2. KAPITEL.

Die Glaswand zwischen dem vorderen und dem mittleren Teile des Wagens

war gesenkt worden, um das Gespräch auch mit den vorne Sitzenden zu

erleichtern. Außerhalb von Sepphoris mußten sie an einer Bahnschranke

einige Minuten stillhalten, weil ein Zug angekündigt war. Jetzt sauste

er vorüber, nach Süden zu, sehr eilig. Es fiel den Fremden auf, daß der

Lokomotive die Rauchfahne fehlte, und sie erfuhren, nachdem sie das

Geleise passiert hatten, daß der Betrieb hier, wie auf den meisten

Bahnen Palästinas, elektrisch sei. Das war einer der großen Vorzüge der

Einrichtung einer neuen Kultur in diesen Gegenden gewesen. Gerade weil

hier alles bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts völlig

vernachlässigt, in einer Art von Urzustand lag, hatte man gleich die

neuesten und höchsten technischen Errungenschaften benützen können. Es

war wie bei der Anlage der Städte so auch in allem anderen zugegangen,

im Eisenbahnwesen wie beim Kanalbau, in der Landwirtschaft wie in der

Industrie. Die Erfahrungen aller Kulturvölker standen ja den jüdischen

Ansiedlern, die aus aller Welt herbeiströmten, zu Gebote. Die

Gebildeten aber, die von den Universitäten, den technischen,

landwirtschaftlichen und Handelshochschulen der zivilisierten Staaten

herkamen, waren ausgerüstet mit jeder notwendigen Wissenschaft. Und

gerade diese arme junge Intelligenz, für die es keine Verwendung in den

antisemitischen Ländern gegeben hatte, und die dort zu einem

hoffnungslosen umsturzlustigen Proletariate herabgesunken war — diese

gebildete und verzweifelte jüdische Jugend war zum größten Segen

Palästinas geworden, denn sie brachte die neueste Wissenschaft in allen

praktischen Gestaltungen hierher. So berichtete David.

Friedrich erinnerte sich plötzlich eines Wortes, das in seinem Leben

eine Rolle gespielt hatte, und er richtete an seinen Freund eine den

anderen unverständliche Frage:

„Ein gebildeter und verzweifelter junger Mann! Wissen Sie noch,

Kingscourt? Kein Wunder, daß ein Jude sich meldete. In jener Zeit

wuchsen unter uns viele solche, wir waren fast alle so.“

Kingscourt jedoch interessierte sich mehr als für Friedrichs

Empfindsamkeiten, für die Erzählung Davids:

„Ihr seid aber ein sündhaft pfiffiges Volk — uns habt Ihr das alte

Eisen gelassen, und Ihr fahrt mit den neuen Maschinen.“

Steineck schrie:

„Hätten wir uns vielleicht veraltetes Zeug anschaffen sollen, wenn wir

für dasselbe Geld gutes neues kriegen und machen konnten? Uebrigens,

was Sie hier sehen, gab es alles schon in den neunziger Jahren des

vorigen Jahrhunderts in Europa und Amerika, besonders in Amerika. Die

drüben waren der verdummten alten Welt weit vor. Natürlich haben wir

von den Amerikanern gelernt, im elektrischen Bahnwesen und in noch

anderen Dingen.“

„Für uns,“ ergänzte David, „war der Uebergang zu den besten, modernsten

Betriebformen viel weniger kostspielig, weil wir nichts altes zu

amortisieren hatten. Schlechtes rollendes Material brauchten wir nicht

bis zur Abnützung mitzuschleppen. Unsere Waggons enthalten alle

Bequemlichkeiten, Ventilation, helles Licht bei Nacht, keine

Belästigung durch Rauch und Staub, und man wird fast gar nicht

aufgerüttelt, obwohl wir mit bedeutender Geschwindigkeit fahren. Die

Insassen der Arbeiterzüge werden nicht in Pferchen gemartert, wie

ehemals. Wir achten selbstverständlich auf die Volksgesundheit in einem

so wichtigen Verkehrsmittel. Es wird Sie auch interessieren, wie billig

die Bahnbenützung bei uns ist. Wir haben für die Personenbeförderung

das Tarifsystem nachgebildet, welches im Lande Baden unter der

Regierung des guten weisen Großherzogs Friedrich eingeführt wurde. Das

Aufsuchen der Arbeitsgelegenheit wollten wir im allgemeinen Interesse

so leicht und frei als möglich machen. Sie werden bei uns die

Erscheinung nicht sehen, daß von einem Orte, wo man Menschenkraft wie

einen Bissen Brot braucht, nach einem anderen Orte, wo Arbeitswillige

den Bissen Brot nicht finden können, Eisenbahnwagen leer hin und her

geschleift werden, weil die Fahrpreise zu hoch sind. Vom Libanon bis

ans tote Meer und von der Mittelmeerküste nach dem Dscholan und Hauran

ziehen sich die Schienenstränge zur Befruchtung des Landes, wie eine

Kanalisation der Menschenkraft. Selbstverständlich ist auch der

Frachtverkehr, einheimischer wie Transit, sehr erheblich, da wir

Kornkammern und Häfen, sowie Anschluß an die kleinasiatischen und

nordafrikanischen Linien haben ... Doch von all diesen sozialen und

wirtschaftlichen Vorzügen unseres Bahnverkehrs will ich jetzt nicht

sprechen. Diese Dinge sind Ihnen ja geläufig, meine Herren, obwohl Sie

zwanzig Jahre außer der Welt waren. Das alles haben die Menschen schon

vor zwanzig Jahren aus täglicher Erfahrung gewußt.“

„Auch wenn sie noch so beschränkt waren,“ warf Steineck liebenswürdig

ein.

David fuhr fort: „Aber was man nicht kannte, war die Schönheit unseres

teuren Landes. Viel ist freilich durch unsere Kulturarbeit geschaffen

worden, aber die natürlichen Reize der Gottesgabe lagen durch viele

Jahrhunderte ungesehen, ungekannt, vergessen da. Wo finden Sie in der

Welt noch ein Land wie unseres, das Ihnen in allen Jahreszeiten den

Frühling so nahe erreichbar macht? Es giebt eine warme, eine gemäßigte

und eine kalte Zone, die nicht weit auseinander liegen. Im Süden des

Jordanthales die beinahe tropische Landschaft, an der weichen

Meeresküste die Wonnen der italienischen und französischen Riviera, und

unfern die tragisch großartigen Gebirge des Libanon und Antilibanon,

der schneebedeckte große Hermon. Und das alles ist in wenigen Stunden

Eisenbahnfahrt zu erreichen. Gott hat unser Land gesegnet!“

„Ja,“ sagte Reschid, „bei uns ist das Reisen ein großer Genuß. Ich

setze mich manchmal in den Aussichtswaggon und fahre ganz planlos

spazieren, nur um beim Fenster hinauszuschauen.“

„Verehrtester Gastgeber,“ bemerkte Kingscourt; „ich meine, Sie hätten

uns damit vor allem bekannt machen müssen — ohne Ihrer famosen Arche

nahetreten zu wollen. Man fährt wirklich recht sanft.“

David entschuldigte sich: „Aus zwei Gründen, meine Herren, ließ ich Sie

heute nicht auf der Bahn fahren. Erstens weil Sie im Motorwagen mehr

von Land und Leuten sehen. Zweitens, weil in den Tagen vor Ostern ein

ungeheurer Fremdenandrang auf der Linie Haifa-Nazareth-Tiberias

herrscht. Nun ist zwar auch dieses kosmopolitische Treiben, dieses

Durcheinander aller Nationen, der Zug von Pilgern nach den heiligen

Stätten der Christenheit in hohem Grade fesselnd. Aber zuerst wollte

ich Ihnen doch das organische Leben unseres Gemeinwesens zeigen.“

„Ja, wie haben Sie die Frage der heiligen Stätten gelöst?“ sagte nun

Friedrich.

„Das war kein Kunststück,“ entgegnete David. „Als im vorigen

Jahrhunderte diese Frage durch die zionistische Bewegung in Fluß kam,

hielten es viele Juden, gleich Ihnen, Herr Doktor, für unmöglich, mit

dieser Schwierigkeit fertig zu werden. Infolge Ihrer langen Abwesenheit

haften Sie, wie ich sehe, auch jetzt noch an dieser veralteten

Anschauung. Zunächst ergab es sich vor etwa fünfundzwanzig Jahren aus

der publizistischen Erörterung, wie aus den Aeußerungen maßgebender

Staatsmänner und Kirchenfürsten, daß dieses Hindernis nur in der

Einbildung allzu ängstlicher Juden existierte. Die heiligen Stätten der

Christenheit hatten sich doch seit undenklicher Zeit im staatlichen

Besitze von Nichtchristen befunden. So wie man schon seit mehreren

Jahren keine Kreuzzüge geführt hatte, so war auch allmählich eine

andere und jedenfalls viel höhere Auffassung für die Besitzverhältnisse

dieser vom Glauben geheiligten Orte geltend geworden. Gottfried von

Bouillon und seine guten Ritter empfanden es als eine Kränkung, daß

Palästina in den Händen der Muselmanen war. Wo haben Sie ein ähnliches

Gefühl bei den Rittern und Grafen am Ende des neunzehnten Jahrhunderts

wahrgenommen? Und die Regierungen? Hätten die vielleicht den

Parlamenten eine außerordentliche Kreditforderung zur Eroberung des

heiligen Landes vorzulegen gewagt? Die Sache war nämlich die, daß ein

solcher Krieg weniger gegen den Großtürken als gegen andere christliche

Mächte hätte geführt werden müssen. Es wäre ein Kreuzzug nicht gegen

den Halbmond, sondern gegen ein anderes Kreuz gewesen. So war man zu

der Ansicht gelangt, daß der sogenannte status quo für alle Teile das

Beste sei. Aber das war doch nur eine realpolitische

Nützlichkeitserwägung. Daneben ging auch noch eine höhere, eine, wenn

ich das Wort gebrauchen kann, idealpolitische Auffassung. Um den

Sachbesitz konnte es sich bei den heiligen Stätten wohl nicht handeln.

Den religiösen Empfindungen schien mehr Genüge geleistet, wenn diese

Orte der Andacht sich in niemandes ausschließendem Besitze befanden,

als wenn sie irgend einer einzelnen irdischen Macht gehörten. In einer

Begriffsbildung, die dem römischen Recht entlehnt war, erschienen all

die heiligen Stätten als res sacrae, extra commercium. Das war das

sicherste, das einzigste Mittel, sie für immerwährende Seiten zum

Gemeingute aller Gläubigen zu machen. Und wenn Sie nach Nazareth,

Jerusalem oder Bethlehem kommen, werden Sie versöhnte Pilgerzüge wallen

sehen. Auch mich, der ich ein überzeugter Jude bin, ergreifen diese

Bilder tiefster Andacht mit eigener Gewalt.“

„Man fühlt sich an Lourdes in den Pyrenäen erinnert, wenn man nach

Bethlehem oder Nazareth kommt,“ sagte Steineck. „Auch ein so kolossaler

Fremdenverkehr, neue Hotels, Massenherbergen und Klöster.“

In solchen Gesprächen waren sie nach der Ebene gelangt. Eine

langgestreckte Niederung, reichbebaut mit Weizen und Gerste, Mais und

Hopfen, Mohn und Tabak. Blanke Dörfer und einzelne Wirtschaftshöfe im

Thale und an den Berglehnen. Saftige Weideplätze, auf denen Rinder und

Schafe beschaulich grasten. Da und dort sah man das Eisen großer

landwirtschaftlicher Maschinen blitzen. Und in der Sonne dieses

Frühlingstages machte die ganze Landschaft einen unsagbar friedvollen

und glücklichen Eindruck.

Sie kamen durch einige kleinere Ortschaften, blickten in stattliche

Bauernhöfe hinein, sahen Männer und Frauen bei der Arbeit, Kinder beim

Spiele, und Greise, die sich still vor den Häusern sonnten. Den

Fahrenden fiel es auf, daß die Fußgänger auf dem Wege sich mehrten, je

weiter man kam. Alle strebten offenbar einem gemeinsamen Ziele zu, und

dieses schien eine südlich auf der Höhe gelegene große Niederlassung zu

sein. Sie überholten die Fußgänger, Männer und Frauen, die ihnen Grüße

und auch „Hedad!“ zuriefen. Einzelne rückten aber ziemlich verdrossen

ihre Hüte oder blickten sogar mißmutig zur Seite. Noch lebendiger wurde

es hinter dem Motorwagen. Kaum war er vorbei, so kamen aus jedem

Bauernhof Leute heraus, die sich hinterdrein in Bewegung setzten,

manche laufend. Einige schwangen sich auf Pferde und ritten im Galopp

nach. Andere endlich bestiegen Fahrräder und bemühten sich, den

mechanischen Wagen zu überholen. Davids Gäste hatten bald den Eindruck,

daß sie erwartet würden.

Und so war es wirklich. Die Niederlassung, deren ländlichen Reichtum

sie an den prächtigen Wirtschaftsgebäuden, am wohlgenährten Vieh, an

der hochstehenden Kultur der Felder wahrnehmen konnten, war die

Ortschaft Neudorf. Eine Menschengruppe harrte ihrer vor dem schmucken

Gemeindehause, und als der Motorwagen hielt, brauste den Ankömmlingen

ein hundertstimmiges „Hedad!“ entgegen.

„Hedad! ist so viel wie Hoch!“ sagte Reschid zu Kingscourt gewendet,

als sie ausstiegen.

„Hab’ ich mir gleich gedacht, daß es entweder Hoch! oder Nieder!

heißt,“ schmunzelte der Alte.

Indessen konnten sie nicht gleich ins Haus eintreten, weil ein kleiner

Chor von sauber gekleideten Schulkindern unter dem Kommando des Lehrers

ein hebräisches Begrüßungslied anstimmte. Das mußten sie stehend

anhören. Fritzchen war wieder munter und sang auf dem Arme seiner

Kindsfrau das Lied in unartikulierten Lauten mit.

Dann trat der Gemeindevorsteher Friedmann, ein kräftiger Bauer von etwa

vierzig Jahren, vor und hielt eine kurze Ansprache, in der er die Gäste

und insbesondere die Parteiführer Littwak und Steineck willkommen hieß.

Er sprach im russisch-jüdischen Dialekte.

„Alle Wetter!“ brummte Kingscourt dem neben ihm stehenden David ins

Ohr, „das wußt’ ich gar nicht, daß Sie ein Parteiführer sind.“

„Nur vorübergehend, Mr. Kingscourt; für ein paar Wochen. Meine

Profession ist es nicht.“

Aber ein anderer Bauer war vorgetreten, auch ein stämmiger,

sonngebräunter Mensch. Er drehte seinen Hut ein wenig verlegen zwischen

den harten Händen und sprach mit unsicherer Stimme:

„Herr Littwak und Herr Steineck, Sie werden schon erlauben, daß ich

auch etwas sag’.“

Einige Fäuste streckten sich nach dem unvermuteten Redner aus, um ihn

wegzuziehen. Mehrere schrieen:

„Mendel soll nicht reden! Er hat nicht zu reden.“

Mendel stand jedoch trotzig da, und seine Entschlossenheit wuchs, als

man ihn verhindern wollte.

„Ich werd’ reden!“

Es erhob sich ein Lärm. „Nein, nein!“ schrie die Mehrzahl. Mendels

Anhänger wetterten dazwischen: „Ja, er soll nur reden!“

David beruhigte sie mit einer Geberde seiner erhobenen Hand:

„Gewiß soll er reden!“

Mendel sagte höhnisch zu seinen Gegnern: „Ihr seht! ... Herr Littwak is

gescheiter, wie Etz chamoirem! Also was ich sagen will, is nur das:

Friedmann hat nix geredt für de ganze Gemeinde.“

Wieder verworrener Lärm:

„O ja! O ja! Er ist der Vorsteher!“

Mendel fuhr unbekümmert fort:

„Die Gäst’ darf er begrüßen, ja. Das muß er. Da hat er gesprochen für

uns alle Männer von Neudorf. Mir sind nit grob gegen unsre Gäst’. Aber

als Parteiführer darf er die Herren da nix begrüßen. Bei uns in Neudorf

giebt es noch en andere Partei, was nit den Herrn Littwak sei’ Partei

is. Das hab’ ech Ihner sag’n woll’n, Herr Littwak und Herr Steineck.“

Der Sturm der Zuhörer hatte sich während Mendels Rede gelegt, ja es

schien sogar, als wären viele mit dieser Einschränkung einverstanden,

weil so die Gastfreundlichkeit mit dem Parteistandpunkte zugleich

gewahrt blieb.

„Oho?“ erkundigte sich Kingscourt bei Steineck. „Wir scheinen da in

Feindesland geraten zu sein?“

„Fressen werden sie uns nicht,“ gab der Architekt zur Antwort. „Wir

sind ja hier, um sie zu bekehren. Ich werde ihnen ihre Bauernschädel

schon zurechtsetzen ... Um Gotteswillen, wo hab’ ich meine Rede?“ Er

durchsuchte seine Handtasche, die er sich vom Diener hatte reichen

lassen. „Meine Rede ist nicht da!“

Altneuland · 第 32 / 77 题