3. KAPITEL.

Friedrichsheim war ein helles, hohes Schloß maurischen Stils, umgeben

von Gärten. Vor der weißen Freitreppe lag in Stein gehauen ein Löwe.

Wieder mußte Friedrich an die Worte des kleinen Hausierersohnes denken,

da vom Löwen Judas die Rede gewesen. „Was Juda gehabt hat, kann es

wieder haben. Unser alter Gott lebt ja noch!“ hatte der Junge damals

gerufen. Der Traum war erfüllt ...

Der Pförtner hatte ein Glockenzeichen gegeben, als David Littwak mit

seinen Gästen durch das Gitterthor kam. Sie wurden an der Freitreppe

von zwei Dienern erwartet.

„Ich lasse meine Frau und meine Schwester in den unteren Salon bitten,“

sagte David dem einen, der hierauf über die teppichbelegte Treppe der

großen Eingangshalle in den ersten Stock hinaufeilte. Der andere Diener

öffnete den Herren die Salonthüre. Sie traten in einen hochgewölbten

Raum, der mit herrlichen Kunstwerken geschmückt war. Die Wände mit

rosiger Seide verkleidet, die Möbel von der zarten englischen Bauart,

an der Decke ein elektrischer Kronleuchter, schimmernd von Gold und

Krystall. Eine Thüre und vier Fenster ließen durch hohe Spiegelscheiben

das volle Tageslicht hereindringen. Man sah hinaus auf ein weiches

Rasenparterre mit Blumenbeeten bis zur marmornen Brüstung, hinter

welcher das Meer blaute. Im Salon standen zu beiden Seiten der

Hauptthüre siebenarmige Leuchter von Mannshöhe aus Silber. An der einen

Schmalwand ein großes Gemälde, das einen alten Mann mit einer alten

Frau in einfacher dunkler Kleidung darstellte.

„Meine Eltern!“ bemerkte David, als er Friedrichs Augen darauf

gerichtet sah.

„Ich hätte sie gewiß nicht erkannt,“ lächelte Friedrich. „Und wer ist

das?“ Er deutete nach einem Oelbilde, das über dem mächtigen Kamin

hing. Es war das Porträt einer schlanken, schwarzlockigen, jungen Dame

von großer Schönheit.

„Das ist meine Schwester Mirjam. Sie werden sich gleich selbst

überzeugen können, ob es ähnlich ist.“

Im nächsten Augenblicke traten die Damen ein: Mirjam und eine blühende

junge Frau, die Gattin Davids.

„Sarah, Mirjam!“ rief der Hausherr mit leicht bebender Stimme. „Wir

haben den teuersten, unerwartetsten Besuch erhalten. Dieser Tag hat mir

die größte Freude meines Lebens gebracht. Ihr könnt nicht erraten,

nicht einmal ahnen, wen wir zu beherbergen das Glück haben. Denjenigen,

den wir für tot hielten, der unser Wohlthäter, unser Retter war!“

Die Damen blickten verwundert drein.

„Doch nicht — Friedrich Löwenberg?“ fragte das junge Mädchen.

„Er selbst, Mirjam! Er selbst! Da steht er.“

Da eilte sie auf den Gast zu, streckte ihm beide Hände entgegen,

begrüßte ihn freudestrahlend wie einen alten Freund.

Es war ihm wunderlich und selig zu Mute, als er von dieser lieblichen

Stimme seinen Namen aussprechen hörte. Er kam sich wie verzaubert vor

an dem herrlichen Orte, unter den prächtigen Menschen.

„Und das ist Mr. Kingscourt, der Freund des Doktors, also auch unser

Freund und werter Gast.“ Er berichtete kurz, wie er die Herren im Hafen

erblickt und Friedrich sogleich erkannt hatte. Denn er hatte sich als

kleiner Knabe die Züge des Nothelfers tief eingeprägt, und Friedrich

war eigentlich wenig verändert. Selbstverständlich dürften die Herren

in kein Hotel gehen, sondern müßten hier wohnen.

Frau Sarah wollte die Gäste gleich nach ihren Zimmern geleiten lassen.

David übernahm dies aber selbst. Er bat die Herren, ihm zu folgen.

„Gehen wir hinauf! Ich möchte Ihnen oben auch einen jungen Mann

vorstellen, der den hier nicht mehr ungewöhnlichen Namen Friedrich

führt.“

So schritten alle fünf die Halltreppe hinauf in den ersten Stock. David

führte und blieb vor der letzten Thüre des Korridors stehen.

„Hier hält sich dieses Individuum auf,“ sagte er glücklich lachend und

öffnete.

Es war ein weißes Zimmer. In der Mitte thronte auf seinem hohen

Kinderstuhl ein pausbackiges Baby. Es hatte sich die Schuhchen von den

Füßen gestreift und war eben bemüht, auch die kleinen Strümpfe durch

beharrliches Reiben der Zehen an den drallen Wädchen loszuwerden. Vor

ihm stand seine ältliche Pflegerin mit einem Teller Milchspeise. Das

Kind schlug lustig seinen Löffel auf den Brei, daß es nur so patschte,

und schien diese Unterhaltung für wichtiger zu halten, als das Essen.

„Dieser Dummkopf ist mein Sohn Friedrich,“ rief David und es klang zum

erstenmal etwas wie Stolz aus seinen Worten.

Aber Jung-Friedrich ließ den Löffel fahren. Kingscourts weißer Bart

hatte es ihm angethan. Er jauchzte hoch auf und reckte dem Alten beide

Aermchen entgegen. Kingscourt reichte ihm seinen Zeigefinger, und das

Bübchen klammerte sich fest an.

Die Anderen wollten dann hinausgehen, Kingscourt blieb wie angewurzelt

stehen.

Friedrich wandte sich in der Thüre um:

„Kommen Sie denn nicht mit, Kingscourt?“

„Der Kerl läßt mich nicht los!“ erwiderte er geschmeichelt. Und er

blieb dann auch richtig noch eine ganze Stunde beim kleinen Friedrich.

Mit diesem Augenblicke begannen die Beziehungen zwischen dem alten

Menschenfeinde Kingscourt und dem jüngsten Littwak. Man konnte nie

Genaueres über den Inhalt ihrer Unterredungen erfahren, weil der kleine

Fritz noch nicht sprechen konnte, und Kingscourt unter den

furchtbarsten Flüchen leugnete, daß er das Kind lieb habe. Indessen

wurde später durch Aussagen der Dienstleute festgestellt, daß

Kingscourt oft in die Kinderstube geschlichen kam, wenn er wußte, daß

kein anderer da war, und daß er sich zu den unvernünftigsten Streichen

hergab. Er ließ das Kind auf seinen Schultern reiten oder legte sich

platt auf den Boden, damit das Bürschchen gefahrlos an ihm

herumklettern könne. Wenn das Fritzchen aber weinte, führte er, um es

zu trösten, sehr erstaunliche Tänze auf und sang ihm uralte deutsche

Lieder vor, wobei er seine rauhe Stimme recht wohlklingend zu machen

versuchte.

Am ersten Tage seiner Bekanntschaft mit dem Kleinen fand sich

Kingscourt ein wenig verlegen beim Mittagstische ein. Doch gab es so

vielerlei zu fragen und zu erzählen, daß seine plötzliche Schwäche für

das Bübchen unbemerkt und unerörtert blieb.

Sie saßen in dem holzgetäfelten Speisesaale und hielten eine gute

Mahlzeit. Die Weine erregten besonders die Zufriedenheit Kingscourts.

Er bekam die Auskunft, daß es durchwegs Palästinensische Weine seien,

zum Teile sogar Eigenbau Davids. Mit der Weinkultur hatte ja die

Kolonisation des Landes schon in den achtziger Jahren des vorigen

Jahrhunderts begonnen. Die besten Rebensorten waren gepflanzt worden

und gediehen vortrefflich.

Mirjam erhob sich vor Ende des Mahles. Sie mußte fort, zur Schule.

Nachdem sie hinausgegangen war, beantwortete David eine Frage

Löwenbergs:

„Ja, Mirjam ist Lehrerin. Sie unterrichtet im Mädchengymnasium. Ihre

Fächer sind Französisch und Englisch.“

Kingscourt brummte:

„So? Das arme Mädel muß sich mit Stundengeben schinden?“

Es lag ein geheimer Vorwurf darin, den David lächelnd aufgriff:

„Sie thut es nicht um den Lebensunterhalt. So weit bin ich, Gott sei

Dank, daß ich meine Schwester nicht darben lasse. Aber sie hat

Pflichten und erfüllt sie, weil sie auch Rechte besitzt. In unserer

Neuen Gesellschaft sind die Frauen gleichberechtigt mit den Männern.“

„Alle Deibel!“

„Daß sie das aktive und passive Wahlrecht haben, ist

selbstverständlich. Sie haben treu mit uns gearbeitet am Aufbau unserer

Einrichtungen, ihre Begeisterung für unseren Hochgedanken hat den Mut

der Männer beflügelt. Es wäre die häßlichste Undankbarkeit gewesen,

wenn wir sie an den Gesindetisch unseres Hauses oder in ein verschämtes

Serail verwiesen hätten.“

„Sie sagten uns unterwegs,“ warf Löwenberg ein, „daß Reschid Bey auch

ein Mitglied Ihrer Gesellschaft sei. Ihr Wort vom Serail bringt mich

auf eine Frage.“

„Die ich errate, Herr Doktor. Niemand ist gezwungen, unserer Neuen

Gesellschaft beizutreten. Wer in ihr aufgenommen wird, ist wieder nicht

gezwungen, seine Rechte auszuüben. Das steht in seinem Belieben.

Kannten Sie im alten Europa nicht auch Männer, die kein Interesse an

den Wahlen hatten, nie zur Urne gingen und um keinen Preis eine Wahl

angenommen hätten? So ist es mit dem Wählen und Gewähltwerden der

Frauen in unserer Neuen Gesellschaft. Glauben Sie nur ja nicht, daß die

Hausmütterlichkeit bei uns darunter gelitten habe. Meine Frau zum

Beispiel geht nie in eine Versammlung.“

Frau Sarah lächelte:

„Daran ist aber nur Fritzchen schuld.“

Kingscourt träumte einen Augenblick von der Kinderstube und murmelte

wie verloren:

„Das begreife ich.“

„Ja,“ fuhr David fort, „sie hat unseren Buben gesäugt und bei dieser

Gelegenheit ihre unveräußerlichen Rechte ein bißchen vergessen. Früher

gehörte sie der radikalen Opposition an. So habe ich sie auch kennen

gelernt, als Gegnerin. Jetzt macht sie mir nur noch zu Hause Opposition

— freilich die allergetreueste, die man sich denken kann.“

Dröhnend lachte Kingscourt:

„Das ist ’n verdammt gescheites Mittel, einer Opposition beizukommen.

Das vereinfacht die politischen Zustände außerordentlich.“

Und David erklärte weiter:

„Ich muß Ihnen aber sagen, meine Herren, daß die Frauen bei uns

vernünftig genug sind, sich nicht auf Kosten ihres Privatwohles mit den

allgemeinen Angelegenheiten abzugeben. Es ist nicht nur ein weiblicher,

es ist ein menschlicher Zug, daß man sich um das Erreichte nicht mehr

viel kümmert. Der Zustand, den wir haben, wurde auch schon im vorigen

Jahrhundert vorbereitet. Es gab in einzelnen Ländern Vertretungskörper

von lokalem oder professionellem Wirkungskreise, in denen die Frauen

als Wähler und Gewählte zugelassen wurden. Sie haben sich da als klug

und tüchtig bewährt. Sie haben nicht mehr Zeit vertrödelt, kein

dümmeres Zeug geschwätzt, als die Männer. Es lag wirklich kein Grund

vor, diese günstige Erfahrung unbenützt zu lassen. Im übrigen ist die

Politik bei uns kein Geschäft oder Beruf, weder für Männer noch für

Frauen. Diese Seuche haben wir uns fernzuhalten gewußt. Leute, die von

ihrer deklamierten Ueberzeugung zu leben versuchen, statt von ihrer

Arbeit, werden rasch erkannt, verachtet und unschädlich gemacht. Die

Gerichte haben wiederholt in Ehrenbeleidigungsfällen entschieden, daß

’Berufspolitiker’ ein Schimpfwort ist. Diese Thatsache sagt Ihnen wohl

genug.“

„Wie besetzen Sie aber die öffentlichen Aemter?“ fragte Friedrich

Löwenberg. „Gebäude, die Sie uns im Vorbeifahren zeigten, lassen doch

die Annahme zu, daß es auch bei Ihnen Aemter giebt.“

„Gewiß. Wir haben besoldete und Ehrenämter. Die besoldeten werden aber

nur nach der fachlichen Tüchtigkeit der Bewerber vergeben. Die

Parteigänger, welcher Art sie auch seien, haben von vorneherein das

gesunde Vorurteil aller gegen sich. Aktive Beamte dürfen sich überhaupt

in keiner Weise an öffentlichen Diskussionen beteiligen. Anders ist es

um die Ehrenämter bestellt. Für die Besetzung dieser haben wir einen

einfachen Grundsatz. Die sich hervordrängen, schieben wir sachte

beiseite. Wir bemühen uns, das echte Verdienst in seinen bescheidensten

Schlupfwinkeln aufzustöbern. Darin sehen wir die Bürgschaft, daß unser

teures Gemeinwesen nicht Strebern zum Raub werde. So ist der jetzige

Präsident unserer Gesellschaft ein greiser, russischer Augenarzt. Der

übernahm das Amt höchst ungern, weil er seine Praxis aufgeben mußte.“

„War die so einträglich?“ fragte Kingscourt.

„O nein, hauptsächlich eine Armenpraxis. Er hat sie seiner Tochter

übergeben. Sie ist auch eine bedeutende Heilkünstlerin. Jetzt ist sie

Vorsteherin der großen Augenklinik. Ein braves Frauenzimmer, hat nicht

geheiratet, und widmete ihr Leben, ihre geschickte Hand den armen

Leidenden. Sie ist so recht ein Beispiel, welcher Nutzen die alten

Mädchen, die einsamen Frauen in einer vernünftigen Gesellschaft werden

können. Ehemals wurden sie verspottet oder als Last empfunden. Bei uns

wirken sie sich und anderen zum Heile. Das ganze Departement der

öffentlichen Wohlthätigkeit ist in den Händen solcher Damen. Auch darin

haben wir nichts Neues geschaffen, sondern nur das längst Vorhandene in

ein System gebracht, ordentlich zentralisiert. Spitäler, Siechenhäuser,

Kindergärten, Ferienkolonien, Volksküchen, kurz, alle milden

Einrichtungen, die Sie schon in Europa kannten, sind bei uns

zusammengefaßt und werden einheitlich verwaltet. Durch diese

Organisation ist es möglich geworden, jedem Hilfsbedürftigen oder

Kranken beizustehen. Es werden zwar bei uns an die öffentliche

Wohlthätigkeit geringere Anforderungen gestellt, als es in den früheren

Verhältnissen der Fall war, weil bei uns die Zustände — ich darf es

wohl sagen — im allgemeinen gesünder sind. Aber Hilfsbedürftige giebt

es auch hier, weil wir ja die Natur der Menschen nicht zu ändern

vermochten. Schwäche, Sorglosigkeit, verschuldetes und unverschuldetes

Unglück richten auch bei uns manchen zu Grunde. Wir helfen den Kranken

durch Pflege, den Gesunden durch Arbeit. Das alles haben wir nicht

erfunden, sondern nur angewendet und ausgebildet. Sie kannten

sicherlich schon in der alten Zeit die Einrichtungen der Arbeitshilfe

und Arbeitsvermittelung. Bei uns hat jeder ein Recht auf Arbeit, und

somit auf Brot; dafür aber auch die Pflicht zur Arbeit. Den Bettel

dulden wir nicht. Ein Gesunder, welcher Almosen nimmt, wird zu den

schwersten Arbeiten gezwungen. Der mittellose Kranke braucht sich nur

im Wohlthätigkeitsamte zu melden. Keiner wird abgewiesen. Die einzelnen

Spitäler sind selbstverständlich mit der Zentrale telephonisch

verbunden, und es wird durch rechtzeitige Vorkehrungen dem

gelegentlichen Platzmangel vorgebeugt. Wir müßten uns ja schämen, wenn

ein Leidender von Spittel zu Spittel wankte, wie es ehemals vorkam. Ist

ein Krankenhaus voll, so stehen im Hofe Wagen, um den neuankommenden

Patienten in die nächste aufnahmsbereite Anstalt zu bringen.“

„Das muß doch ungeheure Kosten verursachen,“ sagte Friedrich.

„Nein. Bedenken Sie, daß durch die planvolle Einteilung alles

ökonomischer wird. Die alte Gesellschaft war schon an der

Jahrhundertwende reich genug, nur litt sie an ihrer namenlosen

Verworrenheit. Sie war eine überfüllte Schatzkammer, in der man keinen

Suppenlöffel fand, wenn man ihn brauchte. Die Leute waren keineswegs

dümmer oder schlechter, als wir — oder, wenn Sie wollen, wir sind nicht

klüger oder besser, als jene waren. Der Grund des Gelingens unserer

sozialen Versuche ist ein anderer. Wir haben unsere Gesellschaft

gleichsam ohne erbliche Belastung eingerichtet. Zwar haben auch wir an

die Vergangenheit angeknüpft, und wir mußten es — der alte Boden, das

alte Volk — nur haben wir die Einrichtungen verjüngt. Die Völker mit

ununterbrochener Geschichte mußten Lasten tragen, die ihre Väter auf

sich genommen hatten. Wir nicht. Am deutlichsten sehen Sie das am

Beispiel irgend eines der Staatshaushalte, die Sie ehemals kannten. Da

bildeten die Zinsen und Amortisationen längstvergangener Schulden einen

riesigen Rechnungsposten. Es gab nur zweierlei: entweder den

schimpflichen Bankerott, oder das seufzende Fortschleppen der schweren

alten Lasten. Die Neue Gesellschaft war von vorneherein in einer

günstigeren Lage. Ich werde Ihnen das noch im einzelnen zeigen. Jetzt

will ich nur Ihre Frage nach den Kosten der Wohlthätigkeitsanstalten

beantworten. Obwohl diese Anstalten bei uns für alle Notfälle

ausreichen, allen Schwachen und Kranken zweckmäßig helfen, sind sie

doch weit billiger. Die Bauten und Einrichtungen wurden und werden, wie

es schon früher in jeder zivilisierten Gesellschaft geschah, aus

öffentlichen Mitteln bestritten, insoweit die bei uns Juden von jeher

üblichen Tempelspenden und letztwilligen Verfügungen nicht ausreichen.

Für das pflegende Personal aber haben wir durch ein System von

Mitgliedspflichten vorgesorgt. Alle Mitglieder der Neuen Gesellschaft,

die männlichen wie die weiblichen, müssen zwei Jahre ihres Lebens dem

öffentlichen Dienste widmen. In der Regel ist es die Zeit vom

achtzehnten bis zum zwanzigsten Lebensjahre, nach Vollendung der

Studien. Dabei will ich schon jetzt bemerken, daß der Unterricht auf

allen Stufen, mit Einschluß der Universität, für die Kinder unserer

Mitglieder unentgeltlich ist. In der zweijährigen öffentlichen

Dienstpflicht haben wir also ein unerschöpfliches Reservoir von

Hilfskräften für alle diejenigen Anstalten und Arbeiten, deren

allgemeine Nützlichkeit von der Gesellschaft anerkannt ist. Geleitet

werden die Anstalten und Arbeiten von besoldeten Beamten.“

„Ich verstehe,“ sagte Friedrich. „Ihre Armee besteht aus

Berufsoffizieren und Freiwilligen.“

„Ich acceptiere das Gleichnis,“ erwiderte David. „Aber mehr als ein

Gleichnis ist es nicht. Ein Kriegsheer giebt es nämlich in der Neuen

Gesellschaft nicht.“

„Au weh!“ spottete Kingscourt.

David lächelte:

„Was wollen Sie, Mr. Kingscourt? Nichts ist vollkommen auf Erden, also

auch unsere Neue Gesellschaft nicht. Wir haben ja keinen Staat, wie die

Europäer Ihrer Zeit. Wir sind eine Gesellschaft von bürgerlichen

Leuten, die nur durch Arbeit und Bildung ihres Lebens froh werden

wollen. Wir begnügen uns damit, unsere Jugend auch körperlich tüchtig

zu machen. Wir bilden wie den Geist so den Leib unserer Jugend. Turn-

und Schützenvereine genügen uns für diesen Zweck, wie sie in der

Schweiz genügten. Auch haben wir Wettspiele nach englischem Muster:

Cricket, Fußball, Rudern. Auch diese bewährten Dinge haben wir

übernommen, und sie bewähren sich nun bei uns. Einst waren die

Judenkinder bleich, schwach und scheu. Sehen Sie sie heute an! Die

Erklärung dieser wunderbar scheinenden Verwandlung ist die einfachste

von der Welt. Wir haben sie aus dumpfen Kellerlöchern, Elendhütten,

Proletarierstuben an das Licht gebracht. Pflanzen gehen ohne Sonne zu

Grunde, Menschen auch. Pflanzen kann man retten, wenn man sie in den

von ihrer eigenen Art geforderten Boden setzt, Menschen auch. So ist es

geschehen!“

Friedrich Löwenberg sprach sinnend:

„Wenn man Ihnen zuhört — und all das, was Sie uns schon gezeigt haben

und noch zu zeigen versprechen, will es ja bestätigen — so möchte man

glauben, daß es eine wirkliche Begebenheit und keine Utopie sei. Und

doch fehlt mir etwas. Den Umfang und die Bedeutung Ihrer Neuen

Gesellschaft beginne ich zu ahnen. Sie werden sie uns gewiß noch näher

erklären. Das bringt mich auch gar nicht in Verwirrung. Etwas anderes

ist es. Ich gebe ja zu, daß Sie uns lauter Dinge vorführten, die uns

nicht befremden dürfen, weil wir sie sämtlich schon in Europa, obwohl

nur zerstreut und ohne Harmonie geschaut haben. Aber wenn ich auch

sehe, höre, greife — begreifen kann ich nicht, wie das entstehen

konnte. Wie soll ich mich nur ausdrücken? Ich verstehe den neuen

Zustand, soviel ich bisher von ihm weiß, vollkommen — nur sein Werden

verstehe ich nicht. Der Uebergang von dem alten Zustande, den ich

kannte, in den neuen ist mir unerklärlich. Käme ich heute auf die Welt,

so würde ich das alles hinnehmen, wie ich das Gewordene meiner Zeit als

vernünftig hinnahm. Gewiß hätte ich auch damals vieles als wunderbar

und unwahrscheinlich empfunden, wenn ich es plötzlich mit dem

entfremdeten Blick eines zwanzig Jahre Abwesenden erschaut hätte. Wären

wir beispielsweise von 1880 bis 1900 weg gewesen, so hätten uns im

elektrischen Licht, im Telephon, in der Kraftübertragung durch den

Draht viel größere Ueberraschungen erwartet. Sie setzen uns hingegen

nichts technisch Neues vor, und ich glaube doch zu träumen. Der

Uebergang fehlt mir.“

„Den will ich Ihnen auch zeigen,“ sagte David. „Ich werde Ihnen meine

eigene Geschichte erzählen, in der Sie selbst eine so große Rolle

gespielt haben. Nur nicht hier, nicht jetzt. Sie werden von der Reise

müde sein. Ruhen Sie vor allem! Abends wollen wir, wenn Sie Lust haben,

in ein Theater gehen, in die Oper oder in das deutsche, englische,

französische, italienische, spanische Theater.“

„Schwere Not!“ schrie Kingscourt, „das alles giebt es hier? Also wie in

Amerika zu meiner Zeit? Da gab es ja auch Schauspieler aus aller Herren

Ländern. Aber daß Sie das hier haben ...“

„Ist doch gewiß nicht erstaunlich. Von Europa ist es hierher viel

näher, als nach Amerika. Auch haben es die Leute, denen vor der

Seekrankheit bangt, bequemer, nach Palästina zu kommen. Das im vorigen

Jahrhundert begonnene Netz der kleinasiatischen Bahnen ist längst

ausgebaut. Man fährt im Eisenbahnwagen nach Damaskus, Jerusalem oder

Bagdad. Seit die Eisenbahnbrücke über den Bosporus fertig ist, kann man

ja überhaupt ohne den Wagen zu wechseln von Petersburg oder Odessa, von

Berlin oder Wien, von Amsterdam, Calais, Paris, Madrid und Lissabon

nach Jerusalem fahren. Die großen europäischen Expreßlinien haben

sämtlich Anschluß an die Linie nach Jerusalem, sowie die

palästinensischen Bahnen wieder Anschluß nach Egypten und Nordafrika

haben. Die nord-südafrikanische Linie, für die sich der deutsche Kaiser

schon in den neunziger Jahren interessierte, und die sibirische Bahn

nach den Grenzen Chinas ergänzen dieses Eisenbahnnetz der alten Welt.

Wir befinden uns an einer vorzüglichen Stelle dieses Netzes.“

„Hol’s der Deibel, das ist ’ne dolle Nummer!“

„Sie werden sich doch nicht über Eisenbahnen wundern, die Sie selbst

gesehen haben, Mr. Kingscourt? Das ist nichts Uebernatürliches. Die

russisch-chinesische Bahn war vor zwanzig Jahren schon fertig, die

Bagdadbahn im Bau, die Nil-Kap-Bahn geplant. Unerklärlich müßte man es

nur finden, wenn Palästina, genau im geographischen Mittelpunkte der

Verkehrskreuzung zwischen Europa, Asien und Afrika liegend, noch länger

ausgeschaltet geblieben wäre.“

„Nee, lieber Hausherr, darüber wundere ich mich nicht. Sondern — darf

ich es sagen? — daß Ihr Juden das gemacht habt. Sie nehmen mir’s nicht

krumm?“

Friedrich bemerkte:

„Offen gesagt, das ist auch mein Erstaunen. Uns Juden hätte ich das

nicht zugetraut.“

David sagte gelassen:

„Nur wir Juden konnten es. Nur wir allein. Nur wir waren im Stande,

diese Neue Gesellschaft und diesen Verkehrsmittelpunkt zu schaffen.

Eins griff ins andere, und es konnte nur durch uns, durch unsere

Schicksale hindurchgehen. Unsere moralischen Leiden waren dazu

notwendig wie unsere wirtschaftlichen Erfahrungen und unser

Kosmopolitismus. Doch genug davon für heute. Ruhen Sie jetzt,

unterhalten Sie sich dann. Morgen in Tiberias erzähle ich Ihnen

weiter.“

Altneuland · 第 23 / 77 题