionisten der ersten Stunde uns

auf den Weg machten, unser Volk und unser Land aufzusuchen, da hat uns

der Herr Rabiner Dr. Geyer gescholten. Ja, Narren und Betrüger hat er

uns gescholten.“

Ein junger Landmann von etwa fünfundzwanzig Jahren näherte sich der

Rednerbühne und sprach in höflichem Tone:

„Entschuldigen Sie, Herr Steineck! Das ist nicht möglich. Man hat doch

immer gewußt, daß wir Juden ein Volk sind und daß Palästina unser

angestammtes Land ist. Also kann Dr. Geyer unmöglich jemals das

Gegenteil behauptet haben.“

„Er hat es aber gethan!“ schäumte Steineck. „Er hat unser Volk und Land

verleugnet. Er hat aus dem Gebetbuch heraus Zion gelesen, und dann hat

er den Schafen, die ihm zuhörten weiszumachen gewagt, daß damit etwas

anderes gemeint sei. Unter Zion soll man etwas anderes verstehen, als

Zion! Alles andere sollte man darunter verstehen, nur das eine, wahre

nicht. Zion war überall, nur nicht in Zion!“

Einige schrieen: „Nein, nein! Das hat Geyer nicht gesagt. Das ist

unmöglich!“

Aber Rabbi Samuel war aufgestanden. Zitternd stützte er sich auf seinen

Stock und erhob die andere Hand, worauf sofort alle still wurden.

„Es ist wahr!“ sagte der Greis. „Es hat gegeben solche Rabbiner.

Vielleicht war Geyer auch einer von sie. Das weiß ich nicht. Da muß ich

Steinecken glauben. Aber es hat gegeben solche Rabbiner, es hat gegeben

solche ...“ Er setzte sich erschöpft nieder.

Steineck aber, in dessen Munde die Worte sich zu überstürzen anfingen,

da er einmal im Zuge war, sprach:

„Die Rabbiner des nächsten Vorteils haben uns das Leben sauer gemacht,

und das thut der auch jetzt. Damals, in unserer schweren Anfangszeit,

hat er gar nicht wollen, daß von Palästina gesprochen wird. Jetzt ist

er palästinensischer, als wir alle. Er ist der Patriot, er ist der

Nationaljude — wir sind die Fremdenfreunde, und wenn wir ihm noch lang

zuhören, sind wir die schlechten Juden oder gar auch Fremde in seinem

Land Palästina. Ja, das ist es: er will uns absondern von der

Gemeinschaft. Mißtrauen sät er zwischen euch und uns. Die Augen

verdreht er, der fromme Mann, und dabei lugt er scharf aus nach dem

nächsten Vorteil. Früher, im Ghetto, waren die Reichen in der Gemeinde

die Einflußreichen, da hat er nach dem Munde der Reichen gesprochen.

Den Reichen war die nationale palästinensische Idee unbequem, da hat er

also das Judentum in ihrem Sinn ausgelegt. Da hat er gesagt, daß das

jüdische Volk nicht heimkehren darf, weil das den Herren

Kommerzienräten und Hochbankiers die Kreise gestört hätte. Da haben er

und seinesgleichen die Fabel von der Mission des Judentums erfunden.

Das Judentum sollte dazu da sein, den Völkern Lektionen zu geben. Darum

mußten wir in der Zerstreuung leben. Wenn uns die Völker nicht ohnehin

gehaßt und verachtet hätten, so hätten sie uns schon wegen einer

solchen Arroganz auslachen müssen. Und Zion war nicht Zion! Die

Wahrheit aber war, daß wir keine Lektionen gegeben, sondern bekommen

haben, Tag für Tag, fort und fort, blutige, schmerzliche Lektionen —

bis wir uns ermannt haben und bis wir noch einmal den Weg aus Mizrajim

heraus gesucht und gefunden haben. Ah, freilich, dann ist auch der Herr

Dr. Geyer nachgekommen, mit seiner alten Arroganz und Scheinheiligkeit.

Und in den jüdischen Gemeinden sieht es jetzt auch, Gott sei Dank!

anders aus. Nicht mehr die Reichen machen das Gesetz, sondern alle. Die

Vorsteherschaft in den Gemeinden ist jetzt nicht mehr eine Prämie für

gute Geschäfte, wie es ehemals der Fall war. Die Vorsteher werden jetzt

nicht nach ihrem Reichtum, sondern nach ihrer Achtbarkeit und

Tüchtigkeit gewählt. Da muß natürlich den Instinkten der Menge

geschmeichelt werden. Da muß natürlich eine Theorie für den nächsten

Vorteil der Menge gefunden werden, — oder wenigstens für das, was die

Menge als ihren nächsten Vorteil ansieht. Und darum wird das Schlagwort

gegen die Fremden ausgegeben. Ein Nichtjude soll in die neue

Gesellschaft nicht aufgenommen werden. Je weniger Leute sich an die

Schüssel setzen, desto mehr fällt an einen ab. Ihr glaubt vielleicht,

daß das euer nächster Vorteil ist. Aber es ist nicht wahr. Verarmen

würde das Land, und verdorren, wenn ihr diese blödsinnige, engherzige

Politik macht. Wir stehen und fallen mit dem Grundsatz, daß wer sich

zwei Jahre in den Dienst der neuen Gesellschaft gestellt hat, wie es

vorgeschrieben ist, wenn er sich diese zwei Jahre ordentlich aufgeführt

hat, Mitglied werden kann, welcher Nation oder Konfession er auch immer

angehören mag. Und darum sage ich euch, daß ihr daran festhalten sollt,

was uns groß gemacht hat, am Freisinn, an der Duldung, an der

Menschenliebe. Zion ist nur dann Zion! Ihr werdet einen Delegierten zum

Kongreß wählen. Wählet einen, der nicht an den nächsten Vorteil denkt,

sondern an den dauernden. Wenn ihr aber einen Geyerianer wählt, so seid

ihr nicht wert, daß euch die Sonne unseres heiligen Landes bescheint.

So. Ich habe gesprochen.“

Der Beifall war nicht groß. Einigemale hatte der Redner wohl Eindruck

auf seine Zuhörer gemacht, aber der Schluß hatte sie, wie man deutlich

sehen konnte, verstimmt. Nur einem hatten gerade die Schlußworte

gefallen, und er sagte es auch dem Architekten, der sich in Schweiß

gebadet neben ihn hinsetzte. Dieser eine war Mr. Kingscourt, doch besaß

dieser kein Stimmrecht in Neudorf.

Altneuland · 第 38 / 77 题