Noch ehe sie recht wußten, wie ihnen geschah, hatten Friedrich und
Kingscourt sich von David Littwak die Dammtreppe hinaufführen lassen.
Erst als sie oben, auf dem Straßenniveau angelangt waren, begann ihnen
der volle Eindruck dieser wundervollen Stadt und ihres Verkehres
aufzugehen.
Vor ihnen weitete sich ein großer Platz, den die hochgeschwungenen
Arkaden stattlicher Gebäude umgaben. In der Mitte war ein mit Gittern
eingehegter Palmengarten. Palmen, hier ein gewöbnlicher Baum, standen
auch überall rechts und links an den Rändern aller Straßen, die auf den
Platz mündeten. Man sah gleich, daß diese Palmen doppelten Dienst
hatten. Bei Tage spendeten sie Schatten, und nachts Licht, denn die
elektrischen Straßenlampen hingen an ihnen wie große gläserne Früchte.
Das war die erste Einzelheit, auf die Kingscourt ergötzt hinwies. Dann
erkundigte er sich nach dem Charakter der Paläste, welche den großen
Platz umgaben. David Littwak antwortete, es seien die Bureauhäuser
verschiedener europäischer Seehandelsgesellschaften und Kolonialbanken.
Der Platz führe darum den Namen Völkerplatz. Das war er in der That,
nicht nur wegen der Gebäude, sondern auch wegen der Menschen, die ihn
belebten.
Die Ankömmlinge staunten und starrten in das Gewühl. Es fand hier
offenbar ein Verkehr aller Völker statt, denn man sah die buntesten
Trachten des Morgenlandes zwischen Gewändern des Occidents. Chinesen,
Perser, Araber wandelten durch die geschäftige Menge. Vorherrschend war
freilich die Kleidung des Abendlandes, wie diese Stadt ja überhaupt
einen durchaus europäischen Eindruck machte. Man hätte glauben können,
daß man sich in einem großen Hafen Italiens befinde. Die Bläue des
Himmels und des Meeres und das Leuchten der Farben gemahnten an die
glückliche Riviera. Nur waren die Gebäude viel moderner und reinlicher,
und der Straßenverkehr enthielt bei aller Lebhaftigkeit weniger Lärm.
Das kam von der gemessen ernsten Art der vielen Orientalen, aber auch
daher, daß keine Zugtiere in diesen Straßen waren. Man hörte weder den
Hufschlag von Pferden, noch auch Peitschenknallen oder Rädergerassel.
Die Fahrdämme waren so glatt, wie die Fußsteige, und die Automobile
hasteten auf ihren Gummirädern ziemlich geräuschlos vorüber, nur mit
einigem Getute der warnenden Signalhörner. Ein Rollen über ihren Köpfen
machte die Fremden aufschauen.
„Alle Deibel, was ist das?“ schrie Kingscourt, indem er nach einem über
den Palmenwipfeln vorbeisausenden großen Eisenwagen wies, aus dessen
Fenstern Fahrgäste herunterblickten. Der Wagen hatte die Räder nicht
unten, sondern oben, über dem Dach. Er hing und schwebte an einem
mächtigen, eisernen Brückengeleise.
David Littwak erklärte:
„Das ist die elektrische Schwebebahn. Die müssen Sie doch auch in
Europa gesehen haben.“
„Wir waren zwanzig Jahre nicht in Europa.“
„Die Schwebebahn ist ja nichts neues. Sie war schon in den neunziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts zwischen Barmen und Elberfeld im
Betriebe. Wir haben sie in unseren Städten gleich von vornherein
eingerichtet, weil der Massenverkehr so leichter und gefahrloser
bewältigt werden kann. Der Bau war auch billiger, als der von Straßen-
oder Hochbahnen.“
„Erlauben Sie, erlauben Sie!“ rief Kingscourt. „Sie sprechen von
Städten! Es giebt demnach in Palästina noch mehr solcher Städte?“
„Das wissen Sie nicht, meine Herren?“
„Nein,“ sagte Friedrich; „wir wissen weder das noch etwas anderes. Wir
wissen gar nichts. Wir waren zwanzig Jahre tot.“
„Für tot hielt ich Sie freilich, lieber Herr Doktor!“ sprach David
Littwak, indem er Friedrichs Hand nahm und noch einmal drückte.
„Haben Sie sich denn nach mir erkundigt? Ja, woher wissen Sie überhaupt
meinen Namen? Ich glaube doch, ihn damals nicht genannt zu haben.“
„Als Sie sich unserem Danke entzogen, waren wir ganz trostlos. Ich
dachte mir, Sie seien vielleicht ein Stammgast des Café Birkenreis.
Dort habe ich viele Nächte vor der Thüre auf Sie gewartet. Mein Vater
auch.“
„Lebt Ihr Vater noch?“
„Ja, Gott sei Dank, und meine Mutter auch, und Mirjam, die Sie als
Wickelkind sahen ... Ich kam endlich auf den Einfall, Sie dem Kellner
des Kaffeehauses zu beschreiben. Er erkannte Sie nach meiner
Schilderung sofort und nannte mir Ihren Namen. Aber wie groß war mein
Schmerz, als der Mann hinzufügte, Sie seien bei einer Bergbesteigung
verunglückt, und die Blätter hätten Ihren Tod gemeldet ... Ich kann
Ihnen sagen, Herr Doktor, wir haben um Sie viel geweint. Wir haben auch
immer pünktlich die Jahrzeit für Sie angezündet an dem Tage, den ich
aus den Zeitungen herausgefunden hatte.“
„Jahrzeit? Was ist das?“ fragte Kingscourt.
Friedrich gab Auskunft:
„Ein Brauch der Juden. Am Sterbetage des Hingeschiedenen zünden seine
Angehörigen zum Gedächtnis ein Licht an.“
„Oh, ich habe Ihnen viel, viel zu erzählen, lieber Herr Doktor!“ sagte
David Littwak. „Aber hier werden wir nicht stehen bleiben. Vor allem
bringe ich Sie in mein Haus, daß Sie von jetzt ab als Ihr eigenes
betrachten werden ... Kommen Sie, meine Herren!“
„Und unser Boot, unsere Jacht?“
David Littwak wandte sich zu einem livrierten Neger, der ihm in kurzer
Entfernung nachgefolgt war, und gab leise einige Befehle, worauf der
Diener verschwand. Jetzt sprach David zu seinen Gästen:
„Alles ist besorgt. Das Boot wird nach der Jacht zurückkehren, und in
Friedrichsheim wird man Ihre Aufträge abholen.“
„Wo?“
„In Friedrichsheim. So heißt mein Haus. Sie ahnen schon, wem zu Ehren?
Gehen wir, meine Herren! Das heißt, wir werden fahren.“
Er hatte bei aller Liebenswürdigkeit etwas Bestimmtes in seinem Ton.
Kingscourt murmelte aber nicht unzufrieden:
„Fritze, der übernimmt das Kommando! Wollen mal sehen!“
David Littwak hatte ein Automobil herangewinkt. Er bat die Herren
einzusteigen. Doch als er ihnen folgen wollte, wurde er von jemandem
angerufen:
„Herr Littwak, Herr Littwak.“
Er drehte sich um:
„Ah, Sie sind’s? Was wünschen Sie?“
„In den Morgenblättern steht, daß Sie heute in Akka eine Versammlung
abhalten. Ist es nicht wahr?“
„Ich wollte eben hinüberfahren. Aber ich muß die Versammlung absagen.
Ich habe heute Wichtigeres vor. Richtig, ich will noch rasch
hinübertelephonieren.“
„Darf ich es vielleicht für Sie thun, Herr Littwak?“
„Ja, wenn Sie so freundlich sein wollen.“
„Wahrscheinlich einen besonderen Besuch erhalten, Herr Littwak?“
forschte der Eifrige, indem er mit dem linken Daumen über die Schulter
hinweg nach dem Wagen deutete.
David lächelte, antwortete aber nicht und nickte nur mit dem Kopfe.
Dann rief er dem hintenauf sitzenden Heizer zu: „Nach Friedrichsheim!“
„Dieses Gesicht kommt mir bekannt vor,“ sagte Friedrich, als der Wagen
davonrollte. „Ich muß es in einer anderen Form gesehen haben, ohne
grauen Backenbart, ohne den Kneifer auf der Nase.“
„Ja, er ist auch aus Wien, er hat mir oft von Ihnen erzählen müssen.
Ich wollte ihn nur jetzt nicht herankommen lassen. Heute gehören Sie
mir allein ... Er war auch ein Gast des Café Birkenreis. Nun raten
Sie!“
Eine Erinnerung blitzte auf.
„Schiffmann!“ sagte Friedrich lachend. „Wie? Der ist auch hier?“
„Der und viele, viele andere Juden aus allen Städten und Ländern.“
Kingscourt, der neugierig nach allen Seiten hin ausblickte, warf jetzt
die Frage ein:
„Wollen Sie vielleicht sagen, daß die Rückkehr der Juden nach Palästina
stattgefunden hat?“
„Freilich will ich das sagen.“
„Donner und Gloria!“ schrie der Alte. „Sie sind aus Europa ausgetrieben
worden?“
David erklärte freundlich lächelnd:
„Nun, Sie dürfen sich das nicht so wie im Mittelalter vorstellen.
Wenigstens in den Kulturländern hatte es nicht diesen Charakter. Die
Operation war zumeist unblutig. Den Juden wurde am Ende des neunzehnten
und zu Anfang dieses Jahrhunderts das Verbleiben an ihren Wohnorten
unleidlich gemacht.“
„Aha! Rausgeekelt?“
„Die Verfolgungen waren sozialer und ökonomischer Art. Boykott im
Geschäftsleben, Aushungerung der Arbeiter, Aechtung in den freien
Berufen, von den feineren, moralischen Leiden gar nicht zu sprechen,
die ein höher organisierter Jude um die Jahrhundertwende zu erdulden
hatte. Die Judenfeindschaft war mit den neuesten, wie mit den ältesten
Mitteln thätig. Das Blutmärchen wurde aufgefrischt, aber gleichzeitig
hieß es auch, daß die Juden die Presse — wie einst im Mittelalter die
Brunnen — vergifteten. Die Juden wurden von den Arbeitern gehaßt, als
Lohnverderber, wenn sie ihre Genossen waren; als Ausbeuter, wenn sie
die Unternehmer waren. Sie wurden gehaßt, ob sie arm oder reich oder
mittelständig waren. Man nahm ihnen das Erwerben, aber auch das
Geldausgeben übel. Sie sollten weder produzieren noch konsumieren. Von
den Staatsämtern wurden sie zurückgestoßen, vor den Gerichten hatten
sie das Vorurteil gegen sich, überall im bürgerlichen Leben fanden sie
Kränkungen. Unter diesen Umständen war es klar, daß sie entweder die
Todfeinde einer von Ungerechtigkeiten strotzenden Gesellschaft werden
oder nach einem Zufluchtsorte ausblicken mußten. Das letztere ist
geschehen, und hier sind wir. Wir haben uns gerettet.“
„Altneuland!“ murmelte Friedrich.
„Jawohl, das ist es,“ sagte David Littwak ernst und bewegt. „Auf
unserem alten teuren Boden haben wir uns eine neue Gesellschaft
eingerichtet. Sie werden sie kennen lernen, meine Herren.“
„Der Deibel, das ist furchtbar interessant. Da giebt es riesig viel zu
sehen. Ich wollte Sie nicht stören in Ihrer geschätzten Anklageschrift
gegen das olle Europa, sonst hätte ich Sie nach einigen Bauten gefragt,
an denen wir vorbeigefahren sind.“
„Ich werde Ihnen alles zeigen.“
„Hören Sie ’mal, geschätzter Mann und Jude, ich will Ihnen zuerst ein
Geständnis ablegen, sonst bereuen Sie nachher Ihre Aufmerksamkeiten.
Ich bin nämlich kein Jude. He? Nu werden Sie mich wohl ’rausschmeißen
oder gelinde rausekeln, was?“
„Aber Kingscourt!“ wehrte Friedrich ab.
Ruhig sprach David Littwak:
„Daß Sie kein Jude sind, erkannte ich schon an einer Ihrer früheren
Fragen. Lassen Sie sich sagen, daß meine Genossen und ich keinen
Unterschied zwischen den Menschen machen. Wir fragen nicht, welchen
Glaubens und welcher Rasse einer ist. Ein Mensch soll er sein, das
genügt uns.“
„Millionen Bomben und Haubitzen! Und alle Bewohner dieser Gegend denken
wie Sie?“
„Nein,“ bekannte David offen; „das sage ich nicht. Es giebt noch andere
Strömungen.“
„Aha! Das dachte ich mir auch gleich, verehrter Menschenfreund!“
„Ich will Sie jetzt nicht mit unseren politischen Kämpfen langweilen.
Die sind so wie überall in der Welt. Aber das kann ich Ihnen sagen: die
Grundsätze der Menschlichkeit werden bei uns allgemein in Ehren
gehalten. Und was die Religionen betrifft, Sie finden bei uns neben
unseren Tempeln die Gotteshäuser von Christen, Mohammedanern,
Buddhisten und Brahmanen. Die beiden letzteren Glaubensgesellschaften
sind allerdings nur in den Seestädten vertreten, zum Beispiel hier in
Haifa, in Tyrus, Sidon und in den größeren Orten längs der Bahn, die
nach dem Euphrat führt, etwa in Damaskus und Tadmor.“
Friedrich staunte:
„Tadmor! Die Stadt Palmyra lebt wieder?“
David nickte bestätigend:
„Das große Schauspiel des allgemeinen Gottesfriedens werden Sie aber in
Jerusalem genießen.“
„Mein Kopf, mein Kopf!“ stöhnte Kingscourt. „Wie soll man denn das
alles auf einmal behalten?“
Sie waren an einer Straßenkreuzung angelangt, wo der größere
Wagenverkehr eine augenblickliche Stauung verursachte. Das Automobil
mußte halten. Da erkannten sie, wie praktisch die Schwebebahn war.
Unter den dicken eisernen Doppelgeleisen sausten die großen Kasten hoch
in der Straßenmitte dahin, ohne die Fußgänger zu stören oder von ihnen
gestört zu werden.
Von diesem Punkte ihres erzwungenen Aufenthaltes blickten sie in
mehrere Straßen. Die Mannigfaltigkeit der Baustile erfreute ihre Augen.
Dann ging die Fahrt weiter durch lebhafte Stadtteile. Die Wohnhäuser
waren zumeist klein und zierlich, offenbar nur für den Gebrauch der
einzelnen Familie berechnet, wie man sie in belgischen Städten sieht.
Umso stattlicher ragten die Kaufhäuser und die öffentlichen Gebäude,
die als solche leicht erkennbar waren. David Littwak nannte ihnen
einige im Vorüberfahren: das Seeamt, das Handelsamt, die
Arbeitsvermittelung, die Unterrichtsverwaltung, das Amt für
Elektrizität. Ein großer heiterer Palast, dessen Vorderseite eine
freskengeschmückte Loggia hatte, fesselte ihre Aufmerksamkeit.
„Das ist das Bauamt,“ sagte David. „Hier haust Steineck, unser erster
Architekt. Von ihm ist der Stadtplan entworfen worden.“
„Der Mann hatte eine große Aufgabe,“ sprach Friedrich.
„Groß, jawohl, aber auch freudig. Er durfte aus dem Vollen schaffen,
wie übrigens wir alle. Nie in der Geschichte sind Städte so rasch und
herrlich erbaut worden, wie bei uns, weil man nie vorher solche
technische Mittel zur Verfügung hatte. Die Leistungsfähigkeit der
Kulturmenschheit war ja in dieser Beziehung schon am Ende des
neunzehnten Jahrhunderts kolossal. Wir brauchten nur die bekannten
Dinge zu uns herüberzuverpflanzen. Wie das geschehen ist, werde ich
Ihnen später noch erzählen.“
Sie waren jetzt in eine Villengegend der Stadt geraten. Der Fahrweg
stieg an. Sie befanden sich auf dem Karmel. Hier standen schmucke
Schlößchen inmitten duftender Gärten. An einzelnen Häusern maurischer
Bauart bemerkten sie Holzgitter von engem Geflechte vor den Fenstern.
David kam der Frage zuvor:
„Hier wohnen einige vornehme Mohammedaner. Da sehen Sie gerade meinen
Freund Reschid Bey.“
Vor dem schmiedeisernen Thore eines Gartens, an dem sie vorbeifuhren,
stand ein schöner Mann von etwa fünfunddreißig Jahren. Zur dunklen
europäischen Kleidung trug er das rote Fez. Er grüßte nach
orientalischer Art, indem er mit der Rechten den Luftschnörkel machte,
der das Aufheben und Küssen des Staubes bedeutet. David rief ihm einige
Worte in türkischer Sprache zu, worauf Reschid mit leicht norddeutscher
Betonung zurückgab:
„Wünsche eine recht anjenehme Unterhaltung!“
Kingscourt riß die Augen auf:
„Was ist denn das für’n Muselmännchen?“
David lachte:
„Er hat in Berlin studiert. Sein Vater war einer derjenigen, die den
Vorteil der Judeneinwanderung sofort begriffen. Er machte unseren
ökonomischen Aufstieg mit und wurde reich. Reschid ist übrigens auch
Mitglied unserer neuen Gesellschaft.“
„Der neuen Gesellschaft?“ wiederholte Friedrich. „Was ist das für
eine?“
Kingscourt setzte hinzu:
„Hochgeliebter Mann, uns müssen Sie wie neugeborene Kälber in allem
Wissenswerten unterweisen! Wir kennen weder die alte noch die neue
Gesellschaft.“
„Doch!“ sagte David. „Die alte kennen oder kannten Sie. Unsere neue
werde ich Ihnen vorstellen, wenn wir mehr Muße haben. Jetzt ist dazu
nicht mehr Zeit. Wir sind gleich dort, wo Sie sich fortab zu Hause
fühlen sollen.“
Immer freier öffnete sich der Ausblick auf dem geschlängelten Wege. Nun
lagen Stadt und Hafen von Haifa, die weite Bucht mit dem Gartenkranze
und am anderen Ende Akka mit seinem Berghintergrunde vor den entzückten
Augen der Fahrenden. Und nun waren sie ganz oben auf der Nordspitze des
Karmel. Rechts und links, nach Norden und Süden dehnte sich das
herrliche Gestade von Palästina, und vor ihnen weitete sich blau und
goldig die endlose Fläche des Meeres. Weiße Schaumkämme flatterten wie
Möven darüber hin, dem hellbraunen Strande zu.
David hatte den Wagen halten lassen, damit sie den einzigen Anblick
genössen. Er stieg aus, und die Beiden folgten ihm. Er wandte sich zu
Friedrich:
„Sehen Sie, Herr Doktor, das ist das Land unserer Väter!“
Und Friedrich wußte nicht, warum ihm bei diesen einfachen Worten des
jungen Mannes die Augen von Thränen warm wurden. Doch war es eine
andere Stimmung, als in jener Nacht von Jerusalem, zwanzig Jahre
früher. Damals hatte er den mondbeglänzten Tod vor sich, und jetzt ein
sonnenfreudiges Leben. Er blickte David an. Was war aus dem
bettelhaften Judenjungen geworden! Ein frei und ernst schauender,
gesunder, gebildeter Mann, der fest in seinen eigenen Schuhen zu stehen
schien. Noch hatte David kaum eine Andeutung über seine eigenen
Verhältnisse gemacht, aber es mochte ihm nicht schlecht ergehen, da er
in dieser eleganten Gegend wohnte, wo es nur Villen und Schlösser gab.
Er mußte aber auch ein angesehener Bürger sein, denn sie hatten
unterwegs bemerkt, wie viele Leute ihn grüßten. Selbst ältere Personen
kamen ihm mit dem Gruße zuvor. Jetzt stand er mit einem Ausdrucke
tiefen Glückes in den Mienen auf der Karmelhöhe und sah hin über Land
und Meer. Und jetzt erst glaubte Friedrich in dem freien Manne den
merkwürdigen Knaben von der Brigittenauer Lände zu erkennen, der einst
gesagt hatte, er wolle zurück nach dem Lande Israels!