4. KAPITEL.

An eine Fortsetzung der Reise nach Europa war vorläufig nicht zu

denken. Friedrich Löwenberg meinte zwar aus Diskretion, er müsse seinem

Freunde diesen Vorschlag machen, weil Kingscourt sich wohl kaum für die

Schicksale des jüdischen Volkes interessieren mochte. Aber der Alte

erklärte mit Entschiedenheit, daß er da bleiben wolle, so lange man sie

dulde. Das sei doch eine ganz verdammt kuriose Geschichte, die sich da

mit den Juden abgespielt habe. Und wenn der Herr Dr. Friedrich

Löwenberg für seine eigene Nation keine Teilnahme mehr habe, er,

Kingscourt, sei kein solcher Unmensch.

Kurz und gut, als der Steuermann von der Jacht heraufkam, wurde ihm

bedeutet, daß man in Haifa bleibe. Kleider und Wäsche sollten nach

Friedrichsheim geschickt werden, und die Mannschaft könne sich ein paar

gute Tage machen.

Die Fremdenzimmer, in denen sie untergebracht waren, grenzten

aneinander. Kingscourt stand in Hemdärmeln auf der Schwelle der

Verbindungsthüre und machte heftig gestikulierend seine Randbemerkungen

zu allem, was sie bisher gesehen und gehört hatten. Friedrich ruhte in

einem Lehnstuhl und blickte träumend zur offenen Terassenthüre hinaus

aufs Meer. Ein herrlicherer Aufenthaltsort ließ sich nicht denken. Und

was waren das für prächtige Menschen, die sich in diesem hohen und

freien Wohlstand so gelassen bewegten. David heiter und energisch,

selbstbewußt und doch nicht unbescheiden. Seine Frau neben ihm ein

glückliches Bild der jungen und frohen Mütterlichkeit. Und dieses

anmutige, edle Mädchen Mirjam, ernsteren Pflichten ergeben, als es

vormals der Brauch gewesen in reichen, jüdischen Häusern. Nach langen

Jahren zum erstenmal mußte er wieder an Ernestine Löffler denken, die

er so thöricht geliebt, und die ihm den Abschied vom Leben so leicht

gemacht hatte. Ob wohl Mirjam auch fähig wäre, eine solche Ehe

einzugehen, wie einst Ernestine? Er wußte selbst nicht, wie er auf

diese komische Frage kam. Nein, das war ein anderes Mädchen, und das

waren andere Menschen als die im widerwärtigen Löfflerschen Kreise. Wer

weiß, ob es damals nicht besser gewesen wäre, männlicher,

menschenwürdiger, zu streben und zu kämpfen, statt sich vor dem Leben

zu flüchten.

„Kingscourt!“ seufzte er aus diesem Gedankenzuge heraus, „ich frage

mich, ob unser Schiff keinen falschen Kurs hatte, als wir die selige

Insel dort drüben suchten. Womit habe ich nun zwanzig schöne Jahre

verbracht? Mit Jagen, Fischen, Essen, Trinken, Schlafen, Schachspielen

...“

„Und mit einem alten Esel, was?“ brummte Kingscourt verletzt.

„Den alten Esel schieben Sie mir unter,“ lachte Friedrich, „ohne Sie

könnte und möchte ich ja nicht mehr existieren. Aber es ist doch

schade, daß man nicht nützlicher war. Da ist nun die Welt um solch ein

Stück weiter gekommen, und man hatte kein Teil daran, kein Verdienst.“

„Nee, so was. Nu war der Mensch zwanzig Jahre in meiner Schule und hat

noch solche Gedanken. Sagen Sie gleich, daß Sie Mitglied der Neuen

Gesellschaft sein möchten.“

„Ich sage es nicht, weil ich sie noch nicht genügend kenne. Aber minder

abstoßend, als die frühere, kommt sie mir doch vor.“

„Minder abstoßend? Minder abstoßend!“ schäumte der Alte. „Bitte, treten

Sie nur in die saubere Gesellschaft ein. Ich kann ja allein

weiterdampfen und sehen wie ich mit mir fertig werde.“

„Regen Sie sich nicht auf, Kingscourt! Ich werde nicht länger hier

bleiben, als Sie selbst.“

„Das ist ein Wort?“

„Mein Ehrenwort ... Und ich werde auch nicht in Davids Neue

Gesellschaft eintreten. Es wäre denn ...“

„Was?“

Friedrich lächelte bei diesem Gedanken:

„Es wäre denn — daß Sie auch eintreten.“

So gelacht hatte Kingscourt schon lange nicht.

„Fritze, hahaha, was haben Sie doch für pudelnärrische Einfälle. Oh hoh

hahaha. Sehen Sie mich als Mitglied einer jüdischen Gesellschaft! Mich,

Adalbert von Königshoff, einen königlich preußischen Offizier und

christlichen germanischen Edelmann. Nee, Fritze, das ist zu jut, zu

jut.“

„Der Junker spricht.“

„Da is er nu gleich pikiert. In meinen Augen sind Sie ja ’ne Ausnahme.

Einer is Keiner.“

„Und was haben Sie gegen David Littwak einzuwenden?“

„Vorläufig nischt. Scheint ’n ganz strammer Kerl zu sein ...“

Ihr Gespräch wurde durch den Hausherrn unterbrochen, der kam, sich nach

ihren Wünschen zu erkundigen. Ob sie sich schon für ein Theater oder

Konzert entschieden hätten. Er legte ihnen den Vergnügungsanzeiger

einer Zeitung vor.

Kingscourt deutete auf das Blatt, ohne zu lesen:

„Wachsen noch immer so viele Lügen in der Welt?“

„Nur so viele, als die Leser wollen,“ entgegnete David.

„Also enorm viel,“ schmunzelte Kingscourt.

„Das ist ganz verschieden. Im allgemeinen sind die genossenschaftlichen

Blätter wahrheitsliebend und anständig.“

„Was für Blätter?“

„Die genossenschaftlichen. In unserer mutualistischen

Wirtschaftsordnung mußten auch die Tageszeitungen natürlich diesen

Charakter annehmen.“

Kingscourt unterbrach ihn:

„Halt, halt! Nicht zu schnell! In welcher Wirtschaftsordnung leben

Sie?“

„In der mutualistischen. Stellen Sie sich aber darunter keine eisernen

Regeln, keine unbeugsamen Grundgesetze, überhaupt nichts Hartes,

Steifes, Doktrinäres vor — sondern einen harmlos und natürlich

fließenden Gebrauch. Auch das hat schon zu Ihrer Zeit existiert, wie

alles andere, was Sie bei uns sehen. Es gab Erwerbs- und

Wirtschaftsgenossenschaften aller Art. Alle Arten werden Sie auch bei

uns wirksam finden. Das ganze Verdienst unserer Neuen Gesellschaft

besteht nur darin, daß sie das Aufkommen und Gedeihen der

Genossenschaften durch Kredit und — was wichtiger war — durch die

Unterweisung der Massen gefördert hat. In der Wissenschaft des vorigen

Jahrhunderts war die Bedeutung der Genossenschaften längst klar

gestellt worden. Im praktischen Leben rangen sie sich nur schwer und

zufällig durch. Die Genossen waren in vielen Fällen zu schwach, um bis

an den Erfolg, der kommen mußte, durchzuhalten. Sie hatten auch mit der

dumpfen oder offenen Gegnerschaft bedrohter Interessen zu kämpfen. Die

Lebensmittelhändler waren selbstverständlich über die Konsumvereine

nicht sehr froh. Die Möbelfabrikanten waren von den

Tischlergenossenschaften nicht entzückt. Alle Trägheit, alle

Reibungswiderstände, alle Hemmungen eingealterter Zustände wirkten

gegen die Entstehung der Genossenschaften. Und doch ist das die

mittlere Form zwischen Individualismus und Kollektivismus. Der Einzelne

wird nicht der Anregungen und Freuden des Privateigentums beraubt, und

dennoch kann er sich im Zusammenstehen mit Genossen der

kapitalistischen Uebermacht erwehren. Der Jammer, der Fluch ist von

unseren Armen genommen, daß sie am Erzeugnisse weniger verdienen und

den Verbrauch teurer bezahlen, als die Reichen. Bei uns ist das Brot

des Armen ebenso billig, wie das des Reichen. Es giebt keinen

Lebensmittelwucher. In der alten Gesellschaft wären hunderttausende von

Händlern dabei zu Grunde gegangen. Wir ließen die Händler alten Stils

gar nicht erst entstehen, sondern richteten von Anfang an die

Konsumvereine ein. Da haben Sie wieder den Vorzug unserer

Lastenfreiheit. Wir mußten niemanden zu Grunde richten, um unseren

armen Massen zu helfen.“

„Aber die Zeitung?“ fragte Friedrich. „Wir sprachen von Zeitungen. Wie

können die genossenschaftlich eingerichtet werden? Gehören sie

sämtlichen Redakteuren, oder wie ist das?“

„Sehr einfach. Die genossenschaftliche Zeitung gehört den Abonnenten.

Der Abonnementsbetrag ist die Einlage der Mitglieder, die darüber

hinaus nicht haften. Je größer der Leserkreis, umso bedeutender sind

die Einnahmen aus Inseraten und Ankündigungen verschiedener Art. Dieser

Gewinn gebührt eigentlich den Lesern oder wenigstens den Abonnenten,

und er wird zum Jahresschluß den Mitgliedern rückvergütet. So daß in

besonders günstigen Fällen die Abonnenten schließlich ihre Einlage ganz

wiedererhalten. Es ist auch schon vorgekommen, daß sie mehr als die

Einlage erhielten.“

„Fabelhaft! Unglaublich fabelhaft,“ schrie Kingscourt. „Da kriegt man

also eine Prämie für fleißiges Zeitungslesen?“

„Ja, haben Sie denn in Europa und Amerika nie davon gehört, welche

Einkünfte die großen Zeitungen hatten? Sie wurden auch immer billiger,

obwohl die Ausgaben für Depeschen und Mitarbeiterhonorare sich riesig

steigerten. Die größten Blätter wurden unter den Entstehungskosten

hingegeben, und dabei wuchs der Gewinn der Unternehmer doch immer mehr.

Darin war also schon das Prinzip der Gewinnvergütung an die Abonnenten

enthalten. Dasselbe finden Sie hier bei uns, nur gelangt auch der

Löwenanteil des Unternehmers zur Verteilung an die Mitglieder der

Zeitungsgenossenschaft. Die Redaktion ist der geschäftsführende

Ausschuß, und Sie können versichert sein, daß diese hochstehenden

Arbeiter, deren Geist ja das bedruckte Papier erst lesenswert macht,

besser daran sind, als früher. Sie sind es, die das Geld für die

Abonnenten verdienen, und dafür hat auch der gewöhnliche Mann das

Einsehen. Es kommt die Dankbarkeit für die guten, schönen und gerechten

Aufsätze hinzu, durch die Tag um Tag die allgemeine Bildung gepflegt

und erweitert wird. Unsere Zeitungen ergänzen den Volksunterricht

unermüdlich, sie belehren, aber sie unterhalten auch; sie dienen den

praktischen Bedürfnissen des Verkehrs, des Handels und der Industrie

nicht minder eifrig, als der Kunst und Wissenschaft. Und wie anders

freudig arbeiten diese Journalisten im Bewußtsein ihrer öffentlichen

Wichtigkeit und des zu erwartenden rückhaltlosen Dankes. Um wieviel

ernster nehmen sie ihre Aufgabe, für die es nunmehr auch eine

Verantwortung giebt.“

„Das klingt verführerisch,“ warf da Friedrich ein. „Nur scheint mir,

daß solche genossenschaftliche Zeitungen den Launen der Menge sklavisch

unterworfen sein müssen. Die Redaktion, in ihrer ganzen Existenz von

den Lesern abhängig, wird augendienern, dem Publikum schmeicheln, den

Leidenschaften der Abonnenten zu fröhnen suchen.“

„Wenn dem so wäre,“ entgegnete David, „wäre das vielleicht etwas neues?

Hat es nicht auch früher solche Erscheinungen gegeben? Es gab

Redakteure, die ängstlich nach den Stimmungen des Publikums aushorchten

und auslugten, die das Eine verschwiegen und das Andere übertrieben, je

nachdem sie glaubten, es ihren Lesern recht zu machen. Und dabei waren

sie erst noch im ungewissen, ob sie es auch trafen. Anders jetzt. In

den jährlichen Versammlungen wird Rechenschaft gegeben, aber auch vom

organisierten Publikum der Zeitung für die Zukunft eine Richtschnur

erteilt.“

„Gräßlich!“ rief Kingscourt. „Versammlungen von hunderttausend

Abonnenten!“

„Wo denken Sie hin? Die Abonnenten wählen hundert oder zweihundert

Vertrauensmänner, die das besorgen. Der Vorgang ist einfach. In der

Zeitung selbst kandidieren Leute für dieses kurze Amt. Der

Abonnementsschein hat einen Koupon, der als Wahlzettel dient.

Fünfhundert oder tausend übergeben ihre Wahlzettel einem Vertrauensmann

für die Generalversammlung. Ein solcher pflegt in der Zeitung selbst zu

inserieren: Ich gedenke in der Generalversammlung diesen und diesen

Standpunkt einzunehmen. Wer mit mir einverstanden ist, möge mir seinen

Zettel einschicken.“

„Schön,“ sagte Friedrich; „dem Publikum wird reichlich Rechnung

getragen. Aber darin sehe ich noch keinen Vorteil für das Volk. Die

neuen Gedanken und Bewegungen werden selten gleich verstanden. Sie

könnten es ebensogut Kindern anheimstellen, ob sie etwas lernen wollen,

wie dem Publikum, ob es seine Anschauungen verbessern, erneuern oder

vertiefen will. Ihre öffentliche Meinungsgenossenschaft muß notwendig

zur Volksverdummung in den extremsten Formen, nämlich zu Reaktion und

Revolution führen. Die Leute werden entweder taub gegen den Wert des

Neuen oder blind gegen den Wert des Alten sein. Der Nutzen einer

geistigen Führung, die nur vom begabten Individuum kommen kann, geht

Ihnen verloren.“

„Sie haben mich nicht ausreden lassen, Herr Doktor. Ich sagte nicht,

daß die genossenschaftliche Zeitung die einzige Form sei. Diese ist nur

an Stelle derjenigen Publizitätsunternehmungen getreten, welche durch

den Umfang der Anlage, die Kosten der technischen Herstellung und den

teuren Nachrichtendienst einen großindustriellen Charakter hatten. Wir

haben aber auch Zeitungen, die von einzelnen gemacht und geführt sind.

Ich selbst besitze eine solche. Ich brauche sie in dem Kampfe, den ich

gegenwärtig in unserer Neuen Gesellschaft auszufechten habe. Mein

Hauptgegner, der Rabbiner Dr. Geyer hat auch sein eigenes Blatt. Ich

werde meine Zeitung nicht länger herausgeben, als der Streit dauert.

Geyer wird es wahrscheinlich anders halten, denn er lebt von diesem

Hader. Und so giebt es noch vielerlei im Eigentum einzelner befindliche

und als solche kenntliche Zeitungen, die verschiedenen Zwecken dienen.

Kommt eine neue Richtung, tritt ein schöpferischer Geist auf, so können

sie sich in der öffentlichen Meinung bethätigen. Gewiß werden sie auch

recht bitter zu kämpfen haben, gleichwie in der vorigen Zeit. Sie

werden den Ernst ihrer Ueberzeugungen, ihren Mut, ihre Ausdauer

erhärten müssen, und das ist nicht schlecht. Glauben Sie mir, wir sind

durch unseren Mutualismus nicht ärmer geworden an kräftigen

Individualitäten, sondern reicher. Der Einzelne wird bei uns weder

zwischen den Mühlsteinen des Kapitalismus zermalmt, noch von

sozialistischer Gleichmacherei geköpft. Wir kennen und schätzen die

Entwickelung des Individuums, so wie wir seine wirtschaftliche Basis,

das Privateigentum, respektieren und schützen.“

„Na, Gott sei Dank!“ sagte Kingscourt, „ich dachte schon, Ihr hättet

den Unterschied von Mein und Dein aufgehoben.“

„Dann wäre wohl das alles, was Sie schon gesehen haben und noch sehen

werden, nicht entstanden,“ erklärte David. „Nein, so verrückt waren wir

nicht. Den Ansporn zur Arbeit, Bemühung, Entdeckung und Erfindung haben

wir nicht aus der Welt geschafft. Die größere Begabung muß ihre größere

Talentrente, die größere Anstrengung ihren größeren Lohn haben. Den

Reichtum brauchen wir, als Lockung für die Strebsamen und als Nahrung

für die seltene Kunst. Ich selbst gehöre zu den besser Bemittelten. Ich

bin Schiffsrheder. Meine Unternehmung ist von der Art derjenigen, die

nach wie vor nur von einzelnen oder von Aktiengesellschaften mit Erfolg

betrieben werden können. Das ist ja ein Hauptvorzug des Mutualismus,

daß er das Fortbestehen und Neubegründen anderer wirtschaftlicher

Formen nicht ausschließt. In meinem Hause werden Sie zum Beispiel eine

interessante Mischform finden. Ich bin der Eigentümer der Firma. Meine

Arbeiter bilden untereinander eine Genossenschaft, die mir gegenüber

immer selbständiger wird, und zwar mit meinem Willen, meiner

Unterstützung. In den Anfängen meiner Unternehmung und ihrer

Genossenschaft hatten sie nur einen Konsumverein, der sich zur

Sparkasse erweiterte. Sie müssen bedenken, daß unsere Arbeiter als

Mitglieder der Neuen Gesellschaft ohnehin für Unfälle, Krankheit, Alter

und Tod versichert sind. Ihre Sparkraft wird somit nicht zersplittert.

Ich habe freiwillig ihre Spargenossenschaft durch Zuweisung eines

Gewinnanteiles gestärkt. Ich that es nicht aus Edelmut, sondern aus

Egoismus, weil ich mir dadurch außer ihrer Arbeitshingebung auch noch

den günstigen Verkauf meines Unternehmens sicherte für den Zeitpunkt,

in dem ich mich vom Geschäfte zurückziehen werde. Dann verwandle ich

meine Rhederei in eine Aktiengesellschaft und habe für diesen Fall der

Spargenossenschaft meiner Arbeiter das Vorkaufsrecht auf Grundlage

einer mäßigen Verzinsung schon im Vorhinein eingeräumt. Darum sind

meine Arbeiter auch meine besten Freunde. Es giebt zwischen uns weder

Lohnstreitigkeiten, noch andere. Es ist, wenn Sie wollen, das

patriarchalische Verhältnis, aber in den modernsten Verkehrsformen

ausgedrückt. Wenn ein Aufwiegler zu meinen Arbeitern käme, brauchte ich

ihn nicht gewaltsam entfernen zu lassen — sie würden ihn einfach

hinauslachen. Sie wissen, woran sie sind, und damit hat aller unklare

Sozialismus ein Ende.“

Kingscourt brummte gemütlich:

„Sie sind noch ein junger Mensch und halten schon so verdammt weit.“

„Ich habe eben früh angefangen. Wir waren unter den ersten

Einwanderern. Persönliches Verdienst war es nicht, oder nur zum

geringeren Teile. Der allgemeine Aufschwung hat mich mit

hinaufgetragen. Aber das will ich Ihnen erst in Tiberias erzählen.“

„Warum in Tiberias?“ fragte Friedrich.

„Sie werden dort den Grund erfahren, da Sie wahrscheinlich keine Ahnung

haben, welches Fest wir begehen ... Jetzt aber wählen Sie endlich Ihre

Abendunterhaltung, meine Herren. Wollen Sie lieber das Programm aus der

gesprochenen Zeitung hören?“ Er nahm zwei Hörmuscheln von der Wand, an

der sie hingen, und reichte sie seinen Gästen.

Kingscourt lachte:

„Euer Hochwohlgeboren, damit imponieren Sie mir nicht. Den Zauber kenn’

ich. Eine solche Telephonzeitung war schon vor fünfundzwanzig Jahren in

Budapest im Betrieb.“

„Ich wollte Ihnen durchaus nichts neues zeigen. Uebrigens ist auch

diese gesprochene Zeitung eine genossenschaftliche.“

„Die wird aber kein Erträgnis abwerfen, da es keine Inserate giebt?“

„Im Gegenteil. Diese Ankündigungen werden am höchsten bezahlt. Den

Inseratenteil der gedruckten Zeitungen muß der Leser nicht anschauen,

er kann darüber hinwegblättern. Hingegen ist er gegen die Reklame

wehrlos, die aus diesen Muscheln kommt. Horchen Sie, vielleicht wird

gerade eine verlesen.“

Sie nahmen die Hörmuschel ans Ohr. Zuerst vernahmen sie die Anzeige

eines Dockbrandes in Yokohama, dann den kurzen Bericht über eine

Pariser Theaterpremière, die neuesten Baumwollkurse von New-York — und

jetzt erscholl es deutlich, noch schärfer betont, als das Frühere:

„Bei Samuel Kohn bekommt man die edelsten Edelsteine, sowohl echte wie

falsche, zu den garantiert brillantesten Preisen. Bei Sa—mu—el Kohn,

Große Galerie 47.“

Sie lachten herzlich.

David sagte noch:

„Das wird oft auf eine witzige Weise gemacht, daß der Hörer nicht

merkt, es werde auf eine Reklame hinauslaufen. Das Erträgnis dieser

Zeitung ist kolossal. Die Abonnenten zahlten ursprünglich einen Schekel

monatlich und bekamen mehr zurück. Diese Zeitung hat ja weder Druck-

noch Papier- noch Zusendungskosten. Aber die Stadt Haifa und die Neue

Gesellschaft machten sich das Unternehmen tributär. Es steht übrigens

auch unter besonderer Aufsicht. In der Zentrale wachen Beamte der Neuen

Gesellschaft darüber, daß kein Unfug begangen, keine Lügen,

Alarmnachrichten oder Unanständigkeiten in den Apparat hineingesprochen

werden.“

Friedrich war ein Wort aufgefallen:

„Tributär?“ „Wie kann sich die Stadt oder Ihre Neue Gesellschaft, deren

Verfassung Sie uns noch schuldig sind, ein Privatunternehmen einfach

tributär machen, wenn es ergiebig wird?“

„Das ist ein ganz besonderer Fall. Die Telephonzeitung muß ihre Kabel

doch irgendwohin legen. Nun haben wir unter unseren Straßen Hohlräume

zur Aufnahme aller möglichen schon vorhandenen und noch kommenden

Drahtleitungen und Röhren für Gas, Wasser und Kanalisation. Unter dem

Fahrdamm läuft dieser Tunnel mit Mündungen an jedem Hause. Jedes Haus

hat einen unterirdischen Eingang für solche Röhren und Drähte. Man muß

nicht erst das Pflaster aufreißen, wenn man etwas neues einführen will.

Sie können darin meinetwegen auch einen symbolischen Zug unserer

Einrichtungen erblicken. Die großen Städte, die Sie kannten, waren

zufällig und planlos entstanden. Leuchtgas, Wasserversorgung, Kanäle,

elektrische Leitungen verursachten immer wieder ein Aufreißen der

kranken Eingeweide jener Straßen. Dabei wußte man nie genau, in welchem

Zustande sich die einzelnen Leitungen befanden, erfuhr es gewöhnlich

erst nach einem Schaden, einer Explosion. Wir aber kannten schon die

Bedürfnisse moderner Städte, als wir die unsrigen anlegten und bauten

deshalb die Straßen vernünftig mit diesem Hohlraum in der Mitte. Das

war ziemlich kostspielig, rentiert sich aber großartig. Wenn Sie das

Budget von Haifa mit dem von Paris oder Wien vergleichen, werden Sie

sehen, was wir durch die unterirdischen Hohlräume ersparen. Da drin

liegen unter andern auch die Drähte der Telephonzeitung, und es muß

dafür eine mit dem Erträgnis gewachsene Miete gezahlt werden. Das kommt

ja wieder nur der Allgemeinheit zu statten.“

Kingscourt bekannte:

„Das ist das erste, was mir bei Euch imponiert: daß Ihr die edelsten

Edelsteine des Samuel Kohn zur Straßenpflasterung verwendet. Ihr seid

doch ein verflucht pfiffiges Volk! Darauf wäre ich nie gekommen.“

„Ihre Komplimente schmecken bitter, Mr. Kingscourt!“ sagte David

freundlich. „Aber vielleicht wird sich Ihr Urteil noch ändern, wenn Sie

erst einige Zeit bei uns sind.“

„Schön! Mich sehen Sie prinzipiell bereit einzugestehen, daß ich ’n

oller Esel bin — aber ich verlange Beweise dafür! ... — Und nun führen

Sie uns in Deibelsnamen ins Theater.“

„In welches Sie wollen, lieber Littwak,“ ergänzte Friedrich.

„Da Sie keine Wahl treffen wollen, meine Herren, so denke ich, wird’s

am besten sein, wir überlassen die Bestimmung den Damen.“

Damit waren die Gäste einverstanden.

Altneuland · 第 24 / 77 题