Barsch ließ er ihn an: „Was? Du bettelst da schon wieder?“

Der Knabe erwiderte mit fröstelnder Stimme: „Ich wart’ auf mein’

Taten.“ Dann stand er auf und hüpfte wieder und schlug die Arme

übereinander, um sich zu erwärmen. Friedrich war so unglücklich, daß er

für das frierende Kind kein Mitleid empfand.

Er trat in den qualmigen Raum ein und setzte sich auf seinen gewohnten

Platz am Lesetisch. Um diese Stunde war das Kaffeehaus schwach besucht.

Nur in den Winkeln einige verspätete Spieler, die sich voneinander

nicht trennen konnten und immer wieder die letzten Runden ankündigten,

an die sich die allerletzten und unwiderruflich letzten sowie die

„Schuft mein Name“ letzten anschlossen.

Eine Weile saß Friedrich und starrte vor sich hin, dann kam ein

schwatzhafter Bekannter an den Tisch heran. Friedrich flüchtete sich

hinter eine Zeitung und that als ob er läse. Aber wie er in das Blatt

hineinsah, fiel sein Blick zufällig wieder auf die Anzeige, von der

Schiffmann vor einigen Stunden gesprochen hatte:

„Gesucht wird ein gebildeter und verzweifelter junger Mann, der bereit

ist, mit seinem Leben ein letztes Experiment zu machen. Anträge unter

N. O. Body an die Expedition.“

Wie sonderbar. Jetzt paßte die Anrufung auf ihn. Ein letztes

Experiment! Das Leben war ihm ohnehin verleidet. Bevor er es wegwarf

wie sein armer Freund Heinrich, konnte er immerhin noch etwas damit

unternehmen. Er ließ sich vom Kellner einen Kartenbrief geben und

schrieb an N. O. Body diese wenigen Worte:

„Ich bin Ihr Mann. Doktor Friedrich Löwenberg IX. Hahngasse 67.“

Während er den Brief zuklebte, kam von hinten jemand an ihn heran:

„Zahnbürsteln, Hosenträger, Hemdknöpf’ gefällig?“

Friedrich scheuchte den zudringlichen Hausierer mit einem barschen

Worte weg. Der zog sich seufzend zurück, mit einem ängstlichen Blick

nach dem Kellner, der ihn vielleicht hinausweisen würde. Da bereute

Friedrich, daß er den armen Menschen eingeschüchtert hatte, rief ihn

zurück und warf ihm ein Zwanzighellerstück in das Hausiererkästchen.

Der Mann hielt ihm seinen Trödel hin:

„Ich bin kein Bettler ... Sie müssen etwas kaufen, sonst kann ich das

Geld nicht behalten.“

Um ihn loszuwerden, nahm Friedrich einen Hemdknopf aus dem Kästchen.

Jetzt erst dankte der Mann und ging weg. Friedrich sah ihm gleichgültig

nach, wie er zu dem Kellner trat und diesem das eben erhaltene

Geldstück gab. Der Kellner holte aus einem Korb altgebackene Brote

hervor und lieferte sie dem Hausierer aus, der sie hastig in seine

Rocktaschen stopfte.

Friedrich erhob sich, um wegzugehen. Als er vor der Thüre des

Kaffeehauses stand, sah er den frierenden Jungen wieder, diesmal mit

dem Hausierer, der ihm die harten Brötchen übergab. Das war also der

Vater des Knaben.

„Was macht Ihr da?“ fragte Friedrich.

„Ich geb ihm die Kipfeln, gnädiger Herr,“ sagte der Hausierer; „daß er

sie soll zu Haus tragen zu mein’ Weib. Es ist heut’ mei’ erste Losung.“

„Ist das wahr?“ forschte Friedrich.

„So soll es nicht wahr sein, wie es wahr ist,“ sagte der Mann stöhnend.

„Ueberall werfen sie mich heraus, wenn ich handeln will. Wenn man ein

Jud is, soll man lieber gleich in die Donau gehen.“

Friedrich, der noch kurz vorher mit dem Leben abgeschlossen hatte, sah

plötzlich eine Gelegenheit, sich zu bethätigen, jemandem nützlich zu

sein. Eine Ablenkung seiner Gedanken. Er steckte den Kartenbrief in

einen Postkasten. Dann ging er mit den beiden weiter und ließ sich vom

Hausierer erzählen.

„Wir sind von Galizien hergekommen. In Krakau hab’ ich gewohnt in ein’

Zimmer mit noch drei Familien. Wir haben gelebt von der Luft. Hab’ ich

mir gedacht, schlechter kann es nit mehr werden, und bin mit mei’ Weib

und meine Kinder hergekommen. Hier is es nit schlechter, aber auch nit

besser.“

„Wieviel Kinder haben Sie?“

Der Hausierer begann im Gehen zu schluchzen: „Fünfe hab’ ich gehabt,

drei sind mir gestorben, seit wir hier sind. Jetzt hab’ ich nur den da

und das kleine Mädel, was noch an der Brust is ... David, lauf’ nit so

schnell.“

Der Knabe drehte sich um: „Die Mutter war so hungrig, wie ich ihr die

drei Kreuzer von dem Herrn da gebracht hab’.“

„So? Sie waren der gute Herr?“ sagte der Hausierer und haschte nach

Friedrichs Hand, um sie zu küssen.

Friedrich zog die Hand rasch zurück: „Was fällt Ihnen denn ein? ...

Sag’ mein Junge, was hat deine Mutter mit den paar Kreuzern

angefangen?“

„Milch hat sie geholt für Mirjam,“ sagte der kleine David.

„Mirjam ist unser anderes Kind,“ bemerkte der Hausierer erklärend.

„Und die Mutter hungerte weiter?“ fragte Friedrich erschüttert.

„Ja, Herr,“ erwiderte David.

Friedrich hatte noch einige Gulden bei sich. Ob er die besaß oder

nicht, war ziemlich gleichgültig, da er ohnehin mit dem Leben fertig

war. Diesen Leuten konnte er die bitterste Not erleichtern, wenn auch

nur für kurze Zeit.

„Wo wohnt Ihr?“ fragte er den Hausierer.

„Auf der Brigittenauer Lände. Wir hab’n a Kabinett — aber es is uns

schon gekündigt.“

„Gut, ich will mich überzeugen, ob das alles wahr ist. Ich gehe mit

Ihnen nach Hause.“

„Bitte!“ sagte der Hausierer. „Sie wer’n ka Vergnüg’n hab’n, gnädiger

Herr. Wir lieg’n am Stroh ... Ich hab’ noch in andere Kaffeehäuser

gehen wollen. Aber wenn Sie wünschen, geh’ ich zu Haus.“

Sie gingen über die Augartenbrücke der Brigittenauer Lände zu. David,

der jetzt neben seinem Vater einherschlich, fragte mit leiser Stimme:

„Tate, darf ich ein Stückl Brot essen?“

„Eß nur,“ entgegnete der Alte. „Ich werd’ auch ein Stückl essen. Für

die Mutter bleibt noch.“

Und nun kauten Vater und Sohn hörbar an dem harten Gebäck, das sie aus

ihren Taschen hervorgeholt hatten.

Vor einem hohen, neugebauten Hause an der Lände blieben sie stehen. Das

Haus atmete noch den feuchten frischen Baugeruch aus. Der Hausierer zog

die Klingel. Alles blieb still. Nach einer Weile zog er wieder den

Messingknopf und sagte:

„Der Hausmeister weiß schon, wer da is. Da laßt er sich Zeit. Oft steh’

ich da a Stund! Er ist ein grober Mensch. Manchesmal trau’ ich mich gar

nit her, wenn ich ihm keine fünf Kreuzer Sperrgeld geben kann.“

„Was thun Sie dann?“ fragte Friedrich.

„Dann geh’ ich herum bis in der Früh, bis das Hausthor offen is.“

Friedrich ergriff nun selbst den Knopf und riß ein paarmal heftig die

Klingel. Jetzt wurde Geräusch hinter dem Thore vernehmbar. Schlurfende

Schritte, Klirren von Schlüsseln, und durch die Ritzen drang ein

Lichtschein. Das Thor ging auf. Der Hausmeister hielt ihnen die Laterne

entgegen und schrie:

„Wer reißt denn so an der Glocken? Was? Die Judenbagasch?“

Der Hausierer entschuldigte sich furchtsam:

„Nit ich war es — der Herr da!“

Altneuland · 第 12 / 77 题