3. KAPITEL.

Als Friedrich Löwenberg in die Winternachtluft hinaustrat, legte er

sich die Frage vor, was das Widerlichere gewesen sei: die

Besitzergeberde des Herrn Weinberger aus Brünn, oder das Lächeln des

jungen Mädchens, das er bisher so bezaubernd gefunden hatte. Wie? Seit

vierzehn Tagen erst kannte der „Mitchef“ die Holde, und er durfte seine

schwitzende Hand auf ihren Leib legen. Welch ein ekelhafter Handel. Es

war der Zusammenbruch einer feinen Illusion. Der Mitchef hatte offenbar

Geld, und Friedrich hatte keines. In diesem Kreise, wo man nur für

Vergnügen und Vorteil Sinn hatte, war Geld alles. Und doch war er auf

diesen Kreis der jüdischen Bourgeoisie angewiesen. Mit diesen Leuten

und leider auch von diesen Leuten mußte er leben, denn sie stellten die

Klientel einer zukünftigen Advokatenpraxis vor. Wenn es hoch kam, wurde

man Rechtsbeistand eines Mannes wie Laschner — von dem phantastischen

Glücksfalle, daß man einen Kunden wie Baron Goldstein bekam, gar nicht

zu träumen. Die christliche Gesellschaft und eine christliche Klientel

gehörten zum Unzugänglichsten in der Welt. Also was? Entweder sich dem

Löfflerschen Kreise einfügen, dessen niederes Lebensideal teilen, die

Interessen zweifelhafter Geldmenschen vertreten und zum Lohne für

solche brave Aufführung nach so und so viel Jahren auch eine Kanzlei

besitzen, mit dem Anspruch auf die Hand und Mitgift eines Mädchens, das

nach vierzehntägiger Bekanntschaft den erstbesten heiratet. Oder, wenn

einem das alles zu ekelhaft war, die Einsamkeit und Armut.

Er war in solchen Gedanken wieder vor dem Café Birkenreis angelangt.

Was sollte er auch jetzt schon zu Hause in seinem engen Stübchen

anfangen? Es war zehn Uhr. Schlafen gehen? Ja, wenn es kein Erwachen

mehr gäbe ...

Vor der Thüre des Kaffeehauses wäre er beinahe über einen kleinen

Körper gestolpert. Auf der Stufe des Einganges hockte ein Knabe.

Friedrich erkannte ihn: es war derselbe Junge, den er vor wenigen

Stunden beschenkt hatte.

Altneuland · 第 11 / 77 题