Da sagte Blau ernst: „Meine Herren, alle können es nicht werden. Ich
glaube, die österreichische Regierung wird so viele jüdische
Botschafter nicht annehmen. Sie müssen sich um andere Posten umsehen.“
Der alte Rabbiner war aber sehr verlegen und sah nicht mehr von seinem
Teller auf, indessen die Humoristen Grün und Blau sich mit einer wahren
Lust auf den spaßigen Stoff warfen. Sie teilten das neue Reich ein,
schilderten die Zustände. Am Schabbes wird die Börse geschlossen sein.
Der König wird den Männern, die sich um das Vaterland oder um die Börse
herum Verdienste erworben haben, den Davidsorden oder den Orden vom
„fleischigen Schwert“ verleihen. Wer aber soll König sein?
„Jedenfalls Baron Goldstein,“ sagte der Witzbold Blau.
Herr Schlesinger, der Prokurist dieses berühmten Bankiers, bemerkte
unwillig: „Ich bitte die Person des Herrn Baron von Goldstein nicht in
die Debatte zu ziehen, wenigstens nicht in meiner Gegenwart.“
Fast alle Anwesenden gaben ihm durch Kopfnicken ihre Zustimmung zu
erkennen. Der witzige Herr Blau beging wirklich manchmal
Taktlosigkeiten. Die Person des Herrn Baron Goldstein in die Debatte zu
ziehen, das ging denn doch ein bißchen zu weit. Herr Blau aber fuhr
fort:
„Justizminister wird Herr Doktor Walter. Er bekommt den Adelsstand mit
dem Prädikate „von Veiglstock“. Walter Edler von Veiglstock.“
Man lachte. Der Advokat errötete über seinen Vatersnamen und rief dem
Witzling zu:
„Sie haben schon lang keine fremde Hand in Ihrem Gesicht gespürt.“
Grün, der Wortwitzige, aber Vorsichtigere, flüsterte seiner Nachbarin
eine Silbenkombination zu, in der das Wort Ohrfeiglstock vorkam.
Frau Laschner erkundigte sich: „Wird es Theater auch geben in
Palästina? Sonst geh’ ich nicht hin.“
„Gewiß, gnädige Frau,“ sagte Grün. „Bei den Festvorstellungen im
Hoftheater von Jerusalem wird die ganze Israelite versammelt sein.“
Der Rabbiner Weiß meinte nun schüchtern: „Ueber wen machen Sie sich
lustig, meine Herren? Ueber sich selbst?“
„Nein, ernst werden wir uns nehmen!“ sagte Blau.
„Ich bin stolz, daß ich ein Jud’ bin,“ erklärte Laschner; „denn wenn
ich nicht wär’ stolz, wär’ ich doch auch ein Jud’. Also, bin ich lieber
gleich stolz.“
In diesem Augenblick gingen die beiden Stubenmädchen hinaus, um eine
andere Schüssel zu holen. Die Hausfrau bemerkte:
„Wenn die Dienstboten dabei sind, sollte man lieber nicht über jüdische
Sachen reden.“
Blau erwiderte sofort: „Entschuldigen gnädige Frau, ich hab’ nicht
gewußt, daß Ihre Dienstboten nicht wissen, daß Sie Juden sind.“
Einige lachten.
„Nun ja,“ sagte Schlesinger mit Autorität; „aber man muß es doch nicht
an die große Glocke hängen.“
Champagner wurde hereingebracht. Schiffmann stieß seinen Nachbar
Friedrich Löwenberg mit dem Ellbogen:
„Jetzt wird’s losgehen!“
„Was wird losgehen?“ fragte Friedrich.
„Haben Sie’s denn noch immer nicht heraus?“
Nein, Friedrich hatte es noch immer nicht erraten. Aber im nächsten
Augenblicke wurde ihm die Gewißheit.
Herr Löffler klopfte mit dem Messer an sein Glas und erhob sich. Stille
trat ein. Die Damen lehnten sich zurück. Der Humorist Blau schob noch
schnell einen Bissen in den Mund, er kaute, während Papa Löffler
sprach:
„Meine hochverehrten Freunde! Ich bin in der angenehmen Lage, Ihnen
eine freudige Mitteilung zu machen. Meine Tochter Ernestine hat sich
mit Herrn Leopold Weinberger aus Brünn, Mitchef der Firma Samuel
Weinberger und Söhne, verlobt. Das Brautpaar soll leben. Hoch!“
Hoch! Hoch! Hoch! Alle hatten sich erhoben. Die Gläser klangen. Dann
ging man um den Tisch herum, zu den Eltern, zum Brautpaare, Glück
wünschend. Auch Friedrich Löwenberg machte diesen Weg mit, obwohl er
eine Wolke vor den Augen hatte. Eine Sekunde lang war er vor Ernestine
gestanden und hatte mit zitternder Hand sein Glas dem ihrigen genähert.
Sie sah flüchtig über ihn hinweg.
Dann war die Stimmung an der Tafel fröhlich geworden. Ein Trinkspruch
folgte dem andern. Schlesinger hielt eine würdevolle Rede. Grün und
Blau zeigten sich auf der Höhe ihrer humoristischen Aufgabe. Grün
verrenkte in seinem Toast noch mehr Silben als gewöhnlich, und Blau
machte allerlei taktlose Anspielungen. Die Gesellschaft geriet in die
beste Laune.
Friedrich hörte das alles nur undeutlich, wie aus der Ferne, und es war
ihm zu Mute, als befände er sich in einem dichten Nebel, in dem man
nichts sieht und schwer Atem holen kann.
Das Mahl ging zu Ende. Friedrich hatte den einzigen Gedanken,
fortzukommen, weit weg von all diesen Leuten. Er kam sich überflüssig
vor in diesem Zimmer, in dieser Stadt, in der Welt überhaupt. Aber als
er sich in dem kleinen Gedränge nach der Tafel unauffällig
hinausdrücken wollte, kam ihm Ernestine in den Weg. Lieblich war ihre
Stimme, als sie ihn anhielt:
„Sie haben mir noch nichts gesagt, Herr Doktor!“
„Was soll ich Ihnen sagen, Fräulein Ernestine? ... Ich wünsche Ihnen
Glück. Ja, ja — ich wünsche Ihnen viel Glück zu dieser Verlobung.“
Aber da war schon der Bräutigam wieder neben ihr, legte den Arm mit der
Sicherheit des Besitzers um ihre Taille und zog sie fort. Sie lächelte.