Als Friedrich Löwenberg in die Winternachtluft hinaustrat, legte er
sich die Frage vor, was das Widerlichere gewesen sei: die
Besitzergeberde des Herrn Weinberger aus Brünn, oder das Lächeln des
jungen Mädchens, das er bisher so bezaubernd gefunden hatte. Wie? Seit
vierzehn Tagen erst kannte der „Mitchef“ die Holde, und er durfte seine
schwitzende Hand auf ihren Leib legen. Welch ein ekelhafter Handel. Es
war der Zusammenbruch einer feinen Illusion. Der Mitchef hatte offenbar
Geld, und Friedrich hatte keines. In diesem Kreise, wo man nur für
Vergnügen und Vorteil Sinn hatte, war Geld alles. Und doch war er auf
diesen Kreis der jüdischen Bourgeoisie angewiesen. Mit diesen Leuten
und leider auch von diesen Leuten mußte er leben, denn sie stellten die
Klientel einer zukünftigen Advokatenpraxis vor. Wenn es hoch kam, wurde
man Rechtsbeistand eines Mannes wie Laschner — von dem phantastischen
Glücksfalle, daß man einen Kunden wie Baron Goldstein bekam, gar nicht
zu träumen. Die christliche Gesellschaft und eine christliche Klientel
gehörten zum Unzugänglichsten in der Welt. Also was? Entweder sich dem
Löfflerschen Kreise einfügen, dessen niederes Lebensideal teilen, die
Interessen zweifelhafter Geldmenschen vertreten und zum Lohne für
solche brave Aufführung nach so und so viel Jahren auch eine Kanzlei
besitzen, mit dem Anspruch auf die Hand und Mitgift eines Mädchens, das
nach vierzehntägiger Bekanntschaft den erstbesten heiratet. Oder, wenn
einem das alles zu ekelhaft war, die Einsamkeit und Armut.
Er war in solchen Gedanken wieder vor dem Café Birkenreis angelangt.
Was sollte er auch jetzt schon zu Hause in seinem engen Stübchen
anfangen? Es war zehn Uhr. Schlafen gehen? Ja, wenn es kein Erwachen
mehr gäbe ...
Vor der Thüre des Kaffeehauses wäre er beinahe über einen kleinen
Körper gestolpert. Auf der Stufe des Einganges hockte ein Knabe.
Friedrich erkannte ihn: es war derselbe Junge, den er vor wenigen
Stunden beschenkt hatte.