An eine Fortsetzung der Reise nach Europa war vorläufig nicht zu
denken. Friedrich Löwenberg meinte zwar aus Diskretion, er müsse seinem
Freunde diesen Vorschlag machen, weil Kingscourt sich wohl kaum für die
Schicksale des jüdischen Volkes interessieren mochte. Aber der Alte
erklärte mit Entschiedenheit, daß er da bleiben wolle, so lange man sie
dulde. Das sei doch eine ganz verdammt kuriose Geschichte, die sich da
mit den Juden abgespielt habe. Und wenn der Herr Dr. Friedrich
Löwenberg für seine eigene Nation keine Teilnahme mehr habe, er,
Kingscourt, sei kein solcher Unmensch.
Kurz und gut, als der Steuermann von der Jacht heraufkam, wurde ihm
bedeutet, daß man in Haifa bleibe. Kleider und Wäsche sollten nach
Friedrichsheim geschickt werden, und die Mannschaft könne sich ein paar
gute Tage machen.
Die Fremdenzimmer, in denen sie untergebracht waren, grenzten
aneinander. Kingscourt stand in Hemdärmeln auf der Schwelle der
Verbindungsthüre und machte heftig gestikulierend seine Randbemerkungen
zu allem, was sie bisher gesehen und gehört hatten. Friedrich ruhte in
einem Lehnstuhl und blickte träumend zur offenen Terassenthüre hinaus
aufs Meer. Ein herrlicherer Aufenthaltsort ließ sich nicht denken. Und
was waren das für prächtige Menschen, die sich in diesem hohen und
freien Wohlstand so gelassen bewegten. David heiter und energisch,
selbstbewußt und doch nicht unbescheiden. Seine Frau neben ihm ein
glückliches Bild der jungen und frohen Mütterlichkeit. Und dieses
anmutige, edle Mädchen Mirjam, ernsteren Pflichten ergeben, als es
vormals der Brauch gewesen in reichen, jüdischen Häusern. Nach langen
Jahren zum erstenmal mußte er wieder an Ernestine Löffler denken, die
er so thöricht geliebt, und die ihm den Abschied vom Leben so leicht
gemacht hatte. Ob wohl Mirjam auch fähig wäre, eine solche Ehe
einzugehen, wie einst Ernestine? Er wußte selbst nicht, wie er auf
diese komische Frage kam. Nein, das war ein anderes Mädchen, und das
waren andere Menschen als die im widerwärtigen Löfflerschen Kreise. Wer
weiß, ob es damals nicht besser gewesen wäre, männlicher,
menschenwürdiger, zu streben und zu kämpfen, statt sich vor dem Leben
zu flüchten.
„Kingscourt!“ seufzte er aus diesem Gedankenzuge heraus, „ich frage
mich, ob unser Schiff keinen falschen Kurs hatte, als wir die selige
Insel dort drüben suchten. Womit habe ich nun zwanzig schöne Jahre
verbracht? Mit Jagen, Fischen, Essen, Trinken, Schlafen, Schachspielen
...“
„Und mit einem alten Esel, was?“ brummte Kingscourt verletzt.
„Den alten Esel schieben Sie mir unter,“ lachte Friedrich, „ohne Sie
könnte und möchte ich ja nicht mehr existieren. Aber es ist doch
schade, daß man nicht nützlicher war. Da ist nun die Welt um solch ein
Stück weiter gekommen, und man hatte kein Teil daran, kein Verdienst.“
„Nee, so was. Nu war der Mensch zwanzig Jahre in meiner Schule und hat
noch solche Gedanken. Sagen Sie gleich, daß Sie Mitglied der Neuen
Gesellschaft sein möchten.“
„Ich sage es nicht, weil ich sie noch nicht genügend kenne. Aber minder
abstoßend, als die frühere, kommt sie mir doch vor.“
„Minder abstoßend? Minder abstoßend!“ schäumte der Alte. „Bitte, treten
Sie nur in die saubere Gesellschaft ein. Ich kann ja allein
weiterdampfen und sehen wie ich mit mir fertig werde.“
„Regen Sie sich nicht auf, Kingscourt! Ich werde nicht länger hier
bleiben, als Sie selbst.“
„Das ist ein Wort?“
„Mein Ehrenwort ... Und ich werde auch nicht in Davids Neue
Gesellschaft eintreten. Es wäre denn ...“
„Was?“
Friedrich lächelte bei diesem Gedanken:
„Es wäre denn — daß Sie auch eintreten.“
So gelacht hatte Kingscourt schon lange nicht.
„Fritze, hahaha, was haben Sie doch für pudelnärrische Einfälle. Oh hoh
hahaha. Sehen Sie mich als Mitglied einer jüdischen Gesellschaft! Mich,
Adalbert von Königshoff, einen königlich preußischen Offizier und
christlichen germanischen Edelmann. Nee, Fritze, das ist zu jut, zu
jut.“
„Der Junker spricht.“
„Da is er nu gleich pikiert. In meinen Augen sind Sie ja ’ne Ausnahme.
Einer is Keiner.“
„Und was haben Sie gegen David Littwak einzuwenden?“
„Vorläufig nischt. Scheint ’n ganz strammer Kerl zu sein ...“
Ihr Gespräch wurde durch den Hausherrn unterbrochen, der kam, sich nach
ihren Wünschen zu erkundigen. Ob sie sich schon für ein Theater oder
Konzert entschieden hätten. Er legte ihnen den Vergnügungsanzeiger
einer Zeitung vor.
Kingscourt deutete auf das Blatt, ohne zu lesen:
„Wachsen noch immer so viele Lügen in der Welt?“
„Nur so viele, als die Leser wollen,“ entgegnete David.
„Also enorm viel,“ schmunzelte Kingscourt.
„Das ist ganz verschieden. Im allgemeinen sind die genossenschaftlichen
Blätter wahrheitsliebend und anständig.“
„Was für Blätter?“
„Die genossenschaftlichen. In unserer mutualistischen
Wirtschaftsordnung mußten auch die Tageszeitungen natürlich diesen
Charakter annehmen.“
Kingscourt unterbrach ihn:
„Halt, halt! Nicht zu schnell! In welcher Wirtschaftsordnung leben
Sie?“
„In der mutualistischen. Stellen Sie sich aber darunter keine eisernen
Regeln, keine unbeugsamen Grundgesetze, überhaupt nichts Hartes,
Steifes, Doktrinäres vor — sondern einen harmlos und natürlich
fließenden Gebrauch. Auch das hat schon zu Ihrer Zeit existiert, wie
alles andere, was Sie bei uns sehen. Es gab Erwerbs- und
Wirtschaftsgenossenschaften aller Art. Alle Arten werden Sie auch bei
uns wirksam finden. Das ganze Verdienst unserer Neuen Gesellschaft
besteht nur darin, daß sie das Aufkommen und Gedeihen der
Genossenschaften durch Kredit und — was wichtiger war — durch die
Unterweisung der Massen gefördert hat. In der Wissenschaft des vorigen
Jahrhunderts war die Bedeutung der Genossenschaften längst klar
gestellt worden. Im praktischen Leben rangen sie sich nur schwer und
zufällig durch. Die Genossen waren in vielen Fällen zu schwach, um bis
an den Erfolg, der kommen mußte, durchzuhalten. Sie hatten auch mit der
dumpfen oder offenen Gegnerschaft bedrohter Interessen zu kämpfen. Die
Lebensmittelhändler waren selbstverständlich über die Konsumvereine
nicht sehr froh. Die Möbelfabrikanten waren von den
Tischlergenossenschaften nicht entzückt. Alle Trägheit, alle
Reibungswiderstände, alle Hemmungen eingealterter Zustände wirkten
gegen die Entstehung der Genossenschaften. Und doch ist das die
mittlere Form zwischen Individualismus und Kollektivismus. Der Einzelne
wird nicht der Anregungen und Freuden des Privateigentums beraubt, und
dennoch kann er sich im Zusammenstehen mit Genossen der
kapitalistischen Uebermacht erwehren. Der Jammer, der Fluch ist von
unseren Armen genommen, daß sie am Erzeugnisse weniger verdienen und
den Verbrauch teurer bezahlen, als die Reichen. Bei uns ist das Brot
des Armen ebenso billig, wie das des Reichen. Es giebt keinen
Lebensmittelwucher. In der alten Gesellschaft wären hunderttausende von
Händlern dabei zu Grunde gegangen. Wir ließen die Händler alten Stils
gar nicht erst entstehen, sondern richteten von Anfang an die
Konsumvereine ein. Da haben Sie wieder den Vorzug unserer
Lastenfreiheit. Wir mußten niemanden zu Grunde richten, um unseren
armen Massen zu helfen.“
„Aber die Zeitung?“ fragte Friedrich. „Wir sprachen von Zeitungen. Wie
können die genossenschaftlich eingerichtet werden? Gehören sie
sämtlichen Redakteuren, oder wie ist das?“
„Sehr einfach. Die genossenschaftliche Zeitung gehört den Abonnenten.
Der Abonnementsbetrag ist die Einlage der Mitglieder, die darüber
hinaus nicht haften. Je größer der Leserkreis, umso bedeutender sind
die Einnahmen aus Inseraten und Ankündigungen verschiedener Art. Dieser
Gewinn gebührt eigentlich den Lesern oder wenigstens den Abonnenten,
und er wird zum Jahresschluß den Mitgliedern rückvergütet. So daß in
besonders günstigen Fällen die Abonnenten schließlich ihre Einlage ganz
wiedererhalten. Es ist auch schon vorgekommen, daß sie mehr als die
Einlage erhielten.“
„Fabelhaft! Unglaublich fabelhaft,“ schrie Kingscourt. „Da kriegt man
also eine Prämie für fleißiges Zeitungslesen?“
„Ja, haben Sie denn in Europa und Amerika nie davon gehört, welche
Einkünfte die großen Zeitungen hatten? Sie wurden auch immer billiger,
obwohl die Ausgaben für Depeschen und Mitarbeiterhonorare sich riesig
steigerten. Die größten Blätter wurden unter den Entstehungskosten
hingegeben, und dabei wuchs der Gewinn der Unternehmer doch immer mehr.
Darin war also schon das Prinzip der Gewinnvergütung an die Abonnenten
enthalten. Dasselbe finden Sie hier bei uns, nur gelangt auch der
Löwenanteil des Unternehmers zur Verteilung an die Mitglieder der
Zeitungsgenossenschaft. Die Redaktion ist der geschäftsführende
Ausschuß, und Sie können versichert sein, daß diese hochstehenden
Arbeiter, deren Geist ja das bedruckte Papier erst lesenswert macht,
besser daran sind, als früher. Sie sind es, die das Geld für die
Abonnenten verdienen, und dafür hat auch der gewöhnliche Mann das
Einsehen. Es kommt die Dankbarkeit für die guten, schönen und gerechten
Aufsätze hinzu, durch die Tag um Tag die allgemeine Bildung gepflegt
und erweitert wird. Unsere Zeitungen ergänzen den Volksunterricht
unermüdlich, sie belehren, aber sie unterhalten auch; sie dienen den
praktischen Bedürfnissen des Verkehrs, des Handels und der Industrie
nicht minder eifrig, als der Kunst und Wissenschaft. Und wie anders
freudig arbeiten diese Journalisten im Bewußtsein ihrer öffentlichen
Wichtigkeit und des zu erwartenden rückhaltlosen Dankes. Um wieviel
ernster nehmen sie ihre Aufgabe, für die es nunmehr auch eine
Verantwortung giebt.“
„Das klingt verführerisch,“ warf da Friedrich ein. „Nur scheint mir,
daß solche genossenschaftliche Zeitungen den Launen der Menge sklavisch
unterworfen sein müssen. Die Redaktion, in ihrer ganzen Existenz von
den Lesern abhängig, wird augendienern, dem Publikum schmeicheln, den
Leidenschaften der Abonnenten zu fröhnen suchen.“
„Wenn dem so wäre,“ entgegnete David, „wäre das vielleicht etwas neues?
Hat es nicht auch früher solche Erscheinungen gegeben? Es gab
Redakteure, die ängstlich nach den Stimmungen des Publikums aushorchten
und auslugten, die das Eine verschwiegen und das Andere übertrieben, je
nachdem sie glaubten, es ihren Lesern recht zu machen. Und dabei waren
sie erst noch im ungewissen, ob sie es auch trafen. Anders jetzt. In
den jährlichen Versammlungen wird Rechenschaft gegeben, aber auch vom
organisierten Publikum der Zeitung für die Zukunft eine Richtschnur
erteilt.“
„Gräßlich!“ rief Kingscourt. „Versammlungen von hunderttausend
Abonnenten!“
„Wo denken Sie hin? Die Abonnenten wählen hundert oder zweihundert
Vertrauensmänner, die das besorgen. Der Vorgang ist einfach. In der
Zeitung selbst kandidieren Leute für dieses kurze Amt. Der
Abonnementsschein hat einen Koupon, der als Wahlzettel dient.
Fünfhundert oder tausend übergeben ihre Wahlzettel einem Vertrauensmann
für die Generalversammlung. Ein solcher pflegt in der Zeitung selbst zu
inserieren: Ich gedenke in der Generalversammlung diesen und diesen
Standpunkt einzunehmen. Wer mit mir einverstanden ist, möge mir seinen
Zettel einschicken.“
„Schön,“ sagte Friedrich; „dem Publikum wird reichlich Rechnung
getragen. Aber darin sehe ich noch keinen Vorteil für das Volk. Die
neuen Gedanken und Bewegungen werden selten gleich verstanden. Sie
könnten es ebensogut Kindern anheimstellen, ob sie etwas lernen wollen,
wie dem Publikum, ob es seine Anschauungen verbessern, erneuern oder
vertiefen will. Ihre öffentliche Meinungsgenossenschaft muß notwendig
zur Volksverdummung in den extremsten Formen, nämlich zu Reaktion und
Revolution führen. Die Leute werden entweder taub gegen den Wert des
Neuen oder blind gegen den Wert des Alten sein. Der Nutzen einer
geistigen Führung, die nur vom begabten Individuum kommen kann, geht
Ihnen verloren.“
„Sie haben mich nicht ausreden lassen, Herr Doktor. Ich sagte nicht,
daß die genossenschaftliche Zeitung die einzige Form sei. Diese ist nur
an Stelle derjenigen Publizitätsunternehmungen getreten, welche durch
den Umfang der Anlage, die Kosten der technischen Herstellung und den
teuren Nachrichtendienst einen großindustriellen Charakter hatten. Wir
haben aber auch Zeitungen, die von einzelnen gemacht und geführt sind.
Ich selbst besitze eine solche. Ich brauche sie in dem Kampfe, den ich
gegenwärtig in unserer Neuen Gesellschaft auszufechten habe. Mein
Hauptgegner, der Rabbiner Dr. Geyer hat auch sein eigenes Blatt. Ich
werde meine Zeitung nicht länger herausgeben, als der Streit dauert.
Geyer wird es wahrscheinlich anders halten, denn er lebt von diesem
Hader. Und so giebt es noch vielerlei im Eigentum einzelner befindliche
und als solche kenntliche Zeitungen, die verschiedenen Zwecken dienen.
Kommt eine neue Richtung, tritt ein schöpferischer Geist auf, so können
sie sich in der öffentlichen Meinung bethätigen. Gewiß werden sie auch
recht bitter zu kämpfen haben, gleichwie in der vorigen Zeit. Sie
werden den Ernst ihrer Ueberzeugungen, ihren Mut, ihre Ausdauer
erhärten müssen, und das ist nicht schlecht. Glauben Sie mir, wir sind
durch unseren Mutualismus nicht ärmer geworden an kräftigen
Individualitäten, sondern reicher. Der Einzelne wird bei uns weder
zwischen den Mühlsteinen des Kapitalismus zermalmt, noch von
sozialistischer Gleichmacherei geköpft. Wir kennen und schätzen die
Entwickelung des Individuums, so wie wir seine wirtschaftliche Basis,
das Privateigentum, respektieren und schützen.“
„Na, Gott sei Dank!“ sagte Kingscourt, „ich dachte schon, Ihr hättet
den Unterschied von Mein und Dein aufgehoben.“
„Dann wäre wohl das alles, was Sie schon gesehen haben und noch sehen
werden, nicht entstanden,“ erklärte David. „Nein, so verrückt waren wir
nicht. Den Ansporn zur Arbeit, Bemühung, Entdeckung und Erfindung haben
wir nicht aus der Welt geschafft. Die größere Begabung muß ihre größere
Talentrente, die größere Anstrengung ihren größeren Lohn haben. Den
Reichtum brauchen wir, als Lockung für die Strebsamen und als Nahrung
für die seltene Kunst. Ich selbst gehöre zu den besser Bemittelten. Ich
bin Schiffsrheder. Meine Unternehmung ist von der Art derjenigen, die
nach wie vor nur von einzelnen oder von Aktiengesellschaften mit Erfolg
betrieben werden können. Das ist ja ein Hauptvorzug des Mutualismus,
daß er das Fortbestehen und Neubegründen anderer wirtschaftlicher
Formen nicht ausschließt. In meinem Hause werden Sie zum Beispiel eine
interessante Mischform finden. Ich bin der Eigentümer der Firma. Meine
Arbeiter bilden untereinander eine Genossenschaft, die mir gegenüber
immer selbständiger wird, und zwar mit meinem Willen, meiner
Unterstützung. In den Anfängen meiner Unternehmung und ihrer
Genossenschaft hatten sie nur einen Konsumverein, der sich zur
Sparkasse erweiterte. Sie müssen bedenken, daß unsere Arbeiter als
Mitglieder der Neuen Gesellschaft ohnehin für Unfälle, Krankheit, Alter
und Tod versichert sind. Ihre Sparkraft wird somit nicht zersplittert.
Ich habe freiwillig ihre Spargenossenschaft durch Zuweisung eines
Gewinnanteiles gestärkt. Ich that es nicht aus Edelmut, sondern aus
Egoismus, weil ich mir dadurch außer ihrer Arbeitshingebung auch noch
den günstigen Verkauf meines Unternehmens sicherte für den Zeitpunkt,
in dem ich mich vom Geschäfte zurückziehen werde. Dann verwandle ich
meine Rhederei in eine Aktiengesellschaft und habe für diesen Fall der
Spargenossenschaft meiner Arbeiter das Vorkaufsrecht auf Grundlage
einer mäßigen Verzinsung schon im Vorhinein eingeräumt. Darum sind
meine Arbeiter auch meine besten Freunde. Es giebt zwischen uns weder
Lohnstreitigkeiten, noch andere. Es ist, wenn Sie wollen, das
patriarchalische Verhältnis, aber in den modernsten Verkehrsformen
ausgedrückt. Wenn ein Aufwiegler zu meinen Arbeitern käme, brauchte ich
ihn nicht gewaltsam entfernen zu lassen — sie würden ihn einfach
hinauslachen. Sie wissen, woran sie sind, und damit hat aller unklare
Sozialismus ein Ende.“
Kingscourt brummte gemütlich:
„Sie sind noch ein junger Mensch und halten schon so verdammt weit.“
„Ich habe eben früh angefangen. Wir waren unter den ersten
Einwanderern. Persönliches Verdienst war es nicht, oder nur zum
geringeren Teile. Der allgemeine Aufschwung hat mich mit
hinaufgetragen. Aber das will ich Ihnen erst in Tiberias erzählen.“
„Warum in Tiberias?“ fragte Friedrich.
„Sie werden dort den Grund erfahren, da Sie wahrscheinlich keine Ahnung
haben, welches Fest wir begehen ... Jetzt aber wählen Sie endlich Ihre
Abendunterhaltung, meine Herren. Wollen Sie lieber das Programm aus der
gesprochenen Zeitung hören?“ Er nahm zwei Hörmuscheln von der Wand, an
der sie hingen, und reichte sie seinen Gästen.
Kingscourt lachte:
„Euer Hochwohlgeboren, damit imponieren Sie mir nicht. Den Zauber kenn’
ich. Eine solche Telephonzeitung war schon vor fünfundzwanzig Jahren in
Budapest im Betrieb.“
„Ich wollte Ihnen durchaus nichts neues zeigen. Uebrigens ist auch
diese gesprochene Zeitung eine genossenschaftliche.“
„Die wird aber kein Erträgnis abwerfen, da es keine Inserate giebt?“
„Im Gegenteil. Diese Ankündigungen werden am höchsten bezahlt. Den
Inseratenteil der gedruckten Zeitungen muß der Leser nicht anschauen,
er kann darüber hinwegblättern. Hingegen ist er gegen die Reklame
wehrlos, die aus diesen Muscheln kommt. Horchen Sie, vielleicht wird
gerade eine verlesen.“
Sie nahmen die Hörmuschel ans Ohr. Zuerst vernahmen sie die Anzeige
eines Dockbrandes in Yokohama, dann den kurzen Bericht über eine
Pariser Theaterpremière, die neuesten Baumwollkurse von New-York — und
jetzt erscholl es deutlich, noch schärfer betont, als das Frühere:
„Bei Samuel Kohn bekommt man die edelsten Edelsteine, sowohl echte wie
falsche, zu den garantiert brillantesten Preisen. Bei Sa—mu—el Kohn,
Große Galerie 47.“
Sie lachten herzlich.
David sagte noch:
„Das wird oft auf eine witzige Weise gemacht, daß der Hörer nicht
merkt, es werde auf eine Reklame hinauslaufen. Das Erträgnis dieser
Zeitung ist kolossal. Die Abonnenten zahlten ursprünglich einen Schekel
monatlich und bekamen mehr zurück. Diese Zeitung hat ja weder Druck-
noch Papier- noch Zusendungskosten. Aber die Stadt Haifa und die Neue
Gesellschaft machten sich das Unternehmen tributär. Es steht übrigens
auch unter besonderer Aufsicht. In der Zentrale wachen Beamte der Neuen
Gesellschaft darüber, daß kein Unfug begangen, keine Lügen,
Alarmnachrichten oder Unanständigkeiten in den Apparat hineingesprochen
werden.“
Friedrich war ein Wort aufgefallen:
„Tributär?“ „Wie kann sich die Stadt oder Ihre Neue Gesellschaft, deren
Verfassung Sie uns noch schuldig sind, ein Privatunternehmen einfach
tributär machen, wenn es ergiebig wird?“
„Das ist ein ganz besonderer Fall. Die Telephonzeitung muß ihre Kabel
doch irgendwohin legen. Nun haben wir unter unseren Straßen Hohlräume
zur Aufnahme aller möglichen schon vorhandenen und noch kommenden
Drahtleitungen und Röhren für Gas, Wasser und Kanalisation. Unter dem
Fahrdamm läuft dieser Tunnel mit Mündungen an jedem Hause. Jedes Haus
hat einen unterirdischen Eingang für solche Röhren und Drähte. Man muß
nicht erst das Pflaster aufreißen, wenn man etwas neues einführen will.
Sie können darin meinetwegen auch einen symbolischen Zug unserer
Einrichtungen erblicken. Die großen Städte, die Sie kannten, waren
zufällig und planlos entstanden. Leuchtgas, Wasserversorgung, Kanäle,
elektrische Leitungen verursachten immer wieder ein Aufreißen der
kranken Eingeweide jener Straßen. Dabei wußte man nie genau, in welchem
Zustande sich die einzelnen Leitungen befanden, erfuhr es gewöhnlich
erst nach einem Schaden, einer Explosion. Wir aber kannten schon die
Bedürfnisse moderner Städte, als wir die unsrigen anlegten und bauten
deshalb die Straßen vernünftig mit diesem Hohlraum in der Mitte. Das
war ziemlich kostspielig, rentiert sich aber großartig. Wenn Sie das
Budget von Haifa mit dem von Paris oder Wien vergleichen, werden Sie
sehen, was wir durch die unterirdischen Hohlräume ersparen. Da drin
liegen unter andern auch die Drähte der Telephonzeitung, und es muß
dafür eine mit dem Erträgnis gewachsene Miete gezahlt werden. Das kommt
ja wieder nur der Allgemeinheit zu statten.“
Kingscourt bekannte:
„Das ist das erste, was mir bei Euch imponiert: daß Ihr die edelsten
Edelsteine des Samuel Kohn zur Straßenpflasterung verwendet. Ihr seid
doch ein verflucht pfiffiges Volk! Darauf wäre ich nie gekommen.“
„Ihre Komplimente schmecken bitter, Mr. Kingscourt!“ sagte David
freundlich. „Aber vielleicht wird sich Ihr Urteil noch ändern, wenn Sie
erst einige Zeit bei uns sind.“
„Schön! Mich sehen Sie prinzipiell bereit einzugestehen, daß ich ’n
oller Esel bin — aber ich verlange Beweise dafür! ... — Und nun führen
Sie uns in Deibelsnamen ins Theater.“
„In welches Sie wollen, lieber Littwak,“ ergänzte Friedrich.
„Da Sie keine Wahl treffen wollen, meine Herren, so denke ich, wird’s
am besten sein, wir überlassen die Bestimmung den Damen.“
Damit waren die Gäste einverstanden.