David bat: „Geben Sie ihn mir! Ob er nun heult oder nicht.“

Kingscourt dachte nicht im Entferntesten daran, das Bübchen

loszulassen. Er hatte es sich auf den Schoß gesetzt und kitzelte es an

der Brust, unter dem Kinn, bis es laut lachte.

„So’n Kerl! Dem liegt freilich nichts daran, wenn der alte Kingscourt

zum Gespött von ganz Haifa wird. Zum Glücke kennt mich hier keiner!“

Und so fuhr der Reisewagen zum Thore von Friedrichsheim hinaus. Hinten

der schwarze Diener blies lustige Stückchen auf seinem blechernen Horn.

Fritz klatschte vergnügt in die Hände.

„Guck’ mal!“ sagte Kingscourt, „das ist ja fast wie in der guten Zeit.

Der Schwager mit dem Posthorn.“

David bemerkte: „Er bläst, um uns bei Reschid anzukündigen. Wir wollen

unterwegs keine Zeit verlieren.“

Sie fuhren die nun schon bekannte Karmelstraße thalwärts. Richtig stand

Reschid Bey schon vor seinem Hause reisefertig. Die Begrüßung war

herzlich und fröhlich. Hinter dem Holzgitter eines Fensters im ersten

Stock erhob sich eine schöne, weiße Frauenhand und winkte mit dem

Taschentuche.

Frau Sarah rief lächelnd hinauf zur Unsichtbaren:

„Grüß’ dich Gott, Fatma! Wir werden dir deinen Mann unbeschädigt

zurückbringen, sei ganz ruhig!“

Und Mirjam rief:

„Küß’ mir deine Kinder, Fatma!“

Nun war auch das kleine Gepäck Reschids im Wagenkasten versorgt. Der

Bey saß neben David. Noch die letzten Abschiedsgrüße an die winkende

weiße Frauenhand hinter dem Holzgitter, und die Motorarche pustete

weiter.

Friedrich wandte sich zu seiner Nachbarin Mirjam:

„Die arme Frau muß nun allein zu Hause bleiben.“

„Sie ist ein so zufriedenes, heiteres Weib,“ erwiderte Mirjam.

„Ich bin überzeugt, daß sie ihrem Manne die Freude dieses Ausflugs von

Herzen gönnt. Und er führe nicht mit uns, wenn es für sie eine Kränkung

wäre. Er und sie sind wahrhaft gute Menschen.“

„Immerhin bewundere ich die Frau, die gefügig hinter ihrem Gitter

bleibt — an solch einem Morgen, meine Damen!“

„Nicht wahr?“ sagte Sarah mit strahlender Miene. „Solche Frühlingstage

giebt es nur in unserem Lande. Das Leben schmeckt hier besser, als

irgend anderswo.“

Auch Friedrich fühlte sich durchströmt von Glück, er wußte es sich gar

nicht zu erklären. Er war wieder jung, ja übermütig, und in dieser

Laune gefiel es ihm, seine reizende Nachbarin zu necken:

„Wie ist es aber mit der Schule, Fräulein Mirjam? Heute haben Sie wohl

die Pflichten ein bißchen an den Nagel gehängt?“

Mirjam lachte:

„Er weiß nichts, rein nichts mehr vom Judentum! ... Erfahren Sie denn,

mein Herr, daß heute unsere Osterferien begonnen haben. Wir fahren ja

darum zu den Eltern nach Tiberias, weil wir dort den Seder feiern

wollen. Hat Ihnen David nichts davon gesagt?“

„Ihr Bruder deutete einige Male darauf hin, daß wir in Tiberias mehr

von der Judenwanderung hören sollten. So war’s also zu verstehen? Nun,

die Wanderung aus Mizrajim kenne ich ja noch von meiner Knabenzeit

her.“

„Vielleicht hat er auch etwas anderes gemeint,“ sprach Mirjam in

nachdenklichem Tone.

Der Reisewagen war inzwischen am unteren Ende der Karmelstraße

angekommen, hatte aber nicht die Richtung nach dem Mittelpunkte der

Stadt, sondern rechts ab genommen. Es war die Vorstadt, die der Kison

durchfloß. Sie kamen auf einen mit Bäumen bepflanzten Quai. Vor einem

entzückenden Palästchen hielten sie an. Da stand ein heftig

gestikulierender Herr, der einen grauen Schnurrbart hatte und mit

zurückgeworfenem Kopfe über den Rand seines abrutschenden Kneifers

hinweg die Ankömmlinge betrachtete:

„Ich wäre an Eurer Stelle gar nicht gekommen!“ schrie er ihnen

entgegen. „Seit einer halben Stunde steh’ ich mir da die Beine in den

Leib. Ich werde nie wieder pünktlich sein.“

David hielt ihm statt jeder Antwort die Taschenuhr vor die Augen.

„Das beweist nichts,“ rief Steineck; „Ihre Uhr geht zu langsam. Ich

glaube überhaupt nicht an Uhren ... Da, nehmen Sie meine Pläne! Aber

nicht verdrücken, bitte! So, und jetzt rückwärts fertig.“ Er hatte die

drei großen Kartonrollen, die er unter dem Arme gehalten, David und

Reschid zugeschoben, und war schnaufend in den Wagen geklettert. Aber

kaum war dieser in Bewegung, so schrie Steineck klagend auf:

„Halt, halt! Zurück! Ich habe meine Reisetasche vergessen.“

„Man wird sie Ihnen mit dem großen Gepäck nachschicken,“ beschwichtigte

ihn David. „Sie wissen, daß ich unser Gepäck auf der Eisenbahn direkt

nach Tiberias schaffen lasse, weil wir doch den Umweg machen.“

„Unmöglich!“ jammerte der Architekt. „Ich habe meine Rede in der

Reisetasche. Wir müssen zurück.“

Sie mußten zurück. Die Handtasche wurde geholt, aufgeladen, Steineck

atmete erleichtert und wurde plötzlich sehr gut gelaunt. Es waren aber

in diesem Augenblicke zwei der größten Schreihälse in dem

verhältnismäßig engen Raume der Motorarche beisammen: Kingscourt und

Steineck. Gleich dem alten Menschenfeinde, pflegte auch Steineck die

gleichgültigsten Dinge mit furchtbarem Poltern vorzutragen. Kaum waren

sie einander vorgestellt worden, brüllten sie sich gegenseitig in die

Ohren. David und Reschid hörten es ergötzt mit an. Plötzlich legte aber

Kingscourt den Zeigefinger an den Mund, und veranlaßte dadurch auch

Steineck, zu schweigen.

„Herr Steineck,“ flüsterte der Alte, „Sie waren zwar sehr laut, aber

Fritzchen ist dabei doch eingeschlafen.“ Und er hob, während die

anderen lachten, das Kind, das ihm auf dem Schoße schlummerte, behutsam

auf und legte es in den Arm der rückwärts sitzenden Kindsfrau.

„Mr. Kingscourt,“ raunte Steineck sehr gekränkt, „ich glaube nicht, daß

ich lauter gesprochen habe, als Sie.“

Die Straße, auf der sie fuhren, bot den beiden Fremden immer neue

Gelegenheit zu staunenden Fragen. Der Verkehr war hier natürlich viel

schwächer, als in der Stadt, es gab jedoch Leben genug. Radfahrer und

Motorwagen eilten an ihnen vorüber. Auf einem weichen Reitpfade zur

Seite des Fahrwegs tauchten ab und zu Reiter auf, manche in der

malerischen Tracht der Araber, andere in europäischer Kleidung. Auch

sah man öfters Kameele, einzeln und in Zügen, die malerischen und

primitiven Ueberbleibsel einer überwundenen Epoche. Die Fahrstraße war

vorzüglich glatt, und man rollte angenehm dahin. Rechts und links

kleine Häuser mit Gärten, weiterhin wohlbestellte Felder von jungem

Grün überhaucht. Es fiel Kingscourt auf, daß von den Drähten, die längs

der Straße auf Stangen hingezogen waren, Abzweigungen in die einzelnen

Häuser gingen.

„Sind das Telephondrähte?“ erkundigte er sich. „Und was ist das für

eine Art Leute, die hier wohnt?“

Reschid Bey klärte ihn auf: „Hier wohnen zumeist Handwerker. Das hier

ist ein Schuhmacherdorf. In diesen Drähten wird ihnen elektrischer

Strom für ihre kleinen Maschinen zugeleitet. Ist Ihnen das etwas

neues?“

„O nein, das war schon zu meiner Zeit bekannt. Aber praktisch wurde

dieser Kraftverschleiß wenig ausgenützt. Und woher kommt der Strom,

wenn ich fragen darf?“

„Es giebt verschiedene Elektrizitätsgesellschaften. Die Leute hier

beziehen den Strom zumeist von den Gebirgsbächen des Hermon und Libanon

oder vom Toten-Meer-Kanal.“

„Nein!“ schrie Kingscourt überrascht.

„Ja!“ brüllte Steineck.

David aber sagte:

„Diese Handwerker sind auch halbe Bauern. In beiden Eigenschaften sind

sie genossenschaftlich verbunden. Ihre gewerblichen Erzeugnisse liefern

sie im Wege der Genossenschaft an die großen Warenhäuser,

Versandgeschäfte und Exporteure ab. Zugleich bilden sie aber auch

landwirtschaftliche Verbände. Da giebt es die mannigfaltigsten Formen.

In der Nähe der größeren Städte ist die gewerbliche Thätigkeit

überwiegend und der Feldbau daneben unbedeutend, so daß ein solcher

Handwerker über seinen Eigenbedarf hinaus nur wenig Bodenfrüchte zieht,

beispielsweise Obst und Gemüse für die städtischen Markthallen. In der

Küstenzone, die ja ganz den Charakter der Riviera hat, werden, wie in

der Umgebung von Nizza Tomaten, Artischokken, Melonen, petits pois,

haricots verts und dergleichen gezogen. Unsere Frühgemüse schicken wir

mit der Bahn in alle Weltgegenden, nach Paris, Berlin, Moskau, St.

Petersburg. Dann giebt es wieder Gegenden, wo das umgekehrte Verhältnis

ist, wo das Landwirtschaftliche vorwiegt und das Gewerbliche nur den

Charakter einer bescheidenen, wenn auch modernen, mit guten technischen

Hilfsmitteln arbeitenden Hausindustrie hat. Das sind unsere Dörfer, die

über das ganze blühende Land zerstreut sind. Zum Beispiel da drüben in

der Ebene von Jesreel. Sie dürfen freilich keine solchen armen

Schmutznester erwarten, die man in früheren Zeiten Dörfer nannte. Wir

werden heute noch Gelegenheit haben, das neue Dorf zu sehen, den Typus,

der sich unzählig in Palästina wiederholt, west- und ostwärts vom

Jordan.“

Sie waren über eine Brücke des Kison gefahren, und der Wagen rollte

schneller zwischen herrlichen Orangen- und Zitronengärten hin. Die

roten und gelben Früchte leuchteten aus dem Laube.

„Hol’ mich der Deibel, das ist ja Italien!“ sagte Kingscourt.

„Kultur ist alles!“ brüllte Steineck, als ob er einen Widerspruch

niederzukämpfen hätte. „Wir Juden haben Kultur hierhergebracht.“

Reschid Bey lächelte freundlich:

„Verzeihen Sie, mein Bester! Diese Kultur war auch früher da,

wenigstens andeutungsweise. Schon mein Vater hat Orangen in großer Zahl

gepflanzt.“ Er wandte sich zu Kingscourt und deutete mit dem Finger

nach einer Anlage zur Rechten: „Das weiß ich besser, als Freund

Steineck, denn hier ist meines Vaters Garten, jetzt der meinige.“

Es war eine Pracht, wie die wohlgepflegten Bäume dastanden. Auf den

immerblühenden Limonenstämmen sah man Blüten, grüne und gelbe Früchte

nebeneinander.

Steineck donnerte: „Ich will nicht leugnen, daß Ihr schon vor uns Eure

Bajaren hattet, aber verwerten könnt Ihr sie erst jetzt ordentlich.“

Reschid Bey nickte: „Das ist richtig. Unsere Erträgnisse sind sehr

erheblich gewachsen. Unser Orangenexport hat sich verzehnfacht, seit

wir die guten Verkehrswege nach der ganzen Welt haben. Alles ist ja

durch Eure Einwanderung mehr wert geworden.“

„Eine Frage, Reschid Bey!“ warf Kingscourt ein. „Die Herren werden sie

mir nicht übel nehmen, dazu sind Sie ja viel zu gescheit. Sind die

früheren Bewohner von Palästina durch die Einwanderung der Juden nicht

zu Grunde gerichtet worden? Haben sie nicht wegziehen müssen? Ich

meine: im Großen und Ganzen. Daß Einzelne dabei gut fuhren, beweist ja

nichts.“

„Welche Frage!“ entgegnete Reschid. „Für uns alle war es ein Segen.

Selbstverständlich in erster Reihe für die Besitzenden, die ihre

Landstücke zu hohen Preisen an die jüdische Gesellschaft verkaufen

konnten oder auch weiter behielten, wenn sie noch höhere Preise

abwarten wollten. Ich für meinen Teil habe die Grundstücke unserer

neuen Gesellschaft verkauft, weil ich dabei meine Rechnung besser

fand.“

„Sagten Sie nicht vorhin, das wären Ihre Gärten, an denen wir

vorbeifuhren?“

„Freilich! Nachdem ich sie der Gesellschaft verkauft hatte, pachtete

ich sie wieder.“

„Da hätten Sie sie doch gleich nicht hergeben sollen.“

„So war es aber für mich vorteilhafter. Da ich mich der Neuen

Gesellschaft anschließen wollte, mußte ich mich auch ihren Landregeln

unterwerfen. Die Mitglieder haben kein Privateigentum an Grund und

Boden.“

„Friedrichsheim gehört nicht Ihnen, Herr Littwak?“

„Das Grundstück nicht. Ich habe es nur bis zum nächsten Jubeljahre

gepachtet, wie Freund Reschid seine Gärten.“

„Jubeljahr? Bitte, erklären Sie sich gefälligst näher. Mir scheint

wirklich, daß ich da drüben auf meiner Insel viel verschlafen habe.“

„Das Jubeljahr,“ sagte David, „ist keine neue, sondern eine sehr alte

Einrichtung unseres Lehrers Moses. Nach siebenmal sieben Jahren, also

in jedem fünfzigsten Jahre, fielen die verkauften Grundstücke wieder an

den ursprünglichen Besitzer ohne Entschädigung zurück. Wir haben das

allerdings ein bißchen anders gemacht. Bei uns fallen die Grundstücke

an die Neue Gesellschaft. Schon Moses wollte dadurch der sozialen

Gerechtigkeit in der Bodenverteilung dienen. Sie werden einsehen, daß

unsere Methode diesem Zwecke nicht schlechter dient. Die Wertvermehrung

des Bodens kommt nicht Einzelnen, sondern der Gesamtheit zu statten.“

Steineck glaubte einen Einwand Kingscourts im vorhinein zerstreuen zu

müssen: „Sie werden vielleicht sagen, daß dann niemand mehr Lust haben

wird, auf einem nicht ihm gehörenden Boden Verbesserungen und schöne

Bauten aufzuführen.“

„O nein, mein Herr, das werde ich nicht sagen. Für ein solches Rindvieh

müssen Sie mich nicht halten. Ich weiß, daß in London die Leute ihre

Häuser auf fremden Grundstücken bauen, die sie auf 99 Jahre gemietet

haben. Das ist doch ganz dasselbe ... aber ich wollte Sie fragen, mein

lieber Bey, wie es den früheren Einwohnern erging, die nichts besaßen —

den vielen arabischen Mohammedanern?“

„Mr. Kingscourt, diese Frage beantwortet sich von selbst,“ sagte

Reschid. „Die nichts besaßen, also nichts zu verlieren hatten, die

haben natürlich nur gewinnen können. Und sie haben gewonnen:

Arbeitsgelegenheit, Nahrung, Wohlergehen. Es hat nichts armseligeres

und jämmerlicheres gegeben, als ein arabisches Dorf in Palästina zu

Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Die Bauern hausten in erbärmlichen

Lehmnestern, die zu schlecht waren für Tiere. Die Kinder lagen nackt

und ungepflegt auf der Straße und wuchsen auf, wie das liebe Vieh.

Heute ist das alles anders. Von den großartigen Wohlfahrtseinrichtungen

haben sie profitiert, ob sie wollten oder nicht, ob sie sich der neuen

Gesellschaft angliederten oder nicht. Als die Sümpfe des Landes

ausgetrocknet wurden, als man die Kanäle anlegte und die

Eukalyptusbäume pflanzte, welche den Boden gesund machen, da wurden

diese einheimischen, widerstandsfähigen Menschenkräfte zuerst verwendet

und gut belohnt. Blicken Sie nur da hinaus ins Feld! Ich erinnere mich

noch aus meiner Knabenzeit, daß hier Sümpfe waren. Diesen Boden hat die

Neue Gesellschaft am billigsten erworben und hat ihn zu dem besten

gemacht. Die Aecker gehören zu dem blanken Dorfe, das Sie dort auf dem

Hügel sehen. Es ist ein arabisches Dorf. — Sie bemerken die kleine

Moschee. Diese armen Menschen sind viel glücklicher geworden, sie

können sich ordentlich ernähren, ihre Kinder sind gesünder und lernen

etwas. Nichts von ihrem Glauben und ihren alten Gebräuchen ist ihnen

verstört worden — nur mehr Wohlfahrt ist ihnen zu teil geworden.“

„Ihr seid eigentlich kurios, Ihr Mohammedaner! Seht Ihr denn diese

Juden nicht als Eindringlinge an?“

„Christ, wie sonderbar ist Ihre jetzige Rede!“ antwortete der

freundliche Reschid. „Würden Sie den als einen Räuber betrachten, der

Ihnen nichts nimmt, sondern etwas bringt? Die Juden haben uns

bereichert, warum sollten wir ihnen zürnen? Sie leben mit uns wie

Brüder, warum sollten wir sie nicht lieben? Ich habe unter meinen

Glaubensgenossen nie einen besseren Freund gehabt, als diesen David

Littwak da. Er kann zu mir kommen bei Tag oder Nacht und von mir

verlangen, was er will, ich werde es ihm geben. Und ich weiß auch, daß

ich auf ihn rechnen kann, wie auf einen Bruder. Er betet in einem

anderen Hause als ich zu demselben Gotte, der über uns allen ist. Aber

diese Gotteshäuser stehen nebeneinander, und ich glaube immer, daß

unsere Gebete, wenn sie erst einmal im Aufsteigen sind, sich irgendwo

in der Höhe vereinigen, und dann setzen sie den Weg zusammen fort, bis

sie ganz oben sind bei unserem Vater.“

Reschid hatte in schlichtem Tone gesprochen, der alle bewegte, auch

Kingscourt. Dieser räusperte sich:

„Hm — hm. Ganz recht, ganz schön. Das läßt sich hören. Aber Sie sind

ein gebildeter Mann, Sie haben in Europa studiert. All das gilt jedoch

nicht von den gemeinen Stadt- und Landleuten.“

„Viel eher von diesen, Mr. Kingscourt. Sie müssen schon entschuldigen,

aber Duldsamkeit habe ich im Abendlande nicht gelernt. Wir Mohammedaner

haben uns von jeher besser als Ihr Christen mit den Juden vertragen.

Schon in der Zeit, als die ersten jüdischen Kolonisten hier erschienen,

zu Ende des vorigen Jahrhunderts, kam es vor, daß streitende Araber

einen Juden zum Richter wählten oder sich geradezu an den Waad einer

jüdischen Niederlassung um Rat, Hilfe oder Urteil wandten. Da gab es

wirklich keine Schwierigkeit. Und so lange die Richtung des Dr. Geyer

nicht die Oberhand bekommen wird, so lange wird auch das Glück unseres

gemeinsamen Vaterlandes dauern.“

„Ja, was ist’s denn mit diesem Geyer, von dem ich immer wieder sprechen

höre?“

Steineck wurde dunkelrot im Gesichte, und er schrie: „Ein vermaledeiter

Pfaffe ist er, ein Augenverdreher, Leutverhetzer und Herrgottsfopper.

Die Intoleranz will er bei uns einführen, der Hallunke. Ich bin gewiß

ein ruhiger Mensch, aber wenn ich so einen intoleranten Kerl sehe, den

könnte ich mit Vergnügen ermorden.“

„Also Sie sind der Duldsame?“ lachte Kingscourt. „Nun kann ich mir

denken, wie bei Euch die Unduldsamen aussehen.“

„Diese geberden sich natürlich viel sanfter,“ scherzte David.

Der Motorwagen hatte die Ebene verlassen und rollte ostwärts in das

wellige Land hinein, bergauf nicht langsamer als bergab. Ueberall waren

die Hügellehnen bis hinauf bebaut, jedes Fleckchen Erde benutzt. An den

steileren Hängen erhoben sich Terrassen, wie in der alten salomonischen

Zeit. Hier wuchsen Trauben, Granatäpfel und Feigen. Zahlreiche

Baumschulen zeigten, welche verständige Sorge die Bevölkerung der

Aufforstung dieser einst kahlen Strecken zugewendet hatte. Auf den

Kämmen der kleinen Berge ragten die Umrisse von Pinien und Cypressen in

den blauen Himmel.

Jetzt kam der Wagen in ein liebliches Thal, das die Reisenden durch

seine Blumenfülle überraschte. Wie ein leuchtender Teppich in weißen,

gelben, roten, blauen und grünen Farben war es vor ihnen ausgebreitet.

Und es war ihnen zu Mute, als wären sie in ein Duftmeer hineingeraten.

Ein Windhauch trug die wohlriechenden Luftwellen heran, und die beiden

Neuankömmlinge waren ganz bezaubert von dem Naturspiele, das sie sich

gar nicht zu erklären wußten. Der Aufschluß wurde ihnen zu teil, daß

hier eine großartige Blumenkultur für Parfümindustrie eingerichtet sei.

Jasmin, Tuberosen, Geranien, Narzissen, Veilchen und Rosen wurden hier

in großen Massen gezogen. Dieses Thal war ein einziger Garten. Am Rande

des Weges pflegten die arbeitenden Landleute den Vorbeiziehenden Grüße

zuzurufen, die bald Littwak, bald Reschid Bey oder Steineck galten.

Alle drei schienen viele Bekannte unter diesen sichtlich frohgemuten

Bauern zu haben. So kamen sie nach der Ortschaft Sepphoris, wo der

Wagen zum erstenmal hielt. Auf dem Platze vor der griechischen Kirche

stieg David aus und bat seine Freunde, sich einen Augenblick zu

gedulden; er müsse dem Popen einen kurzen Besuch machen. Er trat in das

schmucke kleine Pfarrhaus ein.

Die anderen verließen auch die Motorarche, um ein paar Schritte bis an

den Hügelrand zur Ruine der alten zerstörten Kirche zu gehen. Von da

genoß man einen schönen Fernblick über die fruchtbare Ebene bis an den

Karmel. Und Mirjam erzählte, daß hier einst ein christliches Gotteshaus

zu Ehren Joachims und Annas gestanden sei, welche die Eltern Marias,

der Mutter Jesu gewesen waren und hier gelebt hatten. Die neue

griechische Kirche diene der Kolonie russischer Christen, die um

Sepphoris herum entstanden war. Mit dem Popen sei David befreundet, und

lade er ihn ein, zur Sederfeier nach Tiberias zu kommen. Dann erschien

David wieder, begleitet von dem stattlichen Popen, der aber bedauerte,

nicht gleich mitfahren zu können. Er würde nachmittags mit der

elektrischen Bahn über Nazareth nach Tiberias kommen und wahrscheinlich

noch vor der Gesellschaft bei Littwaks Eltern eintreffen.

So nahmen sie denn Abschied von dem geistlichen Herrn, und der

Reisewagen rollte in nördlicher Richtung der Ebene zu.

Altneuland · 第 31 / 77 题